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Für Männer, die vor der Säge im Baumarkt stehen bleiben Dies ist ein Buch für alle, denen es in den Fingern juckt, wenn ein Baum gefällt wird. Und die selbst mit Hand anlegen, wenn die Natur bis in den städtischen Garten vordringt: Teamwork, Technik, Schweiß und Ausdauer - täglich stellen die Baumhirten Peter Rammes und Moritz Buchmüller sich der Herausforderung, zwischen Natur und Mensch zu vermitteln, und sorgen für Sicherheit, wo beide sich Lebensraum teilen. Als Garten- und Landschaftsbauer haben sie ihren eigenen Baumpflege-Fachbetrieb. Sie bilden aus – im Baumklettern und an der Motorsäge. Und sie nehmen alljährlich an Baumkletter-Meisterschaften teil, wenn sie nicht gerade beruflich im Baum sitzen und den Blick über die Welt genießen. Was aber sind die Bedürfnisse eines Baumes? Was tun, wenn alte Bäume, die jahrelang Wind und Wetter getrotzt haben, dem Neubau-Gebiet weichen sollen? Wann muss gefällt werden – und lohnt sich die Anschaffung einer Motorsäge? Die Baumhirten Rammes und Buchmüller sind auf Baustellen zu Hause wie im Wald und führen ein Traumleben für Outdoor-Freaks. Bei ihnen sind Kettensägen Alltag. Und die Vorbereitung auf den nächsten Baumkletter-Wettbewerb zehrt an den Nerven. Trotzdem: Das ist es wert. Ein Abenteuerleben für Naturfreaks zu führen. Ihre Fan-Gemeinde auf Facebook verfolgt sie schon beim täglichen Einsatz in den Baumwipfeln, bei Baumkletter-Wettbewerben, aber auch dort, wo sie beratend im Garten tätig werden und den Gartenbesitzern helfen, die wichtigen Entscheidungen zu treffen: Muss gefällt werden? Wie viel Schatten verträgt ein Garten? Und wie genießen wir am besten die Natur vor unserer Haustür? Dieser Bericht von Autor Peter Rammes über einen faszinierenden Beruf ist ansteckend und leidenschaftlich erzählt. Für Fans der Trend-Sportarten Baumklettern und Timbersports.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2020
Peter Rammes
und Moritz Buchmüller mit Leo G. Linder
Zwei Männer, eine Säge und der Wald
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Täglich stellen die Baumhirten sich der Herausforderung, zwischen Natur und Mensch zu vermitteln, und sorgen für Sicherheit, wo beide sich Lebensraum teilen. Was aber sind die Bedürfnisse eines Baums? Was tun, wenn alte Bäume, die jahrelang Wind und Wetter getrotzt haben, einem Nachbarschaftsstreit zum Opfer fallen sollen?
Die Baumhirten sind auf Baustellen ebenso zu Hause wie im Wald und führen ein Traumleben für Outdoor-Liebhaber. Bei ihnen sind Kettensägen Alltag. Und die Vorbereitung auf den nächsten Baumkletter-Wettbewerb zehrt an den Nerven. Trotzdem: Das ist es wert. Ein Abenteuerleben für Naturfreaks.
Widmung
Und das soll ein Beruf sein?
Wie man auf die Idee kommt, sich eine Motorsäge tätowieren zu lassen
Den Bäumen eine Stimme geben
Und Asterix hatte doch recht
Das alte Lied vom großen, bösen Baum
Erste Vorbereitungen für den Aufstieg
Höhenangst, Höhenlust
Letzte Vorbereitungen für den Aufstieg
Ein Hauch von Seefahrt
Vor Krähen wird gewarnt
Der Stadtbaum als Fakir
Borkenkäfer, Brandkrustenpilz und Konsorten
Nichts gegen Bäume – wenn bloß die Äste nicht wären
Die technische Seite des Baumkletterns
Tarzan im Hinterkopf
Baumpflege »Lebensgefahr«
Zapfenpflücken
Hier irrte Sokrates
Der keltische Baumkalender
Ich klinke mich aus
Zarathustra oder die Aussicht auf Glück
Die Chance meines Lebens
Bäumefällen als Extremsport
Teamgeist und Teamwork
Was denkt sich ein Baum dabei?
Ungebetene Gäste
Wind und Wetter
Das große Bäumeraten
Baum und Zeit
Und zum Abschluss ein Salto vorwärts
Zypressen gehören nicht in die Wüste
Do it yourself
Dank
Ich widme dieses Buch allen »Baumlobbyisten«,
aber ganz besonders allen Frauen,
die sich in der männerdominierten Welt
der Baumpflege durchsetzen!
Ich hänge in der Luft. Über mir nur Himmel und Geäst. Wenn ich den Blick nach unten richte, wandert er tief, bis er den Boden berührt. Selbst die nächste Umgebung wirkt klein und fern, noch kleiner, noch ferner als sonst. Nichts verstellt den Blick über das Tal der Wupper, die bewaldeten Hänge und die Stadt, die sich an ihren Ufern durchs Tal windet.
Die Eichhörnchenperspektive.
Menschen gehören hier oben eigentlich nicht hin. Unsere Füße sind dafür geschaffen, festen Untergrund zu berühren, damit bewegt man sich vorzüglich am Boden fort und sollte dort auch bleiben – da hat ein Fehltritt keine allzu bösen Folgen, da fällt man nicht besonders tief. Ich hingegen … Nicht einmal meine Hände kann ich zum Festklammern benutzen, sie halten die Säge. Mein Leben habe ich einem Seil anvertraut, meine Füße tasten nach einem Halt, und jetzt fräst sich die Motorsäge mit heiserem Gebell in den Eschenstämmling vor mir.
Späne spritzen. Aus der Kerbe auf der abgewandten Seite der Esche löst sich eine keilförmige Halbscheibe und fällt in die Tiefe. Jetzt noch ein Schnitt auf meiner Seite, etwas höher angesetzt, dann ein leichter Stoß mit der Hand, der Stämmling neigt sich, kippt, reißt, und ein komplettes Kronenteil segelt davon, schaukelt in der Luft, pendelt, von einem eigenen Seil gehalten, und schwebt dann abwärts, langsam, wie in Zeitlupe, wie im Traum.
