Die Schlacht der Nomen - Terry Pratchett - E-Book

Die Schlacht der Nomen E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Am Anfang wurde das Kaufhaus geschaffen – als Heimat für die winzigen Nomen, die sich auf seinen verschiedenen Etagen angesiedelt haben. Die Nomen führen ein friedliches Dasein – bis eines Tages die Parole "Räumungsverkauf" ausgerufen wird. Eine waghalsige Evakuierung mit einem Lastwagen beginnt. Doch auch aus ihrem neuen Zuhause "Steinbruch" werden die Wichte vertrieben. Schließlich treffen sie in einem Raumhafen auf den Gott NASA. Und eine Reise ins All wird die Nomen in ihre wahre Heimat führen …

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Entdecke die Welt der Piper Fantasy:

Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

6. Auflage 2011

ISBN 978-3-492-95646-8

© Terry and Lyn Pratchett 1989, 1990 Titel der amerikanischen Originalausgaben: »Truckers«, »Diggers«, »Wings«, Doubleday / Transworld Publishers Ltd., London 1989, 1990 Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München 2005 Erstmals erschienen: Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München 1996 Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München Umschlagabbildung: Josh Kirby via Agentur Schlück GmbH

Über Nomen und die Zeit

Nomen sind klein. Im großen und ganzen leben kleine Geschöpfe nicht lange, aber vielleicht leben sie schnell.

Hier mag eine Erklärung nötig sein.

Eins der kurzlebigsten Geschöpfe auf dem Planeten Erde ist die gewöhnliche Eintagsfliege. Ihre Lebenserwartung beträgt genau einen Tag. Andererseits gibt es Mammutbäume, die über viertausend Jahre alt sind und sich noch immer bester Gesundheit erfreuen.

Eintagsfliegen halten das vielleicht für ungerecht, aber wichtig ist nicht die Länge des Lebens, sondern wie lang es zu sein scheint.

Für eine Eintagsfliege haben sechzig Minuten vielleicht die Länge eines Jahrhunderts. Man stelle sich vor, wie alte Eintagsfliegen beieinandersitzen und darüber klagen, das Leben in dieser Minute sei nicht mehr so wie in den guten alten Minuten vor langer Zeit, als die Welt jung war, als die Sonne heller schien und Larven noch Respekt zeigten. Bäume hingegen sind nicht wegen ihrer schnellen Reaktionen bekannt; möglicherweise bemerken sie das seltsame Flackern des Himmels, bevor sie von Trockenfäule und Holzwürmern heimgesucht werden.

Alles ist relativ. Je schneller man lebt, desto mehr dehnt sich die Zeit. Für einen Nomen-Wicht dauert ein Jahr ebenso lange wie zehn Jahre für einen Menschen. Denken Sie daran. Ohne deshalb betrübt zu sein. Die Nomen kümmert es nicht. Sie haben überhaupt keine Ahnung davon.

Am Anfang …

1

Dies ist die Geschichte der Heimkehr.

Es ist die Geschichte vom Gefährlichen Pfad.

Es ist die Geschichte vom Lastwagen, der durch eine schlafende Stadt donnert, gegen Straßenlaternen stößt, Schaufenster zerschmettert und von der Polizei angehalten wird. Und als die verblüfften Beamten zum Streifenwagen zurückkehrten, um Bericht zu erstatten – Ja, Sie haben richtig gehört: Es sitzt niemand am Steuer! –, wurde daraus die Geschichte des Lastwagens, der wieder den Motor startete, von den verdutzten Männern fortrollte und in der Nacht verschwand.

Aber die Geschichte fand hier kein Ende.

Sie begann auch nicht an dieser Stelle.

Es regnete Stumpfsinnigkeit. Es regnete Kummer. Es handelte sich um jene Sorte von Regen, der viel zu feucht ist, um einen Regen, der in großen Tropfen herabfällt und platscht, um einen Regen, der einem senkrechten Meer mit Schlitzen darin gleicht.

Der Regen trommelte auf die alten Hamburger-Schachteln und Pommes frites-Tüten im Abfallkorb, der Masklin derzeit als Versteck diente.

Beobachten Sie ihn. Er friert. Er ist naß, besorgt und zehn Zentimeter groß.

Normalerweise bot der Müllbehälter ein gutes Jagdrevier, selbst im Winter. Oft enthielten die Tüten noch das eine oder andere Kartoffelstäbchen, manchmal sogar Knochen von einem Hähnchen. Gelegentlich stieß Masklin auf eine Ratte. Über die letzte Ratte hatte er sich sehr gefreut – sie reichte für fast eine Woche. Es gab nur ein Problem: Am dritten Tag konnte man kein Rattenfleisch mehr sehen. Eigentlich blieb einem schon der dritte Bissen im Hals stecken. Masklin starrte zum Parkplatz.

Und dort kam er, pünktlich wie immer, spritzte Regenwasser beiseite und hielt mit zischenden Bremsen.

Seit vier Wochen traf der Laster an jedem Dienstag- und Donnerstagmorgen ein. Masklin wußte auch, wieviel Zeit sich der Fahrer ließ.

Sie hatten genau drei Minuten. Für jemanden, der so klein ist wie ein Nom, entspricht das einer halben Stunde.

Masklin kroch an schmierigem Papier vorbei, sprang unten aus dem Abfallkorb und lief zu den Sträuchern am Rand des Parkplatzes. Dort warteten Grimma und die anderen.

»Er ist da«, sagte er. »Kommt!«

Sie standen auf, ächzten und murrten. Mindestens ein dutzendmal hatte Masklin mit ihnen geübt. Es war sinnlos, sie anzuschreien: Damit verwirrte er sie nur, und dann regten sie sich auf und murrten noch mehr. Sie meckerten immer. Über kalte Pommes frites, selbst wenn Grimma sie aufwärmte. Über Rattenfleisch. Ab und zu dachte Masklin daran, einfach fortzugehen, doch die mahnende Stimme des Gewissens hinderte ihn daran. Die anderen brauchten ihn. Sie benötigten jemanden, über den sie nörgeln konnten.

Aber sie waren zu langsam. Masklin hätte am liebsten geweint.

Statt dessen wandte er sich an Grimma.

»Wir müssen uns beeilen«, drängte er. »Treib sie irgendwie an. Es dauert zu lange!«

Grimma klopfte ihm auf die Hand.

»Sie fürchten sich. Geh du voraus. Wir folgen dir gleich.«

Masklin widersprach nicht – dazu war die Zeit zu knapp. Er eilte durch den Schlamm zum Parkplatz zurück, holte unterwegs Seil und Greifer hervor. Eine Woche hatte es gedauert, um den Haken aus einem Stück Zaundraht anzufertigen, und anschließend übte er tagelang. Der Wicht holte bereits damit aus, als er das Rad des Lasters erreichte.

Beim zweiten Versuch verfing sich der Greifer oben an der Plane. Masklin zog an dem Seil, stützte die Füße an den Reifen ab und zog sich hoch.

Nicht zum erstenmal begann er mit einer solchen Kletterpartie. Oh, er hatte schon drei oder vier hinter sich. Gekonnt kroch er unter die dicke Plane in eine Welt der Finsternis, rollte noch mehr Seil aus und befestigte es an einem tauartigen Strick, dick wie sein Arm.

Dann schob er sich wieder an den Rand und atmete erleichtert auf: Grimma führte die Alten tatsächlich über den Platz. Er hörte, wie sie sich über die Pfützen beklagten.

Masklin sprang ungeduldig auf und ab.

Stunden schienen zu vergehen. Eine Million Mal hatte er es den anderen erklärt, aber als Kinder waren sie nie auf Lastwagen gezogen worden und sahen nicht ein, warum sie jetzt damit anfangen sollten. Oma Morkie bestand darauf, daß alle Männer zur Seite blickten, damit sie ihre Unterröcke nicht sahen. Und der alte Torrit wimmerte so laut, daß Masklin ihn wieder hinabließ; Grimma legte ihm eine Augenbinde an. Nachdem er die ersten heraufgeholt hatte, war es etwas leichter für ihn, denn die anderen halfen ihm am Seil. Trotzdem wurde die Zeit knapp.

Grimma kam als letzte an die Reihe. Sie war leicht. Eigentlich wog niemand besonders viel – sie bekamen nicht jeden Tag Rattenfleisch.

Erstaunlich: Schließlich befanden sich alle an Bord. Masklin hatte ständig nach den Geräuschen von Schritten auf Kies gelauscht, nach dem Knallen der zufallenden Fahrertür, aber nichts dergleichen geschah.

»Na schön«, sagte er. Vor Anstrengung zitterte er. »Das wär's. Wenn wir jetzt …«

»Ich habe das Ding fallen lassen«, brummte der alte Torrit. »Das Ding. Ich habe es fallen lassen, verstehst du? Neben dem Rad, als mir Grimma die Augen verband. Hol es, Junge!«

Masklin riß erschrocken die Augen auf, spähte unter der Plane hervor und … Ja, dort lag es, tief unten. Ein winziger schwarzer Würfel auf dem Boden.

Das Ding.

Es ruhte in einer Pfütze, doch das machte dem Ding sicher nichts aus. Es widerstand allem, sogar dem Feuer.

Und dann hörte Masklin, wie der Kies in regelmäßigen Abständen knirschte. Jemand kam.

»Wir haben keine Zeit mehr«, flüsterte er. »Es ist zu spät.«

»Ohne das Ding können wir nicht aufbrechen«, stellte Grimma fest. »Natürlich können wir das. Es ist doch nur ein – ein Ding. Wir brauchen das verdammte Objekt nicht mehr.«

Masklin bedauerte diese Bemerkung sofort, und es erstaunte ihn, daß seine Lippen solche Worte formuliert hatten. Grimma wirkte entsetzt. Oma Morkie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und zitterte am ganzen Leib.

»Du solltest dich schämen!« stieß sie hervor. »Es gehört sich nicht, so etwas zu sagen! Habe ich recht, Torrit?« Sie stieß ihm den spitzen Ellbogen in die Rippen.

»Wenn wir das Ding nicht mitnehmen, bleibe ich hier«, erwiderte Torrit verdrießlich. »Es ist kein …«

»Der Anführer spricht mit dir«, fuhr Oma Morkie fort. »Gehorch ihm gefälligst. Das Ding zurücklassen! Es wäre nicht richtig. Es wäre nicht anständig. Hol es, und zwar sofort.«

Masklin starrte wortlos in den Schlamm hinab, warf verzweifelt das Seil über den Rand und hangelte sich daran nach unten.

