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Eine erfolgreiche Karriere als Sängerin, das war Sandras Traum. Jetzt ist sie am Ende, ihre Stimme ist durch zu viele Auftritte zerstört und zudem hat sich ihr dubioser Manager mit ihrem Geld aus dem Staub gemacht. Und das Schlimmste ist, dass Sandra ihrer Familie nun nicht mehr den ausschweifenden Lebensstil finanzieren kann. Ihr Bruder Toni, hoch verschuldet bei einem Nachtclubbesitzer, weiß jedoch einen Ausweg. Sandra soll als Sängerin im Club auftreten. Doch der Besitzer will nicht, dass sie singt, sondern dass sie strippt. Gibt es noch einen Ausweg für Sandra? Kann Franz, der Bauer des Oberhofs, der schon lange in sie verliebt ist, ihr helfen? Dieser und die zwei weiteren spannenden Romane „Das ist es nicht wert“ und „Gib die Hoffnung nicht auf“ sind in diesem Buch enthalten.
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2017
Anni Lechner
Die Lerche von Frohwinkl
Das ist es nicht wert
Gib die Hoffnung nicht auf
Anni Lechner: Band 29, Die Lerche von Frohwinkl ... und zwei weitere spannende Romane
Copyright © by Anni Lechner
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf.
Überarbeitete Neuausgabe © 2017 by Open Publishing Verlag
Covergestaltung: Open Publishing GmbH – Mathias Beeh
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.
eBook-Produktion: Datagroup int. SRL, Timisoara
ISBN 978-3-95912-237-5
Sandra drehte sich zu ihrem Freund und Manager Jonny um, der gemütlich auf der Couch lag und sagte: »Kannst du das noch einmal wiederholen?«
»Es ist aus zwischen uns. Ich habe ein anderes Mädchen kennengelernt, mit einer Stimme, sage ich dir. Sie wird eine Bombenkarriere machen.«
»So wie ich?« Sandra erinnerte sich noch genau daran, wie sie Jonny kennengelernt hatte. Sie war gerade mal achtzehn gewesen und hatte bei einem Trachtenfest gesungen. Jonny war, wie er damals gesagt hatte, zufällig vorbeigekommen und hatte sie singen gehört. Es war ihm leichtgefallen, sie und ihre Eltern davon zu überzeugen, was für eine Karriere auf sie warten würde, wenn sie mit ihm ginge.
Innerhalb weniger Sekunden liefen die vergangenen zehn Jahre in Sandras Gedanken noch einmal ab. Sie hatte Erfolg gehabt und ihn auch genossen. Jonny war auch nicht lange nur ihr Manager geblieben, sondern hatte ihr schon bald seine Liebe gestanden. Sie war damals überglücklich gewesen und hatte nicht nachgefragt, warum sie nicht auch vor Gott und dem Gesetz ein Paar werden sollten. Heute wusste sie, warum Jonny den Weg zum Standesamt gescheut hatte. Er hatte frei sein wollen, um ihr Verhältnis jederzeit beenden zu können. Sie glaubte auch den Grund zu kennen, warum er es gerade jetzt tat. Sie hatte ihre Stimme bei den vielen Auftritten in rauchgeschwängerten Diskotheken ruiniert und schlug sich seit drei Monaten mit einer hartnäckigen Kehlkopfentzündung herum, die einfach nicht weichen wollte.
Sandra kämpfte gegen die Tränen an, die ihr in die Augen stiegen, und stellte die nächste Frage. »Wie stellst du dir das jetzt vor?«
Jonny drehte sich nicht einmal zu ihr um, als er antwortete. »Ganz einfach! Du packst jetzt deinen Koffer und verschwindest.«
Dieser Schlag traf Sandra fast noch stärker als der erste. »So geht das fei ned. Immerhin haben wir das Haus hier von meinem Geld gekauft.«
»Im Grundbuch stehe aber ich als Besitzer«, stellte Jonny sichtlich zufrieden fest.
Er hatte recht. Das Haus war tatsächlich auf seinen Namen eingetragen, aus Steuergründen, wie er ihr damals erklärt hatte. Sandra hatte den Verdacht, dass es nicht ohne Absicht geschehen war. »Und was ist mit dem Geld, das ich verdient habe. Gehört das vielleicht auch dir?«, fragte sie scharf.
»Du hast alles erhalten, was dir zusteht, Sandra«, sagte Jonny mit einem unangenehmen Unterton. »Du musst nur unsere Verträge lesen. Dort steht alles schwarz auf weiß.«
Jeder Euro, den Sandra während ihrer Karriere verdient hatte, war auf ein gemeinsames Konto geflossen. Auch wenn sie gut gelebt hatten, musste noch immer eine bedeutende Summe übrig sein. Das sagte sie Jonny jetzt ziemlich wütend.
»Schau dir den Vertrag an«, wiederholte er mit einem spöttischen Lächeln. »Ich habe jeden Monat die zweitausend Euro an deinen Vater überwiesen, die dort geschrieben stehen, und bin für deinen Lebensunterhalt aufgekommen.«
Sandra wusste, dass sie in ihrer besten Zeit bei jedem Auftritt ein Mehrfaches dieser zweitausend Euro verdient hatte, und sie war sehr oft im Monat aufgetreten. Zu oft, wie sie jetzt sagen musste, denn damit hatte sie ihre Stimme ruiniert. Jetzt, wo sie nicht mehr singen und Geld verdienen konnte, war sie für Jonny wertlos geworden und musste für eine andere Frau Platz machen. Wie sie Jonny kannte, würde er diese genauso ausbeuten wie sie. Wer weiß, dachte sie. Vielleicht hat es auch vor mir eine Frau gegeben, die meinetwegen gehen musste. Sie würde es Jonny zutrauen.
Sie betrachtete ihn jetzt mit anderen Augen und fand, dass Liebe wirklich blind machen musste. Bis jetzt hatte sie ihn für einen attraktiven Mann gehalten. Jetzt sah sie, wie sein T-Shirt sich über den Bauch spannte, und musterte sein teigig wirkendes Gesicht mit dem schütteren Haarkranz, dem auch der teure Modecoiffeur keine Fülle mehr geben konnte. Die fingerbreite Goldkette um seinen Hals und die Ringe an den Fingern zeigten jedoch, dass auch ein hässlicher Mann Erfolg haben und solche Schafe wie sie scheren konnte.
