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Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) vereinte in sich die Gaben des Dichters, Denkers und Forschers. Er schuf wortgewaltige Poesien, mit «Faust» als seinem Chef d'Œuvre. Sein Leben lang reflektierte er über gesellschaftliche und politische Zustände, über Aspekte der Kunst und über Fragen des Glaubens. Als Naturforscher bemühte er sich, Zusammenhänge der pflanzlichen und der tierischen Metamorphose aufzudecken. Das Amt als Staatsminister verband ihn mit den Gegebenheiten des öffentlichen Lebens. Weithin gilt er als einer der großen Universalisten der neueren Zeit. Friedrich Schiller (1759-1805) war ein freier Schriftsteller: zeitlebens angewiesen auf Zuwendungen der Freunde, auf aristokratische Mäzene, auf immer geschickter ausgehandelte Vorschüsse wohlwollender Verleger. Er war bürgerlicher Dichter und Intellektueller: Er schrieb von Räubern, Verbrechern, Geistersehern, Feldherren, Heroinen und eidgenössischen Hausvätern, verfasste avangardistische ästhetisch-philosophische und historische, also politische Schriften. Friedrich Hölderlin (1770-1843) war Dichten «in dürftiger Zeit» Schicksal und Beruf. Sein Ringen um eine dichterische Sprache, die kompromissloser Ausdruck einer «künftigen Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten» sein wollte, wurde nur von wenigen seiner Zeitgenossen verstanden. Bis zur letzten Erschöpfung seiner Kräfte arbeitete er an Texten, die überkommene Denk- und Schreibmuster radikal aufbrachen. Die neuen Dimensionen dieses Dichtens haben sich in ihrer weitreichenden Konsequent recht eigentlich erst in der jüngsten Moderne erschlossen. Heinrich von Kleist (1777-1811) war einer der größten Dichter deutscher Sprache, dem jedoch zu Lebzeiten die ehrgeizig erstrebte Anerkennung versagt blieb. In diesem Band wird geschildert, wie es Kleist gelang, aus den Nöten seiner unglücklichen Existenz ein Werk zu destillieren, das an beunruhigender Faszination bis heute ohne Vergleich ist.
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Seitenzahl: 868
Veröffentlichungsjahr: 2017
Peter Boerner, Hans-georg Schede, Claudia Pilling, Diana Schilling, Mirjam Springer, Gunter Martens
Deutsche Klassiker
Peter Boerner
Johann Wolfgang von Goethe
Rowohlt E-Book
Eine auf Goethes eigenen Aussagen beruhende Schilderung seines Lebens darf aus einem nahezu unermeßlichen Bestand an Quellen schöpfen. Neben seinen poetischen, wissenschaftlichen und besonders seinen autobiographischen Schriften, darunter Dichtung und Wahrheit und Italienische Reise, besitzen wir von ihm mehr als fünfzehntausend Briefe sowie Tagebücher aus zweiundfünfzig Jahren seines Lebens. Dazu kommen noch unzählige Gesprächsprotokolle von Vertrauten, Mitarbeitern und Besuchern. Wohl nicht zu Unrecht hat man behauptet, daß von keinem anderen Menschen jemals eine ähnliche Fülle authentischer Zeugnisse bekannt wurde.
Und doch mag es manchmal so scheinen, als ob wir über Goethe kaum mehr wissen als über Dante oder Shakespeare. Wie schon Zeitgenossen den Eindruck gewinnen konnten, sein Wesen sei im Grunde nicht zu beschreiben, weil er ihnen immer wieder «entschlüpfe»[1], so verstummen auch Interpreten vielfach vor der Frage nach seinem eigentümlichen Charakter. Nicht zuletzt Goethes Selbstzeugnisse tragen noch zu dieser Unsicherheit bei. Ist es doch offenbar, wie er in Dichtung und Wahrheit bedrückende Erlebnisse seiner Kindheit nur vorsichtig andeutete; wie er in Briefen persönliche Dinge gegenüber den Bezügen nach außen zurücktreten ließ; ja wie er mit zunehmenden Jahren vieles, was seine innerste Existenz berührte, hinter abstrahierenden Maximen zu verschleiern suchte. So wollte er auch seine dichterischen und autobiographischen Werke durchaus nicht als Bekenntnisse im Sinne Rousseaus, sondern viel zurückhaltender als Bruchstücke einer großen Konfession[2] aufgefaßt wissen. Werthers Geschick war doch nur ein Teil seines Erlebens, er selbst war niemals Faust und auch nicht Wilhelm Meister. Sieht man von den spontanen Ergießungen seiner frühen Briefe ab, so hat er eigentlich nur einmal den Versuch gemacht, das eigene Wesen ohne poetische Verhüllung zu beschreiben. Ein nicht näher bezeichnetes Manuskript aus seinem Nachlaß, das lediglich durch äußere Merkmale auf den Sommer 1797 zu datieren ist, enthält die folgende, wohl als Entwurf zu einer Selbstdarstellung gedachte Charakteristik:
Immer tätiger, nach innen und außen fortwirkender, poetischer Bildungstrieb macht den Mittelpunkt und die Base seiner Existenz. Da dieser Trieb rastlos ist, so muß er, um sich nicht stofflos selbst zu verzehren, sich nach außen wenden und, da er nicht beschauend, sondern nur praktisch ist, nach außen ihrer Richtung entgegenwirken. Daher die vielen falschen Tendenzen zur bildenden Kunst, zu der er kein Organ, zum tätigen Leben, wozu er keine Biegsamkeit, zu den Wissenschaften, wozu er nicht genug Beharrlichkeit hat. Da er sich aber gegen alle drei bildend verhält, auf Realität des Stoffs und Gehalts und auf Einheit und Schicklichkeit der Form überall dringen muß, so sind selbst diese falschen Richtungen des Strebens nicht unfruchtbar nach außen und innen. […] In Geschäften ist er brauchbar, wenn dasselbe einer gewissen Folge bedarf und zuletzt auf irgendeine Weise ein dauerndes Werk daraus entspringt oder wenigstens unterweges immer etwas Gebildetes erscheint. Bei Hindernissen hat er keine Biegsamkeit, aber er gibt nach, er widersteht mit Gewalt, er dauert aus oder er wirft weg, je nachdem seine Überzeugung oder seine Stimmung es ihm im Augenblicke gebieten. Er kann alles geschehen lassen, was geschieht und was Bedürfnis, Kunst und Handwerk hervorbringen; nur dann muß er die Augen wegkehren, wenn die Menschen nach Instinkt handeln und nach Zwecken zu handeln sich anmaßen. […] Eine Besonderheit, die ihn sowohl als Künstler als auch als Menschen immer bestimmt, ist die Reizbarkeit und Beweglichkeit, welche sogleich die Stimmung von dem gegenwärtigen Gegenstand empfängt, und ihn also entweder fliehen oder sich mit ihm vereinigen muß. So ist es mit Büchern, mit Menschen und Gesellschaften; er darf nicht lesen, ohne durch das Buch bestimmt zu werden; er ist nicht gestimmt, ohne daß er, die Richtung sei ihm so wenig eigen als möglich, tätig dagegen zu wirken und etwas Ähnliches hervorzubringen strebt.[3]
Deutete Goethe hier auch offener als in seinen autobiographischen Schriften auf eine ihn ständig bedrängende Unruhe, so hat er die Skizze doch vor allem dadurch gekennzeichnet, daß er sie als Fragment zurückbehielt. Beinahe scheint es so, als ob er nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern auch vor sich selbst nicht weiter gehen wollte. Der letzte Blick ins eigene Ich rührte für ihn an jene Geheimnisse des Lebens, zu deren Vergegenwärtigung sich, wie er noch eine Woche vor seinem Tode an Wilhelm von Humboldt schrieb, selten eine Stunde findet[4]. Trotz vielfacher Einsichten in die Wandlungen und Stufen seiner Entwicklung blieb ihm der Kern seiner Existenz im Grunde unfaßbar. In diesem Sinne gilt auch für unsere vornehmlich auf seinen eigenen Aussagen fußende Biographie ein Spruch nach Hiob, den er selbst als Motto über seinen Aufsatz von der Bildung und Umbildung organischer Naturen stellte:
Siehe er geht vor mir über
ehe ich’s gewahr werde,
und verwandelt sich
ehe ich’s merke.[5]
Johann Wolfgang Goethe, geboren am 28. August 1749 als Bürger der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main, stammte väterlicherseits aus einer thüringischen Familie von Bauern, Handwerkern und Gastwirten; von seiten der Mutter aus einem südwestdeutschen Gelehrten- und Juristengeschlecht. Friedrich Georg Goethe, Schneider aus Artern im Mansfeldischen, der Vater des Vaters, hatte sich nach Jahren der Wanderschaft in Frankfurt niedergelassen und war durch Einheirat Gastwirt «Zum Weidenhof» geworden. Sein Sohn, Johann Caspar Goethe, geboren 1710, konnte als Erbe eines beträchtlichen Vermögens die Rechte studieren und Bildungsreisen durch Frankreich und Italien unternehmen. Nach einem erfolglosen Versuch, eine Stellung im Frankfurter Magistrat zu erhalten, wußte er sich durch Kauf den Titel eines «Kaiserlichen Rates» zu verschaffen, der ihn zwar den angesehensten Bürgern der Stadt gleichstellte, aber zugleich von öffentlichen Ämtern ausschloß. Ohne berufliche Verpflichtungen lebte er von seinem zweiunddreißigsten Jahr an seinen privaten Studien und Kunstliebhabereien. 1748 heiratete er Catharina Elisabeth Textor, Tochter des Stadtschultheißen. Von sechs Kindern, die dem Paar geboren wurden, überlebten allein zwei, Johann Wolfgang und die um ein Jahr jüngere Cornelia, die früheste Jugend.
