Die Medici - Lorenzo de' Medici - E-Book

Die Medici E-Book

Lorenzo de' Medici

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Beschreibung

Der Name »Medici« ruft wie kein anderer das prächtige Bild der italienischen Renaissance mit seinen kostbaren Kunstwerken, seinen beeindruckenden Palästen und seinem außerordentlichen Reichtum hervor. Die berühmte Florentiner Familie hat die europäische Kultur maßgeblich geprägt. Lorenzo de’ Medici, der letzte Erbe der Dynastie, erzählt in dieser Biografie die faszinierende Geschichte seiner Familie, er beleuchtet ihre bekanntesten Vertreter und deren außergewöhnliche Lebensgeschichten. Geschichten, die nicht sich nicht nur durch Prunk und Wohlstand auszeichnen, sondern immer auch durch Intrigen, Korruption und den skrupellosen Kampf um Macht.

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Seitenzahl: 408

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Lorenzo de’ Medici

Die Medici

Die Geschichte meiner Familie

Aus dem Spanischen von Silvana AlbinoniBiografie

Lasst die Medici in Frieden in ihren Marmorsärgen ruhen, denn sie haben mehr für den Ruhm der Welt getan als jeder König oder Fürst oder Kaiser

Alexandre Dumas

Der erste König war ein vom Glück begünstigter Soldat. In Florenz hingegen war der erste König ein vom Glück begünstigter Kaufmann, der Griechisch und Latein las und die Künstler beschützte.

Volksweisheit

Die Medici waren eine Kaufmannsfamilie, die ohne Waffen und ohne gewalttätige Volksaufstände eine geistvolle Monarchie mit Erbanspruch begründeten, was eines der seltsamsten Phänomene der politischen Geschichte darstellt.

Maurice Andrieux, französischer Historiker

Mein Herz schlägt heftig. Ich bin in Florenz eingetroffen, wo die Zivilisation wieder eingeleitet ist. Hier verkörperte Lorenzo de’ Medici sehr gut die Rolle eines Königs und führte einen vortrefflichen Hof, an dem zum ersten Mal nach Augustus nicht militärische Werte vorherrschten.

Stendhal, Reisetagebuch durch Italien

1.Einführung

Bei einem Abendessen in meinem Hause sagte der Historiker Henry Kamen zu mir: »Du solltest ein Buch schreiben.« Ich lächelte ihn höflich an, antwortete jedoch nicht. Tatsächlich war mir dieser Vorschlag schon öfter gemacht worden, und außerdem lassen Schriftsteller manchmal solche Sätze fallen, um die Konversation zu beleben. Da bei mir viele Autoren ein und aus gehen, war solch ein Vorschlag nichts Neues.

Ehrlich gesagt war mir die Idee auch schon durch den Kopf gegangen, obwohl ich der Versuchung hartnäckig widerstand, vor allem, weil ich glaubte, dass ich damit irgendwie das Medici-Prinzip der Diskretion verletzen würde. Den entscheidenden Anstoß gab schließlich ein befreundeter Verleger, der mir sein Interesse bekundete, ein Buch von mir zu veröffentlichen, um eine private Darstellung der Geschehnisse zu bekommen, genauer gesagt, um das zu erfahren, was Geschichtsbücher unberücksichtigt lassen. So begann ich plötzlich etwas unfreiwillig, dieses Buch zu schreiben.

Anfangs war ich noch zögerlich, aber dann ließ ich mich mitreißen. Seite für Seite wurde mir klar, dass es noch viel zu erzählen gab. Es ist immer schwierig, über die eigene Familie zu schreiben, und ganz besonders über diese Familie. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ich mich zu pathetisch ausdrücke, doch wenn ich eine bescheidenere Ausdruckweise wählte, habe ich beim Lesen des Geschriebenen gemerkt, dass es unmöglich ist, über diese Familie zu schreiben, ohne den Ton und die Worte zu wählen, die am besten zu ihr passen. Wer die Geschehnisse »von innen« sieht, kann nicht dieselbe Lesart haben wie Personen mit einem Blick »von außen«.

Es braucht nicht weiter hervorgehoben zu werden, dass die konkreten historischen Ereignisse weitgehend dokumentiert sind und historische Fakten bleiben. Man kann sie mit größerem oder geringerem Wohlwollen betrachten, aber nicht verändern. Die Geschichte lässt sich also nicht neu schreiben, aber man kann sie anders lesen und auf diese Weise in einem anderen Licht interpretieren.

Deshalb beabsichtige ich auch nicht, die Geschichte neu zu schreiben, sondern eher bescheiden Zugang zur Geschichte einer Familie zu ermöglichen, deren Namen oft genannt wird, von der man aber in Wirklichkeit nicht viel weiß. Ich habe es in Form eines populären Sachbuches getan, in dem ich verschiedene Episoden aus einer berühmten Familie schildere, deren Privatleben paradoxerweise wenig bekannt ist. Eine Familie, die große Bedeutung in der europäischen Geschichte gehabt hat und der es gelungen ist, ihre große Vergangenheit zu überleben. Um diese Bedeutung zu begreifen und warum ihr Name bis heute als Synonym für großes Prestige, Pracht und Mäzenatentum gilt, muss man die Rolle kennen, die diese Familie spielte.

Auf den folgenden Seiten werde ich erläutern, wie man dank der Initiative dieser Familie die Entwicklung seit dem finstersten Mittelalter bis zur Aufklärung des XVIII. Jahrhunderts nachweisen konnte. Ohne die maßgebliche Beteiligung der Medici hätten sich die Dinge vielleicht anders entwickelt. Denn um wirklich zu verstehen, warum die Medici bis heute so eng mit der Geschichte verbunden sind, muss man eine, wenn auch eingeschränkte Vorstellung davon haben, wie die Welt damals aussah und welche Rolle diese Familie spielte, um zu ihrer Veränderung beizutragen. Erst dann wird man verstehen können, warum die Medici so großen Einfluss hatten.[1]

Über die Medici ist sehr viel geschrieben worden, ein Grund, weshalb man die Übersicht über diejenigen verloren hat, die in den letzten sechshundert Jahren von ihnen fasziniert waren, denn eines ist gewiss: Diese Familie wusste mehr als jede andere die Vorstellungskraft derjenigen anzuregen, die in direktem oder indirektem Kontakt mit ihr standen. Es ist nicht zu leugnen, dass unser Name für immer mit der Renaissance, der Toskana und im Besonderen mit Florenz verbunden ist. Und er wird es ewig bleiben, denn die Medici haben mit Schenkungen, die von Generation zu Generation getätigt wurden und jede Vorstellung sprengten, die Hauptstadt ihres Fürstentums zur heute universell anerkannten Stadt und weltlichen Wiege der Kultur, der Kunst und darüber hinaus der Kulturgeschichte des Abendlandes gemacht.

Abgesehen davon, dass ich in dem Maße, wie es mir möglich ist, eine Zusammenfassung der Dynastiegeschichte anbieten möchte, habe ich mich dafür entschieden, nur einige ihrer Persönlichkeiten zu beschreiben, von denen manche dem breiten Publikum schon bekannt und andere praktisch unbekannt sind. Diesbezüglich muss ich gestehen, dass Letztere meine Lieblinge sind. Wie Sie feststellen werden, habe ich meinem erlauchten Namensvetter und berühmtesten Familienmitglied Lorenzo de’ Medici nur wenige Zeilen gewidmet, denn über ihn, ebenso wie über Caterina de’ Medici und Maria de’ Medici, den beiden Königinnen von Frankreich, sind zahlreiche Bücher in vielen Sprachen geschrieben worden. Mir ist auch bewusst, dass ich ihnen nicht gerecht werde, denn Lorenzo de’ Medici beispielsweise würde ein ganzes Buch für sich allein verdienen.