Ohne ein weiteres Wort verließ Sandra das Wohnzimmer und ging in ihr Zimmer. Durch die Tür hörte sie, wie Jonny die Stereoanlage einschaltete. Das durchdringende Wummern der Bässe peinigte ihre Nerven. Sie war kaum in der Lage, den alten Ordner herauszusuchen, in dem sie vor vielen Jahren ihre Verträge mit Jonny eingeheftet hatte. Was genau dort stand, begriff sie auch nach mehrmaligem Lesen nicht. Schließlich gab sie es auf und legte den Ordner zurück.
Sie überlegte, ob sie Jonnys Worte ignorieren und einfach bleiben sollte. Ihr Stolz ließ es jedoch nicht zu. Mit einer müden Bewegung holte sie ihren größten Koffer vom Schrank und begann zu packen. Er war zuletzt so voll, dass sie ihn kaum zumachen konnte. Da fiel ihr Blick noch einmal auf den Ordner. Wenn sie noch eine Chance haben wollte, etwas von ihrem verdienten Geld zu bekommen, musste sie die Verträge unbedingt mitnehmen. Ihr Vater würde schon wissen, was zu tun war.
Der Gedanke an ihren Vater machte Sandra Mut. Immerhin besaß sie eine Heimat, in die sie zurückkehren konnte. Sie öffnete den Ordner, nahm mit zitternden Händen die Verträge heraus und stopfte sie in den Koffer.
Danach kleidete sie sich für die Fahrt um, nahm das Bargeld heraus, das sie aus alter Gewohnheit unter einem Handtuch im Schrank versteckt hatte, und steckte es ein. Sie hatte sich nie mit Kreditkarten anfreunden können und daher immer eine Summe im Haus behalten. Jetzt war sie froh darum, denn damit blieb ihr die Schmach erspart, Jonny um das Fahrgeld bitten zu müssen.
Als Sandra kurz darauf mit ihrem Koffer an der Wohnzimmertür vorbeikam, blieb sie einen Moment lang stehen. Sie hielt es jedoch für überflüssig, sich von Jonny zu verabschieden und verließ beinahe fluchtartig die Schwabinger Penthousewohnung, die fast zehn Jahre lang ihr Heim gewesen war. Vor dem Fahrstuhl begegnete ihr eine junge Frau. Sie schenkte ihr zunächst keine Beachtung, doch der höhnische Blick, mit dem die andere sie streifte, ließ sie aufmerksam werden. War das die Frau, wegen der sie gehen musste?, fragte sie sich. Als die andere vor der Tür der Penthousewohnung stehen blieb und umständlich nach dem Schlüssel kramte, war sie sich sicher. Sandra drehte ihr schroff den Rücken zu und trat in den Fahrstuhl.
Jetzt geht es abwärts, dachte sie mit einem gewissen Galgenhumor, als sich die Kabine in Bewegung setzte.
*
Der Altknecht Matthias fand, dass sein Bauer einen imponierenden Anblick bot. Knapp eins neunzig groß, mit breiten Schultern, schmalen Hüften und einem energischen Gesicht sah Franz Oberhofer wie ein Westernheld aus. Matthias mochte Western und stellte sich oft vor, wie es wäre, wenn Franz Oberhofer anstelle eines John Wayne oder Gary Grant die Schöne im Film retten und sich in sie verlieben würde. Doch diese Hoffnung war vergebens. Hier in Frohwinkl gab es nun einmal keine Banditen, die Postkutschen überfielen, und so würde Franz wohl ein ewiger Junggeselle bleiben, wenn nicht doch noch ein Wunder geschah.
»Also, ich fahre jetzt. Wenn ihr noch was braucht, müsst ihr es jetzt sagen«, erklärte der Bauer. Ihr, das waren neben Matthias noch der Jungknecht Isidor, den alle nur Dori nannten, und die Stallmagd Hildegard, die jetzt, wo die Mutter des Bauern an einer Sommergrippe erkrankt war, auch den Haushalt führte. Auf alle Fälle war sie für die dünne Wasserbrühe verantwortlich, die auch nur sie Kaffee nennen konnte, wie Isidor vorhin gemault hatte.
»Ich hoffe, du hast mit deiner Mutter geredet, was im Haushalt fehlt«, sagte Hildegard, eine robuste Vierzigjährige, die sich mit der Mistgabel in der Hand wohler fühlte als in der Küche.
»Das habe ich schon aufgeschrieben«, beruhigte der Bauer sie. »Ich meine, ob ihr privat was braucht?«
Eine Bäuerin für dich, hätte Matthias beinahe gesagt. In diesem Punkt war er sich mit der Altbäuerin Regine und der Stallmagd einig. Wie oft hatten sie schon versucht, Franz das eine oder andere Mädchen und seit er die dreißig überschritten hatte, auch ein paar junge Witwen schmackhaft zu machen. Doch so wie es aussah, mied der Bauer die heiratsfähigen Frauen wie der Teufel das Weihwasser.
»Mir könntest du eine Schokolade mitbringen«, ließ sich der Jungknecht vernehmen.
»Welche denn, Vollmilch, Zartbitter, Nougat?«, fragte Franz.
»Die mit den Smarties drinnen«, erklärte Dori.
»Du spinnst! Eine Schokolade mit Smarties. So was gibt’s ned«, spottete die Stallmagd.
»Ich habe aber gestern die Werbung im Fernsehen gesehen«, widersprach Dori vehement.
»Ich werde schauen, ob ich sie finde«, versprach der Bauer und sah dann Matthias an. »Was ist mit dir, Hias. Brauchst du keinen Tabak?«
Matthias überlegte kurz und nickte. »Wenn du schon in die Stadt fährst, kannst du mir zwei Packerl kaufen.«
»Wenn du den zweien da was mitbringst, kannst du mir Pfefferminz mitbringen. Aber die ganz scharfen, die ned jeder verträgt«, spielte Hildegard auf eine Werbung für Halspastillen an.
Franz notierte sich ihre Wünsche und verließ die Küche. Bevor er losfuhr, suchte er noch einmal seine Mutter auf. Regine Oberhofer lag in ihrem Bett und starrte missmutig auf das grüne, sonnendurchflutete Land hinaus. Sie ärgerte sich maßlos, weil sie ausgerechnet jetzt im Hochsommer mit einer Erkältung im Bett liegen musste. Als ihr Sohn hereintrat, machte der mürrische Ausdruck auf ihrem Gesicht allerdings einem erfreuten Lächeln Platz.