Ich hänge die Säge zurück an den Gurt. Den Rest besorgen für den Moment die Jungs am Boden, der Mann am Poller, der Mann an der Winde. Meter für Meter lassen sie das Kronenteil ab, 30 Meter tief, und was da im Seil hängt, das wiegt ordentlich, das will mit Gefühl behandelt werden. Es muss eine Punktlandung werden, denn das Grundstück zwischen der Hauswand gegenüber und dem Steilhang auf meiner Seite ist klein, von mir aus gesehen nicht größer als ein Topflappen. Was die beiden leisten, ist Präzisionsarbeit.
Wie alles an diesem Tag. Denn wir haben gezaubert, haben die Nachbarbäume einbezogen, um ein kunstvolles System aus Seilen und Rollen zu installieren, das uns erlaubt, auf engstem Raum mit größter Behutsamkeit zu operieren. Jeder Handgriff, jedes Manöver muss zwischen mir und denen da unten abgestimmt werden, eine heikle Koordination über eine beträchtliche Entfernung hinweg, aber es funktioniert, wir sind aufeinander eingespielt, sind ein Team.
Ich arbeite mich in Etappen am Stamm nach unten. Weitere Schnitte, ein weiterer Stoß, und ein astloser Stämmling, vier Meter lang, etliche Zentner schwer, fällt ins Seil, kommt zur Ruhe und gleitet, von den Männern am Boden gesteuert, sachte abwärts, ohne in Fensterscheiben zu krachen, ohne den Hang zu verwüsten, ohne jemanden zu verletzen. Mein Daumen zeigt nach oben: Das wäre geschafft. Alle vier Eschen auf der Kante des Steilhangs sollen weg, drei Tage wird es wohl dauern, aber jetzt ist über mir nur noch Himmel zu sehen, keinerlei Geäst mehr, jetzt fehlen nur noch fünf Meter Stamm – und die erste Esche ist gefällt. Mein Bart ist mit Sägespänen gesprenkelt, mein Grinsen breit. Unser Wunderwerk von Ablasssystem hat sich bewährt, die Arbeit hat Spaß gemacht, morgen geht’s weiter.
Manchmal muss gefällt werden. Aus Sicherheitsgründen. Bäume können vergreisen. Sie können erkranken. Sie können gefährlich werden. Es sind Riesen, die im Sturz alles mitreißen und beim Aufprall alles zerschmettern. Für ein Unglück genügt ein Ast, ein abgestorbener Ast, von dem sich ein Baum eines Tages ohne Vorwarnung trennt – auch deshalb müssen wir sie im Auge behalten, die Bäume, deren Wohlergehen uns anvertraut ist. Etwa hundert sind es alles in allem, Straßenbäume, Parkbäume, Gartenbäume, Friedhofsbäume, Hinterhofbäume – Stadtbäume eben, die sich den Lebensraum mit uns teilen. Zu denen sind wir so freundlich wie möglich, und wenn es dann heißt: Der Baum stört! Der Baum muss weg!, kommt es nicht selten vor, dass wir sagen: Der Baum bleibt da!
Seit ich auf sie aufmerksam wurde, haben mich Bäume fasziniert. Dort, wo der Baum in seinem Element ist, zwischen Himmel und Erde, bin ich es auch. Früher hätte ich nach meinem Aufstieg erst einmal eine Zigarette geraucht. Mich auf einem tragfähigen Ast niederlassen, so hoch wie möglich, Tabak und Blättchen herausholen, drehen, anzünden, den Rauch einziehen, die Augen schweifen lassen, die Höhe genießen – das war ein Ritual. Inzwischen habe ich das Rauchen drangegeben, nur … Nein, ich vermisse es nicht. Doch oben angekommen in einer Buche, einer Zeder, einem Mammutbaum womöglich, fehlt mir diese Komm-wieder-zu-dir-Zigarette, diese Sei-eins-mit-der-Welt-Zigarette. Sie zögerte den Moment hinaus, in dem ich meine Tour durch den Baum begann und die Säge zückte, sie regte zu Betrachtungen an. Seither …
Selten, dass ich heute noch dazu komme. Aber das Tarzangefühl ist geblieben. Die Lust am Klettern. Ich übertreibe nicht: Es ist meine Leidenschaft, mich frei im Geäst eines 30 Meter hohen Baums zu bewegen. Ein archaisches Erbe unserer geschwänzten Vorfahren? Vielleicht. Auf jeden Fall finde ich es berauschend, als Gast eines Baums aus seiner Höhe auf die Welt hinabzuschauen und seine Sicht, seinen haushoch überlegenen Standpunkt einzunehmen. Man versteht einen Baum von hier oben aus besser, man schärft auch das eigene Auge für die Verhältnisse dort unten, und wieder am Boden bleiben Respekt für diese Riesen und ein Gefühl der Vertrautheit, der geheimen Mitwisserschaft zurück.
Und das soll ein Beruf sein?
Erfreulicherweise ja. Dieser Beruf hat seinen Sinn und seinen Zweck, und der Zweck leuchtet unmittelbar ein: Er besteht darin, allen Gefahren vorzubeugen, die von Bäumen an bewohnten und belebten Orten ausgehen. Was aber seinen Sinn angeht – den haben wir diesem Beruf selbst beigelegt, nach unserem Verständnis vom friedlichen Zusammenleben zweier höchst unterschiedlicher Lebewesen: Das eine nennt sich Mensch, das andere Baum, und im Prinzip besteht der Sinn für uns darin, den Baum vor dem Menschen zu schützen.
Also sind wir für beides da, fürs Reden und fürs Sägen. Fürs Aufklären, Beraten, manchmal auch fürs Ausreden, und fürs Absägen, Zurechtschnibbeln, manchmal auch Fällen. Das eine verlangt Wissen und Überzeugungskraft, das andere Wissen, Körperkraft und Können. Eine gewisse Portion Mut nicht zu vergessen und – eine Säge, eine Motorsäge, wie ich sie Tag und Nacht bei mir trage, als Tattoo auf meinem linken Unterarm, maßstabgerecht und wirklichkeitsgetreu und unübersehbar …
Ja, Motorsägen. Ein unerschöpfliches Thema. Niemand, der mit ihnen vertraut ist, betrachtet sie rein technisch. Immer mischen sich Gefühle, Vorlieben, Neigungen und Abneigungen ein, und schon gehen die Diskussionen los: Welcher Hersteller? Die Nummer 1 aus Deutschland oder die aus Schweden? Keine ist deutlich besser als die andere, aber das befeuert nur die Debatte, denn jetzt kommt die eigene tagtägliche Erfahrung ins Spiel, jetzt fallen geringfügige Unterschiede ins Gewicht: Die deutsche liegt hervorragend in der Hand, die schwedische besticht durch ihren rabiaten Biss – also? Und dann: eine brennstoff- oder eine akkubetriebene Säge? Verbrennungsmotoren beschleunigen beim Start mit einer minimalen Verzögerung, während der Akku sofort mit voller Geschwindigkeit loslegt, der ist ruckzuck von 0 auf 100 – gibt bei winterlichen Temperaturen allerdings auch bald den Geist auf, wir arbeiten ja nicht drinnen. Außerdem zählt natürlich die Kettengeschwindigkeit, es zählt das Verhältnis von Gewicht zu Leistung, und wie sieht’s eigentlich mit der Händlerdichte aus? Ein dankbares, ein unerschöpfliches Thema.
