Die Mittagsfrau - Julia Franck - E-Book
Beschreibung

»Alles ist möglich, Engel, die Welt steht uns offen.« In der Lausitz verlebt Helene eine idyllische Kindheit, die jäh endet. Wie geht man mit den Schicksalsschlägen um, die das Leben bereit hält? Ihr Vater kehrt nur zum Sterben aus dem Ersten Weltkrieg heim, ihre jüdische Mutter zieht sich zunehmend vor den Anfeindungen ihrer Umgebung in die Verwirrung zurück. Herzensblindheit nennt Helene das und fürchtet die zunehmende Kälte der Mutter. Helene möchte Medizin studieren, ein ungewöhnlicher Traum für eine Frau zu Beginn des Jahrhunderts, doch sie träumt ihn weiter. Sie zieht mit ihrer Schwester Martha nach Berlin, erlebt die wilden Zwanziger, und während Martha ihrer Freundin Leontine wieder begegnet, lernt Helene Carl kennen. Als der kurz vor der Verlobung stirbt, hilft auch ihr die Herzensblindheit, das Leben zu überleben. Eine schnell scheiternde Ehe mit einem überzeugten Nazi führt Helene nach Stettin, wo ihr Sohn zur Welt kommt. Die Liebe und Nähe, die der kleine Junge fordert, werden ihr zunehmend unerträglich, und bald schon geht ihr der Gedanke vom Verschwinden nicht mehr aus dem Kopf. Dann trifft sie eine ungeheuerliche Entscheidung …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:613


Julia Franck

Die Mittagsfrau

Roman

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

[Motto]PrologDie Welt steht uns offenIn einem Bett aus [...]Knapp zwei Jahre nach [...]Als Ernst Ludwig Würsich [...]Helene stand am Fenster [...]Kein schönerer Augenblick als dieserIm Winter nach dem [...]Es gelang dem Professor [...]Der kommende Winter brachte [...]Der Frühling flog vorbei; [...]Das unerwartete Auftauchen Carl [...]Carl führte Helene in [...]Das Frühjahr kam, die [...]Man müsse Körper und [...]Helene war die letzten [...]An einem Februartag, an [...]NachtfalleWarum habt ihr gedacht, [...]Erst als Helene aus [...]Mit dem 27.September kam [...]Es war mitten in [...]In den ersten Monaten [...]Dass Wilhelm sie noch [...]Eine feine Naht, die [...]Epilog

Nichts Böses; hast Du die Schwelle überschritten, ist alles gut. Eine andere Welt und Du mußt nicht reden.

 

(Franz Kafka, Tagebücher, Zwölftes Heft, 1922)

Prolog

Auf dem Fensterbrett stand eine Möwe, sie schrie, es klang, als habe sie die Ostsee im Hals, hoch, die Schaumkronen ihrer Wellen, spitz, die Farbe des Himmels, ihr Ruf verhallte über dem Königsplatz, still war es da, wo jetzt das Theater in Trümmern lag. Peter blinzelte, er hoffte, die Möwe werde allein vom Flattern seiner Augenlider aufgescheucht und flöge davon. Seit der Krieg zu Ende war, genoss Peter die Stille am Morgen. Vor einigen Tagen hatte ihm die Mutter ein Bett auf dem Boden der Küche gemacht. Er sei jetzt ein großer Junge, er könne nicht mehr in ihrem Bett schlafen. Ein Sonnenstrahl traf ihn, er zog sich das Laken über das Gesicht und lauschte der sanften Stimme von Frau Kozinska. Sie kam aus den Rissen im Steinboden, aus der Wohnung unter ihm. Die Nachbarin sang. Ach Liebster, könntest du schwimmen, so schwimm doch herüber zu mir. Peter liebte diese Melodie, die Wehmut in ihrer Stimme, das Wünschen und die Traurigkeit. Diese Gefühle waren so viel größer als er, und er wollte wachsen, nichts lieber als das. Die Sonne wärmte das Laken auf Peters Gesicht, bis er die Schritte seiner Mutter hörte, die sich wie aus großer Ferne näherten. Plötzlich wurde das Laken weggezogen. Los, los, aufstehen, ermahnte sie ihn. Der Lehrer warte, behauptete die Mutter. Aber der Lehrer Fuchs erfragte schon seit langer Zeit nicht mehr die Anwesenheit der einzelnen Kinder, die wenigsten konnten noch jeden Tag kommen. Seit Tagen gingen seine Mutter und er jeden Nachmittag mit dem kleinen Koffer zum Bahnhof und versuchten einen Zug in Richtung Berlin zu bekommen. Kam einer, war er so überfüllt, dass sie es nicht hineinschafften. Peter stand auf und wusch sich. Mit einem Seufzen zog die Mutter ihre Schuhe aus. Aus dem Augenwinkel sah Peter, wie sie die Schürze abnahm, um sie in den Wäschetopf zu legen. Ihre weiße Schürze war jeden Tag befleckt von Ruß und Blut und Schweiß, stundenlang musste sie eingeweicht werden, bevor seine Mutter das Waschbrett nehmen und die Schürze darauf reiben konnte, bis die Hände rot wurden und ihr die Adern an den Armen schwollen. Mit beiden Händen hob Peters Mutter die Haube vom Kopf, sie zog die Haarnadeln aus dem Haar, und ihre Locken fielen ihr weich über die Schultern. Sie mochte es nicht, wenn er sie dabei beobachtete. Mit einem Blick aus dem Augenwinkel sagte sie: Das da auch, und ihm schien, als zeige sie mit einer gewissen Abscheu auf sein Geschlecht, damit er es wasche, dann wandte sie ihm den Rücken zu und strich mit einer Bürste durch ihr volles Haar. Es schimmerte golden in der Sonne, und Peter dachte sich, er habe die schönste Mutter der Welt.

Selbst nachdem im Frühjahr die Russen Stettin erobert hatten und einige der Soldaten seither in Frau Kozinskas Wohnung übernachteten, hörte man sie früh am Morgen singen. Letzte Woche einmal hatte seine Mutter am Tisch gesessen und eine ihrer Schürzen ausgebessert. Peter hatte laut vorgelesen, der Lehrer Fuchs hatte ihnen aufgetragen, das laute Lesen zu üben. Peter hasste das laute Lesen und ihm war schon manchmal aufgefallen, wie wenig seine Mutter zuhörte. Vermutlich war ihr die Störung der Stille zuwider. Meist war sie so tief in ihren Gedanken, dass es ihr gar nicht aufzufallen schien, wenn Peter plötzlich mitten im Satz leise weiterlas. Während er so vor sich hin gelesen hatte, hatte er zugleich Frau Kozinska gelauscht. Man sollte ihr den Hals umdrehen, hörte er seine Mutter unvermittelt sagen. Erstaunt blickte Peter sie an, aber sie lächelte nur und stieß ihre Nadel in das Leinen.

Die Brände vom vergangenen August hatten die Schule vollkommen zerstört, und so trafen sich die Kinder seither bei dem Lehrer Fuchs im Milchladen seiner Schwester. Nur noch selten konnte etwas verkauft werden, Fräulein Fuchs stand mit verschränkten Armen an der Wand hinter ihrem leeren Ladentisch und wartete. Obwohl sie taub geworden war, hielt sie sich oft die Ohren zu. Die große Ladenscheibe war herausgebrochen, auf der Fensterbank saßen die Kinder, und der Lehrer Fuchs zeigte ihnen auf der Tafel Zahlen, drei mal zehn und fünf mal drei. Die Kinder fragten ihn, wo Deutschland verloren habe, aber er mochte es ihnen nicht zeigen. Er sagte, wir werden jetzt nicht mehr zu Deutschland gehören, und er freute sich darüber. Wohin dann, wollten die Kinder wissen, wohin gehören wir dann? Der Lehrer Fuchs zuckte mit den Achseln. Heute wollte Peter ihn fragen, warum er sich darüber freute.

Peter stand am Waschbecken und trocknete mit dem Handtuch seine Schultern ab, seinen Bauch, sein Geschlecht, die Füße. Wenn er die Reihenfolge vertauschte, was schon lange nicht mehr vorgekommen war, verlor die Mutter ihre Geduld. Sie hatte ihm eine saubere Hose und das beste Hemd hingelegt. Peter ging zum Fenster, er klopfte gegen die Scheibe, und die Möwe flatterte auf. Seit die gegenüberliegende Häuserreihe und die Hinterhäuser und auch der nächste Straßenzug fehlten, hatte er freien Blick auf den Königsplatz, dorthin, wo die Reste des Theaters standen.

Komm nicht zu spät nach Hause, sagte seine Mutter, als er zur Wohnungstür hinauswollte. Nachts habe im Krankenhaus eine Schwester erzählt, heute und morgen würden Sonderzüge eingesetzt. Wir verschwinden. Peter nickte, seit Wochen freute er sich darauf, endlich mit einem Zug zu fahren. Nur einmal vor zwei Jahren, als Peter eingeschult worden war und sein Vater sie besucht hatte, waren sie mit dem Zug gefahren, sein Vater und er, sie hatten einen Arbeitskollegen des Vaters in Velten besucht. Der Krieg war jetzt acht Wochen aus, und der Vater kehrte nicht heim. Peter hätte seine Mutter gerne gefragt, warum sie nicht mehr länger auf den Vater warten wollte, er wäre gern ihr Vertrauter geworden.

