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In Schweden gehört Gunilla von Platen zu den bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Wirtschaft. Sie wirkte als Investorin bei der "Höhle der Löwin" mit und inspiriert zahllose Menschen in ihren TV-Beiträgen, Interviews und Videos. In ihrer von Malin Roos aufgeschriebenen Lebensgeschichte berichtet sie, wie aus Günel Anip, dem Flüchtlingsmädchen aus der Türkei, Gunilla von Platen wurde, eine Unternehmerin an der Spitze der Geschäftswelt. "Die Löwin" ist ein sehr persönlicher Bericht über ihr außergewöhnliches Leben - von ihrer beeindruckenden Karriere bis hin zu den privaten und dunklen Seiten: Die Mutter, die als orthodoxe Christin in der Türkei vor ihren Augen angeschossen wurde, die Flucht und das Aufwachsen in einer schwedischen Vorstadt; die erste Ehe, in der sie in Angst lebte, und der Mord an Veronica, ihrer besten Freundin. Es geht um Macht, um den Kampf und Respekt in einer männlich dominierten Welt, ob als Mädchen mit acht Geschwistern in einem streng religiösen Elternhaus oder in der Welt des Business.
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Seitenzahl: 513
Veröffentlichungsjahr: 2023
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In Schweden gehört Gunilla von Platen zu den bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Wirtschaft. Sie wirkte als Investorin bei „Die Höhle der Löwen“ mit und inspiriert zahllose Menschen in ihren TV-Beiträgen, Interviews und Videos. In ihrer von Malin Roos aufgeschriebenen Lebensgeschichte berichtet sie, wie aus Günel Anip, dem Flüchtlingsmädchen aus der Türkei, Gunilla von Platen wurde, eine Unternehmerin an der Spitze der Geschäftswelt.
„Die Löwin“ ist ein sehr persönlicher Bericht über ihr außergewöhnliches Leben – von ihrer beeindruckenden Karriere bis hin zu den privaten und dunklen Seiten: Die Mutter, die als orthodoxe Christin in der Türkei vor ihren Augen angeschossen wurde, die Flucht und das Aufwachsen in einer schwedischen Vorstadt; die erste Ehe, in der sie in Angst lebte, und der Mord an Veronica, ihrer besten Freundin. Es geht um Macht, den Kampf um Respekt in einer männlich dominierten Welt, ob als Mädchen mit acht Geschwistern in einem streng religiösen Elternhaus oder in der Welt des Business.
Gunilla von Platen ist Unternehmerin, Philanthropin und Kommunikatorin, die bei allem Erfolg nie ihre Herkunft vergisst.
Die Journalistin Malin Roos hat die Biographie gemeinsam mit Gunilla von Platen niedergeschrieben.
Jeder Mensch ist einzigartig und jedes Leben wäre im Grunde eine Biographie wert.
Doch dann gibt es die Lebensgeschichten, die so spannend sind, dass sie wie ein Roman zu lesen sind. So interessant, dass sie als „Lehrbuch“ dienen können. Und so emotional und mitreißend, dass wir nicht aufhören können zu lesen, bevor das Buch zu Ende ist.
„Die Löwin“ ist so ein Buch. Als ich das schwedische Original in die Hände bekam, habe ich es ohne Unterbrechung zu Ende gelesen.
Wir alle haben unterschiedliche Voraussetzungen: Wo wir geboren wurden und aufgewachsen sind, unsere Begabung, Gesundheit und soziales Umfeld sowie die Unterstützung durch Schule und Familie, um nur ein paar zu erwähnen. Wenn wir uns Schweden und die deutschsprachigen Länder anschauen, gibt es sicherlich Einiges, was besser und gerechter sein könnte (was auch immer wir unter gerecht verstehen). Allerdings ist es ökonomisch für alle möglich, eine sehr gute Bildung zu bekommen − bis zum Universitätsabschluss, was natürlich nicht immer notwendig ist. Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn alle Menschen in unseren Ländern einfach das Beste aus ihren Voraussetzungen machen würden.
Gunilla von Platens Lebensgeschichte ist nicht nur eine spannende und berührende Lektüre, sondern vermittelt auch einen guten Einblick in die schwedische Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu ist es eine große Inspirationsquelle, das Beste aus seinen Voraussetzungen zu machen. Es geht unter anderem darum, nicht aufzugeben. Gunillas Leben ist geprägt von großen Erfolgen, aber auch von Rückschlägen. Wiederholt steht sie wieder auf und sucht nach Lösungen, um weiterzukommen, sei es im privaten oder geschäftlichen Leben.
Ein sehr wichtiger Aspekt des Buches hat mit etwas zu tun, das wir in Schweden „Göra rätt för sig“ nennen. Etwas, das ich mir persönlich von unserer Gesellschaft, also von uns allen, sehr wünsche. Auf Deutsch bedeutet das in etwa, seinen Beitrag leisten, nicht auf Kosten anderer leben, das tun, was ich tun kann für mich selbst und auch für andere. Als Gunillas Familie nach Schweden kam, weigerte sich ihr Vater, Sozialhilfe entgegenzunehmen, forderte aber einen Job, um seine Familie und sich ernähren zu können. Das ist „Göra rätt för sig“. Diese Einstellung hat sicherlich viel für Gunilla bedeutet.
Was mich auch sehr beeindruckt, ist Gunillas Mut. Der Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihr Mut, sich von einer destruktiven Ehe und Beziehung zu befreien. Ihr Mut, zeitweise von der eigenen Familie Abstand zu nehmen, um die Freiheit und Selbstständigkeit wahrzunehmen, die jedem in Schweden Lebendem zusteht.
Als ich mit Gunilla über ihr Buch sprach, sagte ich, auch junge Menschen sollten das Buch lesen um inspiriert zu werden, das Beste aus sich zu machen. Sofort kam auch der Gedanke, dass es ja in den deutschsprachigen Ländern nicht so viel anders ist. Ich bin überzeugt: Diese Biographie ist eine spannende, bewegende und inspirierende Geschichte für alle; unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Lebenssituation.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen sowie viel Inspiration.
Ihr
Thomas Ryberg
Präsident der Schwedischen Handelskammer in Deutschland
„Wie wäre es mit einem Toast, bevor wir zum Geschäftlichen kommen?“
Es ist Freitagabend und ein Kundentermin in Stureplan steht an. Wie immer hatte ich den letzten Flug von Skellefteå genommen und wie immer muss ich laufen. Den ganzen Weg auf der Stationsgatan entlang des Parks war ich mir sicher, dass ich es schaffen würde, aber die Haltestelle vor dem Stadshotellet war verlassen und ich versuchte, zur nächsten Haltestelle Best Western Malmia abzukürzen. Ich bog in die Nygatan ein, streifte mir die Schuhe ab und erreichte den Marktplatz mit der Bank und Lilla Kina, sah den Bus aber nur noch davonfahren. Wohl wissend um die Giftpfeile, die von den Sitzen des Busses schießen würden, aber ohne Alternative, wählte ich die Handynummer: „Hallo, hier ist Gunilla, ich bin auf dem Markt, kannst du umkehren?“ Das Flugzeug nach Stockholm hebt erst ab, wenn der Flughafenbus eintrifft, und der Fahrer hatte vorher schon Panikanrufe miterlebt. Im Flugzeug hatte ich die ständigen Jobmeetings an Freitagabenden und die endlose Lauferei verflucht, dabei wusste ich, wie es werden würde, als ich beschlossen hatte, mein Unternehmen in Norrland zu gründen. Da ich meine Arbeitswoche nicht aufteilen wollte, wurden die wichtigen Geschäftstreffen in Stockholm oft auf die Wochenenden verlegt und nicht selten in einer Kneipe abgehalten.
Diesmal soll es aber schnell gehen. Es ist ein etablierter Kunde, mit dem ich bereits seit einigen Jahren zusammenarbeite, und die Zusammenarbeit soll durch einen neuen Vertrag verlängert werden. Nur zwei Unterschriften auf einem Stück Papier, easy peasy. Der Mann, der das Unternehmen vertreten wird, heißt Richard und ist der CEO, Amerikaner. Ich habe ihn bisher nur einmal getroffen, als er als neuer Eigentümer vorgestellt wurde, aber ich habe einen professionellen Eindruck gewonnen. Völlig außer Atem komme ich direkt aus dem Arlanda-Express, mit meinem Wochenendgepäck in der Handtasche. Er steht mit zwei Drinks in der grünen Marmorbar des Sturehofs. Mein Mund lächelt, aber die Botschaft ist eindeutig, als ich sage, dass ich rund um die Uhr gearbeitet habe und es wirklich begrüßen würde, wenn wir den Vertrag so schnell wie möglich unterschreiben könnten. Er tut so, als ob ihn das nicht interessiere, und fährt mit den üblichen unsinnigen Fragen über Norrland fort: „Ist es minus 30 Grad? Habe ich Rentiere gesehen? Bin ich schon mal Schneemobil gefahren?“ Dann verschränkt er seine Finger hinter dem Nacken und lehnt sich zurück: „Gunilla, was sind Sie bereit zu tun, damit ich diesen Vertrag unterschreibe?“ Ich verstehe nicht, na ja, genau das tue ich ja, aber ich will es nicht. Also fummle ich. Mein Smartphone liegt auf der Theke und ich überlege; wenn ich so tue, als würde es klingeln, kann ich weggehen und mir ein paar Sekunden verschaffen. Ein neues Verkaufsgesicht aufsetzen, die Kontrolle übernehmen und von vorn beginnen. Stattdessen kommt die Stimme, die ich verabscheue, großspurig und mit einem Ton, der nicht zum Geschäft passt: „Was meinen Sie, Richard, gibt es eine Klausel, die wir uns noch einmal ansehen müssen? Kein Problem, zeigen Sie sie mir einfach!“ Er nickt kurz, zuckt eher, Richtung Straße, und dieses Mal ist die Anspielung unmissverständlich. Der Mann, der der Geschäftsführer ist und Richard heißt, sagt, er wohne dort drüben, im Hotel in Humlegården, dem Scandic Anglais. „Was wären Sie bereit für mich zu tun, wenn ich Ihnen helfe, Gunilla?“
Erst danach beginne ich zu zittern und denke, dass ich einen meiner wichtigsten Kunden verprellt habe. Wie viele werde ich dieses Mal entlassen müssen?