Es regnete jetzt stärker, und auch Hagelkörner fielen. Der Wind zerrte an Masklin, als er am großen Rad vorbeifiel, dann in der Pfütze landete. Er bückte sich, griff nach dem Ding …

Und der Lastwagen setzte sich in Bewegung.

Zuerst dröhnte etwas, so laut, daß eine massive Wand des Lärms daraus wurde. Stinkender Qualm wehte Masklin entgegen, und er spürte eine alles erschütternde Vibration.

Ruckartig zog er an dem Seil und rief den Alten zu, sie sollten ihn hochziehen – aber er hörte nicht einmal die eigene Stimme. Doch Grimma oder jemand anders begriff offenbar, worauf es jetzt ankam: Als das riesige Rad losrollte, straffte sich die Leine, und Masklin verlor den Boden unter den Füßen.

Er stieß gegen die Radkappe und prallte ab, schwang hin und her, während man ihn quälend langsam hochzog. Nur wenige Zentimeter trennten ihn von dem Reifen, der jetzt ein schwarzer Schatten war, und ständig hämmerte das gräßliche Wummern auf ihn ein.

Ich habe keine Angst, dachte er. Dies ist viel schlimmer als alles andere, womit ich jemals fertig werden mußte, und ich fürchte mich nicht davor. Etwas so Schreckliches läßt gar keine Furcht zu.

Er fühlte sich wie in einem kleinen warmen Kokon, fern von Wind und Lärm. Ich sterbe, fuhr es ihm durch den Sinn. Ich muß mein Leben für das Ding opfern, das uns nie geholfen hat, nie irgendeinen Nutzen hatte. Ja, jetzt ist es soweit, jetzt komme ich in den Himmel. Torrit hat oft erzählt, was passiert, wenn man stirbt. Ich frage mich, ob er recht hat. Schade, daß man sterben muß, um es herauszufinden. Jahrelang habe ich jeden Abend den Himmel beobachtet, ohne dort oben auch nur einen Nom zu sehen …

Aber es spielte gar keine Rolle. Es betraf Masklin überhaupt nicht mehr. Er schwebte nun in einer anderen Wirklichkeit …

Hände streckten sich ihm entgegen, faßten ihn unter den Armen, zogen ihn unter die knatternde Plane, lösten ihm mühsam das Ding aus den verkrampften Fingern.

Hinter dem schneller werdenden Lastwagen senkten sich neue Regenvorhänge auf weite Felder herab.

Und im ganzen Land gab es keine Nomen mehr.

Es hatte viel mehr gegeben, damals, als es nicht so häufig regnete. Masklin erinnerte sich an mindestens vierzig. Doch dann kam die Autobahn: Der Bach wurde durch Rohre geleitet, die nächsten Hecken wurden mit den Wurzeln ausgegraben und entfernt. Die Nomen hatten immer in den Ecken der Welt gelebt, und plötzlich bekamen solche Ecken Seltenheitswert.

Immer weniger Nomen blieben übrig. Das lag zum größten Teil an natürlichen Ursachen, und wenn man nur zehn Zentimeter groß ist, haben ›natürliche Ursachen‹ meistens Zähne und Hunger. Eines Nachts führte der besonders abenteuerlustige Pyrrince eine verzweifelte Expedition über die Fahrbahn, um den Wald auf der anderen Seite zu erforschen. Er und seine Begleiter kehrten nie zurück. Manche sagten später, sie seien Falken zum Opfer gefallen. Oder einem Laster. Einige spekulierten sogar, sie hätten die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht, um anschließend auf dem Grünstreifen in der Mitte festzusitzen, gefangen zwischen endlosen Reihen dahinrasender Autos.

Dann baute man das Café an der Straße, und es führte zu einer gewissen Verbesserung. Es hing von der jeweiligen Perspektive ab: Wenn man kalte Pommes frites und Hähnchenknochen mit Fleischfetzen dran für Nahrung hielt, dann gab es für alle genug zu essen.

Schließlich wurde es Frühling. Masklin blickte sich um und stellte fest, daß die Gruppe nur noch aus zehn Wichten bestand. Acht von ihnen waren zu alt für weite Streifzüge – Torrit ging auf den zehnten Geburtstag zu.

Ein schrecklicher Sommer folgte. Grimma organisierte mitternächtliche Raubzüge zu den Abfallkörben und nahm die wenigen Artgenossen mit, die sich noch einen Rest von Flinkheit bewahrt hatten. Masklin versuchte sich als Jäger.

Allein auf die Jagd zu gehen … Er hatte dabei das Gefühl, stückchenweise zu sterben. Die meisten Objekte, denen er nachstellte, schlüpften ebenfalls in die Rolle des Jägers. Und selbst wenn er einen Erfolg erzielte und etwas erlegte – wie sollte er die Beute nach Hause schaffen? Bei der Ratte dauerte es zwei Tage – und des Nachts mußte er Wache halten, um andere Geschöpfe abzuwehren. Zehn starke Jäger konnten alles schaffen – Bienennester plündern, Mäuse in Fallen locken, Maulwürfe fangen, alles –, aber wenn jemand allein loszog, ohne einen Gefährten, der ihm im hohen Gras Rückendeckung gewährte … Ein solcher Wicht war die nächste Mahlzeit für alles, was Krallen und Zähne besaß.

Um für genug Nahrung zu sorgen, benötigte man viele Jäger. Und für viele Jäger benötigte man genug Nahrung.

»Im Herbst wird's besser«, versprach Grimma, als sie Masklins Arm verband – ein Wiesel hatte ihn gebissen. »Dann gibt es Pilze, Beeren, Nüsse und so weiter.«

Aber die Suche nach Pilzen blieb vergeblich, und es regnete so sehr, daß die Beeren vor der Reife verfaulten. An Nüssen herrschte jedoch kein Mangel. Der nächste Haselstrauch war einen halben Tagesmarsch entfernt. Masklin vermochte ein Dutzend Nüsse zu tragen, wenn er vorher ihre Schalen zertrümmerte und eine geeignete Papiertüte fand. Er brauchte einen ganzen Tag, um sie heimzubringen – unterwegs riskierte er, von Falken angegriffen zu werden –, und sie reichten auch nur für einen Tag.

Dann stürzte der rückwärtige Bereich des Baus ein, weil es zu lange und zu stark geregnet hatte. Masklin empfand es fast als angenehm, ihn zu verlassen, denn die Alten nörgelten einmal mehr, warfen ihm vor, notwendige Reparaturen vernachlässigt zu haben. Oh, und das Feuer! Ein Feuer im Zugang der unterirdischen Höhle war unverzichtbar; es diente nicht nur zum Kochen, sondern auch zum Fernhalten unerwünschter Besucher. Eines Tages machte Oma Morkie ein Nickerchen und das Feuer erlosch. Wenigstens hatte sie die Anständigkeit, verlegen zu werden.

Als Masklin an jenem Abend zurückkehrte, starrte er lange Zeit in die kalte Asche, rammte seinen Speer in den Boden und lachte schallend. Er lachte, bis er schließlich zu weinen begann. Er konnte den anderen nicht gegenübertreten und hockte sich draußen nieder. Nach einer Weile brachte ihm Grimma eine Haselnußschale mit Nesseltee – mit kaltem Nesseltee.

»Alle sind sehr bestürzt«, sagte sie.

Masklin lachte erneut, doch es klang nicht sehr humorvoll. »O ja, ich weiß«, erwiderte er. »Ich hab's gehört. ›Bring beim nächsten Mal einen Zigarettenstummel mit, Junge; mein Tabak ist alle.‹ Und: ›Bekommen wir überhaupt keinen Fisch mehr? Vielleicht findest du demnächst Zeit für einen Abstecher zum Fluß.‹ Und: ›Du denkst immer nur an dich selbst; was anderes fällt den jungen Leuten von heute nicht mehr ein …‹«

Grimma seufzte. »Sie geben sich Mühe. Aber sie verstehen nicht, daß sich unsere Situation geändert hat. Damals, als sie jung waren, gab es Hunderte von uns.«

»Es dauert bestimmt Tage, um ein neues Feuer zu entzünden.« Masklin dachte an das Brillenglas, das ihnen zur Verfügung stand. Es funktionierte nur, wenn die Sonne lange genug schien.

Verdrossen stocherte er im Schlamm herum.

»Ich habe genug«, brummte er. »Ich verlasse euch.«

»Aber wir brauchen dich!«

»Ich brauche mich ebenfalls. Ich meine, was ist dies für ein Leben?«

»Die Alten sterben, wenn du fortgehst.«

»Sie sterben ohnehin«, entgegnete Masklin.

»So etwas solltest du nicht sagen!«

»Es stimmt. Irgendwann stirbt jeder. Zumindest wir. Nimm dich selbst als Beispiel. Du verbringst die ganze Zeit damit, zu waschen, aufzuräumen, zu kochen und dich um andere Leute zu kümmern. Du bist fast drei und solltest endlich ein eigenes Leben führen!«

»Oma Morkie hat mich gut behandelt, als ich klein war«, wandte Grimma ein. »Irgendwann wirst auch du alt.«

»Meinst du? Und wer rackert sich dann für mich ab?«

Zorn brodelte in Masklin auf. Er zweifelte nicht daran, recht zu haben, aber gleichzeitig fühlte er sich so, als sei er im Unrecht, und dadurch wurde alles schlimmer.

Er hatte lange darüber nachgedacht, und seine Überlegungen führten immer zu einer Mischung aus Wut und Schuldgefühl. Die Klugen, Kühnen und Tapferen waren längst fort. Ganz deutlich erinnerte er sich an ihre Abschiedsworte: Guter alter Masklin, auf dich ist Verlaß. Paß du hier auf. Wir sind bald wieder da; wir suchen nur nach einem besseren Ort. Wenn sich der gute alte Masklin daran entsann, prickelte Empörung in ihm – weil er geblieben war. Er gab immer nach. Darin bestand sein Problem, und er wußte es. Ganz gleich, was er sich zu Anfang versprach: Schließlich wählte er den Weg des geringsten Widerstands.

Grimma starrte ihn an.

Er zuckte mit den Schultern.

»Schon gut, schon gut«, murmelte Masklin. »Die Alten können uns begleiten.«

»Du weißt, daß sie nicht mitkommen. Sie sind zu alt und hier aufgewachsen. Es gefällt ihnen hier.«

»Es gefällt ihnen hier, weil wir sie dauernd bedienen«, murmelte der Jungwicht.

Sie beließen es dabei. Zum Abendessen gab es Nüsse, und in seiner Portion fand Masklin eine Made.

Später ging er nach draußen, saß oben an der Böschung, stützte das Kinn auf die Hände und beobachtete das breite Asphaltband.

