Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero - Andrea Giovene - E-Book

Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero E-Book

Andrea Giovene

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Beschreibung

Ein literarischer Schatz wird gehoben. Andrea Giovenes Romanserie Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero – entdeckt und übersetzt von Moshe Kahn Giuliano di Sansevero wächst auf in der verfallenden Pracht der Paläste seiner Vorfahren; während des Aufenthalts in einer nahe bei Neapel gelegenen Klosterschule bricht der Erste Weltkrieg aus. Im Schatten des Krieges und in der turbulenten Zeit danach erwachen im jungen Giuliano die Liebe zu den Büchern, das Interesse am weiblichen Geschlecht – und die Neugier auf die Welt.

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Andrea Giovene

Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero

Ein junger Herr aus Neapel.

Roman. Mit einem Nachwort von Ulrike Voswinkel

Aus dem Italienischen von Moshe Kahn

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Andrea Giovene

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Andrea Giovene

Andrea Giovene (1904–1995) war Spross der neapolitanischen herzoglichen Familie der Girasole, die sich bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Er besucht eine Klosterschule und wurde nach dem Studium Autor. Als Kavallerieoffizier im Zweiten Weltkrieg geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft und war Zwangsarbeiter in Norddeutschland. Seine Romanfolge Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero (5 Bände zwischen 1966 und 1970) war ein sensationeller Erfolg, wurde preisgekrönt, für den Nobelpreis nominiert und in verschiedene Sprachen übersetzt. Jetzt erscheint sie erstmals vollständig auf Deutsch.

 

Moshe Kahn, geboren 1942, Übersetzer von Pier Paolo Pasolini, Primo Levi, Muigi Malerba, Andrea Camilleri, Roberto Calasso, Norberto Bobbio u.a.; 2015 wurde er für seine letzte Entdeckung und Übersetzung, Stefano D'Arrigos Horcynus Orca, mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis, dem Jane Scatcherd-Preis, und dem Paul-Celan-Preis (fürs Lebenswerk) ausgezeichnet.

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Über dieses Buch

Giuliano di Sansevero wächst auf in der verfallenden Pracht der Paläste seiner Vorfahren; während des Aufenthalts in einer nahe bei Neapel gelegenen Klosterschule bricht der Erste Weltkrieg aus. Im Schatten des Krieges und in der turbulenten Zeit danach erwachen im jungen Giuliano die Liebe zu den Büchern, das Interesse am weiblichen Geschlecht – und die Neugier auf die Welt.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Titel der Originalausgabe: L’autobiografa di Giuliano di Sansevero Volume Primo

All rights reserved

Aus dem Italienischen von Moshe Kahn

Verlag Galiani Berlin

© für die deutschen Rechte 2022, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Covergestaltung: Umschlaggestaltung: Manja Hellpap und Lisa Neuhalfen, Berlin

Covermotiv: Felice Casorati, Portrait of the Engineer Gino Beria, © VG Bild-Kunst, Bonn; bereitgestellt von © Bridgeman Images Berlin

Lektorat: Wolfgang Hörner/Angelika Winnen

 

ISBN978-3-462-31093-1

 

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Inhaltsverzeichnis

1. Der Stammbaum

2. Der Giglio

3. Der schwebende Korridor

4. Der Ball

5. Der Büßergürtel

Nachwort zum ersten Band der Autobiographie des Giuliano di Sansevero von Andrea Giovene

1. Der Stammbaum

Bei bestimmten alten Familien werden Salons wenig genutzt. Die bejahrten Möbel in der vertrauten Umgebung stellen eher eine sich immer wieder aufdrängende Verpflichtung dar als einen repräsentativen Prunk, der bereits aus den Gedanken verschwindet, noch bevor er aus der Tradition verloren geht. Sie verkörpern gewissermaßen die Fortdauer der aus dem realen Leben schon verbannten Ideen und verweilen hartnäckig nur in gewissen Befindlichkeiten des Gemüts, das sich nicht von ihnen zu lösen vermag. Doch die viel zu großen Sofas, die angedunkelten Spiegel, die theatralischen und ewig vollgestaubten Vorhänge, die Generation auf Generation haben vorbeiziehen gesehen, bleiben in Wirklichkeit die einzigen Zeugnisse eines Ortes, der keiner Menschen mehr bedarf, um seinen ermatteten, aber doch auch würdevollen Zauber zu bewahren: vollkommen, ja sogar mehr noch als vollkommen in der Stille und Einsamkeit, wie man sie in leeren Kirchen antrifft.

In dem Haus, in dem ich geboren wurde, gab es drei Salons. Sie lagen aufgereiht hintereinander in einem vernachlässigten Gebäudeteil, dessen hohe Fenster sich zu einem halbdunklen Hof hin öffneten, und im letzten von ihnen erhob sich, soweit die Wandfläche es einigermaßen zuließ, aus dem rauen Gewebe einer von Feuchtigkeit ziemlich mitgenommenen Leinwand, unwirklich hervortretend und mit allen Merkmalen eines pflanzlichen Totems versehen, der Stammbaum.

Diese ungewöhnliche Malerei, das Werk eines Heraldikers aus dem achtzehnten Jahrhundert, der sich für diese Gelegenheit mit einem Ateliermaler zusammengetan hatte, stellte, ähnlich den Stammbäumen auf den Fußböden bestimmter Kathedralen im Salento, einen Baumstamm unbekannter Art, Verästelung und Blüte dar. Der übertrieben große Stamm wand sich vom ausgehöhlten Wurzelgeflecht aus einem düster-schaurigen Erdreich empor, so wie dem, aus dem sich die Auferstehenden des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle befreien. Dann verzweigte er sich, stieg auf und öffnete sich mit den eigenwilligsten Verrenkungen, mit den unlogischsten Verbindungen, Schnörkeln und Verschlingungen, um, der Ordnung der Zeiten entsprechend, die launenhaften Familienzweige hineinzuzwängen, die manchmal steril, manchmal aber auch übermäßig fruchtbar waren, weshalb sich die Generationen überschlugen: die Enkel starben vor den Großeltern, der eine oder andere Onkel wurde nach den Neffen geboren und weit entfernte Cousins und Cousinen heirateten untereinander und zwangen damit die Äste und Zweige des Baums, sich zu verlängern und wieder zusammenzukommen und sie wie Schlangen zwischen dem einen und dem anderen Teil des dunklen Laubs zu verbinden.

Der Ausflug in den dritten Salon, zu dem ich gelegentlich meine kleine Schwester Checchina verleitete, die kaum sechs Jahre alt war, wohingegen ich noch nicht ganz neun war, gehörte zu den großen Mysterien unserer Kindheit. Zwischen uns herrschte die Omertà, jene absolute Verschwiegenheit, welche immer mit dem Geist der Rebellion einhergeht. Und im Ritus des nicht nur körperlichen Erkletterns des Baums offenbarte sich auch eine freche, unverschämte Geisteshaltung. Aufgrund unserer kleinen Körpermaße konnten wir gerade einmal die ersten beiden oder die dritten Fangarme dieses finsteren und weitschweifigen Monuments klar erkennen, das uns in diesem Aquarienlicht wie vom Grund eines gesunkenen Schiffs den biblischen Namen des Ahnherrn vorsetzte: »Gedeone«, Gideon, gemeinsam mit einem ebenso märchenhaften Datum »1002«. Alles weiter oben galt es erst noch zu entdecken, in dem außergewöhnlichen Tanz der wie chinesische Lampions herunterhängenden gelblichen Rundscheiben, die sich in der Ferne und im Halbschatten verloren und das Geheimnis so vieler Leben verbargen, die doch einer näheren Erforschung unterzogen werden wollten.