Ich habe jede schwedische Krone in ein Geschäftsmodell investiert, an das niemand geglaubt hat. Ich bin von meiner Familie verstoßen worden, habe meine Freunde verloren und wurde auf der Straße bespuckt. Ich habe kein Netzwerk, keine Kollegen und niemanden mehr, den ich anrufen kann. Ich bin allein in einer männlichen Machtstruktur, die alles tut, um mich zu Fall zu bringen, aber gleichzeitig habe ich aus einer Bananenkiste und zwei leeren Händen ein Unternehmen aufgebaut, das einen Umsatz von mehreren hundert Millionen schwedischen Kronen macht mit mehreren hundert Angestellten in einer Branche, in der andere kaum über die Runden kommen. Ich verdiene Respekt, werde aber wie eine Prostituierte behandelt.
Ich nehme das Glas vor mir und schütte ihm den Inhalt direkt ins Gesicht.
SCHÜSSE IN ZAZ
DAS NEUE LAND
KASTANIEN UND BETON
DAS ERSTE GESCHÄFT
HINTER OMAS RÜCKEN
DIE STRAFE DES TEUFELS
WIR GEGEN DIE
SKANDIA
LA DOLCE VITA
BANANENKARTONS
DER CRASH
VERONICA VERSCHWAND
LENA LENA
KEIN STUREPLANSDEPP
BOSS BITCH
SCHWESTERNSCHAFT UND LÖWEN
EINE KÖNIGIN IM BIENENSTOCK
MEIN KLEINER ZIPFEL
DIE UNTERNEHMERIN
MUTTER VON VIER
DER BERATER
HÄHNE UND SKORPIONE
HEY, HEY KÖNIG
VON KÜHLSCHRANK ZU MISERE
DIE SKELLEFTEÅ-KRANKHEIT
TRUMP UND ANNIE LÖÖF
FRAU IM SAUNACLUB
DIE JUNGS AN DER WALL STREET
EIN ROTER FERRARI
GERICHTSVERHANDLUNG
ICH AUCH
STILNOX
NEUE ANGEBOTE
OMAS HAND
DER INNERE KREIS
VERSÖHNUNG
Ich trug natürlich mein schickes Kleid, das meine Mama genäht hatte, und die unbändigen, lockigen Haare in zwei Zöpfen gefangen. Zu einem Fest gehören immer Zöpfe. „Ich bin dran!“ Ich schob Jacquline weg und steckte Silvia eine Beere in den Mund. Jetzt war es wieder Jacquline. Die nächste Beere war so saftig, dass sie überlief und zu einem kitzeligen Streifen über ihrem Kinn wurde, Silvia gluckste. „Ich bin dran!“ Oma Chmouni, die zwar blind war, aber trotzdem alles sah, ließ uns machen. Das Spiel war lustig, Jacquline und ich wetteiferten darum, unsere kleine Schwester mit schwarzen Maulbeeren vollzustopfen. Aber Oma hatte die Aufgabe, uns Mädchen zu beaufsichtigen, und sie wollte nicht, dass es aus dem Ruder lief. Keine Flecken auf den Kleidern, sie hatte Mamas strenge Aufforderung gehört: „Seid still und ruhig vor Gott, benehmt euch jetzt.“ In der Mitte des Kalkbodens stand eine große Wanne, jetzt waren die Jungen an der Reihe, gewaschen und für das Fest angezogen zu werden. Edip zuerst, er war immer der Erste, auch wenn Aziz dabei war, aber danach ging es nach dem Alter; Samuel nach Edip und zuletzt Munir, aber er war ein Baby und wurde von Mama gebadet. Damals waren wir sieben Geschwister. Ich bin die Nummer fünf im Bunde und würde im Sommer, der bald da war und der schon im Vorfrühling die Sonne heiße Strahlen werfen und die Welt nach erhitzter Erde und Feigenbäumen riechen ließ, vier Jahre alt werden. Sieben Kinder, die ihr Bestes taten, um vor Gott still zu sein, was schwer war mit juckenden Schürfwunden auf den Knien und dem Mund voller Maulbeeren. Die Tochter unseres Onkels, Sikare, unsere Cousine, sollte wegverheiratet werden und es gab viel zu tun. Teigklumpen mussten zu Brot verarbeitet werden, Kichererbsen eingeweicht, Brötchen mit Bulgur und Hackfleisch gefüllt werden. Das Lamm mit Knoblauch musste langsam gebraten, die gefüllten Weinblätter stehend im Topf gekocht und die Reiswürste gestopft werden. Die Frauen arbeiteten Seite an Seite, Maße wurden mit hohlen Handflächen genommen und die Rezepte seit Generationen weitergegeben: aprach, itch, maldom, kubba, tabbouleh, dobo. So wie Großmutter gewürzt und gekocht hatte, so kochten Großmutters Mutter und ihre Schwestern. „Könnte eines der Mädchen Minze holen?“ Die Frauen standen mit den Händen tief in Töpfen und Waschwasser und hatten sie nicht über das Zwiebelfeld laufen sehen. Die Stängel platt trampeln sehen. Auch die Männer der Familie, die gerade lebhaft über die Ernte und die Politik diskutierten, hatten sie nicht bemerkt; vier Jungen, die jetzt vor dem Haus standen und ihre Waffen zum Himmel erhoben. Ein muslimischer Mann hatte ein Auge auf die schöne zukünftige Braut geworfen und wollte sie für sich haben. Die Jungen waren geschickt worden, um Sikare zu holen. Sie fuchtelten mit ihren Gewehren, und mitten in den Festvorbereitungen brach eine furchterregende, lautlose Kalebasse aus. Keiner rührte sich. Nicht Onkel, nicht Papa, nicht Aziz, der groß genug war, um mit den alten Männern im Schatten unter dem Vordach zu sitzen und sich zu unterhalten. Nur eine. Mama, die Munir im Arm hielt, warf das frisch gebadete, glitschige Baby dem nächsten Verwandten zu und stellte sich wie ein Schutzschild vor ihre Nichte. Ihr fasst sie nicht an. Sie zögerten nicht einmal. Fünf Kugeln. Eine in die rechte Schulter, eine in die Brust und eine in den Rücken direkt über der Lunge. Die letzten trafen den Kopf, gingen aber nicht hinein, sondern rissen an der Schläfe zwei Kerben auf. Ein Schäferhund, der zu Hilfe bellte, wurde durch einen Schuss in den Nacken niedergestreckt. Dann hockte sich einer der Jungen neben den leblosen Körper neben der Badewanne und riss den Schmuck aus Mamas Ohr. Als letzten Skalp. Sie bewegte sich nicht. Blut in Pfützen, zerquetschte Maulbeeren und winzige Füße in wilder Glut, die das Schwarz und Rot über den Steinboden vermischten. Schreie des Schreckens und des Entsetzens. Die Großmutter, die im Dorf als Medizinfrau bekannt war, versuchte, das pulsierende Blut zu stoppen, die blinde Oma tastete sich vor, um all die kleinen und mittelgroßen Arme aufzusammeln – und eine vierzehnjährige Braut, ebenfalls noch ein Kind, wurde weggeschleift, um für immer zu verschwinden. Niemand hat unsere Cousine Sikare nach diesem Tag gesehen oder weiß, was mit dem Mädchen geschehen ist.
Papa ging los, um einen Menschenschmuggler zu finden.
In meinem Pass steht der 3. Januar, aber ich wurde im August 1972 als Günel Anip in Zaz im Südosten der Türkei geboren – westlich des Tigris, eine Stunde von der syrischen Grenze entfernt. Mein Volk hatte kein eigenes Land, aber das Bergplateau des Tur Abdin, auch „Berg der Gottesdiener“ genannt, war jahrhundertelang das Kernland der syrisch-orthodoxen Christen. Mor Dimet, die Kirche auf dem Gipfel des Berges mit Blick auf den ovalen Teich in der Mitte des Dorfes, war der natürliche Versammlungsort für alle Familien in Zaz. Wenn die Kirche am Sonntag um sieben Uhr zum Gottesdienst läutete, waren die Kinder bereits gekämmt und herausgeputzt. Wir lebten ein einfaches Leben, aber uns fehlte nichts. Meine Eltern wollten hier leben und sterben, ihre Kinder aufwachsen und auf der roten Erde laufen sehen, so wie sie es getan hatten und vor ihnen schon ihre Vorfahren. Aber jetzt. Eine Frau aus einer christlichen Minderheit konnte sich nicht ungestraft gegen eine Gruppe muslimischer Männer stellen. Fünf Schüsse würden nicht ausreichen, zwei Ohrringe, die im Blut baumelten, waren nicht genug. Sie würden zurückkommen.