Im letzten Sommer, in der Nacht zum 17.August, war Peter allein in der Wohnung gewesen. Seine Mutter hatte in diesen Monaten häufig zwei Schichten hintereinander gemacht, sie war von der Spätschicht zur Nachtschicht im Krankenhaus geblieben. Immer, wenn sie nicht da war, fürchtete sich Peter vor der Hand, die bei Dunkelheit unter dem Bett hervorkommen würde, aus der Ritze zwischen Mauerwerk und Laken. Er fühlte das Metall seines Klappmessers am Bein und stellte sich wieder und wieder vor, wie schnell er es zücken müsste, wenn die Hand erschiene. In dieser Nacht hatte sich Peter bäuchlings auf das Bett seiner Mutter gelegt und gelauscht wie in jeder Nacht. Besser, man lag genau in der Mitte des Bettes, so war zu jeder Seite genügend Platz, um die Hand rechtzeitig zu entdecken. Er musste zustoßen, schnell und fest. Peter schwitzte, wenn er sich vorstellte, dass die Hand erschiene und er von Angst gelähmt nicht in der Lage wäre, das Messer gegen sie zu erheben.

Peter wusste noch genau, wie er mit beiden Händen, von denen die eine zugleich das Messer umklammerte, den Samt der schweren Überdecke genommen hatte und seine Wange an dem Stoff rieb. Klein, fast zart, hob der erste Sirenenton an, dann gellte er auf, wurde hochgezogen zu einem langen, durchdringenden Jaulen. Peter schloss die Augen. Der Ton ließ die Ohren glühen. Peter mochte Keller nicht. Stille. Immer wieder ersann er neue Strategien, die Keller zu meiden. Der Sirenenton schwoll wieder. Das Herz klopfte, und zu eng schien ihm sein Hals. Alles an ihm wurde steif und starr. Er musste tief atmen. Gänsedaunen. Peter presste die Nase in das Kopfkissen seiner Mutter und sog ihren Geruch auf, als könne er satt werden davon. Dann war es still. Eine mächtige Stille, Peter hob den Kopf und hörte seine Zähne klappern, er versuchte, die Kiefer geschlossen zu halten, biss die Zähne mit aller Kraft zusammen, senkte den Kopf wieder und drückte das Gesicht in die Daunen.

Während er sein Gesicht an dem Kissen rieb, den Kopf dabei hin und her wiegen musste, knisterte etwas darunter. Vorsichtig fuhr er mit der Hand unter das Kissen und die Fingerspitzen tasteten Papier. Im selben Augenblick belegte ein unheimliches Rauschen seine Ohren, das Rauschen des ersten Abwurfs, Peters Atem ging schneller, es krachte und splitterte, Glas hielt dem Druck nicht stand, die Fensterscheiben barsten, das Bett, auf dem er lag, bebte, und Peter hatte plötzlich das Gefühl, jedes Ding um ihn herum lebe mehr als er selbst. Stille folgte. Den äußeren Ereignissen zum Trotz zog er mit der freien Hand einen Brief hervor. Peter erkannte die Schrift. Wie irre musste Peter lachen, ach, sein Vater, ach, der war ihm ganz entfallen, wo der ihn doch immer beschützen wollte. Da war seine Schrift, hier, sein M für Meine, für Alice das A. Unerschütterlich standen die Buchstaben, einer am anderen, nichts konnte ihnen etwas anhaben, keine Sirene, keine Bombe, kein Feuer, zärtlich lachte Peter ihnen zu. Die Augen brannten, und die Schrift drohte zu verschwimmen. Etwas bedauerte der Vater. Peter musste lesen, den Brief des Beschützers, er musste lesen, was da geschrieben stand, solange er las, geschah ihm nichts. Das Schicksal unterziehe ganz Deutschland einer schweren Prüfung. In Peters Händen zitterte das Blatt, gewiss vom Beben des Bettes. Was Deutschland anbelange, so tue er sein Bestes. Sie frage, ob er nicht in einer der Werften arbeiten könne. Werften, gewiss, Sirenen heulten, nicht die von Schiffen, andere. Peters Augen tränten. Man brauche Ingenieure wie ihn dringend woanders. Ein Zischen ganz nah, wie vor dem Fenster, ein Krachen, ein zweites, noch lauter. Fertigstellung der Reichsautobahn, im Osten wenig zu tun. Wenig zu tun? Wieder hörte Peter das Rauschen, Brandgeruch kitzelte erst in seiner Nase, dann wurde es ein beißender, stechender Geruch, doch Peter lachte noch immer, ihm war, als könne ihm mit dem Brief seines Vaters in den Händen nichts passieren. Alice. Peters Mutter. Sie halte ihm vor, dass er so selten schreibe. Es qualmte, roch es nicht rauchig, knisterte ein Brand? Nichts mit ihrer Herkunft zu tun habe das. Nichts was, hat das und was, welche Herkunft, was schrieb dieser Vater da? Eine Anweisung mit Geld. Sollte das wirklich Anweisung heißen, und Ausweisung? Dinge geschähen, die etwas zwischen ihnen veränderten.

Wie mühsam war es gewesen, diesen Brief zu entziffern. Hätte er besser lesen können, so gut wie heute, fast ein Jahr später und schon bald acht Jahre alt, hätte er vielleicht an den Schutz des Briefes glauben können, doch der Brief hatte versagt, Peter hatte ihn nicht zu Ende lesen können.

Als er sich an diesem Morgen auf den Weg in den Milchladen des Lehrers Fuchs machte, war alles gut und er benötigte keinen Brief eines Vaters mehr für das Überstehen einer Nacht, nie mehr. Der Krieg war vorbei, heute wollten sie verschwinden, seine Mutter und er. Peter entdeckte im Rinnstein eine blecherne Dose und versetzte ihr einen Stoß. Wunderbar, wie sie schepperte und wie sie taumelte. Das Grauen würde zurückbleiben, hinter ihnen liegen, kein einziger Traum sollte mehr daran erinnern. Peter musste an die ersten Angriffe im Winter denken und wieder spürte er die Hand seines Freundes Robert, mit dem er einst über den niedrigen, weißlackierten Zaun entlang des Weges gehüpft war und die Straße vom Berliner Tor hatte überqueren wollen, um in den Graben vor dem Zeitungskiosk zu springen. Ihre Schuhe waren auf dem Eis gerutscht, sie waren geschliddert. Etwas musste seinen Freund getroffen und die Hand von seinem Körper getrennt haben. Doch Peter war die restlichen Meter weitergestürzt, allein, als habe ihn das Wegreißen des Freundes beschleunigt. Er hatte die Hand gespürt, fest und warm, und sie lange nicht losgelassen. Als ihm später aufgefallen war, dass er die Hand noch immer hielt, hatte er sie im Graben nicht einfach fallen lassen können, er hatte sie mit nach Hause genommen. Seine Mutter hatte ihm die Tür geöffnet. Sie hatte ihn aufgefordert, sich auf einen Stuhl zu setzen, und hatte ihm zugeredet, er möge seine Hand öffnen. Sie hatte sich vor ihn auf den Boden gehockt, in den Händen eine der weißen Stoffservietten mit ihren Initialen gehalten und gewartet, sie hatte seine Hände gestreichelt und geknetet, bis er losließ.

Bis heute fragte sich Peter, was sie damit gemacht hatte. Er versetzte der Blechdose einen kräftigen Tritt, sodass sie hinüber auf die andere Straßenseite kullerte, fast bis zum Milchladen. Noch jetzt war es, als hielte er Roberts Hand, im nächsten Augenblick, als hielte diese ihn und beziehe sich sein Vater in dem Brief auf nichts anderes als auf dieses Ereignis. Dabei hatte er den Vater seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und ihm nie von der Hand erzählen können.

Im vergangenen Sommer dann, in der Bombennacht vom August, als Peter den Brief des Vaters gelesen hatte, hatte er bald nur noch jeden dritten oder vierten Satz entziffern können. Der Brief hatte nicht geholfen. Die Hände hatten gezittert. Der Vater wolle die Mutter seines Sohnes ehren, er wolle aufrichtig sein, er habe eine Frau kennengelernt. Auf der Treppe waren Schritte zu hören, wieder ein Rauschen, so dicht, dass es für den Bruchteil einer Sekunde die Ohren verschloss, dann ein Krachen und ein Schreien. Peter überflog hastig die Zeilen. Sie sollten tapfer bleiben, der Krieg werde mit Sicherheit bald gewonnen. Er, der Vater, werde in nächster Zeit wohl nicht mehr kommen können, das Leben eines Mannes verlange Entscheidungen, aber er schicke bald wieder etwas Geld. Peter hatte ein Poltern an der Wohnungstür gehört, es war schwer zu sagen, ob das Jaulen von einem Geschoss, einer Sirene oder einem Menschen stammte. Er hatte den Brief zusammengefaltet und ihn zurück unter das Kopfkissen geschoben. Er zitterte. Der Rauch ließ seine Augen tränen, und in warmen Wellen näherte sich die Glut der Stadt.

