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Als die zwanzigjährige Sonja auf der Suche nach ihrem Traumberuf eine abenteuerliche Reise nach Amerika antritt, lernt sie dort nicht nur interessante Menschen kennen, sie erlebt auch außergewöhnliche Situationen, die sie mitunter an ihre körperlichen Grenzen bringen. Schließlich findet sie ihre Berufung in der Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester und betreut danach ihre Patienten mehr als zwanzig Jahre lang mit liebevoller Hingabe. Doch plötzlich wird im Gesundheitswesen rigoros der Sparstift angesetzt und auch das tägliche Arbeitsklima scheint immer häufiger durch Intrigen und Mobbing vergiftet zu werden. Für die inzwischen erfahrene Krankenschwester entwickelt sich ihr Traumberuf mehr und mehr zum Albtraum... Eine erlebnisreiche Reise durch ferne Länder, aber auch durch die verletzlichen Gefilde der menschlichen Gefühlswelt.
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Impressum: epubli GmbH, BerlinJuni 2016 ISBN: 978-3-7375-8639-9
Copyright: © 2016 Sonja Löwe e-book Covergestaltung: ©Sonja Löwe Korrektorat: M. Worbis
Die Autorin:
Sonja Löwe, geb. 1963 in Deutschland, von Beruf diplomierte Krankenschwester, arbeitete 23 Jahre in einem medizinischen Fachbereich für chronisch Erkrankte in drei verschiedenen Kliniken. Sie verfügt über eine zusätzliche schulmedizinische Fachpflegeausbildung und über mehrere Ausbildungen im Bereich energetischer Heilmethoden und traditioneller asiatischer Medizin.
Während zahlreicher Reisen auf allen Kontinenten der Erde lernte sie die unterschiedlichsten Kulturen kennen.
Als die zwanzigjährige Sonja auf der Suche nach ihrem Traumberuf eine abenteuerliche Reise nach Amerika antritt, lernt sie dort nicht nur interessante Menschen kennen, sie erlebt auch außergewöhnliche Situationen, die sie mitunter an ihre körperlichen Grenzen bringen.
Schließlich findet sie ihre Berufung in der Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester und betreut danach ihre Patienten mehr als zwanzig Jahre lang mit liebevoller Hingabe.
Doch plötzlich wird im Gesundheitswesen rigoros der Sparstift angesetzt und auch das tägliche Arbeitsklima scheint immer häufiger durch Intrigen und Mobbing vergiftet zu werden. Für die inzwischen erfahrene Krankenschwester entwickelt sich ihr Traumberuf mehr und mehr zum Albtraum…
SONJA LÖWE
DIE KRANKENSCHWESTER
VOM TRAUMBERUF ZUM ALBTRAUM UND
Danksagung
Mein besonderer Dank gilt vor allem meiner Mutter, die mich immer, auch in den schwierigsten Tagen, unterstützt und begleitet hat und mich stets ermutigte auf meine innere Stimme zu hören.
Herzlichen Dank auch an jene Kollegen, die zu mir gehalten haben und ehrlich zu mir waren.
Dank an die Patienten, die mir immer zeigten, wie sehr sie meine Arbeit und Betreuung schätzten.
Dank an alle meine Freunde, die mir zugehört haben und mich positiv motivierten, namentlich erwähnen möchte ich vor allem Alex, Alexandra, Angelika, Astrid, Gertrud, Hubert, Karolin, Monika und Margot.
Alle Wünsche werden klein,
gegen den gesund zu sein.
Liebe Leserin, lieber Leser,
zuerst möchte ich Ihnen herzlich danken, dass Sie sich für mein Buch entschieden haben.
Mir ist klar, dass es sich bei meinen Schilderungen aus dem Gesundheitswesen nicht immer um „leichte Kost“ handelt, denn die Begebenheiten, die ich sowohl als Krankenschwester wie auch als Patientin erleben musste, brachten mich manchmal an meine Grenzen und hinterließen bei mir zeitweise Gefühle von Wut und Ohnmacht. Gleichzeitig entstand aber auch der Wunsch, Mut zu machen, sich gegen unmenschliche Verhaltensweisen zu wehren.
Es ist mir ein großes Anliegen, dass der Aufenthalt in Kliniken für Patienten endlich menschenwürdiger gestaltet wird. Dass sie mit mehr Empathie betreut werden und ihnen auch bei schwerwiegenden Diagnosen Lebensmut und Optimismus statt Hoffnungslosigkeit vermittelt werden. Dafür habe ich mich während meiner Tätigkeit als Krankenschwester stets mit voller Kraft eingesetzt.
Ich wünsche mir sehr, dass medizinisches Personal und Patienten sich in der Zukunft auf Augenhöhe begegnen werden. Dass nicht Behandlungskosten oder die Arroganz und Überheblichkeit mancher Mediziner von Wichtigkeit sind, sondern der Patient als Mensch im Vordergrund steht und mit Einfühlungsvermögen ganzheitlich betreut wird.
Patienten möchte ich ermutigen, ihre Krankheit nicht als unabänderliches Schicksal anzunehmen, sondern sich nach Diagnosestellungen, wenn möglich, eine zweite und dritte Meinung einzuholen. Auch Ärzte können einmal irren. Und wenn manche Diagnosen und Prognosen jegliche Hoffnung schwinden lassen wollen, gibt es bisweilen trotzdem positive Wendungen und Spontanheilungen, mit denen weder Patienten noch Ärzte gerechnet haben. Ich habe diese erfreulichen Ereignisse bei Patienten schon selbst erleben dürfen. Ärzte konnten dafür keine Erklärung finden.
Obwohl mündige Patienten in Kliniken noch nicht sehr erwünscht sind, ist es besonders wichtig, als Betroffener Diagnosen und Behandlungsvorschläge kritisch zu hinterfragen.
Aus Diskretionsgründen habe ich selbstverständlich sämtliche Namen in diesem Buch verändert. Alle sonstigen Begebenheiten entsprechen der Wahrheit; sie wurden von mir subjektiv so erlebt. Dass beteiligte Personen diese Situationen in anderer Weise sehen, ist möglich und menschlich.
Ich gebe zu, dass ich mir mit diesem Buch auch so manchen Kummer von der Seele geschrieben habe und es half mir, das Erlebte besser verarbeiten zu können. Sozusagen gehörte es zu meinen „Aufräumarbeiten“, um das innere Chaos der Gefühle wieder in Balance zu bringen. Dies wirkte sich positiv auf mein Befinden aus und ich entdeckte meine Kreativität und Freude am Schreiben.
Meine Erlebnisse in den letzten Jahren haben mir gezeigt, wie bedeutend Gesundheit für jeden Menschen ist, auch wenn sie sehr häufig als Selbstverständlichkeit angesehen wird.
Ich musste mehr und mehr meine körperlichen und psychischen Grenzen erfahren und anerkennen.
Glücklicherweise erlebte ich aber auch gleichzeitig, wie wichtig Familie und Freunde sind, und dass ich auf meine Lieben zählen kann, besonders in schwierigen Zeiten des Lebens.
Schade, dass es auf unserer Welt so viel Unfrieden und Streit gibt und manche Menschen sich das Leben durch Gehässigkeiten vergiften. Die Lebenszeit ist viel zu wertvoll, um sich gegenseitig das Dasein zu erschweren.
Mögen die geschilderten Begebenheiten zum Nachdenken anregen und in unserer Gesellschaft positiv zu mehr Einfühlungsvermögen, Frieden und Rücksichtnahme im menschlichen Miteinander beitragen.
Eigentlich wollte ich immer nur das Eine: Patienten so gut wie möglich in ihrer schwierigen Lebensphase unterstützen und begleiten und ihre Leiden erleichtern und lindern.
Seit vierzehn Jahren arbeitete ich bereits als diplomierte Fachkrankenschwester in einer Abteilung für chronisch erkrankte Patienten einer großen Klinik. Manche Patienten kamen schon jahrelang zur lebenserhaltenden medizinischen Behandlung, sodass wir Pflegenden zu allen Kranken ein sehr inniges und herzliches Verhältnis hegten. Ich liebte diesen abwechslungsreichen Beruf und es bereitete mir stets Freude, mit Menschen zu arbeiten und sie bestmöglich zu betreuen. Mit Leib und Seele war ich Krankenschwester, denn dieser Beruf war auch gleichzeitig so etwas wie eine Berufung für mich. Nie sehnte ich mich nach einer anderen Tätigkeit.
Obwohl ich mich an meinem Arbeitsplatz so wohl fühlte und mich auch mit meinen Kolleginnen und Kollegen ein freundschaftliches Verhältnis verband, war doch die tägliche Anfahrt von meinem Wohnort zur Klinik ziemlich weit und die häufigen Verkehrsstaus trugen dazu bei, dass ich pro Strecke bis zu eineinhalb Stunden unterwegs war. So schrumpfte die ohnehin in diesem Beruf knapp bemessene Freizeit auf ein Minimum. Die ständig höher werdenden Benzinpreise verschlangen zudem einen Großteil meines Gehalts und die zahlreichen Schichtdienste forderten ein immenses Maß an Durchhaltevermögen, Konzentration und Disziplin.