Sollte es mir also gelingen, mit diesem Buch bei den Lesern eine gewisse Neugier und den Wunsch zu wecken, mehr über das Thema zu erfahren, habe ich mein Ziel erreicht. Beim Konsultieren der vielen Bücher, in denen man sich in den letzten Jahrhunderten mit meiner Familie beschäftigt hat, kann man viel über die Geschichte, das Mäzenatentum und die Kunst der Renaissance lernen, die so großen Einfluss auf die nachfolgenden Jahrhunderte hatte. Wenn es den Medici gelungen ist, über die Jahrhunderte hinweg so berühmt zu bleiben, bis hin zu der Tatsache, dass ihre Geschichte an Schulen und Universitäten gelehrt wird, dann hat das seinen Grund. Ein Beweis für ihre enorme Aktualität ist, dass die Suche im Internet unter dem Begriff »Medici« 2.280.000 Einträge ergibt. Es ist bestimmt einleuchtend, dass ich weder die Zeit noch den Mut hatte, sie alle durchzusehen, auch weil die gefundenen Einträge häufig recht oberflächlich sind und eher mit Liebhaberei zu tun haben.

Ich habe dieses Buch, der Chronologie folgend, in mehrere Kapitel unterteilt. Der erste Teil erfasst die Zeit vom IX. bis zum XVIII. Jahrhundert, vom Ursprung der Familie mit ihren Legenden, ihren kleinen Anekdoten über den Namen und das Wappen bis zu ihrer Geschichte im Allgemeinen. Bestimmten Personen, für die ich besondere Sympathie empfinde, habe ich ganze Kapitel gewidmet, wie beispielsweise Anna Maria Luisa und ihren Schenkungen an den Staat Toskana. Auch habe ich eine kurze Beschreibung der Renaissance eingefügt, was eine bessere Einordnung der Geschehnisse erlaubt. Ich erzähle Anekdoten über die Thronfolge der Großherzöge, weshalb kein Mitglied unserer Dynastie Nachfolger des letzten Großherzogs de’ Medici, Gian Gastone I., wurde und warum nach dessen Tod das Mitglied einer neuen Dynastie, der Lothringer, den Thron bestieg. Ebenso habe ich versucht, die komplizierten und verwirrenden Blutsverwandtschaften des Hauses Medici mit anderen Herrscherhäusern zugänglich zu machen.

Im zweiten Teil konzentriere ich mich auf das normale Leben, in das unsere Geschichte von 1700 bis heute gemündet ist und das in Geschichtsbüchern nicht aufscheint. Ich beschreibe, was in den letzten, meiner Generation direkt vorangehenden Generationen geschah, und beschließe das XX. Jahrhundert mit meinen Eltern und meinen Kindheitserinnerungen. Es handelt sich um ein Zeugnis gelebter Ereignisse aus erster Hand, Geschichten, die zu Hause erzählt wurden, sowie Anekdoten von kleinen Alltagsbegebenheiten. Hierzu muss ich einräumen, dass ich bestimmte Namen von Personen und Örtlichkeiten absichtlich ausgelassen habe. Ich habe es aus Respekt gegenüber bestimmten Zweigen meiner Familie getan, die ein Recht auf ihre Privatsphäre haben, weil sie noch heute an Orten leben, an denen sich die Geschichte abspielte.

Da ich mich nicht ausschließlich auf meine Erinnerung verlassen wollte, im Besonderen, was Zeitangaben und Chronologie der Geschehnisse anbelangt, habe ich beim Schreiben auf Bücher von anerkannten Historikern und Schriftstellern zurückgegriffen, die sich mit meiner Familie befasst haben und auf die ich auf diesen Seiten immer wieder Bezug nehme. Tatsächlich stehen in meiner Bibliothek einige Hundert dieser Bücher, weshalb ich sie unmöglich alle erwähnen kann. Einige von ihnen habe ich geerbt, andere wurden mir freundlicherweise von Verlegern geschenkt, und wieder andere habe ich mir gekauft.

Ich habe versucht, mit größter Sorgfalt Zitate aus anderen Büchern in den Fußnoten festzuhalten, gewiss aus moralischer Verpflichtung, aber auch, um Interessierte dazu anzuregen, die Originaltexte zu konsultieren. Die Medici-Bibliographie besteht aus mehreren Tausend Titeln, deshalb ist es durchaus möglich, dass ich ein wichtiges Werk vergessen habe; sollte dem so sein, möchte ich mich vorab bei besagtem Autor entschuldigen. Von ein paar Ausnahmen abgesehen haben die hier zitierten Geschichtsbücher eines gemein: Sie schreiben über die Medici, als handle es sich um eine ausgestorbene Dynastie. Es ist dem Umstand zu verdanken, dass sich die Autoren dieser Bücher nur mit den beiden Hauptzweigen der Familie, den sogenannten »historischen« beschäftigt haben, was verständlich ist, weil diese Zweige der Familie tatsächlich den größten Ruhm einbrachten. Die Geschichte dieser beiden Zweige endet 1743 mit dem Tod von Anna Maria Luisa de’ Medici.

Doch aus rein genealogischem Blickwinkel ist der Begriff »ausgestorbene Familie« nicht ganz korrekt, weshalb es mir nötig erscheint, hier darauf hinzuweisen. Eigentlich lassen sich die bis heute lebenden Zweige nicht völlig von den sogenannten »historischen« trennen. Wie wir bei der Lektüre sehen werden, beweisen die Mischehen von Vettern und Cousinen aus Nebenlinien, soll heißen, Blutsverwandten, dass die heutigen Mitglieder der Familie Medici ganz offensichtlich direkt von Lorenzo il Magnifico oder von Papst Clemens VII. abstammen.

Ohne es als Leichtfertigkeit seitens dieser Verfasser abtun zu wollen, halte ich es im Sinne der größtmöglichen geschichtlichen Genauigkeit für das Beste, die etwas voreilig und zu verallgemeinert getroffene Behauptung der »ausgestorbenen Familie« richtigzustellen.

Das sogenannte »Aussterben der Familie« fand im Jahr des Heils 1743 statt, in dem Anna Maria Luisa de’ Medici, die Letzte der großherzoglichen Linie, starb. Zu dem Zeitpunkt bestand die Familie aus mindestens sechs Seitenlinien, alle miteinander verwandt und mit dem unanzweifelbaren gemeinsamen Nenner, vom selben Hauptzweig abzustammen. Vier jetzt getrennte Verzweigungen haben bis heute überlebt. Soweit ich weiß, gibt es keinerlei neue Blutsverwandtschaften unter uns. In einigen Fällen sind es dreihundert Jahre Distanz zum letzten gemeinsamen Verwandten und bei anderen viele mehr, was bewirkt, dass wir einander völlig unbekannt sind. In ihrem Testament verweist die »letzte« Medici, Anna Maria Luisa, hingegen auf einen Erben, den sie als nächsten Verwandten betrachtete: Pier Pablo de’ Medici, auf den ich später noch eingehen werde. Mit anderen Worten: Wäre sie wirklich die »letzte« Medici gewesen, hätte sie das nicht tun können.

In der Geschichte der europäischen Dynastien ist es öfter vorgekommen, dass beim Aussterben eines herrschenden Zweiges der ihm nächststehende auf den Thron folgte, auch wenn das einen Wechsel des Dynastienamens bedeutete. Doch im genealogischen Sinne des Begriffs hat das nichts mit dem Aussterben einer Familie zu tun, da dem letzten Familienmitglied der nächststehende Verwandte folgte. Das ist in unserem Fall nicht so, denn unser Familienid de’ Medici ist immer gleich geblieben und über Generationen hinweg von männlichem Spross zu männlichem Spross weitergegeben worden. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir aus Treue zur geschichtlichen Genauigkeit nicht anerkennen sollten, dass die sogenannten »ausgestorbenen Zweige«, die der »Großherzöge« und die von »il Magnifico« tatsächlich die Hauptzweige gewesen sind.

Es ist nicht meine Absicht, mit dieser Behauptung Polemik hervorzurufen. Offensichtlich hat sich ein Großteil der Autoren ausschließlich für die geschichtlichen Ereignisse um die beiden behandelten Zweige interessiert und nicht für einen breiteren, genealogischen Überblick. Dennoch meine ich, dass die Genealogie, eine exakte Wissenschaft und eng mit der Geschichte verbunden, eine zu wertvolle Informationsquelle ist, um unberücksichtigt zu bleiben.