»Es ist gut, dass du noch einmal zu mir heraufschaust, Franz. Ich habe nämlich was vergessen gehabt. Die Kathrin hat doch nächste Woche Geburtstag. Da muss ich ihr unbedingt ein Geschenk kaufen. Sie ist ja schließlich mein Patenkind.«
Franz hörte die Nachtigall nicht nur trappsen, sondern stampfen. Kathrin war nämlich die erklärte Wunschkandidatin seiner Mutter als Schwiegertochter. Da sie ihr wegen ihrer Sommergrippe das Geschenk nicht persönlich überreichen konnte, würde diese Aufgabe wohl an ihm hängen bleiben. »Was soll ich ihr also mitbringen?«, fragte er und hoffte, seine Mutter würde nicht an so etwas Intimes wie ein Nachthemd denken.
»Ich habe mir gedacht, ein Parfüm. Such aber was Gutes aus. Auf den Preis kommt’s ned an.«
Franz atmete erleichtert auf. »Und was soll ich für dich mitbringen?«
»Drei Pfund Gesundheit, wenn du die irgendwo kriegst«, antwortete seine Mutter lachend. »Mir wird das im Bett liegen langsam fad. Dabei sagt der Doktor, dass ich noch mindestens eine Woche lang ned herausdarf.«
Franz strich zärtlich über die schweißnasse Stirn seiner Mutter. »Ich werde schon was für dich finden, Mama.«
Regine fasste die Hand ihres Sohnes und hielt sie einen Moment fest. »Pfia Gott, Franz, und komm gesund heim.«
»Pfia Gott, Mama.« Franz Oberhofer schloss die Tür hinter sich und verließ das Haus. Bevor er mit seinem Auto auf die Hauptstraße einbiegen konnte, musste er einen schweren Geländewagen vorbeilassen. Er verzog das Gesicht, als er Ludwig Pauli, den Besitzer der »Sündenalm« erkannte, die ein paar hundert Meter weiter oben am Berg lag. Er mochte Pauli nicht. Es ging ihm dabei weniger um die Stripteasetänzerinnen, die der Wirt in seinem Lokal auftreten ließ, sondern um das Glücksspiel, bei dem Pauli jungen, unvorsichtigen Narren das Geld aus der Tasche zog.
Als Pauli am Oberhof vorbeikam und Franz` Auto sah, wurde er langsamer und grüßte betont freundlich herüber. Franz würdigte ihn keiner Antwort. Er wartete, bis der andere vorbei war, und fuhr los. Kurz darauf kam er durch das eigentliche Dorf. Ein übertrieben ausgestattetes Haus stach ihm als Erstes in die Augen. Franz musterte den geschnitzten Altan an der Vorderseite und den Erker mit seiner Turmhaube und schüttelte unbewusst den Kopf. Das Gebäude gehörte Bertram Wallenser, der sich für den bedeutendsten Mann im ganzen Tal hielt. Dabei tat er nicht mehr, als das Geld seiner Tochter mit vollen Händen auszugeben. Franz` Mund wurde schmal wie ein Strich, als er an das Mädchen dachte, das für Ruhm und Geld die Heimat verlassen hatte. Er war schließlich froh, als Frohwinkl hinter ihm lag.
Nach einiger Zeit kam er an einer Lichtung vorbei, auf der eine Gruppe Rehe äste. Franz nahm dieses Bild in sich auf und spürte, wie seine innere Ruhe wiederkehrte. Irgendwie fand er es eigenartig, dass er noch immer nicht ohne Bitterkeit am Wallenserhaus vorbeifahren konnte. Dabei neidete er dem Mann das kleine Glück keineswegs, das ihm seine Tochter bescherte. Er war allerdings der Ansicht, dass der Wallenserfamilie dieses Geld nicht guttat. Bertram Wallenser machte sich mit seinem Geltungsdrang lächerlich, und sein Sohn Toni gehörte zu den Stammgästen der »Sündenalm«.
»Herrgott noch einmal, kann ich denn an nix anderes mehr denken als an die Wallenser.« Franz ärgerte sich dermaßen, dass er beinahe das Steuer verriss. Auf dem restlichen Teil der Fahrt gelang es ihm jedoch, alle störenden Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen und sich auf die Straße zu konzentrieren. Nach einigen Kilometern weitete sich das Tal, und er sah die Stadt vor sich liegen. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum kam er am Bahnhof vorbei. Dort musste er an der Ampel halten und sah den Fußgängern zu, die vor ihm die Straße überquerten. Es war wohl ein Zug gekommen, da viele Leute Koffer schleppten. Eine Frau kam zu spät, um noch bei Grün über die Straße gehen zu können und blieb direkt neben seinem Auto stehen. Sie war groß und schlank. Langes, hellblondes Haar umrahmte ein zart gezeichnetes, ovales Gesicht mit hoch gesetzten Wangenknochen und einer geraden Nase. Der Mund war allerdings zu einem schmalen Strich zusammengepresst und zeigte, dass ihre Gefühle im Aufruhr waren.
Franz rieb sich die Augen und fragte sich, ob es sein konnte. Das städtische Kleid der Frau irritierte ihn jedoch. Auch der Gesichtsausdruck wirkte irgendwie anders, als er ihn in Erinnerung hatte. Sandra Wallenser war ein hübsches Mädchen gewesen, doch diese Frau war trotz ihrer schlechten Laune hinreißend schön.
Heftiges Hupen hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Autofahrer kurbelte das Seitenfenster hinunter und erinnerte ihn lautstark daran, dass die Ampel nicht mehr grüner werden würde. Franz legte den Gang ein und fuhr los. Dabei streifte er die Frau mit einem letzten Blick, konnte aber seine unausgesprochene Frage nicht beantworten. War es wirklich das Mädchen gewesen, das er nie hatte vergessen können? Als er daran dachte, lachte er über sich selbst. Solange Sandra in Frohwinkl gelebt hatte, hatte er ihr kaum einen Blick gegönnt. Erst danach hatte sich ihr Bild in seine Träume gedrängt, und die Eifersucht auf den Mann, dem sie in die große Stadt gefolgt war.