Als der Chefarzt unserer Abteilung eine Privatklinik ganz in der Nähe meines Wohnortes plante und mich fragte, ob ich dort die Leitung der Pflege übernehmen würde, erschien mir dies eine willkommene Veränderung und eine finanzielle Verbesserung meiner beruflichen Lage.
Auch jene Patienten, die in meinem Umkreis wohnten, mussten nun zukünftig nicht mehr so weite Wege für ihre Therapie zurücklegen, da sie jetzt ebenfalls in der nahe gelegenen Privatklinik behandelt werden konnten.
Während ich noch für einige Monate in der großen Klinik weiterarbeitete, war ich voll Enthusiasmus von Anfang an bei der Planung und dem Aufbau der kleinen Privatklinik beteiligt, die nur zehn Minuten von meinem Wohnort entfernt lag.
Für diesen Zweck sollte ein bereits hundert Jahre altes Gebäude in angemessener Weise renoviert werden. Die historische Fassade wurde wieder wunderschön hergerichtet und in leuchtendem Gelb gestrichen, während im Inneren des Gebäudes alle Räumlichkeiten modernisiert, rollstuhlgerecht angepasst und mit einer Liftanlage versehen wurden.
Fast täglich beobachtete ich den Fortschritt der Bauarbeiten und freute mich riesig darüber, als wäre es meine eigene Firma. Während die Klinik nach neuesten Erkenntnissen ausgestaltet wurde, konnte ich meine langjährig erworbenen beruflichen Kenntnisse bei der Einrichtung der Behandlungsräume und der medizinischen Ausstattung einbringen.
Die Zeit verging wie im Flug und nach einigen Monaten war der Moment des Arbeitsplatzwechsels für mich gekommen.
Voll Erwartung, aber auch mit ein wenig Wehmut, verabschiedete ich mich von meinen mir in all den Jahren vertrauten und auch lieb gewonnenen Kolleginnen und Kollegen. Manche von ihnen waren zu engen Freunden geworden.
Eine gewisse Traurigkeit überfiel mich bei der für mich veranstalteten Abschiedsfeier, bei der ich noch allerlei zu Herzen gehende Abschiedsbriefe und kleine Geschenke erhielt. Von den Patienten gab es in den letzten Arbeitstagen ebenfalls sehr liebevolle Worte und zahlreiche Karten und Briefe, die mir Wertschätzung und Dank für meine langjährige Betreuung entgegen brachten und mir versicherten, wie sehr sie mich alle in Zukunft vermissen würden. Immer wieder kamen Patienten, die mich umarmten und mir alles Gute wünschten.
Abschied nehmen ist nicht gerade meine Stärke und die Trennung von alten Gewohnheiten und vertrauten Menschen fiel mir schwerer als gedacht, doch gleichzeitig freute ich mich nun auf meine neuen Aufgaben und die Veränderung in meinem Berufsleben.
In den ersten Wochen nach Eröffnung der Privatklinik waren wir nur ein kleines Team, doch schon nach kurzer Zeit wurden mehrere Ärzte und weiteres Pflegepersonal eingestellt und wir waren rundum gut beschäftigt.
Zur Betreuung der Patienten stand schließlich ein Team mit durchschnittlich acht Ärzten und zehn Pflegekräften zur Verfügung, unterstützt durch drei Hilfsdienste, die sich unter anderem um die Verköstigung der Patienten kümmerten.
Die Geschäftsleitung der Klinik übernahm Klaus, der Sohn des Chefarztes. Er war circa dreißig Jahre alt und dies war seine erste berufliche Anstellung. Nach Absolvierung eines Betriebswirtschaftsstudiums stieg er nun als Geschäftsführer in die neugegründete Firma seines Vaters ein.
Schon von Anfang an spürte ich, dass Klaus und ich nicht gerade auf einer Wellenlänge waren, aber man musste sich eben bemühen, miteinander klar zu kommen.
Klaus war muskulös und kräftig gebaut, mit kahl geschorenem Kopf und Vollbart. Auf den ersten Blick wirkte er eher wie der Rausschmeißer vor einer Diskothek. Er hatte ein sehr selbstbewusstes Auftreten und seine Entscheidungen waren stets kühl kalkulierend. Mir gegenüber verhielt er sich von Anfang an ziemlich zynisch, musterte mich voll Misstrauen und stellte schon gleich bei unserer ersten Begegnung einige meiner Äußerungen in Frage. Ich spürte eine eisige Mauer zwischen ihm und mir, doch ich versuchte innerlich, mein Unbehagen zu bagatellisieren und überspielte es mit freundlichem Entgegenkommen.
Wir kannten uns ja erst wenige Tage, sodass sich dieses seltsame und unangenehme Gefühl wohl sicherlich bald legen würde, wenn wir gegenseitig unsere Fähigkeiten und positiven Qualitäten erkannt hatten, da war ich mir sicher. Mit unermüdlichem Einsatz wollte ich Klaus in der Zukunft beweisen, dass er mit mir eine gute Wahl getroffen hatte. Er sollte es nicht bereuen, das nahm ich mir fest vor. Für diese neue Tätigkeit beabsichtigte ich, in jedem Bereich ganzen Einsatz zu bringen und jegliche an mich gestellte Anforderung so qualifiziert und schnell wie möglich zu erledigen. Ich wollte ihm und mir beweisen, dass ich die beste Auswahl für diesen Job war.
Meine Aufgabe bestand in der Betreuung von bis zu sechzig Patienten zusammen mit dem Pflegeteam, aber auch in der Führung von Praktikanten, Pflege- und Hilfskräften, sowie in diversen organisatorischen Aufgaben. So war ich dafür verantwortlich, dass der medizinische Ablauf der Klinik reibungslos verlief. Ich schrieb die Dienstpläne für das mir anvertraute Personal, sorgte dafür, dass die zahlreichen medizinischen Geräte regelmäßig gewartet wurden, dass verlässlich alle Bestellungen durchgeführt und die Lieferungen kontrolliert wurden. Auch kümmerte ich mich um sämtliche Belange von Patienten, die über die Pflege hinaus gingen. Gab es Probleme mit der Krankenversicherung oder wollte ein Patient eine Kur beantragen, mit all ihren Belangen konnten die Patienten zu mir kommen. Ich hatte auch ein offenes Ohr für die diversen psychischen Probleme von Patienten und Personal. Darüber hinaus kümmerte ich mich um laufende Statistiken, um Belange der EDV-Dokumentation, um die Bekleidung des medizinischen Personals und vieles mehr. Einige Aufgaben konnte ich auch an meine Mitarbeiter übertragen, erstellte viele Arbeitspläne, damit jeder der Kollegen wusste, was zu seinen Aufgaben gehörte. Die abwechslungsreiche Tätigkeit bereitete mir viel Freude.
Zahlreiche Patienten hatte ich schon jahrelang auf ihrem schwierigen Lebensweg begleitet und kannte sie gut.
Der Beruf der Krankenschwester erfordert oft hohe psychische Belastbarkeit. Obwohl mir klar war, dass es wichtig ist, die Erlebnisse des Tages nach Beendigung der Arbeit in der Klinik hinter mir zu lassen, gelang mir das nicht immer. So kam es schon manchmal vor, dass mich bedrückende Ereignisse und schwierige Schicksale der Patienten auch noch nach Dienstschluss einige Zeit zu Hause beschäftigten.
Meine Patienten brachten mir stets sehr große Dankbarkeit entgegen.
Wenn man so viele Jahre eine schwere Erkrankung ertragen muss, lebt man sein Leben wohl wesentlich bewusster. Manche Patienten waren noch sehr jung und hatten keine Chance auf Heilung, sondern nur auf Linderung ihrer Beschwerden durch kontinuierliche Behandlung, die auch mitunter zahlreiche Komplikationen hervorrufen kann. Viele Patienten befanden sich schon in jahrelanger Behandlung und waren trotzdem glücklich, dass es ihnen durch die Therapie gegönnt war, z. B. ihre Kinder aufwachsen zu sehen oder noch einige Zeit mit ihrem Partner verbringen zu können. Ohne die Behandlung wären sie schon in jungen Jahren verstorben. Einige Patienten waren schon hochbetagt, oft zwar erst kurz erkrankt, konnten ihr unabänderliches Schicksal jedoch nur schwer annehmen und litten verständlicherweise unter depressiven Verstimmungen. Manche der Erkrankten konnten auch für eine begrenzte Weile ein unbeschwertes Leben führen, was sie dann ganz besonders bewusst erlebten und vielleicht glücklicher sein ließ als so manchen gesunden Zeitgenossen.