Des Weiteren muss ich hinzufügen, dass in diesem Buch nicht nur auf den Papst, sondern auch öfter auf verschiedene europäische Herrscher sowie den Kaiser referiert wird. Unter Kaiser versteht man natürlich den einzigen, den es damals in Europa gab, das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches, der von einer Versammlung deutscher Fürsten gewählt wurde und dessen Herrschaft sich von Deutschland über Ungarn, Böhmen, Österreich, verschiedene Territorien im Norden sowie bis in die Mitte des heutigen Italien erstreckte. Im Laufe des XVI. Jahrhunderts machten die Habsburger den Wahlvorgang zu einem symbolischen Akt, da die Erbfolge vom Vater an die Söhne in der Reihenfolge der Abstammung überging. Außerdem vereinigten sich in der Person von Karl V., der mehrfach im Buch erwähnt wird, die Kronen der verschiedenen Herrscher Spaniens und ihre Besitztümer in Europa und Übersee, aber das ist eine andere Geschichte.

Und schließlich werde ich auf die Funktion des Papstes eingehen, der in diesem Buch eine wichtige Rolle spielt, weil wir die einzige Familie in der ganzen Geschichte der Christenheit sind, die drei Päpste gestellt hat. Um die Geschehnisse besser zu verstehen, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass ein Papst zu jener Zeit eine ganz andere Funktion hatte als heute. Der Pontifex übte großen Einfluss auf die gekrönten Häupter aus, und seine zeitgebundene Macht als Souverän war beträchtlich, da der Kirchenstaat einen Großteil Zentralitaliens einnahm.

2.Der Name Medici

Medici leitet sich aus dem lateinischen medicus ab, doch wie man weiß, hat kein Mitglied unserer Familie je den Beruf eines Arztes ausgeübt.

Nach toskanischem Brauch pflegte man zur Benennung eines Familienmitglieds zwischen Vornamen und Familiennamen ein de’ einzufügen, Abkürzung des Originals dei vor einem Konsonanten und degli vor einem Vokal, um auf die Familienzugehörigkeit zu verweisen. In der toskanischen Sprache[2] spricht man das dei wie de’. So kann sich jemand ohne Unterschied Lorenzo dei Medici oder Lorenzo de’ Medici nennen, in beiden Fällen ist das d immer kleingeschrieben.

Wenn wir in italienischen Telefonbüchern den Namen Medici aufschlagen, finden wir mehrere Hundert Einträge mit diesem Namen, was nicht bedeutet, dass sie alle zur Familie gehören. Es gibt auch Regionen, wie Brescia und Modena, in denen Familien leben, die sich De’ Medici nennen, mit großgeschriebenem D; aber keine dieser Familien hat je etwas mit der historischen Florentiner-Familie zu tun gehabt. Etwas Ähnliches gibt es auch in Österreich, wo eine ehrenwerte chemische Reinigung den Familiennamen des früheren Herrscherhauses, Habsburg, trägt.

3.Die Abstammung

Die Bedeutung, die man im Allgemeinen den Medici zuerkennt, oder anders ausgedrückt, ihre Wirkung auf die Geschichte, besteht nicht in ihrer wichtigen Rolle in einer bestimmten Epoche, nicht einmal darin, dass sie als Großherzöge die Toskana regierten, sondern sie besteht darin, wie sie es taten, denn sie hätten keine so unauslöschliche Spur hinterlassen, wenn daran nichts Besonderes gewesen wäre.

Es ist schwierig, bei den genauen Ursprüngen anzuknüpfen. Da es sich um die Zeitspanne zwischen Ende des ersten und Beginn des zweiten Jahrtausends handelt, gibt es keine unwiderlegbaren Fakten. Sicher ist jedoch, dass die Medici aus Mugello stammten, einem Tal in der Nähe von Florenz, durch das der Fluss Sieve fließt. In der Legende heißt es, dass Karl der Große im Jahre 800 bei seiner Rückkehr aus Rom, wo er sich von Papst Leo III.[3] zum Kaiser hatte krönen lassen, im Mugello-Tal von einer Barbarenhorde überfallen wurde. Dabei kam ihm ein Mann zu Hilfe und schützte den Kaiser mit seinem Schild, der zahlreiche Schläge abfing. Zum Dank gewährte der Kaiser ihm das Recht, diese runden Wölbungen, die sein Schutzschild davongetragen hatte und die in der Heraldik Kugeln oder Palle genannt werden, als Wappen zu benutzen.

Diese »Legende« stammt aus einem Text, geschrieben im XVI. Jahrhundert und einem gewissen Cosimo Baroncelli zugeordnet, der bezeugte, dass ein gewisser Averardo de’ Medici, Major im Heer von Karl dem Großen, die Lombarden aus der Toskana verjagte und Mugello von einem Riesen befreite, der auch den Namen dieser Region trug. Die Spuren der Eisenkeulenschläge des Riesen Mugello auf Averardos Schild (das natürlich das Schild eines Befehlshabers des kaiserlichen Heeres war), bildeten demzufolge diese Kugeln.

Ein weitere Erklärung für den Ursprung des Wappens ist, dass die Medici zur Bankgilde gehörten, deren Wappen byzantinische Goldmünzen auf rotem Hintergrund trug. Sie übernahmen dieses Wappen, tauschten jedoch die Farben. Wie dem auch sei, auch wenn es über seinen Ursprung keine absolute Gewissheit gibt, war dieses Medici-Wappen jahrhundertelang das Symbol der Toskana.

Desgleichen wurde behauptet, die Kugeln könnten wegen des Familiennamens Tabletten darstellen. Aber es ist schwerlich zu glauben, dass es zu Beginn des zweiten Jahrtausends schon Tabletten gab. Zudem war, wie ich schon erwähnte, kein Familienmitglied je Arzt, ein Beruf, den man in Florenz nur unter der Aufsicht der dafür zuständigen Gilde ausüben konnte. Und kein Mitglied der Familie Medici gehörte jemals der Ärzte- und Apothekergilde an.

Diese letzte Version könnte auch aus der Tatsache abgeleitet worden sein, dass die Schutzpatrone der Ärzte San Cosimo und San Damiano auch die Schutzheiligen der Familie waren. Aus diesem Grund wurde der Name Cosimo in verschiedenen Medici-Generationen mehrmals vergeben, Damian seltsamerweise nicht, vielleicht wegen seiner Geschichte, die ich im Folgenden erzählen werde.

Cosimo und Damian waren Brüder, beide Ärzte, die ihre Hilfe immer karitativ gewährten. Einmal jedoch nahm Damian von einer Witwe eine kleine Summe an, was seinem Bruder missfiel. Daraufhin wandte sich Cosimo von ihm ab und wollte auch nicht mit ihm zusammen begraben werden. Nach ihrem Martyrium bei Diokletians Verfolgung wurden die Brüder tatsächlich in zwei Gräbern bestattet. Aber dann geschah folgendes Wunder: »Und es geschah«, – heißt es in Der goldenen Legende – »dass plötzlich ein Pferd auftauchte und mit der Stimme eines Mannes anordnete, die beiden Heiligen zusammen zu begraben.« Es stimmt, dass Damian das symbolische Honorar der Witwe angenommen hatte, aber er tat es nicht aus Habsucht, sondern aus Erbarmen, um sie nicht zu demütigen.[4]

Zurück zum Wappen: Absolut gewiss ist nur die Zahl der Kugeln auf dem Medici-Wappen. Anfangs waren es elf, später neun, dann sieben und schließlich sechs. In seiner endgültigen Fassung zeigt das Wappen die berühmten fünf roten Kugeln und eine sechste blaue Kugel auf goldenem Hintergrund, sowie die drei Lilien aus dem Wappen der Bourbonen, deren Nutzung ihnen 1465 vom französischen König Ludwig XI. gewährt wurde, von dem im Folgenden noch die Rede sein wird.

Außer in Florenz und in der Toskana ist das Medici-Wappen bei einer Reise durch Spanien an den Fassaden von Palästen, Regierungsgebäuden, wichtigen Denkmälern, Universitäten und Triumphbögen rechts neben dem Wappen des spanischen Königshauses zu finden. Der Gebrauch des Medici-Wappens führt zurück auf Karl III., der es von seiner Mutter Elisabeth Farnese[5]geerbt hatte.

