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Auf der Flucht vor dem Talibanregime von Afghanistan in den Iran wird der 11-jährige Ali an der afghanisch-pakistanischen Grenze von seiner Familie getrennt. 4 Jahre lang kämpft er unter unglaublichen Strapazen in einem Steinbruch im Iran um sein Überleben. Mit 15 Jahren nimmt er seine hart verdienten Ersparnisse, um sie für eine Flucht ins Ungewisse, aber in eine hoffnungsvollere und bessere Zukunft in Europa zu investieren. Über die gefährlichen Grenzpässe der Türkei und über das Mittelmeer kommt er 2005 nach Österreich. Hier findet er über das internationale Rote Kreuz seine Familie, die mittlerweile wieder nach Afghanistan zurückgegangen war. Nach jahrelangem Drängen seines Vaters kehrt Ali zurück in sein Heimatdorf, nur um zu erkennen, dass es dort für ihn keine Heimat mehr gibt.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2020
ALI HEIDARI
***
DIE ERDE HART,DER HIMMELSOWEIT
Flucht aus dem Land der Taliban
© 2020 Ali Heidari; [email protected]
Foto Umschlagseite vorne: eigenes Archiv
Foto Umschlagseite hinten: Fotostudio Theo Kust
Der Buchtitel ist ein afghanisches Sprichwort.
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-9629-8
e-Book:
978-3-7497-9631-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
1. Heimat der Schmerzen
2. Alles Licht der Welt
3. Flucht aus dem Land meiner Kindheit
4. Aufbruch nach Europa
5. Über das Mittelmeer
6. Von Lesbos nach Wien
7. Ankunft in Wien
8. Linz und ein geplatzter Traum
9. Fremd im Land der Tränen
10. Eine Reise mit endgültigem Ziel
Nachwort und Dank
Vorwort
Wir kommen, ob erzwungen oder freiwillig, gewollt oder ungewollt, nackt, hilflos und doch mit einem zwar vergessenen, aber geistigen „Erbe“ auf diese Welt, ohne zu wissen was einen hier erwartet.
Viele Menschen haben aus gesundheitlichen, wirtschaftlichen oder anderen Gründen hart zu kämpfen. Die vorliegende Geschichte ist nur ein Bruchstück meines Lebens und meiner Erfahrungen. Mein Schicksal ist eines von vielen.
Ich möchte mit meinem Buch niemanden beeindrucken, sondern allen die es schwer haben im Leben, Mut machen die Hoffnung niemals aufzugeben und an das Gute zu glauben. Denn – die Erde ist zwar hart und der Himmel so weit, aber manchmal ist er zum Greifen nahe.
Ali Heidari
1. Heimat der Schmerzen
Es regnet selten in Afghanistan, obwohl es dort jeden Tag so vieles gibt, über das der Himmel weinen könnte. Wie selten Regen dort ist, das verstand ich erst, als ich in Europa ankam, wo es manchmal tagelang regnet, fast wie im Monsun, der im Südosten von Afghanistan niedergeht.
Wenn mich jemand fragt, woher ich komme und ich antworte, dass ich aus Afghanistan stamme, dann lese ich in ihren Gesichtern, dass sie an Krieg und Bomben denken, an Männer mit langen Bärten und harten Herzen, an Gewalt, Blutvergießen, Terror und Unterdrückung. Ich kann ihnen nicht widersprechen, denn das ist Afghanistan heute und das war es auch für mich.
Doch zu gerne möchte ich dem etwas hinzufügen, ihnen von den Berghängen erzählen, auf denen der Mohn wächst, aus dem die Taliban Opium gewinnen und ihren Krieg bezahlen, und die trotzdem so schön aussehen.
Ich will ihnen von all den traurigen Liedern und der Musik erzählen, in denen es immer um Liebe geht, die ein schlechtes Ende nimmt, um Trauer, Verlust und Sehnsucht und viel zu selten von Hoffnung, ich will von dem Geruch von frischem Tee berichten, der in der Morgensonne dampft, vom Sonnenaufgang über den kargen Berghängen, über die der Wind weht, als wollte er sie rasieren.
Von den Gedichten und den Künstlern will ich sie wissen lassen, die Afghanistan im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat; von der Blauen Moschee in Herat, in deren Nähe der erste schiitische Imam Ali ibn Abi Talib und sogar der persische Philosoph Zarathustra begraben liegen sollen, und von den Band-e-Amir-Seen in Bamiyan, die so blau leuchten, als seien sie flüssige Edelsteine.
