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Thomas Mann (1875-1955) war der bedeutendste Epiker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. Mit seinen Schriften hat er das Kaiserreich Wilhelms II., die Weimarer Republik, die Herrschaft der Nationalsozialisten und dann die Spaltung Deutschlands, aber auch die globalen Entwicklungen seiner Epoche kritisch begleitet und gedeutet. Klaus Schröter schildert die Lebensgeschichte Thomas Manns und interpretiert die wichtigsten literarischen Werke des Lübecker Patriziersohns – von den «Buddenbrooks» bis «Doktor Faustus», vom «Zauberberg» bis «Felix Krull». Heinrich Mann, geboren 1871 in Lübeck, war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler und Essayisten des 20. Jahrhunderts. Der ältere Bruder von Thomas Mann zeichnete mit seinem Roman «Professor Unrat» ein satirisches Bild der Verklemmungen und Obsessionen des wilhelminischen Kaiserreichs; berühmt wurde das Werk allerdings erst Jahrzehnte später in der Verfilmung unter dem Titel «Der blaue Engel» mit Marlene Dietrich. Mit dem Roman «Der Untertan» gelang Heinrich Mann ein meisterhaftes Porträt der deutschen Untertanenmentalität. 1933 musste der überzeugte Anhänger der Republik aus Nazi-Deutschland fliehen; er engagierte sich im französischen Exil für die Sache der Hitler-Gegner. 1940 floh er weiter in die USA, konnte aber dort nicht noch einmal Fuß fassen. Heinrich Mann starb 1950 in Kalifornien. Klaus Mann, 1906 als ältester Sohn von Thomas und Katia Mann geboren, begann als literarisches Enfant terrible. Nach dem Machtantritt der Nazis 1933 wurde er zu einem wichtigen Repräsentanten der Hitler-Gegner. Mit eigenen Zeitschriften und mit Romanen wie «Mephisto» (1936) und «Der Vulkan» (1939) kämpfte er gegen das Dritte Reich. Seine Autobiographie «Der Wendepunkt» ist eine der eindrucksvollsten Epochenbilanzen der deutschsprachigen Literatur. Er starb 1949, nur 42 Jahre alt, an den Folgen einer Überdosis Schlaftabletten. Die Familie Mann repräsentiert ein Kapitel deutscher Zeit- und Kulturgeschichte. Der britische Diplomat Harold Nicolson nannte die Manns einmal eine «amazing family», eine erstaunliche Familie: voller Talente und Begabungen, Widersprüche und Verwicklungen. Die ungleichen Brüder Heinrich und Thomas Mann, ihre Vorfahren und Geschwister, ihre Lebenspartner und Nachkommen werden im vorliegenden Buch porträtiert. Ihre Biographien verdichten sich zu einer einzigartigen Familienchronik – und zugleich spiegelt sich in den Schicksalen der Familie Mann eine ganze Epoche.
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Seitenzahl: 982
Veröffentlichungsjahr: 2017
Klaus Schröter, Uwe Naumann, Hans Wißkirchen
Die Manns
Klaus Schröter
Thomas Mann
Rowohlt E-Book
1794, den 24. April, nahm die Freie und Hansestadt Lübeck Johann Siegmund Mann, «einen Kaufmann», «zum Bürger Recht an». Ein Stadtschreiber gab der Urkunde am «9. Maii» das «iuravit». Der Eintrag begründete für einhundert Jahre eine glänzende hansisch-patrizische Familiengeschichte.
Johann Siegmund Mann war der Urenkel eines Gewandschneiders und Ratsherrn in Grabow, der, wie die Familienchronik überliefert, «sich sehr gut gestanden hat». Erst sein Sohn ließ sich in Rostock nieder, dort wurden die Manns Kaufleute und gingen als Kauffahrer auf See. Johann Siegmund Mann, der Gründer der hansischen Getreidefirma, brachte es zum ersten «zünftigen» lübischen Titel als «Äldermann der Bergenfahrer» – einer der Genossenschaften, die neben den Schonenfahrern, den Nowgorodfahrern, den verschiedenen Bruderschaften die mittelalterlichen ständischen und beruflichen Korporationen der reichsfreien Hansestadt noch im 19. Jahrhundert verkörperten. Sein Ältester übernahm Firma und Titel, vertrat die Niederlande als Konsul und wurde in die Bürgerschaft gewählt. Johann Siegmund erlebte die Heirat seines Sohnes mit der Tochter des Kaufmanns und Konsuls Johann Heinrich Marty, eines Schweizers, der in Lübeck sesshaft geworden war und das schönste Haus «vorm Burgtor» besaß. Und Johann Siegmund erlebte auch noch, dass aus der Ehe seines Ältesten vier Kinder hervorgingen. Die sehr verschiedenen Lebenswege seiner Enkel konnte er nicht mehr verfolgen: 1848, im Revolutionsmärz, starb er an einem Schlaganfall, wie erzählt wird, den ihm seine Wut über die randalierende «Kanaille» zugezogen hatte.
Der erste Lübecker Bürger unter den Manns hinterließ den Seinen die wohl fundierte Getreidefirma samt Speicherbauten an der Untertrave und ein geräumiges Haus in der Mengstraße, die, eng und mit «Katzenköpfen» bepflastert, vom Hügel der Marienkirche hinab im rechten Winkel auf die Travekais zuführt. Der Gesellschaftssaal im ersten Stock war ausgeschlagen mit «Landschaftstapeten»: Zwischen Baumgruppen hielten Schäferpaare eine verspielte Siesta, hinter den Wiesen und Dörfern schien die Sonne unterzugehen und die idyllische Szenerie in vergilbtes Licht zu tauchen. Durch die hohen Fenster war jenseits der Straße das Monument einer anderen Epoche sichtbar: die gotische Basilika St. Marien. Man überblickte ihre gewaltigen Maße, vom Kapellenchor über die drei Geschosse der spitzbogigen Fenster, über das offene Fächerwerk der Streben bis zum Norderturm. An diesem vorbei, die abschüssige Straße hinunter, war man nach wenigen hundert Metern vom Kontor zum Umschlagplatz an der Trave gelangt.
Hier, in dem Stadthaus in der Mengstraße, wuchsen die vier Manns auf, und nach dem Tod ihres Gatten und der Heirat ihres ältesten Sohnes bewohnte die Konsulin Elisabeth Mann, geb. Marty, das Haus allein. Ihr Ältester war der Kaufmann, Konsul und spätere Senator Thomas Johann Heinrich Mann, geboren 1840; ihr Jüngster hieß Friedrich Wilhelm Lebrecht, von den beiden Töchtern ist Elisabeth Amalie Hippolite zu nennen – weil sie als Tony Buddenbrook zu einer besonderen Berühmtheit geworden ist. – Die Konsulin lebte lange genug, um an dem weiteren Aufstieg ihrer Familie, aber auch an einigen Bedenklichkeiten, die vorfielen, teilzuhaben. Die Tochter Elisabeth ließ sich von ihrem Gatten scheiden, auch eine zweite Ehe, die sie mit einem Eßlinger einging, wurde nicht so glücklich, wie man es sich wünschte. Friedrich Wilhelm Lebrecht entwickelte sich zum schrulligen Tunichtgut, verkehrte schon in Lübeck nicht in angemessener Gesellschaft, machte auf St. Pauli in Hamburg Schulden und konnte sich in den kaufmännischen Beruf seiner Familie durchaus nicht fügen. Hingegen erwarb Thomas Johann Heinrich den Anspruch auf die Adresse «Euer Wohlweisheit», die den Senatoren der reichsstädtischen Republik von alters her gebührte.
Der Stadtstaat Lübeck war souveränes Mitglied des Deutschen Reichs. Gemäß einer Verfassungsurkunde, die zu Lebzeiten Thomas Johann Heinrich Manns als Ergebnis langwieriger Revisionen zustande kam, bildeten Senat und Bürgerschaft die beiden höchsten Staatskörper. Der Senat repräsentierte die Souveränität des Staates, ihm und der Stadt leisteten die Bürger den Treueid. Er besaß die Hoheits- und Jurisdiktionsrechte: ernannte und beeidigte die Richter sowie den größten Teil der Staatsbeamten, besaß das Begnadigungsrecht in Kriminalsachen, führte die Aufsicht über die Verwaltung des Staatsvermögens. Unter den vierzehn Ämtern der Senatoren bekleidete Thomas Johann Heinrich das einflussreichste: das des «Steuersenators», und seine Stimme galt, wenn er etwa den Ausbau der lübeckischen Eisenbahn befürwortete.
Er war ein gebildeter, redegewandter Mann, wenngleich er die Schulausbildung im alten Katharineum vorzeitig hatte abbrechen müssen, um als Juniorchef der Firma J.S. Mann vorzustehen. Er leitete die Firmen- und Staatsgeschäfte mit Umsicht und Tatkraft. Dass er Londoner Anzüge trug, russische Zigaretten rauchte und zu Zeiten, da die Lübecker die schöne Literatur in Emanuel Geibel leibhaftig unter sich vertreten sahen, französische Romane las, bewies seinen Geschmack. – Auf einigen Bällen, Hochzeiten und Polterabenden fiel dem Siebenundzwanzigjährigen eine junge Dame auf, die «einmal ein grünes Tarlatankleid mit weißen Atlasrollen besetzt und weißer Schärpe, und Haideröschen im Haar, trug, dann einmal ein rosa Tüllkleid mit Rosenknospen, ein weißes Mull mit Ponceau-Schärpe, leichtes seidenes Unterkleid, über welches sie weiß Tüll anzog, wieder mit Atlasröllchen garniert». Es war die sechzehnjährige Julia da Silva-Bruhns, die von ihrer Großtante Emma Sievers ausgeführt wurde, mit «tout Lübeck» verwandt war und auf den Festen «immer viel tanzte und überhaupt durch Blumen etc. sehr ausgezeichnet wurde», denn sie selbst war noch schöner als ihre Kleider. Anderthalb Jahre später, 1869, fand die Hochzeit Thomas Johann Heinrich Manns mit Julia da Silva-Bruhns statt. Das Paar bezog ein eigenes neues Stadthaus in der Breiten Straße, die im rechten Winkel von der Mengstraße abzweigt. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor: Am 27. März 1871 wurde Luiz Heinrich geboren, am 6. Juni 1875 Paul Thomas; ihnen folgten 1877 Julia, 1881 Carla und – zwei Jahre vor dem Tod des Senators – 1890 Viktor Mann.