»Wenn ich weiter an die Sandra denk, krieg ich wirklich noch Grillen im Kopf«, verspottete sich der Bauer. Wie sehr die Begegnung am Bahnhof seine Gedanken beschäftigte, merkte er, als er die Einfahrt zum Einkaufscenter verpasste und erst mühsam einen Bogen schlagen musste, um auf den Parkplatz zu kommen. Eine Stunde später ertappte er sich an der Kasse dabei, dass er zwar alles für den Haushalt eingekauft hatte. Die speziellen Wünsche seiner Mutter und seines Gesindes hatte er jedoch vollkommen vergessen. Er brachte daher die bereits erworbenen Sachen zum Wagen und kehrte noch einmal in das Einkaufscenter zurück. Matthias` und Hildegards Wünsche waren rasch zu erfüllen. Er musste jedoch in der Süßwarenabteilung lange suchen, bis er die Schokolade für Dori fand. Am meisten Probleme machte ihm jedoch das Parfüm für das Patenkind seiner Mutter. Nachdem er an verschiedensten Düften gerochen hatte, ohne sich für einen entscheiden zu können, bat er einfach eine Kundin, ihm zu sagen, welches Parfüm sie kaufen würde.
Sie sah ihn verwundert an und wies dann auf eine recht teure Marke. »Wenn ich’s mir leisten könnte, dann das.«
»Dankschön, dann wird’s schon passen.« Und wenn nicht, ist es mir auch wurscht, setzte Franz in Gedanken hinzu, während er das Parfüm im Einkaufswagen verstaute. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er sich sputen musste, wenn er seine restlichen Besorgungen in der Stadt noch vor Behördenschluss erledigen wollte.
*
Sandra war in den letzten Jahren nur sehr selten nach Hause gekommen. Daher kam ihr die Kreisstadt seltsam verändert vor. Der Bahnhof war renoviert und die Bushaltestelle verlegt worden. Als sie hinkam, stand nur ein einzelner Bus dort, der dem Schild an seiner Frontseite zufolge nach Lengries fuhr. Das war nicht gerade ihre Richtung. Sie suchte nach einer Information über die Verbindung nach Frohwinkl und las, dass der nächste Bus erst am späten Nachmittag fahren würde.
Da sie Zeit hatte, ging sie in eine Gastwirtschaft und aß eine Kleinigkeit. Eine Zeitung, die dort auslag, half ihr dabei, die Wartezeit zu verkürzen. Es handelte sich um die hiesige Ausgabe, und sie las mit einer gewissen Neugier die Lokalinformationen durch. Sandra fand auch Frohwinkl darin verewigt. Es dauerte jedoch einen Moment, bis sie die Namen, die sie las, ihr bekannten Personen zuordnen konnte. Sie wunderte sich allerdings, weil Paul Lahner als großes Stürmertalent des SV Frohwinkl galt, obwohl er mittlerweile über vierzig Jahre alt sein musste. Erst nach längerem Nachdenken erinnerte sie sich an Lahners gleichnamigen Sohn, der bei ihrem Umzug in die Stadt gerade mal in die dritte Klasse gegangen war.
Sandra begriff, dass die Zeit auch hier nicht stehen geblieben war, und fragte sich, wie man sie in Frohwinkl aufnehmen würde. Den Briefen ihres Vaters nach hatte man sie wegen ihres Erfolges arg beneidet. Würde sie jetzt die Häme der anderen zu spüren bekommen, weil sie als Gescheiterte zurückkam?, fragte sie sich bang. Da Jonny sie jedoch um ihr ganzes Geld gebracht hatte, blieb ihr keine andere Wahl. Was auch immer in Frohwinkl auf sie zukommen mochte, sie würde es durchstehen müssen. Mit diesem Vorsatz verließ sie die Gastwirtschaft und kehrte zur Bushaltestelle zurück. Die Zeiger der großen Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz rückten jedoch vor, ohne dass der Bus kam. Schließlich wandte Sandra sich an eine Passantin.
»Entschuldigen Sie. Es muss doch bald der Bus nach Frohwinkl kommen.«
Die Frau schüttelte den Kopf. »Heute ned. Der fährt bloß noch am Montag und am Donnerstag.«
Sandra zuckte zusammen und starrte auf den Fahrplan. Diese Information hatte sie vorhin völlig übersehen. »Und wie komm ich jetzt nach Frohwinkl?« Sie stellte die Frage eher sich selbst. Die Passantin schien sie jedoch auf sich zu beziehen.
»Da werden Sie wohl ein Taxi nehmen müssen. Der Stand ist dort drüben.«
»Dankschön.« Sandra nahm seufzend ihren Koffer und schleppte ihn zum Taxistand. Als sie dort ankam, war dieser gähnend leer. Das ist typisch für den heutigen Tag, dachte sie. Zuerst setzt Jonny mich auf die Straße, dann fährt der Bus ned, und jetzt ist auch kein Taxi da. Sie richtete sich schon auf eine längere Wartezeit ein, als ihr einfiel, dass die Straße nach Frohwinkl hier am Bahnhof vorbeiführte. Vielleicht konnte ein Autofahrer sie mitnehmen.
Kaum hatte sie es gedacht, sah sie auch schon einen Wagen herannahen. Sie winkte dem Fahrer zu und atmete erleichtert auf, als er stehen blieb. »Grüß Gott, fahren Sie zufällig nach Frohwinkl?«, fragte sie ihn.
Er nickte, ohne etwas zu sagen. Seinem Aussehen nach war er ein Bauer, denn er trug einen eher konservativen Trachtenanzug mit Hut. Ein kurz aufblitzender Gedanke sagte Sandra, dass er damit sehr gut aussah. Der Mann musste fast einen Kopf größer sein als sie und wirkte sehr solide. Mit dem Reden schien er jedoch auf Kriegsfuß zu stehen, denn er brachte noch immer kein Wort heraus. Als Sandra sich abmühte, ihren Koffer im nicht gerade leeren Kofferraum seines Wagens unterzubringen, stieg er aus, um ihr zu helfen.
»Dankschön, dass Sie mich mitnehmen. Der Bus fährt nämlich heute ned, und ein Taxi ist auch ned zu finden«, erklärte Sandra dankbar.