Afghanistan hat eine raue, wilde Schönheit, die sich nicht auf den ersten Blick zu erkennen gibt, man muss hinsehen, um sie hinter all den Schichten aus Krieg und Terror zu erkennen, mit denen es in den vergangenen Jahrzehnten überzogen wurde, doch sie ist da, in der Landschaft, in der Natur und auch, tief vergraben, in den Herzen der Menschen.
Je weiter man in Afghanistan nach Norden kommt, umso karger wird die Umgebung. Dunkle Lehmböden mit hellen Steinen und überall der braune Fels, auf denen hin und wieder ein niedriges Kraut oder ein Busch wächst, doch der Himmel ist im Norden besonders weit und hoch, die Luft ist klar und kalt und die manchmal monotone Schlichtheit der Landschaft lässt die Gedanken in die Ferne fliegen.
Dort oben, in den Höhen des Hindukusch, liegt das Dorf, in dem ich geboren wurde und aus dem ich zweimal bis nach Europa floh. Vom Hindukusch bis nach Österreich, gleich zweimal, das ist nicht nur in Kilometern ein langer Weg, sondern auch im Inneren. Wer ihn geht, kommt als ein anderer an.
Unterwegs sah ich genug, um zu wissen, dass man mich nicht mit offenen Armen begrüßen würde. Damals gab es noch keine Flüchtlingskrise, keine Flut von fremden Menschen, die als bedrohlich empfunden wurde, und dennoch blieb ich ein Fremder, der seine Abstammung nicht verbergen konnte. Ich habe verstanden, dass es etwas mit den anderen zu tun hat, nicht mit mir. Sie haben Angst vor dem Unbekannten, Fremden, weil sie von wirklicher Gefahr keine Ahnung haben.
Als ich nach Wien kam, war ich, wie zuvor in den anderen europäischen Städten, in Griechenland und Italien, überwältigt von der Fülle und Pracht des Lebens, den Farben, den Gerüchen, dem lauten Lachen der Menschen, den Autos, den hohen Gebäuden, den üppigen Auslagen in den Geschäften und all den schönen Dingen, die für die da sind, die sie sich leisten können.
Ich konnte mir nichts leisten, ich war ein Flüchtling, ich besaß nur, was ich am Leibe trug und ich war nach einer monatelangen Wanderung quer durch Europa völlig erschöpft, innerlich wie äußerlich.
Bei meiner ersten Ankunft war ich dennoch euphorisch, endlich war ich am Ziel, ab jetzt würde alles besser, alles richtig werden, so hoffte ich.
Doch so leicht machte es mir das Leben nicht. Um meinen Platz in Österreich musste ich hart kämpfen, so hart, dass ich sogar noch einmal zurückging, weil ich es nicht mehr ertrug, der Fremde zu sein, nur um zu Hause zu erkennen, dass es dort keine Heimat mehr gab, in die ich zurückkehren konnte.
Afghanistan ist heute ein Höllenschlund, der immer neue Wellen aus Gewalt über alle ausschüttet, die ihm zu nahekommen. Die tiefen Wunden, die der Krieg geschlagen hat, werden noch Jahrzehnte brauchen, um zu verheilen und dann gibt es immer noch den blutigen Terror von Taliban und IS, der jede Heilung im Keim erstickt. Die Angst und die Gewalt sind den Menschen dort zur zweiten Natur geworden und nur wenigen gelingt es, in ihrem Inneren etwas zu bewahren, das sie noch Freude und Glück empfinden lässt. Noch viele nachfolgende Generationen werden an dieser Last zu tragen haben, weitergegeben von den Eltern an ihre Kinder, ein Kreislauf aus Hass und Gewalt, der sein Ventil immer an den Schwächsten findet.
Seither trage ich sie im Herzen, die wenigen schönen Erinnerungen an Afghanistan, sie sind mir kostbar und ich will sie teilen, damit die Welt Afghanistan nicht vergisst, das ganze Afghanistan, das ein Paradies sein könnte anstelle der Hölle für so viele Unschuldige.
Wenn ich meine Augen schließe, dann kann ich hin und wieder noch die feinen Sandkörner spüren, die der Westwind von den Tälern hinauf in die Berge des Hindukusch trägt und die auf der Haut reiben wie feine Glassplitter. Zerklüftet und abweisend sind die Bergkämme, unüberwindbar und undurchdringlich für jeden, der sich dort nicht auskennt. Unzählige Höhlen und Gänge gibt es dort, niemand kennt sie alle, sie sind heute Lager und Verstecke der Taliban. Weit oben führen sie ihre Trainings durch, bilden Gotteskrieger aus, die eigentlich noch Kinder sind und schwören, den Kampf gegen die Ungläubigen niemals aufzugeben.