Das Elternhaus Goethes mit dem klangvollen Namen «Zu den drei Leiern» am Großen Hirschgraben, nur wenige hundert Schritte von der Hauptwache der Stadt entfernt gelegen, war geprägt von der Lebenshaltung des gebildeten Bürgertums der Zeit. Bei einem Umbau des Anwesens stellte Goethes Vater ausdrücklich das äußere Ansehen zugunsten einer inneren guten und bequemen Einrichtung[6] zurück. Viel Mühe verwandte er auf die Ausstattung seiner Bibliothek und einer Gemäldegalerie mit Werken zeitgenössischer Künstler. Andenken von seinen Reisen schmückten die Zimmer und den weiträumigen Vorsaal. Wie Goethe sich in Dichtung und Wahrheit erinnerte, zog dabei eine Reihe römischer Prospekte[7] seinen Blick am meisten auf sich. Mit besonderer Wärme gedachte er auch der Aussicht vom zweiten Stock des Hauses: Dort war, wie ich heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch sehnsüchtiger Aufenthalt. Über Gärten hinaus, über Stadtmauern und Wälle sah man in eine schöne fruchtbare Ebene. […] Dort lernte ich sommerszeit gewöhnlich meine Lektionen, wartete die Gewitter ab, und konnte mich an der untergehenden Sonne nicht satt genug sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich ergötzen sah: so erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten Ernsten und Ahndungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in der Folge noch deutlicher zeigte.[8]
Große Bedeutung maß Goethe seiner Vaterstadt als dem räumlichen und geistigen Hintergrund seiner Jugend bei. Mit epischer Breite entwarf er deshalb in seiner Lebensgeschichte ein Bild der durch vielfältige Traditionen geprägten alten Gewerbstadt[9] mit ihren Straßen, Gassen, Brunnen, Klöstern und Kirchen. Liebevoll beschrieb er den schönen Fluß, der auf- und abwärts meine Blicke nach sich zog[10], auch das Leben und Treiben der Bewohner, ihre Tätigkeiten und Vergnügungen. Gern verlor sich der Knabe in dem Gewühl um den Dom oder auf dem Römerberg, den er als angenehmen Spazierplatz[11] in Erinnerung behielt. Voller Entsetzen dachte er dagegen noch im Alter an den beschränkten, vollgepfropften und unreinlichen Marktplatz mit den daranstoßenden engen und häßlichen Fleischbänken[12]. Vor solcher in vielen Einzelheiten seit Jahrhunderten unveränderten Szenerie wurde noch 1772 die Hinrichtung einer Kindsmörderin namens Susanna Margarethe Brandt vollzogen, ein Ereignis, das wohl zu Goethes Konzeption der Gretchen-Szenen im Urfaust beitrug.
Schwer erscheint es, trotz zahlreicher Bezüge in Dichtung und Wahrheit, ein abgeschlossenes Bild von Goethes Vater zu gewinnen. Goethe weist zwar im Zusammenhang mit manchem Einzelereignis auf ihn hin, spricht auch von seiner trockenen, pedantischen Art oder seiner Strenge gegen sich selbst und andere, vermeidet aber eine umfassende Charakterisierung. Vielleicht tat er es, weil er in späteren Jahren spürte, wie er selbst dem Vater nicht nur in der äußeren Erscheinung, sondern auch in Fragen der Lebensführung, insbesondere seiner betonten Ordnungsliebe, mehr und mehr ähnlich wurde. Vielsagend ließ er das in einem häufig zitierten Zahmen Xenion durchblicken:
Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen.[13]
Ein Gegengewicht zu der verstandesbetonten Persönlichkeit des Vaters bildete die von Natur sehr lebhafte und heitere[14] Mutter. Schon durch ihr Alter – bei Goethes Geburt war sie achtzehn, der Vater fast vierzig Jahre alt – stand sie den heranwachsenden Kindern oft näher als ihrem Gemahl. Ihrer Fähigkeit zum Vermitteln ist es wohl zu verdanken, daß schwerere Konflikte zwischen Sohn und Vater vermieden werden konnten. Auf ihre Lust zu fabulieren[15] führte Goethe später das poetische Element seines Wesens zurück. Nur ahnen können wir allerdings, wie ihre Frohnatur[16], die er in der Erinnerung herausstellte, durch manche bittere Lebenserfahrung auf die Probe gestellt wurde. Die Briefe, in denen sie über ihre häuslichen Verhältnisse nach Weimar berichtete, hat Goethe verbrannt. Nach dem Tod ihres Gemahls im Jahre 1782 lebte sie noch fast drei Jahrzehnte. Nur viermal hat Goethe sie nach seinem Weggang aus dem Elternhaus noch besucht.
Die nächste Vertraute der Jugendjahre Goethes wurde seine Schwester Cornelia. Wie er war sie ein Wesen, das weder mit sich einig war noch werden konnte[17], ohne allerdings gleich ihm die Gabe zu besitzen, sich durch poetische Gestaltungen von ihren Zweifeln lösen zu können. Fast jeder Konflikt führte bei ihr zu lange anhaltenden Spannungen. Sie, nur ein Jahr jünger als ich, hatte mein ganzes bewußtes Leben mit mir herangelebt und sich dadurch mit mir aufs innigste verbunden. […] Und so wie in den ersten Jahren Spiel und Lernen, Wachstum und Bildung den Geschwistern völlig gemein war, so daß sie sich wohl für Zwillinge halten konnten, so blieb auch unter ihnen diese Gemeinschaft, dieses Vertrauen bei Entwicklung physischer und moralischer Kräfte. Jenes Interesse der Jugend, jenes Erstaunen beim Erwachen sinnlicher Triebe, die sich in geistige Formen, geistiger Bedürfnisse, die sich in sinnliche Gestalten einkleiden, alle Betrachtungen darüber, die uns eher verdüstern als aufklären, manche Irrungen und Verirrungen, die daraus entspringen, teilten und bestanden die Geschwister Hand in Hand.[18]
Weitgehend in der Verantwortung des Vaters lag die Aufsicht über die sorgfältige Erziehung, die Goethe von früher Kindheit an erhielt. Wie es in vornehmen Bürgerhäusern üblich war, wurde er von Hauslehrern unterrichtet, besonders in den Schönen Wissenschaften. Hefte mit lateinischen und griechischen Schülerarbeiten, die sich erhalten haben, zeugen von einer erstaunlichen Fassungsgabe des Knaben. Der Stolz, mit dem der Achtjährige darin vermerkte, er habe die lateinischen Übungen der Primaner des öffentlichen Gymnasiums von sich aus abgeschrieben und übersetzt, hatte einige Berechtigung. Nach den alten Sprachen lernte er Französisch, Englisch und Italienisch, später auch Hebräisch. Der Zehnjährige las Äsop, Homer, Vergil und Ovid ebenso wie «Tausendundeine Nacht», Defoes «Robinson Crusoe» und Schnabels «Insel Felsenburg», aber auch die deutschen Volksbücher vom Eulenspiegel und vom Doktor Faust, von der schönen Magelone und der ganzen Sippschaft bis auf den Ewigen Juden[19].
Hand in Hand mit der wissenschaftlichen Ausbildung ging eine intensive religiöse Erziehung, die durch das in Frankfurt tonangebende Luthertum bestimmt war. Neben der Teilnahme an den Gottesdiensten gehörte dazu das tägliche Lesen der Bibel, des Alten wie des Neuen Testaments. Trotz seiner späteren Distanzierung von den kirchlichen Formen des Christentums bekannte Goethe noch im Alter, daß er der Bibel einen großen Teil seiner geistigen Bildung verdanke. Wie konservativ allerdings die religiösen Einstellungen seines Vaters waren, zeigt, daß dieser eine Lektüre von Klopstocks «Messias» nicht duldete. Heimlich lasen Goethe und seine Schwester das Werk, das einen tiefen Eindruck auf sie machte.