Franz Oberhofer nickte stumm und öffnete ihr die Beifahrertür, bevor er selbst wieder einstieg. Während der Fahrt blickte er seine Beifahrerin immer wieder an. Jetzt war er sich sicher, dass es Sandra war. Er fragte sich, weshalb sie diesmal mit dem Zug gekommen war und nicht mit dem großen Schlitten, den ihr Freund fuhr. Seine Gedanken rotierten, und er ärgerte sich, weil ihm nichts einfiel, was er sagen konnte. Sandra musste ihn für einen mundfaulen Bergbauernstoffel halten. Ein, zwei Mal wollte er ein Gespräch beginnen, schloss aber den Mund sofort wieder, ohne ein Wort zu sagen.
Franz tat Sandra Unrecht, denn sie hielt ihn mitnichten für einen Hinterwäldler. Sie war sogar froh, dass er sie in Ruhe ließ. Sie hätte genauso gut einem neugierigen Tratschmaul in die Hände fallen können, das ihr Löcher in den Bauch gefragt hätte. Als ihr Heimatort vor ihnen auftauchte, sah sie, dass die Zeit auch an Frohwinkl nicht vorbeigegangen war. Zwar beherrschte die alte Kirche mit ihrem Zwiebelturm noch immer den Ort. Es waren jedoch einige Häuser neu gebaut worden, und der Oberhof, der ein Stück oberhalb des Ortes den Hügel beherrschte, glänzte mit neuen Dachziegeln. Außerdem war ein neuer Silo hinzugekommen. Sandra fragte sich, wieso sie ausgerechnet an diese Nebensächlichkeiten dachte, schob es aber darauf, dass sie in ihrer Kindheit immer wieder zu dem Hof aufgeschaut hatte. Ihr Vater hatte den Oberhofer glühend beneidet, denn dessen Name stand allein schon für Wohlstand und Ansehen weit über Frohwinkl hinaus.
Ihr Blick wanderte wieder zum Dorf zurück, und sie suchte nach ihrem Elternhaus. Doch an Stelle des alten, aber urgemütlichen Häusleranwesens, das sie so sehr geliebt hatte, stand jetzt ein protziger Bau, der ihrer Ansicht nach besser ins Disneyland gepasst hätte.
»Wo wollen Sie denn hin?«, fragte Franz, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte. Es waren die ersten Worte, die er über die Lippen brachte.
»Sie können mich am Dorfplatz aussteigen lassen«, antwortete Sandra freundlich.
Franz hätte sie am liebsten gefragt, warum nicht gleich vor dem Haus ihres Vaters. Er erinnerte sich aber daran, dass das Wallenseranwesen ja nur ein kleines Stück vom Dorfplatz entfernt lag. Er drehte sich noch einmal zu Sandra um. Sie schien ihn bisher nicht erkannt zu haben. Für einen Moment fragte er sich, ob er sich so sehr verändert hatte, und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. In seinen Augen sah er noch genauso aus wie früher. Wenn er allerdings an seine Jugendbilder dachte, gab es gewisse Unterschiede. Doch waren diese groß genug, um auf Sandra wie ein fremder Mensch zu wirken?, fragte er sich.
Franz hielt auf dem Dorfplatz an, stieg aus und holte Sandras Koffer aus dem Kofferraum. Das Gepäckstück war schwer. Er überlegte sich, ob er ihr anbieten sollte, sie nach Hause zu bringen. Sein Stolz verbot es ihm jedoch. Schließlich hatte er sie in seiner Jugend nicht beachtet. Jetzt musste sie denken, dass er es nur deswegen tat, weil sie eine bekannte Schlagersängerin geworden war.
Er verschloss seine Gedanken tief in seinem Innern und verabschiedete sich eher knapp als höflich von ihr. Es gab wohl nur eine Möglichkeit für ihn, um Sandra aus dem Kopf zu bekommen. Er musste eines der Mädchen heiraten, die ihm seine Mutter schmackhaft zu machen versuchte.
*
Sandra ging mit widerstrebenden Gefühlen auf das protzige Haus zu, das die Stelle ihres Elternhauses eingenommen hatte. Sie war nach Frohwinkl gekommen, um hier eine Zuflucht zu finden. Doch dieses farbenprächtige Wunderwerk alpiner Baukunst wirkte so anheimelnd wie die Wartehalle eines Bahnhofs. Für einige Augenblicke hoffte sie, ihre Eltern hätten ihr Anwesen verkauft und sich in einem der hübschen Einfamilienhäuser am Ortsrand angesiedelt. Doch der Name Wallenser, der groß und angeberisch auf einer Bronzeplatte prangte, war nicht zu übersehen.
Sandra drückte den Klingelknopf und wartete. Es dauerte eine ganze Zeit, bis sich im Haus etwas rührte. Zu Sandras Überraschung machte ihr Bruder Toni auf. Er wirkte unausgeschlafen und zog noch die Jogginghose gerade, in die er anscheinend rasch geschlüpft war.
»Was gibt’s?«, fragte er ziemlich ungnädig. Dann erkannte er Sandra und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
»Ja, sakra, du bist es!«
»Wer soll ich denn sonst sein?« Sandra konnte die Enttäuschung über diesen eigenartigen Empfang nicht verbergen. Außerdem wunderte sie sich, ihren Bruder mitten unter der Woche um diese Zeit hier zu sehen. Vielleicht hatte er Urlaub, sagte sie sich. Oder war er etwa krank. Mit seinem bleichen Gesicht und den dunklen Schatten um die Augen sah er wirklich nicht gesund aus. Sandra leistete Toni im Stillen Abbitte und trat ein. Das Haus sah innen so aus, wie es von außen angedroht hatte. Da war nichts mehr von der heimeligen Gemütlichkeit übrig, nach der sie sich so sehnte. Sogar die Küche, das Reich ihrer Mutter wirkte jetzt so chromblitzend steril wie der Operationssaal eines Krankenhauses.
»Da schaust du, was?«, sagte Toni mit sichtlichem Stolz. »In der alten Hütte haben wir wirklich nimmer hausen können.«
Sandra empfand einen Stich. »Wer hat denn das gemacht?«
»Der Architekt Grundner nach den Angaben vom Papa und mir«, antwortete Toni selbstzufrieden.
Sandra drehte dem Architekten in Gedanken den Hals um. So etwas wie dieses Haus hatte sie bisher nur selten gesehen, und sie war auf ihren Tourneen wirklich weit herumgekommen. Da sie jedoch die ersten Minuten in der Heimat nicht mit einem Streit beginnen wollte, schluckte sie ihren Ärger hinunter und fragte: »Wo sind denn die Mama und der Papa?«
»Der Papa sitzt beim «Kronenwirt» und die Mama ist drüben bei der Fischerin beim Ratschen«, berichtete Toni.