Klar, kaum etwas ist ärgerlicher als ein Werkzeug, das nichts taugt, weil es zum Beispiel zu schnell schlappmacht. Aber endlos ist dieses Thema auch deshalb, weil jemand, der mit solchen Sägen täglich umgeht, zwangsläufig eine emotionale Beziehung zu seiner ständigen Begleiterin entwickelt. Sie wächst ihm womöglich ans Herz. Bei 60, 75, gar 90 cm Schwertlänge hat man eben ordentlich was in der Hand, und wenn dieses Teil auch noch bissig zur Sache geht, mit der entsprechenden Kraft- und Geräuschentfaltung, dann merkst du: Genau darauf habe ich gewartet! Mit der macht es Freude …
Leidenschaftliche Gefühle sind im Verhältnis zwischen Mensch und Säge jedenfalls nicht auszuschließen. Und eine dieser Sägen hat es, wie gesagt, sogar auf meinen Arm geschafft. Sie war meine erste große Liebe im Reich der Motorsägen, sie hatte es mir angetan, doch als ich meinen Tätowierer seinerzeit aufsuchte, hatte ich sie trotzdem nicht im Sinn. Vielmehr schwebte mir eine schlichte Handsäge vor, wie sie bei uns ebenfalls beinahe täglich in Gebrauch ist, etwas, um kleinere Äste zu entfernen. Griff und gezacktes Sägeblatt hätten mir folglich durchaus gereicht, doch mein Tätowierer war anderer Meinung.
»Ja, cool«, sagte er. Und dann, nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens: »Aber – warum keine Motorsäge?«
»Motorsäge? Ist das nicht ein bisschen prollig?«
Darauf er, mit leuchtenden Augen und dreckigem Grinsen: »Genaaau!«
Damit hatte er mich. Okay, dann Motorsäge. Überredet. Ich brachte ihm zwei verschiedene Typen als Muster mit, eine 441 und eine 660, beides schwäbische Modelle, und der Effekt war enorm: Was an Kundschaft gerade im Laden war, machte große Augen, und die zwei Geschäftsführer strahlten, rissen mir beide aus den Händen, hielten sie für ein Foto über ihre Köpfe und tanzten machomäßig damit herum – dem gewöhnlichen Menschen kommt so etwas nun mal nicht alle Tage unter die Augen.
Für mich war klar, dass es die 441 werden sollte. Auch sie ist ein Monster, auch sie zieht einem fast den Gurt aus, an dem sie von der Hüfte hängt, aber am Stamm lässt sie sich trotzdem gut handhaben. Die 660 hingegen ist einfach riesig und entsprechend schwer, für die Arbeit im Baum weniger geeignet, und überhaupt – ich wollte vermeiden, mit einer Monstersäge herumzulaufen, ich bin ja eigentlich kein Baumfäller. Folglich schied die 660 aus, und mein Tätowierer machte sich ans Werk, fotografierte die Säge, fertigte die Vorlage an, zog die Umrisse auf meiner Haut nach, malte die Flächen aus, und als es an den Markennamen ging, sagte ich: Stopp, da setzen wir stattdessen ein kleines, grünes Herz rein.
Aha. Hatte sich da etwa ein Anflug von schlechtem Gewissen gezeigt? Denn letztlich ist ja beides verräterisch, die Säge wie das Herz. Wer mir seither gegenübersitzt, könnte jedenfalls auf den Gedanken kommen: Steckt dem Kerl mit der tätowierten Kettensäge nicht doch der alte Holzfäller in den Genen, der muskelbepackte Lumberjack, der Bäume mit Säge oder Axt kurzerhand niederzumachen trachtet? Oder der Motorsägenfreak, der seine unterdrückten Gewaltfantasien im Wald auslebt? Und ist das grüne Herz nicht im Grunde genommen ein Feigenblatt?
Ich will deshalb ehrlich sein und von vornherein klarstellen: Ja, der altertümliche Holzfäller regt sich tatsächlich ab und zu – das beobachte ich bei mir wie bei den meisten meiner Kollegen und Kolleginnen. Einen großen Baum in ganzer Länge zu fällen, das hat ja tatsächlich etwas Überwältigendes, das ist mit Aufregung und Herzklopfen verbunden, das ist auch für mich immer noch eine große Nummer. Ich will es einmal an der Pappel verdeutlichen, die wir kürzlich gefällt haben.
Es handelte sich um eine Säulenpappel, an die 40 Meter hoch. Zu groß, um sie an einem Stück zu fällen, aber sie stand frei, Platz war da, die Ablassvorrichtung konnten wir uns sparen, und so kletterte ich hoch, mit einem Seil gesichert, um mir die Spitze vorzunehmen. Allein diese Spitze belief sich auf etwa 15 Meter, der Stammdurchmesser dort, wo ich die Säge ansetzte, immerhin noch auf einen Viertelmeter, und wenn ein solches Teil im freien Fall zu Boden saust, gibt es beim Aufprall einen gehörigen Krach, da erzittert der Stamm, und die Vibration ist noch oben bei mir knapp unterhalb des Baumwipfels zu spüren. Natürlich geht das unter die Haut. Schon deshalb, weil du dir einerseits in einem solchen Baum selbst ziemlich klein vorkommst, andererseits aber gerade die Erfahrung machst, diesem Riesen mit deinen Mitteln, deiner Geschicklichkeit und deiner Intelligenz gewachsen zu sein.