Die Autobahn präsentierte ihm einen langen Strom aus roten und weißen Lichtern. Menschen hockten in jenen Kästen und gingen ihren geheimnisvollen Angelegenheiten nach. Aus irgendwelchen rätselhaften Gründen schienen sie immer in Eile zu sein.

Masklin vermutete, daß sie kein Rattenfleisch aßen. Menschen hatten es eigentlich sehr leicht. Sie waren groß und langsam, aber niemand zwang sie, in feuchten Löchern zu wohnen und darauf zu warten, daß dumme alte Frauen ein Feuer ausgehen ließen. Es schwammen keine Würmer in ihrem Tee. Sie gingen und fuhren, wohin sie wollten, verhielten sich immer so, wie sie selbst es für richtig hielten. Die ganze Welt gehörte ihnen.

Sogar des Nachts waren sie stundenlang unterwegs, in ihren kleinen Lastern mit Lampen vorn und hinten. Schliefen sie denn nie? Es muß Hunderte von ihnen geben, überlegte Masklin.

Manchmal träumte er davon, mit einem Lastwagen aufzubrechen. Sie hielten oft am Café, und es konnte nicht schwer sein – jedenfalls nicht zu schwer –, auf einen hinaufzuklettern. Sie glänzten sauber; bestimmt ermöglichten sie ihm eine bessere Zukunft. Die Alternative wirkte alles andere als verlockend. Hier überstehen wir den Winter sicher nicht, dachte er und schauderte bei der Vorstellung, über die Felder zu wandern, wenn das schlechte Wetter begann.

Natürlich blieben es Träume. Masklin malte sich aus, den dahinhuschenden Lichtern zu folgen, aber er brachte nicht den Mut auf, sich diesen Wunsch zu erfüllen.

Und über der Autobahn … Die Sterne. Torrit betonte immer wieder, die Sterne seien sehr wichtig. Derzeit sah sich Masklin außerstande, ihm beizupflichten. Man konnte sie nicht essen. Ihr Schein genügte nicht einmal, um gut zu sehen. Sterne waren recht nutzlos, wenn man genauer darüber nachdachte …

Jemand schrie.

Masklins Körper sprang auf, noch bevor er einen Befehl vom Gehirn erhielt. Lautlos stürmte er durchs Gebüsch zurück.

Ein Fuchsrüde hatte die Schnauze in den Bau geschoben und wedelte aufgeregt mit der Lunte. Der Nom erkannte das Tier sofort: Er war ihm schon einmal begegnet und mit einem gehörigen Schrecken davongekommen.

Irgendwo in Masklins Kopf hielt das wahre Selbst – jenes Selbst, über das sich Torrit so oft beklagte – entsetzt den Atem an, als er nach dem immer noch im Boden steckenden Speer griff und ihn mit ganzer Kraft an den Hinterlauf des Fuchses schlug.

Das Tier jaulte, wich zurück und wandte sich hungrig und überrascht um. Zwei gelbe Augen hielten Ausschau und entdeckten Masklin, der sich keuchend auf seinen Speer stützte und den Eindruck gewann, daß sich die Zeit dehnte, wodurch ihm alles sehr viel realer erschien. Vielleicht spürten die Sinne den nahen Tod und versuchten, möglichst viele Einzelheiten wahrzunehmen, solange sich noch Gelegenheit dazu bot …

Blutflecken klebten an der Schnauze des Fuchses.

Neuerlicher Zorn erwachte in Masklin, schwoll an wie eine dicke Blase. Er hatte nicht viel, und dieses knurrende Etwas wollte ihm selbst das Wenige nehmen.

Eine rote Zunge tastete sich aus dem Maul, und der Nom begriff, daß es nur zwei Möglichkeiten für ihn gab. Entweder floh er – oder er starb.

Statt dessen entschied er sich für den Angriff. Wie ein Vogel flog ihm der Speer aus der Hand und traf den Fuchs an der Schnauze. Der jaulte erneut, noch lauter diesmal, und hob die Pfote zur Wunde. Und Masklin lief. Er rannte durch den Schlamm, angetrieben vom Motor der Wut, grub die Hände in zotteliges rotes Fell. Rasch zog er sich an der Flanke des Tiers hoch, saß kurze Zeit später rittlings auf dem Hals und holte mit einem Steinmesser aus. Immer wieder stieß er zu, stach auf alles ein, was mit der Welt nicht in Ordnung war …

Der Fuchs heulte und sauste davon. Hinter Masklins Stirn herrschte noch immer Chaos. Andernfalls wäre ihm klargeworden, daß er mit dem Messer kaum Schaden anrichtete, sondern seinen Gegner nur verärgerte. Doch das Geschöpf war nicht an Mahlzeiten gewöhnt, die sich mit solcher Entschlossenheit zur Wehr setzten, und es wollte jetzt nur noch weg. Es erreichte die Böschung und setzte die Flucht in Richtung Autobahn fort.

Die Vernunft kehrte in den Wicht zurück, alarmiert vom Lärm des nahen Verkehrs. Er ließ sich fallen und landete im hohen Gras, als das Tier zum Asphalt galoppierte.

Der Aufprall preßte ihm die Luft aus den Lungen, und er rollte sich ab.

Masklin vergaß nie, was nun geschah. Er erinnerte sich selbst dann noch daran, nachdem er so viele seltsame Dinge gesehen hatte, daß in seinem Gedächtnis eigentlich gar kein Platz mehr sein konnte.

Der Fuchs erstarrte in gleißendem Scheinwerferlicht und zischte herausfordernd, als er versuchte, einen zehn Tonnen schweren und mehr als hundert Stundenkilometer schnellen Lastwagen allein mit dem Blick aufzuhalten.

Ein dumpfes Pochen, ein Wusch –und Dunkelheit.

Eine ganze Weile lag Masklin mit dem Gesicht nach unten auf kühlem Moos. Dann stand er auf, schlurfte langsam nach Hause und fürchtete sich vor der Situation, die ihn dort erwartete. Unterwegs versuchte er, seine Fantasie im Zaum zu halten.

Grimma stand vor dem Eingang des Baues und hielt einen Zweig wie eine Keule in der Hand. Sie hätte Masklin fast den Schädel eingeschlagen, als er aus der Finsternis heranwankte und sich an die Böschung lehnte. Müde hob er den Arm und drückte den Zweig beiseite.

»Wir wußten nicht, wo du warst«, sagte Grimma, und Hysterie vibrierte in ihrer Stimme. »Wir hörten ein Geräusch, und dann kam der Fuchs, und du hättest hier bei uns sein sollen, und er erwischte Herrn Mert und Frau Coom, und er grub noch tiefer …«

Sie unterbrach sich und ließ die Schultern hängen.

»Oh, keine Sorge, ich bin unverletzt«, erwiderte Masklin kühl. »Danke der Nachfrage.«

»Was – was ist geschehen?«

Er schenkte Grimma keine Beachtung, stapfte in den dunklen Bau und legte sich hin. Die Alten flüsterten und raunten, als er in einen tiefen kalten Schlaf sank.

Ich hätte hier bei ihnen sein sollen, dachte er.

Sie brauchen mich.

Wir verlassen diesen Ort. Wir alle.

Zu jenem Zeitpunkt schien es eine gute Idee gewesen zu sein.

Jetzt sah alles ganz anders aus.

Die Nomen hockten nun im Innern des Lastwagens, drängten sich in einer Ecke zusammen. Sie waren still. Es gab gar nicht genug Platz, um laut zu sein. Das Dröhnen des Motors füllte die ganze akustische Welt aus. Manchmal verstummte es für einen Sekundenbruchteil und begann dann erneut. Gelegentlich erbebte der Laster.

Grimma kroch über den zitternden Boden.

»Wie lange dauert es, bis wir dort eintreffen?« fragte sie.

»Wo?« erwiderte Masklin.

»Wohin auch immer wir fahren. Ich meine das Ziel. Wann erreichen wir es?«

»Keine Ahnung.«

»Die anderen haben Hunger.«

Sie hatten immer Hunger. Masklin blickte niedergeschlagen zu den Alten hinüber. Einige beobachteten ihn erwartungsvoll.

»Ich kann nichts daran ändern«, sagte er. »Auch ich bin hungrig, aber hier gibt es keine Nahrung. Hier ist alles leer.«

»Oma Morkie wird sehr ungemütlich, wenn sie eine Mahlzeit verpaßt«, erinnerte ihn Grimma.

Masklin starrte sie wortlos an und gesellte sich der Gruppe hinzu. Er nahm zwischen Torrit und der alten Frau Platz.

Ihm wurde plötzlich klar, daß er nie richtig mit ihnen gesprochen hatte. Als Kind waren sie Riesen für ihn, die ein völlig anderes Leben führten. Später jagte er zusammen mit den anderen Jägern, und in diesem Jahr hatte er immer nur nach Nahrung gesucht oder erschöpft geschlafen. Aber er wußte, warum Torrit als Oberhaupt des Stammes galt – immerhin war er der älteste Nom. Der Älteste trug immer die Verantwortung des Anführers – eine Tradition, die Auseinandersetzungen vorbeugte. Natürlich kam nur ein Mann dafür in Frage – etwas anderes wäre unvorstellbar gewesen. In dieser Hinsicht vertrat selbst Oma Morkie einen festen Standpunkt. Eigentlich seltsam: Sie behandelte Torrit wie einen Idioten, und er traf nie eine Entscheidung, ohne sie vorher angesehen zu haben, wenn auch nur aus den Augenwinkeln. Masklin seufzte und starrte auf die Knie.

»Ich weiß nicht, wie lange …«, begann er.

»Mach dir keine Sorgen um mich, Junge«, unterbrach ihn Oma Morkie, die sich inzwischen wieder gefaßt hatte. »Es ist alles sehr aufregend, nicht wahr?«

»Aber vielleicht dauert es eine Ewigkeit«, sagte Masklin. »Ich meine, ich wußte nicht, daß es so lange dauert. Es war eine verrückte Idee …«

Oma Morkie hielt ihm einen knochigen Zeigefinger auf die Brust. »Junger Mann, ich habe den Großen Winter von 1986 erlebt. Schreckliche Monate. Damals hatten wir wirklich Hunger. Grimma ist ein braves Mädchen, aber sie zerbricht sich zu sehr den Kopf.«

»Ich weiß nicht einmal, wohin wir unterwegs sind!« entfuhr es Masklin. »Es tut mir leid!«

Torrit saß da, das Ding auf den dürren Knien, und schielte ihn kurzsichtig an.