Viele Taliban und Anhänger des IS sind Angehörige der Volksgruppe der Patanen, sunnitische Muslime. Im Vielvölkerstaat Afghanistan gab es einst ein empfindliches Gleichgewicht, das den Frieden zwischen den Volksgruppen sicherte, doch als sich ausländische Kräfte in das Machtgefüge einmischten, geriet das Gleichgewicht ins Wanken und löste das Erdbeben aus, das in einen jahrzehntelangen, bis heute andauernden Krieg mündete, für den die Welt sich nicht mehr interessiert. Die meisten Truppen sind längst heimgekehrt, auch die USA rufen ihre letzten Einheiten zurück und überlassen Afghanistan dem Chaos und der Willkür und Unrechtsherrschaft der Patanen. Uns, das Volk der Hazara, hassen Patanen besonders. Sie neiden uns unsere reiche und lange Geschichte und sie hassen uns dafür, dass wir Schiiten sind.
1977 verbündete sich der Stamm der Patanen unter Scheich Abdul Rachmon Chan mit den Engländern und führte Krieg gegen die anderen Stämme, auch die Hazara. Er ging mit solcher Grausamkeit vor, dass 62 Prozent der Hazara in seinem Auftrag abgeschlachtet wurden. Wer überlebte, floh in die unzugänglichen Berge im Norden, wo sich wenig später die Taliban, ebenfalls in der Mehrzahl Patanen, breitmachten und heute der IS eines seiner Machtzentren hat.
Es heißt, die Hazara gingen im 13. Jahrhundert aus der Mongolenarmee des Dschingis Khan hervor, wie man angeblich noch immer in unseren Gesichtszügen sehen kann. Vor den Mongolen gehörten wir zu den Jafthalen, die Buddhisten waren, bevor der Islam kam. Früher einmal waren wir das mächtigste Volk in Afghanistan, doch heute leben die Hazara in Afghanistan in ständiger Angst. Sie werden verfolgt, die Frauen vergewaltigt, und die Politiker dürfen keine wichtigen Ämter übernehmen. Viele Hazara fliehen deshalb aus Afghanistan, in den benachbarten Iran, in die USA oder nach Europa.
Seit ich mich erinnern kann, lebte auch meine Familie in den Bergen in ständiger Angst vor einem Überfall durch die Taliban. Sie konnten jederzeit kommen, willkürlich, und uns überfallen, verschleppen, ermorden und der Rest der Welt würde es nicht einmal erfahren. Sie hatten die Macht, die Waffen, sie kontrollierten den Opiumhandel, den Nachschub an Nahrung. Ob wir lebten oder nicht, das hing nur von ihnen ab, doch es gibt keinen anderen Ort in Afghanistan, zu den die Hazara gehen können. Die Zuflucht der Berge ist für sie zu ihrem Fluch geworden.
Das Dorf, in dem ich geboren wurde und meine Kindheit verbracht habe, ist direkt in den Berg gebaut. Es besteht aus einfachen, rechteckigen Häusern, deren Putz die Farbe des Schlamms auf den Straßen hat. Schmucklos sind sie, klein und gedrungen, als duckten sie sich vor den schneidenden Winden hier oben in den Bergen. Wir lebten dort ohne fließendes Wasser, Heizung oder Strom, mit gestampftem Boden und Vieh im Hof oder gleich im Haus.
Das Klima kann in den Bergen eine echte Herausforderung sein. Im Sommer ist es heiß, im Winter bitterkalt. Die Dörfer der Hazara sind als Schutz vor den Taliban mit hohen Mauern umgeben. Um unsere Mauer fließt ein Fluss, der weiter oben im Berg entspringt und immer, selbst im Sommer, eiskalt ist.
»Ali, Ali«, ruft mich Masuma, eine meiner zahlreichen Kusinen, »los, komm, wir baden im Fluss!«
Eigentlich dürfen wir das nicht, weil der Dünger von den Feldern weiter oben, wo wir unser Gemüse und Getreide anbauen, ein mickriges Feld mit unfruchtbarer Erde, in den Fluss geleitet wird, doch es ist ein zu großer Spaß, in die eiskalten Fluten zu springen, wenn das Wasser wie tausend Nadelstiche in die Haut dringt. Masuma ist vier, ich bin ein bisschen älter. Für sie bin ich groß.
»Ali«, sagt sie zu mir. »Stimmt es, dass es im Fluss giftige Schlangen gibt?«
Sie hat Angst, das kann ich sehen. Es ist verlockend, sie ein wenig zu ärgern, doch dann siegt mein Verantwortungsgefühl. Ich nehme sie zur Seite und flüstere ihr in das Ohr.
»Ja, das stimmt, aber ich kenne eine Stelle, da gibt es ganz sicher keine Schlangen«, beruhige ich sie.