Später habe ich unten ein letztes Mal die Säge angesetzt und den Fällschnitt für den Stamm gemacht – anderthalb Meter Durchmesser, wieder gut 15 Meter hoch –, und auch diesmal krachte es beim Aufprall, auch diesmal bebte die Erde. Ich jedenfalls kann mich der Wirkung eines solchen Vorgangs nicht entziehen. Das Nervensystem reagiert nun mal, wenn man es mit etwas derart Großem, derart Gewaltigem zu tun bekommt – da werden Kräfte entfesselt, da werden Energien freigesetzt, kein Wunder, dass man kurz den Atem anhält. Und genauso begreiflich, dass die meisten meiner Kollegen nach solchen kribbligen, kniffligen Aktionen hinterher mit Hochachtung im Blick und beifälligem Nicken dastehen, die Mundwinkel anerkennend herabgezogen, und einander zufrieden abklatschen, nachdem das Durchchecken ergeben hat, dass alle noch da sind und bei jedem noch alles dran ist.
Also – wenn schon Fällen, dann mit Leidenschaft. Allerdings, viel häufiger als erregende Momente der beschriebenen Art, und viel wichtiger für uns, ist etwas anderes. Wir sind Baumpfleger, wir nennen uns Baumhirten, und unser Bestreben ist es, Bäume zu erhalten, sie wenn möglich zu retten, sie auf keinen Fall grundlos zu fällen. Die Sägen mit den langen Schwertern bleiben deshalb meist an ihrem Platz im Wagen, die Holzfällerromantik bekommt immer wieder für längere Zeit Urlaub, und wir kümmern uns um das, was ich als Sinn und Zweck unseres Berufs bezeichnet habe: das reibungslose Zusammenleben von Mensch und Baum.
Wie wir auf unseren Firmennamen gekommen sind? Wir haben lange gegrübelt, damals, nachdem wir beschlossen hatten, uns selbstständig zu machen und gemeinsam eine Firma zu gründen. Wir, das sind mein Kompagnon Moritz, genannt Mo, und ich. Aber dazu später mehr. Welches Wort, so haben wir überlegt, trifft genau das, was wir vorhaben?
Wir kamen beide aus der Baumpflege, in dem Sinne, dass wir Bäume mit der Säge bearbeiteten. Dass wir reinkletterten, schadhafte Äste aussägten, vorbeugende Sicherungsschnitte an verdächtigen Ästen vornahmen und Kronensicherungen einbauten, in dieser Art. Aber wir wollten mehr anbieten. Wir wollten an einem Baum nicht bloß die Vorstellungen eines Kunden exekutieren, wir wollten unseren Auftraggebern auch die Bedürfnisse oder Ansprüche eines Baums vermitteln. Also Schluss mit dem ständigen: Kunde befiehlt, wir sägen.
Nehmen wir ein Beispiel. Auch die Lebenszeit eines Baums läuft einmal ab; dann vergreist er allmählich, bildet seine Krone zurück, wirft Äste ab und stürzt irgendwann ein. Muss man absterbende Bäume also rechtzeitig fällen? Nicht unbedingt. Im Botanischen Garten von Nantes in Frankreich fiel mir ein sehr alter Baum auf, der tatsächlich eine Bedrohung darstellte. Mit Schnittmaßnahmen hätte man bei dem nichts mehr erreicht. Wie hatte die Gartenverwaltung reagiert? Sie hatte seinen Standort abgesperrt, Schilder mit »Betreten verboten« aufgestellt, und jetzt konnte der Baum zusammenbrechen, wenn seine Zeit gekommen war. Aber bis dahin würden Spechte und Meisen und Käfer und Pilze ihre Freude an ihm haben – und Leute wie ich; mit anderen Worten: Dieser Baum durfte seine Äste abwerfen, durfte in aller Ruhe und Würde sterben und bis dahin als imposante Skulptur und Wohnstätte für alles mögliche Getier stehen bleiben.
Aus Baumliebhabersicht ist diese Vorgehensweise die beste. Und genau so stellten wir uns unsere Selbstständigkeit vor. »Lassen Sie ihn doch sterben«, würden wir dann einem Kunden sagen, der einen solchen Baum in seinem Park hätte, »wenn keine Kinder dort herumlaufen, reicht eine Warntafel, und dann können Sie Ihrem Baum täglich beim Sterben zusehen – das ist schön, das ist Natur, das ist der Kreislauf des Lebens …«
Kurzum, wir wollten Bäumen eine Stimme geben, und zwar in allen ihren Lebensphasen, nicht nur den Prachtstücken, die ohnehin viel Aufmerksamkeit erfahren, auch den jungen, auch den angeschlagenen und sterbenden. Wir wollten Bäume von der Pflanzung bis zur Fällung begleiten – unmöglich leider, weil unsere Lebenszeit dafür niemals ausreichen würde, aber als Idee ganz nach unserem Geschmack. War das nicht aber im Grunde dasselbe, was ein Hirte für seine Herde tut? Der lässt seine Tiere auch nicht aus den Augen, fühlt sich für jedes zuständig, betreut und bewacht und versorgt und kuriert, hält die Herde zusammen, schert sie und schlachtet seine Tiere am Ende auch …
Das passte zu uns. Das passte zu unserem Selbstverständnis, und so kam es zu den Baumhirten. Und nun zu den Bäumen.
Im Wald dürfen Bäume tun und lassen, was sie wollen, da sind sie unter sich. Aber in der Stadt hockt man aufeinander, die Menschen, die Autos, die Bäume, die Häuser, da muss sich einer gegen den anderen behaupten, da kommt es zwangsläufig zu Reibereien. Der Ahornast über dem Sandkasten des Kindergartens – ist er stabil oder macht er’s nicht mehr sehr lange? Diese Platane am Straßenrand mit ihrer bedenklichen Schieflage – wird sie künftigen Stürmen standhalten? Und die Alleebäume an jener Ausfallstraße – wuchern sie nicht schon in die Bewegungszone der schweren Lkw hinein?
Würde man nicht hier und da eingreifen, wären Konflikte zwischen Mensch und Baum unvermeidlich. Es liegen eben unterschiedliche Interessen vor. Lichthungrig wie er ist, nimmt ein Baum keine Rücksicht auf Gebäude und Straßenverkehr und strebt mit seinen Ästen in alle Richtungen. Und da er mit sich selbst nicht zimperlich ist, wirft er nutzlos gewordene Äste einfach ab, Äste, deren Blätter kein Sonnenlicht mehr abkriegen und folglich nichts mehr zu seinem Fortleben beitragen. Und jetzt kommen die Baumpfleger ins Spiel, also zum Beispiel wir.