4.Der Begründer

Es wird vermutet, dass der Begründer der Medici-Dynastie Giambuono de’ Medici ist, von dem man nur weiß, dass er 1150 geboren wurde und dass sein Name auf einer uralten Inschrift steht, die sich in der Kirche Assunta in San Pietro a Sieve im Mugellotal befindet, kaum ein paar Kilometer von Florenz entfernt. Er hatte zwei Söhne, Chiarissimo und Buonagiunta. Von Letzterem wurde 1221 festgehalten, dass die Medici in der Magistratur von Florenz eingetragen wurden; dieser Zweig starb bereits 1363 aus.

Tatsächlich beginnen mit seinem älteren Sohn Chiarissimo die historischen Überlieferungen, die über die Familie Medici erhalten sind. Schon 1201 saß Chiarissimo als Ratsherr im Stadtrat von Florenz und gehörte zu den Delegierten, die ein Bündnis mit den Bewohnern von Siena vereinbarten.[6] Die Tatsache, dass ein Mitglied dieser Familie im wichtigen Stadtratsverzeichnis der Republik Florenz steht, gibt zu verstehen, dass es sich nicht um »neue Bewohner« der Stadt handelte, denn diese Ämter wurden nur Alteingesessenen gewährt. Die Familie musste demzufolge ältere Wurzeln haben. Und sie besaßen bereits zahlreiche Häuser in der Stadt, genauer in der Umgebung des Altmarktes. Chiarissimo war auch in der berühmten Wollgilde[7] von Florenz eingetragen. Von ihm stammen alle bekannten Medici ab.

Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte teilten sich die Medici in verschiedene Zweige, einige berühmt, andere weniger bekannt, wieder andere durch Vermählungen mit Blutsverwandten erneut zusammengeführt. Eine Besonderheit der Medici-Dynastie ist schon seit Beginn ihres Aufstiegs, dass sie immer auf der Seite der Schwachen standen, welche die große Mehrzahl ausmachten; deshalb war ihre Herrschaft so populär. Während andere italienische Dynastien, wie die Savoyer in Turin, die Este in Ferrara, die Gonzaga in Mantua und die Sforza in Mailand, ihre Autorität mit dem Bau von Zitadellen und Schlössern demonstrierten, bauten die Medici prunkvolle Paläste[8] wie den Palazzo Medici und später den Palazzo Pitti[9] in Florenz. Eine herrschaftliche Art und Weise, zunehmende Macht und Prestige zu zeigen.

5.Die Renaissance

Zu Beginn des XV. Jahrhunderts, beim ersten Aufflackern einer Bewegung, die als Renaissance bekannt werden und sich bis in die Mitte des folgenden Jahrhunderts halten sollte, reduzierte sich die Welt praktisch auf Europa. Die großen Seefahrer brachen erst zu ihren Abenteuern auf, und Amerika sollte nicht vor Ende besagten Jahrhunderts entdeckt werden. Indien und der Ferne Osten mit ihren jahrtausendealten Kulturen waren noch weit entfernt, eine für die Europäer völlig unbekannte Welt.

Nachdem die griechische und anschließend die römische Zivilisation bei den brutalen Invasionen der aus dem Norden vorrückenden Barbaren zerstört worden waren, reduzierte sich das bis dahin angesammelte Wissen des V. Jahrhunderts auf einen Haufen Ruinen; Meisterwerke der Architektur, der Literatur und der Bildhauerei waren verschwunden. Das Abendland stürzte für mehrere Jahrhunderte in tiefste Finsternis, während das Wenige, was von der römischen und der hellenischen Kultur glücklicherweise gerettet werden konnte, seinen Zufluchtsort in Konstantinopel fand, der Hauptstadt des sinkenden morgenländischen Reiches.

Demzufolge war das Europa des Mittelalters nicht eben ein idyllischer Ort. Große Epidemien wie die schwarze Pest dezimierten fortwährend die Bevölkerung, bis sie im XV. Jahrhundert fast auf ein Drittel des vorigen Jahrhunderts geschrumpft war. Wie bekannt ist, generierte diese Situation große wirtschaftliche Krisen, die Jahrzehnte andauerten. Damals war Italien in eine Unzahl von kleinen Rittergütern, Fürstentümern und Königreichen zergliedert, die sich gegenseitig um die Oberhoheit auf der Halbinsel bekämpften. Als schließlich im Zentrum des Landes in einer Stadt namens Florenz, und nur in ihr, eine mächtige und schwerreiche Familie in einem kolossalen Akt des Mäzenatentums beschloss, die Wiederbelebung der alten griechischen Philosophie sowie der Schönheit und Perfektion ihrer Kunst zu betreiben, verwandelte sie die griechisch-lateinische Kultur in einen Vogel Phönix, der aus seiner eigenen Asche emporstieg.

Die Bewegung wurde bezeichnenderweise Renaissance, Wiedergeburt, genannt und verbreitete sich später in ganz Italien bis nach Europa, das ihrem Beispiel folgen sollte. Doch zu Beginn war die Renaissance ein typisches Phänomen der Stadt Florenz und blieb es auch die ersten fünfzig oder sechzig Jahre lang; die Familie Medici sollte dank dieser Initiative eine unauslöschliche Spur in der Geschichte hinterlassen.

Zur Umsetzung dieser Renaissance waren das Aufspüren, die Ausbildung und vor allem die Finanzierung einer ganzen Reihe von neuen Künstlern, Malern, Architekten, Philosophen, Dichtern, Wissenschaftlern und Literaten notwendig, die fähig waren, in ihrer Arbeit die Reinheit und Schönheit des klassischen Griechenlands zu erreichen. Deshalb wurde wieder Platon studiert, und der Neoplatonismus setzte sich als Philosophie einer neuen intellektuellen und gebildeten Elite durch; es handelte sich darum, jeglichen Ausdruck von prunkhaftem und vulgärem Luxus zu vermeiden. Bezeichnenderweise ersetzte Lorenzo de’ Medici, genannt der Prächtige, zur Symbolisierung dieser Renaissance das alte Motto Semper durch ein neues: Le temps revient – die Zeit kehrt zurück.

Die Medici bewiesen Mut, Glauben und vor allem große Intuition, als es Künstler wie Botticelli, Brunelleschi, Verrocchio, Vasari, Donatello und Michelangelo zu entdecken galt. Nicht zu vergessen Dante, Petrarca, Boccaccio und viele andere, die sie aus eigenen Mitteln protegierten und finanzierten. Auf diese Weise bildeten sie eine Künstlerelite heran, die heute weltweit als große Klassiker anerkannt ist. Nebenbei wurde eine neue Welt begründet, in der klassisches Wissen mit gewöhnlicher Sprache ausgesöhnt und somit ein zweisprachiger Humanismus gefördert wurde, der lateinische und der toskanische, wie es keinen vergleichbaren im ganzen Abendland geben sollte.

Die Medici beschränkten sich jedoch nicht auf das Mäzenatentum, sie waren auch große Wegbereiter. Sie gründeten das erste europäische Kreditinstitut, die Medici-Bank, und später das erste öffentliche Museum der Welt, den Säulengang der Uffizien. Der florentinische Gulden wurde zur führenden europäischen Währung, so etwas wie ein Vorfahre des Euro. Cosimo de’ Medici, Großvater von Lorenzo dem Prächtigen, gelang es, das Konzil von 1439 nach Florenz zu holen, bei dem der Kaiser von Byzanz, Johann Paläologos, der Patriarch Joseph von Konstantinopel und Papst Eugen IV. zusammentrafen. Zweck des Konzils war es, dem von den Osmanen bedrohten Byzantinischen Reich wirtschaftliche und militärische Hilfe zukommen zu lassen. Auch wenn es nicht gerade erfolgreich war, weil die Hilfen nicht ausreichten, hatte das Konzil eine andere unerwartete Begleiterscheinung: der Aufenthalt gelehrter Byzantiner im Gefolge von Kaiser Johann Paläologos in Florenz bewirkte, dass das Abendland nach drei Jahrhunderten der Massenverdummung eine Wiederannäherung an die hellenische Sprache und Kultur vollziehen konnte. Das war das Entstehen des Humanismus, der sich nach Konstantinopels endgültigem Fall wenige Jahre später, 1453, über das ganze Abendland verbreiten sollte.