Thomas Mann hat seine Kindheit ohne jede Einschränkung gehegt und glücklich[1] genannt und mehrfach erwähnt, dass er an einem Sonntag um 12 Uhr mittags zur Welt gekommen sei – übrigens nicht in dem neuen Elternhaus in der Breiten Straße, sondern in einem Gartenhäuschen vor der Stadt, das für den Sommer gemietet worden war (beide Stätten bestehen seit der Jahrhundertwende nicht mehr, das Haus des Senators wurde zu einem Bürohaus umgebaut). Ein Fräulein betreute die Kinder und verwahrte das sehr schöne[2] Spielzeug, dem Thomas Mann eigens Erinnerungen gewidmet hat: Der Kaufmannsladen, mit Ladentisch und Waage, war wundervoll, besonders als er neu war und die Schubladen von Kolonialwaren starrten, und der Kornspeicher genau von der Art derer, die meinem Vater drunten an der Trave gehörten – es fehlten nicht die Säcke und Ballen, die man emporwinden konnte (die Kurbel war hinten). Eine vollkommene Ritterrüstung besaß das Kind, und eine vollkommen vorschriftsmäßige blaue Husarenuniform nebst allem Zubehör war ihm eigens vom Schneider angemessen[3] worden. Ein ausgestopftes Fuchs-Pony, Achill geheißen, gab es und wurde zärtlich geliebt: Nicht aus Rittersinn, das weiß ich wohl, sondern aus Sympathie mit der Kreatur, mit seinem Fell, seinen Hufen und Nüstern, – wie ich denn auch im Laufe der Kindheitsjahre mich mit vielen Hunden beschenken ließ, aus Porzellan, Papiermaché und Biskuit, Möpsen, Teckeln und Jagdhunden, die ich mit Atlasschabracken, Flicken aus den Beständen der Schwestern, zu schmücken liebte.[4] Erinnerungen des Dreißigjährigen und schon geprägt von der umfassenden Ironie, die unter der Sympathie mit der Kreatur die Liebe zu dem ausgestopften Pony und den schabrackenbehangenen Biskuit-Möpsen begreifen kann. Einige Jahre später wehrte Thomas Mann in einem Brief öffentliche Vorwürfe ab, die besagten, dass er für das Natürlich-Kreatürliche nicht den geringsten Sinn aufbringe: Ich weiß in aller Ruhe, daß ich nicht naturfern bin.[5] Fast gleichzeitig konnte er von sich als einer geborenen Zimmerlinde[6] sprechen …
Ohne jede Ironie gedenkt Thomas Mann des Puppentheaters, das schon dem älteren Bruder Heinrich gehört hatte. Die Kinder staffierten es aus, Heinrich lieferte die Dekorationen, die deutschen Märchen, vom Fräulein vorgelesen, wohl den Stoff, bei verschlossenen Türen wurden sonderbare Musikdramen aufgeführt. Aber ich darf sagen – fährt Thomas Mann fort –, ich bedurfte zum Spielen des Apparates nicht, sondern war mir mit stiller Genugtuung der unabhängigen Kraft meiner Phantasie bewußt, die nichts mir rauben konnte.[7]
Für die ausgedehnten Stunden seines Träumens, dem vor aller Produktivität gegebenen Zustand der Eindruckssättigung, hatte das Kind ein besonderes Asyl: das Haus der Großmutter, der Konsulin Elisabeth (‹Bethsy›) Mann in der Mengstraße und dessen engen «Stadtgarten». Er lag, von Mauern und Bauten eingeschränkt, hinter dem Haus, und man lief, war erst die Haustür geöffnet, über die fliesenbelegte, hohe und düstre Diele geradewegs auf ihn zu. Am Ende des Gartens stand noch der Walnussbaum, aber der Billardsaal im Hinterhaus, in dem sich der Konsul mit seinen Gästen vergnügt hatte, war zu einem Speicher heruntergekommen – für die Kinder ein rechtes, verfallenes Versteck. Das Elternhaus bot dergleichen nicht.
In die Beckergrube war das gesellschaftliche Leben der Familie hinübergewechselt. Das Stammhaus, mit seinem «dominus providebit» über dem Portal und den arkadischen Tapetenmalereien im Salon, hatte den Glanz nicht gekannt, der hier herrschte. Das neue Haus war erbaut und ausgestattet im bürgerlichen Prunkstil, den die Epoche der «Gründerjahre» diktierte. Über dem Erdgeschoss, das das Kontor beherbergte, lag die Beletage mit dem Ballsaal, dem Wohnraum und dem Salon, einem hellen Erkerzimmer. In ihm stand der Bechstein-Flügel, auf dem die Senatorin spielte oder ihren Liedvortrag begleiten ließ. – Die Mutter bedeutete dem jungen Thomas Mann besonders viel. Nicht nur, dass ihre vielseitigen Neigungen und Begabungen ihm erste «Bildungserlebnisse» vermittelten, ihr Musizieren seine Träumereien anregte, ihre Erzählungen seine Phantasie beschäftigten – ihr Temperament, ihr ganz unlübeckisches Wesen mussten in dem Kind schon früh, und stärker als die weltläufig-geschäftliche Repräsentation des Vaters, den Eindruck der bevorzugten und begünstigten Herkunft wecken. Das Bild der Mutter ist Thomas Mann von der Jugend an bis ins späte Alter stets lebendig geblieben. Er sah es bestimmt durch die beiden Motive der Musikalität und des Weither-Seins.[8] Dem Vater hat Thomas Mann sich erst in reiferen Jahren verglichen, wenn es galt, die eigene Leistung am beglaubigten Ansehen des hanseatischen Patriziers zu messen.
Unsere Mutter war außerordentlich schön, von unverkennbar spanischer Turnüre – gewisse Merkmale der Rasse, des Habitus habe ich später bei berühmten Tänzerinnen wiedergefunden – mit dem Elfenbeinteint des Südens, einer edelgeschnittenen Nase und dem reizendsten Mund, der mir vorgekommen.[9] Julia da Silva-Bruhns war in Brasilien geboren, genau genommen: in seinem tropischen Urwald in der Nähe von Angra dos Reis, während einer Reise der Eltern von einer ihrer Plantagen zur anderen – Senhorita Maria Luiza da Silva, die Mutter, im Tragstuhl, Johann Ludwig Bruhns, der Vater, zu Pferde, voran und im Nachtrab dunkelhäutige Sklaven. Julia war die Tochter eines «großen, blondhaarigen» Deutschen, eines «Mannes von wenig Worten», dessen Verwandte in Lübeck lebten, dessen Vorfahren nordischer Abkunft waren, und einer portugiesisch-kreolischen Brasilianerin. Sie wuchs auf dem Landbesitz ihres Vaters bei Angra auf und hat später ihren Kindern von der exotisch-farbigen Umwelt ihrer ersten Jahre viel erzählen müssen.
Nach dem frühen Tod der Mutter brachte der Vater die Siebenjährige mit drei Geschwistern nach Lübeck. Die Kinder wurden von der Verwandtschaft mit der Frage erwartet: «Wann kamen denn nu Ludwig sin lütten Swatten?!» Sie kamen in Begleitung einer «Negerin» – für Lübeck ein auffälliges Ereignis – und mussten es sich gefallen lassen, dass ihnen auf den Straßen «ganze Züge von johlenden Kindern» nachliefen, bis die Neger-Anna sie mit Bonbons verjagte. – Julia wechselte mit ihren Geschwistern das Glaubensbekenntnis, aus der kleinen Katholikin wurde, gemäß Entscheid des damals zehn- oder elfjährigen ältesten Bruders, eine Protestantin, die jedoch von den sonntäglichen Predigten kein Wort verstand, da sie nur Portugiesisch sprach. Eine kleine, bucklige Gelehrte[10] übernahm Erziehung und Unterricht des Kindes; sie hieß Therese Bousset und leitete ein Mädchenpensionat, über das ihre alte Mutter, Madame Bousset, die wirtschaftliche Oberaufsicht führte. Von ihr lernte Julia das Stricken, und sie hörte die alte Madame ein etwas übertriebenes Hochdeutsch sprechen: «Chott Kind (sie sagte C h ott), du bist doch ein Närrchen», solcher und ähnlicher Wendungen hat sich Julia Mann noch in späteren Jahren erinnert und sie, bei ihrem ausgeprägten Gefallen an Mokanterie, ihren Kindern wohl vorgemacht. – All diese kleinen Geschichten aus der Kindheit und Jugend Julias lagen vor Thomas Manns Geburt, aber sie wurden ihm und seinem Bruder Heinrich anschaulich durch die lebhaften Erzählungen der Mutter, die fortwirkten: Heinrich Mann hat die Erinnerungen «Aus Dodos Kindheit» in seinem Roman «Zwischen den Rassen» verwertet; und Thomas hat das Mädchenpensionat samt seinem Personal für Buddenbrooks «benutzt», in denen Therese Bousset und ihre alte Mutter dann in der Figur Therese-Sesemi Weichbrodts vereinigt sind, der kleinen Lehrerin, die so bucklig war, daß sie nicht viel höher war als ein Tisch, und die dennoch durchaus respektgebietend wirkte: Dazu trug in hohem Grade auch ihre Sprache bei. Sie sprach mit lebhafter und stoßweiser Bewegung des Unterkiefers und einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt und dialektfrei, klar, bestimmt und mit sorgfältiger Betonung jedes Konsonanten. Den Klang der Vokale aber übertrieb sie sogar in einer Weise, daß sie zum Beispiel nicht «Butterkruke», sondern «Botter-» oder gar «Batterkruke» sprach.[11] Sesemi Bousset-Weichbrodt ist es denn auch, die es zu der viel zitierten Wendung Sei glöcklich, du gutes Kend[12] bringt. Die Stoffgeschichte von Buddenbrooks hat ihre Ursprünge in den Kindheitsjahren von Thomas Mann, und aus dem Kreis der Familie war die Mutter die Erste, die buchens- und belachenswerte Fakta für den Roman zusammentrug.