Natürlich war es mir täglich ein Anliegen, die Patienten zu beraten und in ihrer laufenden Therapie zu unterstützen. Es lag mir fern, sie in irgendeiner Weise zu maßregeln, denn jeder der Patienten muss schlussendlich selbst die notwendigen Therapievorschläge umsetzen, um einigermaßen mit der Krankheit zurechtzukommen.
Wichtig war mir, das mir anvertraute Pflegeteam und die Hilfskräfte bestmöglich zu betreuen und zu unterstützen. Dabei ging ich immer vom Grundsatz aus, dass ich für meine Mitarbeiter ein angenehmes Betriebsklima schaffen wollte, in dem sie gerne arbeiteten und sich wohlfühlten. Pflege ist Teamarbeit und das bedeutet, dass man nicht gegeneinander arbeitet, sondern miteinander. Dass man sich auf seine Kolleginnen und Kollegen verlassen kann und sich gegenseitig unterstützt, damit die Patienten optimal betreut werden können. Das war unser gemeinsames Ziel. Darum ging es. In einer Gruppe von gemeinsam arbeitenden Menschen muss es ein ausgewogenes Geben und Nehmen sein, damit sich alle mit ihren individuellen Fähigkeiten einbringen können.
Leider sah der Alltag meistens ganz anders aus.
Manchmal glaubte ich, ich wäre im Kindergarten oder in einem Irrenhaus. Bevor ich hier beschäftigt war, hatte ich keine Vorstellung davon, dass sich erwachsene Menschen überhaupt so unkollegial und widerwärtig benehmen können. Aber weil ich immer an das Gute im Menschen glaube, versuchte ich die Hintergründe für die diversen Verhaltensweisen der Mitarbeiter zu verstehen. In den regelmäßigen Teamsitzungen sprach ich diese Themen offen an, damit wir gemeinsam nach Auswegen für die bei uns herrschenden zwischenmenschlichen Probleme suchen und diese in der Folge bewältigen konnten. Auch wenn alle meist einsichtig reagierten, ging der tägliche Kleinkrieg weiter.
Da wurde geklatscht und getratscht, leise hinter vorgehaltener Hand getuschelt, über das Privatleben einer Kollegin, die noch immer keinen festen Freund hatte. Mit ihrem Aussehen würde sie sowieso keinen Mann mehr abbekommen, spottete man in boshafter Weise.
Über eine schon etwas ältere Krankenschwester lästerte man, dass sie auch immer schusseliger werde. Eigentlich gehöre sie schon zum „alten Eisen“, man sollte sie endlich davon überzeugen, in Altersteilzeit zu gehen, denn sie wäre sowieso andauernd krank und könnte mit den technischen Geräten nicht mehr adäquat umgehen. Eigentlich wäre sie wirklich nicht mehr zu gebrauchen.
Dazwischen kam es während der Dienstzeit immer wieder zu lautstarken, sehr aggressiven Diskussionen zwischen zwei Mitarbeiterinnen. Die eine beschuldigte die andere, sie arbeite zu langsam, und sie selbst müsse daher zu viel leisten und würde sich in Zukunft weigern mit dieser Kollegin weiterhin zusammen zu arbeiten.
Wieder andere setzten sich an den Schreibtisch und vertrieben sich die Zeit am Computer mit Internet und facebook, weil sie der Ansicht waren, sie hätten ihren Teil der Arbeit schon erledigt und der andere Teil ginge sie nichts an.
Manche Pflegeperson fühlte sich nur für eine gewisse Anzahl von Patienten verantwortlich und wenn die für den offensichtlich anderen Teil der Patienten zuständige Kollegin gerade beschäftigt war, weigerte sich die Pflegeperson, sich um deren Patienten zu kümmern. Man hörte Sätze wie: „Was geht denn mich das an? Soll sie doch schauen, wie sie mit ihrer Arbeit fertig wird!“
Ich war über solche Aussagen äußerst entsetzt und versuchte die Mitarbeiter aufzufordern, doch wie gute Kollegen zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. Von vielen meiner Mitarbeiter wusste ich, in welch schwierigen persönlichen Situationen sie oft privat steckten und konnte auch meist nachfühlen, warum sie im täglichen Leben und in ihrer Arbeit so überlastet waren. Diese Informationen behandelte ich selbstverständlich mit höchster Diskretion. Einige der Kollegen hatten mir im Vertrauen ihr Herz ausgeschüttet über ihre privaten Schwierigkeiten und es tat mir oft leid, dass sie durch ihre Mitmenschen so wenig Unterstützung erhielten. Natürlich für alle, aber vor allem für diese Mitarbeiter, war ein angenehmes Arbeitsklima so wichtig. Besonders in unserem sozialen Beruf hoffte ich da doch auf wesentlich mehr Einfühlungsvermögen und Mitgefühl.
Immer wieder waren geringfügige Anlässe die Ursache dafür, dass aus Kolleginnen erbitterte Feindinnen wurden. Eine Mitarbeiterin wollte während der Arbeitszeit mehr frische Luft und öffnete daher die Fenster im Behandlungsraum, die andere Kollegin klagte daraufhin, sie könnte keine Zugluft ertragen, und schon wieder ergab sich ein aggressiven Wortwechsel. Eine Mitarbeiterin bestand darauf, die Rollos zu schließen, die Sonne würde sie bei der Arbeit stören, worauf die Kollegin patzig erwiderte, sie fühle sich hier wie im Gefängnis, das wäre ja nicht auszuhalten bei so herrlichem Wetter. Keine der Beteiligten war zu einem Kompromiss oder zu einem freundlicheren Umgangston bereit.
Es gab Mitarbeiter, die sich anfangs so sympathisch waren, dass sie sogar ihre private Freizeit miteinander verbrachten. Sie unternahmen Ausflüge oder besuchten sich regelmäßig zu Hause, wurden dicke Freundinnen und erzählten sich die intimsten Gefühle und Ereignisse aus ihrem Privatleben. Irgendwann kam es dann zu Tratschereien oder einem Vertrauensbruch zwischen ihnen und ab diesem Zeitpunkt gab es keine schlimmeren Feindinnen. Wenn sie sich während der Arbeitszeit begegneten, musste man aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig fast an die Gurgel gingen. Jede der Betroffenen versuchte nun, die andere bei allen Kollegen im Team schlecht zu machen. Jegliche im Vertrauen erfahrene Intimität wurde nun an die große Glocke gehängt und vor allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern breit getreten. Das verhasste Gegenüber sollte sich in der Klinik nicht mehr sehen lassen können. Jeder sollte alle privaten Peinlichkeiten erfahren und die einst geliebte Freundin wurde in so haarsträubender Weise dargestellt, dass man hätte vermuten können, es handle sich um ein schreckliches Monster. Manche Mitarbeiter lachten dann in der Runde herzlich über die privaten Geheimnisse ihrer Kollegin, man bauschte die Geschichten noch auf, die negativen Gerüchte wuchsen ins Unendliche und die Betroffene fand kaum eine Chance, die oftmals erdichteten Lügenmärchen zu entkräften. Bei Dienstwechsel wurden die Neuigkeiten und üblen Nachreden munter weiter verbreitet, aber das verletzende Getuschel verstummte sofort, wenn die betroffene, inzwischen von den Kolleginnen argwöhnisch beäugte Mitarbeiterin sich näherte. Mit so einer Person wollten die meisten natürlich nichts mehr zu tun haben und man begann, sie nirgends mehr teilhaben zu lassen. Sie wurde ständig ausgegrenzt, man hielt sie von jeglichen Informationen fern und stellte ihr während der Arbeitszeit boshafte Fallen, denen sie hilflos zum Opfer fiel, was wieder zur Belustigung beitrug.
Mit vermittelnden Gesprächen konnte ich die Kontrahentinnen auch nicht mehr zur Vernunft bringen. Die einzige Möglichkeit bestand für mich, bei der Personaleinteilung peinlichst genau darauf zu achten, dass sich übel gesinnte Personen nicht zu oft über den Weg liefen oder miteinander in den Dienst eingeteilt waren. Die Dienstplangestaltung entpuppte sich mit der Zeit für mich als „Drahtseilakt“. Besonders während der Urlaubszeiten oder bei vermehrten Krankenständen war ich froh, wenn noch genügend Personal zur Verfügung stand, um den Betrieb der Klinik aufrecht zu erhalten. Da erschien es wirklich überflüssig, noch auf die Feindschaften zwischen den einzelnen Mitarbeitern achten zu müssen. Sie kamen mir manchmal vor wie in einem Hunderudel, in dem sich rivalisierende Mitglieder drohen, gegenseitig vor Angriffslust zu zerfleischen. Mit vernünftigem Menschenverstand konnte ich überhaupt nichts ausrichten.
