Die Nacht, als das Feuer kam - Sinclair McKay - E-Book

Die Nacht, als das Feuer kam E-Book

Sinclair McKay

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Beschreibung

Ein eindringliches Sachbuch über eine der erschütterndsten Nächte des Zweiten Weltkriegs – präzise recherchiert, historisch fundiert und zutiefst menschlich erzählt.

Der britische Journalist und Autor Sinclair McKay rekonstruiert die Bombardierung Dresdens in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, im Februar 1945, und zeichnet ein detailreiches Bild einer Stadt, die innerhalb weniger Stunden in Flammen aufging.

In den Archiven der Stadt entdeckte er tief verborgene persönliche Aufzeichnungen, die es ihm ermöglichen, die Geschehnisse dieser drei verhängnisvollen Tage und Nächte aus der Perspektive der Bewohner der Stadt zu erzählen: Schülern, Mitgliedern der Hitlerjugend und des Kreuzchors, Künstlern, Musikern, aber auch des Kriegsgefangenen Kurt Vonnegut und nicht zuletzt Victor Klemperer sowie Piloten und Besatzungsmitgliedern der britischen und amerikanischen Verbände.

Noch nie zuvor wurde das Ausmaß dieses Luftangriffs für die Zivilbevölkerung der Stadt so vielstimmig, emotional und zutiefst menschlich geschildert wie in diesem Meisterwerk der narrativen Geschichtsschreibung – und das noch lange, nachdem die letzte Seite umgeblättert ist, im Gedächtnis bleiben wird.

Was diese Spurensuche besonders macht:
• Fundierte, quellengestützte Verbindung aus historischem Ereignis und persönlichen Schicksalen
• Der britische Blickwinkel eröffnet neue Perspektiven auf ein vielfach diskutiertes Ereignis
• Die menschlichen Dimensionen der Katastrophe werden sichtbar gemacht – jenseits von Zahlen und Daten

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EPUB

Seitenzahl: 660

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Buch

Vom Feuer, das die Dunkelheit brachte

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges, im Februar 1945, bombardierten die Alliierten Dresden: Circa 25000 Menschen fanden den Tod, die Überlebenden waren zutiefst traumatisiert, das einst prächtige Elbflorenz lag in Schutt und Asche. In »Die Nacht, als das Feuer kam« begibt sich der britische Journalist und Autor Sinclair McKay auf eine ganz besondere Spurensuche und erzählt die Geschehnisse dieser drei verhängnisvollen Tage und Nächte aus der Perspektive der Bewohner der Stadt: Schülern, Mitgliedern der Hitlerjugend und des Kreuzchors, Künstlern, Musikern, des Kriegsgefangenen Kurt Vonnegut und nicht zuletzt Victor Klemperer sowie Piloten und Besatzungsmitgliedern der britischen und amerikanischen Verbände.

Noch nie zuvor wurde das Ausmaß dieses Luftangriffs für die Zivilbevölkerung der Stadt so vielstimmig, emotional und zutiefst menschlich geschildert wie in diesem Meisterwerk der narrativen Geschichtsschreibung – das noch lange, nachdem die letzte Seite umgeblättert ist, im Gedächtnis bleiben wird.

Sinclair McKay

Die Nacht, als das Feuer kam.Dresden 1945

Ins Deutsche übertragen von René Stein

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Dresden: The Fire and the Darkness« bei Viking, a division of Penguin Books Limited and Penguin Random House, London, UK.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe Januar 2020

Copyright © 2020 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München, unter Verwendung folgender Motive: © akg-images »Zweiter Weltkrieg / Ostfront / Kämpfe um Danzig, März 1945: Durchbruch der Roten Armee am 23. März 1945 bei Zoppot, Danzig und Gdingen zur Ostsee. Deutsche Truppen räumen Danzig am 30. März 1945« und © ullstein bild / dpa

© 2020 Sinclair McKay

Published by agreement with Johnson & Alcock Ltd., London, UK.

Redaktion: Antje Steinhäuser

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25269-4V001

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Inhalt

Vorwort Dresden damals – die Stadt im Spiegel der Zeit

Karte: Dresden in Europa, Februar 1945

Karte: Dresden, Bombardierte Stadtgebiete, Februar 1945

Karte: Dresden Zentrum 1945

TEIL 1: Die Katastrophe rückt näher

1 – Am Vorabend der Schreckensnacht

2 – In den Wäldern der Gauleiter

3 – Die Entthronung der Vernunft

4 – Kunst und Entartung

5 – Der Gläserne Mensch und der Physiker

6 – Eine Art Klein-London

7 – Die Wissenschaft vom Weltuntergang

8 – Die idealen Wetterbedingungen

9 – Mit dem Schlauch ausgespritzt

10 – Keine Verschnaufpause dem Teufel

TEIL 2: Die Schreckensnacht

11 – Der Tag der Finsternis

12 – Fünf Minuten vor Fliegeralarm

13 – Hinein in den Höllenschlund

14 – Schatten und Licht

15 – Zweiundzwanzig null drei Uhr

16 – Das Brennen in den Augen

17 – Mitternacht

18 – Die zweite Welle

19 – Aus dem Reich der Toten

20 – Die dritte Welle

TEIL 3: Das Nachbeben

21 – Untote und Träumer

22 – Glühende Gräber

23 – Der Sinn des Terrors

24 – Die Musik der Toten

25 – Rückschlag

26 – »Der Stalin-Stil«

27 – Schönheit und Erinnerung

Danksagung

Anmerkungen

Bildteil

Bildnachweis

Personenregister

Sachregister

Vorwort Dresden damals – die Stadt im Spiegel der Zeit

An der Schlossmauer, im Schatten der Kathedrale, kann es gelegentlich passieren, dass das winterliche Zwielicht für einen atemberaubenden Moment sorgt. Wenn man sich umblickt, wird es einem vielleicht nur für einen flüchtigen Augenblick so vorkommen, als wäre man vollkommen allein. Und hier auf diesem dreieckigen Geläuf aus Kopfsteinpflaster und reicher Steinmetzkunst – dem Schlossplatz, der von dem großen Torbogen überragt wird, der zum Schlosshof führt, und der Kirchturmspitze, die sich hoch und scharf gegenüber dem violetten Himmel abzeichnet – kann sich die Zeit ihrer Fesseln entledigen.

Wenn Sie sich ein bisschen in Kunstgeschichte auskennen, finden Sie sich vielleicht ins frühe 19. Jahrhundert zurückversetzt, eine Figur, die in einem Gemälde Casper David Friedrichs eingefroren scheint; der Maler der Romantik lebte in Dresden und tauchte Kirchen und Kathedralen auf seinen Bildern in zitronenfarbenes Sonnenlicht. Vielleicht gehen Sie auch noch ein Stück weiter in der Zeit zurück und lustwandeln in einer eleganten Landschaft Bellottos, der sich ebenfalls von der architektonischen Eleganz angezogen fühlte – weitläufige Marktplätze, wunderschön proportionierte Häuser und öffentliche Prachtbauten prägten das Bild der Stadt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Wenn Sie lang genug dort stehen, nehmen Sie auch die Musik wahr, die die damaligen Künstler gehört haben müssen: die Glocken der Katholischen Hofkirche, deren Klang eine gewisse Dringlichkeit hat, wenn nicht gar fast schon nach Aufruhr klingt, sowie einen tieferen Nachhall, als würden sie grollen.

Und in dieser Beinahe-Nichtübereinstimmung kann es passieren, dass sich die jüngere, weitaus schrecklichere Vergangenheit ebenfalls einstellt, wie ein uneingeladener Gast; viele Menschen, die sich hier gerade aufhalten, können gar nicht anders, als sich das tiefe Brummen der Flugzeugmotoren über sich vorzustellen. Der Himmel erleuchtet von grünen und roten Leuchtraketen, gefolgt von lodernden Flammen in der ausgebrannten Kathedrale, die noch höher aufragen.

Solche Visionen beschränken sich nicht auf diesen einen Ort. Nur einige Meter von diesem Platz liegt die Brühlsche Terrasse, die die Elbe und ihre erstaunlich breiten Uferflächen überblickt. Heute wie damals erstreckt sich dieser Teil der Dresdner Befestigungsanlage entlang der Kunstakademie, die von einer glänzenden Glaskuppel gekrönt wird. Genau wie bei der Hofkirche mäandert jeder Spaziergang in zwei zeitlich verschiedenen Sphären – Sie sind gleichzeitig hier in der Gegenwart und bestaunen die Elbe, die sich durch das Tal schlängelt, und gleichzeitig sehen Sie im kalten, klaren Nachthimmel Hunderte Bomber, die von Westen auf die Stadt zuhalten. Sie stellen sich die verängstigte Bevölkerung vor, die der Hochofenhitze zu entrinnen sucht und instinktiv hinunter zum Fluss flüchtet. Das ist die makabre Wahrheit über Dresden: Jeder noch so schöne Augenblick trägt für den Bruchteil einer Sekunde auch immer das Bewusstsein von der schrecklich anmutenden Gewalt in sich. Alle Besucher dieser Stadt werden diesen kurzen Moment der Störung und Verwerfung gespürt haben; Unbehagen trifft es nicht, denn das Gefühl ist nicht gespenstischer Natur. Aber es gibt sie, die unbarmherzige Grausamkeit angesichts des Nebeneinanders von märchenhaft anmutender Architektur und dem Wissen, was sich hier ereignet hat. Und natürlich wurden hier Illusionen auf Illusionen errichtet: viele der märchenhaften Bauten, die wir heute bestaunen können, sind bei der Katastrophe zerstört worden.