Ihre Augen beginnen zu leuchten. Strenggenommen darf ich noch nicht einmal mit ihr reden, doch weil uns niemand beobachtet, packen wir uns an den Händen und rennen los.
Barfuß laufen wir über den staubigen Boden, die spitzen Steine fühle ich kaum durch meine Fußsohlen. Unsere Eltern sind nicht da, niemand achtet auf uns. Wir schlüpfen durch das Tor in der hohen Mauer und gelangen an den Fluss. 1800 Meter hoch liegt unser Dorf, auf Bergen, die bis zu 3500 Meter hoch sind. Hinter dem Fluss liegt ein anderes Dorf, und hinter dem Berg auf der anderen Seite erhebt sich ein kleinerer Berg namens Giro, was so viel heißt wie »wo niemals die Sonne scheint«, da unser Berg ihm die Sonne nimmt und er immer im Schatten liegt.
Ich drehe das Gesicht zur Sonne und schließe die Augen. Sie steht hoch am Himmel, keine Wolke ist zu sehen. Ihr helles Leuchten strahlt durch meine Augenlider, hinein in meinen Kopf und ich habe das Gefühl, als erfülle sie mein Innerstes mit Licht und vertreibe für ein paar Sekunden alle Traurigkeit.
»Was machst du da?«, fragt Masuma neugierig.
Ich lächele und schweige. Sie würde es nur meinem Vater sagen und er würde mich schlagen. Ein guter Muslim glaubt nicht an solche Sachen, vor allem nicht sein ältester Sohn.
»Na, los!«, rufe ich und laufe los den Berg hinunter. Schneller werde ich und immer schneller, spitze Steine stechen in meine ungeschützten Fußsohlen, doch ich ignoriere den Schmerz. Dabei achte ich darauf, nicht auf einen Skorpion oder ein anderes giftiges Tier zu treten, die es hier oben in großer Fülle gibt. Masuma hat Mühe, mir zu folgen.
Rechts von uns erhebt sich majestätisch der »Siagulag«, dessen schwarze Steine uns als Speichersteine für die Wärme dienen. Wir vergraben sie in dem gestampften Boden unserer Schlafzimmer, wo sie ihre Wärme abgeben.
Schon von weitem höre ich das laute Kreischen und Lachen der Kinder. Mein Blick fliegt zurück, zur Mauer, zum Dorf, ängstlich, ob der Wind den Lärm nach oben, zu unseren Vätern trägt, doch heute ist der Wind auf unserer Seite und weht in die andere Richtung. Die Stelle liegt gut geschützt unter einem Felsvorsprung und von hohen Büschen umgeben, der Boden aber ist glatt, so dass sich kein Tier unter den losen Steinen verstecken und uns beißen oder stechen kann.
Noch im Laufen streife ich meine Kleider ab und stürze mich kopfüber in das Wasser. Es ist so kalt, dass mir der Atem stockt. Meine Haut prickelt und kitzelt und ich spüre, wie sich meine Muskeln vor Kälte verkrampfen.
Ich tauche ganz unter, obwohl mein Vater mir das verboten hat, doch heute verlasse ich mich auf mein Glück. Keiner von uns kann schwimmen, ich auch nicht, obwohl ich das Wasser liebe wie den Wind, denn beides ist immer in Bewegung und reist soweit und schnell. Wir bleiben dicht am Ufer und halten uns von der Strömung und den Stromschnellen fern, damit der schnell fließende Fluss uns nicht mitreißt.
Es ist schon vorgekommen, erzählen uns die Alten, dass ein Kind nicht achtgab und dann erst unten am Hang, zerschmettert an den Felsen, von seinen Eltern wieder in Empfang genommen werden konnte.
Wir bleiben, solange wir können, bespritzen uns mit Wasser und tauchen unter, bis uns schlecht ist vom Düngergeschmack des Wassers in unseren Mündern und Nasen. Dann laufen wir nach Hause, der Wind trocknet mir die Haare.
Je näher wir zum Dorf kommen, umso stiller werden wir. Kinder haben still zu sein und nur zu sprechen, wenn ihre Eltern sie auffordern, dass erfordert der Respekt, doch ich hasse die Stille. Warum dürfen wir nicht sprechen, wann wir wollen, all die tausend Fragen stellen, die mir auf der Seele brennen. Es gibt so vieles, was ich nicht weiß.
»Jede Antwort, die du suchst, findest du im Koran«, sagt mein Vater und tippt auf die arabische Ausgabe im Regal, obwohl wir alle kaum Arabisch verstehen. Lesen müssen wir ihn trotzdem, es ist eines der wenigen Bücher, das wir besitzen, und wir müssen sehr vorsichtig mit ihm umgehen.