Abends las sie den Kindern vor. Aus einem Mythologie-Buch, das schon ihr zum Unterricht gedient hatte, Abschnitte der homerischen und vergilischen Epen; auch Goethes Gedichte, Erzählungen und Lebenserinnerungen; daneben Andersens Märchen und Fritz Reuters Erzählungen. Das Mecklenburger Platt nahm sich überraschend genug aus in ihrem exotischen Munde, aber sie beherrschte es besser als irgend jemand im Hause, und mit unendlichem Vergnügen folgte ich den Kapiteln des ersten Romans, der sich, breit und humoristisch, vor meinem inneren Auge aufbaute: der «Stromtid». Die «Buddenbrooks» lassen, glaube ich, merken, daß ich damals gut zugehört habe.[13]
Schwerer fasslich in seinen Folgen, für die Geschmackskultur des Jungen jedoch nicht weniger bedeutend, war, was die Mutter Thomas Mann an Musikalischem vermittelte. Julia Mann sagte von sich selbst, dass sie als junges Mädchen «lieber musiziert als gelesen» habe. Nach dem Besuch der ersten Oper (Boieldieu, «Die weiße Dame») meldete sie Fräulein Bousset den Wunsch, «auch Theaterdame zu werden», was natürlich im Hinblick auf Vater, Großmutter, «Oncles und Tanten» energisch verboten wurde. Indessen wurden die Klavierstunden fortgesetzt, und nebenher schulte das Mädchen seine natürliche stimmliche Begabung. Das Lied-Repertoire, das sie beherrschte, war – nach den Erinnerungen Thomas Manns – erstaunlich weit: Meine Mutter hatte eine kleine, aber überaus angenehme und liebliche Stimme, und mit einem künstlerischen Takt, der das Sentimentale so selbstverständlich wie das Theatralische ausschloß, sang sie sich und mir, nach einem reichen Vorrat von Noten, alles Hochgelungene, was diese wundervolle Sphäre von Mozart und Beethoven über Schubert, Schumann, Robert Franz, Brahms und Liszt bis zu den ersten nachwagnerischen Kundgebungen zu bieten hatte. Ihr verdanke ich eine nie verlorene Vertrautheit mit diesem vielleicht herrlichsten Gebiet deutscher Kunstpflege.[14] Das Kind kauerte stundenlang in einem der hellgrau gesteppten Fauteuils[15] des Erkersalons, aber – anders, als die dichterische Spiegelung dieser Stunden in Hanno Buddenbrooks Musikerlebnis es wiedergibt – es war nicht das üppige, wunderlich pomphafte «Meistersinger»-Vorspiel[16], dem es lauschte, sondern die mondäne Romantik Chopin’scher Etüden und Notturnos und die sensitive Ironie des Ausdrucks in Gedichten von Heinrich Heine[17], vertont von Schumann und Eduard Lassen. Ganz unter dem Einfluss von Heines freirhythmischem «Nordsee»-Zyklus und mit dem Einschlag seiner Ironie schrieb Thomas Mann, achtzehnjährig, das erste Poem (Zweimaliger Abschied), das unter seinem vollen Namen veröffentlicht wurde …
Die Musikpflege im Hause Mann war alles andere als dilettantisch. Der Erste Kapellmeister des Lübecker Stadttheaters, Alexander von Fielitz, verkehrte hier freundschaftlich und musizierte mit der Senatorin; ein Geiger seines kleinen Orchesters unterrichtete den Jungen im Violinspiel. Noch der Dreißigjährige hat es, in den Münchner Jahren, mit den Brüdern Paul und Carl Ehrenberg, mit Arthur Holitscher, auch mit Ernst Bertram, in Duos und Trios ausgeübt und erst später zugunsten jenes Improvisierens «auf dem Blüthner» aufgegeben, dessen sich seine Kinder erinnerten. Während Monika Mann der Vorliebe ihres Vaters für die Liedkompositionen von Schubert, Brahms, Strauss und Wolf gedenkt, hat Klaus Mann seinen Bericht wohl um der Pointe willen vereinfacht: «Es war immer der gleiche Rhythmus, zugleich schleppend und drängend, immer das gleiche chromatische Crescendo, das gleiche Werben und Locken, die gleiche Erschöpfung nach todestrunkener Ekstase. Es war immer ‹Tristan›.» So vorbehaltlos hat sich Thomas Mann dem Genuss der Wagner’schen Musik nur in den Jahren der Jugend hingegeben – vor seiner Begegnung mit Nietzsches Schriften. Schon in Buddenbrooks wird Wagner zugleich geliebt und bespöttelt, das heißt: Das Erlebnis seiner opulenten Musik wird reflektiert – und gewinnt gerade auf diese Weise den intellektuellen Reiz, der Thomas Manns Interesse an Wagner bis zuletzt wach hielt: sodass er nach der Tristan-Novelle – in der Frau Klöterjahn im Sanatorium Einfried, bei leidlichem Gesundheitszustand, Chopin’sche Notturnos spielt und den tödlichen Blutsturz erst erfährt, nachdem sie sich zu ausgiebig mit dem Liebesduett aus «Tristan und Isolde», 2. Akt, beschäftigt hat – die Komposition seiner Joseph-Erzählungen immer von der Erinnerung an Wagners grandiosen Motivbau[18] (im «Ring des Nibelungen») bestimmt fand. Noch der Fünfundsiebzigjährige bekannte, nach allen kritischen Äußerungen, die er in dazwischen liegenden Jahren gegen Wagner erhoben hatte, dass seine Musik für ihn ein Thema ohne Ende sei; zwar, den 2. Akt des «Tristan», mit seinem metaphysischen Wonneweben[19], lehnte er jetzt ab, auch die Pariser Venusbergmusik und manches andere. In seinen Tagebüchern urteilt er im abgekürzten Verfahren: die Venusberg-Musik […]. Durchaus geschlechtliches Produkt einer unsauberen Welt. (27.11.1936) Oder Siegfried penetrant nazihaft. (30.8.1946) Aber im Ganzen lautet der Schluss: Ich werde eben wieder jung, wenn es mit Wagner anfängt.[20]
Es fing an mit den Wagner-Aufführungen, denen der Schüler im Lübecker Stadttheater beiwohnte. Der später gefeierte Tenor Emil Gerhäuser sang die Heldenpartien des Tannhäuser, Walther Stolzings und des Lohengrin. Und wenn auch der Klang des kleinen Orchesters nicht sehr rein war, wenn auch der Schwan manchmal ein bißchen ruckweise herangeschwommen kam oder ein Mitglied der Brabanter Gentry immer mit dem Zeigefinger taktierte – der Knabe war entrückt, war glücklich, war, wie der Franzose sagt, «transporté».[21] Besonders die erste «Lohengrin»-Aufführung begnadete ihn mit allen Schauern der Romantik.[22]
Die Theaterbesuche fanden bereits in den ersten Schuljahren statt, vielleicht fällt daher in den Erinnerungen ein so besonderer Glanz auf sie. Denn die Schule hat Thomas Mann gehasst. Er durchlief die Vorschule und die Realgymnasialklassen des Lübecker Katharineums, einer im 16. Jahrhundert gegründeten Bildungsanstalt, deren düstre Gebäude, im preußischen Kasernenstil, sich an die Südfront der gotischen Katharinenkirche lehnen. Wir Jungen hatten in unerfreulichen Turnhallen das Geräteturnen zu üben, das aus der Zeit des Vaters Jahn und der Jugendertüchtigung zum Kriege gegen Napoleon übergekommen war. Wir taten es allenfalls in Hemdsärmeln, aber, unglaublicherweise, mit steifem Kragen und womöglich mit gestärkter Hemdbrust unter der Aufsicht eines Turnlehrers mit rotem Bart, einem Zwicker und versoffener Kommandostimme.[23] Alles andere war ebenso unersprießlich. Thomas Mann verdankte dem zwölfjährigen Lehrgang nicht mehr als einige grammatische Handhaben, die ihm das Erlernen fremder Sprachen später erleichtern mochten.
Der Klassenlehrer des Untersekundaners war die Ausnahme in dem Ganzen, der Anstalt[24]. Er vermittelte dem Fünfzehnjährigen die Bekanntschaft mit Schillers Balladen, die der alte Baethcke als unvergleichliche Lektüre anzupreisen pflegte: «Das ist nicht das erste-beste, was Sie lesen, es ist das Beste, was Sie lesen können!»[25] Gewiss war es kein außergewöhnliches Verdienst, das der Lehrer sich durch diesen Hinweis erworben hat, denn Schiller war im 19. Jahrhundert, anders als Goethe, unumgänglich, und Thomas Mann wäre seinem Werk jedenfalls begegnet. Dass er sich dennoch dieses einen Lehrers, mehrmals und noch im hohen Alter, freundlich erinnert, bezeugt allein die Achtsamkeit seines Gedächtnisses und darüber hinaus Thomas Manns Bereitschaft, Förderungen, wo sie ihm zuteil wurden, dankbar anzuerkennen.