Es ist beinahe unmöglich, sich die Stadt vorzustellen, die der Expressionist Conrad Felixmüller in den 1920er-Jahren mit so viel Esprit skizziert hat; über die Mauern und das Glas zu staunen, die Margot Hille, ein siebzehnjähriges Lehrmädchen in einer Brauerei im Westen der Stadt, auf ihrem Heimweg während des Krieges Mitte der 1940er-Jahre gesehen haben musste, oder die annehmliche Welt des Bürgertums, die Dr. Albert Fromme und die Isakowitzens sowie Georg und Marielein Erler zu Beginn des Jahrhunderts erlebt haben – die schicken Restaurants, das Opernhaus, die exquisiten Galerien. Es ist beinahe unmöglich, sich all diese Dinge vorzustellen, denn nur in einer einzigen Nacht, am 13. Februar 1945 und nur einige Wochen vor Kriegsende, überflogen siebenhundertsechsundneunzig Bomber diesen Platz und diese Stadt und öffneten – mit den Worten einer jungen Zeitzeugin – »die Pforten zur Hölle«. Dieser einen infernalischen Nacht fielen etwa fünfundzwanzigtausend Menschen zum Opfer.

Dresden wurde – nach und nach – wiederaufgebaut, und nicht ohne diverse Schwierigkeiten und Konflikte. Die minutiös ausgeführten Restaurationsarbeiten haben sich mit der einfühlsamen, modernen Landschaftsgestaltung verwoben, sodass sich dem Besucher das Neue an den wiederaufgebauten Gebäuden auf den Marktplätzen nicht sofort offenbart. Doch kurios bleibt, dass trotz der wundersamen Wiederauferstehung die Ruinen irgendwie präsent bleiben.

Im Falle der im 18. Jahrhundert errichteten Frauenkirche, die den Neumarkt überstrahlt, ist es geradezu augenscheinlich: Der Eindruck ist beabsichtigt, wie der blasse Sandstein des restaurierten Gotteshauses, das sich hoch in den Himmel erhebt, mit dem geschwärzten Original-Mauerwerk kontrastiert, der sich wie verkrüppelte Stümpfe abhebt – der klägliche Rest, der nach dem Überflug der Piloten des britischen Bombergeschwaders (sowie am Folgetag der 8. US-Luftwaffe) übrig blieb.

Die Stadt ist nun zu einer Art Totem für die Obszönität des Totalen Kriegs geworden: Wie Hiroshima und Nagasaki wird ihr Name mit totaler Vernichtung in Verbindung gebracht. Die Tatsache, dass die Stadt tief im Herzen von Nazideutschland lag und sich tatsächlich schon früh und enthusiastisch für die menschenverachtende Nazipolitik begeisterte, macht den Gordischen Knoten dieses außergewöhnlichen moralischen Dilemmas noch vertrackter.

Im Verlauf der Jahrzehnte wurde die Krassheit dieser Moral – und Unmoral – sowohl der Stadt als auch ihrer Zerstörung durch das Feuer diskutiert und analysiert, begleitet von Wut, Reue, Leid und Entsetzen in den unterschiedlichsten Abstufungen. Solche Auseinandersetzungen haben sich bis heute gehalten. In Dresden existiert das Vergangene in der Gegenwart, und man kann sich nur vorsichtig durch diese Schichten von Zeit und Erinnerung vorwagen.

Eine weitere Schwierigkeit bringt die jüngste Vergangenheit der Stadt mit sich: Nach dem Krieg war Dresden Teil der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die unter sowjetischer Kontrolle stand. Die Sowjets übernahmen im buchstäblichsten Sinne die Hoheitsgewalt über die Geschichte, und sie waren es auch, die neue Gebäude im Zentrum errichteten, die den Weg in die Zukunft weisen sollten. Im Zuge der europaweiten Feierlichkeiten rund um die Deutsche Wiedervereinigung im Jahre 1990 gab (und gibt) es viele Menschen, die den Zusammenbruch der DDR betrauerten.

Eine von Dresdens berühmtesten Persönlichkeiten ist der Intellektuelle Victor Klemperer, einer der wenigen jüdischen Einwohner, der noch in der Stadt verblieb, als die meisten schon in die Vernichtungslager deportiert waren. Er bemerkte nach dem Krieg, dass die Stadt einst ein »Schmuckkästchen« war und mit einer der Hauptgründe dafür, warum der Feuersturm so viel Aufmerksamkeit erregte. Denn gewiss haben andere deutsche Städte und Gemeinden proportional gesehen mehr gelitten; die Stadt Pforzheim wurde einige Wochen nach dem Angriff auf Dresden bombardiert und erlitt innerhalb nur weniger Minuten prozentual gesehen höhere Verluste im Vergleich zu den außergewöhnlich hohen, absoluten Opferzahlen in Dresden.

Und es gab weitere Feuerstürme: 1943 regneten auf die Häuser und Wohnungen Hamburgs, deren Dachstühle und Treppenhäuser aus Holz bestanden, tonnenweise Brandbomben herab; die Brände griffen um sich, Glas splitterte, Dächer stürzten ein. Und die Piloten im orange erleuchteten Himmel hatten mit Erstaunen dabei zugesehen, wie sich die Flammen über engen Gassen miteinander vereinigten und einen immer größeren Feuerkessel bildeten, der die Elemente durcheinanderwirbelte: Luft wurde abgesaugt und sengendheiße, tornadoartige Winde bahnten sich den Weg in den Nachthimmel. Und die Menschen, die nicht einfach verbrannt oder in der Hitze förmlich zu Tode gebacken wurden, erstickten stattdessen, die Lungen von jedem, immer vergeblicheren Atemzug verätzt.

Des Weiteren wären Köln, Frankfurt, Bremen, Mannheim, Lübeck zu nennen, die Aufzählung ist nicht vollständig; bei den meisten von ihnen, einmal abgesehen von dem schwer vorstellbaren tödlichen Blutzoll, sind die architektonischen Verluste zu beklagen: die Paläste, die Opernhäuser, die Kirchen, einst ideelles Symbol für die europäische Zivilisation.

Anders als viele andere Städte in Westdeutschland genoss Dresden, das nahe an der polnischen und tschechischen Grenze und etwa hundert Kilometer von Prag entfernt ist, international bereits einige Aufmerksamkeit. Die Stadt war sowohl für ihre außergewöhnlichen Kunstsammlungen, für ihre reiche sächsische Geschichte als auch für die einladende Naturlandschaft berühmt, die sich rings um ihre wunderschönen Barockkirchen, Kathedralen und Gässchen erstreckte. Damals wie heute schien Dresden einen Schritt weiter, so tief im Elbtal gelegen und umgeben von sanften Hügelketten, die sich in der Ferne zu malerischen, bewaldeten Bergen erhoben. Im frühen 19. Jahrhundert beschrieb der Philosoph Johann Gottfried Herder Dresden als das »deutsche Florenz«, wobei er bewundernswerte Parallelen zwischen den beiden Städten aus dem Hut zauberte; nach seinem Diktum bürgerte sich der weithin verbreitete Begriff »Elbflorenz« ein.

Aber die Stadt war auch berühmt, weil sie gerade nicht idyllisch war. Dresden war niemals nur ein »Schmuckkästchen« gewesen, sondern hatte sich auch das Ansehen und den Ruhm für die quicklebendige Vitalität seiner Kunstszene erworben. Hier versammelten sich einige der frühesten Vertreter der Moderne; visionäre Architekten, die neue Ideen für die perfekte Stadt mitbrachten, wurden ebenso von der Stadt angezogen. Darüber hinaus schien die Musik ein Teil der chemischen Zusammensetzung dieser Straßen zu sein, und das gilt bis heute: In der Altstadt erschallt überall Klassik, die von Straßenmusikanten dargeboten wird, untermalt vom zarten Widerklang der Chöre in den Kathedralen. Und dieser Widerklang hatte schon viele, viele Dekaden zuvor die Stadt erfüllt.

Die Geschichte Dresdens, von seiner Zerstörung bis hin zu seiner Wiederauferstehung, bietet ein fast schon Shakespeare-artiges Spektrum an grausamen ethischen Fragestellungen. Wenn wir das Leid der Abertausenden – Kinder, Frauen, Flüchtlinge, Betagtere – in dieser Nacht und den Folgejahren anerkennen, bagatellisieren wir dann die scheußlichen Verbrechen, die seit dem Aufstieg der NSDAP um sie herum verübt wurden? Indem wir tiefer in einzelne Schicksale eintauchen, setzen wir uns damit dem Risiko aus, einen besonders schönen Ort herauszupicken und zu idealisieren, während viele andere Dörfer und Städte in ganz Europa noch viel barbarischer traktiert wurden?

Und dann wäre da noch die Art und Weise, wie wir Hunderte von Piloten betrachten, die Dresden überflogen und ihre todbringende Fracht auf das Ziel abwarfen: Diese jungen Männer befolgten einfach nur die Befehle ihrer Kommandeure – erschöpft, leer, frierend und hochgradig verängstigt am bitteren Ende eines langen Konflikts, in dem sie dabei zusehen mussten, wie so viele ihrer Kameraden vom Himmel geholt wurden. Die Besatzungen, unter anderem bestehend aus Briten, US-Amerikanern, Kanadiern, Australiern, legten Flugrouten an, zielten auf feindliche Kampfflugzeuge, lagen mit ihren Bäuchen über den Bombenschächten, kommunizierten über Funk miteinander und umklammerten fest ihre Glücksbringer – Schiebermützen, spezielle Socken oder gar einen BH der Freundin (ein BH spendete als Talisman wesentlich mehr Zuversicht als ein Kreuz). Diese Männer schauten durch die Dunkelheit hinab, hinab auf die Feuer Hunderte Meter unter ihnen, und dennoch warfen sie immer weitere Brandbomben, immer in dem Bewusstsein, dass sie selbst jeden Augenblick in einem Feuerball aufgehen und bei lebendigem Leib verbrennen konnten. Wie konnten diese Jungspunde sich jemals späterer Anschuldigungen erwehren, dass sie – wie auch der Oberste Befehlshaber der Royal Air Force, Arthur Harris, den sie »Fleischer« nannten – sich an einem Kriegsverbrechen beteiligt hatten?