6.Die Medici und die Renaissance

So wurden aus den ersten Medici, den einfachen Händlern im XII. Jahrhundert, geschickte und mächtige Bankherren, die in ganz Europa Filialen der Medici-Bank eröffneten und den Mächtigsten Geld liehen. Als Financiers der Päpste und Herrscher jener Epoche, die wegen ihrer Kriege und Schlossbauten ständig in Geldnöten steckten, häuften sie ein immenses Vermögen an, weit größer als das eines jeden Staatsoberhauptes. Damit wir uns eine Vorstellung machen können: Sie besaßen über dreihundert Handelsunternehmen, wovon eines lediglich im Tuchgewerbe zehntausend Arbeiter hatte.[10]

»Der Aufstieg der Medici zur Macht ist einzigartig und grandios. Normalerweise wird man nur durch die Ausübung bürgerlicher Tugenden weder zum König noch zum Diktator. Bevor sie ihr Werk mit ihrer Ernennung zu Großherzögen der Toskana krönten, gewährten sie der Republik sechzig Prioren[11] und fünfunddreißig Gonfalonieri [12].«[13]

Giovanni de’ Medici, genannt di Bicci, – Vater von Cosimo de’ Medici, der im Jahre 1439 das Konzil nach Florenz holte – hatte 1429 auf dem Totenbett gesagt: »Ich hinterlasse euch unermesslichen Reichtum.« Und während dieser Giovanni di Bicci bei der Erlangung von wirtschaftlicher Macht deutlich gemacht hatte, dass ihn politische Macht nicht interessierte, nutzte sein Sohn Cosimo hingegen die finanzielle Macht, um politische zu erlangen. Schon damals begannen sie, ihren »unermesslichen Reichtum« zu kaschieren und keinen Augenblick ihr Machtstreben durchscheinen zu lassen. Sie übernahmen keine offiziellen Ämter, wie das des Gonfaloniere, des Stadtregenten, das höchste Amt in der damaligen Florentinischen Republik[14], und zogen die Fäden der Macht und der Diplomatie zugunsten des Volkes lieber hinter den Kulissen. Eine Haltung, die nicht verhinderte, dass Cosimo de’ Medici, genannt der Alte, vom damaligen Stadtregenten von Florenz, Rinaldo degli Albizzi[15], der seinen Einfluss und seine Macht sorgfältig hütete, des Landes verwiesen wurde. Doch er war nur kurz im Exil. Das Volk verlangte seine Rückkehr in die Heimat, und Cosimo wurde der Titel Pater Patriae – Landesvater – verliehen, womit er mit allen Würden zum Stadtregenten von Florenz erhoben wurde.

Er regierte von 1434 bis 1464, begründete eine echte Monarchie, wenn auch unter dem Deckmantel eines republikanischen Systems, das dem Volk keinerlei Rechte zubilligte, denn er verfügte über die absolute Macht. Cosimo las gerne Klassiker und umgab sich mit den berühmtesten Künstlern seiner Zeit: Luca della Robbia, Brunelleschi, Fra Angelico, Paolo Uccello, Donatello und andere, die er mit der Verschönerung der Stadt beauftragte. Desgleichen ließ er den Architekten Michelozzo mehrere Landhäuser und Schlösser bauen, unterstützte die Humanismus genannte kulturelle Bewegung und inspirierte den Stil der Renaissance. Vasari malte ihn später wie einen Heiligen in die Kapelle des Palazzo Vecchio, dem Sitz der florentinischen Regierung. Und Sandro Botticelli, ein Verehrer der Familie, malte ihn in das Medaillon, das sein »Junger Florentiner« trägt, in dem man Lorenzos Sohn Piero wiedererkennt. Derselbe Botticelli hat in seiner berühmten Anbetung der Heiligen Drei Könige die wichtigsten Persönlichkeiten der Familie Medici porträtiert, es sind auf dem Gemälde diejenigen, die der Jungfrau am nächsten stehen.

Nach Cosimos Tod folgte ihm sein Sohn Piero, genannt der Gichtige, von 1464 bis 1469 auf den Thron. In seinem letzten Jahr trat sein Sohn Lorenzo, genannt der Prächtige, in Erscheinung, der Florenz und die Toskana bis zu seinem Tod im Jahre 1492 regieren sollte. Wenn von den Medici die Rede ist, gilt zweifelsohne der erste Gedanke immer Lorenzo dem Prächtigen. Tatsächlich glauben viele irrtümlich, dass mit ihm die künstlerische Berufung des Geschlechts ihren Anfang nahm. Doch als Lorenzo am 1. Januar 1449 in ein kultiviertes, gebildetes Umfeld hineingeboren wurde, war die Familie schon auf dem Gipfel ihres Prestiges angelangt.

Andererseits muss ich zugeben, dass Lorenzo nicht zu meinen bevorzugten Familienmitgliedern gehört. Warum? Vielleicht, weil schon so viel über ihn geschrieben wurde und er eine permanente Bezugsperson für unsere Familie darstellt, vielleicht, weil ich denselben Namen trage. Wenn du dein ganzes Leben lang hörst: »Ah, wie Lorenzo der Prächtige!«, denkst du am Ende: »Ja, unglücklicherweise!« Aber persönliche Ansichten beiseite muss ich auch einräumen, dass Lorenzo zweifelsohne ein großer Vorkämpfer und eine wichtige Persönlichkeit seiner Zeit war. Und das ist keine Behauptung von mir, sondern von anderen. Seine Person war Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, und es wurden Tausende von Büchern über ihn geschrieben. Er war außerordentlich feinsinnig und gebildet und hat nach dem Vorbild seines Großvaters Cosimo die berühmtesten Maler, Philosophen und Dichter der Epoche an seinen Hof geholt. Zudem regierte er ausgewogen und hatte großen Einfluss auf die italienische Politik. Unter seiner Regierung erlebte Florenz lange Zeitspannen des Friedens, mit dem daraus resultierenden Wohlstand, sowie wirtschaftlicher und kultureller Dynamik.

Lorenzo war nicht nur ein Freund der Philosophie und großer Ästhet, sondern auch ein ausgezeichneter Dichter und scharfsinniger Politiker. In der Dichtkunst erfand er die Elogen, Aufführungen, in denen erstmals sakrale Teile mit weltlichen verbunden werden. Er schuf auch die Tanzlieder, eine neue Gattung der Poesie untermalt mit Musik, die man singen und tanzen konnte, sowie seine eigene Variante, die Karnevalslieder, eine Art von Maskierten gesungene Poesie mit musikalischer Untermalung. Inspiriert von Natur und Landleben kreierte er einen neuen Stil, den Realismus, eine Novität zu jener Zeit. Diese Eröffnung neuer künstlerischer Wege brachte ihm den Ruf einer genialen Persönlichkeit ein, den er heute noch genießt. Lorenzo unterstützte unter anderem die Weiterentwicklung der Sprachen und wurde dadurch zu einem der größten Förderer der italienischen Sprache. Er ließ die wichtigsten antiken Werke aus dem Griechischen und Lateinischen ins Italienische übersetzen. Er förderte die Universität von Pisa, und mit ihm erreichte die von seinem Großvater Cosimo gegründete Platonische Akademie ihr höchstes Ansehen.

Um seine Neugier und seinen Wissensdurst zu stillen, umgab sich Lorenzo mit den besten Literaten und Philosophen seiner Zeit; alle, die ihm nahestanden und häufig am Hofe zu Gast waren, kamen in den Genuss seiner Großzügigkeit. Der Prächtige beauftragte sie mit neuen Werken, die Florenz dieses unverwechselbare Flair einer kulturellen Welthauptstadt verleihen sollten, das es noch heute besitzt. Er schickte sie sogar in den Fernen Osten, um antike Handschriften, Gefäße, Statuen und Edelsteine zu kaufen, denn er schmückte seine Paläste gerne mit bibliografischen und künstlerischen Sammlungen. Diesbezüglich war er von einer Überlegenheit, die ihm kein Fürst je absprechen konnte.