Hartnäckig und mit Mühe zogen wir einen schweren Tisch vor den Baum und hievten einen handgeschnitzten Sessel auf diesen Tisch, und von dort kletterte ich auf die Äste der Zeit, um sie zu prüfen: »Bernardino, Waffengetreuer der Königin Giovanna, 1352«; »Gian Michele, Kastellan Heinrichs IV. von Navarra, 1590«; »Bernardino, Ordensgeneral der Fratres Minimi, 1602«; »Gian Michele, Verwandter des Conte von Lemos, 1604«. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, zuerst auf den Armlehnen des Sessels, dann wagte ich es in unsicherem Gleichgewicht auf der Rückenlehne, mit offenen Händen gegen die Leinwand gestützt, beinahe so, als wollte ich mich an den nicht greifbaren Zweigen und Ästen festhalten, das Gesicht gegen die nicht wirklich vorhandenen Blätter gedrückt, und las aus allernächster Nähe auf den gelben Rundscheiben: »Cristina, Nonne, 1697«; »Bernardo, Präsident des Gerichtshofs der Sommaria, 1702«. Ich entdeckte einen vorher nie gesehenen aschgrauen Vogel, der verstohlen und böse aus dem dichten Laub hervorguckte. Von den Seiten schräg unten verflüchtigten sich gelbe Trauben in der Perspektive. »Gian Giacomo, Cavaliere, 1688«; »Bernardino, Barone, 1723«; »Michele, Brigadeführer Seiner Katholischen Majestät«; »Teresa, Nonne«.

»Giuliano«, flehte meine kleine Schwester, »komm runter, komm runter! Du wirst noch stürzen und dir weh tun!«

Zur Spitze hin hatten Feuchtigkeitsflecken ganze Generationen überwältigt, sie glichen ganzen Schwärmen mit einem Schrotschuss durchsiebter Spatzen. Der Baum kräuselte sich, er trübte sich ein und schlug Wellen. Die jüngsten Generationen waren am unleserlichsten. Und ich? Wie sollte ich mich da auf seiner Spitze einnisten, die nur in die Zimmerdecke hinein höher wachsen konnte, im Leeren? Ich kam herunter und stellte Tisch und Sessel wieder an ihren Platz. Ich dachte intensiv nach und betrachtete dabei das muffige Totem. Diese auf den Kopf gestellte, tausend Jahre währende Zeit strömte eine undeutliche Beklommenheit aus, vermischt mit Ehrfurcht.

»Der Unterschied zwischen den Menschen besteht nicht im Alter der eigenen Sippe«, sagte mein Vater Gian Luigi mit einem Anflug von Ironie in der Stimme, »denn es ist ja offensichtlich, dass alle von Adam abstammen, sondern er besteht darin, dass man eine beträchtliche Anzahl der eigenen Vorfahren kennt, ohne einem von ihnen persönlich begegnet zu sein.«

»Gian Battista Vico zeigt«, antwortete ihm Don Benedetto Caposele, ein ziemlich entfernter Verwandter und häufiger Tischgast, »dass das erste Zeugnis für Eigentum durch die Gräber der Ahnen gegeben wurde, fest gefügt mit der Absicht, die bis in fernste Zeiten reichende Zugehörigkeit zu dieser Familie nachzuweisen.«

Vom Ende des langen Tischs, wohin Checchina und ich verbannt waren, verfolgten wir hin und wieder diese oft geistreichen, manchmal schlagfertigen Gespräche, während wir uns kleine Zeichen von Übereinstimmung zukommen ließen und gleichzeitig die Servierplatten im Auge behielten, die sich, eine auf dieser, die andere auf der anderen Seite, langsam näherten und schwankende Hoffnungen darüber aufkommen ließen, wie viel am Ende bei uns ankommen würde. Doch die Erwähnung der Gräber weckte ganz unbeabsichtigt alte Familienbefürchtungen von der Art, die mir besonders langweilig vorkamen.

»Wie steht es eigentlich um die schändlichen Zustände im unterirdischen Gewölbe von Santo Spirito?«, nahm mein Vater die Unterhaltung wieder auf. »Es wäre nicht hinnehmbar, wenn diese Dinge sich wiederholen würden.«

Versteckt zog ich Checchina gegenüber eine Grimasse, und unter dem Tischrand zeigte ich ihr das neapolitanische Zeichen für die Abwehr von Unheil: den ausgestreckten Zeige- und kleinen Finger, die anderen Finger eingebogen, um auf diese Weise Teufelshörner anzudeuten. Diese Geste ist noch wirksamer, wenn man die Hand entschlossen nach vorne stößt, was in diesem Fall an Checchinas Knie endete, die sich bog und wand und die Backen aufblähte, um nicht lachen zu müssen. Unsere Vorfahren schliefen einen unruhigen Schlaf in den Katakomben von Santo Spirito. Dieses Kloster war von der Familie vor Jahrhunderten erbaut worden, um sich der Gunst der Kirche und guter Begräbnisstätten zu versichern. Doch seit seiner Umwandlung 1870 in ein öffentliches Internat bestand eine der traditionellen Mutproben für die Neulinge darin, sie bei Nacht in die Katakomben zu schicken, um in den Grabnischen herumzukramen und als Beweis für die Älteren einen Knochen unserer Vorfahren von dort mitzubringen.

»Die Institutsleitung«, versicherte Don Bernardo, »hat neuerlich alle Grabnischen und Gänge der Heiligen Erde wieder zumauern lassen. Wir hoffen, dass diese Halunken von Schülern nicht auch noch den Beton zerstören werden.«

Mein Vater schüttelte missfällig sein beeindruckend bärtiges Haupt. Wegen seiner hohen Statur und seines nachdenklichen, ernsten Blicks ähnelte er sehr Federico Gonzaga in dem Porträt von Tizian, das sich im Prado befindet, auf dem der Fürst gedankenverloren ein kleines festlich herausgeputztes Hündchen streichelt. Die seufzend erwartete Ankunft des Lammfrikassees lenkte uns ab. Checchina beratschlagte sich mit mir durch Blicke. Zwischen ihr und mir bestand ein Gerechtigkeitspakt hinsichtlich der übriggebliebenen Speisen, und sie respektierte ihn mit tausend anmutigen Schmeicheleien, obwohl sie eine richtige Naschkatze war. Von unseren Eltern waren wir durch mindestens fünf oder sechs Personen auf beiden Seiten getrennt, und so führten wir uns dahinten wie zwei kleine Gesetzlose auf, die keiner beachtete.

Die Etikette des wöchentlichen Gastmahls, das immer donnerstags bei uns stattfand, war minutiös festgelegt. An dem einen Ende des Tischs saß Gian Luigi, der zu seiner Rechten meine Mutter Annina hatte. Am anderen Ende ich, ihr gegenüber, und zu meiner Rechten Checchina. Hin und wieder bekamen wir von ihnen, auf diese Entfernung, einen Blick zugeworfen. Rechts von Annina der erste hochgeachtete Gast. Der zweite dann zur Linken von Gian Luigi. Und diese Quadrille aus rechts und links beherrschte die gesamte folgende Ordnung. Nach den Gästen rechts von meiner Mutter folgte die Erstgeborene, unsere Schwester Cristina, feingliedrig, mit fragenden, umschatteten Augen. Ihr gegenüber der Erstgeborene, Ferrante, vage und unkonzentriert.