Papa bot alles an, was er besaß, und das war nicht viel. Wir lebten wie die meisten anderen von dem, was die Erde hergab, von Gerste, Orangen und Gurken, vier Ziegen, fünf Schafen, zwei Stieren und einem Esel. Das Haus, in dem wir auf dem Dach schliefen, bestand aus klobigen, übereinander gestapelten Steinblöcken mit Fenstern ohne Glas und einer Tür ohne Schloss. Aber es reichte für einen blauen Kleinbus mit einem Fahrer und neun gefälschte Pässe. Wir reisten mit den Kleidern, die wir anhatten, als einzigem Gepäck und einem klopfenden Herzen, das die Ausweise in Papas Innentasche bewachte: Mama Maria, Papa Isa, die achtzehnjährige Nuriya, die mit unserem ältesten Bruder Aziz verheiratet war – und sechs Kinder, von denen sich eines weigerte, die Augen zu schließen. Ich traute mich ein halbes Jahr lang nach den Schüssen bei der Badewanne nicht, die Augen zu schließen, aus Angst, dass meine Mama nicht mehr da sein würde, wenn ich sie wieder öffnete. Ich schlief vor Erschöpfung ein, krampfhaft meine drei Jahre ältere Schwester Jacquline umarmend, und habe nur zwei Erinnerungen an die Flucht aus dem Dorf, in dem ich geboren wurde: ein Fuchs, der hinter dem Bus herlief, und die Blutflecken auf dem Boden im Inneren.
Meine Mama war lebensgefährlich verletzt, aber die Ärzte verlangten Geld, das wir nicht hatten, um die fünf Wunden zu operieren. Erst in Mardin konnte sie Hilfe bekommen. Die Kugeln wurden entfernt und der Arzt sagte: „Zwei Zentimeter“. Vom Tod entfernt. Wir reisten weiter. Dreitausend Kilometer über Berge und Meere, durch Länder, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten. Aber der Schmuggler, dessen Geschäftsmodell darin bestand, Menschen in Not auf der Strecke Türkei-Deutschland und zurück mit einem leeren Bus zu fahren, rief hinter dem Lenkrad:
Bulgarien!
Serbien!
Ungarn!
Tschechoslowakei!
Wir hatten die strenge Anweisung erhalten, ruhig zu bleiben und den Bus unter keinen Umständen zu verlassen. Wenn wir uns mit Vorräten eindecken mussten, war es der Schmuggler, der Brot und Wasser kaufte. Unsere Bedürfnisse sollten in einem überstürzten Manöver in einem Graben in der Dunkelheit befriedigt werden, und wenn wir uns einem neuen Land näherten, sollten wir uns schlafend stellen. An der Grenze zu Österreich wurde der Bus von einer Grenzbeamtin hereingewunken und der Schmuggler rief: „Schließt die Augen, schlaft!“ Niemand schloss die Augen und schlief. Munir, der sich bei einem Zwischenstopp in Istanbul mit Masern angesteckt hatte, hatte Fieber und wimmerte, Silvia hatte sich vollgepinkelt und Edip hielt Samuel die Hand fest auf den Mund, damit sein kleiner Bruder aufhörte zu schreien und sich zu übergeben. Auf den Straßen über die Berge war uns schlecht geworden, es stank nach Erbrochenem und Urin, und mittendrin lag eine verletzte Frau in blutigen Verbänden. Die Grenzpolizistin schob die Tür zur Seite und sah die Verzweiflung, roch das Elend. Die Sekunden waren eine Ewigkeit. Sie sagte kein Wort, stand scheinbar ungerührt da, als Papa mit zitternden Händen die Pässe aus der Tasche holte. Dann warf sie einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand anderes etwas gesehen hatte. Klopfte zweimal auf das Dach des Busses; good to go.
Sie hat unserer Mama das Leben gerettet.
Papa hatte einen Zettel mit einer Adresse für die Stadt Herne im damaligen Westdeutschland, nicht weit von Düsseldorf entfernt, wohin eine seiner Schwestern zuvor geflohen war. Es waren vielleicht noch fünfhundert Kilometer und spät am Abend, und der Plan war, den ganzen Weg nach Herne in der Nacht zu fahren, als der Fahrer sich mit dem blauen Bus und uns in München verirrte. Er sei müde und müsse sich ausruhen, sagte er, und parkte das Fahrzeug in einem offenbar weniger gut beleuchteten Viertel der deutschen Metropole. Aber zuerst wollte er sich waschen und sehen, ob er heißes Wasser für einen Tee auftreiben konnte. Wir sollten uns einfach im Bus ruhig verhalten. Eine Stunde verging, zwei und drei vergingen, aber kein Fahrer kam zurück. Es war mitten in der Nacht, als sich mein Papa und Edip auf die Suche machten. Als auch sie nicht zurückkamen, brach im Bus Panik aus. Die achtzehnjährige Nuriya, die einzige zurechnungsfähige Erwachsene im Bus, wurde hysterisch. Sie schrie von Hinterhalten und dass wir alle erschossen würden. Auch ich, die groß war und bald vier Jahre alt wurde, machte mir in die Hose. Erst im Morgengrauen kehrte das Trio mit gesenkten Köpfen und weit aufgerissenen Augen zurück. Auch der Menschenschmuggler hatte ein verlockendes Ziel in der Tasche gehabt, einen Nachtclub mit leicht bekleideten Damen. So etwas hatte Papa noch nie gesehen, geschweige denn sein zehnjähriger Sohn. Im Bus lag Mama, die das Gefühl bis zum Steißbein verloren hatte.
Wir blieben einen Monat lang in Herne, wohnten bei unserer Tante, wo sich Mama erholen und jeden Tag kräftiger werden konnte. Aber Deutschland war nicht das Ziel, wir wollten weiter nach Norden. Der erste Versuch scheiterte. Wir wurden an der Grenze aufgehalten und mussten umkehren, versuchten es aber eine Woche später erneut. Es war der 19. Juni 1976 und wir reisten über Kiel und Malmö in das neue Land ein. Wir hatten keine Ahnung, was an diesem Tag in Schweden geschah. Erst viel später erzählte uns eine Verwandte, was sie auf ihrem Schwarz-Weiß-Fernseher gesehen hatte. Aber bis heute spricht unsere Familie davon, dass wir nach Schweden kamen, weil der König und Silvia an diesem Tag heirateten und alle so beschäftigt und aufgeregt wegen der Hochzeit waren. Sogar die Grenzbeamten.
Mama entwickelte eine lebenslange Liebe für die schwedische Königsfamilie.
„Aber wo sollen wir unser Essen kochen und unsere Wäsche waschen?“
Es war später Nachmittag mit einem strömenden Sommerregen und meine Eltern fragten sich, wo in aller Welt wir gelandet waren. In Zaz gab es keine Schule, sowohl Mama als auch Papa waren Analphabeten, sodass sie sich natürlich wunderten, als der Sachbearbeiter die Tür zu dem Zimmer aufschloss, in dem wir untergebracht waren. Unser erstes Zuhause im neuen Land war die Universität Uppsala. Die Studierenden hatten Sommerferien und die weitläufige Schule diente als vorübergehende Flüchtlingsunterkunft. Wir wohnten zwei Monate lang mit anderen Asylbewerbern aus der Türkei und dem Libanon auf dem Studentenflur. Als diese Glanzzeit vorbei war und die Studierenden zurückkehrten, mussten für dreihundertfünfzig Menschen, darunter auch für uns, neue Unterkünfte gefunden werden. Wir wurden nach Loka brunn in Hällefors geschickt, einem klassischen Kurort in der Gemeinde Grythyttan außerhalb von Örebro. Früher bekannt für seinen Heilschlamm und sein heilendes Brunnenwasser. Man erzählte uns, dass vor uns schon Könige und Krieger in den Häusern gelebt hatten, und wir fanden das alles sehr spannend; von Königen und Königinnen, die damals Hilfe für ihre schwache Gesundheit gesucht hatten, und vom Spa-Betrieb, der während des Zweiten Weltkriegs eingestellt werden musste, um internierte amerikanische Piloten in der Einrichtung unterzubringen. Dort sollten wir wohnen, mitten im Wald in Bergslagen zwischen zwei Seen, Södra und Norra Loken. Überall Bäume. Mama fand, dass die Fichten mit ihren spitzen Wipfeln so lustig aussahen, aber noch seltsamer war das Essen. Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln. In Zaz hatten wir höchstens alle zwei Monate Kartoffeln bekommen, wenn ein Nachbar in einem größeren Dorf einkaufen gewesen war. Wo war der Bulgur? Wo war das Lamm? Eines Tages bremste ein Anhänger vor dem Transitlager, und als meine Mama das geschlachtete Tier auf der Ladefläche sah, stieß sie einen Schrei aus. Was war das für ein deformiertes Monster? Beine wie eine Kuh, Ohren wie ein Esel. Sie schloss daraus, dass es sich um einen riesigen Esel handeln musste, und hielt tagelang im Speisesaal den Mund geschlossen. Bis heute fällt es unserer Mama schwer, Elch zu essen. Aber es wurde eine gute Zeit für uns auf Loka brunn. Wir Kinder wurden wie Kälber auf die Wiese gelassen, und Mama durfte einen Kurs belegen und lernen, auf einer Maschine zu nähen, auf der Husqvarna stand. Das war etwas ganz anderes als das Handstricken, wie sie es zu Hause in der Türkei gemacht hatte. Sie nähte Schlafanzüge für mich und meine Schwestern und ein rotes Kleid für ihre Schwiegermutter, die Oma, die bald folgen sollte. Eines Tages wurden wir in einem großen Saal versammelt. Es war Winter geworden, und ein Mann mit Schnauzbart überbrachte uns die Nachricht. Ein halbes Jahr nach dem Hochzeitskuss im Schloss und zehn Monate nach den Schüssen in Zaz hatten wir eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Wenn wir über den Jahreswechsel blieben, würden wir erfahren, in welcher Stadt wir untergebracht werden würden und so ein Startkapital für das neue Leben von „Socialen“ erhalten. „Socialen?“, fragte Papa, und was heißt „Geld bekommen?“ Er wollte kein Geld, und er hatte bereits entschieden, wo wir wohnen würden. Wir sollten nach Västra Frölunda in Göteborg ziehen, wo seine Lieblingsschwester einen Priester geheiratet hatte. Und wohin sein erstgeborener Sohn Aziz schon vorgefahren war.