An manchen Tagen war die Atmosphäre in unserem Behandlungsraum wie vergiftet. Man spürte die bedrohliche Aggression zwischen Mitarbeitern, die sich nicht leiden konnten und nichts unversucht ließen, ihre Arbeitskollegen anzuschwärzen, zu erniedrigen und in jeglicher Weise fertig zu machen. Nichts ließen die Kontrahenten unversucht, um sich die Arbeitszeit gegenseitig so unangenehm wie möglich zu gestalten. Entweder wurde lautstark gestritten oder stundenlang demonstrativ geschwiegen. Oftmals wurde das Schweigen nicht einmal gebrochen, um die wichtigsten dienstlichen Mitteilungen weiterzugeben. Es war ein gnadenloses und unerbittliches Vorgehen.
Natürlich war immer jeder von beiden das Opfer, der andere hatte angefangen, sich daneben zu benehmen und schien auf jeden Fall der alleinige Sündenbock zu sein.
Oft hoffte ich, dass unsere Patienten die angespannte Atmosphäre zwischen den Mitarbeitern nicht zu spüren bekamen.
Immer wieder führte ich Vermittlungsgespräche zwischen den Widersachern, versuchte auszusöhnen und zu schlichten, sowie Kompromisse unter den Betroffenen auszuhandeln. Man versprach, diese in Zukunft einzuhalten, aber schon beim nächsten Zusammentreffen kochten die Emotionen über und lautstarke Auseinandersetzungen folgten.
Ich fand es ziemlich unerfreulich und peinlich, wenn die Patienten vernahmen, wie schlecht bisweilen der Umgang unter den Mitarbeitern war und ich wies bei Team-Sitzungen immer wieder darauf hin, dass dieses Benehmen, insbesondere vor den Patienten, nicht zu akzeptieren war. Die ohnehin schwer erkrankten Menschen sollten nicht auch noch durch ein aggressives Umfeld zusätzlich belastet werden.
Diese Art von Kleinkriegen fand ständig zwischen einzelnen Mitarbeitern statt und führte immer wieder zu verbalen Übergriffen und Attacken. Mitarbeiter, die einander nicht leiden konnten, stichelten ständig an ihren Kollegen herum. Es kam zu Hinterhältigkeit, die jedoch oft nur schwer nachweisbar war. Vergehen und Fehler des anderen wurden vor allen Anwesenden ausgebreitet.
Oftmals ertappte ich mich dabei, dass ich mir selbst Vorwürfe machte, denn vielleicht müsste ich als Teamleitung einfach härter durchgreifen. Doch ein autoritärer Führungsstil war mir zuwider. Immer wieder schwebte vor meinem geistigen Auge das scheinbar utopische Bild eines angenehmen Miteinanders, die herrliche Vorstellung eines kollegialen Teams, das gerne und harmonisch zusammenarbeitet und sich gegenseitig unterstützt. Das musste doch irgendwie zu schaffen sein! Wir waren immerhin eine Gruppe von erwachsenen und vernünftigen Menschen. Jeder der Angestellten wollte wohl auch lieber an einem angenehmen Arbeitsplatz tätig sein, als sich ständig gegenseitig zu bekriegen.
Alles war noch relativ neu. Daher meinte ich, dass ich der Entwicklung eines förderlichen Teams ein bisschen Zeit einräumen sollte. Wir alle mussten uns wohl erst besser kennenlernen. Wahrscheinlich war dies ein dynamischer Prozess, der sich in einem neuen Team allmählich entwickelte und der ein wenig Geduld, gegenseitiges Verständnis, Rücksicht und vor allem Zeit in Anspruch nahm. Damit versuchte ich mich selbst zu beruhigen und so die unangenehmen Ereignisse immer wieder gelassen zu sehen.
Ich erinnerte mich an meinen früheren Arbeitsplatz in der großen Klinik. Wir waren dort ein eingespieltes Team, das stets freundschaftlichen Umgang miteinander gepflegt hatte. Manchmal hatten wir gemeinsam Rodelpartien, Garten- und Sommerfeste veranstaltet, auch zusammen mit einigen der fitteren, langjährigen Patienten. Mehrmals gingen wir auch gemeinsam miteinander essen oder unternahmen am Wochenende eine Wanderung. Diese Aktivitäten waren immer nett und schweißten uns alle noch mehr zusammen. An eskalierende Situationen zwischen Mitarbeitern in solch verletzendem Ausmaß konnte ich mich dort nicht erinnern und das beunruhigte mich schon ein bisschen.
Schon eine einzige Person genügt, um ein komplettes Team negativ zu beeinflussen, aufzumischen und zu verhetzen. Es erschien mir zu dieser Zeit wie ein ansteckender Virus, der einen nach dem anderen der Teammitglieder infizierte und die Betroffenen dazu bewegte, sich unfair und unkollegial zu verhalten.
Für Intrigen und arglistige Machenschaften war besonders meine Vertretung, Schwester Sabine, bekannt. Die Mitarbeiter und auch die Patienten fürchteten ihr rabiates Benehmen und ihren bissigen Umgangston.
Obwohl ich Schwester Sabine für meine Vertretungsposition aus menschlichen Gründen als nicht geeignet empfand, wurde sie von der Geschäftsleitung für diesen Posten bestimmt und meine diesbezüglichen Einwände ignoriert. Auch verfügte sie nicht über die notwendige Fachausbildung und weigerte sich stets, diese Weiterbildung nachzuholen.
An meinen freien Tagen oder wenn ich im Urlaub war übernahm sie die Führung im Pflegeteam. Da sie manchmal nicht ausreichend von den Mitarbeitern respektiert wurde, gab es immer wieder ziemlich peinliche Zwischenfälle. Sie stellte sich ins Zentrum des Behandlungsraumes, stemmte ihre Hände seitlich in die Taille, sodass die Ellbogen nach außen standen, und schrie im Befehlston die Kollegen an: „Ich habe jetzt das Sagen hier und ihr habt jetzt zu parieren und meinen Anordnungen Folge zu leisten, wenn Schwester Sonja nicht da ist!“ Ihr egozentrisches Machtgehabe wurde von den Mitarbeitern nur murrend akzeptiert, aber sie besaß die Fähigkeit, mit fast an Terror grenzenden Drohgebärden die Mitarbeiter gefügig zu machen.
Wurde im routinemäßigen Arbeitsablauf irgendetwas vergessen - es handelte sich meist nur um Kleinigkeiten, - kam von Sabine die sehr gefürchtete Frage: „Wer war das?“ Meist meldete sich dann keiner. Jedoch kam es bisweilen vor, dass eine Mitarbeiterin die andere vor allen Anwesenden anschwärzte und beschuldigte, diese Sache vergessen zu haben und sich dadurch auf die Seite der energischen Schwester Sabine stellte, nur um in Zukunft sicher zu gehen, von ihr nicht auch attackiert zu werden. Es war wohl besser, mit den Wölfen zu heulen als von ihnen gefressen zu werden.
Wenn ich von meiner Freizeit in die Arbeit zurückkehrte, beklagten sich die Kollegen bei mir heftig über das inakzeptable Benehmen von Schwester Sabine. Ich versuchte immer wieder, mit ihr über vernünftige Personalführung zu sprechen, schließlich sollten wir in unserer Position mit gutem Beispiel voran gehen, was Kollegialität und Fairness betraf, und uns nicht zu Aggressionen und Intrigen hinreißen lassen.
Anfangs pflichtete Sabine mir bei und gab zu, dass ihr die Nerven durchgegangen wären und sie sich überfordert gefühlt habe. Sie gelobte, sich in Zukunft angemessener zu benehmen. Von Monat zu Monat jedoch nahm ihr Verhalten immer gewalttätigere Züge an und die Zusammenarbeit mit ihr war für mich irgendwann äußerst mühsam.
Mit ihrem ständig pathologischer werdenden Kontrollzwang traktierte sie in meiner Abwesenheit immer mehr die Mitarbeiter und Patienten.
Mit akribischer Genauigkeit überwachte sie zum Beispiel die Anzahl von Mineralwasserflaschen und Getränkepackungen im Kühlschrank. Die Menge musste stets der von ihr vorgeschriebenen Anzahl entsprechen. War dies nicht so, wurde das dafür zuständige Hilfspersonal lautstark getadelt. Auch musste in der Küche und in jedem Schrank alles peinlichst genau an seinem Ort stehen. Bei teilweise mehr als zwanzig Angestellten kam es schon einmal vor, dass ein Glas oder eine Schüssel in einem Regalfach weiter unten eingeräumt wurde, was von Seiten Schwester Sabines ein Drama darstellte und zu haarsträubenden Diskussionen mit dem nach langem Nachfragen eruierten „Täter“ führte.
Am Fussboden suchte sie nach kleinsten versteckten Verunreinigungen, die sie täglich beobachtete, um zu sehen, wie lange sie nicht entfernt wurden. Es war ihr dann eine regelrechte Genugtuung, die Damen vom Reinigungsdienst fertig zu machen, weil sie ihren Job nicht ausreichend gut durchführten.