Das Haus meiner Eltern ist groß, es hat viele Zimmer, doch wir nutzen nur drei im Erdgeschoss: die Küche, das Wohn- und Esszimmer und das Schlafzimmer. Hier schlafen wir zu elft, mein Onkel mit seiner fünfköpfigen Familie, meine Eltern, mein jüngerer Bruder Mahdi, meine jüngere Schwester Sima und ich. Direkt hinter dem Eingang kommt man in den Vorraum, wo die Tiere sind. Sie haben ständig Ungeziefer, Flöhe und Läuse, die uns nachts beißen, wenn wir schlafen, und viele juckende Stellen hinterlassen. Noch heute juckt es mich, wenn ich an diesen Raum denke.
Da mein Onkel der ältere Bruder meines Vaters und noch dazu der Mullah, also der Religionslehrer war, genoss er Ansehen und verfügte im Gegensatz zu meinen Eltern, die einfache Bauern waren, über ein gewisses Einkommen. Obwohl er freundlich und gut war, sah meine Tante auf uns herab. Die Tradition gebot es, uns bei sich aufzunehmen, was sie tat, doch dafür behandelte sie uns Kinder schlecht, wann immer sie nur konnte. An Gelegenheiten fehlte es nicht.
Unsere Eltern arbeiteten den ganzen Tag draußen auf den Feldern und wenn sie nach Hause kamen, waren sie so erschöpft, dass sie für uns Kinder keine Zeit hatten. Wir hatten Eltern und hatten doch keine. Nie sprachen sie mit uns, spielten mit uns oder saßen nur gemeinsam mit uns beim Essen. Meine Eltern waren Gespenster, die ich immer nur im grauen Licht des Morgens oder in der Nacht zu Gesicht bekam, müde, angestrengt und erschöpft, niedergedrückt von der Qual, die ihr Leben bedeutete. Es war die Aufgabe meiner Mutter trotz ihrer Müdigkeit für alle zu kochen. Manchmal schlief sie dabei im Stehen ein, so erschöpft war sie. Als ich noch klein war, wollte ich wenigstens in dieser Zeitspanne bei ihr sein, doch im Flur vor der Küche war der Schlafplatz einer bösartigen Ziege mit langen Hörnern, die gerne auf uns Kinder losging, und vor der hatte ich Angst. Außerdem schimpfte meine Tante, wenn ich in der Küche war und ich wollte nicht, dass meine Mutter noch mehr Ärger hatte, also zog ich mich zurück, obwohl ich mich so sehr nach ihr sehnte. Mein Vater nahm uns nur selten zur Kenntnis. Er schenkte uns Kindern keinerlei Beachtung, außer, wenn er uns bestrafen musste. Anders als meiner Tante machte ihm das keine Freude, doch er tat es gewissenhaft, weil er es für seine Pflicht hielt, uns zu schlagen. Für ihn war das Erziehung. Dass dazu auch Liebe und Fürsorge gehörten, davon wusste er nichts und ich fragte mich oft, ob er überhaupt irgendetwas für uns empfand. Es fühlte sich nicht so an. Ich habe von meinem Vater nie ein lobendes oder auch nur freundliches Wort gehört. Meistens sah er mich noch nicht einmal an, so als existierte ich gar nicht.
Besonders schlimm war es, wenn wir mit meiner Tante allein waren, denn dann ließ sie ihre ganze Boshaftigkeit an uns aus. Sie ließ uns hungern, sie schlug uns, sie ließ uns draußen in der Kälte stehen, bis wir blaue Lippen hatten. Ihre Fantasie kannte keine Grenzen, wenn es darum ging, uns Kinder zu quälen, doch sobald jemand anderes dabei war, tat sie so, als sei alles in Ordnung. Ich hasste sie. Manchmal stellte ich mir vor, dass sie verschwand, damit sie uns nie mehr wehtun konnte, doch ich war nur ein Kind. Wenn sie uns gerade wieder etwas antat, dann hatte sie dieses entzückte Leuchten in den Augen und durch sie lernte ich, noch bevor ich fünf Jahre alt war, dass es Menschen gibt, die Freude daran haben, anderen wehzutun.
So sind diese Dinge in Afghanistan, einfach, weil sie schon immer so waren. Die Zeit verrinnt dort sehr langsam, zu langsam für ein ungeduldiges Kind, das es nicht erwarten kann, endlich erwachsen zu werden. Als Junge befürchtete ich sogar manchmal, sie bliebe irgendwann ganz stehen, so dass ich ein Kind bleiben und niemals alt genug werden würde, um das Dorf und meine Familie zu verlassen. Genau das aber wollte ich unbedingt, so schnell wie möglich, bevor die Zeit doch noch stehenblieb oder sogar rückwärtslief, wie es in Afghanistan manchmal den Anschein hat.