Lorenzo war ein frühreifes Kind gewesen. Mit dreizehn las er bereits die Bücher aus der väterlichen Bibliothek sowohl auf Griechisch als auch auf Latein und entwickelte dadurch eine Wissbegier, die er nie ganz befriedigen konnte. Schon in diesem zarten Alter schrieb er Gedichte, die seine Lehrer für sehr verdienstvoll hielten.

Doch sein Vater und besonders sein Großvater vergaßen nicht, ihm eine politische Ausbildung angedeihen zu lassen, denn, auch wenn die Medici offiziell nicht die Macht hatten, waren sie in Wahrheit die absoluten Herrscher der Republik. In Florenz gab es eine ganz besondere Regierungsform, teils republikanisch und teils monarchisch, obwohl diese Tatsache öffentlich nie eingestanden wurde. Lorenzo musste also schnell erwachsen werden. 1465 wurde er von seinem Großvater aufgefordert, zum Tod des Herzogs von Mailand ein paar Beileidszeilen an dessen Gesandten zu verfassen. Sein Vater Piero sagte damals zu ihm: »Du musst dir vorstellen, dass du vorzeitig gealtert bist, denn das ist jetzt erforderlich.«

Um seine politische Ausbildung zu vervollständigen, wurde der Junge nach Mailand, nach Venedig und ins Königreich Neapel[16] zu König Ferdinand I. geschickt. Sein immer aufmerksamer Vater gab ihm folgende Anweisung mit: »Halt dich nicht mit Ausgaben zurück, um einen guten Eindruck zu machen. Es stehen die Reputation und die Würde unseres Hauses auf dem Spiel.« Bei seiner Rückkehr nach Florenz nahm ihn der Vater in die Regierung auf. So war Lorenzo bei Pieros Tod trotz seiner knapp zwanzig Jahre auf das Regieren vorbereitet. Soderini versammelte die wichtigsten Bürger der Republik, die ihn unter Jubelrufen aufforderten, seinem Vater als Regierungsoberhaupt der Republik zu folgen. Theoretisch erlaubte die republikanische Staatsform von Florenz die Erbfolge nicht, doch Lorenzo wurde in das Amt eingesetzt und hielt dabei immer den Anschein einer freien Volksregierung aufrecht.

1480 setzte er einen Rat aus 70 Männern ein, um »die Angelegenheiten der Republik zu studieren und zu diskutieren«; dieser Rat ist eine Art Keimzelle des Parlaments. Jedes Vierteljahr wurden acht Personen, die sogenannten »Acht Räte der Praxis«, ausgewählt, die sich um die Außenpolitik kümmerten, während sich weitere zwölf, die Staatsräte, mit den inneren Staatsangelegenheiten beschäftigten; sie sind Vorgänger der heutigen Minister. Dabei handelte es sich ausschließlich um die Wahrung des Scheins, denn Lorenzo genoss absolute Macht im Rat, und dieser befolgte ergeben seine Wünsche.

Seine Macht wurde immer größer, was ihm die Feindschaft von Papst Sixtus IV. einhandelte, der neue Fürstentümer für seine Familie schaffen wollte. Eben dieser Sixtus IV. war der Anstifter der berühmten Pazzi-Verschwörung[17], von der noch die Rede sein wird; dabei wurde Lorenzo nur leicht verletzt, während sein Bruder Giuliano von den Auftragsmördern erstochen wurde. Wütend über das Scheitern seines Plans, die Medici loszuwerden, exkommunizierte Sixtus IV. Lorenzo und alle Medici, die lebten oder noch geboren werden sollten. Aber das kümmerte Lorenzo wenig, im Gegenteil, er zeigte Güte und bat für Kardinal Riario, dem Neffen des Papstes und Hauptverschwörer, um die Absolution. Als Reaktion darauf ging Sixtus IV. ein Bündnis mit dem König von Neapel ein, um Florenz anzugreifen und sich endgültig der Medici zu entledigen.

Da er die Republik nicht in Gefahr bringen wollte, ergriff Lorenzo sofort die Initiative und reiste persönlich nach Neapel, um sich mit König Ferdinand zu treffen; er überredete ihn dazu, sich dem Einfluss des Papstes zu entziehen, und schlug ihm seinerseits ein Bündnis vor, das dazu dienen sollte, den maßlosen Ansprüchen italienischer Fürsten, die Päpste eingeschlossen, Einhalt zu gebieten. In der Folge zog Sixtus IV. 1480 angesichts der drohenden Invasion der Türken, die schon Otranto eingenommen hatten, die Exkommunizierung der Medici zurück und bat Lorenzo um Unterstützung. Aber die Ruhe hielt nicht lange vor. Im Jahr darauf wurde eine weitere Verschwörung zur Ermordung des Prächtigen aufgedeckt, wieder eingefädelt von Kardinal Riario; die Verschwörer wurden zum Tode verurteilt. Von da an erklärte die Republik diejenigen, die dem Prächtigen nach dem Leben trachteten, als schuldig wegen Majestätsbeleidigung.

Als absoluter Herrscher über Florenz hatte sich Lorenzo de’ Medici in einen zuverlässigen Mann der maßvollen italienischen Politik verwandelt und verfügte über großen politischen Einfluss auf die Nachbarstaaten – den Kirchenstaat, das Königreich Neapel und das Herzogtum von Mailand –, einen Einfluss, den er nutzte, als er von Papst Innozenz VIII., dem Nachfolger des gefürchteten Sixtus IV., die Kardinalswürde für seinen damals knapp vierzehnjährigen Sohn Giovanni haben wollte. Aus Schamgefühl wurde diese Ernennung bis zu Giovannis siebzehntem Lebensjahr geheim gehalten. Der kleine Kardinal Giovanni de’ Medici sollte später Heiliger Vater mit Namen Leo X. werden und der erste Papst der Familie sein.

Der Einfluss von Lorenzo dem Prächtigen war dergestalt, dass sich in seiner Ägide »Florenz in eine Welthauptstadt verwandelte, der alle Arten von Ehrungen zukamen«[18]. Er war ein vortrefflicher Mäzen für Künstler, Schriftsteller und Dichter, die unter seinem Schutz und dem seiner Nachfolger den Ruhm erlangten, der ihnen bis heute weltweit Anerkennung einbringt. Die Liste ist unendlich. Wie sollte man nicht ein paar dieser Namen nennen, mit denen die Dynastie den Gipfel ihres Prestiges erreichte: von Brunelleschi bis Donatello, Leone Battista Alberti, Masaccio, Ghiberti, Paolo Uccello, Filippo Lippi, Sandro Botticelli, Andrea Verrochio, die Brüder Pollaiolo, Luca della Robbia, Giorgio Vasari und vor allem Michelangelo; daneben Dante, Petrarca und Boccaccio, Angelo Poliziano und Leonardo Bruni. In den späteren Generationen waren es Leonardo da Vinci und Galileo Galilei. Derselbe Galilei, dem Cosimo III. ermöglichte, seine Studien fortzusetzen und die ersten großen Entdeckungen der modernen Wissenschaft zu machen, und der ihm aus Dankbarkeit die von ihm entdeckten Sterne, die Jupitertrabanten, widmete, auch Mediceische Gestirne genannt.

Dennoch prahlte Lorenzo nie mit seinem immensen Reichtum, im Gegenteil, seine Großzügigkeit entbehrte jeglicher Eitelkeit. Er war stets darauf bedacht, sich bescheiden zu verhalten und nicht den Neid anderer zu wecken, ihm lag sehr daran, späteren Generationen als Beispiel zu dienen. Er stellte seinen Besitz in den Dienst der Kunst, der Wissenschaft und der Literatur, und deshalb steht sein Name auch über fünfhundert Jahre nach seinem Tod noch als Symbol des Mäzens par excellence.