»Und was ist mit dir? Bist du krank?«, fragte Sandra weiter.
Ihr Bruder schüttelte verwundert den Kopf. »Warum soll ich krank sein?«
»Ich meine, weil du jetzt daheim bist. Es ist doch noch ned Feierabend.«
»Ach so meinst du das. Nein, ich bin vollkommen in Ordnung.«
Sandra fiel auf, dass Toni kein Wort über seinen Beruf verlor. Sie wunderte sich auch, weil ihr Vater mitten unter der Woche im Wirtshaus saß. Das war sonst nie seine Art gewesen. Sie hatte jedoch nicht die Gelegenheit, darüber nachzudenken, denn eben ging die Haustür auf. Monika Wallenser hatte ihre Tochter vom Nachbarhaus aus kommen sehen und schloss sie jetzt in die Arme.
»Ja bist du es wirklich, Sandra. Das ist aber schön, dass du uns mal wieder besuchst. Das letzte Mal ist schon einige Zeit her. Du warst ja ned einmal Weihnachten da.«
Es klang in Sandras Ohren wie ein Vorwurf. »Weihnachten habe ich doch ein Engagement gehabt«, verteidigte sie sich.
»Wir haben die Sandra im Fernsehen gesehen, Mama«, sprang Toni ihr bei.
»Das ist ned dasselbe. Weihnachten muss man bei seiner Familie sein«, erklärte die Mutter streng. Sie wandte sich Sandra zu und musterte sie mit besorgtem Blick. »Du schaust ned gut aus, Dirndl. Ist was mit dir?«
»Mir geht’s auch ned so gut«, antwortete Sandra leise. »Ich habe euch doch telefoniert, dass die dauernde Überlastung meine Stimme ruiniert hat. Der Arzt meint, dass es nicht sicher ist, ob ich je wieder singen kann.«
Während die Mutter Sandra an sich zog und ihr tröstend über das Haar strich, veränderte sich Tonis Gesicht jäh.
»Aber das ist doch ...« Er kam ins Stottern und versuchte einen neuen Ansatz. »Wenn du ned singen kannst, verdienst du doch auch kein Geld mehr!«
»Damit ist’s aus!«, erklärte Sandra knapp.
»Aber der Jonny ...«
»... hat mich vor die Tür gesetzt und sich eine Neue gesucht, die ihm das Geld verdienen kann«, antwortete Sandra bitter. »Der Schuft hat mich dabei um jeden Cent gebracht, den ich je verdient habe.«
»Das kann ich mir ned vorstellen. Der Jonny ist doch so ein Gentleman«, widersprach Toni sofort.
Sandras Stimme wurde schneidend. »So, meinst du? Er war auf alle Fälle Gentleman genug, die andere ins Haus zu holen, noch während ich da war.«
»Aber du hättest das Feld ned räumen dürfen, nach allem, was zwischen euch war«, rief Toni aufgebracht.
»So, hätte ich ned?« Sandras Stimme verriet ihre steigende Hysterie.
Die Mutter merkte es sofort und drängte Toni zurück. »Jetzt lass die Sandra in Ruhe, Bub. Du siehst doch, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch steht. Komm, Dirndl, ich bring dich nach oben in dein Zimmer.« Sie fasste Sandra unter und führte sie die Treppe hinauf. Toni gab aber noch nicht auf und kam hinter ihnen her.
»Aber wir sind auf dein Geld angewiesen.« Es klang so jämmerlich, dass Sandra trotz ihrer schlimmen Verfassung erschrocken aufsah.
»Ich habe nix mehr.«
Toni griff sich an den Hals, als würde ihm das T-Shirt zu eng. »Aber das kannst du uns ned antun.«
Sandra begriff nicht, was er damit meinte, doch allmählich begann er ihr auf die Nerven zu gehen. »Ich habe euch noch nie was angetan!«, herrschte sie Toni an. »Und jetzt sag endlich, was bei euch los ist.«
Toni schrak vor dem Zorn der Schwester zurück und winkte ab. »Das soll dir lieber der Papa erzählen.«
*
Als Bertram Wallenser aus dem Wirtshaus zurückkehrte, war er weniger zurückhaltend als sein Sohn und funkelte Sandra verärgert und enttäuscht an. »Soll das etwa heißen, dass du ned bloß nix mehr verdienst, sondern auch noch heimgekommen bist, um uns auf der Tasche zu liegen?«
Die Mutter stieß einen empörten Schrei aus, während Sandra an sich halten musste, um nicht vom Tisch aufzuspringen und davonzulaufen. Dann erinnerte sie sich an das Geld, das während der letzten Jahre von ihrem, oder besser gesagt Jonnys Konto nach Frohwinkl geflossen war, und fühlte eine eisige Wut in sich aufsteigen.
»Wer wem auf der Tasche liegt, ist meiner Ansicht nach sonnenklar. Von deinem Lohn als Hilfsarbeiter im Lagerhaus hättest du dir diesen Märchenpalast wohl kaum leisten können.«
»Da sind alleweil noch fuchzigtausend Euro Hypotheken drauf, von denen ich ned weiß, wie ich sie jetzt zahlen soll«, maulte ihr Vater. »Zumindest die Summe solltest du dem Jonny als Entschädigung aus der Tasche ziehen.«
»Ein paar Euro mehr wären besser«, warf Toni ein. »Ich bin nämlich auch blank, oder besser gesagt, mehr als das.«
»Hast du vielleicht Schulden?«, fragte Sandra. Toni antwortete nichts darauf, doch sein schuldbewusstes Gesicht sagte ihr genug. Ihr Zorn stieg weiter, als weder ihr Vater noch ihr Bruder Mitgefühl oder Liebe zeigten, sondern nur Enttäuschung, weil die ergiebige Geldquelle plötzlich versiegt war.
»Ich vergönn euch ja das Geld, das ihr bekommen habt. Aber ihr hättet mehr damit machen können als so ein lächerliches Haus herzustellen und ansonsten dem Herrgott einen lieben Mann sein lassen. Wenn ihr wenigstens ein wengerl was gespart hättet. Aber nein, ihr habt das Geld mit vollen Händen ausgeben müssen und ned den geringsten Gedanken daran verschwendet, dass es einmal vorbei sein könnte. Aber jetzt hat mich der Jonny abserviert, und ob ich je einen Cent aus ihm herausholen kann, ist mehr als fraglich. Ich habe mir die Verträge angesehen, die er mit uns gemacht hat. Ja mit uns«, wurde Sandra laut, als ihr Vater eine abwehrende Handbewegung machte.