Auch wenn dies teilweise eine Geschichte über die Macht des Militärs ist, können wir das Thema nicht rein mit Begriffen aus militärhistorischer Sicht abhandeln. Wir sollten die Katastrophe lieber weiter ergründen, indem wir sie so authentisch wie möglich aus der Sicht derjenigen betrachten, die dabei waren – auf dem Boden oder in der Luft, am Kommandostand oder auf sich selbst gestellt. Aus dieser Sicht handelt es sich um eine Tragödie, die aus dem Krieg herauswogt. Nicht nur wurden Tausende Menschenleben in jener Nacht ausgelöscht – auch in der Kultur und Erinnerung zerbrach etwas an jenem Tag. Und der Horror dieser Nacht ist bis heute erstaunlich lebendig geblieben, ein Politikum: Man muss größte Vorsicht walten lassen, um nicht denjenigen versehentlich zu helfen oder die zu unterstützen, die das massenhafte Sterben in der Vergangenheit für sich ausschlachten wollen, denn die Hoheit über die Erinnerung selbst ist ein Schlachtfeld. Da gibt es die extreme Rechte in Ostdeutschland und anderen Teilen des Landes, die nicht aufhört zu behaupten, dass die einheimische Bevölkerung in Nazideutschland ebenfalls zu Opfern einer Gräueltat wurden. Sie reichern ihre Argumente mit ausländischen Verschwörungstheorien an, die als Grund für das Bombardement herhalten müssen. Demgegenüber stehen die Bürger, die verstanden haben, dass man diesen Extremisten nicht erlauben darf, die Ereignisse dieser Nacht für ihre eigenen Zwecke einzusetzen. Die Vergangenheit muss geschützt werden.

Vielleicht ist es ein Weg, denjenigen zuzuhören, die damals dabei waren. Die Lebensgeschichten derer zu erkunden, die in Dresden geboren wurden, lange bevor die Stadt von der Dunkelheit eingehüllt wurde, und die ihrer Kinder, die in diese Finsternis hineingeboren wurden. Denjenigen, die den unermesslichen Terror dieser Nacht durchlitten haben, und denjenigen, die in den darauffolgenden Jahren irgendwie einen Weg finden mussten, zu einem normalen Leben zurückzukehren.

In den letzten Jahren ist eine sehr intensive Zusammenarbeit zwischen den Behörden in der modernen Stadt entstanden, und es gibt Freiwillige einer britischen Organisation, die den Fokus darauf gelegt hat, Dresden beim Wiederaufbau zu unterstützen. Der Dresden Trust hat sich besonders beim akribischen Neubau der Frauenkirche hervorgetan.

Die Stadt und die Stiftung haben viel zu der symbiotischen Beziehung zwischen Dresden und Coventry in den englischen Midlands beigetragen; Letztere wurde im November 1940 von der deutschen Luftwaffe angegriffen, von der Stadt blieb nichts als geschmolzener Stahl und heißer Schutt und Ziegel übrig. Die Partnerschaft der Städte dient dem Übereinkommen, dass sich eine solche Sache niemals wiederholen darf.

Aber man darf auch nicht aus dem Auge verlieren, dass die Geschichte Dresdens genauso vom Leben wie auch vom Tod handelt; sie handelt von der unendlichen Anpassungsfähigkeit des menschlichen Geistes, selbst unter den außergewöhnlichsten Umständen.

Und jetzt, wenn die Ereignisse die Phase der lebenden Erinnerung verlassen und wir sie mit einem klareren Blick betrachten können, der weniger von Forderungen, Gegenforderungen und Propaganda verzerrt wird, bietet sich auch eine Gelegenheit für eine ganz andere Art des Wiederaufbaus: eine Erinnerung an die Dresdner Bevölkerung und die Textur ihres Alltags.

In den letzten Jahren waren die Stadtarchive mit bemerkenswertem Einsatz damit beschäftigt, so viele Zeugnisse und Augenzeugenberichte zu sammeln wie möglich. In einem inspirierenden Projekt der kommunalen Geschichte wurden Stimmen eingefangen und Erinnerungen zum Leben erweckt, die verloren geglaubt waren. Diese waren – sind – die Geschichten eines breiten Spektrums an Bürgern jeden Alters, die zu verschiedenen Zeiten niedergeschrieben wurden. Es gibt Zeugnisse von jenen, die den Angriff als Kind erlebten, wie auch die Tagebücher, Briefe und Fragmente von älteren Menschen, die die Katastrophe überlebten und das Grauen aufzeichneten. Von der stillen Autorität von Dresdens leitendem Mediziner bis hin zu Luftschutzwärtern, von den von der Stadt unbarmherzig verfolgten Juden bis hin zu den aufrechten Dresdnern, die sich schämten und zu helfen versuchten; von den Erinnerungen von Jugendlichen sowie Schülerinnen und Schülern bis hin zu den außergewöhnlichen Erfahrungen einiger älterer Einwohner, umfassen die Archive kaleidoskopartig nicht nur ein stimmiges Bild jener einen Nacht, sondern bieten gleichzeitig eine außergewöhnliche geschichtliche Momentaufnahme vom Leben einer außergewöhnlichen Stadt. Eine Vielzahl von Stimmen wartet darauf, gehört zu werden, viele davon zum ersten Mal.

Es ist nun an der Zeit, hinter beziehungsweise unter diese Ruinen und Wiederaufbauten zu blicken und wiederaufleben zu lassen, was einst – vor einer Obszönität wie dem Nationalsozialismus – eine unglaublich innovative und kreative Stadt war. Durch längst verschwundene Straßen zu wandeln und sie mit den Augen zu sehen, mit denen die Dresdner sie damals wahrnahmen. Die Geschichte handelt nicht nur von einer unfassbaren Zerstörung, sondern auch von zerrissenen Lebenswegen, die sich im Nachgang auf irgendeine Weise wieder zusammengefügt haben.

TEIL 1Die Katastrophe rückt näher

1 – Am Vorabend der Schreckensnacht

Anfang Februar 1945 war die klare Dresdner Luft mit einem Odeur von Rauch unterlegt. Obwohl Kohlerationen in Kriegszeiten keine Selbstverständlichkeit waren, arbeiteten die Öfchen und Heizkessel gegen den Morgenfrost an. Zwar war der Schnee geschmolzen, aber die Atemwölkchen zeichneten sich immer noch gegen die Kälte ab. Das Kopfsteinpflaster rund um die Frauenkirche war feucht und heimtückisch, eine Gefahr besonders für jene, die ihre Hände tief in den Taschen ihrer Mäntel vergraben hatten. Die älteren Männer, die zumindest den Anschein einer Mittelklassenormalität wahrten, trugen Hut und überwachten auf dem Weg zu den Banken und Versicherungen am Altmarkt jeden ihrer Schritte.

Andere wiederum stromerten weniger bedrückt durch die engen Gassen; Gerhard Ackermann, ein Halbwüchsiger, der sich an der elektrisch betriebenen Tram sowie den Gemüsehändlern mit ihren Karren vorbeischlängelte, hatte es irgendwie geschafft, die besten Stunden des vorangegangenen Wochenendes im Kino zu verbringen. Viele Deutsche flüchteten zu diesem Zeitpunkt in jene alternativen Welten, die ihnen der Film bot; sie dürsteten förmlich nach Ablenkung. Ackermann hatte sich In flagranti angesehen; der Streifen – eine schräge Komödie mit absurden Wendungen, in der eine Sekretärin zum Privatdetektiv mutiert – wurde erst einige Monate zuvor abgedreht (und gehörte damit zu den letzten Filmen, die unter der Naziherrschaft produziert wurden)1.

Während des ganzen Winters wurden überall in Dresden Filme gezeigt, in allen achtzehn Kinos der Stadt. Zu den größten zählte das Universum, ein Kino mit eintausend Sitzplätzen für die betuchtere Gesellschaft. Doch Filme waren hauptsächlich eine Domäne der Dresdner Arbeiterschaft; mit aufwendigen Kostümdramen sowie Verfilmungen von Romanklassikern wurde die Mittelklasse in Lichtspielhäuser wie dem Universum gelockt2. In flagranti war der letzte Film, der in Dresden gezeigt wurde, bevor die Nationalsozialisten alle weiteren Vorführungen im Reich untersagten3. Die Kinokarte des jungen Ackermann sollte Erinnerungswert bekommen.

Wie dem auch sei – für viele ältere Dresdner war diese Art von Eskapismus einfach zu anstrengend. Es gab eine instinktive, schwindelerregende Einsicht, dass die bisherige Ordnung – die Welt, die sie bisher gekannt hatten – jeden Moment implodieren konnte. Diese Bürger konnten mit eigenen Augen sehen, dass der Rhythmus der Stadt überhitzt war: die unaufhörlichen Reihen von Lastwagen, die über die breiten Hauptstraßen und Brücken junge deutsche Soldaten und Kriegsmaterial Richtung Osten an die nahende Front karrten; und die erschöpften Pferde, die auf Fuhrwerken ähnlich erschöpfte Flüchtlingsfamilien hinter sich herzogen. Die Landbevölkerung hatte sich auf einen schmerzvollen Weg in die entgegengesetzte Richtung gemacht.