»Wir haben das Ding«, betonte er. »Es zeigt uns den Pfad, jawohl.«

Masklin nickte betrübt. Komisch: Torrit schien immer bestens darüber informiert zu sein, was das Ding wollte. Es stellte nur ein kantiges schwarzes Etwas dar, hatte jedoch ziemlich klare Vorstellungen von der Wichtigkeit regelmäßiger Mahlzeiten. Außerdem legte es großen Wert darauf, daß jüngere Leute den älteren gehorchten. Nie war es um eine Antwort verlegen.

»Und wohin führt uns der Pfad?« fragte Masklin.

»Das weißt du ganz genau. Zu den Himmeln.«

»O ja«, murmelte der junge Wicht und betrachtete das Ding. Er zweifelte kaum daran, daß es dem alten Torrit überhaupt nichts sagte. Masklin hörte ziemlich gut, aber er hatte nie die Stimme des Dings vernommen. Es blieb die ganze Zeit über still, rührte sich nie. Seine Aktivität beschränkte sich darauf, schwarz und kantig auszusehen. Darin war es wirklich gut.

»Wir können nur dann sicher sein, die Himmel zu erreichen, wenn wir die Anweisungen des Dings in allen Einzelheiten befolgen«, intonierte Torrit unsicher. Es klang so, als hätte er diese Botschaft vor langer Zeit bekommen – ohne sie jemals zu verstehen.

»Ja, hm«, entgegnete Masklin. Er stand auf, wanderte über den schwankenden Boden zur Plane. Dort zögerte er, nahm seinen ganzen Mut zusammen und spähte durch den Spalt.

Die Welt draußen bestand aus Schemen, Lichtern und sonderbaren Gerüchen.

Unheil bahnte sich an. An jenem Abend vor einer Woche erschien ihm der Beschluß sehr vernünftig: Alles war besser, als im Bau zu bleiben. Masklin entsann sich an seine feste Überzeugung, doch jetzt … Ein weiterer ungewöhnlicher Punkt fiel ihm auf. Normalerweise beklagten die Alten sich immer, wenn ihnen irgend etwas nicht paßte, doch jetzt wirkten sie fast fröhlich – obwohl alles düster aussah.

Nomen konnten sehr viel komplizierter sein, als man zunächst glaubte. Vielleicht hielt das Ding eine solche Weisheit parat, wenn man ihm die richtige Frage stellte.

Der Laster rollte um eine Ecke, und Dunkelheit empfing ihn. Von einem Augenblick zum anderen quietschten die Bremsen. Masklin sah nun einen hell erleuchteten riesigen Raum voller Lastwagen und Menschen …

Hastig zog er den Kopf zurück und eilte zu Torrit hinüber.

»Äh«, sagte er.

»Was ist, Junge?«

»Der Himmel … Gibt es dort auch Menschen?«

Der alte Wicht schüttelte den Kopf. »Die Himmel. Mehrzahl, verstehst du? Und sie stehen nur uns offen.«

»Bist du ganz sicher?«

»Ja, natürlich.« Torrit strahlte. »Möglicherweise haben die Menschen ihre eigenen Himmel. Könnte durchaus sein. Aber eins steht fest: Sie sind nicht für uns bestimmt.«

»Oh.«

Torrit starrte wieder auf das Ding hinab.

»Wir haben angehalten«, sagte er. »Wo sind wir?«

Masklin seufzte und wandte sich um. »Das muß ich erst noch herausfinden«, antwortete er.

Etwas pfiff draußen, und in der Ferne brummten menschliche Stimmen. Das Licht erlosch. Ein Rasseln, ein Klicken – und Stille.

Nach einer Weile knisterte es in einem der stummen Lastwagen. Ein Seil – nicht dicker als ein Faden – sank von der Ladefläche herab, bis es den mit Ölflecken übersäten Boden der Garage berührte.

Eine Minute verstrich. Dann kam eine kleine gedrungene Gestalt zum Vorschein, ließ sich vorsichtig am Strick herunter, sprang zu Boden und verharrte. Nur die Blicke huschten hin und her.

Es handelte sich um keinen Menschen. Die Anzahl der Arme und Beine stimmte, und der Rest – Augen, Ohren etc. – befand sich an den richtigen Stellen. Aber die in Mauspelz gehüllte Gestalt, die nun über den dunklen Boden schlich, wirkte eher wie eine wandelnde Ziegelsteinmauer. Nomen sind so stämmig, daß Sumo-Ringer im Vergleich zu ihnen halb verhungert wirken, und die Bewegungen dieses Exemplars deuteten darauf hin, daß es beträchtlich zäher war als das Leder alter Stiefel.

Innerlich schlotterte Masklin vor Angst. Hier gab es nichts Vertrautes, abgesehen von dem Geruch nach Sel, den er mit Menschen und insbesondere mit Lastwagen in Zusammenhang brachte. (Torrit hatte ihm einmal hochmütig erklärt, Sel sei brennendes Wasser und werde von Lastern getrunken. Masklin zog daraus den Schluß, daß der alte Wicht übergeschnappt war: Wasser brannte schließlich nicht.)

Eine völlig fremdartige Umgebung bot sich ihm dar. Gewaltige Kanister ragten auf, und er bemerkte große Metallteile, die einen bearbeiteten Eindruck erweckten. Ja, dies mußte Teil des menschlichen Himmels sein. Menschen mochten Metall.

Masklin wich einer Kippe aus und nahm sich vor, sie Torrit mitzubringen.

Andere Laster standen in der Nähe, und sie alle schwiegen. Wir sind hier in einem Lastwagennest, vermutete er. Was bedeutete: Als Nahrung stand wahrscheinlich nur Sel zur Verfügung.

Er entspannte sich ein wenig und trat unter eine Bank, die wie ein Haus vor der Wand emporreichte. Papierfetzen hatten sich dort angesammelt, und der junge Nom nahm einen Duft wahr, der hier noch stärker wurde als die Sel-Aromen. Er ging ihm nach und entdeckte einen Apfelkern. Zwar zeigten sich braune Flecken daran, aber Masklin freute sich trotzdem über den Fund.

Er wuchtete ihn auf die Schulter und drehte sich um.

Eine Ratte beobachtete ihn nachdenklich. Sie war wesentlich größer und besser genährt als jene Tiere, die mit den Nomen um kalte Pommes frites in Abfallkörben kämpften. Langsam sank sie auf alle viere und trippelte näher.

Masklins Verwirrung verflüchtigte sich schlagartig. Die eigentümlichen Gegenstände und schauderhaften Gerüche im Lastwagennest blieben ihm rätselhaft, aber er kannte Ratten und wußte, wie man sich ihnen gegenüber verhielt.

Er ließ den Apfelkern fallen, hob den Speer, zielte auf eine Stelle zwischen den Augen …

Zwei Dinge geschahen gleichzeitig.

Masklin stellte fest, daß die Ratte ein rotes Halsband trug.

Und eine Stimme erklang: »Nein, bitte nicht! Es hat lange gedauert, ihn zu dressieren. Günstige Angebote in Hülle und Fülle! Woher kommst du?«

Der Fremde war ein Nom. Von dieser Annahme mußte Masklin ausgehen. Seine Größe entsprach der eines Noms, und er bewegte sich auch so.

Doch die Kleidung.

Normalerweise ist Nomenkleidung schlammbraun – aus ebenso praktischen wie vernünftigen Gründen. Grimma kannte fünfzig verschiedene Methoden, um Farbstoffe aus gewissen Kräutern zu gewinnen, und in jedem Fall ergaben sich – nun, schlammige Tönungen: manchmal gelber Schlamm, manchmal brauner oder sogar grünlicher – aber immer Schlamm. Jeder Wicht, der sich mit bunten Sachen ins Freie wagte, hatte eine Lebenserwartung von etwa einer halben Stunde, bevor er in irgendeinem Magen endete.

Dieser Nom hingegen sah aus wie ein Regenbogen. Der Stoff seiner farbenfrohen Garderobe glänzte so prächtig wie Bonbonpapier, und am Gürtel funkelten kleine Glassplitter. Außerdem trug er makellose Lederstiefel und einen Hut, in dem eine Feder steckte. Während er sprach, drehte er einen Riemen hin und her – die Leine der Ratte.

»Nun?« fragte er scharf. »Antworte mir!«

»Ich komme aus dem Laster«, sagte Masklin knapp und starrte die Ratte an. Sie kratzte sich jetzt nicht mehr an den Ohren, sondern beäugte ihn argwöhnisch und duckte sich hinter ihren Herrn.

»Und was hast du darin gemacht? Antworte mir!«

Masklin straffte die Gestalt. »Wir sind gereist.«

Der Wicht schnaufte. »Gereist?« zischte er. »Was bedeutet das?«

»Unterwegs sein«, erklärte Masklin. »Du weißt schon: einen Ort verlassen und einen anderen erreichen.«

Diese Worte erzielten eine seltsame Wirkung auf den Fremden. Zwar wurde er nicht direkt freundlich, aber seine Stimme verlor an Schärfe.

»Soll das heißen, du kommst von draußen?«

»Ja.«

»Aber das ist unmöglich!«

»Tatsächlich?« Masklin runzelte besorgt die Stirn.

»Draußen gibt es nichts!«

»Wirklich nicht?« Der junge Nom räusperte sich. »Entschuldige, aber wir kommen trotzdem von dort. Sind damit irgendwelche Probleme verbunden?«

»Und du meinst ganz bestimmt das Draußen?«vergewisserte sich der Fremde und schritt näher.

»Ich denke schon. Wir haben nie groß darüber nachgedacht. Was ist dies für ein …«

»Wie sieht's draußen aus?«

»Bitte?«

»Das Draußen! Wie sieht es aus?«

Masklin blinzelte verwundert. »Nun, es ist, äh, groß …«

»Ja?«

»Und, äh, es gibt dort jede Menge Platz …«

»Ja? Ja?«

»Und viele, du weißt schon, Sachen …«

»Erstreckt sich die Zimmerdecke wirklich so weit nach oben, daß man sie nicht mehr sehen kann?« fragte der Fremde, außer sich vor Aufregung.

»Keine Ahnung«, erwiderte Masklin. »Was ist eine Zimmerdecke?«

»Das dort«, sagte der Wichtel und deutete in die Höhe, zu schattenumhüllten Trägern.

»Oh, so etwas sehe ich zum erstenmal.« Masklin zuckte kurz mit den Achseln. »Draußen ist die ›Zimmerdecke‹ blau oder grau. Weiße Objekte gleiten in ihr umher.«

»Und – und die Wände sind weit entfernt, und eine Art grüner Teppich wächst auf dem Boden?« Der Fremde hüpfte nun von einem Bein aufs andere.