Unser Job ist die Verkehrssicherung. Wir sollen Gefahrenquellen beseitigen. Dasselbe macht der Privatmann, wenn er im Winter morgens den Schnee vor seiner Haustür wegschaufelt, oder die Stadtverwaltung, wenn sie die Straßen vom Schnee räumen lässt und streut. Auf unserem Gebiet allerdings ist die Bedrohung meist nicht ganz so offensichtlich wie im Fall von Glatteis oder Schneewehen, die nimmt oft nur das geschulte Auge wahr, weshalb unsere Arbeit ganz unspektakulär damit beginnt, einen Baum gründlich in Augenschein zu nehmen.
Unser erstes Werkzeug sind die Augen. Sie stellen sich von selbst scharf, sobald ein Baum in Sicht kommt. Jetzt darf dir nichts entgehen, sage ich mir, und prompt liefern meine Augen Präzisionsaufnahmen. Mit dem Spurenlesen fängt es also an, und unsere Kunden sehen uns daher oft einfach nur zwischen ihren Bäumen hin und her laufen, den Blick nach oben, den Blick nach unten, Messungen vornehmen, kurze Bemerkungen austauschen und Eintragungen machen. Baumkontrolle nennt sich das oder Bestandsaufnahme, und wenn alles gut ist, bleibt es dabei. Doch wie gesagt, Bäume haben eine andere Auffassung von »gut« als wir – dazu vier alltägliche Beispiele.
Etwas Grundsätzliches vorweg. Bäume, vor allem Laubbäume, sind architektonische Meisterwerke, im Hinblick auf ihre gewagte Konstruktion jeder ein statisches Wunder. Ein Mensch bekäme ein derartiges Gebilde jedenfalls niemals nachgebaut. Denn solch ein Baum mit seiner ausladenden Krone, mit seinen weit in den Raum hineinragenden Ästen jongliert mit ungeheuren Gewichten, und bei der enormen Hebelkraft dieser Äste müsste es eigentlich den Stamm zerreißen. Dass selbst lange, waagerechte Äste gewöhnlich trotzdem nicht brechen, beruht auf der perfekten Balance zwischen Statik und Dynamik im Holz. Mit anderen Worten: Was Bäume uns Tag für Tag zu Hunderten in Gärten, Parks und an den Rändern von Landstraßen an konstruktiver Akrobatik vorführen, ist atemberaubend und eigentlich unmöglich. Der Baum aber weiß nicht, dass es unmöglich ist, er macht es einfach.
Bisweilen allerdings leisten sich Bäume überlange Äste. Die haben es irgendwie geschafft, aus der geschlossenen Blätterummantelung herauszuschießen. Bei denen stimmt das Verhältnis von Durchmesser zu Länge nicht mehr, sodass der Stamm oder der Ast selbst der Hebelwirkung eines solchen Auslegers nur noch mit Mühe standhalten kann. Insbesondere Äste, die über viele Meter horizontal verlaufen, setzen ihre Verankerung im Stamm unter enormen Druck, und wenn sich noch nasser Schnee drauflegen sollte – womöglich im Frühjahr, wenn er schon Blätter ausgetrieben und sein Höchstgewicht erreicht hat –, wenn es obendrein eine Nacht lang stürmen sollte, dann wird dieser Ast wahrscheinlich nachgeben und brechen. In diesem Fall würden wir bei der Bestandsaufnahme in unseren Maßnahmenkatalog schreiben: Einkürzen!
Oder: Zwei dickere Äste sind so aufeinander zugewachsen, dass sie sich berühren, dass sie sich kreuzen und aneinander reiben. Das stört die Äste zwar nicht, sie wachsen unbekümmert weiter, aber wenn dies über Jahre hinweg geschieht, scheuern sie sich auf. Selbst wenn an dieser Wundstelle keine Pilze eindringen sollten, besteht hier die Gefahr einer Sollbruchstelle. Sie ist gering, wenn diese Äste nah an ihrem Ursprung aufeinanderstoßen, weil nicht einmal starke Windböen die beiden in nennenswerte Bewegung versetzen – manchmal verwachsen die beiden dann einfach und bieten bisweilen einen skurril verschlungenen Anblick. Weiter von ihrer Basis entfernt aber kommt sehr wohl Bewegung rein, da werden beide vom Wind in Schwingung versetzt, da nimmt die Reibung und damit die Verletzung der Äste zu, weshalb wir in unserem Maßnahmenkatalog notieren: Einen dieser Äste herausnehmen! Oder den oberen so weit entlasten, dass keine Reibung mehr auftritt.
Und dann das Totholz. Wie schon erwähnt, zwingen sich Bäume selbst zur Produktion von Totholz, sobald ein unterer Ast von einem oberen völlig abgeschattet wird. Der untere Ast stirbt in diesem Fall ab, egal ob dünn und leicht oder dick und schwer – er wird kurzerhand stillgelegt, so wie ein Unternehmer eine unrentable Produktionsstätte stilllegen würde, weil der Baum eine kühle Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt und sich nüchtern fragt: Was brauche ich an Ästen, und was schleppe ich bloß sinnlos mit mir herum? Totholz aber landet früher oder später unten, auf dem Bürgersteig, auf der Spielwiese eines Kindergartens, auf der Rasenfläche einer öffentlichen Parkanlage, und deshalb heißt es diesmal in unserem Maßnahmenkatalog: Totholzentfernung!
Und schließlich das Lichtraumprofil. Was damit gemeint ist? Ganz einfach: Alleebäume wölben sich über eine Straße, greifen mit ihren Ästen weit in den Verkehrsraum hinein und reißen dem nächsten Lkw womöglich die Plane auf. Also muss der Luftraum – mit anderen Worten: der lichte Raum – über einer Straße freigehalten werden, doch diesmal nicht nach Gutdünken des Baumpflegers, sondern nach strengen Vorgaben: Denn 2,50 m beträgt der lichte Raum über Fuß- und Radwegen, 4,50 m über Straßen – es sei denn, wir haben es mit schleppenbildenden Bäumen zu tun, mit Trauerbuchen, mit Trauerweiden oder Linden, die ebenfalls dazu neigen, ihre feineren Äste wie einen Schleier herabhängen zu lassen. Solche Bäume erhalten eine Sonderbehandlung, deren Astwerk wird auf der Straßenseite bis in sieben Meter Höhe entfernt, sonst wischen sie womöglich einem Lkw-Fahrer über die Windschutzscheibe und verdecken ihm die Sicht. In unserem Maßnahmenkatalog heißt es in diesem Fall also: Baumkrone anheben, Stämme bis in die vorgeschriebene Höhe aufasten. Was das ist? Wir müssen die Äste von unten nach oben entnehmen. Absägen.