»Die Verträge hast nämlich du unterschrieben, weil ich noch ned ganz volljährig war. Ich weiß ned, was du dir dabei gedacht hast, aber du hast mich für ein paar lumpige Euro an den Kerl verkauft.«
Diese Anklage hing schwer in der Luft. Wallenser wollte sich verteidigen, verstummte unter Sandras eisigen Blick bereits nach wenigen Worten. Toni starrte auf seine geballten Fäuste, während die Mutter still vor sich hin weinte.
»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte sie mutlos.
»Ich tät’s vielleicht einmal mit arbeiten probieren.« Sandra warf ihrem Bruder dabei einen ätzenden Blick zu. Mittlerweile hatte sie erfahren, dass Toni keiner geregelten Arbeit mehr nachging, sondern ein faules Leben auf ihre Kosten führte. Auch der Vater hatte seinen Beruf lange vor dem Rentenalter aufgegeben und saß mehr in der Wirtschaft, um mit seiner berühmten Tochter anzugeben, als zu Hause.
»Mein Gott, was werden die Leute sagen, wenn sie das erfahren. Der Spott ist ja ned auszudenken«, jammerte Wallenser.
»Den hast du dir selbst zuzuschreiben«, entgegnete Sandra kühl. »Hättest du in den vergangenen zehn Jahren so gelebt wie früher, tät kein Mensch ein Wort darüber verlieren.« Wie sehr der Vorwurf berechtigt war, erkannte sie an dem bitteren Blick, mit dem ihre Mutter Mann und Sohn musterte. Die Enttäuschung, ihrer Familie zehn Jahre ein einigermaßen sorgenfreies Leben geliefert zu haben und nun, wo sie selbst Hilfe brauchte, wie eine Versagerin behandelt zu werden, tat weh. Sie würde sich auf alle Fälle rasch nach einer Arbeit umsehen, denn sie wollte nicht mit dem Vorwurf leben müssen, ihren Leuten auf der Tasche zu liegen.
*
Nachdem er Sandra auf dem Dorfplatz hatte aussteigen lassen, war Franz Oberhofer auf seinen Hof zurückgekehrt. Während Hildegard und Dori die Einkäufe ins Haus brachten, unterhielt er sich kurz mit Matthias über die anstehenden Arbeiten und ging danach zu seiner Mutter.
»Und? Hast du das Parfüm für die Kathrin besorgt?«, fragte Regine Oberhofer neugierig.
Franz nickte und zeigte er ihr den goldfarbenen Karton, in dem der Flakon verpackt war. »Ich hoffe, du bist damit zufrieden. Billig war’s nämlich ned.«
Seine Mutter atmete sichtlich auf. »Das ist genau das Richtige für die Kathrin. Da wird sie sich aber freuen, wenn du es ihr vorbeibringst. «
Da Franz nichts anderes erwartet hatte, blieb sein Gesicht unbewegt. »Die Woche komm ich aber nimmer dazu. Es wird schon am Sonntag sein müssen.« Obwohl seine Stimme nicht gerade begeistert klang, lächelte seine Mutter zufrieden.
»Die Kathrin ist schon ein sauberes Madl, meinst du ned auch?« Als Franz nur beiläufig nickte, wurde Regine deutlicher. »Sie ist auch sehr tüchtig und hat ein verträgliches Wesen. Mit der Kathrin kommt ein Mann wie du gewiss gut aus.«
»Das kann schon sein«, antwortete Franz mit leicht verzogener Miene. Er hatte die Tochter des Pointnerbauern nicht als besonders handzahm in Erinnerung. Aber er war sicher Manns genug, um mit einer solchen Frau fertigzuwerden. Gerade als er das dachte, tauchte Sandras Bild in seinen Gedanken auf. Er glaubte förmlich, ihr Parfüm zu riechen. Erst als er seine Mutter interessiert schnuppern hörte, merkte er, dass sie das Flakon aus seiner Hülle genommen hatte und eine kleine Probe auf ihren Handrücken gesprüht hatte. Es war wohl kein besonders guter Gedanke gewesen, dieses Parfüm zu kaufen, denn es würde ihn immer an Sandra erinnern, dachte er mit einer gewissen Bitterkeit. Zu ihr passte dieser feine Duft, doch ob er es bei Kathrin Pointer tun würde, bezweifelte er plötzlich. Dieser Zweifel musste sich auf seinem Gesicht abzeichnen, denn seine Mutter blickte ihn besorgt an.
»Ist was passiert?«
Franz schüttelte den Kopf. »Nein, mit mir ist alles in Ordnung.« Seine Miene sagte jedoch etwas anderes aus. Als Regine Oberhofer jedoch weiter bohren wollte, stieß sie auf Granit.
»Ich habe doch gesagt, dass nix ist.« Franz wandte sich ab und trat zur Tür. »Ich muss jetzt gehen. Der Hias und der Dori haben schon mit der Stallarbeit angefangen.«
»Ich halt dich ned auf«, sagte seine Mutter nicht ganz wahrheitsgetreu. Als er die Tür öffnete, richtete sie sich im Bett auf. »Franz, du weißt doch, dass ich alleweil bloß das Beste für dich will. Wenn dir die Kathrin ned passt, finden wir gewiss ein anderes Madl für dich.«
»Die Kathrin passt so gut wie jede andere auch.« Außer einer, setzte er in Gedanken hinzu und verspottete sich dabei selbst. Er konnte seiner Mutter schlecht sagen, dass er sich bei Sandras erstem Fernsehauftritt in das Mädchen verliebt hatte. Doch mittlerweile trennten sie Welten. Er war ein Bauer mit Herz und Seele und wollte nichts anderes sein. Da passte ein Schlagerstar nicht an seine Seite.
Mit diesem Gedanken verließ er das Zimmer. Den besorgten Blick seiner Mutter bemerkte er nicht mehr. Regine Oberhofer wusste nicht, was sie von den rasch wechselnden Launen ihres Sohnes halten sollte. Bis jetzt hatte sie ihn immer beherrscht und ausgeglichen erlebt. Ihre einzige Sorge war sein mangelndes Interesse am anderen Geschlecht gewesen.