»Ich weiß nicht«, entgegnete Masklin, und sein Erstaunen wuchs. »Ich kenne keinen ›Teppich‹.«

»Potzblitz!« Der fremde Nom riß sich zusammen und streckte eine zitternde Hand aus. »Ich bin Angalo«, fügte er hinzu. »Angalo von Kurzwaren. Haha. Das sagt dir natürlich nichts! Und dies ist Bobo.«

Die Ratte schien zu lächeln. Es war völlig neu für Masklin, daß man Ratten Namen gab, statt sie als ›Biester‹ oder, wenn einem nichts anderes übrigblieb, als ›Mahlzeit‹ zu bezeichnen.

»Ich heiße Masklin«, sagte er. »Dürfen auch die anderen den Laster verlassen? Wir haben eine lange Reise hinter uns.«

»O ja, natürlich! Und ihr kommt alle von draußen? Mein Vater glaubt mir das nie!«

»Tut mir leid, ich verstehe nicht. Warum verblüfft dich das so sehr? Erst waren wir draußen. Jetzt sind wir drinnen.«

Angalo überhörte ihn. Er beobachtete, wie Masklins Begleiter am Seil herabkletterten und murrten.

»Und auch alte Leute!« stieß der Wicht hervor. »Und sie sehen genauso aus wie wir! Sie haben überhaupt keine spitzen Köpfe oder so!«

»Frechheit!« fauchte Oma Morkie. Damit verbannte sie das Grinsen aus Angalos Gesicht.

»Madam«, sagte er kühl, »wissen Sie überhaupt, mit wem Sie reden?«

»Mit jemandem, der noch nicht zu alt ist, um den Hintern versohlt zu kriegen«, erwiderte Oma Morkie. »Hast du denn noch nie das Wort Respekt gehört, mein Junge? Spitze Köpfe, ha!«

Angalos Mund öffnete und schloß sich lautlos. Dann sagte er: »Ich bin baff! Dorcas meinte: Selbst wenn es draußen Leben gibt – es muß eine ganz andere Art von Leben sein! Bitte, bitte, folgt mir!«

Die Nomen wechselten unschlüssige Blicke, als Angalo zum Rand des Lastwagennests eilte, doch nach einem kurzen Zögern folgten sie ihm. Eigentlich hatten sie gar keine Wahl.

»Ich erinnere mich daran, daß dein alter Vater einmal zu lange in der Sonne saß«, raunte Oma Morkie Masklin zu. »Auch er redete Unsinn, so wie dieser Bursche.«

Torrit schien sich allmählich zu einer Entscheidung durchzuringen. Die Gruppe wartete höflich.

»Ich schätze …«, begann er schließlich. »Ich schätze, wir sollten seine Ratte essen.«

»Sei still!« sagte Oma Morkie automatisch.

»Ich bin der Anführer, bin ich«, jammerte Torrit. »Du hast kein Recht, so mit einem Anführer zu reden.«

»Natürlich bist du der Anführer«, bestätigte Oma Morkie. »Hat jemand behauptet, daß du nicht der Anführer bist? Nein, niemand. Du bist der Anführer, ganz klar.«

»Ja, genau«, schniefte Torrit.

»Und jetzt sei still!« sagte Oma Morkie.

Masklin klopfte Angalo auf die Schulter. »Wo sind wir hier?« erkundigte er sich.

Der Wicht blieb an einer Wand stehen, deren obere Bereiche sich in Dunkelheit verloren.

Verdutzt hob er die Brauen. »Das wißt ihr nicht?«

»Wir haben nur gedacht – beziehungsweise gehofft –, daß uns der Laster in eine bessere Gegend bringt«, antwortete Grimma.

»Nun, dann gehen eure Hoffnungen in Erfüllung«, verkündete Angalo stolz. »Dies ist die beste aller Gegenden. Wir sind hier im Kaufhaus!«

2

Sie stolperten über die eigenen Füße, stießen gegeneinander, sahen sich dauernd um und staunten mit offenem Mund. Angalo verharrte neben einem Loch in der Wand und winkte.

»Hier durch«, sagte er.

Oma Morkie rümpfte die Nase.

»Das ist ein Rattenloch«, erwiderte sie. »Willst du etwa, daß ich in ein Rattenloch krieche?« Sie wandte sich an Torrit. »Er will, daß ich in ein Rattenloch krieche! Ich habe nicht die Absicht, in ein Rattenloch zu kriechen!«

»Warum denn nicht?« fragte Angalo.

»Es ist ein Rattenloch!«

»Es sieht nur danach aus«, meinte Angalo. »Ein getarnter Zugang.«

»Deine Ratte ist da hineingekrochen«, sagte Oma Morkie in triumphierendem Tonfall. »Ich hab's genau gesehen. Woraus folgt: Es handelt sich um ein Rattenloch.«

Angalo warf Grimma einen flehentlichen Blick zu und duckte sich durch die Öffnung in der Mauer. Sie folgte ihm einige Schritte weit.

»Ich glaube, es ist kein Rattenloch, Oma.« Grimmas Stimme klang gedämpft.

»Und weshalb, wenn ich fragen darf?«

»Weil es hier eine Treppe gibt. Und hübsche kleine Lichter.«

Es war ein langer Aufstieg. Mehrmals blieben sie stehen, damit die Alten zu ihnen aufschließen konnten, und schon nach kurzer Zeit mußte Torrit gestützt werden. Oben führte die Treppe durch eine würdevollere Tür, und dahinter …

Selbst als Kind hatte Masklin nie mehr als vierzig Nomen auf einmal gesehen.

Hier hielten sich mehr auf. Und es gab Nahrung. Zwar wirkten die Objekte alles andere als vertraut, aber es mußte Nahrung sein: Man aß sie.

Der Raum war etwa doppelt so hoch, wie Masklin groß war, und er reichte bis in weite Ferne. Lebensmittel bildeten breite Stapel, und in den Gängen dazwischen wimmelte es von Nomen. Man achtete kaum auf die kleine Gruppe, als sie hinter Angalo dahinschlurfte, der nun wieder stolzierte.

Mehrere Wichte führten gestriegelte Ratten an Leinen. Einige Frauen ließen sich von Mäusen begleiten, die ihnen gehorsam folgten. Aus dem Ohrwinkel hörte Masklin ein mißbilligendes ›Ts, ts‹ von Oma Morkie.

»Das Zeug dort drüben kenne ich«, sagte der alte Torrit aufgeregt. »Es ist Käse! Einmal lag ein Käsebrötchen im Abfallkorb, im Sommer vierundachtzig, erinnert ihr euch …?« Oma Morkie stieß ihm fest den Ellbogen in die Rippen.

»Sei still!« befahl sie. »Oder willst du uns vor diesen Leuten in Verlegenheit bringen? Sei ein Anführer. Zeig Stolz.«

Es fiel ihnen schwer. Sie setzten den Weg fort und schwiegen fassungslos. Obst und Gemüse lagen auf langen Tischen, und Nomen waren dort fleißig an der Arbeit. Masklin sah viele Dinge, die er nicht kannte. Zunächst wollte er seine Unwissenheit verbergen, aber schließlich gab er der Neugier nach.

»Was ist das da?« fragte er und deutete in die entsprechende Richtung.

»Eine Salami«, sagte Angalo. »Hast du so etwas schon einmal gegessen?«

»Kann mich nicht daran erinnern«, erwiderte Masklin wahrheitsgemäß.

»Und das sind Datteln«, fuhr Angalo fort. »Und hier haben wir eine Banane. Vermutlich hast du noch nie eine Banane gesehen, oder?«

Masklin öffnete den Mund, aber Oma Morkie kam ihm zuvor.

»Erscheint mir recht klein«, behauptete sie und schnaubte leise.

»Ist geradezu winzig, wenn man sie mit denen vergleicht, die wir zu Hause hatten.«

»Tatsächlich?« entgegnete Angalo mißtrauisch.

»O ja«, bestätigte Oma und kam allmählich in Fahrt. »Ein mickriges Ding. Die Exemplare daheim …« Sie zögerte und beäugte die Banane, die wie ein Kanu auf zwei Böcken ruhte. Oma Morkies Lippen bewegten sich lautlos, als sie rasch überlegte. »Nun«, fügte sie triumphierend hinzu, »wir konnten sie kaum aus dem Boden graben.«

Siegesbewußt sah sie Angalo an, der vergeblich versuchte, ihrem Blick standzuhalten.

»Was auch immer«, murmelte er unbestimmt und senkte kurz den Kopf. »Bedient euch. Sagt den zuständigen Leuten, es geht alles auf die Rechnung der Kurzwaren. Aber verratet niemandem, daß ihr aus dem Draußen kommt, in Ordnung? Es soll eine Überraschung sein.«

Ein allgemeines Gedränge in Richtung der Nahrung fand statt. Selbst Oma Morkie schritt rein zufällig zu den hohen Stapeln und wirkte überrascht, als ein Kuchen ihr den Weg versperrte.

Nur Masklin blieb stehen und überhörte die bitteren Klagen seines Magens. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie es im Kaufhaus zuging, aber irgendeine mahnende Stimme teilte ihm mit: Wer hier seine Würde verliert, läßt sich vielleicht zu Handlungen hinreißen, die er später bedauert.

»Hast du keinen Hunger?« fragte Angalo. »Ich bin hungrig«, gestand Masklin ein. »Ich esse nur nicht. Woher stammt diese Nahrung?«

»Oh, wir nehmen sie den Menschen weg«, erläuterte Angalo wie beiläufig. »Sie sind ziemlich dumm, weißt du.«

»Und sie haben nichts dagegen, daß man ihre Lebensmittel stibitzt?«

»Sie glauben, es liegt an den Ratten.« Angalo lachte leise. »Wir lassen Ratten-Dingsbums zurück. Damit meine ich die Speisesaal-Familien«, korrigierte er sich. »Manchmal dürfen andere Leute sie nach oben begleiten. Tja, und wenn die Menschen Dingsbums auf dem Boden finden, glauben sie an Ratten.«

Masklin furchte die Stirn.

»Dingsbums?« wiederholte er.

»Du weißt schon«, sagte Angalo. »Kot.«

Masklin nickte. »Und darauf fallen die Menschen herein?« Seine Stimme klang skeptisch.

»Ja, weil sie sehr dumm sind.« Der Junge ging an Masklin vorbei. »Du mußt meinen Vater kennenlernen. Ich bin ziemlich sicher, daß du zum Stamm der Kurzwaren gehören wirst.«

Masklin beobachtete seine Gruppe. Ihre Aufmerksamkeit galt allein der Nahrung. Torrit hielt einen Käsebrocken in den Händen, so groß wie sein Kopf, und Oma Morkie betrachtete argwöhnisch eine Banane, schien mit einer Explosion zu rechnen. Selbst Grimma achtete nicht darauf, was um sie herum geschah.