Und so kam es.
Es gab keine Schule, keine Post und keine Bank in dem Bergdorf, in dem meine Familie seit Generationen jedes Korn verarbeitet hatte. Aber es gab einen Bürgermeister. Den gab es in jeder Gemeinde in der Südtürkei, selbst in winzigen Dörfern wie Zaz. Wenn Wahlen stattfanden oder wichtige Dokumente beglaubigt werden mussten, ging man zum Bürgermeister und setzte seinen Daumenabdruck auf ein Stück Papier. Jetzt reichte ein Daumen nicht mehr aus. „Sie müssen selbst unterschreiben!“ Der Beamte hinter der Luke auf der Polizeiwache war streng und hielt unsere Papiere fest, während er auf Mama und Papa zeigte. Papa wurde nervös und schickte den Zeigefinger weiter zu Saliba, dem Bonussohn unserer Tante, der uns begleitete und der nach einiger Zeit in Schweden genug gelernt hatte, um einigermaßen Buchstaben zu formen. Saliba schrieb auf ein liniertes Blatt vor;
Maria Maria Maria Maria
Isa Isa Isa
Es sah nach etwas ganz anderem aus, aber Mama versuchte es wenigstens. Papa machte ein Kreuz auf der Linie. Jetzt war Schweden wirklich unser neues Land. Mama war so wütend auf Papa, weil er eine Vermittlung durch die Behörden und das Geld von „Socialen“ abgelehnt hatte. Es war der Tag vor Silvester und wir hatten nichts. Wir zogen zu Saliba in seine Zweizimmerwohnung mit Betten auf Beinen in West Frölunda. Mama knüpfte Seile zwischen den Giebeln, Kopfende – Fußende, aus Angst, dass wir aus den hohen Betten fallen würden und verfluchte und verdammte Papa. Außerdem war sie wieder schwanger.
Im Frühling 1977 wurde Kristian unter Protest im Sahlgrenska-Krankenhaus in Göteborg geboren. Mama, die alle ihre Kinder in der Türkei auf einem Steinboden ohne fließendes Wasser zur Welt gebracht hatte, wollte nicht in einem Krankenhaus entbinden, aber die Sache war nicht verhandelbar. Als die Krankenschwestern mit ihren desinfizierten Händen fragten, wo der werdende Vater sei und „wann kommt Ihr Mann?“ verstand sie die Frage nicht. Sie ließ den Schmerz abklingen und zeigte auf die Tür des Kreißsaals:
„Hier darf kein Mann reinkommen!“
Es war ein Anblick für Götter und Nachbarn, als wir im Mai desselben Jahres am Opaltorget auf Frölunda torg aus der Straßenbahn stiegen und das letzte Stück mit all den Taschen und Bündeln zu Fuß gingen; Mama, Papa und inzwischen acht Kinder folgten der Formel eins, zwei, drei. Aziz – der sich in Schweden direkt in Anders umbenannt hatte, Edip, Jacquline, Samuel, ich, Silvia, Munir und Kristian. Drei Jahre später sollte Markus die Schar komplett machen. Anders und Nuriya sollten in ihrer eigenen Wohnung auf dem Hof nebenan wohnen, aber mit uns zogen auch die Oma und schließlich die Großmutter in die neue Wohnung. Zwölf Personen in einer Vierzimmerwohnung von hundert Quadratmetern.
Grevegårdsvägen 162.
Telefonnummer +46 (0)31 - 29 43 55.
Der Stadtteil Grevegården in Västra Frölunda wurde in den Siebzigerjahren im Rahmen des Millionenprogramms gebaut, allerdings ohne die für das Projekt charakteristischen, bis in die Wolken reichenden Hochhäuser. Unsere Häuser am Grevegårdsvägen waren drei Stockwerke hoch und sahen aus wie eine Tetris-Figur. Graue Blöcke. In der Wohnung vor uns hatte ein Alkoholiker gewohnt, der nicht nur unter dem Ventilator geraucht und in die Toilettenschüssel uriniert hatte, sodass wir neu tapezieren und streichen mussten. Verschiedene Gelbtöne in der Küche und eine grüne Nassraumtapete mit weißen Blumen im Badezimmer. Zwei Toiletten! Korkteppich! Eine gemalte Weide auf dem Asphalt. Ich rannte direkt auf den Beton hinaus und saugte all das Neue in mich auf, eilte die Kastanienallee hinauf und hinunter, die den Block von Norden nach Süden verband, und öffnete die Tür zum Freizeitzentrum, ohne anzuklopfen. Ich liebte Schweden. Zu Mittsommer versammelte der Leiter des Freizeitzentrums uns Kinder und fuhr mit uns in den Wald, wo wir Birkenzweige und Blumen für die Mittsommerstange pflücken durften. Ich konnte nicht singen, ich konnte nicht einmal Schwedisch, aber ich sang bei „Små grodorna“ und „Jungfru skär“ mit und fiel ganz einfühlsam in den Graben, als die kleine Krähe des Pfarrers ausrutschte. Zwischen den Bauernhöfen und eingekeilt wie eine Oase zwischen den Häusern breitete sich ein großer grüner Platz aus, auf dem jeden Donnerstag ein Tanzkapellenabend mit einem richtigen Orchester stattfand. Dann kam ganz Grevegården wie in einer Prozession vom Opalplatz, wo sich das Gesundheitszentrum und die Geschäfte befanden, und tischte Bier und Pain Riche auf karierten Decken auf. Einige tanzten sogar. Mama schaute mit großen Augen auf all das Neue – und rollte einen gemusterten Teppich aus und begann, Nudeln im Gras zu rollen. Da schüttelte Svensson den Kopf.
Im Herbst 2017 wurde Grevegården zusammen mit dem benachbarten Stadtteil Tynnered nach mehreren tödlichen Schießereien und Autobränden auf die polizeiliche Liste der „besonders gefährdeten Gebiete“ gesetzt. 2010 brannte das Sozialamt in Schutt und Asche. Doch in den Siebziger- und Achtzigerjahren, als meine Familie begann, sich in Göteborgs westlichen Vororten ein neues Leben aufzubauen, lebten hier Schweden und Einwanderer Seite an Seite. Bei den Tanzkapellenabenden waren vielleicht fünfzehn Prozent Einwanderer, meist Syrer und Griechen. Die große Mehrheit machte die eingeborene schwedische Arbeiterklasse aus. In diesem Sinne eine vorbildliche Integration. Aber der Kulturkonflikt war trotzdem brutal. Alles war anders und unbekannt in dem neuen Land. Mama backte Brot und klingelte bei den Nachbarn auf dem Hof, die Schweden dachten, die Laibe seien vergiftet und schlugen die Türen zu. Im Schwedischen gab es keinen einzigen Satz und kein einziges Wort, das unserer Sprache, dem Aramäischen, ähnelte, und Mama verstand weder die Codes noch die Substantive. Sie ging in den Laden und fragte nach Salat, wenn sie Salz brauchte, und überließ den Geldbeutel der Kassiererin, um die richtige Summe herauszunehmen. Sie sagte „Tschüss“ zu Leuten an der Bushaltestelle und bekam dafür eine Standpauke. In Zaz gab es keine öffentlichen Verkehrsmittel, und wir kamen auch nicht mit jedem Nachbarn in Kontakt, aber wir grüßten einander. Schließlich, und als letzte von uns allen, lernte meine Mama Schwedisch. Sie besuchte mit anderen Immigrantinnen einen Kurs an der Vättnedalsskolan in der Smaragdgatan und buchstabierte A, E und O aus dem Lehrbuch der ersten Klasse. Als der Kursleiter den Frauen als Hausaufgabe aufgab, ihre Adresse und ihr Geburtsdatum auswendig zu lernen, schüttelte meine Mama den Kopf und sagte: „Nein, nein, das kann sie nicht“, aber das brauche sie auch nicht, „weil ihre Kinder Schwedisch können“, wurde der Kursleiter wütend. Er schrie, dass die Frauen selbst dafür verantwortlich seien und dass er kein Wort mehr darüber hören wolle, dass die Kinder die Arbeit machten. Mama brauchte nicht wiederzukommen. An diesem Abend und bis tief in die Nacht hinein, als die Familie gefüttert, das Geschirr abgetrocknet, die Wäsche sortiert und alle im Bett waren, saß Mama in der Küche mit der gelben Tapete und las A, E und O aus den Schulbüchern der ersten Klasse vor. Erst, als sie sowohl Adresse als auch Geburtsdatum konnte, ging sie ins Bett.