1912, zur Zeit dieser ersten Begebenheiten, lebten die beiden, von denen die eine sechzehn und der andere fünfzehn Jahre alt war, schon getrennt von uns und in gänzlich anderen Verhältnissen. Neben Cristina saß ihre französische Gouvernante, und zu Ferrantes Linker sein Hauslehrer, nach außen hin ein weltlicher Mann, doch eigentlich ein franziskanischer Tertiarier. Am Ende der eine oder andere junge Verwandte oder ein ebenfalls geladener Geschäftsmann. Und dann wir beide, als Letzte.

»Wenn ich an der Baumspitze ankomme«, sagte ich, um Checchina für die Entdeckung der unbewohnten Salons zu gewinnen, doch auch mit einem Hintergedanken, der meinem Alter vielleicht nicht ganz entsprach, »werden wir einen Tisch mit acht Dienern haben, ganz allein für uns beide.«

Zufrieden nach der symbolischen Ersteigung kauerten wir uns auf den riesigen und äußerst unbequemen Sofas zusammen, auf die Checchina sich nur ausgestreckt hinlegen konnte. In dem Alter damals war sie das anmutigste Mädchen, das man sich vorstellen konnte: leichtfüßig, obwohl etwas pummelig, mit klaren Augen und der goldfarbenen Haut der blonden Mädchen des italienischen Südens. Obwohl es so aussah, als würde sie dem keine Aufmerksamkeit schenken, erschien sie nie zerzaust oder mit unordentlichen Kleidern. Ihre Zähne waren wunderschön. Sie blühte vor Gesundheit. Und ihr Wesen war frei von aller Kompliziertheit, es war fröhlich und heiter.

Im Schatten des Salons mit dem Stammbaum befanden sich auch die Porträts von Verwandten, vier in voller Lebensgröße und ein fünftes, ovales, verhältnismäßig kleines: die Baronin von Egloffstein. Diese Persönlichkeiten, die einzigen Überlebenden von wer weiß welcher Gemäldegalerie, mussten meine tendenziösen biographischen Kommentare ertragen, die darauf abzielten, sie zu diskreditieren.

»Der Herr Großgeneral da, mit der Rüstung und dem Kommandostöckchen«, sagte ich, während ich mutig dem herrischen Blick des Porträts standhielt, »der, Checchina, ist der andere Gian Luigi, die Nummer eins von damals. Tausend Urkunden loben ihn einmütig mit allem Nachdruck für das, was er in Lepanto, in Griechenland und bei der Belagerung von Paris unter ich weiß nicht wie vielen Konnetabeln und Königen gemacht hat. Aber sie verschweigen, dass er sich einen Haufen Geld verschafft hat, indem er die Flandrischen über die Klinge springen ließ, schlimmer als der Schwarze Korsar. Siehst du? Er zerteilte die Leute in Stücke, und zwar so!«

Und ich schlug mit der flachen Hand gegen Checchinas Rippen, die stöhnte und schrie mit einem Getue und Geziere wie eine Katze.

»Der andere da mit dem schwarzen Überwurfmantel und der Perücke war ein bedeutender Kurial zur Zeit der Vizekönige. Doch er verstolperte sich in einen Prozess, weil er, als er Goldmünzen für die Königliche Münzprägeanstalt prägen ließ, gleichzeitig auch, ich weiß nicht, wie viele für sich selbst schlug. Sieh dir nur den scheinheiligen Gesichtsausdruck an.«

Diese Misshandlung der Vorfahren in ihrer eigenen Gegenwart war der Kern unseres Unternehmens und erzeugte zugleich größte Lust. Die Porträts, die den Steinschleudern der Kinder als Schießscheiben dienten und denen die Augen ausgekratzt oder respektlose Zusatzkommentare angehängt wurden, sind zahllos: denn der innere Drang des Menschen, das hohe Ansehen eines anderen Menschen anzugreifen und zu verletzen oder es an den Pranger zu stellen, sitzt tief. Jeder Bengel verpasst mit einem Stück Kohle dem Bild einer berühmten Persönlichkeit einen Oberlippenbart. Doch in jenem sardischen Klagelied, das ich mir damals selbstvergessen vorsang, hin- und hergerissen zwischen Kühnheit und Frevel, gärten viel gefährlichere Keime.

»Ja, und der da, mit der Kukulle, ist Bernardino, der Mönch und Gründer des Klosters vom Heiligen Geist, wo sich all die anderen tot und begraben befinden oder vielmehr befanden, denn im Augenblick liegen sie ja mit jeweils einem Schienbein in den Schubladen der Schüler, wie du bereits gehört hast. Dieser Bernardino verbrauchte mit dieser fabelhaften Idee mehr als die Hälfte aller Dublonen, Dukaten und Zechinen, welche die anderen zusammenzuraffen verstanden hatten, indem er den Pfaffen ein paar Provinzen zu Lebzeiten schenkte. Als Gegenleistung dafür erhielt er vier Spannen Land unter der Erde bei seinem Tod. Er hätte sie auch mir vermachen können, und ich hätte dir bei jedem Mal, wenn du für mich lügst, um mir zu helfen, eine Goldmünze gegeben, dann wärst du reich.«

»Ich will aber zwei!«, rief Checchina und zog mich bei den Ohren.

»Ich werde dir vier geben, wenn ich sie habe. Aber schau dir am Ende nur den schönen Geck mit dem Gewand aus Spitze an, der Einzige, der hier sympathisch ist. Das ist der Herzog Nicolino, der seiner Frau vor dem gesamten Hof in der Kutsche ins Gesicht schlug. Aber was stellen diese vier jetzt noch dar? Siehst du da im Baum die Schar von weiteren Bernardinos, Gian Micheles, Gian Luigis, Gedeones und Giacominos? Um Mitternacht müssen wir zurückkommen, eingehüllt in weiße Laken, damit sie denken, wir wären Geister. Und wenn sie dann vom Baum herunterklettern, werden sie sich vorstellen und Rechenschaft über ihre Taten ablegen.«

»Giugiù, Giugiù, ich hab Angst«, schrie Checchina, die es lustig fand, Angst zu haben. »Lass uns von hier weggehen, sofort!«

Ich tanzte Checchina etwas vor, um sie zu unterhalten und mich selbst zu beruhigen, nachdem ich so herausfordernd so viel Unsinn geredet hatte. Die letzten Pfeile behielt ich für die Baronin von Egloffstein, Gemahlin des Herzogs Nicolino, ebendie, welche die Ohrfeigen bekommen hatte. Dieses Porträt, das Angelika Kauffmann von ihr gemalt hatte, wurde in unserer Familie so behandelt, als wäre es eine lebendige Person. Auf dem Bild erkannte man eine schmächtige Frau mit verschatteten Augen, wie bei meiner Schwester Cristina, viel zu groß für das noble Oval des Gesichts, was auf übersteigerte Sensibilität und schlechte Gesundheit hindeutete. Diese Dame war wegen einer kurzen Begegnung mit Goethe, der dieser Begebenheit einige Seiten gewidmet hatte, Gegenstand immer neuer Monographien, geschrieben von Pedanten, denen es gelingt, sich von unbedeutenden Kleinigkeiten so zu nähren wie Bücherwürmer von Staub. Der Herzog Nicolino, der zweifellos schrecklich eifersüchtig war, sah sich nach jener bewussten Episode gezwungen, sich von seiner Gemahlin zu trennen, und verwilderte bis zu seinem Tod in einem heruntergekommenen Kastell im salernitanischen Calvanico. Dort brachte er eine ländliche Nachkommenschaft unehelicher Cousins hervor, die jedoch weiterhin in unserem Namen, wie es hieß, dieses halb zerfallene Kastell hielten, das niemand aus der Familie je gesehen hatte. Das alles machte ich der Baronin von Egloffstein zum Vorwurf und verpasste ihr wenig respektvolle Titel, an denen Checchina unbändigen Spaß hatte. Hin und wieder warf ich dabei einen flüchtigen Blick auf den Herzog Nicolino in der Hoffnung, dass er mir zustimmte. Doch er blieb rätselhaft verschlossen.