Hier kommt ein Aspekt ins Spiel, den wir bei Bäumen nie außer Acht lassen dürfen: der Faktor Zeit. Denn Bäume nehmen sich Zeit, Bäume brauchen Zeit, sie sind für unser Gefühl unendlich langsam, sie konsumieren Zeit in ganz anderen Dimensionen als wir. Doch diese ganze lange Zeit über tut sich etwas bei ihnen, sie wachsen, sie verändern ihre Gestalt, sie bilden immer wieder neue Äste und können enorme Ausmaße annehmen – sie machen etwas ausnehmend Großartiges aus ihrer Zeit und sind so gesehen das genaue Gegenteil jener anderen Lebewesen, die meinen, unentwegt Tempo machen zu müssen, beim Arbeiten, beim Fahren, sogar beim Essen. Uns Baumpfleger stellen Bäume dabei vor die Herausforderung, bei allem, was wir uns zu ihnen einfallen lassen, vierdimensional zu denken und uns in jeder Lebensphase eines Baums vorzustellen, was aus ihm wird – in zwei, in fünf, in 20 Jahren. Im Hinblick auf das Lichtraumprofil bedeutet dies, dass wir Straßenbäume nach und nach aufasten, in dem Maße, wie sie an Höhe zulegen, und ihr Wachstum schon im Voraus berechnen und einkalkulieren müssen.
Ja, und dann kann etwas eintreten, was weder im Sinne des Baumes noch in dem des Menschen ist, und auch diese Möglichkeit ziehen wir bei der Baumkontrolle in Betracht: dass ein Baum im Ganzen umkippen könnte, sei es, dass der Stammfuß morbide ist, sei es, dass er sich mitsamt Wurzelteller aus dem Erdreich zu lösen beginnt. Ein kompletter Baum, der umstürzt und mit voller Wucht eine Reihe parkender Autos oder einen Wintergarten trifft, wäre natürlich der absolute Ernstfall, der hinterlässt Trümmer, schlimmstenfalls Tote. In solchen Fällen ist die Schwachstelle allerdings meist nicht im Baum, sondern im Untergrund zu suchen und in aller Regel nicht so leicht ausfindig zu machen wie bei jener Tiefgarage, deren Dach mit Bäumen bepflanzt worden war.
Es war eine gärtnerische Meisterleistung, hier Silberahorn zu pflanzen, auf das Dach einer Parkgarage, denn der Boden, in dem diese Bäume wurzelten, bestand lediglich aus einer 40 cm dicken Schicht Substrat, und Silberahorn kann eine beträchtliche Größe erreichen. Diese Bäume hätten es allerdings nie so weit geschafft. Ein flüchtiger Blick reichte, um festzustellen, dass es schlecht um sie bestellt war, und da half nun nichts – ihrem absehbaren natürlichen Ende musste man mit der Säge zuvorkommen.
So viel vorerst zu den Bäumen. Eigentlich wäre an dieser Stelle ein Wort über die Menschen fällig, die uns beauftragen und die uns als Kunden lieb und teuer sind, auf die Eigenart von Bäumen aber gelegentlich verständnislos bis unwillig reagieren. Vielleicht sollten wir trotzdem zunächst ein anderes Thema anschneiden und uns die Frage stellen: Was haben Bäume überhaupt in einer Stadt verloren?
Mit etwas Fantasie könnte man sich vorstellen, dass sich ein Straßenbaum in einer Großstadt komisch vorkommt – schnurgerade mit allen anderen in einer Linie, alle 20 Meter der nächste, auf der einen Seite den ganzen Tag Autos, auf der anderen Fußgänger … Oder zu dritt auf einem betonierten Platz in der Fußgängerzone einer Innenstadt mit Blick auf die oberen Etagen von Kauf-, Büro- und Parkhäusern und mit der vornehmen Aufgabe betraut, Zeitungskioske und Würstchenbuden zu beschatten … Schon irgendwie artfremd. Aber so weit denken Bäume vermutlich nicht, und außerdem: Bäume haben erwiesenermaßen nichts gegen Städte.
Bäume sind sogar ganz scharf auf Städte – sobald diese vom Menschen aufgegeben wurden. Man sehe sich nur in tropischen Gegenden um, in Südostasien, in Lateinamerika, wie sie sich über verlassene Bauwerke hermachen, Ruinen überwuchern, ihre Wurzeln ins Mauerwerk krallen, ganze Tempelanlagen, komplette Mayastädte samt Pyramiden verschlingen und in Wald zurückverwandeln. Alles, was Kultur geschaffen hat, auch deutsche Heidelandschaften und Manövergebiete, würden sie wiedererobern, wenn man sie ließe. Bhagwan, der Gründer der modernen Sannyasin-Bewegung in Indien, hat den Baum deshalb – in eindeutig ironisch-provozierender Absicht – als den größten Feind des Menschen bezeichnet.
Wahr ist: Zivilisation bedeutet, diesen ungehobelten Kraftprotz von Baum in seine Schranken zu weisen. Jede Stadt ist ein Triumph über den Baum, und dieser Triumph wurde in der Vergangenheit weidlich ausgekostet: Aus den monumentalen Stadtanlagen des Mittelalters im Süden Europas oder in der arabischen Welt waren Bäume weitestgehend verbannt, und ihre Altstädte zeigen sich bis heute als reine Steinmasse, reine Architektur. Auf Luftbildern ist dieses menschliche Dominanzgehabe besonders gut zu erkennen. Aus einer grünen, bewaldeten Landschaft erhebt sich wie abgezirkelt der mal rötliche, mal gelb-graue Steinhaufen der ursprünglichen Stadt; erst ihre modernen Ausläufer versöhnen sich mit der baumbestandenen Landschaft ringsumher. Niemand aber hat dieser Siegermentalität unverblümter gehuldigt als die Maler der Renaissance – auf deren Bildern künftiger Idealstädte ist kein Blumentopf, kein Grashalm mehr zu sehen, geschweige denn ein Bäumchen.
Nur ein toter Baum ist ein guter Baum? Das könnte man fast meinen, wenn man bedenkt, wie über Jahrtausende rigoros abgeholzt wurde. Denn natürlich hätten wir es ohne Bäume nie zu etwas gebracht. Der Wald lieferte ja den Stoff, aus dem unsere Zivilisation in ihren Anfängen bestand; Holz war das erste Brennmaterial, das erste Baumaterial, aus Holz waren und sind Hütten, Fachwerkhäuser, Kutschen, Klaviere, Wasserfahrzeuge vom Einbaum über die Galeere bis zur spanischen Galeone, Palisadenzäune, Parkettböden sowie die Fundamente von Venedig und Amsterdam – die Aufzählung würde nicht enden. Der Stein- und Betonzeit ging jedenfalls die Holzzeit voraus, und sie hält bis heute an.