Bedeutung für die geistige Entwicklung Goethes gewann das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, das als eine der großen Naturkatastrophen des Jahrhunderts in die Geschichte einging. Obgleich ihm bei der Abfassung von Dichtung und Wahrheit daran lag, die Wirkung bedrückender Erlebnisse abzuschwächen, klingt selbst dort noch nach, wie sehr die Nachrichten von dem Ereignis die Gemütsruhe des Knaben im tiefsten bedrohten: Schneller als die Nachrichten hatten schon Andeutungen von diesem Vorfall sich durch große Landstrecken verbreitet; an vielen Orten waren schwächere Erschütterungen zu verspüren, an manchen Quellen ein ungewöhnliches Innehalten zu bemerken gewesen: um desto größer war die Wirkung der Nachrichten selbst, welche erst im allgemeinen, dann aber mit schrecklichen Einzelheiten sich rasch verbreiteten. Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen. […] Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen mußte, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen. Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welches überhaupt um so weniger möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten.[20]
Auch zeitgeschichtliche Ereignisse machten einen nachhaltigen Eindruck auf Goethe. Als 1756 der Siebenjährige Krieg zwischen Preußen und Österreich ausbrach und die Welt sich nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Richter aufgefordert[21] fand, spürte er zum erstenmal die Auswirkungen politischer Verhältnisse auf sein eigenes Leben: Wie mir in meinem sechsten Jahre, nach dem Erdbeben von Lissabon, die Güte Gottes einigermaßen verdächtig geworden war, so fing ich nun, wegen Friedrichs des Zweiten, die Gerechtigkeit des Publikums zu bezweifeln an. […] Die größten und augenfälligsten Verdienste wurden geschmäht und angefeindet, die höchsten Taten wo nicht geleugnet doch wenigstens entstellt und verkleinert; und ein so schnödes Unrecht geschah dem einzigen, offenbar über alle seine Zeitgenossen erhabenen Manne, der täglich bewies und dartat was er vermöge; und dies nicht etwa vom Pöbel, sondern von vorzüglichen Männern, wofür ich doch meinen Großvater und meine Oheime zu halten hatte.[22]
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem österreichisch eingestellten Großvater Textor und dem zu Preußen neigenden Vater führten zu Spannungen und schließlich zum offenen Bruch innerhalb der Familie. Ohne auf die politischen Fragen selbst einzugehen, trat Goethe, angezogen von der Persönlichkeit Friedrichs, auf die Seite seines Vaters. Und so war ich denn auch preußisch, oder um richtiger zu reden, Fritzisch gesinnt: denn was ging uns Preußen an.[23]
In den unmittelbaren Einfluß des Krieges geriet Frankfurt, als die Stadt im Januar 1759 von den mit Österreich verbündeten Franzosen überrumpelt und besetzt wurde. In den unteren Stockwerken des Goetheschen Hauses quartierte sich, für fast zweieinhalb Jahre, der leitende Beamte der französischen Verwaltung, Königsleutnant Thoranc, ein. Trotz mancher Mißhelligkeiten im Verhältnis zu seinem Quartierherrn kam er dessen Sohn mit väterlicher Neigung entgegen. Goethe dankte ihm im Alter durch ein achtungsvolles Porträt in Dichtung und Wahrheit. Besonders gedachte er dabei der Kunstliebhaberei des Grafen, der mehrere in niederländischer Manier arbeitende Maler, unter ihnen Johann Konrad Seekatz, mit Aufträgen bedachte. Dadurch daß er die meisten Bilder im Hause ausführen ließ, wurde der Knabe aus nächster Nähe mit dem Erlebniskreis der bildenden Kunst bekannt.
Eine andere Novität, welche die Besetzung Frankfurts für Goethe brachte, war die Anwesenheit einer französischen Schauspieltruppe, deren Aufführungen er regelmäßig besuchen durfte. Als Elfjähriger wurde er nicht nur mit den Stücken Racines und Molières vertraut, sondern kam auch mit der Welt der Schauspieler in Berührung. An sein damals lebendig werdendes Interesse für das Theater, das schon früher durch eine Puppenbühne angeregt worden war, erinnern noch einzelne Szenen in Wilhelm Meisters Theatralischer Sendung.
Wohl in die Zeit der Besetzung Frankfurts fallen Goethes erste poetische Versuche. Die Schlußzeilen eines gereimten Neujahrswunsches, den er bereits 1757 seinen Großeltern Textor überreicht hatte, begannen sich zu erfüllen:
Dies sind die Erstlinge, die Sie anheut empfangen;
Die Feder wird hinfort mehr Fertigkeit erlangen.[24]
Mit Leichtigkeit entwarf Goethe dann seit 1759, zum Teil im Wettstreit mit Altersgenossen, zahlreiche Gedichte. An seinem dreizehnten Geburtstag konnte er dem Vater einen Quartband mit eigenen Poesien überreichen. Erhalten hat sich von diesen Versuchen allerdings nicht viel. Nur einige Bruchstücke zu Poetischen Gedanken über die Höllenfahrt Jesu Christi und Fragmente eines Dramas, das im Stil der biblischen Barockschauspiele den Sturz Belsazars, des für seinen Gottesfrevel gestraften Königs von Babylon, behandeln sollte, entgingen späteren Autodafés.
Friedrich II. wird König in Preußen
1741–1748Österreichischer Erbfolgekrieg
1756–1763Siebenjähriger Krieg
1764Krönung Josephs II. zum römisch-deutschen König
1772Erste Teilung Polens zwischen Österreich, Rußland und Preußen
1776Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
1778–1779Bayerischer Erbfolgekrieg
1786Tod Friedrichs II.
Durch seine poetische Gabe kam Goethe auch zum erstenmal in persönliche Verwicklungen, als ihn nämlich eine Gesellschaft von jungen Leuten zur Abfassung von erdachten Briefen inspirierte und diese dann, ohne sein Wissen, zu betrügerischen Zwecken benutzte. Ein Mädchen dieses Kreises, von Goethe in Dichtung und Wahrheit unter dem Namen Gretchen eingeführt, gewann die Zuneigung des Vierzehnjährigen. Als sie bei einer obrigkeitlichen Untersuchung der Affäre dann allerdings zu Protokoll gab, sie habe ihn nicht ernst genommen, löste er sich schnell von ihr: Ich fand es unerträglich, daß ein Mädchen, höchstens ein paar Jahre älter als ich, mich für ein Kind halten sollte, der ich doch für einen ganz gescheiten und geschickten Jungen zu gelten glaubte.[25] Den Hintergrund für diese aus Erlebtem und Erdichtetem kunstvoll verbundene Episode gibt in Dichtung und Wahrheit die Krönung Josephs des Zweiten zum römisch-deutschen König im April 1764. Die dort bis ins Detail ausgeführten Schilderungen lassen noch ahnen, wie sehr der farbenprächtige Ablauf der politisch-religiösen Feierlichkeit[26] den Zuschauenden beeindruckte.
Mit sechzehn Jahren war Goethe für das akademische Studium vorbereitet. Hätte er seiner eigenen Neigung folgen dürfen, so wäre er nach Göttingen gegangen, um sich dort den Altertumswissenschaften zu widmen. Sein Vater bestand jedoch darauf, daß die Universität in Leipzig, die er selbst besucht hatte, gewählt wurde. Nach seinen Plänen sollte der Sohn die Rechte studieren, in Leipzig oder an einer zweiten Hochschule promovieren und einmal die Laufbahn eines Verwaltungsjuristen einschlagen.
Mit dem Gefühl eines Gefangenen, der seine Ketten abgelöst hat[27], und mit einem ansehnlichen Jahreswechsel versehen traf Goethe am 3. Oktober 1765 in Leipzig ein. Die Messestadt, geprägt durch eine kurz vergangene, von Handelstätigkeit, Wohlhabenheit, Reichtum zeugende Epoche[28] und ganz vom Geist des Rokoko erfüllt, beeindruckte den in reichsstädtischen Begrenzungen Aufgewachsenen. Er ließ sich von den neuen Einflüssen einfangen und wandelte sich zum Schöngeist, der große Figur[29] machte.
Auf die anfängliche Begeisterung folgten jedoch Enttäuschungen. Weder die Vorlesungen in der Jurisprudenz noch in den Schönen Wissenschaften konnten Goethe fesseln. Gellert, dessen Kolleg er voll Interesse entgegengesehen hatte, verlor die Achtung des Studenten nicht allein durch eine weinerliche Vortragsweise, sondern auch durch die Tatsache, daß er keines der damals jungen Talente, weder Klopstock noch Wieland oder Lessing, gelten ließ. Gottsched, ehemals der Praeceptor Germaniae, war durch seine Gefallsucht Ziel des öffentlichen Spotts geworden. Zu alledem mußte Goethe die Erfahrung machen, daß seine neuen Bekannten weder seine Parteinahme für den König von Preußen teilen noch seine eigenen Gedichte anerkennen wollten. In einem Brief an einen Frankfurter Freund zeichnete er ein poetisches Bild seiner Ernüchterung, indem er sich mit einem Wurm verglich, der sich zum Himmel aufschwingen möchte:
Da sah ich erst, daß mein erhabner Flug,
Wie er mir schien, nichts war als das Bemühn
Des Wurms im Staube, der den Adler sieht,
Zur Sonn sich schwingen und wie der hinauf
Sich sehnt. Er sträubt empor, und windet sich,
Und ängstlich spannt er alle Nerven an
Und bleibt am Staub. Doch schnell entsteht ein Wind,
Der hebt den Staub in Wirbeln auf, den Wurm
Erhebt er in den Wirbeln auch. Der glaubt
Sich groß, dem Adler gleich, und jauchzet schon
Im Taumel. Doch auf einmal zieht der Wind
Den Odem ein. Es sinkt der Staub hinab,
Mit ihm der Wurm. Jetzt kriecht er wie zuvor[30]
Beratung in seinen Unsicherheiten fand Goethe bei dem Hofmeister eines in Leipzig studierenden Grafen, Ernst Wolfgang Behrisch mit Namen. Dieser Mann, den er später einen der wunderlichsten Käuze, die es auf der Welt geben kann[31], nennen sollte, verstand es, immer wieder seine Unruhe und Ungeduld zu zähmen[32]. Dank eines sicheren Geschmacks wurde Behrisch zugleich der erste, der Goethes poetische Versuche kritisch beurteilte. Von dessen damals im Stile der Anakreontik verfaßten Gedichten ließ er nur wenige gelten, stellte diese aber in einer kalligraphischen Niederschrift, dem Liederbuch Annette, zusammen und sorgte so für ihre Erhaltung. Neben Behrisch kamen Goethe besonders zwei Leipziger Künstler, Johann Michael Stock und Adam Friedrich Oeser, entgegen. Bei Stock nahm er Unterricht im Radieren und Kupferstechen, bei Oeser lernte er zeichnen. Oeser, der mit Winckelmann befreundet war, machte ihn mit den Kunstgesinnungen des Klassizismus bekannt und bemühte sich, ihm das Schnörkel- und Muschelwesen[33] des Rokoko zu verleiden.