Höchste Eile war inmitten all dieser Ströme geboten. Die Rote Armee unter Marschall Georgi Schukow hatte die Oder überquert; die Sowjets gewannen aus ihrem Durchbruch Mitte Januar 1945 einen verblüffenden und atemberaubenden Schwung – ihr Vormarsch glich einer Kettensäge, die sich durch den Stamm einer Eiche frisst. Im Westen erhöhten die Amerikaner und die Briten mit der Ardennenoffensive den Druck und bahnten sich einen Weg durch die eiskalten Wälder und Kleinstädte. Viele Deutsche betrachteten die Aussicht auf eine US-amerikanische Besatzung mit gemischten Gefühlen – aber die Vorstellung von einer sowjetischen Eroberung äußerte sich in greifbarer Angst: Geschichten von Soldaten der Roten Armee, die mit geradezu soziopathischem Vergnügen über zahlreiche Frauen (und Männer) herfielen, eilten der näher rückenden Frontlinie voraus. Keiner der deutschen Bauern und Landarbeiter sowie ihren Familien aus diesen Regionen, die vor diesem unaufhaltsamen Vorstoß die Flucht ergriffen, waren sich zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass ihre und die Zukunft der Nation gerade an einem Urlaubsort entschieden wurde, und zwar in einem einst reich verzierten Palast im rund zweitausend Kilometer entfernten Jalta. Joseph Stalin, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt – Letzterer bereits schlecht dran und sichtbar krank4 – besprachen auf der Jalta-Konferenz die Details, wie das geschlagene Deutsche Reich regiert und kleingehalten werden sollte; wie das Land in vier Besatzungszonen – der amerikanischen, britischen, französischen sowie sowjetischen – aufgeteilt und penibel nach demokratischen Maßstäben geführt werden sollte. Dresden lag inmitten des sowjetischen Einflussgebiets. Auf der Konferenz stellten hochrangige Offiziere Stalins Forderungen an die Alliierten im Westen; dazu zählte auch, dass der Verkehrsknotenpunkt Dresden angegriffen werden sollte, um die Truppenbewegungen der Deutschen in Richtung Osten zu erschweren5.

In dieser Phase des Krieges war bereits deutlich geworden, dass die Geschwader von schweren Bombern der Vergangenheit angehörten – die Zukunft des Krieges lag in den Händen von Physikern. Im Februar gelang es den Amerikanern in aller Heimlichkeit, die Entwicklung jener Waffe abzuschließen, an der die Nazis selbst geforscht hatten. Und Stalin war – ebenso klandestin – über die Fortschritte im Bilde, die die Vereinigten Staaten bei der Spaltung des Atomkerns gemacht hatten – die Informationen stammten direkt aus dem Versuchsgelände in Los Alamos (New Mexico) und wurden von dem Wissenschaftler und Sympathisanten der Kommunisten, Klaus Fuchs, weitergegeben. Die neuartige Waffe kündete von einem neuen Gleichgewicht der Kräfte in der Welt.

Und dennoch gab es viele Menschen in den deutschen Städten, die sich kein größeres Zerstörungswerk vorstellen konnten als jenes, das bereits vollbracht worden war. Oder das noch folgen sollte. Am 6. Februar 1945, wie die Dresdner bald lesen und hören sollten, wurden von der 8. US-Luftwaffenflotte extrem verheerende Luftangriffe auf Chemnitz und Magdeburg geflogen. Im Fall von Magdeburg lagen die historischen Viertel der Stadt bereits in Schutt und Asche; bei einem Angriff im Vormonat, der hauptsächlich den Ölraffinerien galt, waren der Stolz bürgerlicher Architektur sowie zahllose Häuser und Wohnungen in Flammen aufgegangen6.

Nichtsdestoweniger bekam die Dresdner Bevölkerung in den täglichen Radio- und Zeitungsmeldungen lediglich mitgeteilt, dass sich die Deutsche Wehrmacht mit aller Macht den Alliierten entgegenstelle und die anglo-amerikanische Aggression zurückgeworfen werden würde. Dennoch war jedem in der Stadt bewusst, dass Dresden immer mehr im Fokus der alliierten Luftwaffe stand. Meistens überflogen nur einzelne Aufklärer die Stadt, »silbern glänzend gegenüber dem Himmel«, wie sich der damals elf Jahre alte Dieter Patz erinnert7. Mütter versuchten, so gut es ging, ihre Kinder vom Krieg fernzuhalten. Frieda Reichelt, die bereits eine zehnjährige Tochter namens Gisela hatte, war hochschwanger und erwartete ihr zweites Kind im März. »Ich freute mich schon auf mein neues Geschwisterchen«, erinnert sich Gisela. »In Dresden schien der Krieg weit weg zu sein, und Luftangriffen gegenüber waren wir total unvorsichtig. Meine Mutter Frieda sorgte innerhalb ihrer Möglichkeiten dafür, dass ich eine schöne Kindheit hatte.«8

Trotz der demonstrativen Sorglosigkeit vieler Einwohner war Dresden bereits zwei Mal von amerikanischen Verbänden angegriffen worden, einmal im Herbst 1944 sowie ein weiteres Mal am 16. Januar 1945. Die Maschinen hatten am helllichten Tage zum Angriff angesetzt und beide Male Hunderte von Menschenleben gefordert. Ziel war das riesige Gelände des Rangierbahnhofs, nicht weit vom Krankenhaus Friedrichstadt entfernt. Zusätzlich heulten fast jede Nacht geradezu neurotisch – und fälschlicherweise – die Sirenen auf, sodass für viele an einen erholsamen Schlaf nicht zu denken war. Selbst wenn sich der Krieg seit Jahren scheinbar in weiter Ferne abspielte, blieb es den Bewohnern niemals vergönnt, den Konflikt zu vergessen, nicht einmal in ihren Träumen.

Nachrichten, die nachts über den Äther gingen und versicherten, dass überlegene deutsche Einheiten die Rote Armee zurückwarfen, wurden von hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Gerüchten untergraben, Berlin könne jeden Moment fallen. Die Bewohner von Dresden hatten keinen blassen Schimmer, dass die Machthaber in Berlin erst kürzlich Dresden zum »Verteidigungsbereich« ernannt hatten9, was nichts anderes bedeutete, als dass die Straßen und Plätze der Stadt bei einem massiven sowjetischen Einfall von den deutschen Soldaten in ein Schlachtfeld verwandelt werden sollten. Dresden mit seinen damals ungefähr sechshundertfünfzigtausend Einwohnern – etwa so viele wie in Manchester oder Washington, D.C. – sollte unter dem Kommando von General Adolf Strauß Teil der Elbe-Linie werden, einer Verteidigungslinie, die sich dem Verlauf des Flusses folgend von Prag weiter durch Deutschland bis nach Hamburg erstrecken sollte; eine Verteidigungslinie, die – so weit die Theorie – definitiv von den Deutschen gehalten werden konnte, wenn auch zum Preis eines hohen Blutzolls.

Es gab nicht wenige in Dresden in diesen ruhigen Verdunkelungsnächten, die bereits das Geräusch des nahenden Todes zu hören glaubten, das von den umliegenden Hügeln zurückgeworfen wurde. Es gab scheußliche Berichte von Massenvergewaltigungen und Verstümmelungen – und sie entsprachen der Wahrheit. Die Rote Armee war nur noch etwa einhundert Kilometer entfernt. Herta Dietrich, eine alleinstehende Frau, die in dem Haus eines pensionierten Stallmeisters lebte, befürchtete, dass sie nicht in der Lage wäre zu ertragen, wenn die Stadt in fremde Hände fiel. Deshalb erklärte sie, sie »würde den alten Mann mit zu Verwandten« in eine Stadt weiter westlich nehmen10.

Und wie vielen Dresdnern mögen die Gerüchte zu Ohren gekommen sein, dass nur einige Tage zuvor die vorrückenden Sowjets ein Vernichtungslager der Nazis passiert hatten? Der Akademiker Victor Klemperer und seine Frau hatten gewiss die schrecklichen Geschichten über Auschwitz vernommen. Die Sowjets erkundeten das verlassene Lager und stießen auf Tausende lebender Skelette – Gefangene, die von den Nazis zum Sterben zurückgelassen wurden. Diesen Albtraum von Entdeckung machten die Russen am 27. Januar, die Spekulationen über die Gräuel hatten Dresden erreicht und waren für Klemperer bloß noch die Bestätigung, dass seine Ängste berechtigt waren. Wenn im Verlauf der Jahre zuvor für seine Freunde und Nachbarn von der Gestapo der Befehl kam, sie sollten ihre Sachen für eine Reise packen, dann war er sich darüber im Klaren, dass sie mit den Zügen in den Tod geschickt wurden11.

Die wenigen Juden, die in Dresden zurückgeblieben waren, waren umfänglich enteignet worden und hausten zusammengepfercht in speziell dafür vorgesehenen und heruntergekommenen Häusern in winzigen Wohnungen. Sie waren kalt und karg, die Versorgung mit Brennstoff funktionierte nur sporadisch, sodass Wasser nur selten erhitzt werden konnte; und zu jeder Tag- und Nachtzeit drohten den Insassen gewalttätige »Hausinspektionen« seitens der SS. Klemperer hatte miterleben müssen, wie unzähligen Juden die »Deportationspapiere« ausgehändigt worden waren; und er hatte mitbekommen, wie in nur wenigen Jahren seit Kriegsbeginn eine tausendköpfige Gemeinschaft auf etwas mehr als einige wenige Dutzend geschrumpft war. Viele Einwohner Dresdens hegten denselben Verdacht; aber es war allen bewusst, dass es nicht sehr klug war, solche Dinge öffentlich zu diskutieren. Sowohl die örtliche Gestapo als auch die reguläre Polizei hatten die Befugnis, jeden zu erschießen, der sich des Verrats verdächtig machte. Und die Moral zu untergraben galt als Hochverrat.

Das tägliche Leben war für die meisten Einwohner zu einer Herausforderung geworden: sehen und doch nicht hinsehen, hören und doch weghören. Aber der Zerfall aller herkömmlichen bürgerlichen Standards nahm nun überraschende Formen an. So konnte man bäuerliche Landflüchtlinge dabei beobachten (Sammelstelle war der riesige Zentralbahnhof), wie sie sich in umliegenden Gässchen hinhockten und einfach die Hose herunterzogen, um sich zu erleichtern. Es war offensichtlich, dass die Schlangen vor den Toiletten am Bahnhof einfach zu lang waren, damit jeder rechtzeitig seine Notdurft verrichten konnte; dennoch war es nicht die Sorte Erfahrung, zu deren Zeugen anspruchsvolle Dresdner für gewöhnlich wurden.