Jemand packte ihn und trug ihn auf den Schultern die Treppe hinunter bis in den Keller. Als er Stunden später mit den anderen ins Freie kroch, war es hell draußen. Die Treppe hinauf zur Wohnung stand noch, lediglich das Geländer war geborsten und lag in Balken quer auf den Stufen. Es qualmte. Auf allen vieren erklomm Peter die Treppe, er musste über etwas Schwarzes klettern, dann stieß er die Wohnungstür auf und setzte sich an den Küchentisch. Die Sonne schien geradewegs auf das Holz, er musste die Augen schließen, so hell war es. Er hatte Durst. Lange Zeit fühlte er sich zu schwach, um aufzustehen und zum Spülbecken zu gehen. Als er den Wasserhahn aufdrehte, hörte er nur ein Röcheln, kein Wasser kam. Es konnte Stunden dauern, bis seine Mutter zurückkehrte. Peter wartete. Den Kopf auf dem Tisch schlief er ein. Seine Mutter weckte ihn. Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und presste ihn gegen ihren Bauch, und erst, als auch er seine Arme um sie schlang, ließ sie locker. Die Wohnungstür stand offen. Im Treppenflur sah Peter das Schwarze. Er dachte an das Schreien aus der vergangenen Nacht. Die Mutter riss einen Schrank auf, lud sich Laken und Handtücher über die Schulter, griff nach den Kerzen in der Schublade und sagte, sie müsse sofort wieder hinaus. Peter solle ihr tragen helfen, Verbände fehlten und Alkohol zur Desinfektion. Sie stiegen über das verkohlte Fleisch vor ihrer Wohnungstür, eher an den Schuhen erkannte Peter, dass es sich um einen Menschen handelte, geschrumpft war der Mensch, und Peter entdeckte eine dicke, goldene Taschenuhr. Fast ein Glücksgefühl war es, das ihn an jenem Morgen durchströmt hatte, denn die Uhr konnte unmöglich zu Frau Kozinska gehört haben.

Die Fotografie von dem stattlichen Mann im feinen Anzug, der sich mit einem Arm, würdevoll angewinkelt, auf eine schwarz glänzende Karosserie stützte und mit hellen Augen gen Himmel blickte, als schaue er dem Schicksal entgegen, zumindest aber einigen Vögeln nach, stand noch immer gerahmt auf der Vitrine in der Küche. Peters Mutter behauptete, jetzt, wo der Krieg vorbei sei, werde der Vater kommen und sie nach Frankfurt holen. Dort baue der Vater eine große Brücke über den Main. Peter könne dann in eine richtige Schule gehen, das sagte die Mutter, und es war Peter unangenehm, sie so lügen zu hören. Warum schreibt er nicht, fragte Peter in einem Augenblick des Aufbegehrens. Die Post, antwortete seine Mutter, nichts mehr funktioniert, seit die Russen da sind. Peter schlug die Augen nieder, er schämte sich für seine Frage. Von nun an wartete er gemeinsam mit seiner Mutter, Tag für Tag. Es war ja möglich, dass der Vater es sich anders überlegte.

Eines Abends, als Peters Mutter im Krankenhaus arbeiten gewesen war, hatte er unter ihrem Kopfkissen nachgesehen. Er hatte sich vergewissern wollen. Der Brief war verschwunden. Mit einem spitzen Messer hatte Peter den Sekretär der Mutter geöffnet, aber dort nur Papier und Umschläge und einige Marken gefunden, die sie in einer kleinen Schachtel aufbewahrte. Peter hatte den Kleiderschrank seiner Mutter durchsucht, er hatte ihre geplätteten, ordentlich gefalteten Schürzen und ihre Unterwäsche angehoben. Zwei Briefe lagen da, von ihrer Schwester Elsa, die Briefe kamen aus Bautzen. Elsa hatte eine so krakelige Schrift, dass Peter nur die Anrede lesen konnte: Meine kleine Alice. Keinen einzigen Brief des Vaters hatte Peter mehr finden können.

Als Peter an diesem Morgen in den Milchladen trat, waren der Lehrer Fuchs und seine Schwester fort. Die Kinder warteten vergeblich, sie sahen den anderen Menschen zu, die in den Milchladen kamen, erst zögerlich, dann stürmisch, und alle Schränke öffneten. Kisten, Zuber und Kannen wurden untersucht. Die Leute schimpften und fluchten, kein Tropfen saure Sahne, kein einziges Stück Butter war mehr da. Eine ältere Frau trat gegen den Schrank, so dass eine Tür herausbrach.

Kaum hatte der letzte Erwachsene den Laden verlassen, kniete sich der älteste Junge auf den Boden, geschickt hob er eine der Fliesen an, und darunter befand sich ein kühles Versteck. Ein Junge pfiff, und die Mädchen nickten voller Anerkennung. Aber das Versteck war leer. Was immer darin gelegen haben mochte, Butter oder Geld, es war nicht mehr da. Als der Junge aufblickte und sein abschätziger Blick ausgerechnet auf Peter fiel, fragte er ihn, warum er sich denn so rausgeputzt habe. Peter sah an sich hinunter, auf sein Feiertagshemd, erst jetzt erinnerte er sich, dass er zeitig nach Hause kommen sollte. Wir verschwinden, das hatte seine Mutter zuletzt gesagt.

Schon im Treppenhaus hörte Peter ihre Töpfe klappern. In der letzten Woche hatte seine Mutter Nachtschicht gehabt. Seit Tagen machte sie die Wohnung sauber, als wäre die je schmutzig gewesen, sie bohnerte Böden, wischte Stühle und Schränke ab und putzte Fenster. Die Wohnungstür war nur angelehnt, Peter öffnete sie. Er sah drei Männer um den Küchentisch, darauf seine Mutter, sie saß halb, halb lag sie. Der nackte Po eines Mannes bewegte sich auf Peters Augenhöhe vor und zurück, dabei wackelte das Fleisch so heftig, dass Peter lachen wollte. Doch die Soldaten hielten seine Mutter fest. Ihr Rock war zerrissen, ihre Augen weit geöffnet, Peter wusste nicht, ob sie ihn sah oder durch ihn hindurch blickte. Aufgesperrt war ihr Mund – aber sie blieb stumm. Einer der Soldaten bemerkte Peter, er hielt sich den Hosenbund zu und wollte Peter aus der Tür schieben. Peter rief nach seiner Mutter, Mutter, rief er, Mutter. Der Soldat trat ihm kräftig gegen die Beine, so dass Peter vor der Tür zusammenknickte, ein Fuß traf ihn in den Po, dann wurde die Tür zugedrückt.

Peter saß auf der Treppe und wartete, er hörte Frau Kozinska singen. Es saß ein klein wild Vögelein auf einem grünen Ästchen. Es sang die ganze Winternacht, sein Stimm tät laut erklingen. Doch es war Sommer, und Peter hatte Durst, und die Züge würden gleich fahren, er wollte mit seiner Mutter verschwinden. Peter presste die Lippen aufeinander. Sein Blick fiel auf die Tür mit der Öffnung, wo sich einst das Schloss befunden hatte. Auf dem Boden lagen noch Späne. Peter zog mit den Zähnen dünne Haut von den Lippen. Schon einmal zuvor hatte seine Mutter Besuch von Soldaten gehabt, das war nur wenige Tage her, sie mussten die Tür aufgetreten und dabei das Schloss herausgebrochen haben. Sie waren den ganzen Tag geblieben, sie hatten getrunken und gejohlt. Peter hatte immer wieder gegen die Tür gehämmert. Jemand musste innen etwas gegen die Tür gestellt haben, vielleicht hatte ein Stuhl unter der Klinke gestanden. Peter hatte durch die Öffnung gespäht, die das herausgebrochene Schloss hinterlassen hatte, der Rauch hatte so dicht gestanden, dass Peter nichts hatte erkennen können. Also hatte sich Peter auf die Treppe gesetzt und gewartet wie jetzt. Die Zähne konnte man nicht schleifen. Peter kaute vorsichtig auf einem Fetzen abgenagter Haut. Während er sich auf die Lippen biss, rieben beide Zeigefinger an den Daumen. Obwohl ihm seine Mutter die Nägel so kurz wie möglich schnitt, gelang es ihm immer wieder, mit dem Zeigefinger Haut vom Daumen zu lösen, dort, wo der Nagel in seinem Bett lag.

Als beim letzten Mal endlich die Tür aufgegangen war, waren die Soldaten einer nach dem anderen ins Treppenhaus gestolpert, die Stufen hinabgestiegen und hatten gegen Frau Kozinskas Tür geklopft. Der letzte hatte sich umgedreht und Peter auf deutsch etwas hinaufgerufen: Einen wie dich habe ich auch zu Hause. Pass bloß auf deine Mutter auf, dabei hatte der Soldat lachend den Zeigefinger gehoben. Als Peter in die verrauchte Küche getreten war, hatte er gesehen, wie sich seine Mutter in einer Ecke der Küche bückte, sie strich ein Laken glatt. Du bist jetzt ein großer Junge, hatte sie gesagt, ohne Peter anzusehen, du kannst nicht mehr in meinem Bett schlafen.

Sie hatte ihn nicht angesehen, nicht wie heute, nie zuvor hatte er einen solchen Ausdruck in den Augen seiner Mutter gesehen wie eben, eisig.