Schließlich brachte Leipzig dem Siebzehnjährigen die erste wirkliche Leidenschaft seines Lebens. In dem Schönkopfschen Weinhaus, wo er seit 1766 seinen Mittagstisch hatte, wurde er mit der Tochter der Wirtsleute, Anna Katharina, genannt Käthchen, einem gar hübschen netten Mädchen[34], bekannt und verliebte sich in sie mit dem Ungestüm seines Temperaments. Durch ungegründete und abgeschmackte Eifersüchteleien[35] belastete er jedoch das Verhältnis, das zu guter Letzt mit einer freundschaftlichen Trennung endete. In seinem ersten vollendeten Schauspiel, der Laune des Verliebten, das der Form und dem Inhalt nach auf die Schäferstücke des Rokoko zurückgeht, zeichnete er selbst den Drang seiner Gefühle. Wie es ihm bereits damals zum Bedürfnis wurde, sich durch poetische Gestaltungen von dem, was ihn innerlich bewegte, zu befreien, deutete er später in Dichtung und Wahrheit an: Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige was mich erfreute oder quälte, oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußern Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen. Die Gabe hierzu war wohl niemand nötiger als mir, den seine Natur immerfort aus einem Extreme in das andere warf. Alles was daher von mir bekannt geworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.[36]
Am Ende seiner dreijährigen Studienzeit in Leipzig geriet Goethe in eine ernste Krise. Der Wechsel von Zerstreuungen und Studien hatte bei ihm zu einer seelischen Belastung geführt, die sich schließlich in einem physischen Zusammenbruch löste. Ein Blutsturz warf ihn im Juli 1768 so schwer nieder, daß er mehrere Tage zwischen Leben und Tod[37] schwankte. Gleichsam als ein Schiffbrüchiger[38] kehrte er in seine Vaterstadt zurück. Fast anderthalb Jahre dauerte es dann noch, bis er sich dort vollkommen erholte und die Befürchtung, er habe die Schwindsucht, verlor. Unter dem Einfluß Susanna von Klettenbergs, einer Anhängerin der Herrnhuter Brüdergemeine, die mit seiner Mutter befreundet war, begann er damals, sich intensiv mit mystischen und pietistischen Schriften, darunter Gottfried Arnolds «Kirchen- und Ketzerhistorie», zu befassen.
Besonders war es aber die Persönlichkeit seiner Mentorin, die auf ihn wirkte. Ihr Zuspruch verhalf ihm dazu, sich von seiner Leipziger Unrast zu lösen: Meine Unruhe, meine Ungeduld, mein Streben, mein Suchen, Forschen, Sinnen und Schwanken legte sie auf ihre Weise aus, und verhehlte mir ihre Überzeugung nicht, sondern versicherte mir unbewunden, das alles komme daher, weil ich keinen versöhnten Gott habe. Nun hatte ich von Jugend auf geglaubt, mit meinem Gott ganz gut zu stehen, ja ich bildete mir, nach mancherlei Erfahrungen, wohl ein, daß er gegen mich sogar im Rest stehen könne, und ich war kühn genug zu glauben, daß ich ihm einiges zu verzeihen hätte. Dieser Dünkel gründete sich auf meinen unendlich guten Willen, dem er, wie mir schien, besser hätte zu Hilfe kommen sollen. Es läßt sich denken, wie oft ich und meine Freundin hierüber in Streit gerieten, der sich doch immer auf die freundlichste Weise und manchmal damit endigte: daß ich ein närrischer Bursche sei, dem man manches nachsehen müsse.[39]
Neben Susanna von Klettenberg trug ein Arzt, Johann Metz, der viele Erkenntnisse der modernen Homöopathie zu beherrschen schien, nicht nur zum körperlichen, sondern auch zum seelischen Wohl des Genesenden bei. Unter seiner Anleitung vertiefte Goethe sich in die Schriften des Paracelsus, in Wellings «Opus magocabbalisticum et theosophicum» und unternahm selbst alchimistische Versuche. Sein Interesse für die Beobachtung von Naturvorgängen wurde geweckt. Bezeichnend für seine Haltung in dieser Zeit ist ein Brief, den er im Februar 1769 an Friederike Oeser, die Tochter seines Leipziger Zeichenlehrers, richtete: Meine gegenwärtige Lebensart ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Zirkel, Papier, Feder und Tinte, und zwei Bücher, mein ganzes Rüstzeug. Und auf diesem einfachen Wege komme ich in der Erkenntnis der Wahrheit oft so weit, und weiter, als andere mit ihrer Bibliothekarwissenschaft. Ein großer Gelehrter ist selten ein großer Philosoph. Und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert hat, verachtet das leichte einfältige Buch der Natur, und es ist doch nichts wahr als was einfältig ist.[40]
Gegen Ostern 1770 verließ Goethe das Vaterhaus zum zweiten Mal, um in Straßburg, das bei politischer Zugehörigkeit zu Frankreich noch weitgehend deutschsprachig war, sein abgebrochenes Studium zu beenden. Die anderthalb Jahre, die er dort blieb, brachten ihm, wie keine andere Periode seines Lebens, einen Neubeginn in allem, was er tat, erlebte und schrieb. Bereits am Tag seiner Ankunft überwältigte ihn der Anblick des Münsters. Als einer der wenigen seiner Zeit vermochte der Zwanzigjährige die Größe der gotischen Architektur, die damals als ungehobelt galt, zu erkennen. Noch in dem zwei Jahre später niedergeschriebenen Hymnus Von deutscher Baukunst hielt er die Stimmung des ersten Eindrucks fest: Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davor trat! Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. […] Wie oft hat die Abenddämmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug mit freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzähligen Teile zu ganzen Massen schmolzen, und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seele standen, und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genießen und zu erkennen. Da offenbarte sich mir, in leisen Ahndungen, der Genius des großen Werkmeisters.[41]
Nach dem Gewahrwerden der Landschaft des herrlichen Elsaß[42] war Goethes Leben in Straßburg durch ein intensives Studieren bestimmt. Statt sich allerdings auf die Jurisprudenz zu konzentrieren, zu der ihn keine innere Richtung drängte[43], hörte er medizinische und staatswissenschaftliche Vorlesungen. Daneben beschäftigte er sich mit einer Vielfalt von historischen, philosophischen und theologischen Fragen. Die von ihm damals in einem Merkheft festgehaltenen Titel gelesener oder zur Lektüre vorgesehener Bücher reichen von Sokrates und Platon, Paracelsus und Thomas a Kempis bis zu Rousseau und Moses Mendelssohn. An einen Frankfurter Bekannten, der ihn um Ratschläge für sein künftiges Studium gebeten hatte, schrieb er: Sie gehen auf Akademien; das erste, was Sie finden, sind hundert Leute wie ich. «Er war doch also nicht allein!» denken Sie und gehen weiter, und finden hundert bessere als mich. Sie messen mich nach dem neuen Maßstab, finden allerlei Fehler und dann bin ich verloren. Einen, den man vollkommen gehalten hat, und an Einer Seite mangelhaft findet, beurteilt man nicht leichte mit Billigkeit. […] Jenen Wissenschaften obliegen, die dem Geist eine gewisse Richte geben, Dinge zu vergleichen, jedes an seinen Platz zu stellen, jedes Wert zu bestimmen, das ists, was wir jetzo zu tun haben. Dabei müssen wir nichts sein, sondern alles werden wollen, und besonders nicht öfter stille stehen und ruhen, als die Notdurft eines müden Geistes und Körpers erfordert.[44]
Was Goethe in einem solchen Brief einem anderen empfahl, verlangte er auch von sich selbst. Ja, die Aufforderung zur Selbsterziehung Wir müssen nichts sein, sondern alles werden wollen, die er von hier bis zum Faust und zum Wilhelm Meister immer wieder aussprach und fast mit den gleichen Worten noch 1830 gegenüber Kanzler von Müller wiederholte (Man muß sich immerfort verändern, erneuern, verjüngen, um nicht zu verstocken[45]), führte in Straßburg zu extremen Bemühungen: Um ein Gefühl des Schwindels, das ihn manchmal überkam, zu überwinden, pflegte er bis in die Spitze des Münsterturms zu steigen; starken Schall, der ihm zuwider war, lernte er ertragen, indem er beim Zapfenstreich neben den Trommlern herlief; und in der Anatomie versuchte er, sich trotz eines angeborenen Ekelgefühls an den widerwärtigsten Anblick[46] zu gewöhnen.