Der vierundsechzigjährige und hoch angesehene Chirurg Dr. Albert Fromme musste eine stets steigende Zahl von schlesischen Flüchtlingen an seiner Klinik mit ansehen: krank, verwirrt, aufgehalten auf ihrem Weg westwärts. Fromme war die herausragende Persönlichkeit am Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt, das mit seinen Parkanlagen zwischen der Elbe und den Rangierbahnhöfen angesiedelt war und trotz der Verwüstungen, die der Krieg mit sich brachte, nach wie vor allen offen stand. Unter den zahlreichen Problemen, mit denen sich Fromme konfrontiert sah, waren die Sorge um medizinische Ausrüstung und Schmerzmittel sowie die Notwendigkeit, genügend Heizmaterial für die Krankenhausgebäude zu bunkern, als die Versorgungslage nur noch sporadisch als gesichert gelten konnte.

Fromme gehörte zu den einflussreicheren Bürgern Dresdens, sein Wort hatte mehr Gewicht als das anderer. Nur ein Jahr zuvor war er zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie ernannt worden, und in Dresden hatte er die hoch angesehene Akademie Für Ärztliche Fortbildung ins Leben gerufen. Trotz seiner Meriten wurde er kein Mitglied des Establishments und trat niemals in die NSDAP ein. Fromme lebte zusammen mit seiner Familie in einem Haus, das mit schlichten Ölgemälden und Büchern vollgestopft war – wenn er zum Mittagessen nach Hause kam, erwartete er seinen Kindern zufolge Ruhe und gewisse Gepflogenheiten bei Tisch, was allerdings bei Männern ab einem gewissen Alter kaum als ungewöhnlich zu bezeichnen ist. Auch nicht bei Männern, die Erfahrungen vorweisen konnten, wie er sie gemacht hatte. Dr. Fromme hatte als Sanitäter im Ersten Weltkrieg gedient; er hatte nicht nur das Grauen in den Schützengräben miterlebt, sondern auch verzweifelt dafür gekämpft, jene zu retten, die so schrecklich gelitten hatten. Wie hätte Fromme etwas anderes als ein ernsthafter Mann sein können?

Und seine Arbeit in Dresden belegte ihn völlig mit Beschlag. Jeden Tag, wenn er durch die Korridore seines Krankenhauses schritt, die Luft erfüllt vom beißenden Geruch der Desinfektionsmittel, sahen er und seine jüngeren Kollegen sich mit logistischen Problemen konfrontiert, die vielleicht schon in Friedenszeiten unüberwindbar erscheinen mochten. Aber wie jeder in Dresden hatte sich auch Fromme damit arrangiert, dass seine eigene Welt aus den Fugen war.

Nur einen Katzensprung entfernt und ebenso wuselig wie das Krankenhaus, das vor Personal und Patienten wimmelte, lag eine andere Dresdner Institution, in die ebenso jeden Tag Menschenmassen strömten: die riesige Fabrik der Firma Seidel & Naumann. Im Februar 1945 galt ein Großteil der Produktion kriegswichtiger Güter, auch wenn der Firmenname immer noch ein geläufiger Begriff für Haushaltsgegenstände war. So schwor Fromme in der Tat auf eines der bei Seidel & Naumann mit Sorgfalt und von Hand gefertigten Produkte – seine eigene Schreibmaschine.

Zwei große Schornsteine dominierten den Himmel über dem Fabrikgelände: die industriellen Pendants zu den Türmen der Katholischen Hofkirche in der Altstadt knapp einen Kilometer östlich. Es gab weitere, sehr elegante Pendants. So umgab die Fabrikgebäude selbst eine nüchterne Würde, sie wirkten von außen betrachtet fast wie Wohngebäude. Sie formten ein Quadrat von enormen Ausmaßen, zu dessen Mitte sich der Raum öffnete, sodass jeder Bereich der Firma lichtdurchflutet war. Vor dem Krieg, eigentlich bereits seit der Jahrhundertwende, stand Seidel & Naumann für die Produktion von hochkomplexen und wunderschön gestalteten Haushaltsartikeln; genauso wie die Schreibmaschinen, die unter der Markenbezeichnung »Ideal« und »Erika« vertrieben wurden, wurden die Waren nach ganz Europa exportiert. Die Nähmaschinen fanden sich über den Kontinent verteilt in den Salons. Ihre Räder erfreuten sich einer ungebrochenen Beliebtheit. Die Firma hatte sich sowohl innovativ als auch elegant gezeigt, als es um die Arbeitsbedingungen ging. Seidel & Naumann hatte nicht nur eine große Kantine errichtet, in der es angemessene Verköstigung gab, sondern bot auch betriebliche Gesundheitsförderung sowie Freizeitangebote.

Vor Kriegsausbruch waren in der Dresdner Fabrik um die zweitausendsiebenhundert Menschen angestellt. Bis Februar 1945 hatte sich das Bild der Arbeiterschaft, die täglich durch die Fabriktore an der Hamburger Straße hineinströmte, allerdings stark gewandelt. In Abwesenheit aller wehrtauglichen Männer bestand die große Mehrzahl der Arbeiter aus – Arbeiterinnen. Ein Teil der Frauen war nicht freiwillig hier: Sowohl Jüdinnen als auch Russinnen waren zur Zwangsarbeit verdammt. Der Abstieg der Arbeitskräfte hatte sich im Verlauf des Krieges schrittweise, aber unaufhaltsam ergeben, und 1945 waren diese Sklavenarbeiter – abgezehrt, gequält, spärlich bekleidet – von den Dresdnern irgendwie als Teil der normalen Welt akzeptiert worden. Die Arbeitsaufgaben selbst hatten sich ebenfalls dramatisch geändert. Und die gefertigten Produkte – von Zündschnüren für Artilleriegranaten über Zündvorrichtungen für Wasserbomben und Flakgeschützen – wurden strikt getrennt selbst von denjenigen aufbewahrt, die tagtäglich viele Stunden mit ihrer Herstellung verbrachten. Zwar stellte die Firma auch weiterhin kleine Chargen an Haushaltswaren her, aber abgesehen von dem unersättlichen Hunger der diversen Wehrmachtsabteilungen nach Nachschub war die Nachfrage nach Haushaltsgeräten aus verständlichen Gründen zum Erliegen gekommen.

Es gab allerdings immer noch einige wehrfähige Männer in der Dresdner Arbeiterschaft, die nicht in der Wehrmacht dienten. Der Vater des elf Jahre alten Dieter Patz arbeitete ganz in der Nähe in einer Metallfabrik, die auf die Herstellung komplizierter Werkzeuge spezialisiert war. Als Junge war er sich sicher, dass sein Vater »in einer Scherenfabrik arbeitete«12. Doch die Wahrheit sah natürlich ganz anders aus: Der Betrieb hatte schon vor Jahren auf die Produktion aufwendiger Rüstungsgüter umgestellt. Und für diese hochqualifizierten Arbeiter gab es nun noch zusätzliche Pflichtaufgaben, darunter die vorgeschriebene Teilnahme an den Treffen des Volkssturms am Ende eines jeden Tages.

Der Volkssturm war im weitesten Sinne die letzte Kohorte der deutschen Wehrmacht: Sie wurde unter all jenen Männern ausgehoben, die aus welchen Gründen auch immer bisher nicht eingezogen worden waren. Jede Stadt und jeder Bezirk hatten einen eigenen Trupp, bestehend aus oftmals mittelalten und betagten Männern. Aber diese Haufen gehörten formal nicht zur Wehrmacht. Sie wurden erst 1944 aus der Taufe gehoben, und Männer wie Dieter Patz’ Vater, die an den Übungen teilnehmen mussten, wussten, dass die Wahrscheinlichkeit gering war, dass sie jemals eine ordentliche Waffe oder militärische Ausrüstung in die Hand gedrückt bekamen. In anderen Städten hatte man den Mitgliedern die Verantwortung dafür übertragen, die Schlaglöcher und Krater zu flicken, die bei den Luftangriffen entstanden waren. Daneben gab es einen fast schon sektenähnlichen Aspekt: Die Treffen trieften nur so vor nationalsozialistischer Propaganda hinsichtlich Schweiß, Blut und Tränen, verbunden mit quasimystischen Beschwörungen des ehernen deutschen Vaterlands. Der elfjährige Dieter Patz erinnert sich einfach nur daran, dass »es viel später als die übliche Abendbrotzeit und er total erschöpft war«13, als sein Vater abends nach Hause kam.

Hinsichtlich Zwangsarbeit nahmen sich die Beschäftigtenzahlen bei der Zeiss Ikon AG im Südosten der Stadt, in der Nähe des Großen Gartens, am höchsten aus. 1942 nahmen die Werke eine extrem wichtige Stellung bei der Fertigung von Präzisionsinstrumenten und optischer Technologie für die Wehrmacht und die Luftwaffe ein. Die Dresdner Juden – darunter auch Victor Klemperer – gehörten zu jenen, die hier Zwangsarbeit verrichten mussten14. Im Februar 1945 allerdings war die Anzahl nach all den vielen Deportationen in die Vernichtungslager gen Osten dezimiert; sie wurden von anderen Zwangsarbeitern verdrängt: Frauen aus Polen und den Ausläufern der UdSSR traten an ihre Stelle. Ihnen stand kaum etwas zur Verfügung: spärliche Baracken, dreistöckige Etagenbetten, ständige Kürzungen der Essenrationen und Erschöpfung, die die Seele zerrüttete. Zugleich arbeiteten dort Frauen aus der Stadt mit vollem Lohn, die entweder zu Fuß zur Arbeit kamen oder mit der Tram fuhren.

Diese Gruppen sollten sich nicht miteinander vermischen, sei es aufgrund starker Ressentiments oder entsetzlichen Mitleids. Und dennoch kam es dazu. Es gab diese alltäglichen Dresdner Arbeiter, wie sich Klemperer erinnert, die gegenüber den Juden auf dem Fabrikgelände keinerlei Animositäten zeigten. Und die sich nicht bemüßigt fühlten, irgendeine Art von Abstand zu wahren, ob nun aus Freundschaft oder stiller Sympathie. Tatsächlich war die Arbeitsatmosphäre in den Fertigungsanlagen eher heiter.