Schließlich kehrten wir wieder in unser normales Spielzimmer zurück und atmeten unbeschwerter in dieser häuslich unschuldigen Atmosphäre. Ich nahm mir vor, ein Buch von Andersen zu lesen oder eines von Salgari oder Defoe, oder ich vertiefte mich in endlose Spiele mit Zinnsoldaten oder solchen aus Pappmaché. Checchina machte nichts, außer dass sie mir Gesellschaft leistete und einen Haufen unzusammenhängendes Zeug redete, was mich wieder aufheiterte.

 

Mein Vater erzählte, dass in dem Augenblick, in dem unser Großvater, der Herzog Gian Carlo, seinen letzten Atemzug tat, ein Schwalbenschwarm vom Balkon hereinflog und über der trauernden Familie kreischte. In dieser feierlichen Stunde erblickte er darin ein glückverheißendes Omen, und das brauchte es auch, denn die Überlebenden befanden sich in schwieriger Lage und waren wenig darauf vorbereitet, sich der Zukunft zu stellen.

Der Feuchtigkeitsfleck, der sich im Stammbaum ausgebreitet hatte und die Generationen verschwimmen ließ oder sogar die auslöschte, die zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts auf den eifersüchtigen Herzog Nicola folgten, fand sein reales Gegenstück in einer dunklen Wolke, nämlich in den Denkweisen und Ereignissen, in deren Schatten sich im Lauf von zwei Jahrhunderten ein Vermögen aufgelöst hatte, das in den sieben voraufgegangenen Jahrhunderten angehäuft worden war.

Es schien, als hätte sich zwei Jahrhunderte lang keiner dieser Sanseveros jemals um die zahllosen Güter in Kalabrien, in der Basilikata, auf Sizilien oder in Apulien gekümmert. Das entsprach dem Brauch der Zeiten, denn wenn König Karl III. dem Glanz und der Pracht der Könige von Frankreich nacheiferte, dann bestätigte er sich damit vor allem als Erbe des farnesischen Bluts, während sein Minister Tanucci, der unter den Adeligen einen Wettlauf um schönen Schein und Verschwendung förderte und zugleich mit dem Schwinden ihres Reichtums auch deren Macht einschränkte, wesentlich tiefer zielte.

»Da ist er ja, unser kleingewaltiger Colbert«, sagte Gian Luigi und drehte und wendete in seinen Händen die Karikatur des Ministers aus feinstem Porzellan der Prima Epoca. »Glänzende Idee, den meridionalen Adel, der der Zentralmacht gegenüber positiv eingestellt war, zu kastrieren, so dass, als diese in Neapel verschwunden war, der Mezzogiorno ohne seine natürlichen Anführer dastand!«

Damals war ich nicht in der Lage, diese historische Sicht zu bewerten. Doch da den Herren des Mezzogiorno der Scharfsinn keineswegs abhandengekommen war, muss man annehmen, dass Tanuccis Politik (die er im Übrigen vom spanischen Vizekönigreich geerbt hatte) beim Adel auf nicht nachvollziehbare Zustimmung traf. Gab es etwa, zumindest bei dem einen oder anderen dieser benommenen Genussmenschen, ein »cupio dissolvi«, das eines asiatischen Philosophen würdig wäre, den Wunsch, sich selbst aufzulösen, sich im Bewusstsein der Schicksalhaftigkeit der Geschichte aufzuheben?

Unsere Ahnen schwiegen also, während die Verwalter die Renditen über Jahrzehnte hinweg nicht überwiesen und sich so, durch einfache Verordnung, zu Eigentümern der Ländereien machten. Sie, die Ahnen, unterschrieben mit geschlossenen Augen jedwede Verpflichtung, Abtretung oder Überlassung, und waren gelegentlich sogar in der Lage, einen in Familienbesitz befindlichen Palazzo zu verlieren, und das als Folge einer ganzen Reihe von Absurditäten. So hatten sie sich beispielsweise verpflichtet, einen feststehenden jährlichen Betrag als Wohltätigkeit für eine fromme Einrichtung zu überweisen, und diese Zahlung großspurig mit dem eigenen Haus garantiert. Vergaßen sie, den Jahresbetrag zu zahlen, wurden sie von der frommen Einrichtung enteignet, worüber sie aber erst in Kenntnis gesetzt wurden, als es zu spät war.

Durch diese Machenschaften waren eine nicht näher bestimmbare Zahl von Besitztümern und Lehen – darunter einige von gewaltiger Größe – bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts auf eine geringe Zahl geschrumpft, und dann wirkten noch sozusagen schicksalhafte Umstände mit, wie der frühzeitige Tod, nicht geschäftsfähige Minderjährige, entmündigte Alte oder Hitzköpfe, die in den napoleonischen Wirren zu Schaden gekommen waren, den Auflösungsprozess zu vervollständigen. So kam es, dass von so viel Reichtum gerade einmal eine bescheidene Reserve bis zu meinen Großeltern gelangt war, ohne dass dies jedoch zu einem Wechsel in der Denkweise geführt hätte.

Waren die Vorfahren wie Nüsse am Stammbaum harte, reaktionäre und bigotte Menschen gewesen, so endeten die heruntergekommenen Erben in einem abstrakten Gleichmut, wenn nicht gar in einem würdelosen Fatalismus. Bei meinem Großvater Gian Carlo, der selbst bereits in äußerst eingeschränkten Verhältnissen lebte, wurde einmal einer seiner Landpächter vorstellig, um ihm die Pacht für eine bestimmte Mühle im Sorrentinischen zu entrichten, von der noch niemand jemals etwas gehört hatte. Der Großvater erhielt die Pacht und den Handkuss dieses gütigen Mannes und beschäftigte sich nie wieder mit der Mühle, die dann so plötzlich wieder verschwand, wie sie unvermutet aufgetaucht war.

Der jüngste der Brüder, Giovannandrea Sansevero, später Kardinal der Heiligen Römischen Kirche, war der letzte Spross am alten Baum. Der Erstgeborene dagegen wollte sich aufgrund seines unbeugsamen Stolzes aus einer Welt zurückziehen, in der er nicht der Erste sein konnte, und so vermischte er nach mehr als dreißig Generationen seine vierundsechzig Adelsteile mit dem Blut einer Bürgerlichen, einer Ippolita Flavio von unklarer Herkunft. Danach blieb dem Geschlecht nichts anderes übrig, als entweder unterzugehen oder sich zu erneuern. Mein Vater Gian Luigi sollte über diese Lektion in seiner Jugend nachdenken und sich vornehmen, der homo novus zu sein, der neue Mensch.