Masklin war völlig ratlos. Er verstand sich darauf, eine Ratte über mehrere Felder hinweg zu verfolgen, sie mit einem einzelnen Speerwurf zu erlegen und nach Hause zu bringen. In dieser Hinsicht zweifelte er nicht an seinen Fähigkeiten. Zufrieden erinnerte er sich daran, daß man ihn mit Bemerkungen wie ›Gut gemacht‹ gelobt hatte.

Aber vielleicht war es auch gar nicht nötig, Bananen zu verfolgen und mit Speeren gegen sie zu kämpfen.

»Ich muß deinen Vater kennenlernen?« Masklin fragte sich, warum das unbedingt erforderlich sein sollte.

»Den Herzog von Kurzwaren«, sagte Angalo stolz. »Den Verteidiger des Zwischenstocks, den Autokraten der Kantine.«

»Dein Vater ist drei Personen?« erwiderte Masklin erstaunt.

»Es sind seine Titel. Einige davon. Im ganzen Kaufhaus gibt es nur wenige Nomen, die mächtiger sind als er. Habt ihr auch im Draußen Väter?«

Komisch, dachte Masklin, die meiste Zeit über verhält sich dieser Junge wie ein eingebildeter Hohlkopf. Es sei denn, er spricht übers Draußen. Dann wird er zu einem aufgeregten Kind.

»Ich hatte einmal einen«, sagte er. Dieses Thema gefiel ihm nicht sehr.

»Bestimmt habt ihr viele Abenteuer erlebt!«

Masklin entsann sich an seine Erlebnisse, und meistens ging es dabei um Katastrophen, die ihm fast zugestoßen wären.

»Ja«, erwiderte er.

»Du hattest sicher jede Menge Spaß!«

Spaß, dachte Masklin. Dieses Wort kannte er nicht. Vielleicht bezog es sich darauf, durch schlammige Gräben zu laufen, verfolgt von hungrigen Zähnen. »Gehst du auf die Jagd?« erkundigte er sich.

»Gelegentlich jage ich Ratten. Im Kesselraum. Wir müssen sie unter Kontrolle halten.« Angalo kratzte Bobo hinterm Ohr.

»Eßt ihr sie?

Der Sohn des Herzogs riß entsetzt die Augen auf. »Ob wir Ratten essen?«

Masklin blickte einmal mehr zu den Bergen aus Nahrung. »Nein, natürlich nicht. Nun, ich hätte nie geahnt, daß es so viele Nomen gibt. Wie viele leben hier?«

Angalo nannte ihm eine Zahl.

»Zwei was?« fragte Masklin.

Der Junge wiederholte die Zahl.

»Du scheinst nicht sehr beeindruckt zu sein«, sagte er, als Masklins Gesicht ausdruckslos blieb.

Der Jäger starrte auf die Spitze seines Speers: Sie bestand aus einem Feuerstein. Er hatte ihn eines Tages auf dem Feld gefunden und eine halbe Ewigkeit damit verbracht, den Bindfaden von einem Heuballen zu lösen, um den Stein damit am Speer festzubinden. Derzeit stellte er das einzige vertraute Etwas in einer völlig fremden Welt dar.

»Ich weiß nicht …«, brummte. »Was ist tausend?«

Herzog Cido von Kurzwaren – er war nicht nur Verteidiger des Zwischenstocks und Autokrat der Kantine, sondern auch Beschützer der nach oben führenden Rolltreppe sowie Ritter des Ladentischs – drehte das Ding ganz langsam hin und her. Dann legte er es beiseite.

»Sehr amüsant«, sagte er.

Die Wichtel standen verwirrt im herzoglichen Palast, der sich jetzt unter den Dielen der Abteilung Vorhänge und Teppiche befand. Der Herzog trug noch immer seine Rüstung und schien ganz und gar nicht amüsiert zu sein.

»Ihr kommt also von draußen«, fuhr er fort und schnaufte. »Erwartet ihr wirklich von mir, das zu glauben?«

»Vater, ich …«, begann Angalo.

»Sei still! Du kennst die Worte von Arnold Bros (gegr. 1905)! Alles unter einem Dach! Alles!Also: Es kann kein Draußen geben. Also: Ihr kommt nicht von dort. Also: Ihr stammt aus einer anderen Abteilung. Miederwaren. Oder Junge Mode. Jene Bereiche haben wir nicht gründlich erforscht.«

Masklin holte tief Luft. »Nein, wir …« Der Herzog hob beide Hände.

»Hör mir zu!« befahl er und bedachte Masklin mit einem durchdringenden Blick. »Dir werfe ich nichts vor. Mein Sohn ist leicht zu beeindrucken und leidet an überschäumender Phantasie. Bestimmt hat er euch alles eingeredet. Er mag es, die Lastwagen zu beobachten, und oft hört er sich dumme Geschichten an, wodurch sein Gehirn zu heiß wird. Nun, ich bin ein vernünftiger Nom«, fügte der Herzog hinzu, und seine Miene verbot allen Anwesenden, ihm zu widersprechen. »In der Kurzwaren-Garde gibt es immer Platz für einen starken Burschen wie dich. Ich schlage vor, wir vergessen diesen Unsinn, einverstanden?«

»Aber wir kommen wirklich von draußen«, beharrte Masklin.

»Es gibt kein Draußen!« betonte der Herzog. »Es existiert nur für gute Nomen, die immer anständig gewesen sind – nach ihrem Tod bekommen sie Gelegenheit, in einem ganz besonderen Draußen glücklich zu sein und ewig zu leben. Ich bitte dich …« Er klopfte Masklin auf die Schulter. »Hör auf mit diesem törichten Geschwätz. Hilf uns statt dessen bei unserer kühnen Aufgabe.«

»Wobei soll ich helfen?« fragte der Jäger verwundert.

»Du möchtest doch nicht, daß die Eisenwarenler unsere Abteilung übernehmen, oder?« fragte der Herzog. Masklin blickte zu Angalo, der hastig den Kopf schüttelte.

»Nein, ich glaube nicht«, entgegnete er. »Aber ihr seid doch alle Nomen, oder? Und hier gibt es genug für jeden. Es erscheint mir dumm, sich dauernd zu zanken.«

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Angalo die Hände vors Gesicht schlug.

Rote Flecken bildeten sich auf den Wangen des Herzogs.

»Hast du dumm gesagt?«

Masklin wich vorsichtshalber einen Schritt zurück. Er war zu Ehrlichkeit erzogen und befürchtete, nicht intelligent genug zu sein, um überzeugend zu lügen.

»Nun …«, begann er.

»Weißt du, was Ehre bedeutet?« grollte der Herzog.

Masklin dachte einige Sekunden lang nach und schüttelte den Kopf.

»Die Eisenwarenler wollen das ganze Kaufhaus beherrschen«, warf Angalo nervös ein. »Es wäre schrecklich, wenn sie mit ihren Plänen Erfolg haben. Und die Hutler sind fast genauso schlimm.«

»Warum?« fragte Masklin.

»Warum?« wiederholte der Herzog. »Weil sie immer unsere Feinde gewesen sind. Und jetzt darfst du gehen.«

»Wohin?«

»Zu den Eisenwarenlern oder Hutlern. Oder zu den Büromaterialern; dort fühlst du dich bestimmt wohl. Von mir aus kannst du auch ins Draußen zurückkehren.« Bei den letzten Worten erklang unüberhörbarer Sarkasmus in der Stimme des Herzogs.

»Wir möchten das Ding«, sagte Masklin fest. Der Verteidiger des Zwischenstocks griff danach und warf es ihm zu.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Angalo, als sie den Palast verlassen hatten. »Mein Vater kann ziemlich launisch sein.«

»Warum hast du ihn so verärgert?« fragte Grimma vorwurfsvoll. »Wenn wir uns irgendeiner Abteilung anschließen müssen – weshalb nicht seiner? Was soll jetzt aus uns werden?«

»Er war sehr unhöflich«, stellte Oma Morkie fest.

»Und er hat noch nie etwas von dem Ding gehört«, ließ sich Torrit vernehmen. »Schrecklich. Das Draußen kennt er ebensowenig. Nun, ich bin dort geboren und aufgewachsen, bin ich. Draußen leben keine Toten. Zumindest keine glücklichen.«

Ein Streit begann – typisch für die Alten.

Masklin musterte die anderen, sah dann auf seine Füße hinab. Sie gingen über eine Art kurzes trockenes Gras, das Angalo als Teppich bezeichnet hatte. Irgendwo aus dem Kaufhaus gestohlen.

Das ist doch lächerlich, wollte er sagen. Warum zanken sich Nomen mit anderen Nomen, sobald sie genug zu essen und zu trinken haben? Im Leben eines Noms muß es doch noch mehr geben.

Und er wollte sagen: Wenn Menschen so dumm sind – wie konnten sie dann das Kaufhaus und die vielen Lastwagen bauen? Wenn wir wirklich so klug sind – dann sollten die Menschen von uns stehlen und nicht umgekehrt. Sie mögen groß und langsam sein, aber bestimmt verbirgt sich eine Menge Intelligenz in ihnen.

Und er wollte hinzufügen: Es würde mich gar nicht überraschen, wenn sie mindestens so intelligent sind wie Ratten.

Aber Masklin sprach diese Worte nicht laut aus, und während er überlegte, fiel sein Blick auf das Ding in Torrits Armen.

Er spürte, wie sich ein Gedanke in ihm regte, schuf ein wenig Platz im Kopf und wartete geduldig. Doch als die ersten noch vagen mentalen Konturen einer Idee entstanden, wandte sich Grimma an Angalo und fragte: »Was passiert mit Nomen, die keiner Abteilung angehören?«

»Sie führen ein sehr trauriges Leben und müssen irgendwie zurechtkommen«, antwortete der Sohn des Herzogs.

Er schien den Tränen nahe zu sein. »Ich glaube euch«, fuhr er fort. »Mein Vater hält es für falsch, die Lastwagen zu beobachten. Angeblich können sie uns Flausen in den Kopf setzen. Nun, ich habe sie monatelang beobachtet. Manchmal treffen sie naß ein. Das Draußen ist mehr als nur ein Traum. Dort geschieht etwas. Nun, wenn ihr in der Nähe bleibt … Vielleicht ändert mein Vater seine Ansicht.«

Das Kaufhaus war groß. Masklin hatte den Laster für groß gehalten, aber das Kaufhaus erstreckte sich endlos – ein Labyrinth aus Boden, Wänden und langen hohen Treppen. Nomen eilten oder schlenderten an ihnen vorbei, gingen eigenen Angelegenheiten nach. Der junge Jäger gab es schon nach kurzer Zeit auf, sie zu zählen. Er hielt das Wort ›groß‹ für zu klein; andere Ausdrücke waren nötig, um das Kaufhaus zu beschreiben.