Der Arbeitstag für die »freien Bürger« der Stadt Dresden begann sehr früh, und nicht anders erging es den Kindern, die sich auf den Weg zur Schule machten, um herauszufinden, ob sie heute geöffnet hatte. Sie lernten weiter eifrig, trotz des immer größer werdenden Chaos um sie herum. Der Stundenplan litt beträchtlich, und Schulen schlossen immer öfter, weil Treibstoff eingespart werden musste. Stattdessen überließ man die Kinder sich selbst, sie spielten in den städtischen Parks sowie den waldreichen Vorbezirken im Schnee. Einige Klassenzimmer wurden in behelfsmäßige Feldlazarette umgewandelt, um die verwundeten Soldaten von der Ostfront zu versorgen.

Jedes deutsche Kind, das 1945 jünger als dreizehn Jahre alt war, kannte nichts anderes als die Naziherrschaft; sie war – in seinen Augen – die natürliche Ordnung der Dinge. Diejenigen unter ihnen, deren Eltern heimlich hinter verschlossenen Türen jene Ordnung anzweifelten, müssen wohl während der Schulzeit einen inneren Konflikt angesichts des Erfordernisses ausgetragen haben, die Propaganda zu erlernen und brav zu wiederholen, die so eifrig von den Klassenkameraden aufgesaugt wurde. Zu den intellektuelleren Einrichtungen der Stadt – hinsichtlich akademischem Stolz und Leistungen – gehörte das Vitzthum Gymnasium in Dresden, auf das auch Friedrich ging, der älteste Sohn Frommes. Im Verlauf des Jahres musste die Einrichtung zwei herbe Rückschläge einstecken: Zunächst wurde eines ihrer Hauptgebäude für militärische Zwecke requiriert, was einen Umzug notwendig machte, um sich mit einer anderen Schule die Räumlichkeiten zu teilen. 1944 wurden diese Räumlichkeiten bei einem am helllichten Tage geflogenen Luftangriff der Amerikaner zerstört.

Unter diesen Schülern waren jene, die später Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte oder Journalisten werden sollten. Doch von Februar 1945 an wurden immer mehr Fünfzehnjährige von der Hitlerjugend zum Dienst an den Flakbatterien eingezogen – nicht nur in Dresden, sondern auch in anderen Städten, um dort mit den Flakgeschützen in den nächtlichen Himmel zu feuern.

Selbst wenn ihnen nicht diese spezielle Aufgabe zufiel, waren alle Jungen dazu verpflichtet, in der Hitlerjugend zu dienen, auch der eher ruhige, gelehrte Typ. Winfried Bielss, damals fünfzehn Jahre alt, hatte seine ganz eigenen Verpflichtungen nach Schulschluss: Seine größere Sorge galt dem Sammeln von Briefmarken, ein Hobby, auf das die Hitlerjugend weniger Einfluss nahm. Winfried lebte zusammen mit seiner Mutter in einem eleganten Vorort am Nordufer der Elbe. Sein Vater war Soldat und zu der Zeit in Böhmen, wo die Nazis besonders grausam wüteten. Dort, in der damaligen Tschechoslowakei, war die jüdische Bevölkerung fast zur Gänze ausgerottet, und andere Volksgruppen wie Sinti und Roma wurden ebenfalls verfolgt. Bielss’ Vater bekam es nun nicht nur mit Stalins vorrückenden Truppen zu tun, sondern auch mit lokal agierenden Widerstandsgruppen, die mit voller Wucht zurückschlugen, während etwa zweihundert Kilometer entfernt sein Sohn Winfried jeden Abend zum Abendessen nach Hause kam.

Selbst in diesen kargen Zeiten gab es Rotkohl und Bratkartoffeln, und wie seine Mutter ausrief, gab es nicht den geringsten Grund, unglücklich zu sein, wenn man »immer noch in den Genuss von Bratkartoffeln« kam15. Tatsächlich drehten sich in Friedenszeiten selbst die einfachen sächsischen Gerichte um Kartoffelsuppe (mit Gurke und Sauerrahm) oder Kartoffelklöße mit Buttermilch. Was wirklich fehlte, waren die deftigen Kuchen, ein Laster, dem sich die Dresdner traditionell gern hingaben.

Anfang Februar 1945 konzentrierten sich Bielss’ Aufgaben in der Hitlerjugend auf den Bereich rund um den großen Hauptbahnhof. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die gestrandeten Flüchtlinge zu ihren temporären Unterkünften auf den Höfen und in den Dörfern rund um Dresden zu geleiten. Die Architektur des Bahnhofs muss allen Neuankömmlingen ein Gefühl dafür gegeben haben, was für eine Stadt Dresden bis vor Kurzem noch gewesen war: die elegant geschwungenen Kurven der riesigen Glasdächer, die geschniegelte Anmut der Bahnsteige und der Bahnhofshalle. Seine Konstruktion stand für eine gewisse Weltoffenheit; paneuropäische Verzierungen waren in den Spiralwindungen der Stahlkonstruktion eingearbeitet, das dem Licht, das sich durch diese Glasdächer seinen Weg bahnte, sowie dem Rauch der Dampflokomotiven einen romantischen Schleier verlieh16. Bis vor Kurzem waren auch noch Flüchtlinge aus zerbombten Städten im Westen hier gestrandet. Damit nicht genug, gab es zudem deutsche Wehrmachtsoldaten, die sich auf der Durchreise befanden oder hier ihre Kriegsverletzung auskurieren sollten.

Diejenigen, die am Hauptbahnhof ankamen, wurden oftmals zunächst nach Norden in die Neustadt geschickt, die auf der anderen Seite des Flusses lag. Die Straßen der Neustadt umgab ein unverwechselbares Pariser Flair: Lange und hohe Terrassen, Geschäfte und Restaurants lagen parterre, ein Labyrinth aus grünen Hinterhöfen versteckte sich dahinter. Zu diesem weltmännischen Gefühl gesellte sich in der Altstadt nahe dem Hauptbahnhof die elegante und prächtige Einkaufsmeile Prager Straße. Selbst im Würgegriff einer Wirtschaft, die dem »totalen Krieg« unterworfen war, hatte sie ihren Platz in den Vorstellungen und Wünschen vieler Einwohner.

Auf eine kuriose Weise hatten die Auslagen der Geschäfte in der Prager Straße in früheren Jahren nicht nur Einblicke in glitzernde Schönheit gewährt – reich kolorierte Seide in Indigoblau oder Smaragdgrün, schicke Haute Couture, luxuriöse Pelze, der harte Glanz von Juwelen –, sondern auch eine gewisse Form sozialer Stabilität vorgegaukelt: Sie boten quasi exquisite Anlagemöglichkeiten, die – im Gegensatz zu der galoppierenden Inflation der 1920er-Jahre – nicht an Wert verloren, ihren Besitzern also Garantie und Sicherheit gaben. Diese Sicherheit hatten viele Ladenbesitzer allerdings nicht; seit den Nürnberger Gesetzen aus dem Jahre 1935 drang der Antisemitismus tief bis ins Herz des deutschen Alltags vor. Geschäftsleute hatten die bittere Erfahrung machen müssen, dass selbst solche Wertgegenstände vom Unrechtsstaat einfach gestohlen – Stichwort Enteignung – wurden. Nichtsdestoweniger kauften hier auch im Februar 1945 die Damen aus der gehobenen Dresdner Gesellschaft immer noch ein; hier aßen sie zu Abend, hier tranken sie ihren Kaffee, selbst wenn der Muckefuck einen Nachgeschmack von Hafer besaß.

Etwas geerdetere Dresdner bevorzugten naheliegende Geschäfte wie das Modehaus Böhme, das sich bis 1945 zu einem florierenden Markt für Klatsch und Kriegstheorien gemausert hatte. Es gab auch moderne Kaufhäuser: Kaufhaus Renner am Altmarkt bot selbst in den kargen Kriegsjahren alles, von Kinderbekleidung bis zu Haushaltswaren. Und einige Straßen weiter lag ein innovatives Geschäft, das ehemalige Kaufhaus Alsberg. Im Kontrast zu den charmanten und betagten Nachbarstraßen logierte hier ein Tempel der futuristischen Moderne, dessen Interieur mit einer ausgefeilten Geometrie und sanft geschwungenen Kurven aufwartete. Alsberg ließ sogar Rolltreppen installieren, sodass die vornehme Kundschaft sich beim Einkauf nicht überanstrengen musste. Wie so viele Geschäfte in der Stadt (und in ganz Deutschland) wurde auch dieses Kaufhaus von den Nazis »verstaatlicht« und in das Modehaus Möbius umbenannt17. Die Eigentümer waren Juden gewesen, und schon 1933 erzwang die NSDAP im Rahmen der Arisierungspolitik die Enteignung der Familie. Doch selbst ohne Arisierung hätte die Familie im weiteren Verlauf der 1930er-Jahre nur wenig Freude an ihrem Kaufhaus gehabt: Der Boykott jüdischer Geschäfte war an Gründlichkeit kaum zu überbieten.

Der Prunk anderer, größerer Geschäfte mag von den jungen Arbeiterfrauen mit einer gewissen sardonischen Belustigung betrachtet worden sein, wie etwa der siebzehn Jahre alten Anita Auerbach, einer Kellnerin in der Weißen Schleife. Das günstige und geschäftige Restaurant befand sich einige Straßen vom Zentrum entfernt. Früher waren hier abstinente Linksradikale eingekehrt, hier waren Reden geschwungen, feurige Treffen abgehalten und hitzige Debatten geführt worden. Eine der prominenten Dresdner Kommunistinnen aus diesen Tagen, eine junge Mutter namens Elsa Frölich, wurde von den Nationalsozialisten ins Gefängnis gesteckt, später jedoch wieder freigelassen. Nun arbeitete sie als Buchhalterin in einer nahegelegenen Zigarettenfabrik, die zu einer Munitionsfabrik umgebaut worden war. Frölich gehörte zu den wenigen in Dresden, die den Einmarsch von Stalins Truppen kaum erwarten konnten18. Die Weiße Schleife wimmelte nun allerdings vor deutschen Soldaten (und dem gelegentlichen Fahnenflüchtigen, der möglichst nicht in eine Kontrolle der Geheimen Feldpolizei kommen wollte). Die Fenster trieften vor Kondenswasser, während heiße Gemüsebrühen serviert wurden.