Wie in Leipzig fand Goethe auch in Straßburg nahe Freunde. An einem gemeinsamen Mittagstisch kam er mit dem pietistisch eingestellten Schriftsteller und Arzt Jung-Stilling, mit Jakob Michael Reinhold Lenz und mit dem Theologen Franz Christian Lerse zusammen. Das für ihn folgenreichste Erlebnis wurde jedoch die Begegnung mit Herder, den die Notwendigkeit einer Augenoperation gezwungen hatte, in Straßburg eine Reise für länger zu unterbrechen. Noch später, längst nach dem Bruch mit dem im Alter gallig werdenden Mann, zeichnete Goethe voll Dank für die Anregungen, die er von ihm erfuhr, ein Bild der ersten Bekanntschaft: Die Einwirkung dieses gutmütigen Polterers war groß und bedeutend. Er hatte fünf Jahre mehr als ich, welches in jüngeren Tagen schon einen großen Unterschied macht; und da ich ihn für das anerkannte was er war, da ich dasjenige zu schätzen suchte was er schon geleistet hatte, so mußte er eine große Superiorität über mich gewinnen. […] Da seine Gespräche jederzeit bedeutend waren, er mochte fragen, antworten oder sich sonst auf eine Weise mitteilen, so mußte er mich zu neuen Ansichten täglich, ja stündlich befördern.[47]
Durch Herder gewann Goethe nicht nur endgültig Abstand von allem Rokokohaften. Herder führte ihn in die antirationalistische, sibyllinische[48] Gedankenwelt Hamanns ein; begeisterte ihn für die Unermeßlichkeit Shakespeares; wies ihn auf die ossianischen Dichtungen Macphersons; und öffnete ihm den Blick für die Volkspoesie, die er als die ältesten Urkunden[49] dichterischer Gestaltungskraft deutete. Ich ward mit der Poesie von einer ganz andern Seite, in einem andern Sinne bekannt als bisher, und zwar in einem solchen, der mir sehr zusagte.[50] Unter Herders Anleitung gewann Goethe die Überzeugung, daß es für Dichter wie für bildende Künstler wichtiger sei, sich von ihren Empfindungen leiten zu lassen, als einem angelernten Wissen oder Können zu vertrauen. Sein ganzes Leben hindurch sollte er an dieser Prämisse festhalten.
Das Gegengewicht zu solchen intellektuellen Anregungen fand Goethe in einer neuen Liebe. Einen Monat nach dem Zusammenkommen mit Herder wurde er in Sesenheim, einer wenige Stunden von Straßburg entfernten Landgemeinde, mit der Familie des Pfarrers Brion bekannt. Die Geschichte seines ersten Rittes von Straßburg her, die Erinnerung an die Begrüßung durch den gastfreien Geistlichen, schließlich die Beschreibung der zwei Töchter des Hauses, das alles gehört zu den poetisch-anschaulichsten Teilen von Dichtung und Wahrheit. Die jüngere der beiden Schwestern, Friederike, erschien dem Besucher, als ob fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern[51] aufginge. Bereits nach der ersten Begegnung schrieb Goethe ihr von Straßburg aus. Der Entwurf dieses Briefes vom 15. Oktober 1770 ist das einzige unmittelbare Zeugnis des Verhältnisses, das sich erhalten hat: Liebe neue Freundin, ich zweifle nicht, Sie so zu nennen, denn wenn ich mich anders nur ein klein wenig auf die Augen verstehe, so fand mein Aug, im ersten Blick, die Hoffnung zu dieser Freundschaft in Ihrem, und für unsre Herzen wollt ich schwören. Sie, zärtlich und gut wie ich Sie kenne, sollten Sie mir, da ich Sie so lieb habe, nicht wieder ein bißchen günstig sein? […] Gewiß, Mamsell, Straßburg ist mir noch nie so leer vorgekommen als jetzo. Zwar hoff ich, es soll besser werden, wenn die Zeit das Andenken unsrer niedlichen und mutwilligen Lustbarkeiten ein wenig ausgelöscht haben wird. Doch sollte ich das vergessen können oder wollen? Nein, ich will lieber das wenig Herzwehe behalten und oft an Sie schreiben.[52]
Die unter Herders Antrieb vollzogene Trennung von literarischen Konventionen und die Neigung zu Friederike Brion waren Kräfte, die bei Goethe einen Strom lyrischer Produktionen von bis dahin in der deutschen Sprache kaum bekannter Empfindungsfülle auslösten. Ein als leidenschaftliches Unternehmen[53] einmal spät am Tage begonnener Ritt, der ihn erst bei Mondschein in Sesenheim ankommen ließ, gab den Anlaß zu dem Gedicht Willkommen und Abschied. Es entstand das Mailied: Wie herrlich leuchtet mir die Natur. Im Ton der Gesänge, die er auf Herders Betreiben hin aus denen Kehlen der ältsten Müttergens aufhaschte[54], schrieb Goethe das Heidenröslein.
Bezeichnend ist es allerdings, daß sich in die idyllische Stimmung von Sesenheim schon nach wenigen Monaten Töne des Zweifelns mischten. Stärker als die verklärende Rückschau in Dichtung und Wahrheit zeigt das ein Brief, den Goethe im Frühsommer 1771 aus Sesenheim an den Präses seiner Straßburger Tischgesellschaft sandte: Der Zustand meines Herzens ist sonderbar. Die angenehmste Gegend, Leute, die mich lieben, ein Zirkel von Freuden! Sind nicht die Träume deiner Kindheit alle erfüllt? frag ich mich manchmal, wenn sich mein Aug in diesem Horizont von Glückseligkeiten herumweidet; sind das nicht die Feengärten, nach denen du dich sehntest? – Sie sind’s, sie sind’s! Ich fühl es, lieber Freund, und fühle, daß man um kein Haar glücklicher ist, wenn man erlangt, was man wünschte. Die Zugabe! die Zugabe! die uns das Schicksal zu jeder Glückseligkeit drein wiegt! Lieber Freund, es gehört viel Mut dazu, in der Welt nicht mißmutig zu werden. Als Knab pflanzt ich ein Kirschbäumchen im Spielen, es wuchs, und ich hatte die Freude, es blühen zu sehen; ein Maifrost verderbte die Freude mit der Blüte, und ich mußte ein Jahr warten, da wurden sie schön und reif; aber die Vögel hatten den größten Teil gefressen eh ich eine Kirsche versucht hatte; ein ander Jahr warens die Raupen, dann ein genäschiger Nachbar, dann das Mehltau; und doch, wenn ich Meister über einen Garten werde, pflanz ich doch wieder Kirschbäumle; trotz allen Unglücksfällen gibts noch so viel Obst, daß man satt wird.[55]
Goethes Versuch, sein Studium in Straßburg durch eine Promotion zum Doktor der Rechtswissenschaft abzuschließen, schlug fehl. Eine bereits eingereichte Dissertation über das kirchengeschichtliche Thema Der Gesetzgeber ist nicht allein berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Kultus festzusetzen, von welchem weder die Geistlichkeit noch die Laien sich lossagen dürfen[56] wurde abgelehnt. In der Arbeit vorgetragene Ansichten wie: die christliche Lehre stamme nicht von Jesus, sondern sei von anderen unter seinem Namen verkündet worden, waren für das juristische Kollegium ein allzu heißes Eisen. Als Ersatz gestattete man Goethe jedoch, sich durch eine einfachere Verteidigung von Thesen um den Grad eines Lizenziaten der Rechte zu bewerben. Die Skala seiner mit Hilfe eines Repetenten ausgewählten Streitsätze reichte vom Naturrecht über das Erbrecht bis zum Strafprozeßverfahren. Zweifelhaft bleibt allerdings, ob Goethe selbst die Prüfung ernst nahm. Schon Zeitgenossen faßten manche seiner Thesen als Gemeinplätze oder als Verspottung der Fakultät auf. Die Disputation in lateinischer Sprache ging denn auch am 6. August 1771unter Opposition meiner Tischgenossen, mit großer Lustigkeit, ja Leichtfertigkeit vorüber[57].
Zwei Tage nach der Prüfung suchte Goethe Friederike Brion zum letzten Mal auf, allerdings ohne sie wissen zu lassen, daß er nicht zurückkehren werde. Erst von Frankfurt aus vollzog er die Trennung, als deren Grund er deutlich seine eigene Unsicherheit empfand. Offen bekannte er später: Die Antwort Friederikens auf einen schriftlichen Abschied zerriß mir das Herz. […] Ich fühlte nun erst den Verlust, den sie erlitt, und sah keine Möglichkeit ihn zu ersetzen, ja nur ihn zu lindern. Sie war mir ganz gegenwärtig; stets empfand ich, daß sie mir fehlte, und was das Schlimmste war, ich konnte mir mein eignes Unglück nicht verzeihen. Hier war ich zum erstenmal schuldig; ich hatte das schönste Herz in seinem Tiefsten verwundet, und so war die Epoche einer düsteren Reue höchst peinlich, ja unerträglich.[58]
Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Straßburg, gerade zweiundzwanzig Jahre alt, wurde Goethe als Anwalt beim Frankfurter Schöffengericht zugelassen. Die Erwartung seines Vaters, er möge sich eine angesehene Praxis schaffen, erfüllte er allerdings nicht. Während der nächsten vier Jahre, die er noch in Frankfurt war, führte er lediglich 28 Prozesse. Er hatte andere Dinge im Sinn, als eine bürgerliche Existenz zu gründen. Noch nichts deutete damals darauf hin, mit welcher Hingabe er sich, nur wenige Jahre später, in Weimar juristischen Fragen widmen sollte.