Die Person des Deutschlehrers mag sich auch aus anderen Gründen Thomas Mann eingeprägt haben: Baethcke stand in politischer Opposition zu seiner Umwelt. Gustav Hillard, Schüler des Katharineums wie Thomas Mann, hat den Achtzigjährigen bei seinem letzten Lübecker Aufenthalt an den Ordinarius in der Untersekunda erinnert: «Als unerschütterlicher Fortschrittsmann hielt er in der Bürgerschaft Oppositionsreden gegen einen hohen national-liberalen Senat. Sie schlossen mit französischen Zitaten, die er wie vor der Klasse sofort übersetzte: ‹Qui s’excuse, s’accuse. Das heißt zu deutsch: Wer sich verteidigt, klagt sich an, Herr Senater.›» – Neben Schillers Balladen hat Ludwig Hermann Baethcke wohl mit Bedacht die Aufmerksamkeit der Schüler auf das Freiheitspathos und -verlangen im «Don Carlos» gerichtet und sie mit Warnungen versehen, wie der Marquis Posa seinen Prinzen: «Sagen Sie Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird, Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte Gerühmter besserer Vernunft das Herz Der zarten Götterblume» – Verse, die Thomas Mann in seiner Schiller-Rede von 1955 wiederholt und die ihn zu dem Ausruf bewegen: «Don Carlos» – wie könnte ich je die erste Sprachbegeisterung meiner fünfzehn Jahre vergessen, die an dem stolzen Gedicht sich entzündete![26] Aber nicht nur die Begeisterung für den unvergleichlich rührenden Tonfall[27], den Schiller hier entfaltete, sondern ebenso wohl der Sinn für die moralische Mahnung muss dem jungen Thomas Mann einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben: Das zeigt der Vortrag Meine Zeit, 1950 in Chicago gehalten, in dem sich die Erinnerung an die frühe Schiller-Lektüre unversehens mit einem Rückblick auf die politischen Zustände in dem Lübeck seiner Schulzeit mischt: Es war die Zeit der alljährlichen Sedan-Feier am 2. September, des bismarcktreuen National-Liberalismus, der schon oppositionelleren Freisinnspartei unter Eugen Richter, zu der merkwürdigerweise auch ein oder der andere klassisch gerichtete und an Schiller orientierte Oberlehrer unseres Gymnasiums sich bekannte, und der bedrohlich heranwachsenden Sozialdemokratie August Bebels, die damals – ich muß es aus lebendiger Erinnerung feststellen – in der Phantasie des Bürgers genau die Rolle spielte, die heute dem Bolschewismus zugefallen ist: Sozialdemokratie, das war der Umsturz, das äußerste Sansculottentum, die Enteignung der Besitzenden, die Kulturzerstörung, Zerstörung überhaupt, und ich weiß noch, wie unser Schuldirektor einige böse Buben, die Tisch und Bänke mit ihren Taschenmessern zerschnitten hatten, in einer Strafpredigt anherrschte: «Ihr habt euch benommen wie die Sozialdemokraten!» Alles lachte in der Aula, auch die Lehrer, aber er donnerte: «Da ist nichts zu lachen!»[28]
Lübeck war, nach der «Reichsgründung» von 1871, Bundesstaat des Deutschen Reichs. Es hatte seine Militärhoheit bereits 1867, ein Jahr nach seinem Anschluss an den Norddeutschen Bund, durch Konvention an Preußen abgetreten, und der Geist, der während der Kaiserzeit in ihm herrschte, war nicht mehr so «frei», wie der alte Titel der Hansestadt besagte. Der Aufbau der Ämter, von der Steuer bis zur Post, geschah nach preußischem Muster. Und der donnernde Direktor in seiner Aula – es wird derselbe sein, der in Buddenbrooks die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu höchster Würde bringt und den kategorischen Imperativ unseres Philosophen Kant als Banner in jeder Festrede bedrohlich entfaltete[29] – ahmte nur das Reglement der neu errichteten lübeckischen Garnison des zum 9. preußischen Armeekorps gehörigen 3. Bataillons des 2. hanseatischen Infanterieregiments Nr. 76 nach. Die Offiziere der Garnison verkehrten im Stadthaus des Senators Mann und machten in seinem parkettierten Ballsaal den Töchtern des Patriziats den Hof[30].
Man war nicht grundsätzlich anti-preußisch gesonnen im Hause Mann, weder der Vater noch seine beiden Ältesten. Thomas opponierte gegen die Abrichtungsmethoden der preußisch regierten Schule, weil sie sein Bedürfnis nach viel freier Zeit für Müßiggang und stille Lektüre einengten.[31] Er hatte als Kind, an der Hand des Fräuleins, den ersten preußisch-deutschen Kaiser als ein nationales, majestätisch-mildes Idol[32] in einem Extrazug Lübeck passieren und für einige Minuten in der verräucherten Bahnhofshalle anhalten sehen. Als Schüler erlebte er einen Staatsbesuch des jungen Kaisers, Wilhelms II. Und es mag nicht nur die eigene rückblickende Bewertung, sondern der schon damals wirksame Einfluss des väterlichen Urteils sein, wenn Thomas Mann in seiner Erinnerung die Gestalt Wilhelms II. zurücktreten lässt hinter einen Mann seines Gefolges, den alten Feldmarschall von Moltke: Als der von Orden in Brillanten funkelnde Erbe des Kaiserthrons nach dem Galadiner an einem offenen Fenster des Rathauses von der auf dem Marktplatz sich drängenden Menge genugsam bejubelt war, erschien auch Moltke dort und erzeugte, gern oder ungern, einen noch brausenderen Ausbruch von Begeisterung […] Ein Bürger im Festkleid schwenkte zur Anfachung des Jubels seinen Chapeau claque über des alten Strategen Haupt und bekam den Roten Adlerorden vierter Klasse dafür.[33]
Moltke, der «Schlachtendenker», wie man ihn nannte, war, als Stratege, das Beispiel für den Politiker, den Senator Mann und später sein Sohn Heinrich verehrt haben und den auch Thomas zu den Großen[34] zählte: Otto Fürst Bismarck, den «Reichsgründer». «Mein Vater» – so erinnert sich Heinrich Mann – «las die Zeitung: eine neue Rede des Fürsten. Sie sollte lange in aller Munde bleiben, besonders der Satz: ‹Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt.› Senator Thomas Heinrich Mann, geboren 1840, war skeptisch wie sein Jahrhundert. Er schnob Luft aus und meinte lakonisch: ‹In Wirklichkeit fürchten wir manches.› Dies mit Zärtlichkeit für den gewagten Ausspruch und seinen Urheber.» Eine Szene aus dem Februar des Jahres 1888; Bismarck hatte vor dem Reichstag über die politische Lage gesprochen. Wer ihm und den Grundsätzen seiner Realpolitik anhing, konnte dem theatralischen Gebaren Wilhelms II. nicht gewogen sein.
Man hat es bisher versäumt, sich im Einzelnen Rechenschaft darüber abzulegen, welche politischen Meinungen den jungen Brüdern Mann nahe gebracht worden waren. Im Fall Thomas’ hielt man sich an die Kritik der Verpreußung und Enthumanisierung des neudeutschen Gymnasiums, wie sie in Buddenbrooks ausgesprochen und in den Betrachtungen eines Unpolitischen[35] erneut gerechtfertigt wird; im Fall Heinrichs genügte «Im Schlaraffenland» als Beweis seiner oppositionellen Haltung von Anbeginn. Hingegen hat Thomas bereits in seinen Betrachtungen Bismarck gegen Nietzsches Angriffe verteidigt und im Alter nicht gezögert, ihn als einen der Drei Gewaltigen[36] deutscher Geschichte neben Luther und Goethe zu stellen. Auch Heinrich trat in den Betrachtungen seiner hohen Jahre, in «Ein Zeitalter wird besichtigt», unbedingt für Bismarck ein; als er es tat, berief er sich auf Eindrücke seiner Jugend: «Man empfängt eine Religion sehr früh, lernt sie wohl beurteilen, und bekennt dennoch sie oder ihr Andenken bis ans Ende.» – Bismarcks Entlassung erfolgte 1890. Zwei Jahre später starb der Senator Mann; seine Söhne, durch den Vater angeleitet, haben sich von dem Wirken des Reichskanzlers noch eine lebendige Anschauung erwerben und erhalten können. Wenn sie, als hanseatische Patriziersöhne, den Pomp der kaiserlichen Auftritte belächeln mochten – Bismarcks Reden, denen wirtschaftliche Ziffern zugrunde lagen, gaben ihnen von der befestigten Macht Deutschlands einen Begriff. Einige Jahre später, in kritisch-publizistischen Arbeiten der jungen Schriftsteller, finden sich davon die Folgen. Ja, ihre Essays der Jahre 1895–96 dokumentieren einen weit über den vergleichsweise liberalen Nationalismus bismarckischer Prägung hinausgehenden Pangermanismus, wie ihn die «Alldeutschen» proklamierten; die jungen Hanseaten gerieten unter seinen Einfluss, als ihnen die «skeptisch»-strenge Aufsicht des Vaters entzogen war und sie ihre enge Heimatstadt verlassen hatten.
Der Tod des Vaters, am 13. Oktober 1891, war das einschneidende Ereignis für die Familie. «Unser Vater» – so fasst Viktor Mann in «Wir waren fünf» die Lebensgeschichte des Senators zusammen – «bedeutete ohne Zweifel den Höhepunkt der Mannschen hochbürgerlichen Periode und sein früher Tod war ein Ende dieser Zeit ohne langsamen Abstieg und Verfall, die eine dichterische Lizenz der Buddenbrooks sind.» Thomas sah in ihm den Mann der Selbstbeherrschung und des Erfolges, der es früh zu Ansehen und Ehren brachte in der Welt[37], er erinnerte sich an seine Würde und Gescheitheit, seinen Ehrgeiz und Fleiß, seine persönliche und geistige Eleganz[38], fügte jedoch hinzu, dass der Senator an dem Gang seiner Privatgeschäfte seit Jahren schon nicht mehr viel Freude gehabt habe.[39] Thomas Johann Heinrich Mann hatte die Firma, gemäß Kontrakt vom 1. Januar 1863, nicht mehr allein von seinem Vater übernommen, Vermögen und Verbindlichkeiten waren für 45500 Courant-Mark an ihn und den bisherigen Prokuristen Georg Thorbahn übergegangen.