Als „Socialen“ Papa einen weiteren Scheck anbot, schüttelte er weiterhin den Kopf. Er wollte kein Geld, er wollte arbeiten. Er bekam einen Job bei Samhall und baute für Esselte Ordner mit rotem und blauem Buchrücken zusammen. Spazierte zur Fabrik in der Klangfärgsgatan mit der Brotdose voll gekochtem Gemüse. Eines Tages hörte Papa im Kaffeezimmer, dass Olof Palme zu Besuch nach Göteborg kommen würde, also nahm er mich in die eine und Munir in die andere Hand und sprang in die Straßenbahn zum Brunnsparken zwischen Nordstan und Arkaden. Ein Troubadour spielte Gitarre und die Menge war endlos, aber Papa schaffte es trotzdem, uns bis dorthin zu bringen. Ich versteckte mich hinter seinem Rücken und fand alles peinlich. Aber Papa streckte dem Ministerpräsidenten seine schmale Hand entgegen, stellte sich als „Isa Samuelsson“ vor und steckte Olof Palme einen Umschlag mit fünfhundert schwedischen Kronen in die Brusttasche. So, jetzt waren sie quitt. Es war viel Geld für uns und sicherlich genau richtig abgezählt, damit wir noch das Lamm kaufen konnten, das uns einen Monat lang ernährte – aber nach Papas Überzeugung sollte man dem Ministerpräsidenten dafür danken, dass wir nach Schweden kommen durften, nicht dem König.
Meine erste Freundin in Schweden wurde Magdalena, ein Mädchen, so alt wie ich, mit einem hellen Pferdeschwanz und Flaschenböden als Brillen, für die sie gehänselt wurde. Sie wohnte über uns in der 162 und ich war gerne dort.
Magdalenas Mutter hieß Eva und kam aus Polen, hatte kurze Haare und eine Zigarette im Mund. Sie saß immer oben ohne in der Küche und rauchte, blätterte in Zeitschriften und telefonierte. Ich konnte nicht aufhören, Eva anzustarren. Ich hatte noch nie ein Paar Frauenbrüste gesehen. Meine Mama trug Stoffröcke bis zu den Knöcheln und hatte ihr langes Haar zu einem festen Knoten gebunden, und konnte nicht lesen. Eva schickte uns immer zu ICA in Tynnered, um Gelbe Blend und Himbeergelee zu kaufen. Wenn wir zurückkamen, waren noch fünf Stück in der Tüte, aber sie war trotzdem nicht böse. Magdalenas Vater Bengt hatte ein Fischgeschäft am Opaltorget und ich durfte Kabeljau mit Garnelensauce probieren! Ich hatte noch nie etwas Leckereres gegessen und wollte nie nach Hause gehen, wenn einer meiner Brüder an der Tür klingelte und sagte, dass ich kommen müsse. Als Magdalena und ich uns das erste Mal zum Übernachten verabredet hatten, schaute mich meine Mama an, als hätte ich die Frage auf Serbokroatisch gestellt:
„Warum? Du hast ein eigenes Bett.“
„Aber wir wollen spielen.“
„Du hast schlafen gesagt.“
„Spielen UND übernachten.“
„Wir haben hier Betten.“
„Aber wir...“
„Nein.“
Sie konnte nicht verstehen, warum man bei jemand anderem schläft, wenn wir unsere eigenen Betten haben. Ich ging zu Eva und flehte sie an: Kann sie bitte Mama fragen? Ich drückte ihre Hand ganz fest im Flur, aber Magdalenas Mutter wusste, wie sie meine Mama besänftigen konnte und sagte: „Maria, lass die Mädchen spielen, du weißt, ich erlaube keinen Unfug. Ich bin eine Christin genau wie du.“ Sie hatte ihre Brüste bedeckt und ein goldenes Kreuz an einer Kette um den Hals, und meine Mama murmelte respektvoll „ja, ja“ von der Spüle. Eva und Magdalena gingen voraus und ich holte die Zahnbürste. Zurück im Flur stand Mama mit in die Seiten gestemmten Fingerknöcheln: „nicht übernachten“.
Ich wollte immer spielen, Himmel und Hölle hüpfen und auf die Bäume im Hof klettern, höher und höher. Eines Tages fiel ich runter und schlug mir das Kinn auf, was mit drei Stichen genäht werden musste. Ein anderes Mal brach ich mir den Arm. Ich war sechs und kam in die Vorschule und merkte ziemlich schnell, dass das Beste an der Vorschule neben all den neuen Freunden das Essen war. Ich kroch immer zum Fenster des Pavillons, um zu sehen, was die Essenstante in ihren Töpfen hatte, was jedes Mal eine Herausforderung war, weil das Fenster ein gutes Stück höher angebracht war als ich groß war. An diesem Tag hatte ich die Hilfe eines Dreirads aus dem Geräteschuppen in Anspruch genommen. Das Fahrrad kippte um, und mein Arm verfing sich so sehr in den Speichen des Rades, dass meine Knochen gerade heraus ragten. Es war ein schwerer Bruch, und der Arzt im Sahlgrenska operierte mich dreimal falsch. Bei der dritten Operation wachte ich aus der Narkose davon auf, wie mein Papa den Pfuscharzt zusammenfalten wollte, und meine Brüder versuchten, sie zu trennen.
Ich persönlich fand es im Krankenhaus großartig. Ich bekam jeden Tag Eis und musste nicht aufräumen. Denn zu Hause durfte ich nicht rausgehen. Ich durfte nicht spielen, Himmel und Hölle hüpfen oder auf Bäume klettern. Ich sollte Hausaufgaben machen und im Haushalt helfen. Sobald der Frost aus dem Boden war, wurden wir in unseren Kleingarten in Välen geschickt, um zu harken, graben und pflanzen. Wenn wir geharkt, gegraben und gepflanzt hatten, sollte das Gemüse geerntet und nach Hause getragen werden. Rote Zwiebeln, Knoblauch, gelbe Zwiebeln, Kürbis, Gurke, Tomaten, Salat, Bohnen, Petersilie. Wir hatten alles auf dem kleinen Grundstück, außer Erdbeeren, das war Luxus, sagte Papa. Manchmal wetteiferten wir, wir machten es zu einem Sport, wer am meisten und am schnellsten pflücken konnte. Samuel, der an Legasthenie litt und in der Schule Schwierigkeiten hatte, war im Gemüsebeet wie eine Maschine. Er war derjenige, den es zu schlagen galt. Aber die meiste Zeit stach ich mich an den Büschen, fror mir die Finger ab und jammerte ständig. Ich versuchte zu fliehen, wurde aber von meinen Brüdern zurückgejagt.
Zwei Tage die Woche waren Waschtage, eine Aufgabe, die alle anderen Aufgaben bei weitem übertraf und bei der wir Mädchen helfen mussten. Die Waschküche war einen Kilometer entfernt und der Weg führte unterirdisch durch die Garagen am Grevegårdsvägen. Bei zwölf Personen zu Hause gab es so viel schmutzige Wäsche, dass Schlitten und Einkaufswagen, in denen wir alles transportierten, schwankten und umkippten. Die eingeschlossene Luft aus den Trockenschränken, der Abfluss voller Haare und Mangeln wie Kampffahrzeuge. Ich hasste die Waschküche. Während Jacquline und Silvia die saubere Wäsche in ordentlichen Reihen aufhängten; Unterhosen getrennt, Kissenbezüge getrennt, schwarz und weiß und blau, warf ich die Wäsche durcheinander auf die Leine, sodass Mama von vorne anfangen musste und mich wegscheuchte. Eine raffinierte Art, wegzukommen.
Sonntag war der beste Tag. Zu Hause in Zaz, als der Pfarrer in der Kirche zum Gottesdienst rief, waren schon alle aus dem Dorf den staubigen Weg zu Mor Dimet gegangen. In Västra Frölunda hatten wir keine eigene Kirche, aber wir fanden schließlich Zugang zu einem Lokal, in dem sich die christlichen Syrer und Assyrer Göteborgs zum Gottesdienst auf Aramäisch trafen. Silvia und ich schlossen uns dem Chor an und sangen so laut, dass sich die Leute auf ihren Stühlen verkrümmten und Mama uns warnende Blicke zuwarf.
Seid still und ruhig vor Gott, benehmt euch jetzt.