Die poetischen Arbeiten, die Goethe zunächst aufgriff, standen noch im Schatten der Straßburger Anregungen. Aus Macphersons Dichtungen übersetzte er die düsteren «Gesänge von Selma», die er später in den Werther übernahm. Vor allem aber suchte er sich durch die Beschäftigung mit dem Werk Shakespeares zu höheren, freieren und ebenso wahren als dichterischen Weltansichten und Geistesgenüssen vorzubereiten[59]. Dieses Bemühen wurde der Anlaß für die Abfassung seines ersten vollständig erhaltenen Prosatextes, der Ansprache Zum Schäkespears Tag. Darin bekannte er sich nicht allein zu dem in Deutschland damals noch wenig geachteten Dichter des «Hamlet», sondern formulierte zugleich eine programmatische Erklärung jener literarischen Revolution[60], die später den Namen «Sturm und Drang» erhielt. Was er aus Shakespeare herauslas, waren seine und seiner Weggenossen poetische Ziele: Abkehr vom Rokoko-Theater, Bruch mit dem regelgebundenen Drama der Franzosen und ihrer Nachahmer, Herrschaft des Unverkünstelten im Leben wie in der Dichtung. Mark in den Knochen[61] zu haben, lautete die Forderung an den einzelnen, und das alles Neue umgreifende Leitwort hieß immer wieder: Natur. Natur bedeutete die Ganzheit des menschlichen Charakters ebenso wie die Einheit des Universums, hieß aber auch Aufhebung der dualistischen Begriffe von Gut und Böse, Einsicht in ein durch Untergang bezeichnetes Schicksal der Menschen. Oder wie Goethe es bei Shakespeare aufdeckte: Seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt, den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat, in dem das Eigentümliche unsres Ichs, die prätendierte Freiheit unsres Wollens, mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt.[62]
Um solch tragische Konflikte zwischen dem Individuum und dem notwendigen Gang des Ganzen näher zu erfassen, griff Goethe bald nach der Shakespeare-Rede selbst zur Behandlung dramatischer Stoffe. Neben dem philosophischen Heldengeist[63] Sokrates fesselte ihn die Gestalt des fränkischen Ritters Götz von Berlichingen, Luthers Zeitgenossen, mit dessen Selbstbiographie er seit Straßburg vertraut war: Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen, worüber Homer und Shakespeare und alles vergessen worden. Ich dramatisiere die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich’s kostet, macht mir einen wahren Zeitvertreib.[64]
Wen du nicht verläßest, Genius
Nicht der Regen nicht der Sturm
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Wen du nicht verläßest, Genius,
Wird dem Regengewölk
Wird dem Schloßensturm
Entgegen singen
Wie die Lerche
Du dadroben.
Wandrers Sturmlied, erste Strophe
Indem er versuchte, alle Stärke, die er in sich fühlte, auf das Objekt zu werfen, es zu packen und zu tragen[65], vollendete Goethe die erste Fassung des Götz von Berlichingen gegen Ende des Jahres 1771 in kaum mehr als sechs Wochen. In der Figur des Götz gestaltete er den Protagonisten des «Sturm und Drang», den ganzen Kerl, der einer verweichlichten Gegenwart unter Anwendung des Faustrechts entgegentritt. Der Bruch mit dem klassizistischen Drama war mit diesem Stück, das neunundfünfzig Szenenwechsel hat und weder die Einheit der Zeit noch des Orts kennt, endgültig vollzogen.
Der literarischen Verklärung des Geniemäßigen entsprach Goethes Lebensstil. Er kümmerte sich wenig um die bürgerlichen Gepflogenheiten seines Elternhauses; mußte als Anwalt Rügen des Gerichtshofes wegen seiner «unanständigen, nur zur Verbitterung der Gemüter ausschlagenden Schreibart»[66] einstecken; machte sich in Farcen und Parodien über angesehene Autoren ebenso wie über seine eigenen Freunde lustig; befaßte sich mit alchimistischen Versuchen und suchte Umgang in den literarisch aufgeschlossenen Zirkeln Frankfurts und seiner Nachbarorte: Ich gewöhnte mich, auf der Straße zu leben, und wie ein Bote zwischen dem Gebirg und dem flachen Lande hin und her zu wandern. Oft ging ich allein oder in Gesellschaft durch meine Vaterstadt, als wenn sie mich nichts anginge. […] Mehr als jemals war ich gegen offene Welt und freie Natur gerichtet. Unterwegs sang ich mir seltsame Hymnen und Dithyramben, wovon noch eine, unter dem Titel Wandrers Sturmlied, übrig ist. Ich sang diesen Halbunsinn leidenschaftlich vor mich hin, da mich ein schreckliches Wetter unterwegs traf, dem ich entgegen gehen mußte.[67]
In dieser Zeit trat Goethe in engere Beziehungen zu dem Kreis der Empfindsamen in Darmstadt, der sich «Gemeinschaft der Heiligen» nannte und zu dem Herders Verlobte Caroline Flachsland sowie der hessische Kriegsrat Johann Heinrich Merck gehörten. Merck, ein schalkhafter, grillenkranker Mann, dem allerdings treffend und scharf zu urteilen gegeben war[68], übernahm bald die bis dahin von Herder eingenommene Rolle als kritischer Mentor Goethes. Für das von ihm herausgegebene Rezensionsjournal «Frankfurter Gelehrte Anzeigen» verfaßte Goethe eine Reihe von Beiträgen.
Auf Vorschlag seines Vaters ging Goethe im Mai 1772 nach Wetzlar, um als Praktikant am Reichskammergericht, der obersten Schlichtungsinstanz der Reichsstände, seine juristischen Kenntnisse zu erweitern. Er selbst sah in der Ortsveränderung eine Möglichkeit, mehr noch als in Frankfurt seinen inneren Neigungen zu leben. In einem Brief an Herder zeichnete er ein Bild seiner Lebensweise: Seit ich nichts von Euch gehört habe, sind die Griechen mein einzig Studium. Zuerst schränkt’ ich mich auf den Homer ein, dann um den Sokrates forscht’ ich in Xenophon und Plato. […] Zuletzt zog mich was an Pindarn, wo ich noch hänge. Auch hat mir endlich der gute Geist den Grund meines spechtischen Wesens entdeckt. Über den Worten Pindars επικρατειν δυνασϑαι [Herr werden können] ist mir’s aufgegangen. Wenn du kühn im Wagen stehst, und vier neue Pferde wild unordentlich sich an deinen Zügeln bäumen, du ihre Kraft lenkst, den austretenden herbei, den aufbäumenden hinabpeitschest, und jagst und lenkst, und wendest, peitschest, hältst, und wieder ausjagst, bis alle sechzehn Füße in einem Takt ans Ziel tragen – das ist Meisterschaft, επικρατειν [beherrschen], Virtuosität.[69]
Welchen Eindruck der Dreiundzwanzigjährige im persönlichen Umgang machte, hält ein zeitgenössischer Bericht fest: «Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie und ein Mensch von Charakter; besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft, daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt. […] Seine Denkungsart ist edel, von Vorurteilen frei, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es andern gefällt. In principiis ist er noch nicht fest, und strebt noch erst nach einem gewissen System. Er hält sehr viel von Rousseau, ist jedoch nicht ein blinder Anbeter von demselben. […] Er haßt den Scepticismum, strebt nach Wahrheit und nach Determinierung über gewisse Hauptmaterien, glaubt auch schon über die wichtigsten determiniert zu sein; soviel ich aber gemerkt, ist er es noch nicht. Er strebt nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben als von ihrer Demonstration.»[70]
Mit dem Verfasser dieser Charakteristik, dem bremischen Gesandtschaftssekretär Johann Christian Kestner, und mit dessen Verlobten Charlotte Buff verband Goethe bald nach seiner Ankunft in Wetzlar eine herzliche Freundschaft. Trotz eines fast grenzenlosen Vertrauens, das sich alle Seiten entgegenbrachten, führte das Verhältnis jedoch zu Spannungen. Goethes Empfindungen für Lotte steigerten sich zur Leidenschaft. Auf Mercks Rat hin beschloß er deshalb bereits im September, nach kaum mehr als drei Monaten in Wetzlar, sich freiwillig zu entfernen, ehe er durch das Unerträgliche vertrieben würde[71]. Über Ehrenbreitstein, wo er mit Merck, der Dichterin Sophie von La Roche und deren ihm sogleich sympathischer Tochter Maximiliane zusammentraf, kam er in seine Vaterstadt zurück.