Die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung Lübecks in den folgenden Jahrzehnten begünstigte den Geschäftsgang nicht. Die Vorrechte der Zünfte und Handelsgenossenschaften wurden 1866 aufgehoben, die billigen Importe russischen Getreides 1878 durch Schutzzölle eingedämmt. Durch den 1887 begonnenen Bau des Nordostseekanals gewann der Marinehafen Kiel an Bedeutung. Der starke Aufschwung des Exports industrieller Erzeugnisse während der Gründerjahre kam dem Überseehafen Hamburg und dem Ostseehafen Stettin, als dem natürlichen Hafen für Berlin und seine Industrien, zugute. Lübeck konnte sich gegen seine Konkurrenten nicht behaupten; der schleppende Gang der Privatgeschäfte des Senators war eine Folge des wirtschaftlichen Rückgangs, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Lübeck eingesetzt hatte. – Dass von den geschäftlichen Sorgen im engeren Familienkreis des Senators gesprochen wurde, erweist nicht nur die Erinnerung Thomas Manns; ein Brief des alten Heinrich Mann an seinen Bruder Viktor, den Chronisten der Familie, trägt zu dem Bild des Vaters bei: «‹Ich hätte gern noch etwas gelebt›, sagte er. Weitergelebt, meinte er, mit allem was er kannte und anders nicht dachte. Auch Sorgen waren ein Teil des gesicherten, beständigen Daseins. Eine Katastrophe war die denkwürdige Ausnahme. Den Buchhändler Grautoff, der Bankrott gemacht hatte, zeigte Papa mir auf der Straße als einen Vernichteten.» Unmittelbarer als Heinrich mussten Thomas solche unheimlichen Nachrichten aus der Geschäftswelt angehen: Der Vater hatte ihn ursprünglich zum Erben der Firma bestimmt, erst sein Testament verfügte es anders.
Der Senator starb an einer Blutvergiftung, der sechzehnjährige Thomas Mann war anwesend. Zwei Jahre zuvor hatte den Jungen der Tod der Großmutter bewegt, in deren Haus und Garten er gespielt und von deren Ende er den düstren Prunk der Aufbahrung und Bestattung gesehen hatte. Jetzt erlebte er, zum ersten Mal, das Sterben eines Nächsten: Als der Hauptpastor von Sankt Marien zu Lübeck, im Priesterkleide am Sterbebett meines Vaters kniend, sich in lauten Gebeten erging, sprach der Sterbende, nach einigem unruhigen Kopfwenden, ein energisches «Amen!» in die frommen Redereien hinein. Der Geistliche ließ sich dadurch nicht stören und tat des Amens sogar in seiner Grabrede lobend Erwähnung, während es doch, wie mir, dem halbwüchsigen Jungen, sofort klar gewesen war, nichts weiter bedeutet hatte als «Schluß!»[40] – In mittleren Jahren nach seinem religiösen Erleben befragt, hat Thomas Mann der Sterbestunde seines Vaters gedacht; sie hat in ihm den Gedanken an den Tod geweckt, der ihm der vertrauteste wurde, sodass er, späterhin beglaubigt und erklärt durch die Metaphysik Schopenhauers, hinter allem stand[41], was Thomas Mann dachte und schrieb. Er bedurfte des kirchlichen Zeremoniells nicht, um das Religiöse zu erleben; der Gedanke an den Tod stand ihm höher als jedwede frommen Redereien: das religiöse Problem ist das humane Problem, die Frage des Menschen nach sich selbst[42].
Ob Thomas Mann in der Todesstunde seines Vaters bedenken mochte, dass jenes «Schluss!» mehr als die Abwehr des amtierenden Pastors bedeutete? Dass es auch das Ende der «Mann’schen hochbürgerlichen Periode» ansagte? Das Wort, einprägsam wie die Stunde, in der es gesprochen wurde, mag jenem Abschnitt in Buddenbrooks zugrunde liegen, in dem geschildert wird, wie der kleine Hanno, nachdem er seine Augen noch einmal über das ganze genealogische Gewimmel[43] seines Stammbaums hatte hingleiten lassen, den doppelten Schlussstrich unter seinen Namen zieht, in dem Glauben, es käme nichts mehr …[44] Man ist berechtigt, dies anzunehmen, zumal Thomas Mann über die erste Konzeption des Romans bekannt hat: Ich erinnere mich wohl, daß, was mir ursprünglich am Herzen gelegen hatte, nur die Gestalt und die Erfahrungen des sensitiven Spätlings Hanno waren, – eigentlich also nur das, was aus frischer Erinnerung, aus dichterischer Introspektion geleistet werden konnte.[45]
Als das Testament eröffnet wurde, erwies sich, in welchem Sinn der Senator das Ende der Familie und des Geschäfts vorbedacht hatte: «Ohne jede Äußerung des Unmuts stellte er fest» – berichtet Viktor Mann –, «dass seine ältesten Söhne ihren künstlerischen Neigungen folgen würden, bedauerte nur, dass sein Jüngster noch in der Wiege läge, da solche Nachgeborenen oft recht gute wirtschaftliche Fähigkeiten hätten, verfügte mit präziser Umsicht die Liquidierung der großen Firma und die sichere Anlage des bedeutenden Erlöses und bestimmte Erbteile, Mitgiften, Auskehrungen und Verwaltung.» Knapp einhundert Jahre nach dem Erwerb des lübischen Bürgerrechts durch Johann Siegmund Mann beschloss sein Enkel willentlich die bürgerliche Tradition einer Familie, deren Oberhaupt er war und deren Namen er, der Kaufmann, Konsul und Senator, in den Grenzen des Stadtstaates zu höchstem Ansehen gebracht hatte. Als sie das Alter ihres Vaters erreicht hatten, war der Name der Söhne Thomas und Heinrich über die Grenzen ihres Landes der Welt bekannt.
Thomas Mann. Lyrisch-dramatischer Dichter[46] – so lautet die Unterschrift des ersten erhaltenen Briefes vom 14. Oktober 1889. Der Zusatz leitet die Reihe der frühen ironischen Selbstcharakteristiken Thomas Manns ein. Er wurde in den Tagen geschrieben, als Lübeck von einem besonderen Ereignis erfüllt war: Fünf Jahre nach seinem Tod setzte man Emanuel Geibel ein Denkmal. Er war der lyrisch-dramatische Dichter, dessen «klarem, nie versagenden, an den Alten geschulten Schönheitsgefühle, mit dem er alle seine Stoffe verklärte», der Zeitgeschmack huldigte. Thomas und Heinrich Mann huldigten ihm nicht. Heinrich Mann, der in diesem Jahre 1889 die Schule ohne das Abitur hinter sich gebracht hatte, begann in Dresden eine buchhändlerische Lehre – und er begann mit ersten schriftstellerischen Versuchen: Unter ihnen finden sich Glossen voller Hohn über das Geibel-Monument in Lübeck, über den «namhaften Lyriker», der eine «frühere Generation begeistert» haben mochte. Thomas Mann, der dem älteren Bruder in seinen Jugendjahren sehr eng verbunden, ja anhänglich ergeben war und mit dem jungen Buchhändler in Dresden lange Briefe[47] wechselte, teilte seine Meinungen; auch die über Geibel. Als Knabe war er dem Dichtergreis in Travemünde begegnet, war von ihm sogar (um meiner Eltern willen[48]) freundlich angeredet worden; der Erinnerung an diese Begegnung fügte Thomas Mann die hübsche Anekdote hinzu: Als er gestorben war, erzählte man sich, eine alte Frau auf der Straße habe gefragt: «Wer kriegt nu de Stell? Wer ward nu Dichter?» – Nun, […] niemand hat «de Stell» bekommen, «de Stell» war mit ihrem Inhaber und seiner alabasternen Form dahingegangen, der Laureatus mit dem klassisch-romantischen «Saitenspiel» konnte keinen Nachfolger haben.[49]
Damals, als der dahingegangene Laureatus durch sein Denkmal geehrt wurde, als Heinrich seine ersten Erzählungen niederzuschreiben begann, bereitete sich Thomas Mann auf seine Laufbahn als Schriftsteller vor. Nach den Märcheninszenierungen auf dem Puppentheater entwarf der Schüler Dramen, von denen einige Titel überliefert sind: Aischa, Mich könnt ihr nicht vergiften[50] und Die Priester[51], das letzte soll antiklerikal gewesen sein und war, unter dem Eindruck der Schiller-Lektüre, wohl eine Nachahmung des «Don Carlos».[52] Die Stücke dienten der Familienunterhaltung. Lediglich einige Poesien, Liebeslyrik, an einen Klassenfreund und an eine Tanzstundenpartnerin gerichtet, waren in der Schule bekannt geworden und schadeten Thomas Manns Ansehen sehr.[53] Man erwartete von dem Erben der väterlichen Firma anderes.
Erst nach dem Tod des mit furchtsamer Zärtlichkeit[54] geliebten Vaters wagte der Schüler mit seinen Versuchen hervorzutreten: Es scheint, als habe Thomas Mann die testamentarische Verfügung der Firmenliquidierung von einer ängstlich erwarteten Last befreit. Er hat ausdrücklich bekannt, dass er das letzte knappe Jahr, das er nach dem Tod des Vaters in Lübeck verbrachte, in heiterer Erinnerung[55] behalten habe. An dem Glanz und fest gefügten Ansehen des Elternhauses muss dem jungen Thomas Mann wenig gelegen haben; jedenfalls trauerte er dem Verkauf des «Stadthauses» nicht nach, beklagte auch nicht den Wechsel in bescheidenere[56] Verhältnisse (die Mutter bezog für einige Monate eine Gartenvilla vor dem Tore[57] und verließ Lübeck bald ebenso endgültig wie Heinrich, der seine Vaterstadt als Einundzwanzigjähriger, nämlich aus Anlass der Beerdigung des Senators, zum letzten Mal in seinem Leben betreten hat). Die Sommermonate des Jahres 1893 verlebte Thomas Mann als Pensionär bei einem Gymnasialprofessor. Dann folgte er der Mutter und den jüngeren Geschwistern nach München.