Über diese Vergangenheit sprach Gian Luigi tatsächlich nie. Doch meine Mutter Annina liebte es, ein paar der unvernünftigsten Verschwendungsgeschichten zu erzählen, die in der Familienüberlieferung erhalten geblieben waren, und das mit einem Lächeln, das dieses Verhalten nicht nur einzugestehen, sondern sogar gutzuheißen schien. Ursprünglich stammte Annina aus dem niederen französischen Adel, war aber nicht immun gegen jene Haltung, die man mit einem besonderen Wort einer bestimmten sozialen Schicht bei uns ofanità nennt, was »Hoffart«, gelegentlich auch »Eitelkeit« bedeutet.

»Bernardo, der Vater von Bernardino«, sagte sie einmal, »hinterließ seinem Kutscher im Testament zweiunddreißig Pfund Silber, das war die Zuwendung für den Reitstall, gedacht für die Hufbeschläge seiner Pferde!« Gian Luigi machte deutlich, dass er nicht zuhörte. Und ich, so klein ich auch war, hörte ohne Überzeugung zu.

Umgekehrt bewahrte der jüngste meiner Onkel, dem zu Ehren des Begründers unseres Geschlechts der archaische Name Gedeone aufgebürdet worden war, bei diesen abgestandenen Geschichten eine durchaus sympathische Haltung. Von ihm erhielt ich die wenig orthodoxe Nachricht über einen Prozess gegen den Kuriale wegen vor der Königlichen Münzprägeanstalt unterschlagener Goldstücke, und auch die andere über die vom General Gian Luigi unter spanischer Flagge in Flandern durchgeführten Brandschatzungen. Onkel Gedeone kam zu dem Urteil, dass, historisch gesehen, unsere Vorfahren, die immer im Dienst der Herrschenden gestanden hatten (einer war bei der Unterdrückung gegen Masaniello grausam ermordet worden), für die Leibeigenen in Neapel mitverantwortlich waren, die viele Jahrhunderte lang unter das Joch der Fremden gezwungen worden waren. Doch die Gespräche zwischen meinem Onkel und mir blieben eine private Angelegenheit.

Von unserem Haus (zur damaligen Zeit in der Nähe der Solitaria) bis zum Haus der Onkel war es nicht weit. Sie lebten zurückgezogen in einer Art zölibatären Konvents auf der fünften Etage, im Vico di Palazzo. Diese Orte, ganz zentral gelegen zwar, aber ohne Plan, wie man sie in Neapel oft antrifft, sind voller niedriger Wohnungen und melancholischem Dreck, obwohl sie eng um karolinische Denkmäler herumgebaut sind. Und der Wohlstand wird hartnäckig von der sich ausbreitenden Armut der anderen belagert. Doch im Vico di Palazzo selbst flatterten nicht einmal die Fahnen des Elends: die fröhlichen Wäschestücke Neapels, die wenigstens reich durchsonnt werden.

Diese Gasse zieht sich hinter den massiven Gebäuden der Via Gennaro Serra hin, die allerdings von dieser Seite nur düster ausdruckslose Mauern und misstrauische, jahrhundertealte Eisengitter bieten, aus denen unaufhörlich Küchendünste strömen. Die Reihe der entrechteten Häuser, die auf diese Rückansichten voller Neid blickte, war stumm und dunkel, auch wenn man versuchte, auf den abgenutzten Türen das eine oder andere gemalte Wappen zur Schau zu stellen. Weiter hinten hängen die Häuserblocks der Gasse über der Talmulde der Chiaia, gedrängt voll bis zur halben Höhe von den Fabriken, die an dieser Straße liegen. Auch an diesem Teil sieht man nur Straßenhügel, die sich bockig zwischen Balkonen, Loggien, Luken und Gauben oder noch intimeren Schlupfwinkeln hinziehen, und die damals so von Leben erfüllt waren, wie ich es zu der Zeit nicht im Entferntesten vermuten konnte.

Dort oben also wohnten meine Verwandten, in einer großen, einzigartigen Wohnung mit gewundenen Korridoren, asymmetrischen Fenstern, Wänden mit phantasievollen alten Tapeten: mit Blumen, mit Pagoden, mit Festonstichen. Diese Wohnung war als Ergänzung zum ursprünglichen Bau entstanden und zog sich zwischen überdachten Dachterrassen und Wohnblocks hin, änderte oft das Niveau, mal um eine, mal um zwei bis drei schieferne Stufen; sie blickte so ziemlich überall auf etwas hinaus und war reich an besonderen Gerüchen. Sie war mit glänzenden Steinplatten ausgelegt, die sich zum großen Teil gelockert hatten und unter den Füßen ruckelten; die Wohnung wurde von Winden gepeitscht, von der Sonne geschlagen und mit Leichtigkeit auch vom Regen heimgesucht. Wie kaum etwas sonst war sie geeignet, Katzen, Blumen und Kanarienvögel zu halten, an einigen Stellen dunkel, an anderen voller Luft und Licht. Und vor allem offen zur Chiaia-Seite hin, oberhalb des grenzenlosen Panoramas von Menschen und Dingen, das vom Hügel mit dem Castel Sant’Elmo gekrönt wurde, und einem Himmel, der mir in Erinnerung bleibt als der einzig wahre Himmel von Neapel: mein heimatlicher Himmel.

Die einzige Tante, Francesca, regierte diesen Haushalt mit monastischer Strenge. Manchmal, zur Dämmerstunde, traf ich die beiden Onkel an, die ihr zuhörten, während sie den Rosenkranz betete: Gedeone, der gesittet auf einer altersträchtigen Truhe saß, und Gian Michele, der in der für ihn typischen Weise im Zimmer hin und her spazierte, ohne jemals stehen zu bleiben oder sich zu setzen, und dabei auf einer gerösteten Kaffeebohne herumkaute, von denen sie eine volle Terrine mitten auf dem Tisch stehen hatten, allein für ihn.

Mein Vater war als einer der Zwillinge zwei Stunden vor dem anderen geboren worden und hatte so das Erstgeburtsrecht und den Titel erworben. Doch entsprechend der bekannten These konnte man auch der Ansicht sein, dass Gian Michele, selbst wenn er als Zweiter auf die Welt gekommen war, gleichwohl der Erstgezeugte sein konnte. Eine Meinung, die in einer Familie wie der unseren ihren ganz eigenen Wert hatte. In ihm, der auch mein Taufpate war, überlebten gewisse uralte Charaktereigenschaften eines anderen unserer Ahnen, dessen Porträt in der Wohnung der Onkel aufbewahrt wurde, und ich hätte es nicht gewagt, darüber zu lachen. Wie diese Persönlichkeit, der Heerführer von Ranuccio II. Farnese, übernahm Gian Michele an Stelle des quadratischen Barts, der Gian Luigi ein so majestätisches Aussehen verlieh, den Spitzbart von Charles I. Stuart, was seiner hohen Gestalt und seinen edlen, schlanken Gesichtszügen einen strengen Ausdruck verlieh.