Nach den noch immer schmerzhaften Erinnerungen an Lotte Buff schufen hier Veränderungen in seiner nächsten Umgebung neue Konflikte. Seine Schwester heiratete den Juristen Johann Georg Schlosser, seinen Freund, und ging mit ihm nach Emmendingen ins Badische. Maximiliane von La Roche zog als Frau des Kaufmanns Peter Brentano nach Frankfurt, aber freundschaftliche Beziehungen zu ihr wurden durch Eifersuchtsszenen ihres Mannes unmöglich. Charlotte Buff und Kestner ließen sich 1773 trauen, ohne es Goethe, wie zugesagt, mitzuteilen. Zu diesen Bedrückungen kam die Nachricht, daß sich ein entfernter Bekannter von Wetzlar her, Jerusalem mit Namen, aus unglücklicher Liebe zu der Gattin eines Freundes das Leben genommen habe. Das wurde der letzte Anstoß zur Konzeption der Leiden des jungen Werthers gegen Anfang des Jahres 1774: Jerusalems Tod […] schüttelte mich aus dem Traum, und weil ich nicht bloß mit Beschaulichkeit das, was ihm und mir begegnet, betrachtete, sondern das Ähnliche, was mir im Augenblicke selbst widerfuhr, mich in leidenschaftliche Bewegung setzte, so konnte es nicht fehlen, daß ich jener Produktion, die ich eben unternahm, alle die Glut einhauchte, welche keine Unterscheidung zwischen dem Dichterischen und dem Wirklichen zuläßt. Ich hatte mich äußerlich völlig isoliert, ja die Besuche meiner Freunde verbeten und so legte ich auch innerlich alles beiseite, was nicht unmittelbar hierher gehörte. […] Unter solchen Umständen schrieb ich den Werther in vier Wochen, ohne daß ein Schema des Ganzen, oder die Behandlung eines Teils irgend vorher wäre zu Papier gebracht gewesen.[72]
Zur Herbstmesse 1774 erschienen Die Leiden des jungen Werthers, in der Form eines Briefromans, dann im Druck. Die Aufnahme durch das gebildete Publikum der Zeit wurde ein Ereignis, das einmalig in der deutschen Literaturgeschichte ist. Schon bald nachdem der Band von gerade zweihundert Seiten herauskam, war er vergriffen. Nachdrucke folgten, dann auch von Goethe nicht autorisierte Raubdrucke. Junge Leute lasen das Buch mit Tränen in den Augen und gaben es von Hand zu Hand. Manche kleideten sich wie die Protagonisten des Romans, Werther und Lotte. In Deutschland, dann auch in anderen Ländern, war er für einige Zeit das am besten bekannte Buch nach der Bibel. Fälle von Selbstmord wurden mit ihm in Verbindung gebracht. Man sprach von einem «Wertherfieber».
Wodurch erklärt sich die gewaltige Wirkung dieser Geschichte eines jungen Mannes, der, wie Goethe damals in einem Brief schrieb, mit einer tiefen reinen Empfindung und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich durch Spekulation untergräbt, bis er zuletzt durch dazutretende unglückliche Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor den Kopf schießt[73]?
Zu den Gründen, die Goethe selbst zur Deutung des Phänomens vorbrachte, gehörten die sentimental-pessimistische Zeitströmung im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts, Einflüsse der englischen Literatur mit Edward Youngs düster-schwermütigen «Night Thoughts on Life, Death, and Immortality» und Sternes empfindsamen Reisebildern, nicht zuletzt die Naturschwärmerei Rousseaus, kurz, die Stimmung einer Generation, die von unbefriedigten Leidenschaften gepeinigt, von außen zu bedeutenden Handlungen keineswegs angeregt, in der einzigen Aussicht, in einem schleppenden, geistlosen bürgerlichen Leben hinhalten zu müssen, einem kranken jugendlichen Wahn offen war.[74] Der Selbstmord, bis dahin als eine unerhörte Handlung angesehen, von Werther aber mit der später durch Kierkegaard aufgenommenen Wendung als Krankheit zum Tode[75] entschuldigt, konnte Verständnis, ja Mitleid wecken. Die Kritik an den sozialen Verhältnissen, Werthers negative Einstellung zu Beruf und Gesellschaft beförderten noch die weltschmerzlerische Stimmung. Aber das Buch, das so fast wider Goethes Absicht zum Symbol des Protestes gegen die herrschenden Autoritäten wurde, bedeutete mehr als nur ein zeitgenössisches Ereignis. Wie beim Götz von Berlichingen offenbarte sich auch hier der in der Shakespeare-Rede angekündigte Zusammenstoß des Individuums mit dem notwendigen Gang des Ganzen[76]: das Mißverhältnis zwischen dem seelenhaften, gotterfüllten Menschen und der Welt führt zu seinem Untergang; er zerbricht ohne Schuld an der Überfülle seiner Empfindungen und damit an seinem ureigensten Wesen.
Die in den Leiden des jungen Werthers enthaltenen Elemente des Widerspruchs veranlaßten auch eine Vielfalt von kritischen Reaktionen. Vertreter des aufgeklärten Bürgertums, der orthodoxen Geistlichkeit und konservative Obrigkeiten erkannten die anarchischen Kräfte des Buches. Man sah in der Gestalt Werthers den Außenseiter, einen Kranken, dessen destruktive Haltung für die etablierte Gesellschaft eine Bedrohung darstellte. Es ergaben sich Zurückweisungen und Gegenschriften. Ein Verbot des Vertriebs in Leipzig, dem Zentrum des deutschen Buchhandels, folgte mit der Begründung, die Schrift bedeute eine Apologie des Selbstmords. Wohl die stärkste Wirkung hatte eine Reihe von Parodien, darunter Nicolais «Leiden und Freuden Werthers des Mannes», auf die Goethe wiederum mit dem Spottgedicht Nicolai auf Werthers Grabe antwortete.
Angesichts all dieser zustimmenden wie ablehnenden Reaktionen wurde Goethe, erst fünfundzwanzig Jahre alt, einer der bekanntesten Autoren Deutschlands. Viele Zeitgenossen kamen ihm entgegen. Gottfried August Bürger, schon als Dichter der «Lenore» bekannt, die Brüder Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg, Heinrich Christian Boie traten mit ihm in Verbindung. Klopstock suchte ihn in Frankfurt auf, glaubte sogar, in ihm einen Jünger gefunden zu haben. Lavater, der Zürcher Geistliche und Prophet einer übersteigerten Kultur der Empfindsamkeit, bemühte sich um seine Freundschaft. Mit ihm und dem pädagogischen Reformer Basedow unternahm Goethe im Sommer 1774 eine Reise auf der Lahn und dem Rhein. In Düsseldorf wurde er von Friedrich Heinrich Jacobi gefeiert: «Goethe ist Genie vom Scheitel bis zur Fußsohle; ein Besessener, füge ich hinzu, dem fast in keinem Falle gestattet ist, willkürlich zu handeln.»[77]
Während sich die literarische Jugend, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Werther, noch der Stimmung des Weltschmerzes hingab, versuchte Goethe selbst bereits, diese Gefühle durch eine Intensivierung seiner dichterischen Produktivität zu überwinden. Kaum eine andere Zeit in seinem Leben ist durch die Genese einer solchen Fülle von dichterischen Entwürfen gekennzeichnet wie seine letzten Frankfurter Jahre. Es gab für ihn, der damals von sich bekannte: wenn ich nicht Dramas schriebe, ich ging zu Grund[78], kaum ein inneres oder äußeres Erlebnis, das sich nicht leicht zu einer poetischen Gestaltung verdichtete. Mein produktives Talent […] verließ mich seit einigen Jahren keinen Augenblick; was ich wachend am Tage gewahr wurde, bildete sich sogar öfters nachts in regelmäßige Träume, und wie ich die Augen auftat, erschien mir entweder ein wunderliches neues Ganze, oder der Teil eines schon Vorhandenen. Gewöhnlich schrieb ich alles zur frühsten Tageszeit; aber auch abends, ja tief in die Nacht, wenn Wein und Geselligkeit die Lebensgeister erhöhten, konnte man von mir fordern was man wollte; es kam nur auf eine Gelegenheit an, die einigen Charakter hatte, so war ich bereit und fertig.[79]
Vieles in den Jahren 1773 bis 1775 Erdachte mag Goethe nie zu Papier gebracht haben, manches ließ er in seine bewegten Briefe jener Zeit fließen, manches hielt er in Oden, Hymnen und Liedern, aber auch in dramatischen Skizzen von großer Vielfalt des Inhalts und der Form fest. Wie viele Entwürfe entstanden, wie viele verlorengingen, weiß man nicht. Zahlreiche angefangene Arbeiten, darunter Pläne zu einer Cäsar-Tragödie, übergab Goethe den Flammen. Eines seiner ambitiösesten Projekte, das Drama Prometheus, an dessen Konzeption noch die trotzige Ode Bedecke deinen Himmel, Zeus erinnert, blieb Fragment. Eine Reihe von Szenen zum Faust entstand, wuchs aber nicht zu einem Ganzen zusammen. Nur einige kleinere Stücke, darunter das Concerto dramatico, das Knittelversdrama vom Jahrmarktsfest zu Plundersweilern, die in einem Geist der Streitlust konzipierte Farce Götter, Helden und Wieland sowie die beiden Singspiele Erwin und Elmire und Claudine von Villa Bella wurden vollendet.