In Lübeck war nur noch der Abschluß der Schulstudien zu erreichen, ein notdürftiger Abschluß[58], wie Thomas Mann gestand: Er «machte» nur «das Einjährige» und ging aus der Obersekunda ab. Faul, verstockt und voll liederlichen Hohns über das Ganze: so saß ich die Jahre ab, bis man mir den Berechtigungsschein zum einjährigen Militärdienst ausstellte.[59] Das alles hört sich nach einem überhasteten Aufbruch an, der unter der strengeren Aufsicht des Vaters vielleicht nicht möglich gewesen wäre. Doch schon der ältere Bruder hatte den Schuldienst nach der Versetzung in die Unterprima quittiert, und so mochte auch Thomas Mann das Abitur von Anfang an erlassen worden sein …
Man muss sich den Sekundaner nicht allzu verstockt[60] oder gar gequält vorstellen. Konsul Julius Harms, ein Klassenkamerad, wusste Gustav Hillard zu berichten, dass Thomas Mann sich an den Schüleraufführungen gern beteiligt hat und dass er die empfänglichen Mitschüler durch seinen Witz und seine besondere mimische Begabung unterhalten und zu allerlei Ulk angeregt habe. – In seinem Spott über die Anstalt und deren Beamte, den Lehrkörper, vereinigte er sich mit dem Sohn des fallierten Buchhändlers, Otto Grautoff. Mit ihm zusammen gab Thomas Mann während des letzten Lübecker Sommers, heiteren Erinnerns, den «Frühlingssturm» heraus, eine «Monatsschrift für Kunst, Litteratur und Philosophie».[61] Die Einleitung zu ihr, von Thomas Mann geschrieben, hält etwas von dem Geist der Opposition gegen Schule und bourgeoise Umwelt fest, der die Jungen belebte: Das würdige Lübeck sei eine gute, eine ganz vorzügliche Stadt, aber verstaubt; und so wollten die Gymnasiasten hineinfahren mit Worten und Gedanken in die Fülle von Gehirnverstaubtheit und Ignoranz und bornierten, aufgeblasenen Philistertums.[62] – Solche Aufsässigkeit musste mit einem falschen Namen gedeckt werden: Thomas Mann hat seine Beiträge in der Lübecker Monatsschrift mit seinem ersten und einzigen Nom de plume: Paul Thomas, unterzeichnet.
Paul Thomas lieferte Reim- und Prosastücke. Sein Vorbild war Heinrich Heine, in dessen liedhaften Takt er eigene Gedichte fügte, dessen zwischen Hohn, Spott und Ironie schwebenden polemischen Ton er schon in den ersten kritischen Aufsätzen anzuschlagen verstand. Doch Thomas Mann hatte bereits damals von Heine mehr aufgenommen als die lyrisch-kritischen Formalien: Er kannte seine Prosaschriften; und Anklänge an Heines kulturkritische Ansichten lassen sich im gesamten Werk Thomas Manns feststellen. Die Gestalt Mosis etwa, in der späten Novelle Das Gesetz, trägt Züge, die Heine dem Stifter der Zehn Gebote zugeschrieben hat, Thomas Manns Goethe-Bild trifft zuweilen mit dem zusammen, das Heine in seiner «Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland» entworfen hat. Am entscheidendsten aber hat Heines Verehrung für Martin Luther auf Thomas Manns lebenslange Auseinandersetzung mit dem Protestantismus eingewirkt; von dieser Wirkung lässt bereits Thomas Manns frühestes Bekenntnis zu Heine etwas spüren: Im zweiten Heft des «Frühlingssturms», vom Juni/Juli 1893, nahm Paul Thomas seinen Heine[63] gegen eine unzulängliche «Würdigung» in Schutz, die ein Dr. Conrad Scipio im Beiblatt des «Berliner Tageblattes» veröffentlicht hatte. Nach Thomas Manns Ansicht handelte es sich da um einen mäßig stilisierten Artikel, in dem der Verfasser aus Leibeskräften bewies, das lockere Privatleben Heine’s müsse man demselben unbedingt verzeihn, weil er doch im Grunde ein guter Protestant und ein guter Patriot – und was der Komplimente noch mehr waren – gewesen sei.[64] Man erkennt, dass schon der junge Thomas Mann nicht gewillt war, die simplen Normen eines wilhelminisch-bürgerlichen Sittenrichters zu übernehmen; vielmehr setzte er zum Angriff gegen das bornierte Philistertum[65] an, das sich hier aussprach: Es ist zu lächerlich! Glaubt denn dies Menschlein wirklich, dem toten Harry Heine einen nachträglichen Gefallen zu erweisen, wenn er ihm solche Beschränktheiten nachsagt?! – Und was das für Beweise waren! – Weil Heine mit Begeisterung von Martin Luther spricht, ist er ein Protestant! […] – Heinrich Heine, mein lieber Herr Doktor, bewunderte Napoleon, trotzdem er ein geborener Deutscher war, und er bewunderte Luther, trotzdem er kein Protestant war.[66]
Der Achtzehnjährige erwies eine erstaunliche intellektuelle Reife: Er verstand die Haltung des Bewunderns sehr richtig als die Hinneigung zu etwas Fremdem, als einen Akt des Verstehens aus dem Abstand und damit als eine wesentliche Eigenart des Künstlers, der die Beschränktheit seiner Vorstellungen überwindet, indem er bewundert. Der romantische Begriff der Sehnsucht, das geistige Thema des Tonio Kröger, der Königlichen Hoheit, ja noch des Zauberberg und des Doktor Faustus, klingt hier vor und zugleich ein Leitwort des reifen Thomas Mann, dasjenige des Interesses …
Thomas Mann hat nie einen großen Essay über Heine geschrieben. Indessen gibt es verstreute Zeugnisse seiner Beschäftigung mit ihm: Gelegentlich einer Rundfrage, in einer Notiz über Heine (1908), nennt er ihn den genialsten deutschen Prosaisten bis Nietzsche.[67] Noch in den Betrachtungen werden beide verglichen, und wenn er in Heines Psychologie des Nazarener-Typs[68] eine Antizipation Nietzsche’scher Erkenntnis sieht, so war dieser Zusammenhang auf doppelte Weise begründet: Nicht nur, dass Nietzsche in Heine einen Vorgänger anerkannt hatte – Thomas Mann selbst hat Heines Schriften viel früher als diejenigen Nietzsches kennen gelernt, so mochte ihm jener wohl als der Antizipator des pessimistischen Kulturphilosophen erscheinen. Und obgleich Thomas Mann dem Philosophen an kritischen Einsichten mehr verdankte als Heine, er ist dem unterhaltendsten Deutschen[69] stets anhänglich geblieben. Während der Arbeit am Zauberberg wiederholte er sich gern die Verse aus Heines «Firdusi»: «Deines Liedes Riesenteppich – zweimal hunderttausend Verse.» Und noch während der Arbeit am Doktor Faustus, die seine Kritik aller deutsch-romantischen Sehnsucht einbegriff, notierte Thomas Mann: Ich las viel Heine nach um diese Zeit, die Feuilletons über deutsche Philosophie und Literatur, auch über die Faust-Sage.[70]
Henrik Ibsens Spätwerk «Baumeister Solness» wurde von Paul Thomas im «Frühlingssturm» rezensiert: das Drama des künstlerischen Bankrotts vor dem Leben – Solness-Absturz[71] wurde Thomas Mann die Chiffre für ästhetizistisches Versagen. Anders als die literarische Doktrin es wollte, begriff Thomas Mann in dem «naturalistischen» Spätwerk Ibsens die symbolistischen Züge. Er wurde auf sie durch den Theoretiker der Avantgarde hingewiesen: Hermann Bahr. Ihm hat Thomas Mann sein erstes Prosastück Vision (Juni/Juli 1893) gewidmet; ein Zeichen für die Beachtung, die er dem berühmten Kritiker schenkte.
Bahr hatte 1891 der Reihe seiner Schriften «Zur Kritik der Moderne» den zweiten Band «Die Überwindung des Naturalismus» hinzugefügt. Der Titel verrät das Programm: Zehn Jahre nach dem Erscheinen von Émile Zolas «Le Roman expérimental», der Theorie des naturalistischen Romans, wurde von Bahr dem Naturalismus das Ende angekündigt, «die neue Psychologie, die neue Romantik, der neue Idealismus» wurden von ihm propagiert. Bahr ließ die Anwendung des von den Naturwissenschaften und der Soziologie der Zeit begründeten Kausalitätsprinzips als Richtmaß literarischer Darstellung nicht mehr gelten; jeder Determinismus des Denkens wurde von ihm verworfen und statt seiner die psychologische Analyse vom Schriftsteller gefordert, die Zergliederung «subtiler» Besonderheiten und «nervöser» Reize.
«Nerven», «nervös», das Stichwort der «dekadenten» Epoche ist damit gefallen. Thomas Mann griff es auf. Die Nerven sind es, die des feuchten Haares leiser Duft bestrickend umschmeichelt[72] (im ersten Gedicht Zweimaliger Abschied); und seine erste Prosa-Skizze ist eine Vision, ausgelöst durch einen Schauder, der durch alle Nerven fährt. […] Tolle Bewegung in allen Sinnen. Fiebrisch, nervös, wahnsinnig.[73] Thomas Mann beobachtet «toutes les aristocraties des nerfs», gemäß dem dernier cri de Paris[74], wie ihn Paul Bourget in seinen Essays und Romanen vortrug. Hermann Bahr übernahm nur die literarischen Theorien des Franzosen und vermittelte sie nach Deutschland. Schon in seinen ersten Münchner Jahren las Thomas Mann Bourgets Werke selbst, und dessen Psychologie des Dekadenten, des «Dilettanten» hat dann Thomas Manns Zeichnung solcher Figuren wie des Bajazzo und Christian Buddenbrooks (auch noch des Felix Krull) in den Hauptlinien bestimmt. Christian Buddenbrook wird man als Parodie auf den Typ des Dilettanten begreifen müssen. Die von Bourget und seiner Zeit sehr ernst genommenen «nervösen» Reize treten bei ihm übertriebenerweise als wahre Nervenbeschwerde, als jene komische Qual auf, die hervorgerufen ist durch die physiologische Wunderlichkeit, dass seine Nervenenden auf der linken Seite alle zu kurz[75] sind.
Bahrs Prosa habe den Stil seiner ersten Versuche gefärbt[76], gab Thomas Mann 1920 zu. Die Feststellung umschließt mehr: Der Schüler empfing seine ersten Eindrücke von der zeitgenössischen Literatur nicht mehr zur Zeit des unangefochtenen Naturalismus; vielmehr eignete er sich von Anfang an die Argumente und literarischen Theorien seiner Gegner an. Von dem theatergeschichtlichen Siege des Weber-Dramas – des eigentlichen Kern- und Hauptstücks des deutschen Naturalismus – traf nur ein schwacher Widerhall das Ohr des Achtzehnjährigen.[77] Diese Erinnerung des alten Thomas Mann verschweigt, dass der Widerhall höchst kritisch, ja ablehnend gewesen sein muss: Heinrich Mann hatte der Berliner Uraufführung des Hauptmann’schen Dramas beigewohnt und wird seinem Bruder in dem Sinn darüber berichtet haben, in dem er wenige Jahre später seine Persiflage der «Weber» als ein Kapitel in den Roman «Im Schlaraffenland» einfügte.