Auf seltsame Weise schien es noch größer zu sein als das Draußen. Die Ausmaße des Draußen ließen sich überhaupt nicht erfassen. Dort fehlten Kanten, Ränder und Decken; deshalb dachte man nie an irgendeine Größe. Es war einfach da. Im Kaufhaus hingegen mangelte es nicht an solchen Barrieren, und dadurch wirkte alles riesig.

Während sie Angalo folgten, traf Masklin eine Entscheidung und beschloß, erst mit Grimma darüber zu reden.

»Ich kehre zurück«, sagte er.

Sie starrte ihn groß an. »Aber wir sind doch gerade erst eingetroffen! Warum auf Erden …«

»Ich weiß es nicht. Hier ist alles verkehrt. Zumindest fühlt sich hier alles verkehrt an. Wenn ich länger hierbleibe, glaube ich vielleicht nicht mehr ans Draußen – obgleich ich dort geboren bin. Ich breche auf, sobald ich einen Platz für euch gefunden habe. Du kannst mitkommen, wenn du möchtest.«

»Aber es ist warm hier, und es gibt genug zu essen!«

»Ich kann es nicht erklären. Dauernd habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden.«

Grimma hob instinktiv den Kopf und blickte zur Decke, von der sie nur einige Zentimeter trennten. Wenn zu Hause irgend etwas einen Nom beobachtete, so waren damit meistens Vorstellungen von der nächsten Mahlzeit verbunden. Sie faßte sich und lachte nervös.

»Unsinn«, sagte Grimma.

»Ich fühle mich hier einfach nicht sicher«, erwiderte Masklin kläglich.

»Du hast das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden«, kommentierte Grimma leise.

»Wie bitte?«

»Das stimmt doch, oder? Immer mußtest du dich für alle anderen abrackern, und plötzlich ist das nicht mehr nötig. Ein komisches Gefühl, habe ich recht?«

Grimma schritt fort.

Masklin betastete den Feuerstein an seinem Speer.

Seltsam, dachte er. Ich hätte nie gedacht, daß sonst noch jemand auf diese Weise denkt. Er erinnerte sich an eine Grimma, die ständig wusch, sich um die alten Frauen kümmerte oder die Beute zu kochen versuchte, die er nach Hause brachte. Sonderbar, daß man so etwas vermissen konnte.

Nach einer Weile merkte er, daß die Gruppe ebenfalls verharrte. Der Boden reichte noch viel weiter nach vorn, und in unregelmäßigen Abständen leuchteten kleine Lampen an den Wänden. Angalo hatte erklärt, daß die Abteilung Eisenwaren einen hohen Preis für das Licht verlangte. Eifersüchtig hütete sie ihr Geheimnis: Nur die Eisenwarenler wußten, wie man Elektrizität kontrollierte – einer der Gründe für ihre Macht.

»Hier endet das Kurzwaren-Territorium«, sagte der Sohn des Herzogs. »Dort drüben beginnt das Gebiet der Hutler. Derzeit sind unsere Beziehungen zu ihnen ein wenig gespannt. Äh. Bestimmt findet ihr eine Abteilung, die bereit ist, euch aufzunehmen …« Er sah zu Grimma.

»Äh«, wiederholte er.

»Wir bleiben zusammen«, verkündete Oma Morkie. Ein scharfer Blick zu Masklin – dann wandte sie sich an Angalo und winkte gebieterisch.

»Du kannst gehen, junger Mann. Laß die Schultern nicht so hängen, Masklin. Und nun – vorwärts!«

»Was erlaubst du dir?« brummte Torrit. »Warum sagst du ›vorwärts‹? Ich bin der Anführer, bin ich. Es ist meine Aufgabe, Befehle zu geben.«

»Na schön.« Oma Morkie seufzte. »Dann gib sie.«

Torrits Lippen bewegten sich lautlos. »Also gut«, brachte er hervor. »Vorwärts.«

Masklins Kinnlade klappte nach unten.

»Und wohin?« fragte er, als Oma die Gruppe weiterscheuchte.

»Irgendwohin. Ich habe den Großen Winter von 1986 überlebt, jawohl«, betonte die alte Frau hochmütig. »Welch einfältiger und dämlicher Herzog! Fast wäre ich bereit gewesen, ihm die Meinung zu sagen. Eins steht fest: Beim Großen Winter hätte er bestimmt nicht lange durchgehalten.«

»Nichts Schlimmes kann uns widerfahren, wenn wir dem Ding gehorchen«, erklärte Torrit und gab dem schwarzen Kasten einen zärtlichen Klaps.

Masklin blieb einmal mehr stehen. Er hatte die Nase voll.

»Was teilt uns das Ding mit?« fragte er schroff. »Was verlangt es jetzt von uns? Den genauen Wortlaut will ich hören. Wie lauten seine Anweisungen?«

Verzweiflung stahl sich in Torrits Züge.

»Äh«, begann er, »nun, äh, wenn wir zusammenhalten und nichts überstürzen …«

»Du saugst dir alles aus den Fingern!«

»Wie kannst du es wagen, so mit ihm zu sprechen?« entfuhr es Grimma. Masklin warf seinen Speer beiseite.

»Ich habe genug davon!« erwiderte er laut. »Das Ding sagt dies, das Ding sagt das. Immer sagt das Ding etwas, aber nie gibt es uns einen nützlichen Rat!«

»Seit Hunderten von Jahren wurde das Ding von Nomen an Nomen weitergereicht«, mahnte Grimma. »Es ist sehr wichtig.«

»Warum?« Die junge Frau sah Torrit an, der sich daraufhin die Lippen befeuchtete.

»Es zeigt uns …«, murmelte er mit bleichem Gesicht.

»Bringen Sie mich näher zur Elektrizität.«

»Das Ding scheint wichtiger zu sein als … Warum starrt ihr alle so?« fragte Masklin.

»Näher zur Elektrizität.«

Torrits Hände zitterten, als er auf das Ding hinabblickte.

Wo vorher glatte schwarze Flächen gewesen waren, funkelten nun viele kleine Lichter. Hunderte. Vielleicht sogar Tausende, dachte Masklin voller Stolz darauf, daß er dieses Wort kannte.

»Wer hat das gesagt?« erkundigte er sich.

Torrit ließ das Ding los. Es fiel auf den Boden, und seine Lichter glitzerten dort wie tausend Autobahnen in der Nacht. Die Wichte beobachteten es entsetzt.

»Das Ding spricht wirklich zu dir«, brachte Masklin hervor. »Donnerwetter!«

Torrit ruderte mit den Armen. »Nicht so! Nicht auf diese Weise! Seine Stimme sollte man eigentlich gar nicht hören! Es hat noch nie laut gesprochen!«

»Näher zur Elektrizität.«

»Es möchte Elektrizität«, sagte Masklin.

»Ich rühre es nicht an!«

Der Jäger zuckte mit den Schultern, griff nach seinem Speer und schob das Ding über den Boden, bis es unter den Kabeln lag.

»Wie kann es sprechen?« fragte Grimma. »Es hat doch gar keinen Mund.«

Das Ding summte. Bunte Bilder huschten darüber hinweg, so schnell, daß Masklin keine Einzelheiten wahrnahm. Mehrmals bemerkte er rotes Glühen.

Torrit sank auf die Knie. »Es ist zornig«, stöhnte er. »Wir hätten kein Rattenfleisch essen sollen. Wir hätten nicht hierherkommen dürfen. Wir hätten nicht …«

Masklin kniete ebenfalls und berührte vorsichtig die hellen Stellen. Erstaunlicherweise waren sie gar nicht heiß.

Wieder fühlte er sich von einem seltsamen Empfinden erfaßt: Sein Gehirn wollte bestimmte Gedanken denken, ohne aber die richtigen Ausdrücke dafür zu haben.

»Wenn das Ding dir Botschaften übermittelt hat …«, kam es langsam von seinen Lippen. »Wenn es dir gesagt hat, wie wir ein anständiges Leben führen sollen …«

Torrit schritt eine schmerzerfüllte Grimasse.

»Das war nie der Fall.«

»Aber du hast doch behauptet …«

»Früher hat es gesprochen, früher«, ächzte Torrit. »Als mir der alte Voozel das Ding überließ, meinte er, früher hätte es den Nomen gute Ratschläge gegeben. Aber es schweigt seit vielen, vielen hundert Jahren.«

»Wie bitte?« platzte es aus Oma Morkie heraus. »Die ganze Zeit über haben wir von dir gehört: Das Ding sagt dies, das Ding sagt das, und das Ding sagt wer weiß was.«

Torrit wirkte jetzt wie ein in die Enge getriebenes und sehr verängstigtes Tier.

»Nun?« zischte die alte Frau drohend.

»Ähem«, machte Torrit. »Äh. Der alte Voozel meinte auch: Denk daran, was das Ding sagen sollte. Und sprich die Worte dann laut aus. Sorg dafür, daß die Leute auf dem rechten Pfad bleiben. Und so. Hilf ihnen, zu den Himmeln zu gelangen. Es ist sehr wichtig, die Himmel zu erreichen. Das Ding kann euch dabei helfen. Vergiß es nie.«

»Was?«rief Oma Morkie.

»Ich habe mich nur so verhalten, wie es mir der alte Voozel auftrug. Und es hat geklappt, nicht wahr?«

Masklin achtete nicht mehr auf seine Begleiter und beobachtete bunte Linien, die an den Flächen des Dings hypnotische Muster bildeten. Er spürte, daß er eigentlich wissen sollte, was es mit ihnen auf sich hatte. Bestimmt bedeuteten sie etwas.

Damals, als er noch nicht jeden Tag jagen mußte, war er bei gutem Wetter manchmal weit über die Böschung geklettert, bis zum Parkplatz der Lastwagen. Dort stand ein großes blaues Schild mit seltsamen Zeichen und Bildern. Und das Papier in den Abfallkörben wies weitere rätselhafte Symbole auf. Er erinnerte sich an eine lange Diskussion über die Hähnchenschachteln mit dem Bild eines alten Mannes, der einen langen Schnurrbart trug. Mehrere Wichtel glaubten, es handele sich um die Darstellung eines Hähnchens, aber Masklin zweifelte daran, daß Menschen alte Männer aßen. Sicher steckte mehr dahinter. Vielleicht wurden Hähnchen von alten Männern erschaffen.