Die Jahre vor und nach dem Erscheinen des Werther waren für Goethe zudem eine Periode, in der er sich um die Klärung religiöser Fragen bemühte. Spiegel dieser Auseinandersetzungen ist eine kleine, anonym erschienene Schrift, der Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu ***. Unter der Maske eines lutherischen Landgeistlichen äußerte Goethe darin seine Gedanken zu theologischen Strömungen der Zeit; lehnte Dogmatismus, Orthodoxie und Rationalismus ab; bekannte sich zu einem Gefühlschristentum pietistischer Prägung und insbesondere, sechs Jahre vor Lessings «Nathan», zur Toleranz ohne Gleichgültigkeit. Schloß er sich in Inhalt und Form des Traktats auch noch Anregungen Rousseaus, Hamanns und Herders an, beschritt er doch in manchem ganz eigene Wege, so in seiner Stellung zur christlichen Kirche. Indem er seinen Pastor sagen ließ: Es war nie eine sichtbare Kirche auf Erden[80], erneuerte er ein Thema aus der ihm seit seinem Umgang mit Susanna von Klettenberg vertrauten «Kirchen- und Ketzerhistorie» Gottfried Arnolds, nämlich daß die christliche Lehre sich nur im ersten Jahrhundert ihres Bestehens rein erhalten, danach aber immer mehr verweltlicht und vom Geiste ihres Gründers entfernt habe. Wie weit Goethe mit solcher Kritik zu gehen wagte, deutet der Brief des Pastors allerdings nur an. Mehr läßt das 1774 entstandene, aber erst postum gedruckte Fragment vom Ewigen Juden erkennen: Statt nur das Idealbild einer unsichtbaren Gemeinde zu entwerfen, werden dort die kirchlichen Institutionen einer sarkastischen Kritik unterworfen.
Das letzte Frankfurter Jahr Goethes, 1775, brachte für ihn eine neue leidenschaftliche Liebe. Seine Bekanntschaft mit Lili Schönemann, der sechzehnjährigen Tochter eines Frankfurter Handelsherrn, ließ ihn eine der glücklichsten[81] Zeiten seines Lebens erfahren. Das Verhältnis führte bis zur regelrechten Verlobung. Aber verschiedene Lebensweisen und Religionsbekenntnisse – Lilis Familie gehörte der reformierten Gemeinde an – sowie der Mangel eines Einverständnisses zwischen den beiderseitigen Eltern gaben Anlaß zu Spannungen. Vor allem schwankte Goethe selbst zwischen der Liebe zu Lili und dem Gefühl, daß er in der Festlegung auf eine Existenz von häuslicher Glückseligkeit[82] kaum Befriedigung finden würde. In Briefen an die jüngere Schwester der beiden Grafen Stolberg, Auguste, die nach dem Erscheinen des Werther eine schwärmerische Korrespondenz mit ihm begonnen hatte, seine im Herzen wohlgekannte, mit Augen nie gesehene, teure Freundin[83], zeichnete er im Februar 1775 ein Bild seines Doppellebens: Wenn Sie sich, meine Liebe, einen Goethe vorstellen können, der im galonierten Rock, umleuchtet vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und Kronenleuchter, mitten unter allerlei Leuten, von ein Paar schönen Augen am Spieltische gehalten wird, der in abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschaft ins Konzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des Leichtsinns einer niedlichen Blondine den Hof macht; so haben Sie den gegenwärtigen Fastnachts Goethe. […] Aber nun gibts noch einen, der im grauen Biberfrack mit dem braunseidnen Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden Februarluft schon den Frühling ahndet, dem nun bald seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend, strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der Jugend in kleinen Gedichten, das kräftige Gewürze des Lebens in mancherlei Dramas […] auszudrücken sucht. Das ist der, dem Sie nicht aus dem Sinne kommen, der auf einmal am frühen Morgen einen Beruf fühlt, Ihnen zu schreiben, dessen größte Glückseligkeit ist, mit den besten Menschen seiner Zeit zu leben.[84]
Im Frühsommer 1775 erschien es Goethe dann manchmal doch so, als wenn die Zwirnsfäden, an denen mein Schicksal hängt, und die ich schon so lange in rotierender Oszillation auf- und zutrille, sich endlich knüpfen wollten[85]. Um zu erproben, ob er Lili entbehren könne[86], nahm er eine Einladung der Brüder Stolberg an, sie auf einer «Geniereise» in die Schweiz zu begleiten. Wie auch später noch mehrfach in seinem Leben versuchte er, eine seelische Krise durch eine räumliche Trennung zu bewältigen. In «Werthertracht» zog er mit den Stolbergs bis Zürich, von dort in die Innerschweiz. Als er auf dem Sankt-Gotthard-Paß vor der Wahl stand, nach Italien weiterzureisen oder in die Heimat zurückzukehren, gab die Erinnerung an Lili noch einmal den Ausschlag. In Frankfurt befand er sich jedoch abermals in der unseligsten aller Lagen[87]. In dem Schauspiel Stella ließ er einen der Charaktere, wohl nicht ohne einen Blick auf seine eigene Situation, sagen: Ich muß fort! – ich wär ein Tor, mich fesseln zu lassen! Dieser Zustand erstickt alle meine Kräfte, dieser Zustand raubt mir allen Mut der Seele; er engt mich ein! – Was liegt nicht alles in mir? Was könnte sich nicht alles entwickeln? – Ich muß fort – in die freie Welt![88]
Ein Anstoß von außen half Goethe, die Trennung tatsächlich zu vollziehen. Schon im Dezember 1774 hatte er den Erbprinzen Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach kennengelernt und in Mainz einige Tage in seiner Gesellschaft verbracht. Als dieser im Herbst des nächsten Jahres aus Anlaß seiner Vermählung mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt abermals durch Frankfurt kam, lud er Goethe ein, für einige Zeit nach Weimar zu kommen. Goethe nahm an.
Komplikationen ergaben sich, als der herzogliche Kammerjunker, der Goethe Anfang Oktober in Frankfurt abholen sollte, ohne Erklärung ausblieb. Vom Warten innerlich zerarbeitet[89], ließ Goethe sich von seinem Vater überreden, statt nach Weimar zu gehen, eine schon längst ersehnte Bildungsreise nach Italien anzutreten. Am 30. Oktober 1775 brach er von Frankfurt aus auf. Als ihn dann aber in Heidelberg doch noch eine nachgesandte, die Verzögerungen des Emissärs erklärende Nachricht erreichte, änderte er seine Pläne erneut und fuhr nach Weimar. Im Schlußabschnitt von Dichtung und Wahrheit brachte er diese Situation in Verbindung mit dem Walten des Dämonischen, einer geheimnisvollen Macht, die sich der moralischen Weltordnung, wo nicht entgegensetzt, doch sie durchkreuzt[90] und gegen die alle vereinten sittlichen Kräfte nichts vermögen[91]. Ein Zitat aus dem Egmont, an dem er während der Wartezeit in Frankfurt geschrieben hatte und in dem sich ebenfalls jenes Dämonische ausdrücken soll, steht am Ende seiner Jugendgeschichte: Kind, Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam.[92]
Die Betrachtungen in Dichtung und Wahrheit sind jedoch zum guten Teil Reflexionen des alten Goethe. Dem Sechsundzwanzigjährigen, der an jenem Oktobertag seine Vaterstadt für immer verließ, war der Begriff des Dämonischen noch fremd. Wohl aber war er sich des Ahndungsvollen seiner Situation bewußt. Das zeigt das Fragment eines Reisetagebuchs, das er wenige Stunden nach der Abreise in Eberstadt an der Bergstraße begann: Bittet, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter, noch am Sabbath, ließ mir mein Vater zur Abschiedswarnung auf die Zukunft noch aus dem Bette sagen! Diesmal, rief ich aus, ist nun ohne mein Bitten Montag morgends sechse, und was das übrige betrifft, so fragt das liebe unsichtbare Ding, das mich leitet und schult, nicht ob und wann ich mag. Ich packte für Norden und ziehe nach Süden; ich sagte zu und komme nicht, ich sagte ab und komme! – Lili, adieu Lili, zum zweitenmal! Das erstemal schied ich noch hoffnungsvoll unsere Schicksale zu verbinden! Es hat sich entschieden – wir müssen einzeln unsre Rollen ausspielen. Mir ist in dem Augenblick weder bange für dich noch für mich, so verworren es aussieht! – Adieu.[93]
Am 7. November 1775 kam Goethe nach Weimar, damals eine Landstadt von kaum mehr als sechstausend Einwohnern, Residenz des ebenso kleinen wie armen Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Sowohl die Stadt selbst als auch das Land standen weitgehend unter dem Eindruck der Persönlichkeit Herzogin Anna Amalias, die hier nach dem frühen Tod ihres Gemahls siebzehn Jahre lang mit Umsicht regiert hatte. Goethe nannte sie später eine vollkommene Fürstin mit vollkommen menschlichem Sinne[94]. Trotz der durch den Siebenjährigen Krieg hier wie überall in Deutschland bedingten Unsicherheit und trotz beschränkter Mittel war es ihr gelungen, in ihrer Umgebung Künste und Wissenschaften vielfältig zu fördern. Zu den Mitgliedern des so geschaffenen «Musenhofs» gehörten Wieland, der Verfasser des «Agathon» und Herausgeber des «Teutschen Merkur», den sie zum Mentor ihrer beiden Söhne berufen hatte; die als Gelegenheitsdichter und Komponisten hervorgetretenen Kammerherren von Einsiedel und von Seckendorff; der belesene Prinzenerzieher von Knebel; der als Professor am Gymnasium tätige «Märchenvater» Musäus und der Verleger Bertuch. Mit einer solchen Versammlung vorzüglicher Männer hatte Anna Amalia, nach Goethes Worten, alles dasjenige begründet, was später für dieses besondere Land, ja für das ganze deutsche Vaterland, so lebhaft und bedeutend wirkte[95].
Im September 1775