Wir trugen Kleider und schicke Hosen und aßen Hühnerfrikassee zum Abendessen, aber vor allem war der Sonntag der Beste, weil er der Tag der Ruhe war. Ein ganzer Tag ohne Wäsche und Putzen. Ich brachte selten Freunde mit nach Hause, außer Magdalena. Wir hatten keine Barbiepuppen, nicht einmal Sindy, ich hatte ein Schwein, das ich in Handarbeit genäht hatte, und ein Monchichi, wer wollte schon mit denen spielen? Aber es war nicht nur der Mangel an Spielzeug. Ich schämte mich für meine seltsame Familie und fand es peinlich, Freunde mit nach Hause zu bringen. Warum konnte meine Mama nicht kurze Haare und Hosen haben wie Eva, Britt-Marie und die anderen Mütter? Ich wollte, dass es nach Zigarettenrauch und Fisch riecht, wie bei Magdalena eine Etage höher. Die knöchellangen Kleider meiner Mama ließen sie wie eine alte Dame aussehen, und dann die zerzausten Ohrläppchen, die in zwei Hälften geteilt waren und nie mehr zusammenwuchsen. Für meine Mama waren die Narben eine schmerzhafte Erinnerung an das blutige Hochzeitsfest in Zaz, aber ich fand die Ohren gruselig. Was würden erst meine Freunde denken? Bei uns roch es seltsam, stechende Gerüche verbreiteten sich vom Herd in alle Zimmer und setzten sich in Gardinen und Kleidung fest. Wir bewahrten alles vom Lamm auf, die Teilstücke lagen in Stapeln auf dem Küchentisch; Rippen und Rücken, Kopf und Magen. Aus den Därmen machten wir Würste, brieten sie im Talgfett und kochten Suppe aus dem Mark. Markus, der kleine Verwöhnte, wie wir anderen sagten, bekam immer das Mark. Wenn der Bauer aus Uddevalla mit dem Milchwagen kam, wurde ein großer Schlauch in unsere Wohnung gezogen, durch den Flur und in die Badewanne, die mit Milch gefüllt wurde, die zu Joghurt werden sollte. Die Filmjölk, die die Schweden aßen, war wie Wasser, dachte meine Mama, und wir Kinder stritten uns um die fette Haut in der Badewanne. Aber auch dieser Preis ging meistens an Markus. Eines der ersten schwedischen Wörter, das Mama lernte, war „Lab“. Sie ging zur Apotheke und kaufte so viele Flaschen, wie wir uns leisten konnten, und machte sich daran, die Rohmilch des Bauern zu käsen. Sie rührte die säuerlich riechende Käsemasse mit ihren bloßen langen Armen zur genau richtigen Temperatur und Konsistenz, gelbe Molke, nicht weiß.
Zu Weihnachten und Ostern, wenn es besonders luxuriös werden sollte, machte sie ihre eigenen Süßigkeiten aus Walnüssen, die auf Fäden aufgereiht und wie Kerzen in einen süßen Sirup aus Trauben oder Pflaumen getaucht wurden. Mama kochte alles von Grund auf selbst und verließ den Herd nur für die Waschküche oder das Lebensmittelgeschäft. Jeden Morgen war ein neues Fladenbrot im Ofen. Und alles, was ich wollte, war Skogaholms sötlev, gekaufter Saft und gestreiftes AKO-Toffee. Keine in Pflaumensirup getauchten Walnüsse. Der große Traum, so zu sein wie alle anderen. Aber wir waren nicht wie alle anderen, und derjenige, der am meisten darunter litt, war ich. Ich wurde auf dem Schulhof nicht als „Schwarzkopf“ gehänselt, meine Brüder hatten es auf den Fluren der Vättnedalsskolan schwerer, aber ich wollte Schwedin sein. Einfach schwedisch. Ich wollte wie meine Freunde Samstagssüßigkeiten essen und wie die anderen Mädchen in Riemchenschuhen zu Kinderfesten gehen. Ein einziges Mal hatte ich eine Einladung auf einer Karte mit Mickey Mouse erhalten, als Maria Geburtstag hatte, die Hübscheste der Klasse. Ich hatte ein Bild von einem Haus und einer Katze gemalt und es als Geschenk überreicht, dann wurde ich nicht mehr zu Partys eingeladen. Wir hatten kein Geld für Geschenke und Samstagssüßigkeiten. Papas bescheidenes Gehalt reichte für Essen und Miete und maximal eine Aktivität pro Kind. Abgesehen von der Schule, die immer an erster Stelle stand, durften wir Geschwister uns jeweils eine Sportart aussuchen, die wir betreiben wollten. Silvia begann mit Gymnastik, Munir übte sich in Tischtennis, Markus in Basketball und ich wählte Schwimmen. Nicht, dass ich per se ein Star gewesen wäre. Als ich das erste Mal an einem Wettkampf teilnahm, erschrak ich so sehr vor dem Startschuss, dass ich ins Wasser fiel und disqualifiziert wurde. Aber es war ein legitimer Grund, von zu Hause weg zu sein, und ich genoss es, mir schnell den Badeanzug zu schnappen und die Treppe hinunterzurennen, fort, weg. Meine Eltern bezahlten die Mitgliedschaft im Verein, die vierhundert schwedische Kronen pro Semester kostete. Was sie nicht wussten und ich mich nicht traute, ihnen zu sagen, war, dass man auch eine Jahreskarte für das Kulturhuset brauchte, das Schwimmbad in Frölunda. Ich hatte so viel Angst, dass ich nicht schwimmen dürfte, wenn ich um mehr Geld bettelte, dass ich hineinschlich. Damals war noch alles analog und ich änderte die Jahreszahl auf der Eintrittskarte mit Tipp-Ex; aus 83 wurde 84 und aus 84 wurde 85. Dann tat ich jedes Mal gestresst, wenn ich an der Dame in der Luke vorbeihastete, mit der Karte winkte und sie schnell wieder in die Brieftasche steckte. Mein Herz raste. Es war eine kriminelle Handlung. Ich hatte mich jahrelang ins Schwimmbad gemogelt. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich fuhr auch schwarz in der Straßenbahn. Vom Opaltorget nach Süden über Briljantgatan, Rubingatan und Smaragdgatan zum Kulturhuset am Frölunda torg – manchmal auch zu anderen Schwimmbädern in der Stadt, wenn es einen Wettbewerb gab. Einmal wurde ich erwischt und vom Kontrolleur rausgeschmissen. Meine Mama hätte mir die Hände abhacken können, so wütend war sie. Es war eine Sache, sich der Haushaltsaufgaben zu entziehen, aber stehlen und betrügen, das war das Schlimmste. Ich bin trotzdem ohne Fahrschein weitergefahren, es war die einzige Möglichkeit. Was sollte ich denn tun? Es war zu kalt, um im Winter mit dem Fahrrad zu fahren, und zu weit zu den Wettbewerben am anderen Ende der Stadt, und meine Eltern hatten weder ein Auto noch Zeit. Die Mütter und Väter meiner Freunde waren immer bei sowohl Wettbewerben als auch Trainingseinheiten dabei. Sie fuhren und holten in Schwimmbädern in ganz Göteborg ab, klatschten und feuerten von der Tribüne aus an und brachten Butterbrote und Sunkist für die Pause zwischen den Rennen mit. Meine Eltern waren kein einziges Mal dabei, sie hatten keine Ahnung, wenn ein Wettbewerb war. Das war die Bedingung dafür, dass wir zu unseren Aktivitäten gehen konnten, dass wir selbst die Verantwortung dafür übernahmen. Wir waren zu viele und sie hatten andere Dinge zu tun. Ab und zu durfte ich mit Maria im Saab ihres Vaters mitfahren. Wenn ich ihr Dextrosol gab. Zwei Tabletten fürs Mitnehmen.
Schon als ich sechs-sieben Jahre alt war, nahm mich mein Papa mit zum Gemüsehändler in Saluhallen, um zu feilschen. Isa Samuelsson dachte, er sei ein guter Geschäftsmann, war er aber nicht. Einmal in der Türkei hatte er unsere Pferde gegen ein Dieselauto getauscht, das nicht ansprang. Meine Mama hat das nie vergessen und schickte mich bei seinen Einkaufstouren mit. Ich hingegen hatte es von klein auf in mir. Ich drückte den Preis von beschädigten Tomaten, handelte abgelaufene Milchtüten herunter und auf dem Flohmarkt habe ich so heftig um eine Lampe mit löwengelbem Schirm gefeilscht, dass der arme Markthändler schrie, dass wir abhauen sollten. Also gingen wir. Mit der gelben Lampe. Papa trieb mich überall vor sich her, und manchmal sagte ich „gut gemacht, Papa“, obwohl wir beide wussten, dass die Tomaten mit den Kerben im Beutel mein Verdienst waren. Zweimal im Jahr fuhren wir mit der Fähre zwischen Göteborg und Fredrikshamn hin und her, um die Speisekammer und die Schränke mit Hühnern, Nüssen und Zucker aufzufüllen, allen möglichen Dingen, die damals in Dänemark billiger waren. Nicht zuletzt Schnaps. Meine Eltern waren selbst keine großen Alkoholkonsumenten, aber es gab eine Menge Kinder, die verheiratet werden sollten. Es galt, einen Vorrat für alle zukünftigen fetten syrischen Hochzeiten anzulegen. Auf einer dieser Reisen, als ich wie immer nach einer Packung Schokofrösche mit Minzfüllung gegriffen und wie immer einen „leg sie zurück ins Regal“-Blick von Papa geerntet hatte, entdeckte ich im Duty-Free-Shop eine Umfrage. Eine Umfrage zur Kundenzufriedenheit. Wenn der Kunde ankreuzen würde, wie er den Service auf dem Schiff fand, würde er für seine Mühe eine Zweihundertfünfzig-Gramm-Tafel Marabou-Schokolade erhalten. Zweihundertfünfzig Gramm! Schokolade! Ich war acht Jahre alt und setzte wie besessen Kreuze, sieben Umfragen. Dann bin ich siebenmal zur Kasse gegangen und habe mir für jede Runde eine neue Tafel Schokolade ausgeben lassen. Ich aß alle bis auf eine, wickelte sie in Papier und Schnur und schrieb mit Tinte: Frohe Weihnachten Gunilla von Gunilla. Das würde ein paar Monate später eine lustige Überraschung neben dem sonst einzigen Weihnachtsgeschenk sein. Jedes Jahr das Gleiche: eine neue Badekappe und eine Nasenklammer.