Lorenzo de’ Medici starb am 8. April 1492 in der Villa di Careggi. Seine Frau Clarissa Orsini hatte ihm sieben Kinder, drei Jungen und vier Mädchen, geschenkt. »Jetzt ist es mit dem Frieden vorbei«, sagte Papst Innozenz VIII., als er vom Tod des Prächtigen erfuhr. Das war eine zutreffende Vorhersage, denn mit diesem Datum begann in Italien eine lange Phase der Kriege und der Armut. In dem von Kämpfen um die Hegemonie zerrissenen Land hatte Lorenzos Politik den Frieden gesichert. Nur mit seiner Überzeugungskraft hatte er die maßlosen Ansprüche der italienischen Fürstenhäuser in Schach halten können, weswegen sein Tod den Beginn eines weiteren, zerstörerischen Kapitels in der Geschichte Italiens markierte.[19]

Auch für die Familie Medici bedeutete Lorenzos Tod den Beginn einer düsteren Übergangszeit, die in der Verbannung der gesamten Familie aus der Stadt Florenz kulminierte. Ein so strahlender Hof und eine so reiche Familie konnten nur Neid und Eifersucht heraufbeschwören. Wir haben ja schon gesehen, wie selbst Papst Sixtus IV. mehrmals versucht hatte, sich der Medici zu entledigen, weil er fand, dass sie sein Pontifikat in den Schatten stellten. Zu allem Überfluss musste sich Lorenzo in den letzten Jahren seines Lebens in seiner Heimatstadt Florenz auch noch mit dem Dominikanermönch Savonarola auseinandersetzen, für den diese ganze Luxusschwelgerei ins Verderben führte. Savonarola predigte das Ende der Welt, sollte sich der Einfluss der Medici verstärken. Es war ihm ein Leichtes, die Unzufriedenen zu überzeugen und damit die Reihen der Medici-Gegner von Tag zu Tag wachsen zu lassen. Beim Tod des Prächtigen wusste Savonarola, dass sein Tag gekommen war, da der schwache Piero, Lorenzos Sohn und Nachfolger, nicht denselben Einfluss hatte wie sein Vater.

Piero, genannt der Unglückliche, war nicht auf der Höhe der Umstände; er entbehrte nicht nur der väterlichen Qualitäten, sondern musste sich einer komplizierten Situation stellen, der er nicht gewachsen war.

Florenz wurde nicht nur von dem Mönch erschüttert, der in seinem Hass auf die Medici das Stadtvolk dazu aufhetzte, sich gegen die mächtige Familie aufzulehnen, sondern es rückte auch die Gefahr einer französischen Invasion näher, denn der König von Frankreich, Karl VIII., beabsichtigte, durch die florentinischen Staaten zu marschieren, um gegen das Königreich Neapel Krieg zu führen. Zudem musste sich Piero in der eigenen Familie mit den Ansprüchen einiger Vettern aus einer Seitenlinie auseinandersetzen, jenen Medici genannten Popolani, die für die Begründung einer echten Republik eintraten; dieselben Popolani, die vierzig Jahre später, 1537, mit Cosimo I. das Großfürstentum der Toskana begründeten.

Piero sprach also beim König von Frankreich vor, der schon in Pisa stand, um zu erreichen, dass der Durchmarsch der französischen Truppen in seinen Staaten so wenig Schaden wie möglich anrichtete. Dennoch war er Karls VIII. Forderungen gegenüber zu nachgiebig, er gestand ihm die Nutzung der Zitadellen von Pisa und Livorno sowie Geld und Proviant zu, wobei er immer die Schonung der Stadt Florenz im Blick hatte. Als er nach Florenz zurückkehrte, fand er ein wütendes Volk vor, das ihm seine Schwäche vorwarf. Savonarola hatte einen weiteren Vorwand, seinen Kopf zu fordern. Entweder wusste er es nicht besser oder wollte es nicht, jedenfalls floh Piero aus der Stadt und ließ die Massen den Medici-Palast plündern, statt das Eingreifen der Soldaten anzuordnen, die auf ihre Befehle warteten und den Aufruhr leicht hätten verhindern können. Eines ist klar: hätte er mit fester Hand zu regieren gewusst, wäre er an der Macht geblieben. Und wären die Medici Krieger statt Politiker gewesen, hätte er möglicherweise von der Gewalt Gebrauch gemacht, um an der Macht zu bleiben.

Die gesamte Familie musste den Weg ins Exil einschlagen, das zweite Mal seit Cosimo dem Alten zu Beginn des Jahrhunderts. Dieses zweite Exil der Familie dauerte von 1494 bis 1512, weswegen die Medici erst achtzehn Jahre später nach Florenz zurückkehrten. Und das konnten sie nur dank der Machenschaften von Kardinal Giovanni de’ Medici und seines beträchtlichen Einflusses, den er auf Papst Julius II. ausübte.

Am 17. November 1494 zog Karl VIII. triumphierend in Florenz ein. Er blieb nur zehn Tage. Nach seiner Abreise bemächtigte sich Savonarola der Stadt und verwandelte Florenz in einen theokratischen Staat. Die Herbergen wurden geschlossen, alle Kunstgegenstände, darunter Meisterwerke der von den Medici so geschätzten großen Künstler, verbrannten auf einem riesigen Scheiterhaufen auf der Piazza della Signoria, es brannten auch sämtliche Utensilien, die zur weiblichen Verschönerung gehörten, wie Parfums, Spiegel, Schmuck, Seiden- und Brokatroben, Bordüren sowie sämtliche als profan geltende Musikinstrumente, wie Tamburine, Mandolinen und Geigen. Die Frauen mussten sich fortan schwarz kleiden, und die ganze Stadt füllte sich mit Mönchen. Es gab keine Festlichkeiten mehr, denn es war strengstens verboten, sich zu amüsieren; etwas, das sich, recht bedacht, in der jüngsten Geschichte 1979 mit Khomeinis Ankunft im Iran und 1995 mit den Taliban in Afghanistan wiederholte.

Alles, was die Medici in den vorangegangenen Generationen an Kunstsammlungen, antiken Büchern, Statuen, Kunstwerken und Juwelen zusammengetragen hatten, wurde zerstört, geraubt oder verbrannt. Die Paläste wurden geplündert, und nur wenig konnte gerettet und erhalten werden. Doch die vertriebene Dynastie wurde schon bald vermisst; die Zerstörung der schönsten Kunstwerke, die Florenz seinen Glanz verliehen hatten, erschütterte diejenigen, die in dieser großen mystischen Krise den Ruin ihrer Stadt sahen. Der Mönch Savonarola, blind vor Hass auf die Medici, hielt sich in seiner Raserei nicht lange an der Macht; sie kostete ihn sogar das Leben. Die Bevölkerung, die seinen exzessiven Moralismus satt hatte, stellte seine Methoden immer mehr infrage. Im Mai 1498 wurde er schließlich durch einen Volksauftand gestürzt und auf der Piazza della Signoria vor dem Palazzo Vecchio bei lebendigem Leibe verbrannt.

Doch Piero, Sohn und Nachfolger von Lorenzo dem Prächtigen, blieb keine Zeit, in seine Heimat zurückzukehren. Nachdem alle seine Versuche gescheitert waren, starb er 1503 im Exil. Er starb beim Untergang eines Schiffes in der Mündung des Garigliano.[20] Sein Vetter Giulio, späterer Papst mit Namen Clemens VII., beauftragte Francesco da Sangallo mit einem Grabmal, das noch heute in der Abtei von Montecassino zu sehen ist.

Nach Pieros II. Tod wurden seine zwei jüngeren Brüder die Familienoberhäupter: Lorenzos zweitältester Sohn Kardinal Giovanni und sein dritter Sohn Giuliano, zukünftiger Herzog von Nemours, denn Pieros einziger Sohn, nach seinem Großvater Lorenzo benannt, war mit seinen neun Jahren zu jung, um diese Rolle zu übernehmen.

Giovanni nahm aus Gründen der Diskretion den zweiten Platz ein, denn die jüngste Erfahrung einer theokratischen Regierung war noch zu frisch, und die Stadt hätte es nicht gerne gesehen, wenn ein Kleriker an die Macht gekommen wäre. Dennoch bereitete er mit subtiler Strategie, effizienter Diplomatie und vor allem mit seinem immensen Reichtum die Wiedereinsetzung der Medici an der Macht vor. Seine Mitstreiter waren zahlreich, denn sowohl die Großbürger als auch das Volk waren für ihre Rückkehr.