»Wenn die Nachkommen den Vorfahren ähneln«, sagte mein Vater mit dem üblichen ironischen Anflug in der Stimme, »bedeutet das, dass die Damen des Hauses anständig waren!«

»Und in der Aristokratie von heute«, antwortete ihm der Marchese Lerici, dieser eingefleischte Spötter, »gibt es viel zu viele, die, statt zu fechten und sich aufs Pferd zu schwingen, lieber kochen oder Kutschen lenken. Von wem die wohl ihre Vorlieben geerbt haben?«

Schweigsam, nachdenklich und hochgebildet, verbarg Gian Michele unter höflichen Formen ein ungestümes, brennendes Gemüt. Doch konnte er auch urplötzlich und auf gefährliche Weise explodieren, und tatsächlich hatte er sich während seines Militärdienstes einmal aufgelehnt. Von dieser Stimmung glühender Melancholie, verbunden mit einer Art von ideellem Mystizismus, musste er am Ende besiegt worden sein, doch die Liebe zu einer Witwe, der er folgte und von der er später verlassen wurde, stand zu jener Zeit erst am Anfang. Schon seit vielen Jahren arbeitete Gian Michele zusammen mit meinem Vater an einem gemeinsamen Projekt, das erste Ergebnisse zeitigte. Damals rieb er sich ausschließlich in Mühsal auf und hielt sich mit seinen Kaffeebohnen auf den Beinen. Nur selten sprach er mit mir, mit einer tiefen, belegten Stimme, die, glaube ich, von einer Krankheit in seiner Jugend herrührte, was aber seinen Worten eine geheimnisvolle, durchdringende Substanz beimischte.

»Wenn der ungestüme Charakter deines Vaters«, sagte Gian Michele und unterbrach dabei keineswegs seinen Spaziergang, »und wenn der scheinbar sanfte, doch eigentlich launische Charakter deiner Mutter sich eine Beschränkung auferlegen könnten, würde es kein Hindernis für eine Wiederauferstehung unserer Familie geben, denn Gian Luigi ist ein Urtalent.«

Wenn Gian Michele, der sich eher an sich selbst zu wenden schien als an mich, der ich noch ein kleiner Junge war, sich mit einer derartigen Bemerkung hervorwagte, dann, weil er besser als jeder andere wissen musste, bis zu welchem Grad sich die Sanseveros von ihren Liebesgefühlen beherrschen lassen konnten. Diese Charaktereigentümlichkeit konnte man zwar nicht aus der Erforschung des Stammbaums ableiten, doch der Herzog Nicola, dem nach seiner Trennung von der Baronin von Egloffstein auf dem Höhepunkt des Jahrhunderts der Laffen und Beaux nichts Besseres eingefallen war, als sich nach Calvanico zurückzuziehen, um dort zu sterben, war das deutlichste Beispiel für diese Temperamentslage.

Wenn die Liebe für die einen ein Vergnügen ist, für andere etwas Sorgenvolles, ein plötzliches Fieber oder ein Strohfeuer, so stellt sie für viele der Meinen stattdessen, wie ich später begreifen musste, eine ungestüme Begeisterung im Innersten dar, auch wenn dies nicht unmittelbar zum Ausdruck kommt; eine krankhaft fixe Idee und dazu kompliziert im Halbschatten der Gefühlswelten, ein Reagens auf eine derart exzessive und chimärenhafte Phantasie, dass sie sich sogar für die Geliebte im Allgemeinen als unerträglich herausstellte und als eine Sklaverei für den Liebhaber, wenn nicht gar als sein Ruin.

Weil meine Tante Francesca eine jugendliche Gefühlsaufwallung, die erste und letzte in ihrem Leben, als Enttäuschung erfahren hatte, schwor sie, ledig zu bleiben, und blieb es auch. Onkel Gian Michele hatte sich auf denselben dornigen Weg begeben. Onkel Gedeone stürzte sich, wie ich sehr viel später erfuhr, in das gleiche unglückliche Abenteuer, mit den gleichen Resultaten, und der liebevollste, väterlichste Mann, dem man begegnen konnte, blieb sein ganzes Leben lang einer Erinnerung treu.

Die unzähligen Bernardinos und Teresas, die Mönche und Nonnen des Stammbaums, entsprachen daher nicht unbedingt einem Adelsbrauch, wonach der Zweitgeborene dem Ältestenrecht geopfert wurde, sondern eher einem Wald von unglücklichen Liebesbeziehungen, die diese Leben wie brennende, aber in einer leeren Kammer vergessene Kerzen verzehrt hatten. Und das war auch die Ursache für den jähen Sprung in der Verästelung des Stammbaums, der zahlreiche unfruchtbare Knospen hervorgetrieben hatte. Mein Vater war glücklicherweise Annina begegnet, doch Gian Michele schien zu befürchten, dass bei ihm das Familiengesetz umgekehrt wirksam würde, und zwar in dem Sinn, dass er möglicherweise der Leidenschaft für seine Gattin jedes andere Erfordernis geopfert hätte. Doch dafür war die Zeit noch fern.

Für den Augenblick verbrachten diese armen Opfer der Liebe ihre Sonntage da oben, inmitten strenger Regeln, sie waren beim Rosenkranzgebet zugegen oder spazierten in geschlossenen Räumen. Manchmal führte Onkel Gedeone mich in sein Zimmer, das am entferntesten und luftigsten Punkt lag, über einem Meer von Dächern, der wilden Erschütterung von Winden ausgesetzt oder der brüllenden Hitze. Doch auf dieses Zimmer war er ungeheuer stolz, und zwar wegen der von einem langen Korridor gehüteten Abgeschiedenheit und wegen der vielen Nelken- und Geranienpflanzen.

Gedeone war anders als seine Brüder: nicht hochgewachsen, ohne Bart, stets lächelnd und von gutmütigem Aussehen. Er ging in seiner staatlichen Karriere auf, dort war er geschätzt wegen seiner gewissenhaften Pflichterfüllung, ein Mann der Ordnung und ein beispielhafter Beamter. Es sah so aus, als hätte er außer zu seinen Geschwistern und uns Neffen und Nichten keine weiteren Gefühle der Zuneigung. Und seine Zerstreuungen bestanden darin, an Festtagen mich und Checchina mit der von Pferden gezogenen Straßenbahn zum Rondell von Capodimonte zu fahren oder zum Café Vacca im Park, um die städtische Blaskapelle zu hören, die unter dem eisernen Pavillon mit den bunten Scheiben die Mittelschicht der Belle Époque beglückte. Dieser Onkel war es auch, der uns zum ersten Mal die Augen für die Wunder des Kinos öffnete, für die Farcen von Cretinetti, für die patriotischen Filme über den Libyschen Krieg im Jahr 1911, als es unmöglich war, die Kinder auf den Sitzen zu halten, wenn auf der Leinwand die Federbüsche der Bersaglieri auftauchten.

In seinem Zimmer, alleine mit mir, ließ der Onkel sich merkwürdige Spiele einfallen, bei denen er sich selber am meisten amüsierte. Er stellte sich als Komponist von Opern vor, und nachdem mein Applaus zu Ende war, gab er ein selbstkomponiertes »Vorspiel« zu einem Mefistofele oder zu einem Guglielmo Tell zum Besten, die den bekannten weit überlegen waren, und er sang sie selbst mit verwegenen Falsetttönen. Dann trug er ein sehr breitgefächertes Repertoire patriotischer Gedichte vor, lustige Verse auf Neapolitanisch, oder gestaltete einige karikaturhafte Szenen, »Macchiette« genannt, in der Art von Nicola Maldacea, dem neapolitanischen Satiriker, alles Dinge, die ich zu seiner großen Freude nach und nach von ihm lernte und oft für ihn wiederholte, wobei er dann zum Publikum wurde und mir Beifall klatschte, so wie ich es vorher bei ihm gemacht hatte.

»Halt! wer da? Was schau’n die Leut,

Wenn sie mich seh’n, gestützt auf meinen Stock?

Halt! wer da? Ein alter Sergeant bin ich,

und kann euch sagen, wie die Kanone klingt.

Marsch! Rückt vor! Wir ziehn in die Schlacht,

als gingen wir singend zum Ball.

Einem Blütenregen gleicht der Kugelhagel.