Die jungen Patriziersöhne waren, als sie Lübeck verließen – anders als viele Schriftsteller der Epoche –, in keiner Weise sozial engagiert. Thomas Manns Abscheu gegen die Schule und die bourgeois-philiströse Umwelt war rein ästhetisch-emotionaler Natur. Aber dieser Abscheu war stark genug, ihn seiner Heimat zu entfremden. Von dem damaligen Willen, sich aus der Haft seiner engen Vaterstadt zu lösen[78], sprach er noch im hohen Alter; er nannte Lübeck gelegentlich den entferntesten Winkel Deutschlands[79]; die Einleitung Paul Thomas’ zum «Frühlingssturm» bezeugt seine jugendliche Revolte, und zweifellos ist der hastige Aufbruch aus der ummauerten Heimat im Herbst 1893 als ein Akt heftigen Protestes zu verstehen. – Erst 1913, als er sich gegen seine Mitwelt durch Arbeiten, die anerkannt worden waren, bewiesen hatte, hat sich Thomas Mann mit besonderer Festigkeit über das frühe Missverhältnis zu Lübeck geäußert; er sprach nicht für sich, sondern für den Lübecker Bildhauer Fritz Behn und ließ sein Plädoyer für den «Zuhause» missachteten Künstler in den «Lübecker Nachrichten» zur Kenntnis der Mitbürger abdrucken. Er verteidigte die träumerische Renitenz, die kritische Aufsässigkeit des Knaben gegen die Nachreden der gehässigen Heimat, die in ihren Künstlersöhnen Abtrünnige, Entgleiste, Verkommende sähe und sie widerwärtig fände.[80] Die Verteidigung Fritz Behns wird unversehens zu Anklage und Selbsterklärung; sie zieht den Saldo der Jugendzeit zuungunsten einer Umwelt, der sie, im Augenblick des Aufbruchs, nicht den mindesten Dank zu schulden glaubt.
Indessen verdankte Thomas Mann seiner Herkunft, Kindheit und Jugend unendlich viel: Das Ansehen seiner Familie, der Rang seines Vaters als eines Staatsmannes der Stadtrepublik haben ihn mit einer Sicherheit des Auftretens, die Geschmackskultur der Eltern, ja mehr: der musikalisch-literarische Unterricht durch die Mutter haben ihn mit einer Bildungsgrundlage versehen, die beide unantastbar blieben. Vielleicht war Thomas Mann, durch den Stand seiner Familie stärker begünstigt und gefördert als die meisten neueren deutschen Dichter, als Einziger unter diesen befugt, beim ersten Besuch des Goethe’schen Elternhauses zu Frankfurt am Main die Stimmung seiner Räume und Treppen, die kindheitlich-märchenhafte Vertrautheit seiner Atmosphäre, die Erschütterung durch soziales Wiedererkennen zu erproben[81]. Hinzu kam die nordisch-romanische Blutmischung, die als Faktor der persönlichen und geistig-künstlerischen Entfaltung sowohl für Heinrich als auch für Thomas außerordentlich bedeutsam wurde. Was aber das Milieu, den gesellschaftlichen Nährboden anlangt, so hatte die Herkunft aus der großbürgerlich-patrizischen, mit den Traditionen der Wohlanständigkeit, des Fleißes und einer gewissen protestantischen Glaubenstreue gesättigten Schicht für das Lebenswerk Thomas Manns durchaus bestimmende Folgen: Unter den deutschen Schriftstellern wurde er der Darsteller und zugleich der unbestechliche Kritiker jener bürgerlichen Traditionen, die ihn erzogen hatten.
Thomas Mann ist sich dieser Tatsachen früh bewusst geworden. Schon in jenem Plädoyer für Fritz Behn schloss er versöhnlich: Der Knabe mag die Heimat verachten, der ungeduldig und unbewegt ins Weite stürmt, ohne sich nach ihren Türmen auch nur noch einmal umzusehen. Und doch, wie sehr er sich ihr entwachsen dünken, wie sehr er ihr entwachsen möge: doch bleibt ihr übervertrautes Bild in den Hintergründen seines Bewußtseins stehen oder taucht nach Jahren tiefer Vergessenheit wunderlich wieder daraus hervor; was abgeschmackt schien, wird ehrwürdig, der Mensch nimmt unter den Taten, Wirkungen, Erfolgen seines Lebens dort draußen geheime Rücksicht auf jene Kleinwelt […]. Da er von ihr abhing, bot er ihr Trotz; da sie ihn entlassen mußte und vielleicht längst vergessen hat, räumt er ihr freiwillig Urteil und Stimme über sein Leben ein. Und in dem Maße, wie eigene Leistungen ihn sich selber achten lehren, lernt er die Heimat achten.[82]
Nach Buddenbrooks hat Thomas Mann das übervertraute Bild der Heimatstadt noch einmal in dem Roman seines Alters, im Doktor Faustus, gezeichnet, und als er zuletzt Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull wieder aufnahm, fügte er den ersten Seiten, die das vierzig Jahre zuvor begonnene Buch der Kindheit fortsetzten, jene für Fritz Behn geschriebene autobiographische Passage ein.
In München, Rambergstraße 2, bewohnte die Senatorin Julia Mann eine «Achtzimmer-Etage»; man konnte sie von «normaler Größe» nennen, aber das galt für «hochherrschaftliche» Verhältnisse. Hier zog Thomas im Herbst 1893 ein. Er war achtzehn Jahre alt, noch nicht «majorenn», ein Vormund bestimmte ihn für einen praktischen Beruf: […] und da ich immerhin Anstand nahm, mich sofort und offenkundig dem Müßiggang zu überlassen, so trat ich, das Wort «vorläufig» im Herzen, als Volontär in die Bureaus einer Feuerversicherungsgesellschaft ein.[83] Die sonderbare Episode[84], von Thomas Mann kurzerhand so genannt, währte ein Jahr. Unter schnupfenden Beamten kopierte ich Borderaus[85], das heißt detaillierte Listen der von der Gesellschaft gegen Feuer versicherten Gegenstände. Die Schreibarbeit wurde am üblichen Schrägpult verrichtet. Weiter ist über diese Episode nichts zu sagen.
Dass Thomas Mann unter dem Pult, auf dem die Policenformulare lagen, heimlich seine erste Erzählung geschrieben haben soll, klingt anekdotisch. Seine Biographen erwähnen es daher auch alle. Indessen wird Thomas Mann nach den Bürostunden Muße genug gehabt haben, die Novelle Gefallen zu Hause auszuarbeiten. Sie ist das einzige erhaltene Zeugnis seiner schriftstellerischen Bemühungen während der Volontärzeit. Ein Jahr nach Thomas Manns Ankunft in München, im Oktober 1894, erschien sie in einer der bekanntesten literarisch-politischen Zeitschriften: «Die Gesellschaft» (die schon vor Jahresfrist das Gedicht des Schülers Paul Thomas, Zweimaliger Abschied, unter dem wahren Namen abgedruckt hatte), und brachte dem jungen Autor «Gruß und Hochachtung» Richard Dehmels ein. Sein Brief bedeutete die Anerkennung des Talents von berufenster Seite. Zwar, Dehmels Zivilberuf ähnelte demjenigen Thomas Manns, er war damals Sekretär des Verbandes Deutscher Feuerversicherungsgesellschaften; jedoch sein Ruf als Lyriker begann sich, nach dem soeben erschienenen zweiten Gedichtband «Aber die Liebe», auszubreiten. Sein Lob, seine Aufforderung zu weiteren Arbeiten ermutigten Thomas Mann, die Volontärstelle aufzugeben. Unter dem Beistand seiner Mutter und eines Rechtsanwalts wurde der Feuerversicherungsgesellschaft gekündigt.
Was für ein Erstlingswerk war das, das Thomas Mann die Freiheit von jeder Berufsverpflichtung eintrug? Er selbst hat die Novelle Gefallen in keine der späteren Buchausgaben seiner Werke übernommen, sie vielmehr ein schreiend unreifes, aber vielleicht nicht unmelodiöses Produkt[86] genannt. Es war eine Erzählung à la Paul Bourget; der Einfluss des französischen Romanciers, Essayisten und moralisierenden Kulturkritikers auf den jungen Thomas Mann kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hermann Bahr hatte ihn in seinem Roman «Die gute Schule» (1890) nicht nur nachgeahmt, sondern in seiner «Kritik der Moderne» auch auf ihn hingewiesen und «die Verbourgetisierung der Zolaisten» als den eigentlichen Punkt der «Krisis des Naturalismus» bezeichnet. Damit war mehr gemeint als nur die «Überwindung» der «objektiven» Schilderungstechnik zugunsten psychologischer Analysen. Bourget selbst stellte dem naturalistischen Sittenroman, in dem das Verhalten des Einzelnen durch Herkunft und Milieu bestimmt erschien, den Charakterroman gegenüber, der «les mille tragédies taciturnes et secrètes du cœur» darstellen, von «sentiments inexprimés», von «situations d’exception» und von «caractères singuliers» erzählen solle. Thomas Mann tat das in seiner frühen Novelle, einer Rahmenerzählung über all die exaltierten états d’âme[87] – wie der Erzähler ganz im Sinn der Bourget’schen Theorien anmerkt –, die eine erste Liebe mit sich bringt.
Die Geschichte ist, nebenher, sehr moralisch. Die Frauenemanzipation als neueste Bewegung der Zeit wird diskutiert, und es wird ein Exemplum gegen sie statuiert: Gefallen bedeutet nämlich: Wenn eine Frau heute aus Liebe fällt, so fällt sie morgen um Geld.[88] Der Betrogene hierbei ist der Liebhaber, ein noch unberührter Junge, der, ernüchtert durch dies Erlebnis, zu einem verbitterten Ironiker geworden ist, Welterfahrung und -verachtung in jeder seiner wegwerfenden Gesten.[89] Er ist die Hauptfigur und trägt deutlich die Züge eines psychologischen Typs, den Bourget entworfen hat: des «Dilettanten».