Selbstverständlich bin ich der Meinung, dass Hygiene in einer medizinischen Einrichtung eine äußerst hohe Priorität hat, aber es kommt darauf an, wie man Reklamationen durchführt und Kritik übt, denn der Ton macht die Musik.
Mit pedantischer Kleinlichkeit kontrollierte Schwester Sabine, ob die Patienten auch alle ihre Wolldecken und Hausschuhe nach der Therapie aufgeräumt hatten. Konnte sie da eine diesbezügliche „Verfehlung“ feststellen, wurden die Patienten wie kleine, unfolgsame Lausebengel und Schulmädchen „heruntergeputzt“. Es war entwürdigend und verletzend für die Patienten und für uns Pflegepersonen äußerst peinlich.
Betagte Patienten, vorwiegend ältere Männer, behandelte Schwester Sabine besonders rüde und abwertend. Sie schrie die Kranken teilweise aus nichtigen Gründen an, wenn sie sich zum Beispiel aus Angst vor Schmerzen bei der Therapie nicht gleich so verhielten, wie Schwester Sabine es von ihnen erwartete. Manche der Patienten waren auf Grund ihres langjährigen Leidens schon etwas verlangsamt, und da riss Schwester Sabine dann häufig der Geduldsfaden. Es ging zuweilen so weit, dass Patienten sich vor ihr buchstäblich fürchteten. Auf jeden Fall war sie bei ihnen als „Feldwebel“ und „Beißzange“ berüchtigt. Diese Bezeichnungen trauten sich die Patienten aber nur hinter vorgehaltener Hand und flüsternd zu äußern, wenn Sabine nicht in der Nähe war. Häufig entschuldigte ich mich bei sämtlichen Leuten für ihr Verhalten, statt dass sie sich selbst entschuldigt hätte.
Oft überlegte ich, warum sie sich so seltsam und aggressiv verhielt. Weshalb sie vor allem bei männlichen Zeitgenossen so unerbittlich und ungerecht reagierte, war mir nicht klar. Vielleicht hatte sie in ihrer Kindheit und Jugend unerfreuliche oder bedrohliche Erfahrungen gemacht? Es lag mir jedoch fern, sie darauf anzusprechen, denn ich war der Meinung, dass mich das nichts anginge. Viele von uns haben in der Vergangenheit unangenehme Erfahrungen mit Mitmenschen oder Familie erlebt, aber wenn man im pflegerischen Bereich tätig ist, sollte man versuchen, unbefangen und gewaltlos auf die Patienten zuzugehen. Keiner der Kranken kann etwas dafür, wenn wir persönliche Probleme haben. Zum Beruf einer ausgebildeten Krankenschwester gehört es, die Patienten adäquat und professionell zu betreuen und sie nicht auf Grund von persönlichen Abneigungen schlecht zu behandeln oder zu traktieren. Wenn man nicht mit Menschen umgehen kann oder diesen fast schon feindselig gegenübersteht, dann ist man, meiner Meinung nach, im pflegerischen oder medizinischen Bereich an der falschen Stelle und sollte solch einen Beruf keinesfalls ergreifen.
Schwester Sabine legte sich fast mit jedem an, ganz gleich ob es die Angestellten der Transportunternehmen waren oder das Rettungspersonal, Ärzte, Patienten, Pflegepersonal, Reinigungspersonal.
Täglich gab es lautstarke Auseinandersetzungen, wenn sie im Dienst war, teilweise schrie sie unwirsch ins Telefon, wenn jemand unsere Klinik anrief.
Ihr Verhalten war wirklich sehr unangenehm und ich bat sie häufig, dass sie sich doch endlich mehr zurücknehmen solle und lernen müsse, ihre unberechenbaren Gefühlsausbrüche unter Kontrolle zu bringen. In unserem Beruf käme es auch auf Empathie und Herzenswärme an, denn die Patienten benötigten nicht nur körperliche Pflege und Unterstützung, sondern auch Einfühlungsvermögen und seelische Betreuung. Ein militärischer Führungsstil und aggressive Übergriffe wären hier fehl am Platze.
Nach diesen Gesprächen zeigte sich Schwester Sabine mir gegenüber stets einsichtig. An den darauf folgenden Tagen bemühte sie sich sehr um eine Verbesserung ihres Verhaltens und wir waren überrascht, wie freundlich sie sein konnte. Aber dies dauerte nicht lange an und schon zeigte sie wieder ihr gewohnt pedantisches und aggressives Wesen.
Da sie mit unserem Geschäftsführer Klaus ein überaus einmütiges Verhältnis hatte, sie waren sozusagen auf einer Wellenlänge, konnte sich Schwester Sabine fast alles erlauben. Es gelang ihr immer wieder, Klaus auf ihre Seite zu ziehen, sie waren sich in fast allen Themenbereichen sehr einig. War dies einmal nicht der Fall, so gelang es Schwester Sabine mit subtiler Manipulation, Klaus in die gewünschte Richtung zu lenken, ohne dass er es selbst bemerkte. Hinterlistig bearbeitete sie ihn so lange, bis er ihr jeden Sonderwunsch erfüllte oder ihrer Meinung war.
Zum Glück gab es auch sehr hilfsbereite und nette Kolleginnen und Kollegen im Pflegeteam, auf die ich immer zählen konnte. Es war eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten, weil sie einen freundlichen Umgang mit den Patienten pflegten, ein angenehmes und ausgeglichenes Wesen hatten und sich wirklich sehr bemühten, alle Aufgaben ordentlich zu erledigen.
Obwohl ich stets versuchte, die anfallenden Arbeiten so gerecht wie möglich aufzuteilen, traf es doch häufiger jene Mitarbeiter, die sich sowieso für alles engagierten. Andere wussten genau, wie sie sich gezielt zu vielen Anforderungen entziehen konnten.
Besonders ärgerte ich mich über eine Mitarbeiterin, die ständig vorgab, wegen Kopfweh oder Bauchweh nicht arbeiten zu können. Ich sah sie mehrmals vergnügt mit Freunden durch den Ort spazieren, während ich gerade mal wieder meinen freien Tag geopfert hatte, um ihren Dienst zu übernehmen. Doch da gab es für mich keine Handhabe, denn bei solchen Unpässlichkeiten ist Bettruhe vom behandelnden Arzt nicht zwingend vorgeschrieben. Ich glaube, die betreffende Mitarbeiterin hatte einfach keine Lust mehr zu arbeiten. Häufig kam sie dreißig bis sechzig Minuten zu spät zum Dienst und fand es nicht einmal für nötig, sich bei ihren Kollegen dafür zu entschuldigen.
In ihren passivsten Phasen setzte sie sich demonstrativ während der Arbeitszeit mit einem Roman in die Küche und überließ ihrer anderen Kollegin die ganze Arbeit. Ich fand dies sehr rücksichtslos von ihr. Mehrmals versuchte ich mit ihr darüber ein Gespräch zu führen, aber sie blockte immer ab oder gab mir patzige Antworten. Monatelang bekam sie immer wieder eine neue Chance, auch wenn längst offensichtlich war, dass sie unsere Gutmütigkeit nur ausnützte. Ihr monatelanges dreistes Verhalten, das sich auch durch häufige Ermahnungen nicht änderte, führte schließlich doch zur Kündigung.
Ein bisschen enttäuscht war ich schon von manchen Kollegen, die Ungerechtigkeiten miterlebten, sich jedoch nicht für die davon Betroffenen einsetzten, sondern sich eher noch auf die Seite des Aggressors schlugen. Auf der anderen Seite kann ich heute verstehen, dass die meisten Angst hatten, ihren Job zu verlieren oder selbst gemobbt zu werden, wenn sie sich einmischten.
Wenn das Personal knapp war, ließ ich meine eigenen Aufgaben im Büro liegen und half bei der Betreuung der Patienten mit, obwohl ich stattdessen auch andere Kollegen hätte zusätzlich einteilen können. Doch da ich sowieso schon in der Klinik war, versuchte ich, so gut es ging, meine Kolleginnen und Kollegen zu schonen und zu unterstützen. So vermied ich es, sie zu zusätzlichen Diensten einzuteilen. In unserem Beruf ist Freizeit ein kostbares Gut.
Es war mir wichtig, dass alle Kranken stets gut versorgt und gepflegt waren. Mein Stress wuchs, wenn sich die Akten und diversen Aufgaben auf meinem Schreibtisch anhäuften, ich mit meiner eigenen Arbeit nicht fertig wurde, weil es Personalengpässe gab und ich zum wiederholten Male einspringen musste. Häufig saß ich dann nach der Pflege der Patienten noch für Stunden in meinem Büro, um meine eigenen Schreibarbeiten fortzusetzen, während die anderen Kollegen schon längst nach Hause gegangen waren, um ihren Feierabend zu genießen.