Zugegeben, die Geschichte ließe sich auch ganz anders erzählen, nämlich als eine Geschichte der heimlichen Liebe und offenen Verehrung des Menschen für den Baum; aber dazu kommen wir später. Zum Freund des modernen Europäers wird der Baum jedenfalls erst im späten 18. Jahrhundert, als es so langsam mit der Industrialisierung losgeht und das Leben dreckig und immer schneller und irgendwie ungemütlich wird.
In England setzt der Sinneswandel früher ein als anderswo. Wie kommt’s? Als Mensch, dem die sinnliche Wahrnehmung unendlich viel bedeutet, befriedigt mich die Antwort zutiefst: Den Leuten gehen die Augen für die Schönheit von Bäumen auf. Sie sehen mit einem Mal, welche ästhetische Bereicherung ein Baum darstellt. Sie verfallen regelrecht seiner majestätischen Ausstrahlung.
Verliebtheit geht eben durch die Augen. Von nun an werden Bäume jedenfalls als monumentale Schmuckstücke bewundert – nicht mehr, wie zuvor bei den Franzosen, im beschnittenen und geometrisch zurechtgestutzten Zustand, sondern in ihrem natürlich gewachsenen Habitus. Schon zu Anfang des Jahrhunderts hatte der englische Dichter Alexander Pope festgestellt: »In der Erscheinung eines Baums zeigt sich mehr Adel als in einem Prinzen, der seine Krönungsrobe angelegt hat.« Einige Jahrzehnte später geht der englische Landadel daran, seine Landsitze mithilfe von Bäumen zu gestalten. Die Gentlemen sind geradezu verrückt nach Bäumen, das Pflanzen von Bäumen, das Komponieren von Baumgruppen wird zu einer Lieblingsbeschäftigung, und an sonnigen Tagen kann man die Herrschaften dabei beobachten, wie sie draußen stundenlang die Schönheit einzelner Bäume diskutieren, als seien es Jagdhunde oder Rennpferde. Angesichts mächtiger Eichen oder Ulmen geht man sogar so weit, von Baumpersönlichkeiten zu sprechen.
Wenig später schwappt die englische Begeisterung für Bäume auf den Kontinent, auch nach Deutschland. Der exzentrische Fürst Pückler in der Lausitz zum Beispiel lässt sich von ihr anstecken. Im frühen 19. Jahrhundert beschließt er, zur »allgemeinen Verschönerung unserer Mutter Erde« beizutragen, und legt zwei eindrucksvolle Landschaftsparks an, in Muskau, dem heutigen Bad Muskau, und in Branitz (Cottbus), indem er alte Bäume von weither kommen lässt, um sie nach künstlerischen Gesichtspunkten zu gruppieren – jede Baumgruppe eine ausgetüftelte Komposition. Von ihm ist überliefert, dass er in klaren Nächten seinen Park durchstreifte, um die Schattenwirkung seiner Bäume bei Mondlicht zu studieren …
Ob übertrieben oder nicht, an solchen Gestalten wie Fürst Pückler zeigt sich, dass wir dem Absolutheitsanspruch der Zivilisation etwas entgegenzusetzen haben, nämlich den wachen, unbefangenen Blick. Einen Baum nicht mehr als bloßes Wirtschaftsgut und Holzlieferanten zu betrachten, sondern als staunenswerte Skulptur und Hauptbestandteil eines Landschaftskunstwerks zu verstehen, das ist vielleicht nicht genug, aber es ist ein Erkenntnisfortschritt. Es ist ein Perspektivwechsel, eine neue Sichtweise. Es ist das, was ich an mir selbst erfahren habe, als ich anfing, mit Bäumen zu arbeiten. Es ist ein großer Schritt in Richtung auf die Anerkennung eines Baums als Lebewesen.
Dies alles spielt sich einstweilen allerdings ausschließlich vor den Toren der Städte ab. Aber es bleibt nicht ohne Folgen für die Städte. Dort erkennt man gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich, dass Bäume nicht nur Landsitze, sondern auch elegante Stadtteile und Regierungsviertel veredeln, ja, sogar verrußte Fabrikviertel aufwerten.
Und wieder haben die Engländer die Nase vorn. London ist wohl die erste europäische Großstadt, die sich Zehntausende von Platanen als kommunale Statussymbole zulegt. Eine andere Funktion haben sie fürs Erste nicht, aber die imposanten Platanen sind ein erhebender Anblick und passen perfekt zum Imponiergehabe eines Weltreichs. Mal ganz davon abgesehen, dass Platanen so ziemlich die einzigen Bäume sind, die der enormen Luftverschmutzung Londons gewachsen sind, weil sie von Zeit zu Zeit ihre Borke in tellergroßen Platten abwerfen und damit auch die Schmutzschicht loswerden, die an ihnen klebt. Das Ergebnis kennen wir ja, es ist der gefleckte, an eine Tarnuniform erinnernde Stamm.
Von London aus tritt die Platane ihren Siegeszug an, nach Paris, nach Rom, nach Frankfurt. Sie ist die Wegbereiterin für alle möglichen Stadtbäume, dominiert aber weiterhin das Stadtbild vieler Großstädte dieser Erde, und wer heute durch Buenos Aires geht, wandelt quasi ununterbrochen unter Platanen. Eine baumlose Straße würde in unseren Tagen jedenfalls unangenehm auffallen. Die Prachtstraße einer Stadt wird unweigerlich eine Linden-, eine Kastanien- oder Platanenallee sein, und nicht von ungefähr sind baumbestandene Stadtparks wie der Englische Garten in München oder der Hofgarten in Düsseldorf der Stolz einer Stadt, eine Sehenswürdigkeit für Fremde und der Lieblingsaufenthaltsort der Einheimischen. In der Gegenwart haben Bäume aber noch eine weitere ästhetische Funktion: Sie verdecken gnädig die Eintönigkeit moderner Architektur, sie stellen etwas erfreulich Nicht-Genormtes in einer weitgehend genormten Umgebung dar.