«Dilettantismus» – zu Zeiten Ernest Renans, Paul Bourgets und Friedrich Nietzsches ein Modewort geistiger Verständigung wie zu Zeiten Heideggers, Sartres und John Clellon Holmes’ «Existenzialismus» – bezeichnet eine Haltung beobachtender Unentschiedenheit, einer stets kritisch-wachen Selbstkontrolle, die jeden Willensimpuls zu hemmen vermag. Von dem jungen Dr. med. Selten in Gefallen etwa heißt es: Nach der ersten Liebesnacht hielt er Einkehr und veranstaltete eine gewissenhafte Prüfung seines Inneren[90]. Seine Empfindungen aber kann er jederzeit versifizieren. – Was in der frühesten Novelle nur angedeutet ist, wird in zwei folgenden dieser ersten Münchner Jahre, Enttäuschung und Der Bajazzo, zum Hauptthema: die Suche des «Dilettanten» nach dem Erlebnis, das einmal ihn ganz, seine Sinne und seine Gefühle, beanspruchen würde. Er findet es nicht; und glaubt er, es gefunden zu haben, so umgaukelt ihn nur Illusion.
Bourget hat den Begriff des «Dilettantismus» sehr genau definiert: «C’est beaucoup moins une doctrine qu’une disposition de l’esprit, très intelligente à la fois et très voluptueuse, qui nous incline tour à tour vers les formes diverses de la vie et nous conduit à nous prêter à toutes ces formes, sans nous donner à aucune.» Das ist die «disposition», aus der heraus jener wunderliche Herr auf der Piazza San Marco in Venedig von seiner großen und allgemeinen Enttäuschung erzählt: Ich erwartete von den Menschen das göttliche Gute und das haarsträubend Teuflische; ich erwartete vom Leben das entzückend Schöne und das Gräßliche, und eine Begierde nach alledem erfüllte mich, eine tiefe, angstvolle Sehnsucht nach der weiten Wirklichkeit, nach dem Erlebnis, gleichviel welcher Art […].[91] Ich bin umhergeschweift, um die gepriesensten Gegenden der Erde zu besuchen, um vor die Kunstwerke hinzutreten, um die die Menschheit mit den größten Wörtern tanzt; ich habe davor gestanden und mir gesagt: Es ist schön. Und doch: Schöner ist es nicht? Das ist das Ganze?[92] Die Wurzel solcher Enttäuschung liegt, nach Bourget, in einem besonderen moralischen Wankelmut, dem die Begriffe «gut» und «böse» nichts mehr sind. «Le bien et le mal, la beauté et la laideur, les vices et les vertus» erscheinen dem Dilettanten als «des objets de simple curiosité». Thomas Mann muss Bourgets «Essais de psychologie contemporaine» mit großer Aufmerksamkeit studiert haben; er übernimmt geradezu den amoralischen Grundsatz des Dilettanten, indem er den Enttäuschten erkennen lässt, dass diese großen Wörter für Gut und Böse, Schön und Häßlich, die ich so bitterlich hasse, allein an seinem Leiden die Schuld tragen.[93]
Im Bajazzo werden diese Gedanken fortgeführt und auf einen besonderen Typ des «Dilettanten» angewandt: den Künstler, der durch Nachempfinden und Selbstaufgabe zu allem taugt und zu nichts. Er kann musizieren, dichten, zeichnen – aber: Das alles ist Clownerie und Blague, ist eine Art von Bajazzobegabung[94], wie der bürgerliche Vater urteilt. Die Angst, sich festzulegen, peinigt den Bajazzo, er ist nur darauf erpicht, neue Gefühle zu erproben: Meine Eindrucksfähigkeit war groß. Jede dichterische Persönlichkeit verstand ich mit dem Gefühl, glaubte in ihr mich selbst zu erkennen und dachte und empfand so lange in dem Stile eines Buches, bis ein neues seinen Einfluß auf mich ausgeübt hatte.[95] Eines dieser Bücher ist von Thomas Mann in der Erzählung genau charakterisiert worden: Vor ein paar Stunden noch habe ich mich der Wirkung eines großen Kunstwerkes hingegeben, einer dieser ungeheuren und grausamen Schöpfungen, welche mit dem verderbten Pomp eines ruchlos genialen Dilettantismus rütteln, betäuben, peinigen, beseligen, niederschmettern … Meine Nerven beben noch, meine Phantasie ist aufgewühlt, seltene Stimmungen wogen in mir auf und nieder, Stimmungen von Sehnsucht, religiöser Inbrunst, Triumph, mystischem Frieden, – und ein Bedürfnis ist dabei, das sie stets aufs neue emportreibt, das sie heraustreiben möchte: das Bedürfnis, sie zu äußern, sie mitzuteilen, sie zu zeigen, «etwas daraus zu machen» …[96]
Bisher nicht beachtete kritische Arbeiten Thomas Manns aus dem gleichen Jahr der Niederschrift des Bajazzo,1895–96, zeigen, dass er die Veröffentlichungen Bourgets mit solchem Interesse verfolgte, dass ihm dessen letzter Roman «Cosmopolis», Paris 1892 (deutsche Übersetzung 1894), schon bald nach seinem Erscheinen bekannt war. Jene Passage in der Novelle hält den Eindruck fest, den Thomas Mann bei der Lektüre des Werks gewann. In ihm trat eine Figur hervor: Dorsenne, ein Literat, Prototyp des gewissenlosen Dilettanten, des «épicurien intellectuel», über dessen Amoralismus Bourget ähnliche Worte fand wie in seinen früheren «Essais»: «Le bien et le mal, la douleur et la joie, tout est matière pour vous à ce jeu de votre esprit.» Der Satz ist ein Quellpunkt zu Thomas Manns Thema vom Problem des Künstlers und seiner Distanz zur Welt. Und es scheint geraten, einmal zu betonen, dass ihm dieses Problem vor seiner Bekanntschaft mit Nietzsches Schriften geläufig geworden war: Bourget ist es, der in allen seinen Werken, sowohl den abhandelnden wie den darstellenden, dem Künstler ein hohes Maß an Intellektualität zuerkennt und nicht müde wird, dessen «volupté d’intelligence», dessen Sucht nach dem «spasme cérébral» und dessen «disposition de l’esprit très intelligente» zu betonen. Nietzsche seinerseits hielt von der Intelligenz der Künstler nicht das meiste; er, als Philosoph, sprach ihrem Erkenntnisvermögen keinen Rang zu, und den Sonderfall des Künstlers, den Schauspieler, nannte er mit boshaftem Nachdruck einen «idealen Affen»! – In Thomas Manns Werk hat man aber von jeher die ausgepichte Intellektualität seiner Künstlerfiguren bewundert, jener Reihe von Gestalten, die mit Tonio Kröger zu beginnen schien, über Gustav von Aschenbach zu der vereisten Isolation Adrian Leverkühns hinaufgeführt und mit Felix Krull ins Spiel mit der Travestie des Künstlerproblems hinabgeleitet wurde. Der Bajazzo ist der Erste in dieser Reihe, und er ist ein Nachbild des Dilettanten Dorsenne, «cet homme si curieux de sentir sentir». Wie diesem sind ihm seine seltenen Stimmungen und Sehnsüchte nur ein Mittel, etwas daraus zu machen.[97] Ja, das «tout est matière pour vous» wird in der Bajazzo-Novelle abermals aufgegriffen, wenn der Held sich von einer Liebessehnsucht zu befreien sucht: Meine erste Regung, mein erster Instinkt war der schlaue Versuch, das Belletristische aus der Sache zu ziehen und mein erbärmliches Übelbefinden in «unglückliche Liebe» umzudeuten.[98]
Thomas Mann stand von Anfang an nicht auf der Seite des «Dilettanten». Seine Clownerie und Blague degoutierten ihn fast so wie den kaufmännischen Vater des Bajazzo. Denn wenn er auch die psychologische Charakteristik dieses Typs von Bourget übernahm, so übernahm er zugleich dessen moralische Entrüstung über den «décadent». Die «décadence» wurde von Bourget nicht als ein ungefähres und unbestimmbares Produkt des «fin de siècle» angesehen, sondern als eine fassliche Erscheinung des französischen gesellschaftlichen Lebens, deren Ursachen er zu nennen wusste: Es waren die nationale Niederlage Frankreichs von 1871 und der philosophische Determinismus der Epoche, die das allgemeine laszive «laissez faire, laissez aller» zu Zeiten der Dritten Französischen Republik begünstigten. Bourget war Monarchist und trauerte dem Fall Napoleons III. nach. Das «Ancien Régime», der Ständestaat, vor allem «la brave classe moyenne», die Bourgeoisie, und die katholische Kirche waren seine erklärten Ideale. Er hatte als Soziologe sogar eine «Familientheorie» entwickelt, und eigentlich diente ihm der «Dilettant» nur dazu, zu zeigen, dass der schweifende Genießer verdammt und alles Heil im fest gefügten Verband der Familie oder im Schoß der Kirche zu finden sei. Etwas von dieser konservativen Moral ist in den Bajazzo eingegangen, wenn er von sich selbst mehrfach sagt, dass er keinem bestimmten Gesellschaftskreis angehörte[99], dass er sich dem Dienst der «Gesellschaft» entzog und sich sein Leben ohne die «Leute» einrichtete[100]. Von Gott und religiösen Dingen ist im Bajazzo nicht die Rede. Doch in dem Erstling Gefallen wendet sich der Held, wie der Lehrmeister Bourget es wünschte, recht unmittelbar nach oben: Da sah er empor zu Gott und küßte ihre schlummernden Augen[101], und noch einmal, versifiziert: Dann falte deine Hände fromm und schau zu Gott empor.[102] Das klingt recht matt und formelhaft und mag, da Derartiges sich im weiteren Schaffen nicht wiederholt hat, zum Ausschluss der Erzählung aus den Gesammelten Werken beigetragen haben.
Gewiss aber sind die acht Rezensionen und kleineren Aufsätze des letzten Münchner Jahrs vor dem Italienaufenthalt wegen schreiender Unreife