Bei manchen Arbeiten und Aufgaben wurde mir von der Geschäftsleitung eine meist viel zu kurze Frist gesetzt, in der ich gewisse Dinge zu erledigen hatte. Konnte ich diese Arbeiten nicht rechtzeitig abschließen, wurde ich von der Geschäftsleitung und dem Chefarzt unhöflich gemaßregelt und unter Druck gesetzt. Man hatte kein Verständnis dafür, wenn ich die Aufträge nicht zeitgerecht erledigen konnte, weil unvorhergesehene Krankenstände des Personals zu zusätzlichen Arbeitsbelastungen meinerseits führten. Dies interessierte meinen rücksichtslosen Chef absolut nicht. Wichtig war ihm nur, dass alles in der Klinik reibungslos funktionierte. Wie dies gewährleistet wurde, darum hatte ich mich allein zu kümmern.
An ein Privatleben meinerseits war da schon längst nicht mehr zu denken. Meist kam ich erst spät nachts von der Arbeit nach Hause und musste wieder früh morgens in der Klinik sein. Obwohl ich meinen Beruf gerne ausführte, fühlte ich mich durch diesen ständigen Termindruck in meinem Privatleben überaus limitiert und psychisch sehr gestresst. Ich hatte schon lange aufgehört irgendwelchen Hobbys nachzugehen oder Kurse zu besuchen, denn ich konnte nichts planen, weil es häufig vorkam, dass ich unvorhergesehen in der Klinik aushelfen musste.
Der Wunsch der Geschäftsleitung, dass ich Tag und Nacht erreichbar sein musste, auch an Wochenenden und Feiertagen, wurde nicht etwa zusätzlich finanziell abgegolten wie ein Bereitschaftsdienst, sondern gehörte laut Ansicht der Geschäftsleitung selbstverständlich zu meinen Aufgaben. Ich hatte ein Diensthandy und einen Dienst-Laptop zu Hause und es wäre keinesfalls toleriert worden, wäre ich nicht jederzeit abrufbar gewesen.
Mehrmals schon hatte ich bei der Geschäftsleitung anklingen lassen, dass ich gewisse Aufgaben abgeben wolle, und auch, dass ich nicht rund um die Uhr erreichbar sein könne, sondern eine zeitweise Aufteilung dieser Arbeiten mit meiner Vertretung Schwester Sabine sinnvoll wäre. Ich erklärte meinem Chef, dass auch ich gelegentlich zeitliche Freiräume bräuchte und einen Anspruch auf ein Privatleben hätte. Leider stieß ich dabei immer auf taube Ohren und man sagte mir, dass die ständige Erreichbarkeit zu meinem Job gehöre und es da nichts zu diskutieren gäbe. Ich müsse zeitlich rund um die Uhr verfügbar sein.
Oft spürte ich eine lähmende Müdigkeit und fühlte mich kraftlos und ohne Energie. Ich empfand eine ungeheure Sehnsucht danach, endlich Zeit für mich zu haben. In den letzten Jahren hatte ich mir durch meine jahrelange Berufstätigkeit doch einen bescheidenen Wohlstand erarbeiten können, über den ich noch nie zuvor in meinem Leben verfügt hatte, denn meine Kindheit und Jugend waren gekennzeichnet gewesen von einem kargen Lebensstil und großer Armut. Doch was nützte es mir nun, dass ich ein kleines, hübsches Haus gebaut hatte, wenn ich über keine Zeit verfügte, mich darin auszuruhen, vielleicht die Sonne auf der wunderschönen Terrasse mit dem grandiosen Blick auf den See zu genießen? Häufig verspürte ich das übermächtige Gefühl, dass mein Leben nutzlos an mir vorbei ziehen würde und ich eigentlich keinen Sinn mehr darin fand, in der Form, wie ich es schon seit einigen Jahren führte.
Die nur dürftig bemessene Freizeit war ausgefüllt mit den täglichen Pflichten, die man zu Hause zu erledigen hat. Meine Arbeit im Haushalt war auf das Allernotwendigste beschränkt. Natürlich musste ich sehen, dass ich in meinem privaten Bereich noch alles so gut wie möglich in Ordnung halten konnte, aber vieles blieb mit der Zeit zu Hause liegen, weil ich einfach zu erschöpft war. In meinem Garten wucherte mehr und mehr das Unkraut, was mich sehr frustrierte, aber ich hatte weder Zeit noch Energie, dies alles zu bewältigen. Lebensfreude empfand ich schon seit Jahren gar nicht mehr. Ich konnte über nichts mehr unbeschwert lachen oder mich freuen.
Mein einziges Bestreben war nur noch, mir ja nicht anmerken zu lassen, dass ich dem Ganzen nicht mehr gewachsen war. Ich wusste, dass sich Neider unter den Kollegen befanden, die nur darauf lauerten, eine Schwachstelle bei mir zu entdecken, um mich danach sukzessive fertig zu machen. Auch merkte ich schon länger, dass Schwester Sabine auf meine berufliche Position spekulierte und mich deshalb immer häufiger verbal attackierte oder sich nicht an gemeinsam vereinbarte Absprachen hielt und mir hinterhältig in den Rücken fiel.
Täglich hatte ich sozusagen eine Maske auf, wenn ich arbeitete. Immer erschien ich leistungsfähig und belastbar im Dienst, war freundlich und höflich, versuchte für alle ein Vorbild zu sein und auf diese Weise mit gutem Beispiel voran zugehen, denn ich wollte, dass auch die Pflegepersonen stets liebenswürdig und höflich mit Patienten und Kollegen umgingen. Ich war der Meinung, dass keiner im Team, einschließlich mir selbst, das Recht hatte, wegen privater Probleme schlechte Stimmung zu verbreiten und die Mitmenschen zum Opfer der eigenen Launenhaftigkeit werden zu lassen. Äußerlich voller Elan nahm ich mich täglich der Probleme von Patienten und Mitarbeitern an und hatte für alle ein offenes Ohr und eine helfende Hand. Keiner sollte merken, wie es in meinem Inneren aussah. Ich erledigte alle Telefonanrufe und E-Mails und organisierte Besprechungen, schrieb Protokolle, vereinbarte Untersuchungstermine für Patienten und erstellte die Dienstpläne für das Pflegepersonal. Bestellungen mussten erledigt und Reparaturen für defekte Geräte geregelt werden. Eigentlich brachte mir die Arbeit seit Jahren eine gewisse Erfüllung und Befriedigung, doch mit Sorge beobachtete ich die Probleme mit unserem Personal, die nach meinem Empfinden immer schlimmer wurden.
Zu Hause konnte ich mich innerlich nicht mehr von den Ereignissen des Tages distanzieren. Oft verfolgten mich Vorfälle bis in die späte Nacht. Ich lag im Bett, wälzte mich schlaflos hin und her und die Gedanken quälten mich mehr und mehr. Noch nach Stunden ärgerte ich mich über Begebenheiten, die sich in der Arbeit zugetragen hatten und gegen die ich mich nicht zur Wehr setzen konnte. Oder ich musste an Patienten denken, die vielleicht zu ihrer belastenden chronischen Erkrankung nun noch weitere schwerwiegende gesundheitliche Probleme bekommen hatten und jetzt nicht mit der zusätzlichen, erdrückenden Diagnose zu Rande kamen. Manchmal spürte ich, dass es Situationen gab, in denen ich mich unfähig fühlte, den Patienten noch irgendeinen Trost spenden zu können, das belastete mich mit zunehmendem Alter immer mehr. Ich merkte, dass ich diesbezüglich immer dünnhäutiger wurde und einfach keine Nerven mehr dafür hatte.
Wenn zu Hause ein Anruf aus der Klinik kam, empfand ich das noch schlimmer, denn dann ging es meist um organisatorische Schwierigkeiten, die keinen Aufschub duldeten oder jemand vom Personal war erkrankt und ich musste nach Ersatz suchen. So rief ich meine Kollegen an mit der Bitte, für die erkrankte Pflegerin oder den Pfleger ausnahmsweise einzuspringen. Einige Mitarbeiter nahmen prinzipiell keine Anrufe entgegen, denn, wenn sie auf dem Telefondisplay sahen, wer da anrief, ahnten sie schon, dass sie vermutlich gefragt werden würden, ob sie einen Dienst übernehmen könnten. Andere hatten keine Zeit und kamen mit allen erdenklichen Ausreden. Wenn keiner gefunden werden konnte oder ich keine Rückmeldung bekam, musste ich eben wieder selbst zur Verfügung stehen. Denn die Arbeit musste erledigt werden, die Behandlung der Patienten duldete keinen Aufschub.
Manchmal fühlte ich mich unbeschreiblich ausgelaugt, weil ich schon so viele Stunden Dienst geleistet hatte. Bald würde ich diese belastende Arbeitssituation nicht mehr bewältigen können. Oft befürchtete ich, dass ich in absehbarer Zeit irgendeine schwerwiegende Krankheit bekommen würde, wenn ich nicht auf die alarmierenden Symptome meines Körpers hörte.