Rampampàm! Rampampàm! Rampampàm!«

Harmlose Romantikereien, liebevoll von seiner Gutgläubigkeit an die meine gesandt. Und wenn ich jetzt an die machtvolle Intelligenz denke, die in diesen Familiengeschichten verborgen liegt, an die Hingabe und Bescheidenheit, mit der er anderen diente, fühle ich, dass er wirklich ein Heiliger war. Und er war der Einzige in unserer Familie, mich eingeschlossen, der die Sünde der Hoffart nicht beging.

Wir kehrten ins Esszimmer zurück, das von allen gemeinsam genutzt wurde. Der Tisch war schon mit dem schweren, weißleuchtenden Tischtuch gedeckt, den zu gigantischen Hörnern gestalteten Servietten, den Flaschen und den wuchtigen, geschliffenen Kelchgläsern; das Silber abgekantet und stumpf vom Gebrauch. Die Tante stopfte jetzt und zog ihr Nähzeug aus einer alten quadratischen Blechdose, die sie schon seit Jahrzehnten hatte. Ich wand mich, während ich wartete, bis schließlich ein höhlendumpfes Fauchen aus dem stimmlosen Sprachrohr aus Messing drang, das damals als telefonische Verbindung mit der Portiersloge diente und ankündigte, dass die älteste Hausangestellte von uns unten wartete, um mich zurückzubringen.

Diese Rückwege vergesse ich nicht. Von dem finsteren Spalt des Vico di Palazzo konnte man schon das Leben und die Lichter auf der fröhlichen Piazza der Santa Maria degli Angioli sehen. Plötzlich platzte die Fanfare der Bersaglieri dazwischen, die zum abendlichen Appell rief und Tausende von Tauben und Schwalben erschreckte, die auf der Kuppel dieser Kirche wohnten. Dann eilten die Soldaten im Laufschritt zu ihrer Kaserne hinauf, oben, am Monte di Dio. Scharen von kleinen Jungs liefen ihnen schreiend hinterher. Und wir gingen nach Hause, langsam, gemächlich, die Hausangestellte, ohnehin schon kurzsichtig, doch zu dieser Stunde eigentlich schon blind, hielt mich an der Hand, im Grunde, um geführt zu werden, nicht, um mich zu führen.

»Hat’s dir Freude gemacht?«, fragte meine Mutter und zwickte mich in die Backe. Ich roch den betörenden Duft ihrer Hände, und wie Onkel Gian Michele sagte ich mir im Stillen: »Sie ist launisch!«

 

Die Neigung von Jungs, auf Bäume zu klettern und dort Hütten zu bauen und Schlupfwinkel, wird zwar von den Anhängern des Darwinismus nicht als Beweis für dessen Theorie zitiert, könnte aber einer sein.

Keine Berührung ist der Hand des Menschen so angenehm wie die eines glatten, gehärteten Baumstamms; nichts entspricht der Anpassungsfähigkeit des Greifens besser; nichts ist bequemer als eine Astgabelung, nichts beschützender als eine Laubkuppel, nichts wohltuender für das vom Licht geblendete Auge als das Spiel von Licht und Schatten im dichten Blattwerk.

Im Gegensatz zu animalischen Wesen belastet der Baum mit dem Rhythmus seines Atems die Atmosphäre nicht nur nicht, sondern er erneuert sie sogar. Indem man ihr die eigenen konzentrierten Gerüche zurückgibt, nimmt sie an Düften und Lebenskräften zu. In der Wiege der biegsamen Äste, die ohne alle Gefahr mitmachen, und solange das perfekte Gleichgewicht von Stützen und Gewicht einen der Pflanze anverwandelt hat, wird man dort schlafen und sich regenerieren können. Zuweilen habe ich dort geschlafen.

Unser friedvolles neapolitanisches Leben wechselte schon seit vielen Jahren mit unendlich langen Aufenthalten in einer Villa außerhalb des kleinen Dorfs San Sebastiano an den Hängen des Vesuvs ab. An diesen Ort knüpfen sich einige der ältesten Erinnerungen, lange bevor noch Checchina die eine oder andere Stimme in meiner ruhig sanften Einsamkeit aufweckte.

Diese Zeit steht mir vor Augen, reglos und still. Ich hatte keine Verbindung zu anderen Gruppen von Jungen und verbrachte meine Zeit fast ausschließlich mit »Geduldsspielen«, wie man sie didaktisch nannte. Noch sehr klein, erstellte und zerstörte ich mit Bauklötzchen Bauwerke, welche die Aufmerksamkeit meines Vaters erregten, der damals, selbst Ingenieur, darüber nachdachte, mich an diesen Beruf heranzuführen, wohingegen er für seinen Erstgeborenen Ferrante völlig andere Hoffnungen hegte.

Die Einzigartigkeit von Gian Luigis Verstand erlaubte es ihm, auf alte Vorstellungen neue zu pfropfen, die deren Verneinung zu sein schienen. Doch für ihn, der als Kämpfer in die reale Welt herabgestiegen war, die Krupp als Propheten und die Lokomotive als Bundeslade betrachtete, hatte die wie auch immer geartete Tätigkeit nur den Wert einer zwar notwendigen, aber befristeten Parenthese: die Sanseveros sollten, wie in der Vergangenheit, eine Struktur wiedererrichten, über der sich ein Gipfel auftürmen sollte. Zu anderen Zeiten hätte man mich ohne Zögern für die Waffen oder das Kloster bestimmt. Jetzt aber dachte man, dass es mir zufallen müsste, für den Unterhalt unseres Hauses zu sorgen, und Ferrante sollte nichts als dessen Glanz repräsentieren. Meine unschuldige Hingabe an die winzigen Paläste aus Buchenholz, an die mit Moos oder Pappe ergänzten Kirchlein oder Kastelle, bestätigten Vorstellungen, mit denen, einmal aufgekommen, meine Eltern nie mehr brachen und die sie auch nicht mehr diskutierten.

Ich, der ich von den bedrohlichen Wolken nichts ahnte, die sich über meiner gesamten Zukunft zusammenzogen, ließ die Bauten nur für die Bücher liegen. Ich erinnere mich nicht, wann ich das Lesen erlernt hatte, doch war es sehr früh, und das aus einer starken natürlichen Neigung heraus. Diese Leidenschaft war so groß, dass mir das Lesen oft verboten wurde, aus Rücksicht auf meine Gesundheit, die aber ausgezeichnet war und sich ganz sicher nicht über bedrucktem Papier verbrauchen würde. Doch die hoffnungsvollen Prognosen, die man aus dem Spiel mit den Bauklötzchen zog, übertrug man nicht auf diese andere, obwohl so ungeheuer starke Neigung, denn die Wahrheit ist, dass das Auge nur sieht, was es zu sehen wünscht.

Meine Sanftmut, meine Gelassenheit indessen waren groß. Die kurzsichtige Hausbedienstete, die meine erste Gouvernante war, führte mich bisweilen in den Stadtpark von Neapel und machte es sich zur Regel, sich neben mich auf eine Bank zu setzen. Als ich eines Tages dieser ganzen Untätigkeit überdrüssig war, ließ ich statt meiner den breiten Panamahut dort zurück – solche Hüte waren damals bei Jungen Mode –, und während der nächsten zwei Stunden schrie und rannte ich waghalsig mit anderen zufälligen Spielgefährten herum, während die Gouvernante, die den unbeweglichen Hut immer im Auge behielt, tatsächlich glaubte, dass ich mich nicht von ihrer Seite entfernt hätte. In San Sebastiano vertraute man daher meiner Gelassenheit und Ruhe und gab mir keinen Aufpasser mit, und so war meine Freiheit absolut.