Damals hatte ich noch keinen Begriff von Freiheit, doch je älter ich wurde, umso größer wurde in mir eine Art sehnsüchtiger Ahnung, dass es nicht überall so sein musste, wie es bei uns war.
Es gab Geschichten von Männern, die ihr Zuhause verließen und in die Ferne gingen, in entlegene Orte, in fremde Länder, wo alles besser war.
Die meisten Hazara fliehen zuerst in den Iran. Dort sind sie zwar sicher vor den Taliban, dafür sind sie Bürger zweiter Klasse, ohne Rechte, ohne Hilfe, die beschimpft und bespuckt werden.
Obwohl wir weder Fernsehen noch viele Bücher hatten, wusste ich, dass nicht alle so lebten wie wir, dass es Orte gab, an denen nicht alles so unerträglich war wie hier, wo Menschen glücklich waren. Ich war fest entschlossen, wenn ich größer war, einen solchen Ort zu finden, damit meine Kinder einmal unter anderen Umständen aufwachsen konnten.
Gründe zu fliehen gab es auch ohne den Gedanken an zukünftige Kinder genug. Da waren nicht nur die Taliban, da war auch mein unerbittlich strenger Vater, der niemals mit dem Herzen dachte, sondern stets das tat, was der Islam oder sein älterer Bruder verlangten, selbst wenn es die Menschen um ihn herum zerstörte. Ich konnte fühlen, dass um das Herz meines Vaters ein Panzer lag, den ihm seinerseits die Schläge seines Vaters geschmiedet hatten, so wie die Misshandlungen ihres Vaters meine Tante zu einem bösen und grausamen Menschen gemacht hatten.
Frauen waren in Afghanistan damals - und sind es heute noch – nichts wert. Sie haben den Stand von Sklavinnen. Ihr Leben besteht aus Arbeit, Gehorsam und Kinderkriegen. Sie dürfen niemals über sich selbst bestimmen, vielen ist es noch nicht einmal gestattet, das Haus zu verlassen. Sie werden von ihren Eltern, ihren Brüdern, ihren Männern und ihren Schwiegermüttern geschlagen und gedemütigt und viele sterben früh an der Hoffnungslosigkeit und der Erschöpfung. Meine Tante hatte es gut getroffen, ihr Mann war der Mullah und mein Onkel schlug seine Frau nicht, im Gegenteil, er war ein herzlicher und freundlicher Mann und ich liebte und bewunderte ihn sehr, wenn er am Wochenende aus den umliegenden Dörfern zurückkam. Was seine Frau uns antat, wenn wir mit ihr alleine waren, davon ahnte er wohl nichts, denn ihm zeigte sie ihre Boshaftigkeit niemals, im Gegenteil, sie gab sich liebenswürdig und fürsorglich und wir Kinder schwiegen und litten im Stillen.
Die Seelen der Menschen im Norden sind so vernarbt, dass sie so hart sind wie die Erde und der Fels der Berge um sie herum. Es fehlt an Liebe und an Freude, stattdessen gibt es nur Gewalt und Macht, ein ewiger Kreislauf, der mit jeder neuen Generation von vorne beginnt.
Ich schwor mir schon früh, nicht so zu werden, meine Kinder oder meine Frau niemals so zu behandeln, wie es meine Tante, mein Vater oder die anderen Eltern im Dorf taten. Ich wollte ihnen all die Liebe geben, nach der ich mich als Kind so sehr gesehnt hatte.
Ich war kein glückliches Kind. Ich war der älteste Sohn und hatte eine schwere Verantwortung zu tragen. Mein Vater erwartete von mir, dass ich mich wie ein Mann verhielt, obwohl ich noch ein Kind war.
Als Mullah verfügte mein Onkel über bescheidenen Wohlstand, während wir, die Familie seines Bruders, die meiste Zeit von der Hand in den Mund lebten und oft Hunger litten. Waren wir mit meiner Tante allein, dann sperrte sie uns oft ein, damit wir nicht zum Essen kommen konnten. wenn am Abend unsere Eltern nach Hause kamen, dann erzählte sie ihnen, wie verfressen und gierig wir seien, jetzt noch einmal essen zu wollen, obwohl wir ihr doch erst die Töpfe leer gegessen hatten. Ihr zu widersprechen wäre mir nicht wohl bekommen, das wusste ich, also schluckte ich meinen Zorn hinunter in meinen vor Hunger schmerzenden Magen und schwieg.