»Ich muss so schnell wie möglich auf die Füße«, sagte die Bäuerin zu sich selbst. »Im Bett herinnen habe ich einfach ned die Fäden so in der Hand, wie’s sich gehört.«
Franz zog unterdessen sein Stallgewand an und eilte zu seinen Knechten. Matthias und Dori waren bereits bei der Arbeit. Franz holte das dritte Melkgeschirr aus der Kammer und legte es der ersten Kuh an. In der nächsten Stunde erfüllten nur das leise Summen der Melkmaschine und das gelegentliche Muhen einer Kuh den Stall. Die drei Männer arbeiteten ruhig und mit der Erfahrung vieler Jahre. Erst als die letzte Kuh gemolken war und sie ihre Melkgeschirre in der Kammer wuschen, öffnete Dori den Mund.
»Dankschön, Bauer, dass du mir die Schokolade mitgebracht hast. Sie hat wirklich saugut geschmeckt.«
»Du wirst doch ned sagen wollen, dass du die ganze Tafel auf einmal verdrückt hast«, rief Matthias erstaunt aus.
Dori nickte schuldbewusst. »Sie war halt gar so gut.«
Franz klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Das ist die Hauptsache. Was wäre denn der Mensch, wenn er ned seine kleinen Freuden hätte.«
»Die meisten Menschen geben sich leider ned mit kleinen Freuden zufrieden«, wandte Matthias ein. »Denk doch bloß an den Wallenser, der vom Geld seiner Tochter wirklich herrlich und in Freuden leben hätte können. Aber nein, er hat sich auch noch die Protzhütte hinstellen müssen, die das ganze Dorfbild verschandelt.«
Dori hob bedeutungsschwanger den rechten Zeigefinger. »Vielleicht war’s ned der Wallenser selbst, sondern seine Tochter. Ihr wisst doch, solche großen Künstler haben da ihre eigenen Vorstellungen, mit denen wir Normalsterblichen ned mitkommen.« Er hatte diesen Ausdruck einmal im Fernsehen gehört und wandte ihn immer wieder mit Begeisterung an.
»So wie ich die Sandra kenne, ringeln sich der beim Anblick von dem Prachtbau da drüben sämtliche Haare. Die hat nämlich einen guten Geschmack, was man ned von allen sagen kann.« Auch wenn Matthias enttäuscht war, weil Sandra damals in die Stadt gezogen war, so ließ er noch immer nichts auf sie kommen.
»Menschen können sich aber ändern. Außerdem sind zehn Jahre eine lange Zeit.« Noch während er es sagte, ärgerte Franz sich über diese Worte. Sein Gefühl sagte ihm, dass er Sandra damit unrecht tat. Er wusste jedoch auch, dass sie zur falschen Zeit zurückgekehrt war. In ein paar Monaten wäre er mit Kathrin oder einem anderen Mädchen aus dem Bekanntenkreis seiner Mutter verheiratet und gegen die Wirkung, die sie auf ihn ausübte, gefeit gewesen. Tief in seinem Innern wusste er jedoch, dass er sich damit selbst belog. Er hätte sich Sandras Anziehungskraft niemals entziehen können. Es war das Beste, wenn er ihr aus dem Weg ging, solange sie hier in Frohwinkl weilte. Bei diesem Gedanken verspottete er sich erneut. Er benahm sich nicht wie ein gestandener Bauer, sondern wie ein verliebter Jüngling, der das Bild des Stars, für den er schwärmte, an seine Schrankwand klebte.
»So, Bauer, du kannst jetzt das Futter vorlegen. Der Dori mistet aus, und ich mache die Milchkammer fertig.« Matthias` Stimme beendete Franz bittere Gedanken. Er lächelte dem Altknecht dankbar zu und machte sich an die Arbeit. Eine halbe Stunde später war alles erledigt. Dori und Matthias wuschen sich in dem steinernen Brunnentrog auf dem Hof, wie es vor ihnen schon Generationen von Knechten getan hatten. Franz selbst zog das Badezimmer vor. Er war zwar nicht besonders eitel, doch nach der Tagesarbeit wollte er sich mit warmem Wasser waschen können. Im Winter taten dies auch die beiden Knechte. Während der warmen Jahreszeit war ihnen jedoch der Brunnentrog lieber. Dort konnte Dori so viel planschen, wie er wollte. Im Badezimmer hingegen musste er achtgeben, um es nicht unter Wasser zu setzen, da sonst die Bäuerin schimpfte.
Zum Abendessen kamen alle wieder zusammen. Nur die Bäuerin, die von Hildegard bereits versorgt worden war, fehlte. Die Stallmagd vermisste ihre gewohnte Tätigkeit und stellte den Männern bohrende Fragen nach dem Wohlergehen ihrer Schützlinge, die sie jetzt nicht selbst versorgen konnte. Schließlich wurde es Dori zu bunt.
»Also, wir haben deinen Viechern weder die Schwänze abgeschnitten noch sie verwurstet.«
»Rüpel«, fuhr Hildegard auf. »Ich will ja bloß wissen, ob ihr die Kühe richtig ausgemolken habt. Mir war’s nämlich gestern ein bisserl arg wenig Milch, die wir abgeliefert haben.«
»Du kannst beruhigt sein, Hildegard. Ich habe bei jeder Kuh nachgemolken«, erwiderte Franz. »Sag uns lieber, was es heute Abend zu Essen gibt.«
»Pfannkuchen mit Honig«, antwortete die Magd. Es war die Lieblingsspeise der kranken Bäuerin. Auch Dori mochte Pfannkuchen gern. Sein Gesicht verzog sich vor Freude, und er schnupperte genießerisch den Duft, der vom Herd herüberwehte.
»Wegen mir kannst du jeden Tag Pfannkuchen backen«, meinte er zu Hildegard.
»Wegen mir ned«, erklärte Matthias bissig. Da er mehr auf Fleisch und Wurst stand, vermochte er Süßspeisen wenig abzugewinnen. Seine Meinung galt aber nach Hildegards Ansicht nichtsund so dachte sie nicht daran, anders zu kochen.
Matthias blickte mit Abscheu auf den fetttriefenden Pfannkuchen, den Hildegard ihm vorlegte. »Ich glaube, ich gehe lieber zum «Kronenwirt» und esse dort einen Wurstsalat.«