Schnell wurde mir klar, dass ich nichts geschenkt bekam. Wenn es Samstagssüßigkeiten geben sollte, musste ich das Geld selbst verdienen. Schon als wir in Schweden angekommen waren, begannen meine Geschwister und ich, Werbeprospekte an Hunderte von Haushalten in ganz Västra Frölunda zu verteilen. Oma war die Einzige, die ein eigenes Zimmer hatte, wie privat es nun auch war, sie hatte ihr Bett im Fernsehzimmer, in dem alle ständig herumliefen, und bald musste sie sich auch noch mit vom Boden bis zur Decke gestapelten Werbeprospekten herumschlagen. Das meiste von dem, was wir verdienten, floss direkt in die Haushaltskasse, dass Papa die Hilfe und Schecks von Socialen ablehnte, setzte voraus, dass wir Kinder zum Unterhalt beitrugen. Aber schließlich tat ich alles, was ich konnte, um mein eigenes Geld zu verdienen. Ich babysittete, verkaufte Postkarten, verkleidete mich als Osterhexe und klaute Äpfel. Ich war erst sechs Jahre alt, als ich mich wie eine Indianerin an die Obstbäume im Einfamilienhaus-Viertel heranpirschte und Beutel für Beutel füllte. Dann ging ich nach Hause, legte die Äpfel in einen Korb, band eine rosa Schleife um den Korb und eine passende in mein Haar – und klingelte an der Tür des Hauses, bei dem ich gerade das Obst gestohlen hatte. Selten hatten sie eine so süße Verkäuferin gesehen. Wenn Tanzkapellenabend war, backte ich schwedischen Schokokuchen mit Kokosnuss und Glasur und verkaufte für zwei Kronen pro Stück. An einem guten Abend konnten es 30 Kronen werden, direkt in die Tasche! Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen war wie Zuckerlimonade direkt ins Blut zu bekommen. Die für den ersten Mai üblichen Knopflochblumen waren eine weitere Goldgrube, ich verkaufte jahrelang. Einmal jedoch hätte es fast böse geendet. Wie immer erlaubte mir meine Mama nicht, draußen unterwegs zu sein, und wie immer tat ich alles, um sie zu überlisten. Als Mama Nein zu den Ansteckblumen sagte, bot ich ihr mit lieblicher Stimme an; würde sie vielleicht wollen, dass ich einen Spaziergang mit Markus machte? Mein jüngster Bruder war erst ein paar Monate alt und schlief in seinem Wagen, und meine Mama hatte wie immer tausend Dinge zu tun. Ich machte das Kreuzzeichen und beteuerte „nur im Hof“ – und nahm die Straßenbahn zum Frölunda torg. Mit einem kleinen Bruder im Wagen brauchte man nicht einmal schwarz zu fahren. Ich wusste genau, wo auf dem Marktplatz die Dame mit den Maiblumen stand, und lief mit leichten Schritten zum Unterschreiben für die Anstecknadeln, Kränze und Aufkleber. Dann direkt ins Einkaufszentrum. Der Frölunda torg mag heute nicht als außergewöhnlich wahrgenommen werden, aber als das Einkaufszentrum in den 1960er-Jahren gebaut und eröffnet wurde, war es das größte in Europa. Ein hochmodernes und wichtiges Zentrum im Westen Göteborgs mit einem Elektrogeschäft und einem Farbgeschäft und allen möglichen anderen Geschäften. Die Markthalle wurde von Olof Palme und „Frau Frölunda“ eingeweiht, einer Vertreterin der Hausfrauen des Stadtteils, die das blaugelbe Seidenband vor dem Eingang durchschnitten. Ich graste Meter um Meter ab und zwängte mich mit meinen Ansteckblumen wie eine Ratte zwischen die Läden. Erst als es zehn vor sechs war und ich jede kleine Stecknadel verkauft hatte und die Läden schlossen, fiel es mir wieder ein; Markus! Ich hatte sowohl die Zeit als auch meinen kleinen Bruder vergessen und hatte den Wagen auf dem Marktplatz stehen lassen, als mir die Ansteckblumen in der Hand brannten. Als ich herauskam, war der Kinderwagen weg, und als die Dame mit den Papierblumen mir sagte, dass „meine Mutter“ den Kinderwagen geholt habe und dass es ein Glück sei, „weil er so geschrien hat“, geriet ich in Panik. Denn ich wusste, dass meine Mama zu Hause war und kochte und niemals einfach so zur Abendessenszeit rausgehen würde. Im Einkaufszentrum entdeckte ich eine unbekannte Frau mit einem Kinderwagen, den ich sehr wohl erkannte. Bestimmt hatte sie das untröstliche Kind gefunden und war losgegangen, um den „Besitzer“ zu finden. Es war nicht wirklich so, dass ich nachgefragt hätte. Ich stürzte mich von hinten auf sie, riss der Frau den Kinderwagen aus den Händen und schrie „lass meinen Bruder in Ruhe“. Zu Hause auf dem Hof warteten meine Mama und meine Brüder. Ich bekam einen Monat lang Hausarrest. Aber wenigstens hatte ich jede einzelne Maiblume verkauft.
Als ich im Herbst 1982 in die vierte Klasse kam, wurden wir schwedische Staatsbürger und bekamen Sozialversicherungsnummern und neue Geburtstage. In meinem Reisepass steht der 3. Januar, aber ich bin am 1. August 1972 geboren. Oder wie meine Mama immer wieder betont: „Du kamst am St. Shmouni, Gunilla! Vergiss das nicht!“ Die heilige Shmouni oder Mar Shmouni war nach christlich-syrischem Glauben und Tradition eine Mutter, die den Märtyrertod gestorben war und ihre sieben Söhne verlor, weil sie sich weigerte, ihren Gott aufzugeben. Jedes Jahr am 1. August wird Mar Shmouni gedacht, und für die christlichen Syrer bedeutet dieses Datum den Beginn einer Zeit des Fastens, des Gebets und der Enthaltsamkeit. In Zaz gab es eine Kirche, die nach der Märtyrerin benannt war, und sowohl meine Großmutter als auch meine Oma hießen Chmouni, aber sie wurden mit C und nicht mit S geschrieben. „Am 1. August, Gunilla! Mitten an Mar Shmouni! Vergiss nicht!“ Der Arzt, zu dem mein Papa seine Kinder für den zur Einbürgerung erforderlichen Gesundheitscheck gebracht hatte, nahm es jedoch mit den Märtyrern und den genauen Daten nicht so genau, als er die Dokumente abstempelte. Stomp, stomp, da war die Hälfte der Geschwister also im Januar geboren worden, aber in verschiedenen Jahren. Das mag seltsam klingen, aber so ist es passiert. Fast alle Einwanderer, die ich kenne und die zu dieser Zeit nach Schweden kamen, wurden laut ihren Pässen im Januar geboren. Dass ich ein neues Geburtsdatum bekam, war für mich keine so große Sache wie für meine Mama. Ich sah es eher als Chance auf doppelte Geburtstage und es war immer noch der Name, der das Wichtige war. Als meine Familie die schwedische Staatsbürgerschaft erhielt, änderten wir auch den verhassten Namen Anip, den uns der türkische Staat aufgezwungen hatte, und nahmen den Nachnamen Samuelsson an, nach meinem Opa, der Samuel hieß. Aus Günel war in der Vorschule ohne viel Aufhebens Gunilla geworden, als weder die Erzieher noch die anderen Kinder meinen Namen aussprechen konnten. Gunilla Samuelsson. Ich war so stolz und fand, dass es so schön klang, schwedisch.