Der Geruch von frischgebackenem Brot weht durch das Haus und mir dreht es den Magen um. Es ist erst Oktober, aber schon sehr kalt, draußen fällt der erste Schnee, und mir ist ganz flau vor Hunger. Was gäbe ich jetzt für ein Stück Brot! Schon beim Gedanken daran, läuft mir das Wasser im Mund zusammen.
»Hörst du?«, fragt mich Sima, meine Schwester. Wir spitzen die Ohren und lauschen. Im Nebenzimmer können wir hören, wie sich meine Tante mit ihren drei Kindern zum Essen setzt. Es riecht nach heißer Suppe und Tee. Mein Magen knurrt so laut, dass mir schwindelig wird. Es ist schon Tage her, dass wir etwas Richtiges gegessen haben.
Meine kleine Schwester beginnt vor Hunger zu weinen und ich ertrage es kaum.
»Warte hier«, sage ich und lege einen Finger an die Lippen, um ihr zu bedeuten, dass sie still sein soll. Sie nickt mit großen Augen. Ich verschwinde in die Küche, bewege mich leise und geschmeidig wie eine Katze. Als ich das warme Brot rieche, die Suppe auf dem Herd, in der sogar ein Stück Fleisch schwimmt, falle ich vor Hunger fast in Ohnmacht. Meine Hände zittern, als ich nach einer Schüssel greife und sie so schnell und leise, wie ich kann, mit allem befülle, was mir in die Finger kommt. Meine Schwester und ich verstecken uns draußen und fallen über die Schüssel her. Nie zuvor hat etwas so gut geschmeckt. Es ist wie ein Rausch. Wir schlingen mit den Fingern, lecken sie anschließend ab und stöhnen und seufzen dabei. So beschäftigt sind wir, dass wir nicht bemerken, dass sich einer meiner Cousins an uns heranschleicht.
Als er die Schüssel und unsere verschmierten Münder sieht, fängt er sofort an zu schreien. Er schreit nach seiner Mutter, will ihr sagen, bei was er uns erwischt hat.
Ich flehe ihn an, still zu sein, nicht wegen mir, sondern wegen meiner Schwester, sie ist noch ganz klein und sie hat große Angst, das kann ich sehen, doch er schreit noch lauter und dann ist die Frau meines Onkels da, ihr Gesicht dunkel vor Wut. Auch sie schreit, dann geht sie auf uns los. Sie prügelt mich mit harten, festen Schlägen gegen den Kopf und in das Gesicht und dann geht sie auf meine Schwester los. Meine Schwester beginnt zu weinen. Die Frau meines Onkels schickt ihren Sohn los, meinen Bruder zu holen, was er sofort macht. Dann stehen wir da, mit gesenkten Köpfen, meine kleinen Geschwister weinen vor Angst. Die Frau meines Onkels ist wie eine Furie. Sie hat jetzt einen Handschuh an und ich frage mich was sie vorhat. Sie reißt einige Brennnesseln ab und dann schlägt sie sie meiner Schwester auf den Mund. Meine Schwester schreit auf, versucht, ihr Gesicht zu schützen, doch mein Cousin hält ihre Arme fest. Wieder und wieder schlägt die böse Frau zu, bis ihr Gesicht ganz geschwollen und rot ist. Als Nächster ist mein Bruder dran, auch er schluchzt und weint, doch als sie zu mir kommt, nehme ich mir fest vor, dass ich nicht weinen werde, diesen Sieg soll sie über mich nicht haben.
Ich schaue ihr in die Augen, die böse funkeln, erwidere ihren Blick, recke sogar ein wenig das Kinn und dann legt sie los. Es tut weh, es brennt und ich zucke zusammen, doch ich gebe keinen Mucks von mir. Sie schickt meinen Cousin, ihr neue Brennnesseln zu holen. Mein Gesicht steht in Flammen, meine Augen schwellen mir zu, doch ich stehe still und beiße mir auf die Zunge, bis ich Blut schmecke. Irgendwann hat sie keine Kraft mehr und lässt von mir ab. Tränen laufen über mein Gesicht, es tut furchtbar weh, aber ich verhalte mich still, immer noch. Sie sieht mich an und ich sehe, dass ich ihr die Stirn geboten habe. Dafür wird sie sich an mir rächen, mich noch härter bestrafen, mich doch zum Schreien bringen, doch ich habe ihr gezeigt, dass sie keine absolute Macht über mich hat. Es fühlt sich gut an, trotz meines brennenden Gesichts. Ich tröste meine Geschwister, wasche ihnen die Gesichter mit Wasser, doch es ist längst zu spät. Sie sehen schrecklich aus, mir geht es nicht besser. Meine Tante und mein Cousin gehen triumphierend in das Haus zurück, sie lachen uns aus.