Im Südwesten der Stadt hatte eine andere junge Frau, die siebzehnjährige Margot Hille, vor einigen Monaten eine Ausbildung abgeschlossen, die ihr in Friedenszeiten wohl verwehrt geblieben wäre: Sie arbeitete nun Vollzeit in der Felsenkellerbrauerei, einer der vielen Brauereien, die rund um die Stadt gediehen19. Gegründet Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, hatte die Brauerei spezielle Stollen für Lagerungszwecke ausgehoben. Der Krieg hatte der Firma aber einen neuen Produktionszweig von technisch hochwertigen Komponenten für die Kriegsmaschinerie verschafft – streng geheim und mitten in der Fabrik; aber Bier wurde auch noch gebraut. Felsenkeller hatte sich auf ein starkes Lager spezialisiert, das mit dem Bild eines blonden Jungen in karierten Hosen beworben wurde, der einen schäumenden Krug in die Höhe stemmt.

Wenn es auch unrealistisch erscheinen mag, dass örtliche Betriebe und Getränkeherstellung einfach weiterliefen, als stünde die Welt auf einem soliden Fundament, so verstärkte sich dieser Eindruck noch in der Altstadt, wo die Banken und Versicherungsgesellschaften ihren Sitz hatten und dem täglichen Geschäft nachgingen. Wie die Kaufhäuser hatten sich die Nazis die Dresdner Bankinstitute unter den Nagel gerissen. Eines der berühmtesten, das Bankhaus Gebrüder Arnhold im Eigentum der jüdischen Familie Arnhold, wurde im Zuge der Arisierung 1935 enteignet und der Dresdner Bank einverleibt, die – obwohl sie ihren Hauptsitz schon nach Berlin verlegt hatte – immer noch in nennenswertem Umfang Büroräume in Dresden unterhielt.

Im Februar 1945 konzentrierte sich mittlerweile das gesamte Geschäft der Dresdner Bank auf den Krieg, und die Bank hatte ihre Fühler in jeden Teil des von Nazideutschland dominierten Osteuropas ausgestreckt. Die Überlegung darf wohl erlaubt sein, dass innerhalb der Bank einige höhergestellte Angestellte mit ziemlicher Sicherheit verstanden und wussten, was in diesen »Konzentrationslagern« passierte, die sich tief in den Wäldern des Ostens versteckten. Ein Teil ihres Geschäftsmodells beschäftigte sich mit der Finanzierung dieser Lager sowie der Suche nach Wegen und Möglichkeiten, aus ihnen Profit zu schlagen. In den Straßen, in denen die Geschäftsleitung der Dresdner Bank residierte, hob sich das Rot und Schwarz der Hakenkreuzfahne vor dem grauen Mauerwerk ab und flatterte im winterlichen Wind.

Und dennoch fanden sich ganz in der Nähe Hinweise darauf, dass nicht die ganze Stadt zur Geisel des Krieges geworden war: Es gab (und gibt) Pfunds Molkerei, einen pittoresken Milchladen von geradezu absurdem Ausmaß, reicht dekoriert mit Keramikfliesen von Villeroy & Boch aus dem 19. Jahrhundert, die für das alte Dresdner Lebensgefühl stand: verspielt, heiter, ein kleiner Tempel zu Ehren diverser Köstlichkeiten20. Hier, in dieser Touristenattraktion zu Friedenszeiten, gab es Gebäck und Buttermilch zu kaufen: eine Verlockung nicht nur für Kinder, sondern auch für Eltern, die ihre intensiven kindlichen Vergnügen nie so ganz vergessen hatten. Flussabwärts, an den Hängen von Schloss Eckberg, einem fantastischen Gemäuer aus dem 19. Jahrhundert, das von einem örtlichen Kaufmann im Stil eines englischen Schlosses erbaut worden war, fanden sich sogar Weinberge21. Man sagte, dass hier wie auch in den umliegenden Weinbergen ein ganz außergewöhnliches Terroir, sogenannter Bodengeschmack, vorherrsche, der einen ganz dezenten Riesling hervorbrachte, sowohl leicht als auch kräftig wie Herbstäpfel. Der Weinberg von Schloss Eckberg bot einen Blick auf den Fluss sowie auf die Loschwitzer Brücke aus dem frühen 20. Jahrhundert, besser bekannt als »Blaues Wunder«. Der Name der Brücke fiel oft, wenn die Einwohner über die anrückende Rote Armee diskutierten. In diesen Gesprächen stellte sich hauptsächlich die Frage, ob diese Konstruktion – immerhin ein revolutionäres Bauwerk der Hängebrückentechnologie und ganzer Stolz der Dresdner – geopfert werden musste, um den Vormarsch der Roten Armee zu bremsen.

Die unterschwellige Furcht vor Unmenschlichkeit und uneingeschränkten Gewaltexzessen verwebte sich mit anderen tiefsitzenden Angstgefühlen. Für wirklich jeden Dresdner existierte diese einzigartige und vielleicht sakrosankte Schönheit, nämlich jene Kathedralen und Kirchen und Paläste, die sich entlang der Elbe aufreihten und seit Jahrhunderten eine Form von Ewigkeit repräsentierten. Doch nun herrschte die Angst vor, dass die »Barbaren« diese ganze Schönheit in Schutt und Asche legten. Dieses geradezu religiöse Gefühl für Ästhetik hatte sich einen Weg der Koexistenz mit der Realität von blutroten Hakenkreuzen gebahnt.

Doch der wirkliche Schatten, der sich über die Stadt senkte, ging nicht von den Sowjets aus. Die größere, weithin unerwartete Bedrohung drohte von anderer Seite und lauerte in den geheimen Plänen und Absichten der westlichen Alliierten.

2 – In den Wäldern der Gauleiter

Rationale Erwägungen oder moralische Bedenken hatten in der Argumentation bereits vor langer Zeit keine Rolle mehr gespielt. Die ansonsten vortrefflichen Berechnungen, wie die militärische Vorgehensweise auszusehen habe, waren durch etwas eher Willkürliches ersetzt worden. Zudem wurde nicht auf die menschliche Sterblichkeit geachtet. Dies war der allumfassende Weltkrieg, besonders gegenwärtig bei jenen, die bereits von der Urkatastrophe dieses Jahrhunderts heimgesucht worden waren: dem Ersten Weltkrieg. Aber die Möglichkeit, dass auch Zivilisten ein legitimes Ziel boten, war nicht neu. 1942 hatte sich Josef Stalin mit Winston Churchill getroffen und von ihm gefordert, dass britische Bomber nicht nur die deutsche Industrie, sondern auch deutsche Wohngebiete ins Visier nehmen sollten. Zu dieser Zeit gab es hingegen noch jene – besonders beim Oberkommando der US-Streitkräfte –, die den Glauben nicht bereits aufgegeben hatten, dass eine feine Unterscheidung zwischen Militär- und Zivilwesen möglich sei – und moralisch notwendig. Aber Churchill hatte solche Ermahnungen vonseiten Stalins gar nicht nötig, denn beim britischen Oberkommando und den Politikern war der »totale Krieg« längst akzeptiertes Faktum: Bevor Stalin seine Ansicht kundgetan hatte, gab es Männer wie den bemerkenswerten wissenschaftlichen Berater des Premierministers, Lord Cherwell, der darauf bestand, dass Luftschläge gegen Nazideutschland darauf abzielen sollten, die Wohnbehausungen der Bevölkerung in den großen Städten zu zerstören; dadurch würde man die Industrie und Infrastruktur im gesamten Land nach und nach lahmlegen1. Der Begriff »de-housing«, den Cherwell dafür verwendete, hatte einen bewusst sanften, technokratischen Einschlag.

Der enthusiastischste Vertreter dieser Idee war der Befehlshaber des Bomberkommandos, Luftwaffengeneral Sir Arthur Harris, dessen Name unentwirrbar mit dem Schicksal von Dresden verwoben werden sollte. Der General, dessen einziger sentimentaler Anflug sich auf schöne ländliche Landschaften zu erstrecken schien (und die Bauern, die sich um die Landschaft kümmerten), hegte niemals auch nur den Hauch des Zweifels über die Notwendigkeit, die deutschen Städte zu zerstören. Er zeigte sich ganz und gar gleichgültig gegenüber dem endgültigen Schicksal der Zivilisten, die in diesen Städten lebten. Trotz alledem – er konnte moralische Bedenken ganz leicht beiseite wischen. Während einer Rede, gehalten 1942, insistierte er, dass er nicht auf »Vergeltung« aus sei für das Chaos, das deutsche Bomber in Großbritannien hinterlassen hatten2. Es diente seiner Ansicht nach lediglich dem Zweck, den Krieg rasch zu beenden; und Harris vertrat seine Ansicht mit geradezu religiösem Eifer.