Das Warten vor der Tür fiel Peter schwer, er stellte sich hin, er setzte sich auf die Treppe und stand wieder auf. Durch den Spalt, den das herausgebrochene Schloss hinterlassen hatte, wollte Peter etwas erkennen. Auf der letzten Stufe stellte er sich auf Zehenspitzen und beugte sich vor. So konnte er leicht das Gleichgewicht verlieren. Peter wurde ungeduldig, ihm knurrte der Magen. Immer, wenn Peters Mutter Nachtschicht hatte, kam sie morgens nach Hause, weckte ihn zur Schule und mittags wartete sie mit einem Essen. Sie kochte eine Suppe aus Wasser, Salz und Fischköpfen. Nahm sie später die Fischköpfe heraus, streute sie etwas Sauerampfer in die Suppe. Sie sagte, die sei gesund und nahrhaft, nur selten hatte sie etwas Mehl bekommen und es zu kleinen Klößchen geformt in der Suppe gekocht. Kartoffeln gab es nach dem letzten Winter nicht mehr. Es gab kein Fleisch, keine Linsen, keinen Kohl. Nicht einmal im Krankenhaus hatten sie etwas anderes als Fisch, um es den Kindern zu geben. Peters Blick hing wie beim letzten Mal an der verschlossenen Tür und dem Spalt, den das Schloss hinterlassen hatte. Er setzte sich auf die oberste Stufe. Ihm fiel ein, dass die Mutter ihn nach dem letzten Mal gebeten hatte, ein neues zu besorgen. Überall gab es Schlösser, in jedem Haus, in jeder gottverlassenen Wohnung. Aber Peter hatte es vergessen.

Jetzt kaute Peter auch an der aufgerauten Haut am Rande des Daumennagels, man konnte die Haut in länglichen dünnen Streifen abziehen. Seine Mutter hätte abschließen können, hätte er nicht das Schloss vergessen. Peters Blick wanderte über den verkohlten Türrahmen in die verlassene Wohnung der Nachbarn. Überall sah man die Spuren des Brandes, die Wände, Decken und Böden waren schwarz. Dabei hatten seine Mutter und er Glück gehabt, nur die Wohnung über ihnen war ausgebrannt und die der alten Nachbarn nebenan.

Plötzlich sprang die Tür auf, zwei Soldaten kamen heraus. Sie klopften sich auf die Schulter, sie waren guter Laune. Peter überlegte, ob er in die Wohnung gehen konnte, vorhin hatte er drei gezählt. Einer der Männer musste noch drinnen sein. Leise stand Peter auf, er ging zur Wohnungstür und stieß sie einen Spalt weit auf. Er hörte ein Schluchzen. Die Küche wirkte verlassen. Diesmal hatte keiner der Soldaten geraucht, alles schien noch so sauber und behaglich wie am Morgen. Auf dem Küchenschrank lag der Putzlappen seiner Mutter. Peter drehte sich um und entdeckte hinter der Tür den nackten Soldaten. Mit angewinkelten Beinen, den Kopf in die Hände gestützt, saß der Mann am Boden und schluchzte. Peter fand den Anblick seltsam, weil der Soldat einen Helm trug, obwohl er doch sonst ganz nackt war und der Krieg schon seit Wochen beendet sein sollte.

Peter ließ den Soldaten hinter der Tür sitzen und trat ins Nebenzimmer, wo seine Mutter gerade den Kleiderschrank schloss. Sie trug ihren Mantel und nahm den kleinen Koffer vom Bett. Peter wollte ihr sagen, es tue ihm leid, dass er das Schloss vergessen hatte, dass er ihr nicht hatte helfen können, aber er brachte nur ein Wort über die Lippen, und das war Mutter. Er griff nach ihrer Hand. Sie machte sich los und ging voran.

Sie gingen vorbei an dem schluchzenden Soldaten, der auf dem Küchenboden hinter der Wohnungstür kauerte, sie gingen die Treppe hinunter, die Straße hinunter geradewegs zum Fischbollwerk. Die Mutter lief mit ihren langen Beinen so schnell, dass Peter Mühe hatte, hinterherzukommen. Er lief im Hüpfschritt, und während er so hinter ihr herlief, schon sprang, fast rannte, überkam ihn ein großes Glücksgefühl. Ihn durchströmte die Gewissheit, dass sie heute den Zug bekommen würden, heute würden sie sich auf die große Reise machen, die Reise nach Westen. Peter ahnte, dass es nicht nach Frankfurt gehen würde, vielleicht nach Bautzen zur Schwester der Mutter, und zuerst Richtung Berlin. Früher hatte ihm seine Mutter beim Einschlafen von dem Fluss erzählt, dem schönen Marktplatz in Bautzen und dem wunderbaren Geruch im Druckhaus ihrer Eltern. Peter klatschte in die Hände und begann zu pfeifen, bis die Mutter ganz unvermittelt vor ihm stehenblieb und befahl, mit dem Pfeifen aufzuhören. Wieder versuchte Peter ihre Hand zu nehmen, aber die Mutter fragte, ob er nicht sehen könne, dass sie den Koffer und ihre Handtasche trage.

Ich kann den Koffer tragen, bot Peter an. Die Mutter lehnte ab.

Peter hatte seine Mutter oft zum Fischmarkt begleitet. Eine der wenigen noch arbeitenden Fischfrauen kannte die Mutter gut. Es war eine junge Frau, deren Gesicht seit dem letzten August verbrannt war, man konnte ihre Jugend kaum noch erkennen. Während die Verbrennung anfangs als Makel erschien, mochte der Makel die junge Frau in diesen Wochen schützen. Sie war die einzige, die noch jeden Tag in der Frühe einen großen roten Schirm aufspannte, wie damals, sagten die Leute. Damals, und sie meinten vor nicht allzu langer Zeit, habe der ganze Fischmarkt aus großen, roten Schirmen bestanden. In den letzten Jahren und Monaten waren sie verschwunden. Bei dieser Fischfrau holte die Mutter häufig den Fisch für die Kinder, Aale, Zander, Bleie, Schleie, Hechte und manchmal einen Wanderfisch aus dem Haff, im Krankenhaus war man über jeden Fisch froh, und im Frühjahr hatte die Mutter Peter einen Maifisch mit nach Hause gebracht. Als sie am Uferkai anlangten, hatte die Fischfrau längst ihre Kiste auf den kleinen Holzwagen gestellt, der Schirm lag quer darüber. In der Hitze des Sommertages roch es nach Teer und Fisch. Zwischen den Trümmern des Fischbollwerks lebten Katzen, Peter beobachtete, wie ein magerer Kater am Ufer entlanglief, er schwankte leicht und sprang mit einem Satz auf den kleinen Holzsteg. Wo noch im vorletzten Jahr die breiten und behäbigen Quatzen dicht an dicht mit den Fischdreweln schaukelten, lag nun kein einziges Boot mehr. Der Kater langte mit einer Tatze ins Wasser, wieder und wieder zuckte sein Kopf zurück, als erschrecke ihn etwas. War da ein Fisch oder war da keiner? Die Mutter öffnete ihre Handtasche und brachte Scheine zum Vorschein. Das schulde sie ihr. Die Fischfrau strich ihre Hände an der Schürze ab, Tausende von Schuppen blitzten dort, dass es wie ein Gewand aussah, das Gewand einer Meerjungfrau, sie nahm die Scheine und dankte. Dann fiel ihr Blick auf den Koffer, und als die Mutter ihr die Hand reichte, sagte sie: Eine gute Reise. Die Lippen der Fischfrau waren fast unversehrt, fleischig, roh und jung sahen sie aus, ihre Stimme perlte, als ob sie gleich kichern wollte. Sie hatte keine Brauen mehr, die Wimpern waren nur wenig nachgewachsen, Peter mochte es, wie sie sich zur Seite drehte und ihre Augen niederschlug, aus Verlegenheit sagte sie etwas wie: Na dann, viel Glück, und Peter glaubte, dass sie ihn ansah und meinte. Er stellte sich dicht neben seine Mutter, er lehnte seinen Kopf gegen ihren Arm, ließ seine Nase wie zufällig über ihre Armbeuge streichen, bis die Mutter einen Schritt zur Seite machte und den Koffer in die andere Hand nahm.

Zum Bahnhof gingen sie im Laufschritt. Doch schon auf der Treppe hinunter zum Bahnhof kam ihnen eine dickbäuchige Schwester in Tracht entgegen, offenbar eine Kollegin der Mutter, die sagte, die Sonderzüge kämen nicht nach Stettin rein, sie müssten hinaus nach Scheune, zur nächsten Station laufen, dort würden die Züge fahren.