Das Ding summte erneut.

»Fünfzehntausend Jahre sind verstrichen«, sagte es.

Masklin sah zu den anderen.

»Sprich du damit!« forderte Oma Morkie den alten Torrit auf. »Es ist die Pflicht des Anführers, jawohl!«

»Fünfzehntausend Jahre sind verstrichen«, wiederholte das Ding. Masklin hob die Schultern und gab sich einen inneren Ruck.

»Wie verstrichen?« fragte er.

Das Ding erweckte den Eindruck, konzentriert nachzudenken. Schließlich erklang seine Stimme erneut. »Kennen Sie noch die Bedeutung der Worte Navigations- und Aufzeichnungscomputer?«

»Nein«, erwiderte Masklin. »Ich höre sie jetzt zum erstenmal.« Er fand es seltsam, von einem – ehemals völlig schwarzen – Kasten gesiezt zu werden.

Die Lichter flackerten.

»Wissen Sie über den interstellaren Raumflug Bescheid?«

»Nein.«

Das Ding schien enttäuscht zu sein.

»Ist Ihnen denn klar, daß eine weite Reise Sie hierherführte?«

»O ja. Kein Zweifel.«

»Sie kommen von einem Ort, der weiter entfernt ist als der Mond.«

»Äh.« Masklin zögerte. Die Reise hatte ziemlich lange gedauert, und er hielt es für möglich, daß sie unterwegs am Mond vorbeigekommen waren. Er entsann sich daran, ihn am Horizont beobachtet zu haben, und der Lastwagen schien weiter gefahren zu sein.

»Ja«, entgegnete er. »Vielleicht.«

»Im Lauf der Zeit verändert sich die Sprache«, sagte das Ding nachdenklich.

»Tatsächlich?« fragte Masklin höflich.

»Wie nennen Sie diesen Planeten?«

»Was ist ein Planet?«

»Ein Himmelskörper.«

Masklin blinzelte verwirrt.

»Wie nennen Sie diesen Ort?«

»Er heißt … das Kaufhaus.«

»Daskaufhaus.«Die Lichter formten neue Muster, als das Ding nachdachte.

»Junger Mann, ich möchte hier nicht den ganzen Tag herumstehen und zuhören, wie du dummes Zeug mit dem Ding redest«, sagte Oma Morkie. »Wir müssen jetzt entscheiden, wohin wir gehen und was wir unternehmen sollen.«

»In der Tat«, fügte Torrit trotzig hinzu.

»Haben Sie sogar vergessen, daß Sie Schiffbrüchige sind?«

»Ich bin Masklin«, erwiderte Masklin. »Eine Person namens Schiffbrüchige ist mir nicht bekannt.«

Einige Lichter erloschen, und andere leuchteten heller. Später, als er mit dem Ding vertrauter war, verglich er diese Reaktion mit einem tiefen Seufzer.

»Mein Existenzzweck besteht darin, Ihnen zu dienen und Sie zu beraten«, sprach das Ding.

»Na bitte.« Torrit atmete erleichtert auf. »In diesem Punkt haben wir uns nicht geirrt.«

Masklin stieß den Kasten mit seinem Speer an. »In letzter Zeit bist du sehr still gewesen.«

Das Ding surrte. »Um die interne Energie zu bewahren. Aber ich kann ambientale Elektrizität verwenden.«

»Freut mich«, sagte Grimma.

»Soll das heißen, du, äh, trinkst Licht?« vergewisserte sich Masklin.

»Das genügt zunächst als Erklärung.«

»Warum sprichst du erst jetzt zu uns?« fragte Masklin.

»Ich habe zugehört.«

»Oh.«

»Und nun erwarte ich Instruktionen.«

Grimma runzelte die Stirn. »In was?«

»Ich glaube, wir sollen dem Ding sagen, was es tun soll«, meinte Masklin. Er hockte sich nieder und betrachtete die Lichter.

»Was kannst du?«

»Ich kann übersetzen, rechnen, triangulieren, assimilieren, korrelieren und extrapolieren.«

»Ich glaube, so etwas brauchen wir nicht«, vermutete Masklin. »Brauchen wir so etwas?« wandte er sich an die anderen.

Oma Morkie dachte darüber nach. »Nein«, antwortete sie schließlich. »Für solche Sachen haben wir keine Verwendung. Aber eine Banane wäre nicht schlecht.«

»Ich glaube, wir möchten nur nach Hause und sicher sein.«

»Nach Hause.«

»Ja.«

»Und sicher sein.«

»Genau.«

Später wurden diese fünf Worte zum berühmtesten Zitat in der Nomengeschichte. Man lehrte sie in Schulen. Man meißelte sie in Granit. Deshalb ist es schade, daß zu jenem Zeitpunkt niemand ihre Bedeutung begriff.

Das Ding sagte nur: »Beginne mit der Berechnung.«

Alle Lichter verblaßten – bis auf ein kleines grünes, das langsam blinkte.

»Endlich ist es still. Eine schreckliche Stimme.« Grimma sah sich um. »Was nun?«

»Wenn wir dem Jungen namens Angalo glauben können, steht uns ein sehr trauriges Leben bevor«, schnaufte Oma Morkie.

3

Unter dem Boden konnte man sich leicht verirren. Das war überhaupt nicht schwierig. Die Nomen wanderten durch einen Irrgarten aus Wänden und Kabeln; Staub hatte sich am Rand der Wege angesammelt. Torrit meinte, sie hätten sich eigentlich nicht richtig verirrt – sie wüßten nur nicht, wo sie sich befänden. Überall gab es Pfade zwischen den Trägern und Balken, aber es fehlten Hinweise darauf, wohin sie führten. Gelegentlich eilte ein Wicht vorbei, ohne sie zu beachten.

Sie dösten in einer Nische, die von zwei hohen Holzwänden begrenzt wurde, und als sie erwachten, hatte sich an dem Halbdunkel nichts geändert. Offenbar kannte das Kaufhaus weder Tag noch Nacht. Aber es schien jetzt etwas lauter zu sein – Masklin hörte dumpfes Stimmengewirr in der Ferne.

Einige weitere Lichter blinkten am Ding, und ihm war ein kleines schüsselförmiges Etwas gewachsen, das sich ständig drehte.

»Sollen wir versuchen, nach Speisesaal zurückzukehren?« fragte Torrit hoffnungsvoll.

»Ich glaube, man muß einer Abteilung angehören, um dort zugelassen zu sein«, erwiderte Masklin. »Aber bestimmt gibt es auch woanders etwas zu essen, oder?«

»Vorher ist es hier nicht so laut gewesen«, sagte Oma Morkie. »Was für ein Lärm!«

Masklin blickte sich um und entdeckte einen Spalt im Holz; dahinter schimmerte es hell. Er schob sich näher heran und spähte durch die kleine Öffnung.

»Oh«, murmelte er.

»Was siehst du?« rief Grimma.

»Menschen. Mehr Menschen, als ich jemals zuvor gesehen habe.«

Der Spalt erstreckte sich dort, wo die Wand an die Decke eines Raums traf, der fast ebenso groß war wie das Lastwagennest – und voller Menschen. Das Kaufhaus hatte geöffnet.

Die Nomen wußten, daß Menschen sehr langsam lebten. Bei der Jagd war Masklin mehrmals Menschen begegnet, und bevor sie ihm ihr breites dummes Gesicht zuwenden konnten, blieb ihm immer genug Zeit, fortzulaufen und sich irgendwo zu verstecken.

In dem Raum jenseits des Spalts wimmelte es von Menschen. Träge stapften sie umher, unterhielten sich mit dumpfen Stimmen.

Die Nomen beobachteten sie fasziniert.

»Was halten sie da in den Händen?« fragte Grimma. »Die Objekte ähneln dem Ding.«

»Keine Ahnung«, sagte Masklin.

»Sie nehmen die Gegenstände und stecken sie in Beutel, nachdem sie anderen Menschen etwas gegeben haben. Und dann gehen sie. Man könnte fast glauben, daß bewußte Absicht dahintersteckt.«

»Nein.« Torrit schüttelte den Kopf. »Menschen sind wie Ameisen. Sie scheinen intelligent zu sein, zugegeben, aber wenn man genauer hinsieht, entdeckt man keine Anzeichen von Vernunft.«

»Sie bauen und konstruieren«, wandte Masklin ein.

»Dazu sind auch Vögel fähig, Junge.«

»Ja, aber …«

»Ich habe Menschen immer mit Elstern verglichen. Ihnen gefallen glitzernde Dinge.«

»Hm.« Masklin verzichtete darauf, Torrit zu widersprechen. Es hatte keinen Sinn – es sei denn, die Einwände kamen von Oma Morkie. Hinter seiner Stirn war nur Platz für eine gewisse Anzahl von Ideen, und wenn eine davon Wurzeln geschlagen hatte, saß sie für immer fest. Aus diesem Grund behielt Masklin folgende Worte für sich: Wenn die Menschen so dumm sind – warum verstecken wir unsdann vor ihnen?

Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er hob das Ding.

»Ding?«fragte er.

Er wartete, und kurze Zeit später hörte er die blecherne Stimme des Kastens: »Hauptprogramm unterbrochen. Sie wünschen?«

»Weißt du, was Menschen sind?« fragte Masklin.

»Ja. Hauptprogramm wird fortgesetzt.«

Masklin sah verblüfft zu den anderen.

»Ding?«

»Hauptprogramm unterbrochen. Sie wünschen?«

»Ich habe dich gebeten, mir von Menschen zu erzählen«, sagte Masklin.

»Das ist nicht der Fall. Ihre Frage lautete: Weißt du, was Menschen sind? Meine Antwort war in jeder Hinsicht korrekt.«

»Nun, erklär mir, was Menschen sind.«

»Menschen stellen die einheimische Lebensform der Welt dar, die sie Daskaufhaus nennen. Hauptprogramm wird fortgesetzt.«

»Na also!« Torrit nickte zufrieden. »Ich hab's dir ja gesagt, oder? Sie sind einheimisch. Schlau, ja, aber im Grunde genommen nur einheimisch. Nichts als Einheimischkeit im Kopf.« Er zögerte. »Und Einfältigkeit«, fügte er hinzu.

»Sind wir einheimisch?« fragte Masklin.

»Hauptprogramm unterbrochen. Nein. Hauptprogramm wird fortgesetzt.«

»Natürlich nicht«, sagte Torrit herablassend. »Wir haben einen gewissen Stolz.«