Die Schwellungen bleiben den ganzen Tag. Als meine Mutter uns sieht, schlägt sie die Hand vor den Mund und beginnt zu weinen, doch auch sie traut sich nicht, irgendetwas gegen ihre Schwägerin zu sagen, aus Angst, dass sie uns dann hinauswirft.
Mein Vater erfährt es von der Frau seines Bruders und wird so wütend auf uns, dass wir es gewagt haben, an ihr Essen zu gehen, dass er uns auch noch einmal verprügelt. Abends im Bett gibt es keine Stelle meines Körpers, die nicht schmerzt und ich kann hören, dass Sima und Mahdi im Schlaf noch immer schluchzen. Wütend balle ich meine Fäuste, schwöre, mich an meiner Tante zu rächen, ihr alles heimzuzahlen und weiß doch, dass ich machtlos bin. Sie kann mit uns tun was sie will, denn wir besitzen nichts und sind auf ihre Gunst angewiesen. Es ist so ungerecht, dass sie mit vollen Bäuchen tief schlafen, während mir Hunger und Wut die Augen aufhalten.
Wenn ein Kind noch sehr klein ist, wenn es misshandelt wird, dann kann es nicht verstehen, was da geschieht. Tatsächlich hatte ich die Schläge meiner Tante irgendwann vergessen, erst vor kurzem konnte ich durch eine Psychotherapie die Erinnerung daran zurückholen und konnte die verzweifelte Wut und die unerträgliche Hilflosigkeit noch genauso spüren wie mit fünf Jahren.
Nach der Sache mit den Brennnesseln, kurz vor meinem sechsten Geburtstag, entschied ich mich, kein Kind mehr sein zu wollen. Meine Eltern konnten und wollten uns nicht beschützen, also war es an mir, meine kleinen Geschwister vor meiner Tante zu schützen. Ab diesem Tag spielte ich nie wieder, ich hing meinen Gedanken nach oder beobachtete die Straße. In jeder wachen Sekunde achtete ich darauf, ob sich wieder etwas anbahnte.
Die übermächtigen schlechten Gefühle, die die Schläge meiner Tante in mir ausgelöst hatten, vergrub ich so tief in mir, dass ich sie irgendwann vergaß, doch die Wunden waren noch nicht verheilt und suchten sich einen anderen Weg an die Oberfläche.
Obwohl ich schon fünf Jahre alt war, machte ich Nacht für Nacht in das Bett. So sehr ich es mir auch vornahm, es geschah doch und ich wachte in einer nassen Pfütze auf. Dann musste ich meine nasse Decke nach draußen tragen und dort unter dem Spott und der Häme meiner Cousins aufhängen. Meine Hose musste ich den ganzen Tag tragen, obwohl sie furchtbar stank. Im Dorf nannten sie mich den »Pinkler«, sie warfen mit Steinen nach mir, damit ich Abstand hielt und sie lachten so laut, dass mir die Ohren dröhnten. Ich schämte mich so sehr, dass ich am liebsten gestorben wäre. Hätte ich damals schon gewusst, dass man sich das Leben nehmen kann, ich hätte es getan. Mein Leben war die Hölle und das Einzige, dass mich das ertragen ließ, war die Vorstellung, wie mein Leben als Erwachsener einmal sein würde, wenn ich mir von niemandem mehr etwas sagen lassen musste.
Mit den anderen Kindern spielte ich nicht, weil sie mich verspotteten und weil ich mit ihren Spielen nichts anfangen konnte. Viel lieber ging ich zur Wiese am Ende des Dorfes, wo ein Esel stand. Er hatte die schönsten Augen, die ich je gesehen hatte und seine Schnauze war so weich, dass ich lachen musste, wenn er mich beschnupperte. Ich pflückte für ihn gute Kräuter und kraulte und streichelte ihn. Dann lehnte er seinen Kopf an mich und seufzte und in diesen Momenten war ich glücklich.
Der Mann, dem der Esel gehörte, beobachtete mich bei meinen Besuchen und eines Tages kam er heraus und schenkte mir den Esel.
»Ihr zwei gehört zusammen«, sagte er und ich bekam keinen Ton mehr heraus. Mein Vater schimpfte, weil der Esel ja auch gefüttert werden wollte, doch ich ahnte, dass er in Wahrheit nur neidisch war, weil ihm noch nie jemand etwas so Wertvolles wie einen Esel geschenkt hatte. Ich ließ mich nicht beirren, sondern brachte ihn auf die Weide zu unseren anderen Tieren und kümmerte mich in den folgenden Jahren liebevoll um ihn. In vielen schweren Situationen war er mir mein Trost und ich weinte ihm oft das Fell am Hals nass mit meinen Tränen, die sonst niemand sehen durfte.
2. Alles Licht der Welt