Unterdessen wurde die Regierung der Signoria nach dem Intermezzo mit Savonarola täglich schwächer, was Ludwig XII., König von Frankreich und Nachfolger von Karl VIII., zu der Aussage veranlasste, dass die Befürworter der Medici so viele seien, dass er der Stadtregierung nicht mehr vertrauen könnte. Und je schwächer diese Regierung wurde, desto stärker fühlte sich die Heilige Liga [21] gefährdet. 1511 wurde in Mantua ein Kongress einberufen, an dem Papst Julius II., Kaiser Maximilian II. und der König von Spanien [22], Ferdinand der Katholische, teilnahmen, wo der Austausch der florentinischen Regierung gegen die Medici diskutiert werden sollte; dies war das Ergebnis von Kardinal Giovannis Einfluss und seiner engen Freundschaft mit dem Papst.

Das militärische Oberhaupt der Heiligen Liga, der Vizekönig von Neapel Raimondo di Cardona, wurde beauftragt, mit seinem Heer in Florenz einzumarschieren und die Beschlüsse des Kongresses umzusetzen. Doch als sein Heer auf dem Weg nach Florenz die Stadt Prato plünderte, schickten ihm die verängstigten Florentiner schleunigst eine Delegation, um über die Rückkehr der Medici zu verhandeln. Das Prestige der Familie und ihre zahlreichen Befürworter in dieser Stadt taten ein Übriges. Eine riesige Menschenmenge kam nach Prato, um Giuliano de’ Medici zu begrüßen und nach Florenz zu begleiten, wo er vom erregten Volk begeistert empfangen wurde. An allen Fenstern hing das Medici-Wappen und die Menschen riefen »Palle! Palle!«[23], den alten Schlachtruf ihrer Anhänger.

Ein paar Tage später, am 14. September 1512, hielt Kardinal Giovanni[24] seinen triumphalen Einzug in die Stadt. Er wurde von seinem Bruder Giuliano und anderen Mitgliedern der Familie Medici in Empfang genommen, die überstürzt aus dem Exil zurückgekehrt waren, um ihm angemessen ihren Respekt erweisen zu können. Unter ihnen war sein Neffe Lorenzo, Sohn von Piero dem Unglücklichen und zukünftiger Lorenzo II., sowie sein Vetter Giulio de’ Medici. Dieser Giulio, von dem noch die Rede sein wird, war der uneheliche Sohn von Giuliano de’ Medici[25], Bruder von Lorenzo dem Prächtigen, der bei der Pazzi-Verschwörung 1478 in der Kathedrale ermordet wurde. Nach dem Tod des Vaters hatte Lorenzo der Prächtige ihn zusammen mit seinen eigenen Kindern erziehen und ausbilden lassen. Giulio sollte ein außergewöhnliches Schicksal haben. Im Augenblick der Rückkehr der Medici nach Florenz trug er den Titel Prior von Capua.[26] Als Kardinal Giovanni später Papst wurde, ernannte er ihn zum Kardinal[27], und schließlich folgte Giulio ihm auf den Heiligen Stuhl im Petersdom, als er wenige Jahre später selbst zum Papst gewählt wurde, ein Ehrenamt, das er als Clemens VII. ausübte.[28]

Ein Jahr nach Wiedereinsetzung der Medici an der Macht spürte man in Florenz deutlich den entscheidenden Einfluss des Papstes. Diese Art der Belehnung begründete sich vor allem darauf, dass Kardinal Giovanni 1513 auf den Papstthron gewählt wurde, wo er als Leo X. herrschte, und weil bis zum Tod seines Vetters Giulio 1543 zwei Mitglieder derselben Familie beide Staaten regierten, mit der daraus resultierenden Vormachtstellung eines übermächtigen und ausgesprochen geschätzten Papstes. Außerdem muss daran erinnert werden, dass Giovanni nach dem frühen Tod seines Bruders Piero eigentlich das natürliche Familienoberhaupt war.

7.Giuliano, Herzog von Nemours (1479–1516),Lorenzo II., Herzog von Urbino (1492–1519)

Seit seiner Rückkehr in die Heimat 1512 übte Giuliano mit uneingeschränkten Befugnissen sein Amt als Stadtregent von Florenz aus, obwohl er sich selbst als nicht sonderlich geeignet für diese Aufgabe betrachtete. Eigentlich war er nach Florenz zurückgekehrt, um das persönliche Vermögen und die Güter der Familie zurückzuerlangen, statt eine Macht auszuüben, an der ihm nicht viel lag. Doch unter dem Druck der Ereignisse und der Befürworter des Hauses Medici akzeptierte er das ihm zustehende Amt und übte die absolute Macht gemäßigt aus. Er verzieh denen, die am Fall seiner Familie schuld gewesen waren, und verfolgte auch diejenigen nicht, die die Situation ausgenutzt hatten. So gab es keine Rache, keine Hinrichtungen, keine Enteignungen und keine Opfer. Dank seines Geschicks war die Rückkehr der Medici praktisch schmerzlos. Er wurde von seinen Landsleuten sehr geschätzt, und sie vermissten ihn außerordentlich, als er dem legitimen Erben, seinem Neffen Lorenzo, Platz machte, weil er Pieros erstgeborener Sohn war.

Giulianos Ablösung an der Staatsspitze erfolgte allerdings nicht nur aus dem Grund, die legitime Erbfolge von Lorenzo anzuerkennen. Sein Bruder Giovanni, inzwischen Papst Leo X., hatte andere wichtige Pläne mit ihm und ernannte ihn deshalb zum Generaloberst der Kirche. 1515 starb in Frankreich König Ludwig XII.. Auf den Thron folgte ihm einer seiner Vettern, François Valois, der unter dem Namen Franz I. regierte. Um sich beim neuen König von Frankreich einzuschmeicheln, schickte Leo X. Giuliano als Gesandten nach Frankreich. Franz I. war derart beeindruckt von der Schönheit und großen Bildung des jungen Florentiners, dass er ihm nicht nur seine Freundschaft, sondern auch die Hand seiner blutjungen siebzehnjährigen Tante Philiberta von Savoyen anbot und ihn zum Herzog von Nemours ernannte.

Doch Giulianos Gesundheit war angeschlagen. Er starb am 17. März 1516 im Alter von nur siebenunddreißig Jahren und ohne Zeit für legitimen Nachwuchs mit seiner königlichen Ehefrau. Auch den Traum seines Bruders, des Papstes, konnte er nicht mehr erfüllen, der ihn als König von Neapel oder Herrscher der nördlichen Staaten Italiens sehen wollte. Sein von Michelangelo angefertigtes monumentales Grabmal befindet sich in der Neuen Sakristei von San Lorenzo in Florenz. Er hatte zwar keine legitimen Nachkommen, doch es gibt einen unehelichen Sohn, Ippolito, der in den Jahren im Exil geboren und sofort von seinem Onkel, dem Papst, adoptiert worden war. Von ihm wird im Folgenden noch die Rede sein.

Unterdessen arbeitete sich Lorenzo II. in Florenz in das politische Geschäft ein. Da Leo X. von seinen Qualitäten als Regent nicht sonderlich überzeugt war, sei es wegen seiner Jugend oder des extremen Dünkels, den der junge Herr zur Schau trug, unterstellte er ihn der aufmerksamen Fürsorge seines Vetters Giulio, den er persönlich zum Kardinal ernannt hatte. Um sicherzugehen, dass Lorenzo II. nicht sein Unwesen trieb, schickte er ihm zudem ständig genaue Anweisungen, wie er den Staat regieren müsse. Er empfahl ihm,

»… die wichtigen Ämter Männern seines Vertrauens zu übertragen und diejenigen, die keine angesehenen Ämter einnehmen konnten, mit kleinen Aufgaben zu betrauen; er solle die Mitbürger in geringfügigeren Dingen zufriedenstellen, damit er das Zurückziehen oder Verweigern größerer Konzessionen verziehen bekomme.«[29]