Sie liefen zwischen den Gleisen entlang. Die Schwester geriet leicht außer Atem. Sie drängte sich neben die Mutter, und Peter lief hinterher, er wollte verstehen, was sie redeten. Die Schwester sagte, sie habe kein Auge zutun können, immerfort denke sie an die Leichen, die sie nachts im Hof des Krankenhauses gefunden hätten. Peters Mutter schwieg. Vom Besuch der Soldaten sagte sie nichts. Die Kollegin schluchzte, sie bewundere Peters Mutter für ihren Einsatz, und das, wo doch jeder wisse, nun, dass mit ihrer Abstammung was nicht stimme. Die Schwester legte eine Hand auf ihren gewölbten Bauch, sie schnaufte, darüber wolle sie jetzt aber nicht sprechen. Wer habe schließlich diesen Mut? Niemals hätte sie selbst einen der Pfähle anpacken und aus dem Leib einer Frau ziehen können, aufgespießt wie Tiere, der ganze Unterleib zerfetzt. Die Kollegin blieb stehen und stützte sich mit ihrem schweren Leib auf die Schulter von Peters Mutter, sie atmete tief, ständig habe die Überlebende nach ihrer Tochter gerufen, die doch längst neben ihr verblutet gewesen war. Peters Mutter blieb stehen und sagte schroff zu der Schwester, sie solle schweigen. Um Himmels willen. Schweigen.

In Scheune war der schmale Bahnsteig von Wartenden überfüllt. Die Menschen saßen in Gruppen auf dem Boden und beobachteten misstrauisch die Neuankömmlinge.

Schwester Alice! Der Ruf drang aus einer Gruppe auf dem Boden sitzender Menschen, zwei Frauen ruderten mit den Armen. Peters Mutter folgte dem Ruf der Frau, die sie offenbar erkannt hatte. Sie hockte sich neben die Sitzenden. Peter ließ sich neben seiner Mutter nieder, die Schwangere folgte ihnen, blieb aber unschlüssig stehen. Sie trat von einem Bein auf das andere. Die Frauen tuschelten, und zwei Frauen und ein Mann verschwanden mit der Schwangeren. Wenn eine Frau pinkeln musste, wurde sie nach Möglichkeit von mehreren begleitet, die Leute erzählten sich, dass hinter den Büschen der Iwan lauere und über die Frauen herfalle.

Es sollte noch mehrere Stunden dauern, bis ein Zug kam. Die Menschen drängten sich an den Zug, noch ehe er zum Stehen kam, sie versuchten Griffe und Geländer zu packen. Fast sah es aus, als brächten die vielen Menschen den Zug zum Stehen, als wären sie es, die ihn anhielten. Der Zug schien nicht genügend Türen zu haben. Arme ruderten, Füße traten, schlugen aus, und Ellenbogen boxten. Schimpfen und Pfeifen. Wer zu schwach war, wurde zur Seite gedrängt, blieb zurück. Peter spürte die Hand seiner Mutter in seinem Rücken, wie sie ihn durch die Menge schob, Peter hatte Kleiderstoffe im Gesicht, Mäntel, ein Koffer stieß ihm in die Rippen, und schließlich packte ihn seine Mutter von hinten und stemmte ihn hoch über die Schultern der anderen Menschen. Der Schaffner pfiff. Im letzten Augenblick kämpfte sich Peters Mutter den entscheidenden Meter nach vorn, sie drückte Peter, schob ihn, presste ihn mit aller Kraft in den Zug. Peter drehte sich um, er hielt ihre Hand fest, umklammerte sie, der Zug ruckte, setzte sich in Bewegung, die Räder rollten, die Mutter lief, Peter hielt sich an der Tür fest, hielt seine Mutter fest, er würde ihr zeigen, wie stark er war. Spring! rief er ihr zu. In diesem Augenblick hatten sich ihre Hände gelöst. Die auf dem Bahnsteig verbleibenden Menschen liefen neben dem Zug her. Jemand musste die Notbremse gezogen haben oder die Lok hatte Schwierigkeiten, die Räder quietschten auf den Schienen. Eine füllige Dame mit Hut rief von hinten Bockwürstchen, Bockwürstchen! Und tatsächlich drehten sich viele zu ihr um, sie blieben stehen, streckten und reckten sich, um zu sehen, wer da gerufen hatte und wo es die Würstchen gebe. Die Frau nutzte die Gelegenheit und kämpfte sich einige Meter nach vorn. Die Menschenmenge drückte Peters Mutter mitsamt dem Koffer in den Zug. Peter umschloss seine Mutter mit beiden Armen, nie wieder würde er sie loslassen.

Im Zug standen sie im Gang, die Menschen schubsten und drängelten, die Kinder mussten sich auf die Koffer stellen. Peter stand gern auf dem Koffer, jetzt war er genauso groß wie seine Mutter. Wenn seine Mutter sich umdrehte, was sie immer wieder tat, kitzelten ihn ihre Haare, eine Locke war aus der gesteckten Frisur gefallen. Die Mutter duftete nach Flieder. Neben ihr blieb die Tür zum Sitzabteil offen, dort standen zwei junge Mädchen in kurzärmligen Kleidern auf ihren Koffern und hielten sich an der überfüllten Gepäckablage fest. Unter ihren Armen wuchsen spärlich erste Härchen, und Peter reckte sich über die Schulter seiner Mutter, um besser nach ihren Kleidern sehen zu können, die sich an gewissen Stellen wölbten. Unter seinem Kinn fühlte Peter das angenehme Reiben des Mantels seiner Mutter. Sie musste schwitzen, aber ihren Mantel hatte sie nicht zurücklassen wollen. Es ruckte, und der Zug fuhr langsam an. Am Fenster zogen die Menschen vorüber, die keinen Platz ergattert hatten. Eines der beiden Mädchen winkte und weinte, und Peter sah, dass auch unter dem anderen Arm feine Härchen sprossen.

Halt dich fest, sagte seine Mutter zu ihm, sie deutete mit dem Kopf auf den Türrahmen des Abteils. Auf ihrem blonden, hochgesteckten Haar saß das Häubchen, noch immer trug sie es, trotz Mantel und obwohl sie doch gar nicht im Krankenhaus waren. Träumst du? Halt dich fest, herrschte sie ihn an. Doch Peter legte seine Hände auf die Schultern seiner Mutter, ihm fiel der Soldat ein, der hinter der Tür gehockt und geschluchzt hatte, Peter war froh, dass sie nun endlich verschwanden, und er wollte die Arme um seine Mutter schlingen. Da bekam er einen Ellenbogen in den Rücken und stieß mit solcher Wucht gegen seine Mutter, dass diese fast das Gleichgewicht verlor, der Koffer unter Peters Füßen schwankte, er kippte, und Peter fiel nun auf seine Mutter. Die Mutter stolperte in das Abteil. Niemals hätte sie aufgeschrien, sie knurrte nur widerwillig. Peter legte seine Hand an ihre Hüfte, um die Verbindung nicht zu verlieren. Er wollte ihr aufhelfen. Ihre Augen funkelten böse, Peter entschuldigte sich, doch die Mutter schien es nicht zu hören, ihr Mund blieb schmal verschlossen, sie drückte seine Hand von sich. Um jeden Preis wollte Peter nun ihre Aufmerksamkeit erobern.

Mutter, sagte er, aber sie hörte ihn nicht. Mutter, wieder fasste er nach ihrer Hand, die kalt und kräftig war, und die er liebte. Im nächsten Augenblick ruckte der Zug, so dass die Menschen übereinanderfielen und die Mutter sich für die weitere Fahrt mit beiden Händen an Gepäckablage und Türrahmen festhielt, während Peter nun ihren Mantel ergriff, ohne dass sie es bemerken und ihn daran hindern konnte.

Kurz vor Pasewalk blieb der Zug auf offener Strecke stehen. Die Türen wurden geöffnet, und die Menschen drängten und schubsten sich gegenseitig aus dem Zug. Peter und seine Mutter ließen sich von der Menschenmasse schieben, bis sie den Bahnsteig erreichten. Eine Frau schrie laut, man hatte ihr Gepäck gestohlen. Erst jetzt fiel Peter auf, dass sie die Schwangere verloren hatten. Vielleicht war sie in Scheune gar nicht zurückgekehrt, nachdem sie wegen ihrer Notdurft hatte verschwinden müssen? Peters Mutter lief nun schnell, Menschen kamen ihnen entgegen und standen ihnen im Weg, Peter wurde immer wieder angerempelt und hielt sich umso fester am Mantel seiner Mutter.

Du wartest hier, sagte seine Mutter, als sie an eine Bank kamen, wo in diesem Augenblick ein alter Mann aufgestanden war. Von hier fahren Züge nach Anklam und Angermünde, vielleicht gibt es Fahrkarten. Ich bin gleich zurück. Sie nahm Peter bei den Schultern und drückte ihn auf den Sitz.

Ich hab Hunger, sagte Peter. Lachend klammerte er sich an ihren Armen fest.

Ich bin gleich zurück, wart hier, sagte sie.

Und er: Ich komm mit.

Und sie: Lass mich los, Peter. Doch er stand schon auf, um ihr zu folgen. Nun drückte sie ihm den kleinen Koffer entgegen und presste ihn mitsamt dem Koffer auf die Bank zurück. Peter musste jetzt den Koffer auf dem Schoß festhalten, er konnte nicht mehr nach ihr greifen.

Du wartest. Das sagte sie streng. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie strich ihm über die Wange, und Peter war froh. Er dachte an die Bockwürstchen, die die Dame in Scheune ausgerufen hatte, vielleicht gab es hier welche, er wollte seiner Mutter suchen helfen, überhaupt helfen wollte er ihr, er öffnete den Mund, aber sie duldete keinen Widerspruch, sie drehte sich um und tauchte in der Menschenmenge unter. Peter spähte ihr nach und entdeckte ihre Gestalt hinten an der Tür zur Bahnhofshalle.