Zu schwedisch, fanden sie. Ich überschritt immer mehr die Grenzen und befand mich im ständigen Krieg mit Mama und meinem großen Bruder Edip. Zu Hause konnte ich nirgends allein sein und Ruhe finden; stechende Gerüche, scheppernde Geräusche und Brüder überall. Silvia und ich teilten uns ein Zimmer mit Kristian und Munir in einem langen, schmalen Raum neben der Küche mit einem Etagenbett auf der einen und einem auf der anderen Seite, vielleicht einen Meter voneinander entfernt. Ich schloss mich oft im Bad ein, um Hausaufgaben zu machen oder einfach nur zu verschwinden. Manchmal nahm ich Papas Radio mit, auf dem man Kassetten abspielen konnte, und hörte Barbra Streisand und Cher, aber es dauerte meist nur ein paar Minuten, bis meine Brüder den Stecker in der Steckdose draußen entdeckt hatten und ihn herauszogen. Meine Welt war so eng. Ich bekam keine Luft mehr. Ich wollte raus. Als Papa mit einem roten Fahrrad nach Hause kam, das er auf einem Flohmarkt gekauft hatte und das Jacquline, Silvia und ich uns teilen sollten, floh ich ans Meer. Den Wind in den Haaren und nach vorne über den Lenker gebeugt, weg vom Millionenprogramm. Ich trat schnell in die Pedale, zwischen den Häusern in Kannebäck und an der Kleingartenanlage in Välen vorbei. Wenn ich die Einfamilienhäuser in Näset passierte, wurde ich langsamer. Wie konnten Menschen überhaupt so leben? Paläste mit zwei Autos davor und großen Gärten mit Terrassen zum Sonnen. Nur ein paar Minuten von den Mietshäusern in Grevegården entfernt, aber ein diametraler Gegensatz zu unserer Welt. Ich warf mich am flachen Sandstrand von Askimsbadet ins Wasser und sprang von den Klippen bei „Smitten“, der Smithschen Klippe. Wenn ich nach Hause kam, schimpfte man mich aus und drohte mir mit noch mehr Prügel. Meine Geschwister waren der Meinung, dass ich härter bestraft werden sollte, weil ich mich vor meinen Aufgaben drückte, und ich reagierte darauf mit noch mehr Torheit. Als meine Eltern zu den vierteljährlichen Gesprächen in der Schule kamen und ich selbst dolmetschen musste, sparte ich nicht mit Superlativen. Ich saß da und sagte Dinge wie: „Gunilla ist so fleißig, sie macht in allen Fächern Fortschritte“, was natürlich überhaupt nicht dem entsprach, was die Lehrkraft sagte. Für mich war das ein naiver Versuch, vielleicht ein Lob zu bekommen. Aber es war egal, wie imaginär gut ich war oder wenn ich tatsächlich alle Aufgaben in der Matheprüfung richtig gelöst hatte. Bestenfalls gab es ein Nicken von Mama. Seht mich, hört mich, sagt etwas. Ich brauchte Liebe und Ermutigung, aber bekam nichts davon, und die Wahrheit war, dass ich mich in der Schule abmühte. Ich lernte gern und fand leicht Freunde, aber ich war unruhig und konnte mich nur schwer eine ganze vierzigminütige Unterrichtsstunde lang konzentrieren. Je schwieriger ich die Situation zu Hause in meiner Familie empfand, desto schwieriger wurde es, ruhig in der Schulbank zu sitzen. Wenn die wilden Jungs Blödsinn machten, war ich nicht zögerlich, mitzumachen. Bei jedem neuen Vertretungslehrer, der auf die Probe gestellt werden musste, bei jeder Unterrichtsstunde, die aufgepeppt werden sollte, war ich diejenige, die vorgedrängt wurde. Angefeuert von den taffen Klassenkameraden. Das war zwar nicht die Bestätigung, nach der ich mich sehnte, aber es war immerhin etwas. Eines Tages in der fünften Klasse, als ich mit einer meiner Meinung nach unfairen Begründung aus dem Klassenzimmer verwiesen wurde – ich hatte nicht mehr oder lauter gesprochen als alle anderen –, erwischte ich beim Rausschmiss einen schwarzen Permanentmarker. Das war im Winter, und ich erinnere mich, dass ich innehielt und dachte, meine Mama würde sterben. Aber ich tat es trotzdem. Ich suchte die Jacke der Lehrerin am letzten Haken der Garderobe. Während ich mit der einen Hand den Stoff stramm hielt, schrieb ich mit der rechten Hand. Sechs große Buchstaben quer über den Rücken: PIMMEL.
Es gab Anrufe nach Hause und Krisensitzungen mit dem Schulleiter. Meine Eltern mussten die Reinigung bezahlen, und ich musste mich mit Blumen bei der Lehrerin entschuldigen. Meine Mama ist nicht gestorben, aber sie hat sich zu Tode geschämt und ich bekam erneut Hausarrest. Wir hatten schon längst den Überblick verloren. In den Sommerferien, bevor ich in die Oberstufe kommen sollte, eröffnete sich mir eine Chance und ein Nadelöhr, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde in ein Kinderlager in Uddevalla geschickt, ein von der Gemeinde subventioniertes Lager für arme Familien in der Gegend von Göteborg. Meine älteren Brüder, Edip und Samuel, waren früher bereits dort gewesen, und wahrscheinlich sahen meine Eltern das Lager als Erziehungsanstalt an. Ein Strohhalm, nach dem sie greifen mussten, als sie die Kontrolle über ihre mittlere Tochter verloren hatten. Aber diese zwei Wochen in Uddevalla waren die besten meines Lebens. Wir grillten Stockbrot und erzählten Gespenstergeschichten am lodernden Feuer, spielten Cowboy und Indianer im Wald und durften Erdbeeren pflücken gehen, ohne dass ein einziger Erwachsener über unseren Schultern stand und einen vollen Korb forderte. Ich habe so viel gegessen, dass mir der Magen geplatzt ist, genau wie all die armen Kinder aus Göteborg. Es gab nicht viele Kronen für die Lageraktivitäten. Ich, die noch nie von meiner Familie an meinem Geburtstag gefeiert worden war, nicht einmal an meinem richtigen Geburtstag im August, bekam meine eigene Party im Lager. Ich lief in den Wald und pflückte so viele Blaubeeren, wie ich konnte, backte Kuchen und durfte in der Mitte des Kreises sitzen, während meine neuen Freunde „Hoch soll sie leben“ sangen. Eines Abends herrschte eine seltsame Stimmung, als ein Betreuer des Camps sich nackt auszog und wollte, dass wir ihn als Hulk malen, aber selbst das konnte die sprudelnde Freude in meinem Magen nicht zerstören. Jeden neuen Tag war ein neuer Schwimmwettbewerb im Meer. Ich stürzte mich in das Salzige und flog unter Wasser, und als meine Stirn die Oberfläche durchbrach, hörte ich, wie mir meine Freunde vom Steg aus zujubelten. Ich, die im Kulturhuset noch nie von jemandem beklatscht worden war, war plötzlich ein Star. Ich muss in diesen Wochen einen Dezimeter gewachsen sein und sehnte mich jeden Tag für den Rest des Jahres und den ganzen nächsten Frühling nach dem Sommer in Uddevalla zurück. Aber als der Sommer kam, war der Spaß vorbei. Die Jungen durften ins Lager, aber nicht Jacquline, nicht Silvia und nicht ich. Wir begannen, Gestalt anzunehmen und sollten verheiratet werden.
Besonders gelungen an Grevegården war, dass es inmitten des Millionenprogramms am Freizeitzentrum Ziegen und einen Hahn gab. Wir waren wahrscheinlich die Einzigen in der Nachbarschaft, die den Verrückten zu schätzen wussten, der krähte, bevor die Sonne aufging, aber besonders meine Oma liebte diesen Hahn. Jeden Tag ging Oma Chmouni mit ihrem hennagefärbten Haar, ihrem abgewetzten Stock und ihrem milchigen Auge zur Wiese mit den eingezäunten Tieren und saß auf der Bank und passte so gut auf uns Kinder auf, wie es eine alte, blinde Frau eben konnte. Im Gegensatz zu Mama, die rund um die Uhr kochte, putzte und wusch, war meine Oma immer anwesend. Körperlich, indem sie sich oft um uns Kinder herum aufhielt, aber nicht nur. Sie wusste genau, dass ich mich am schwersten anpassen konnte und ständig in Konflikte geriet, und wenn es hart auf hart kam, verteidigte sie mich. Wenn mein großer Bruder mit Prügel drohte, rannte ich weg und versteckte mich hinter Oma, die ihren Stock erhob: „Wenn ihr Gunilla zu nahe kommt, bekommt ihr den hier zu spüren!“ Als meine Eltern anfingen, Verehrer mit nach Hause zu bringen, breitete sie sich wie eine Fußballwand vor dem Freistoß aus: „Weg mit ihnen, sie taugen nichts. Husch!“
Außer dem Badezimmer mit Papas Radio gab es nur noch einen Ort, an den ich mich flüchten und Schutz suchen konnte. Dort, hinter Omas Rücken. Abends lagen Silvia und ich abwechselnd in ihrem Bett an der Wand, ein Kokon von vielleicht dreißig Zentimetern, aber es reichte. Mein kindlicher Körper schmiegte sich wie formbarer Lehm an Omas Busen, Bauch und vorstehende Hüften. Silvia hatte Oma in der Vorschule eine lange Schnur mit bunten Murmeln und Perlen aufgefädelt, vermutlich zweihundert. Oma benutzte die Murmeln wie einen Rosenkranz. Jeden Abend legte sie sich auf das gemachte Bett und ließ ihre Finger über die lange Kette gleiten. Dann begann sie zu zählen; Name für Name auf Aramäisch. Eine Kindergartenperle für jeden Verwandten und Freund, der gestorben war. Sie sang und weinte, zählte aber weiter, und obwohl ich wusste, dass es mich auch traurig machen würde, sagte ich es trotzdem: „Erzähl nochmal, Oma.“
Meine Oma wurde auch in Zaz geboren. Sie war das zweitjüngste von fünf Kindern und liebte es, an den Hängen herumzulaufen und Maulbeeren zu pflücken. Abgesehen davon, dass sie gut im Mund schmeckten, konnte man mit dem schwarzen Saft auch auf den Steinen malen und das gefiel Oma. Es waren die fruchtbaren Böden und die Fülle der Ernten, die einst arabische Stämme, Siedler und Nomaden, Muslime und Christen angezogen hatten, um Seite an Seite in den Ebenen Mesopotamiens zu leben. Das christliche Volk, Assyrer, Chaldäer und Syrer waren jahrhundertelang unterdrückt worden, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mussten die Christen, die damals etwa vier Millionen der insgesamt vierzehn Millionen Einwohner der Türkei ausmachten, eine Sondersteuer zahlen. Gleichzeitig besaßen sie nicht die gleichen Rechte wie die Muslime.