Wie riesig der Baumbestand großer Städte derzeit ist, kam uns nach dem 10. Juni 2014 wieder einmal zum Bewusstsein. Damals verwüstete der Orkan Ela Städte wie Düsseldorf und Essen, und hinterher las man in den Meldungen eindrucksvolle Zahlen: Allein in Düsseldorf hatte Ela 22500 Bäume umgerissen oder beschädigt, ein knappes Drittel der fast 70000 Bäume auf Düsseldorfer Stadtgebiet. In Essen waren es rund 20000 an- oder abgebrochene Bäume. Später übrigens wurden aus dem Holz der umgestürzten Hofgartenbäume Brettchen für den Haushalt angefertigt, die bei den Düsseldorfern reißenden Absatz fanden. Wenn sich darin nicht eine starke Anhänglichkeit der Bürger an ihren Park und seine Bäume äußert …
Aber – was machen die Bäume eigentlich dort, in der Stadt, außer schön sein?
Ich will mit meiner Überlegung einmal vor meiner eigenen Haustür auf dem Ölberg in Wuppertal anfangen. Vor dieser Haustür wachsen Haselnussbäume. Die gefallen mir, die sehe ich gerne an, von denen habe ich deshalb einige im heißen Sommer 2018 auch gegossen. Wenige Schritte weiter gibt es einen Platz mit Linden am Rand und einer jüngeren Platane im Zentrum, zusammen etwa 30 Bäume. Von Frühjahr bis Herbst ist dort viel los, da trifft man sich, da hängt man ab, da wird Bier getrunken und das Weltgeschehen kommentiert, und damit sind wir bei der zweiten Funktion von Bäumen: Sie erfreuen nicht nur das Auge, sie fördern auch das soziale Miteinander, die Geselligkeit. Kann es ein Zufall sein, dass unser Symbol für Herz stark dem Lindenblatt ähnelt? Die Linde war doch der klassische Treffpunkt für Verliebte, für heimliche Pärchen, und zahllose Generationen müssen mit dem Lindenblatt die süßesten, die romantischsten Erinnerungen verbunden haben.
Stadtbäume tun nicht nur dem Auge, sie tun auch dem zwischenmenschlichen Klima einer Großstadt gut. Natürlich ist man auf diesem Platz auch weitgehend vor Sonne und Regenschauern geschützt – mit dem Blätterdach dürfte sich die erste Erfahrung eines schützenden Dachs in der Menschheitsgeschichte verbinden, noch vor dem Höhlendach. Und damit kommen wir zur dritten Funktion von Stadtbäumen.
Bäume machen zwar nicht das Wetter, aber sie beeinflussen das Klima. Wenn ich dort, wo ich jetzt gerade sitze, aus dem Fenster schaue, blicke ich auf zwei mächtige Platanen auf einem recht engen, von Büro- und Geschäftsgebäuden nach allen Seiten umschlossenen Platz mitten in der Stadt. Ihre starken, ausladenden Äste reichen beinahe in die Seitenstraßen hinein und decken diesen Platz fast vollständig ab. Wenn diese beiden Platanen nicht dort ständen, hätten wir im Sommer eine enorme Sonneneinstrahlung auf alles, was diesen Platz an Mauern begrenzt, die Steinplatten am Boden eingerechnet. Diese Steinmassen würden sich erwärmen, aufheizen und die Wärme wieder abstrahlen, noch lange, nachdem es dunkel geworden ist.
Im Hochsommer wäre es dort unten also unerträglich heiß. Dasselbe würde auf ganz Wuppertal zutreffen, sollte es im Stadtgebiet überhaupt nirgendwo Bäume geben. Moderne Städte sind eben anders angelegt als antike oder mittelalterliche Städte – die konnten auf Bäume verzichten, weil sie größtenteils aus engen Gassen bestanden, in die sich höchstens stundenweise ein Sonnenstrahl verirrte. In unseren Städten rückt die Bebauung aber weit auseinander, schon um dem Straßenverkehr Platz zu machen. Das mag angenehm großzügig wirken, doch wenn keine Bäume die beschattende Funktion von engen Gassen übernähmen, würde die Hitze an Sonnentagen nicht absorbiert und als warme Luft in die Atmosphäre aufsteigen.
Denn genau das machen Bäume: Sie absorbieren Sonnenenergie. Sie nutzen das Sonnenlicht als Antriebskraft für ihr eigenes biochemisches Labor, in dem Wasser und Kohlendioxid laufend in Zucker umgewandelt wird – ein Vorgang, der den meisten als Photosynthese seit der Schulzeit geläufig sein wird. Nun geht Energie bekanntlich nicht verloren. Würde dieser Umwandlungsprozess also nicht stattfinden, so würden Steinmauern und Betonwände an die Stelle der Bäume treten, die Sonnenenergie aufsaugen und als wertlosen Müll prompt wieder zurückwerfen. In die Atmosphäre gelangt, würde diese Energie dann zur Erderwärmung beitragen. Dasselbe gilt natürlich auch für kleinere Pflanzen, weshalb ich den Trend zu Schotterflächen in Vorgärten nicht gerade begrüße.
Auf Wuppertal beschränkt würde das nicht viel ausmachen. Sollte es aber in allen Großstädten der Welt genauso baumlos aussehen, hätten wir praktisch Tausende von Hochöfen, die die Atmosphäre bestrahlten und das Weltklima merklich beeinflussten – und das in einer Phase, in der unser Planet ohnehin eine bedrohliche klimatische Veränderung erfährt.
Zusammengenommen ergeben die Bäume einer Stadt also eine gigantische natürliche Klimaanlage, von der wir selbstverständlich auch unmittelbar profitieren, wenn wir uns im Sommer auf den Bürgersteigen von Baumschatten zu Baumschatten bewegen oder auf dem Platz in meiner Nachbarschaft treffen, zum Beieinanderhocken unter Platanen und Linden. Viertens aber – ich brauche es kaum eigens zu erwähnen – produzieren Bäume obendrein Sauerstoff.
Dass wir auf der Erde überhaupt Luft zum Atmen vorfinden, verdanken wir schlicht und ergreifend den Bäumen, die den Sauerstoff wie nebenbei in ihre Umwelt entlassen. Eigentlich ist er nämlich nichts anderes als ein Abfallprodukt der Photosynthese, das allerdings in vergleichsweise riesigen Mengen an die Außenwelt abgegeben wird. Mit den 1,7 Kilo Sauerstoff, die eine große Buche etwa in einer einzigen Stunde produziert, können sich 50 Menschen ebenfalls eine Stunde lang die Lungen füllen. Gar nicht vorstellbar, welches Keuchen und Husten in unseren Städten herrschen würde, gäbe es keine Stadtwälder, Parkanlagen, Straßenbäume und Alleen.