Er musste dringend und hielt Ausschau nach einer Toilette, aber er wollte warten, bis sie zurück war, schließlich konnte man sich auf solchen Bahnhöfen leicht verlieren. Langsam ging die Sonne unter. Peters Hände waren kalt, er hielt den Koffer fest und wippte mit den Knien. Kleine Farbpartikel vom Koffer klebten an seinen Händen, ochsenblutrot. Immer wieder blickte er in die Richtung der Tür, wo er seine Mutter zum letzten Mal gesehen hatte. Menschen strömten vorüber. Die Laternen gingen an. Irgendwann stand die Familie neben ihm von der Bank auf und andere setzten sich. Peter musste an seinen Vater denken, der irgendwo in Frankfurt eine Brücke über den Main bauen würde, er wusste, wie er hieß, Wilhelm, aber nicht, wo er wohnte. Sein Vater war ein Held. Und seine Mutter? Auch ihren Namen kannte er, Alice. Sie hatte eine fragwürdige Herkunft. Peter schaute wieder zu der Tür, die in die Bahnhofshalle führte. Sein Hals war steif geworden, weil er nun schon Stunden so saß und in diese Richtung starrte. Ein Zug kam, die Menschen ergriffen Gepäckstücke, ihre Nächsten, alles musste festgehalten werden. Anklam, der Zug fahre nicht nach Angermünde, nach Anklam. Die Menschen waren zufrieden, solange es weiterging. Es war nach Mitternacht, Peter musste nicht mehr, er wartete nur noch. Der Bahnsteig hatte sich geleert, vermutlich waren die verbliebenen Wartenden in die Bahnhofshalle gegangen. Wenn es einen Fahrkartenschalter gab, hatte der nicht schon lange geschlossen? Vielleicht gab es gar keine Bahnhofshalle mehr hinter der Tür, womöglich war auch dieser Bahnhof wie der in Stettin zerstört worden. Am hinteren Ende des Bahnsteigs erschien eine blonde Frau, Peter stand auf, der Koffer klemmte jetzt zwischen seinen Beinen, er reckte sich, aber es war nicht seine Mutter. Eine Weile blieb Peter stehen. Als er wieder saß und an seinen Lippen nagte, hörte er seine Mutter sagen, er schäle und esse sich an allen möglichen Stellen seines Körpers, er sah ihren angeekelten Gesichtsausdruck vor sich. Irgendeiner, das sagte sich Peter, irgendeiner musste kommen. Peter fielen die Augen zu, er öffnete sie, er durfte nicht schlafen, sonst würde er nicht bemerken, wenn einer ihn suchen käme, er kämpfte gegen den Schlaf, dachte an die Hand und zog die Beine auf die Bank hinauf. Er legte den Kopf auf die Knie und ließ doch den Blick nicht von der Bahnhofstür. Als der Morgen graute, erwachte er mit Durst, und der nasse Stoff des Hosenbodens klebte an seiner Haut. Jetzt stand er auf, er wollte eine Toilette und Wasser suchen.

Die Welt steht uns offen

In einem Bett aus Metall, weiß emailliert, lagen zwei Mädchen und stießen abwechselnd mit ihren nackten Füßen gegen das heiße Kupfer der Wärmflasche. Immer wieder versuchte die Kleine mit den Zehen stoßend und der Ferse schiebend das Kupfer auf ihre Seite zu schaffen. Doch im letzten Augenblick hinderte sie das lange Bein der Schwester. Die Länge ihrer Beine und ihre schmalen, grazilen Füße bewunderte Helene an Martha. Aber die Entschlossenheit, mit der Martha scheinbar mühelos die Wärmflasche für sich beanspruchte und Helenes Begehrlichkeiten zurückwies, ließ Helene verzweifeln. Sie stemmte ihre Hände gegen den Rücken der Schwester und suchte mit den kalten Zehen einen Weg vorbei an den Beinen und Füßen unter der schweren Decke. Das Licht der Kerze flackerte, jeder Windstoß, ausgelöst vom Gerangel unter der Decke und ihrem plötzlichen Heben und Senken, bewegte die Flamme. Helene wollte lachen und weinen vor Ungeduld, sie presste die Lippen zusammen und umfasste die Schwester, das Nachthemd war hoch gerutscht und Helene gelangte mit ihrer Hand auf Marthas nackten Bauch, Marthas Hüfte, Marthas Schenkel. Helene wollte sie kitzeln, aber Martha wand sich, Helenes Hände glitten immer wieder ab und bald musste Helene sie kneifen, um auch nur etwas von Martha zu fassen zu kriegen. Es gab eine stillschweigende Abmachung zwischen beiden, keine durfte einen Laut von sich geben.

Martha schrie nicht, sie hielt Helenes Hände einfach fest. Ihre Augen glänzten. So stark sie konnte, drückte sie Helenes Hände zwischen ihren zusammen, es knackte, Helene fiepte, sie winselte, Martha presste, bis Helenes Widerstand erloschen schien und die Kleine immer wieder flüsterte: Lass los, bitte, lass los.

Martha lächelte, sie wollte jetzt gern eine Seite in ihrem Buch umblättern. Die blonden Wimpern der kleinen Schwester flatterten, ihre Augen barsten. Wie fein das Geäst der Adern ihre Augäpfel umspannte. Kein Zweifel, Martha würde Helene begnadigen, früher oder später. Das alles wegen einer kupfernen Wärmflasche zu ihren Füßen. Helenes Flehen klang vertraut, es beruhigte Martha. Sie ließ die Hände der Kleinen los, wandte ihrer Schwester den Rücken zu und zog das Federbett mit sich.

Helene fror, sie setzte sich auf. Und obwohl ihre Hände noch schmerzten, streckte sie sie aus, berührte Marthas Schulter und fasste nach ihrem dicken Zopf, aus dem überall kleine Locken sprossen. Marthas Haar war wild und weich zugleich, nur wenig heller als das schwarze Haar der Mutter. Helene beobachtete es gern, wenn Martha die Mutter kämmen durfte. Die Mutter saß dann mit geschlossenen Augen da und summte ein Lied, das wie das Schnurren einer Katze klang, in verschiedenen Tonhöhen schnurrte sie behaglich, während Martha mit der Bürste das dicke und lange Fell der Mutter striegelte. Einmal stand Helene am Waschtisch, sie spülte das Laken, und als die Seife raus war, wrang sie es über dem großen Eimer aus. Sie gab acht, dass kein Wasser auf den Küchenboden spritzte. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Mutter aufschrie. Sie schrie nicht hoch und hell, sondern tief und kehlig, mit der Inbrunst eines großen Tieres. Die Mutter bäumte sich auf. Ihr Stuhl, auf dem sie bis eben gesessen hatte, krachte zu Boden. Sie schubste Martha von sich, die Bürste fiel zu Boden. Unter heftigen und ziellosen Bewegungen der Arme schlug sie um sich, Spangen und Kämme flogen vom Tisch, sie trat nach dem Stuhl, fasste ihn, hob ihn hoch und schleuderte ihn in Helenes Richtung. Ihr Brüllen dröhnte, als habe die Erde ihren Schlund aufgerissen und grolle. Die auf dem Tisch liegenden Häkeleien flogen quer durch das Zimmer. Etwas hatte geziept.

Doch während die Mutter über ihre Töchter schimpfte, fluchte, sie habe eine nichtsnutzige Brut geboren, wiederholte Helene wie ein Gebet immer denselben Satz: Darf ich dich kämmen? Ihre Stimme zitterte: Darf ich dich kämmen? Als eine Schere durch die Luft flog, hob sie schützend die Arme über ihren Kopf: Darf ich dich kämmen? Und kauerte sich unter den Tisch. Darf ich dich kämmen?

Die Mutter hörte sie anscheinend nicht, erst als Helene schwieg, wandte sich die Mutter zu ihr um. Sie beugte sich nach vorn, um Helene besser unter dem Tisch sehen zu können, ihre grünen Augen blitzten. Bloß das nicht, schnaubte die Mutter. Sie richtete sich auf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass es ihr weh tun musste. Helene solle unter dem elenden Tisch hervorkommen. Sie sei noch ungeschickter als die Große. Die Mutter betrachtete das kriechende, sich umständlich aufrichtende Mädchen mit seinen hellen, goldenen Locken wie eine Fremde.

Haare willst du kämmen. Die Mutter lachte böse. Pah, nicht mal die Wäsche kannst du richtig wringen! Die Mutter packte das Laken aus dem Eimer und schleuderte es zu Boden. Vielleicht sind dir deine Hände zu schade? Dem Eimer gab die Mutter einen kräftigen Tritt, und noch einen, bis er umfiel, scheppernd.

Unwillkürlich zuckte Helene zusammen, sie wich zurück. Die Mädchen kannten die Wutausbrüche ihrer Mutter, allein die Plötzlichkeit, dass es keinerlei Vorwarnung gab, ließ sie erschrecken. Winzige Bläschen zersprangen auf den Lippen der Mutter, neue bildeten sich, sie schillerten. Zweifellos, die Mutter schäumte, sie kochte. Geifernd erhob sie ihren Arm, Helene machte einen Schritt seitwärts und fasste nach Marthas Hand. Etwas streifte Helenes Schulter und klirrte und brach unter dem Schreien der Mutter am Boden entzwei. Glas zersprang. Tausend Splitter, abertausend. Helene flüsterte die unfassbare Zahl, die unbegreifliche, abertausend. Abertausend glitzerte. Unzählige Scherben lagen verstreut. Die Mutter musste ihre Vase aus böhmischem Glas vom Schrank gerissen haben. Helene wollte weglaufen, nur waren ihre Beine zu schwer.