Schon seit langem litt ich nachts unter Schlaflosigkeit. Abends nach der Arbeit war ich völlig aufgedreht und fand stundenlang keine innerliche Ruhe. Seit einiger Zeit quälte mich obendrein ein lauter, sehr unangenehmer Tinnitus, dann peinigte mich wieder ein fürchterliches Pochen in meinem Ohr und ließ mich nachts nicht mehr abschalten. Schlief ich dann nach Stunden des Wachliegens endlich ein, wurde ich von beklemmenden Albträumen geplagt. Ich erwachte schweißgebadet und die furchtbaren Träume hinterließen entsetzliche Angstgefühle. Danach lag ich die restliche Nacht wach und konnte keinen Schlaf mehr finden. Die Gedanken kreisten um die Probleme des Alltags und ich hatte das Gefühl, dass es in meinem Leben nichts mehr anderes gab als diesen Beruf mit all seinen Schwierigkeiten. Alles belastete mich nur noch und es war mir nicht mehr möglich, dieses sich immer drehende Gedankenkarussell abzustellen und an etwas anderes zu denken. Ich fühlte mich wie ein Hamster in einem Hamsterrad. Dieses Bild ist noch heute sehr stark in mir eingeprägt. Das Rad drehte sich immer schneller und der Hamster, nämlich ich, konnte da nicht mehr Schritt halten. Das Tempo war schon lange nicht mehr mein eigenes und folterte mich mit unbarmherzigem Zwang immer weiter und schneller zu rennen. Ich funktionierte nur noch. Warum ich nicht in Erwägung ziehen konnte, endlich dieses quälende Rad zu verlassen, sprich aus dieser schrecklichen Lage auszusteigen, weiß ich nicht. Mir war gar nicht bewusst, dass durch die ständige seelische und körperliche Überbelastung langfristig meine Gesundheit Schaden nehmen könnte.
Ich war eine der langjährigsten Mitarbeiterinnen dieser Klinik und manchmal sagte man spaßhalber von mir, dass ich schon zum Inventar gehöre. Es war selbstverständlich, dass ich immer erreichbar war, dass man sich stets auf mich verlassen konnte und dass ich so gut wie nie krank war. Auch ich selbst konnte mir jahrelang gar keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen und dachte immer, dass ich diese Arbeit wohl bis zur Pension ausüben würde.
Vom ersten Augenblick der Gründung dieser Privatklinik vor nun inzwischen fast neun Jahren hatte ich das Unternehmen mit aufgebaut. All meine Energie floss in dieses Projekt, als wäre es mein eigenes Unternehmen. Es steckte enorm viel Herzblut und Engagement von mir in dieser ganzen Sache und daher war ich auch nicht bereit, dies alles ohne weiteres einfach so aufzugeben.
Da ich eine medizinische Fachausbildung in meinem beruflichen Bereich besaß, wollte ich auch nicht in eine andere Klinik überwechseln. Dies hätte für mich, ich ging nun doch schon fast auf die Fünfzig zu, bedeutet, dass ich sozusagen wieder bei null beginnen müsste. Mein ganzes Berufsleben lang hatte ich nur in diesem speziellen Fachbereich gearbeitet und in den letzten dreiundzwanzig Jahren zahlreiche Fortbildungen in ganz Europa besucht, somit mich laufend weitergebildet.
Auch gab es in meiner Nähe keine solche Klinik mit gleichartiger medizinischer Fachabteilung. Wahrscheinlich hatte ich auch nicht den Mut dazu, in meinem Alter noch einmal etwas völlig Neues zu beginnen.
Den seit geraumer Zeit laufenden Kredit für das von mir erbaute Eigenheim musste ich auch noch mehrere Jahre abbezahlen. Die Vorstellung, den Arbeitsplatz zu wechseln, verursachte bei mir daher ziemliche Existenzängste. Falls bei einer diesbezüglichen Veränderung ein monetärer Engpass entstehen würde, wäre ich dann womöglich nicht mehr in der Lage, meine finanzielle Situation zu bewältigen.
Und was sollte ich auch beruflich Neues anfangen? Ich liebte meine Arbeit, ging voll in meinem Beruf auf und dachte mir, dass es auch an anderen Arbeitsplätzen Nachteile oder Probleme geben würde. In diesem Fall könnte ich dann auch nicht einfach davor weglaufen. Also beschloss ich immer wieder, mich zusammenzureißen und weiterzumachen, wie bisher und mein Bestes zu geben. Ich war mir sicher, dass es irgendwann wieder angenehmer werden würde und ich einfach durchhalten musste. Wenn ich die schwerwiegenden Schicksale unserer Patienten betrachtete, die teilweise schon Jahrzehnte chronisch schwer erkrankt waren, musste ich mich sowieso fast schämen, dass ich wegen solcher Kleinigkeiten kapitulieren wollte. Mir wurde bei diesen Überlegungen wieder so richtig bewusst, dass ich überhaupt keinen Grund hatte, mich zu beklagen, denn ich war gesund, an meinem Körper funktionierte alles einwandfrei. Zumindest äußerlich war mir keine Einschränkung anzusehen. Ich stellte mir vor, wie glücklich so mancher unserer Patienten wohl wäre, wenn er körperlich in so einer tadellosen Verfassung wäre wie ich. Es kam mir also wirklich wie eine große Ungerechtigkeit vor, dass ich mit meiner Situation in solcher Weise haderte.
Da ich davon überzeugt war, eine Kämpferin zu sein, wollte ich mich jetzt nicht unterkriegen lassen und war sicher, dass ich das alles schon irgendwie schaffen würde. Aufgeben war für mich eigentlich noch nie ein Thema gewesen und zugeben, dass ich an meine Grenzen gestoßen war und etwas nicht bewältigen konnte, schon gar nicht.
Hin und wieder zweifelte ich schon, ob mein Zustand noch „normal“ war und sorgte mich, ob meine Gefühle und Beschwerden weiterhin zu verheimlichen wären oder diese Situation eventuell mit der Zeit doch in Richtung Burnout laufen könnte. Gelegentlich hörte ich in meinem Umfeld von Personen unseres Berufszweiges, die gehäuft von dieser Erkrankung betroffen waren. Wenn ich bewusst in mich hinein fühlte, dann war ich nicht mehr sicher, ob ich so noch lange weitermachen konnte. Auch verspürte ich immer häufiger diverse Angstzustände, vor allem befürchtete ich, dass ich den täglichen Aufgaben nicht mehr gewachsen sein könnte. Manchmal wurden die einfachsten Anforderungen plötzlich so belastend für mich, als würde ich vor einem unüberwindbaren Berg stehen. Dann überkam mich auf einmal eine unbeschreibliche Panik, wenn ich nur einen ganz gewöhnlichen Anruf tätigen musste.
Verließ ich mein Haus, um zur Arbeit zu gehen, litt ich schon morgens unter Stress und Konzentrationsschwäche. Ich musste manchmal mehrmals nachkontrollieren, ob ich die Haustüre abgesperrt oder den Herd ausgestellt hatte. War ich bereits einige Meter vom Haus entfernt, musste ich noch einmal umkehren und erneut den Herd kontrollieren und als ich dann wieder einige Meter von der Eingangstüre entfernt war, zweifelte ich schon wieder, ob ich wohl abgeschlossen hatte. Gleichzeitig erschreckte mich dies alles sehr, denn ich ahnte, dass da etwas mit mir nicht mehr stimmen konnte. Ich befürchtete schon, dass ich womöglich an einer Zwangserkrankung leiden könnte. So ein Verhalten hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht bei mir beobachtet.
Auch litt ich neben meinen Konzentrationsschwierigkeiten zunehmend an Gedächtnislücken. Erinnerung und Merkfähigkeit ließen plötzlich drastisch nach. Alles schrieb ich mir auf, um nur ja nichts zu vergessen. Jeden Termin trug ich im Kalender ein und täglich notierte ich zudem eine lange Liste von Aufgaben, die ich abarbeiten sollte. Oft war ich dann am Ende des Tages sehr unzufrieden mit mir, wenn ich nicht alles erledigt hatte.
Einmal traf ich eine Mitarbeiterin beim Einkaufen und wusste, dass ich diese Person gut kannte, erinnerte mich jedoch nicht mehr, woher. Ich ließ mir nichts anmerken, als sie mich ansprach, denn es war mir sehr unangenehm, dass ich nicht wusste, wer sie war. So wechselte ich einige allgemeine, belanglose Worte mit ihr, damit ihr nicht auffiel, dass ich sie nicht erkannte. Die Tatsache, dass ich plötzlich so extreme Erinnerungslücken aufwies, beunruhigte mich sehr. Erst einige Stunden später fiel mir wieder ein, dass diese Frau ja eine unserer Mitarbeiterinnen gewesen war.
Manchmal, wenn ich mit dem Auto fuhr, hatte ich plötzlich Momente, in denen ich mich nicht mehr erinnerte, wohin ich eigentlich fahren wollte. Das Ziel war mir während des Fahrens von einer Sekunde auf die andere entfallen. Es war extrem beängstigend und verunsichernd für mich, weil ich befürchtete, vielleicht eine Form von Demenz zu entwickeln.