An den langen Sommernachmittagen, wenn die Familie die Siesta des Südens fast bis zum Sonnenuntergang ausdehnte, hatte ich für mich unendlich lange, glückliche Stunden auf den Feldern, die inzwischen bis an die Wüste der alten erkalteten Lavaströme heranreichten. Und vor allem hatte ich mir auf einem gigantischen Mispelbaum, der vor unserem Haus wuchs, einen kleinen luftigen Raum hergerichtet, der für einen schwereren Menschen als mich unerreichbar war. Von dort aus erblickte ich eine ausgedehnte grüne Landschaft mit Häusern und dem weit in der Ferne glitzernden Meer.

Oh, dieser liebenswerte Mispelbaum! Seine Früchte pressten mir einen Saft zwischen die Lippen, der zuerst säuerlich war und dann unversehens zuckersüß wurde. Der Mund erkannte ihn, wenn er sich um die großen, glatten Kerne bewegte, bis er den ersten sauren Geschmack wiederfand und dann zwischen herb und süß von neuem anfing mit diesem Zeitvertreib nach Vogelart. Und zwischen den halb geschlossenen Augenlidern, die den unendlichen Atem des Himmels filterten, das Land und das sonnenbeschienene Meer da draußen!

Die Verschwendungslust des Mispelbaums war grenzenlos. Auf den kurzen hutzligen Zweigen, die an die Finger einer wohltätigen alten Fee erinnerten, boten sich die Mispeln mit ihrer kostbaren, tiefbraun gesprenkelten Schale zu dritt, zu viert, zu fünft, immer zahlreicher an, wie eine Einladung im üppigen Blattwerk. Es war ein Bankett, das auf nichts anderes abzielte als auf die glückselige Sattheit, das Gastmahl der dem Menschen freundlich gesonnenen Natur, die nicht verbotene Frucht vor dem Auftauchen der Schlange. Und meine Unschuld hatte es verdient. Später sollte der andere Baum, der auf der gemalten Leinwand, seinen Schatten auf diesen werfen, den ich tief innerlich als den meinen betrachtete, doch ohne in der Lage zu sein, ihn an seine Stelle zu setzen. Meine Seele konnte nicht zögern, zwischen diesen beiden Gewächsen ihre Wahl zu treffen, doch nicht einmal das wusste ich zur damaligen Zeit.

Bisweilen hinderte mich meine Beschaulichkeit daran wahrzunehmen, dass der Himmel sich von der Bergseite her verfinsterte. Der Gipfel war bereits verschwunden, eingehüllt in die bleiernen Dämpfe des Schirokkos, der die schwefeligen Schwaden des Vulkans zu uns hinunterjagte. Deren beißender Geruch drang bis zu uns. Eiliges Laufen, heftiges Zuschlagen von Fensterläden waren die Vorboten einer kleinen tiefinneren Tragikomödie, auf die ich längst vorbereitet war, als ich den Stamm des Mispelbaums hinunterglitt, auf den die ersten Regentropfen schlugen.

»Der Donner! Der Donner! Heiligejungfraumaria, steh uns bei!«

Draußen breiteten sich aus dem dunklen Schoß der Wolken die Echos des ersten Knalls von Hügel zu Hügel an den Hängen des Vesuvs aus: sie waren die gewaltigen Trommeln der wilden Götter der Antike, die auf den Kriegspfad herabstiegen! Durch die Fensterläden ging das Licht der Blitze dem markerschütternden Ausbruch um einen ganz kurzen Augenblick voraus. Und Annina, umgeben von den Dienerinnen, die im Haus, das sogleich in Dunkelheit getaucht war, um die Wette rote Kerzen vor den Bildern der Heiligen aufgestellt hatten, sprach hastig Gebete, wie Beschwörungen, während ich und später auch Checchina, die sich in eine dunkle Ecke verzogen hatte, dieses Verhalten mit besänftigendem Respekt beobachteten, als wären wir Menschen, die zufällig bei der Liturgie in einer anderen Kirche als einer der eigenen Religion zugegen waren.

Diese Szenen, die in unserem Haus so regelmäßig wiederkehrten wie die Gewitter am Himmel, führten mir ferne Erinnerungen vor, die ersten möglicherweise, den Urschrecken, vermischt, wie man sieht, mit Religiosität, mit Aberglauben und praktischem Sinn. Meine Mutter, so sagte sie mir, war als kleines Kind von einer Nervenkrise heimgesucht worden, und das wegen eines Blitzes aus heiterem Himmel, der im Garten eingeschlagen war, wo sie saß und mit ihren Puppen spielte. Seitdem stürzte die Elektrizität sie, so kurz sie sich auch in der Luft verdichtete, in eine nicht zu überwindende Fassungslosigkeit. Der Ausbruch des Gewitters war für sie ein heftiges Leid. Mit geweiteten, starren Pupillen, bebenden Lippen, Händen, die die Perlen des Rosenkranzes nur eben betasteten, schien Annina außer sich zu sein, während der Hagel wütend gegen die Fenster schlug und der gesamte Gang des Familienlebens zum Stillstand kam.

In San Sebastiano waren die plötzlichen Wirbel vom jähzornigen Vulkan und häufig auch der Alarmruf und die daraus erfolgenden Stoßgebete und Verwünschungen häufig. Doch die Ängste meiner Mutter hatten mit meiner Gefühlslage nichts zu tun. Mich stimmten die Gewitter heiter, und der ganzen Bestürztheit begegnete ich als ironischer Richter. Wenn man mich gelassen hätte, wäre ich auf meinem Mispelbaum geblieben oder ich hätte wenigstens die Fenster aufgerissen, um den lebendigen Regen zu empfangen, oder ich wäre sogar in die Wolken eingetaucht. Auf einem Blitz zu reiten erschien mir in meiner kindlichen Phantasie wie ein blendendes Abenteuer.

Ich erinnere mich nicht, Gian Luigi in solchen Umständen je gesehen zu haben. Es war die ruhmreiche Zeit, als er zusammen mit Onkel Gian Michele bei der kalabrischen Eisenbahn arbeitete, beim Aquädukt von Apulien, bei den Häfen von Brindisi und Tarent, wo er sein Vermögen wieder aufbaute. Die Zwillinge hatten sich noch vor dem Tod des Herzogs Gian Carlo allein und verlassen gesehen, mittellos in einer unbekannten Welt, mit der Bürde des abgearbeiteten, erschöpften Vaters, ihrer selbst, der Mutter und der jüngeren Geschwister.

Ohne seine Studien abgeschlossen zu haben, war Gian Luigi der Erste, der sich der Tyrannei einer Anstellung bei einer Baufirma unterwarf: etwas für ihn äußerst Schwieriges, denn zu all seinen von adeliger Erziehung herrührenden Gefühlsäußerungen und Hemmungen kam die völlige Unerfahrenheit im Umgang mit dem neuen System, mit dem er konfrontiert war.

Doch dieser Hühnerstall konnte einen Falken mit so robusten Federn nicht abhalten. Kurze Zeit später war er Chef eines eigenen Unternehmens, in das Gian Michele als Rechtsanwalt eintrat, um ihm zu helfen. Die vereinten Qualifikationen und Fähigkeiten der beiden Brüder wurden zur unangreifbaren Macht in der sonnenbeschienenen, staubigen Welt des Kalkmörtels.

Davor aber lag noch eine heroische Zeit.