Die Mutter krümmte sich, sie schluchzte und sank auf die Knie. Die Scherben mussten sich durch den Stoff ihres Kleides bohren, doch es kümmerte sie nicht. Sie durchfurchte mit ihren Händen die grünen Scherben und erstes Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor, sie weinte wie ein Kind, zartes Stimmchen, fragte, ob denn kein verdammter Gott da sei, der ihr helfen wolle, sie wimmerte, und schließlich stammelte sie in einem fort den Namen Ernst Josef, Ernst Josef.

Helene wollte sich bücken, sich zu ihrer Mutter knien, sie trösten, aber Martha hielt sie entschlossen zurück.

Wir sind es, Mutter. Das sagte Martha streng und gefasst. Wir sind hier, Ernst Josef ist tot wie deine anderen Söhne auch, tot geboren, hörst du, Mutter. Zehn Jahre, tot. Aber wir sind da.

Aus Marthas Stimme klang die Empörung und Wut, es war nicht das erste Mal, dass sie der Mutter die Stirn bot.

Ah! Die Mutter brüllte, als ramme Martha ihr einen Dolch in die Brust.

Da zog Martha Helene mit sich aus dem Zimmer.

Widerlich, flüsterte Martha, das müssen wir uns nicht anhören, Engelchen, komm, wir gehen.

Martha legte ihren Arm um Helene. Sie gingen in den Garten und hängten die Wäsche auf.

Immer wieder hatte Helene hinauf zum Haus blicken müssen, wo durch das geöffnete Fenster das Klagen und Schreien der Mutter leiser und seltener geworden und schließlich gänzlich verstummt war, so dass Helene fürchtete, die Mutter sei nun verblutet oder habe sich noch Schlimmeres angetan.

Helene dachte weiter, als sie neben Martha im Bett saß, dass der Mutter das Schreien womöglich nur vor ihren Kindern gelang, allein musste es ihr zwecklos erscheinen. Was galt das Schreien schon ohne Gehör? Helene schüttelte sich vor Kälte und berührte den Zopf der Schwester, den Zopf, aus dessen Inneren Löckchen sprossen, fein und weich, der Schwester, die gut war, die sie im Zweifel beschützte.

Ich friere, sagte Helene. Bitte, lass mich unter die Decke.

Und sie war froh, als sich der Berg vor ihr öffnete und Martha ihre Hand ausstreckte, den Arm wie einen Stützpfeiler hob, damit Helene zu ihr unter die Federn schlüpfen konnte. Helene steckte ihre Nase in die Achselhöhle der Schwester, und als diese sich wieder zu ihrem Buch umdrehte, drückte Helene ihr Gesicht in Marthas Rücken, in tiefen Zügen atmete sie den warmen und vertrauten Geruch. Helene überlegte, ob sie ihr Abendgebet sprechen sollte. Sie konnte die Hände falten. Ihr war wohl zumute. Ein Gefühl von Dankbarkeit durchströmte sie, doch empfand sie es Martha gegenüber, nicht gegenüber Gott.

Im Schatten des Kerzenlichts spielte Helene mit Marthas Zopf. Der matte Schein ließ ihr Haar noch dunkler erscheinen als es war, fast schwarz waren die Locken. Helene streichelte sich mit Marthas Zopfende über die Stirn, die Haare kitzelten sie an den Wangen und an den Ohren. Martha blätterte eine Seite ihres Buches um und Helene begann mit dem Zählen der Sommersprossen auf Marthas Rücken. Jeden Abend zählte Helene Marthas Sommersprossen. War sie sich der Zahl auf der linken Schulter bis zum Muttermal über der Wirbelsäule sicher, schob sie den Zopf zur Seite und zählte rechts weiter. Martha ließ sich das gefallen, sie blätterte eine Seite um und kicherte leise.

Was liest du?

Nichts für dich.

Helene liebte das Zählen. Es war aufregend und beruhigend. Wenn Helene zum Bäcker ging, zählte sie auf dem Hinweg die Vögel und auf dem Rückweg die Menschen, die ihr begegneten. Ging sie mit dem Vater aus dem Haus, zählte sie, wie oft sein großer sandfarbener Hund namens Baldo das Bein hob und auch, wie oft sie gegrüßt wurden, und freute sich über die hohen Zahlen, einmal spielte sie sie gegeneinander aus, jeder Gruß vernichtete eine Marke des Hundes. Hin und wieder wurde der Vater im Übermut mit Herr Professor angesprochen, wobei es sich eher um den Ausdruck von Schmeichelei als um ein Missverständnis handelte. Jeder wusste, dass Ernst Ludwig Würsich zwar seit einigen Jahren philosophische und literarische Bücher verlegte und in seiner Druckerei setzen ließ, aber er hatte damit keinen Professorentitel erworben. Der Bürgermeister Koban blieb stehen und tätschelte Baldo über den Kopf. Die Männer tauschten Zahlen aus über die Druckauflage der Festschrift zur Räteversammlung und Koban fragte den Vater, was für einer sein Hund sei. Doch der Vater weigerte sich stets, Mutmaßungen über beteiligte Rassen zu äußern, sondern antwortete: Ein Guter.

Helene wunderte sich über die vielen Bekannten, die grußlos an ihnen vorübereilten, sobald sie mit der Mutter auf die Straße trat. Der Mutter schien das nicht aufzufallen. Helene zählte still und heimlich, wobei sie oft nicht über eine Begrüßung hinaus kam. Die Bäckersfrau Hantusch, die dem Vater sonst fast um den Hals fiel, schaute sie nicht einmal an. Lieber senkte sie ihren Schirm leicht, schob ihn wie einen Schutzschild vor sich her und verhinderte auf diese Weise jeden Blickwechsel. Vermutlich war es Martha, von der Helene eines Tages erfahren hatte, dass die Mutter keineswegs Frau Würsich genannt wurde. Die Bewohner der Tuchmacherstraße sprachen von der Fremden, die Fremde, die zwar den angesehenen Bautzener Bürger und Buchdruckmeister Würsich geheiratet hatte, aber selbst hinter dessen Ladentheke und auf der Straße mit den gemeinsamen Töchtern an der Hand eine Fremde blieb. Obwohl es in der Lausitz durchaus Brauch war, am Herkunftsort der Frau zu heiraten, gab es auch noch zehn Jahre nach der Eheschließung Gerede über die Herkunft dieser Braut. Es hieß, die Eheleute seien standesamtlich in Breslau getraut worden. Standesamtlich, das klang nach einer ehrrührigen Verbindung. Jeder wusste, dass die Fremde ihrem Mann sonntags nicht in den Petridom folgte. Ein Gerücht besagte, sie sei gottlos.

Da nützte es nichts, dass ihre Töchter im Dom getauft worden waren. Die Bewohner Bautzens empfanden offenbar die nicht stattgefundene kirchliche Trauung als Schmach für das Ansehen ihres Bürgerstandes. Niemand würdigte die Fremde eines Grußes. Jeder Blick, auch wenn er Selma Würsich nicht treffen konnte, weil sie wie in weiser Voraussicht den raren Fundstücken zwischen den Pflastersteinen mehr Aufmerksamkeit schenkte als den Bürgern der Stadt, war abschätzig von einem Kopfschütteln und Flüstern begleitet. Ob stolz oder verlegen, die Passanten blickten an Helene und ihrer Mutter vorbei, hinweg über die am Boden hockende Frau und durch sie hindurch. Begegnete Helene an der Hand der Mutter dem Bürgermeister Koban, einem Freund des Vaters, so wechselte dieser grußlos die Straßenseite. Die Söhne vom Richter Fiebinger lachten und drehten sich um, weil sie die im Sommer dünnen Stoffe anstößig und die im Winter ausladenden Kleider der Mutter seltsam fanden. Doch die Mutter schien von alldem nichts zu bemerken. Sie bückte sich und zeigte Helene strahlend eine kleine Glasperle, die sie gefunden hatte. Schau mal, ist die nicht schön? Helene nickte. Die Welt steckte voller Schätze.

Wann immer die Mutter das Haus verließ, sammelte sie auf, was sie am Boden fand – das waren Knöpfe und Münzen, ein alter Schuh, der so aussah, als könne man ihn noch einige Monate tragen und vielleicht etwas aus ihm machen, zumindest war der Schnürsenkel im Gegensatz zur Sohle neu und die Haken am Schaft erschienen in den Augen der Mutter von großer Seltenheit und besonderem Wert. Aber auch ein buntes Stück Keramik unten am Fluss, wenn es rundgespült war, entlockte der Mutter einen Ausruf der Freude. Einmal fand sie unmittelbar vor der Haustür einen Gänseflügel und weinte Tränen der Rührung.