Einmal behandelte ich einen Patienten und obwohl die Situation eigentlich routinemäßig verlief, also keine besondere Anstrengung darstellte, und auch die Raumtemperatur nicht außergewöhnlich hoch war, bekam ich einen Schweißausbruch und fing am ganzen Körper an zu zittern. Verzweifelt versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen, doch der Patient fragte mich plötzlich: „Geht es dir nicht gut?“ Mittlerweile tropften mir schon die Schweißperlen über die Stirn und die Nase und er hielt mir ein Papiertaschentuch entgegen, damit ich mich abwischen konnte. Es war mir überaus peinlich und ich sagte: „Nein, nein, alles in Ordnung, es ist nur ein bisschen heiß hier.“
Zu Hause versuchte ich es dann gelegentlich mit einer Entspannungs-CD, in der Hoffnung, eine Meditation könnte mich etwas zur Ruhe bringen. Doch kaum hatte ich den CD-Player gestartet, ließen mich meine alltäglichen Gedanken nicht los, denn das unangenehme Gedankenkarussell begann sofort in meinem Kopf zu kreisen und ich konnte es nicht abschalten. Es gelang mir nicht, mich auf die sanfte Musik zu konzentrieren und den ruhigen Anweisungen der Stimme Folge zu leisten. Eigentlich sollten ja auch so viele andere Dinge dringend erledigt werden, da konnte ich nicht einfach so sinnlos herumsitzen, um mich zu entspannen. Ich musste meine Zeit effektiv einteilen und nutzen, denn sie war überaus knapp bemessen.
Immer mehr spürte ich gleichzeitig, dass etwas gewaltig aus dem Ruder lief und ich die Situation bald nicht mehr im Griff haben würde.
Jede Woche am Montagmittag traf ich mich mit Klaus, unserem Geschäftsführer, zu einer Sitzung in seinem Büro. Wir besprachen bei diesem Termin regelmäßig sämtliche Belange, die für den Betrieb der Klinik von Wichtigkeit waren. Man plante gemeinsam diverse Neuanschaffungen, Fortbildungen für Mitarbeiter, überlegte, welche Verbesserungen wir in naher Zukunft umsetzen könnten und vieles dergleichen mehr.
Eigentlich war es gut, dass es diese geregelten Besprechungstermine gab, wäre da nicht die unberechenbare Launenhaftigkeit von Klaus gewesen. Es gab Tage, da erschien er sehr freundlich und ich war froh, dass wir in aller Ruhe über vieles sprechen konnten, was die Pflegestation anbelangte. So hatte ich mir eine förderliche Zusammenarbeit im Grunde immer vorgestellt. Doch diese Tage zählten eher zur Ausnahme. Ohne eine für mich ersichtliche Ursache benahm sich unser Geschäftsführer Klaus häufig aus heiterem Himmel unberechenbar, aggressiv und extrem übellaunig. Sein Verhalten war mitunter auch sehr mürrisch oder cholerisch. In diesen Fällen erwiderte er den Gruß nicht, wenn man sein Büro betrat und schrie die Mitarbeiter, in diesem Fall mich, an, ohne dass dafür ein Anlass bestand. Nichts konnte ich in solchen Momenten recht machen. Er verhielt sich höchst feindselig, griff mich verbal an, und wenn ich mich daraufhin verteidigte, weil ich mich ungerecht beschuldigt fühlte, schrie er mich wieder in aggressiver und ausfallender Weise an. Er stichelte die ganze Zeit weiter und nichts, was ich sagte, konnte er akzeptieren. Schon sofort nach Eintritt in sein Büro spürte ich gleich die schlechte Stimmung, wenn wieder einer dieser schlimmen Tage war, an denen er sich so schrecklich benahm. Seine gesamte Körpersprache war dann von einer Arroganz und Überheblichkeit, die mir angst machte. Nun, da ich mich sowieso schon innerlich angeschlagen fühlte, war sein Verhalten für mich noch schwerer zu ertragen, und es schnürte mir fast die Kehle zu. Je mehr er mich persönlich angriff und mit nicht gerechtfertigten Beschuldigungen zu verletzten suchte, umso mehr überspielte ich meine innere Furcht. Auf keinen Fall durfte ich ihm eine Angriffsfläche bieten oder mir anmerken lassen, dass es mir schlecht ging und ich seine häufigen Attacken immer weniger aushalten konnte. Ich wusste, wenn ich ihm meine Situation offen schilderte, dann könnte er mich beruflich sofort „abservieren“. In meiner Position durfte ich mir keine Schwäche leisten.
Wenn ich gegenüber der Geschäftsleitung oder dem Chefarzt nur vorsichtig anklingen ließ, dass es enorme Schwierigkeiten mit unserem Personal gäbe, die mich belasteten, so sagte man zu mir, ich solle mir „eine dickere Haut wachsen lassen“ und nicht so empfindlich sein. In meiner Position müsste ich das schon aushalten. Also wollte ich mir auch keine Blöße geben, nicht dass man noch dächte, ich wäre den Aufgaben nicht gewachsen. Ich ärgerte mich danach sowieso schon, dass ich überhaupt etwas darüber gesagt hatte.
Gelegentlich erarbeitete ich auf Wunsch der Geschäftsleitung Vorschriftenkataloge, die dann dem Ärzte- und Pflegepersonal als Richtlinien für medizinische Vorgehensweisen dienten. Dazu forderte ich bei Gesundheitsbehörden schriftliche Unterlagen an, um diese anschließend für unsere Institution anzupassen. So musste ich manchmal unzählige Seiten genauestens durchlesen und die für uns wichtigen Themen herausarbeiten. Eigentlich erledigte ich das gerne. Doch Geduld war nicht gerade die Stärke der Geschäftsleitung und schon nach Anordnung der Aufgabe wurde ich dazu angehalten, diese Arbeit so schnell wie möglich fertigzustellen, am besten schon „vorgestern“.
Bei der nächsten großen Besprechung wurden diese neuen Richtlinien bei Ärzten und Pflegepersonal vorgestellt. Ich saß in der besagten Sitzung und glaubte meinen Ohren nicht zu trauen: Der Chefarzt beschrieb den Anwesenden die ab jetzt gültigen neuen Richtlinien und verkündete sie mit der Anmerkung, er habe diese Vorschriften zusammen mit seinem Sohn erarbeitet. Ich ärgerte mich maßlos darüber, ließ mir aber während der Besprechung von meinem durch diese falsche Behauptung resultierenden Unmut nichts anmerken. Keinesfalls wollte ich mich vor allen Besprechungsteilnehmern lächerlich machen, in dem ich korrigiert hätte, dass ich diejenige war, die die Richtlinien in mühevoller Arbeit erstellt hatte. Auch wenn dies für Außenstehende irrelevant erscheint, so fühlte ich mich durch die fehlende Anerkennung meiner Leistungen gekränkt. Solche Situationen kamen immer wieder vor. Sprach ich dann den Geschäftsführer später unter vier Augen darauf an, meinte er in verärgertem Tonfall, mit einer diesbezüglichen Beanstandung müsse ich mich an seinen Vater, den Chefarzt wenden. Wandte ich mich an seinen Vater persönlich, konnte es passieren, dass dieser überaus cholerisch reagierte, alles abstritt und behauptete, er hätte darüber niemals in der Besprechung geredet. Ich hätte da etwas falsch verstanden.
Des Öfteren wurde ich in dieser Weise von der Geschäftsleitung oder dem Chefarzt diskreditiert. Ich hatte mich für eine Sache eingesetzt und am Schluss erntete ein anderer die „Lorbeeren“. Manchmal kam ich deshalb weinend nach Hause. In der Arbeit konnte ich mir natürlich meine Kränkung oder Enttäuschung nicht anmerken lassen, denn dadurch hätte ich mein Gesicht verloren. Manche Kolleginnen oder Kollegen warteten geradezu darauf, eine Schwäche meinerseits zu entdecken und auszunützen.
Daher versuchte ich, alles mit mir allein auszumachen. Oft sehnte ich mich nach einer Vertrauensperson in der Klinik an meiner Seite, mit der ich manches hätte besprechen und entscheiden können.
Diese Funktion sollte eigentlich meine Stellvertreterin Schwester Sabine erfüllen. Aber ich konnte ihr nicht über den Weg trauen. Schon einige Jahre zuvor hatte ich mehrmals mit ihr vertrauliche, dienstliche Angelegenheiten besprochen, weil ich damals geglaubt hatte, ich könnte auf ihre Verschwiegenheit zählen. Sie wusste danach nichts Besseres zu tun, als es überall bei den Mitarbeitern herum zu tratschen und mich in ein schlechtes Licht zu rücken, so dass ich mir gewünscht hatte, ihr nie etwas erzählt zu haben.