Martha hatte damals behauptet, es sei mehr als wahrscheinlich, dass jemand den Flederwisch vor die Tür gelegt habe, nur, um zu sehen, wie die Fremde sich bückte und ihn auflas. Die Federn waren vom Gebrauch schon gestutzt, einige Kiele ragten wie abgebrochene Zähne hervor, blank und kahl.

Die Mutter sammelte Flederwische, auch wenn sie selten von einem Gebrauch machte. Sie hängte die Vogelflügel an die Wand über ihrem Bett. Ein Vogelschwarm für das Geleit von Seelen, so nannte sie ihre Sammlung. Nur ein gefundener Flederwisch erhielt einen Platz über dem Kopfende. Es waren neun an der Zahl mit diesem, sie hoffte auf den zehnten. Sind es erst zehn, so konnte sie die zweiundzwanzig Buchstaben ergänzen und Wege erhellen, wie sie sich ausdrückte. Keine der beiden Töchter erfragte, woher und wohin welche Seelen geleitet werden sollten. Ihnen war die auf parallele Welten begründete und aus ihnen geliehene Bedeutung einer wandernden Seele unheimlich. Es sollte neben ihrer Welt, in der ein Ding ein Ding war und ein Lebewesen ein Lebewesen, auch eine geben, in der die Bezüge zwischen Leben und Ding eine Einheit schufen. Helene hielt sich die Ohren zu. War es nicht schon schwierig genug, sich die Beschaffenheit einer Seele vorzustellen? Was konnte einer Seele erst geschehen, wenn sie auf Wanderschaft ging? Blieb sie die eine Seele, eine wiedererkennbare, einzelne? Würde man sich wirklich in einer anderen Welt zu gegebener Zeit wieder begegnen müssen? Die Mutter drohte damit. Wenn ich tot bin, werden wir uns wieder begegnen, wir werden verbunden sein. Es gibt kein Entrinnen. Aus Furcht wollte Helene nichts mehr über Seelen wissen. Für jeden Gegenstand kannte die Mutter eine mutmaßliche Bestimmung, notfalls erfand sie eine. Über die Jahre der Ehe hatte sich das Haus gefüllt, nicht nur in den Schränken und Vitrinen, auch auf dem Boden zwischen den Möbelstücken drohte beständig eine eigenwillige Landschaft zu wachsen, Hügel und Haufen legte die Mutter an, Sammlungen bestimmter und weniger bestimmter Gegenstände. Einzig die Haushälterin Marja, von den Herrschaften Mariechen genannt und nur wenige Jahre älter als die Mutter, schaffte es mit großer Geduld und Beharrlichkeit, in manchen Räumen für erkennbare Ordnung zu sorgen. Die Küche unterstand Mariechens Regiment, das Esszimmer, die schmale Treppe in die beiden höheren Stockwerke. Aber im Schlafzimmer der Mutter und im angrenzenden Raum waren es kaum erkenntliche Pfade, auf denen man gehen durfte. Selten war hier ein Stuhl frei, so dass man sich setzen konnte. Die Mutter sammelte Äste und Schnüre, Federn und Stoffe, aber auch kein zerbrochenes Geschirr durfte fortgeworfen werden, keine noch so angestoßene Schachtel und kein von Würmern zernagter Schemel, auch nicht, wenn er wackelte, weil eins der Beine inzwischen morsch und zu kurz war. Was das Mariechen aus ihren Wirtschaftsräumen ausrangierte, wurde von der Mutter hinauf in die oberen Gemächer getragen, wo sie den löchrigen Topf oder das zerbrochene Glas erst einmal abstellte, in der Zuversicht, eines Tages einen Platz und auch eine Verwendung für den Gegenstand zu finden. Niemand konnte in der Ansammlung eine Ordnung erkennen, einzig die Mutter selbst ahnte, in welchem Stapel sie einen gewissen Zeitungsausschnitt suchen konnte und unter welchem Kleiderhaufen sie die kostbare sorbische Spitze abgelegt hatte. War das filigrane Muster dieser Spitze nicht einzigartig, wo hatte es je so zarte und ungestüm aus der Textur herausragende Lilien gegeben wie diese?

Auf der Suche nach einem wollenen Winterkleid, das Martha vor fast zehn Jahren abgelegt hatte und das Helene nun tragen sollte, hatte die Mutter im Innern des höchsten, bis knapp unter die Zimmerdecke reichenden Kleiderberges gewühlt, war bald darunter verschwunden und kroch schließlich mit einem anderen, schon viel zu kleinen Kleid daraus hervor. Der Kleiderhaufen war mit der Suche in die Breite geraten und erstreckte sich nun über das Regal, zwei Stühle und den Trampelpfad. Helene schien es, als müsse das Haus bald unter der Last seiner Füllung auseinanderbrechen. Die Mutter bückte sich, hob einzelne Dinge auf, legte sie links und rechts zur Seite und arbeitete sich so in die Ecke des Zimmers vor. Dort stieß sie in Bodennähe auf eine runde Hutschachtel. Sie drückte die Hutschachtel an ihre Brust wie einen verlorenen Sohn.

In dieser Schachtel habe sie einst den Hut ihrer Verlobung ins eheliche Haus gebracht, einen ungewöhnlich ausladenden, mit Schleier und dunkelblau, fast schwarz schimmernden Federn einer Elster. Zärtlich streichelte sie das feine graue Papier des Deckels und strich über die kaum angestoßenen Kanten. Doch dann beäugte sie die Schachtel misstrauisch, sie drehte und wendete und schüttelte sie, und es klimperte darin, als habe sich der Verlobungshut in lauter Nägel oder Münzen verwandelt. Eine Weile versuchte die Mutter mit zittrigen Fingern das violette Schleifenband aus Atlas, das vielfach um die Schachtel gewunden war, zu lösen. Bis sie die Geduld verlor. Zorn verzerrte ihr Gesicht. Mit einem Aufschrei warf sie die Schachtel vor Marthas Füße: Du schaffst das!

Martha hob die Hutschachtel auf, die Schachtel hatte jetzt eine große Beule. Martha blickte sich um; weit und breit konnte sie keinen freien Platz entdecken, auf den sie den Schatz hätte stellen können. Also trug sie die Schachtel hinunter in die Küche und stellte sie dort auf den Tisch. Helene und die Mutter folgten ihr. Marthas Hände waren flink, geschickt öffnete sie die Knoten.

Den Deckel wollte die Mutter selbst abheben. Sie seufzte, als ihr Blick ins Innere fiel. Ein Meer von Knöpfen und anderen Nähutensilien kam zum Vorschein, geklöppelte Blüten und kleine Stofffetzen, mit denen vermutlich die noch nackten und zu erneuernden Knöpfe bezogen werden sollten.

Die Mutter musste sich auf einen Stuhl setzen und tief Atem holen. Dabei hob und senkte sich ihr Brustkorb heftig, als wehre sie sich mit aller Kraft gegen die aufsteigende Erregung. Sie schluchzte, Tränen rannen ihr über die Wangen, und Helene fragte sich, wo sich in der schmalen Mutter der schier unendliche Vorrat an Tränen verbergen konnte.

Am späten Nachmittag hatte sich die Mutter hingelegt, die Mädchen saßen nahe dem Bett, Helene auf dem Hocker, Martha im Schaukelstuhl. Helene beugte sich über die runde Schachtel und war damit beschäftigt, kleine Ösen und große Ösen, goldene und schwarze, weiße und silberne herauszufischen. In dem Knäuel aus Nähbändern und Litzen entdeckte Helene ein Gespinst von Motten. Die leeren Hüllen der Larven klebten zwischen den Stoffen. Helene blickte sich um. Die Mutter lag auf einem hohen Kissen. Sie hatte eine Hand auf ihrer kleinen Truhe mit den zwei Schubladen abgelegt, in der sich Ansichtspostkarten und Briefe, aber auch getrocknete Blätter und einzelne Spielkarten befanden – man konnte ja nie wissen, ob man nicht eines Tages wieder ein ganzes Spiel zusammenfand oder eine einzelne Karte für ein sonst unvollständiges Spiel benötigte. In der unteren Schublade bewahrte die Mutter vor allem Kaffee- und Briefmarken auf. Sie hatte die Augen geschlossen und zuvor ihre Töchter ermahnt, sie sollten ruhig sein und ihre Arbeiten erledigen. Seit Stunden litt die Mutter an heftigen Kopfschmerzen, ihre Stirn zeigte zwischen den Augen das Faltendreieck einer Leidenden. Offenbar erachtete Martha die Gelegenheit als günstig. Die ihr zugewiesene Aufgabe musste ihr mühsam und unsinnig erscheinen, sie sollte die Fäden der achtlos in den Nähkasten geworfenen Garnrollen entwirren und ordentlich aufwickeln. Die Garnrollen mussten nach Farben und Qualität sortiert werden.

Sobald der Arm der Mutter schwer im Schlaf von der kleinen Truhe rutschte und ihr Atem gleichmäßig ging, zog Martha ein schmales senffarbenes Buch unter ihrer Schürze hervor und begann darin zu lesen. Sie kicherte in sich hinein, wobei ihre Füße auf und ab wippten, als wolle sie jeden Augenblick tanzen oder wenigstens aufspringen. Helene blickte sehnsüchtig zu Martha hinüber, gern hätte sie gewusst, was der Anlass