Das Oberkommando der Royal Air Force logierte zwischen den grünen Hügeln von Chiltern, etwa fünfzig Kilometer nordwestlich von London. Der zum zweiten Mal verheiratete Harris, dessen blondes Haar langsam silberfarben wurde, erteilte seine Befehle aus einem einfachen Büro, das lediglich mit einer schlanken Standuhr, einem großen Tisch mit einem einzelnen schwarzen Telefon darauf sowie einer schwenkbaren Tischleuchte ausgestattet war. An einer Wand prangte das Gemälde einer abendlichen Landschaft, an einer anderen eine riesige Karte von Europa; das Fenster gab die Sicht auf Pappelbäume frei: Alles zusammen stand im scharfen Kontrast zu dem hellen futuristischen Modernismus, der in der Kommandozentrale des Stützpunkts vorherrschte. Er war sehr gesellig; an den Abenden, an denen er von seinem Schreibtisch weggezogen werden konnte, gaben er und seine Frau Therese für diverse Persönlichkeiten Dinnerpartys im naheliegenden Haus, darunter auch das Oberkommando der amerikanischen Luftwaffe sowie Diplomaten, die stets im Nachgang schrieben, um sich für die tolle Gastfreundschaft zu bedanken3. Als Fünfzigjähriger hatte Harris 1942 das Oberkommando übernommen. Seitdem konnte er bei zwei sehr dringlichen Zielen Erfolge vorweisen: Er konnte den Premierminister nicht nur davon überzeugen, dass das fortwährende Bombardement deutscher Städte genauso entscheidend für den Ausgang des Krieges war wie alle anderen Kriegsschauplätze (Kritiker argumentierten, dem sei nicht so), sondern auch, die Zahl der Flugzeuge und Besatzungen um ein Vielfaches zu erhöhen (zusammen mit entsprechenden Entwicklungssprüngen beim technologischen Fortschritt). Seine stark kompetitive Ader, die er sowohl seinen Vorgesetzten wie auch seinen Untergebenen gegenüber an den Tag legte, war berüchtigt; seine Schimpftiraden – immer gewandt, nicht selten mit einer Prise schwarzem Humor – zielten auf ein Blutvergießen ab. Jeder, der irgendwelche moralischen Gewissensbisse oder Zweifel über die Arbeit des Oberkommandos äußerte, gehörte für ihn zur »fünften Kolonne«4.

Aber vielleicht war einer der Gründe für diesen unglaublichen Furor die erstaunlich hohen Verlustraten bei den Piloten und Besatzungen unter seinem sowie seines Vorgängers Kommando; bis dato waren bei Luftangriffen fünfundvierzigtausend Besatzungsmitglieder getötet worden, ihre Körper regneten als brennende Fackeln vom nächtlichen Himmel herab. »Es gibt in der Geschichte der Kriegsführung keine Parallelen zu solchem Mut und Entschlossenheit, der Gefahr über so einen langen Zeitraum zu trotzen, einer Gefahr, die so groß war, dass fast nicht einmal einer von dreien erwarten konnte, seinen Einsatz zu überleben«, notierte Harris.5 Hinzu kam, wie Harris später erläuterte, die hohe Anzahl an Verlusten bereits bei den Probeeinsätzen; das galt selbst für die gut ausgebildeten Mechaniker an den Luftwaffenstützpunkten der Ostküste. Sie waren rund um die Uhr dem harten englischen Winter ausgesetzt und arbeiteten unter einem derart großen Druck, dass sie Krankheiten zum Opfer fielen, die man ansonsten eigentlich nur bei älteren Menschen diagnostizierte.

Harris hatte während des Ersten Weltkrieges im Royal Flying Corps gedient, und sein eigener moralischer Kompass war zu einem gewissen Grad von den blutigen Schlachtfeldern geeicht worden. Nach dem Krieg war er in der Royal Air Force geblieben und hatte sich als brillanter und scharfsinniger Organisator hervorgetan, als die königliche Luftwaffe darum rang, ihre Unabhängigkeit gegenüber den anderen Waffengattungen zu verteidigen. Und seine Einstellung gegenüber den Deutschen, ob in militärischer oder ziviler Hinsicht, war unnachgiebig feindselig. Dennoch verneinte er, dass er den »Bombenterror« gewollt habe, sondern behauptete, er hätte »niemals damit angefangen«6. Die Konsequenzen waren vielleicht ein wenig brutaler, als seine abweisenden Aussagen glauben machten: Er wollte »deutsche Städte zerstört sehen, deutsche Arbeiter getötet, das zivilisierte Gemeinschaftsleben aufgelöst«, aber nur als Mittel zum Zweck, um das Ende des Konflikts schneller herbeizuführen und weiteres Blutvergießen zu verhindern. Er betrachtete den Tod durch eine Fliegerbombe ganz einfach nicht als schlimmste Art, sein Leben zu verlieren. Wenn seine Vorgesetzten wie der Chef des Luftwaffenstabs Sir Charles Portal darauf bestanden, dass die Bomber stattdessen hochspezifische Industrieanlagen anfliegen sollten, riss Harris’ ohnehin schon sehr dünner Geduldsfaden. Später erklärte er, dass Leute, die viel »über individuell herausgepickte, kleinere Ziele sprachen«, mit Sicherheit niemals einen Gedanken an das »europäische Klima« verschwendet hätten; und dass »Leute, die diese Art von Dingen behaupteten, ganz sicher niemals da draußen gewesen waren« oder »aus dem Fenster eines Bombers geguckt hätten«7. Dies war eine Ansicht, die den Kommandanten der U.S. Air Force in Europa, Carl »Tooey« Spaatz, entweder amüsiert oder aber verwundert haben mag; Generalmajor Spaatz’ oil plan wurde, besonders im Herbst 1944, auch von Dritten als grandioser Erfolg gefeiert. Er sah vor, Hunderte US-Bomber bei Tageslicht von englischen Luftwaffenstützpunkten aufsteigen zu lassen und spezielle Industrieanlagen sowie Raffinerien zu bombardieren, um den Treibstoffnachschub der Deutschen empfindlich zu treffen.

Anfang Februar flogen Harris’ Bomber zusammen mit der 8. US-Flotte Ziele an, die von Harris als »Allheilmittel-Ziele«8 verspottet wurden: große Raffinerien, in denen synthetisches Öl produziert wurde (die, sofern sie schwer getroffen wurden, tatsächlich weit davon entfernt waren, bloß »Allheilmittel-Ziele« zu sein, trug ihre Zerstörung den Deutschen schließlich ernsthafte Probleme in der Versorgungskette ein). Am dritten Februar wurde ein Angriff auf Dortmund mit dem Ziel geflogen, die dort ansässigen Benzol-Werke zu zerstören; weitere Anlagen wie in Osterfeld und Gelsenkirchen wurden ins Visier genommen, allerdings ohne Erfolg. Aber es gab weitere strategische Luftangriffe in dieser Zeit, die sich sehr effektiv zeigten: Am 7. Februar beispielsweise starteten die Alliierten eine Offensive durch die dichten Wälder des Reichswalds am Niederrhein; Bomber flogen Angriffe auf die Städte Goch und Kleve, wo die deutschen Truppen stationiert waren. Straßen und Bahnlinien wurden unbrauchbar, und der Weg für die Alliierten, beide Städte einzunehmen, war geebnet. Harris war davon überzeugt, dass der Krieg immer mehr auf einen Punkt zusteuerte, an dem entscheidende Luftangriffe – nach einstudiertem Muster mit eintausend Flugzeugen, die unausweichliche und schier endlose Kehren über den Städten flogen – das deutsche Oberkommando in die Knie zwingen würden. Diese flächendeckenden Bombardierungen, mittlerweile etabliert und in vielen Hunderten Luftangriffen von Essen bis Hannover, von Köln bis Hamburg, von Mannheim bis Magdeburg erprobt, schnürten den Städten, die vor hilflosen Flüchtlingen wimmelten, die Luft ab. Dann war der Zeitpunkt gekommen, an dem die herkömmliche Zivilgesellschaft zum Zusammenbruch gebracht werden konnte.

Für einige hochrangige Offiziere im Bomberkommando der Royal Air Force waren Städte wie Dresden nichts weiter als einfarbig markierte Zonen auf Detailkarten, Pöbel, dem eine fanatische Obrigkeit vorstand. In dieser Phase des Krieges gab es nur noch wenige, die eine exakte Unterscheidung zwischen der deutschen Zivilbevölkerung und deutschen Soldaten machten, zwischen der deutschen Kultur und dem allumfassenden Nazikult. Nur wenige hatten die Zeit, nicht die Nöte und Sorgen der normalen Menschen aus dem Auge zu verlieren.

In Dresden herrschte ein weit verbreitetes Faible für Grünanlagen – viele verschiedene Baumarten verteilten sich über die ganze Stadt. Rudi Warnatsch, der mit seiner Mutter in einer Mietskaserne wohnte, erinnert sich lebhaft, dass »der größte Teil des Innenhofs von einem gepflegten Garten eingenommen wurde, mit einer wunderschönen Kastanie und einer Linde«9. In einem der kleineren Vororte im Osten der Stadt bewunderte Marielein Erler die »großen Eichen und Linden«, die in einem Park in der Nähe ihres Hauses wuchsen10. Die Eltern von Georg Frank hatten einen Pfirsichbaum im Garten angepflanzt. Professor Victor Klemperer und seine Frau Eva hatten eine enge Beziehung zu ihrem Kirschbaum (sowohl aus sentimentalen als auch genießerischen Gründen) im Garten hinter dem Haus11. Die Früchte standen für das süße Leben, das ihnen die Nazis geraubt hatten.

Im weitesten Sinne spiegelten die grünen Straßen und Plätze und Innenhöfe die ungewöhnliche Sorgfalt wider, mit der die städtische Infrastruktur bedacht worden war. Dresden war eine Stadt, in der sich selbst die billigeren Mietswohnungen für die Arbeiterklasse in einem für die Zeit sehr guten Zustand befanden, was zum Teil daran lag, dass es in Dresden eine jahrzehntelange Reinlichkeitstradition gab, die fast schon an Besessenheit grenzte: Die reichen Industriellen fürchteten jene Krankheiten, die die Arbeitskraft ihrer Arbeiter schmälern konnten. Deshalb lebten die Menschen in den dicht besiedelten Vororten rund um die Altstadt in netten, geordneten Mietswohnungen: vier oder fünfstöckige Wohnhäuser mit blankgeschrubbten Treppenhäusern. Im Süden der Stadt favorisierte die Mittelschicht opulentere Apartments, von denen einige sogar über einen beheizten Wintergarten verfügten12.

Bäume umstanden das Umland des Gauleiters, von dem jede Existenz in Dresden abhing; er fühlte sich bei der Jagd in Sachsens ländlichen Gebieten am wohlsten. Er war von der traditionellen Weidmannskunst fasziniert sowie von Volkssagen und Märchen. Wenn Dresden selbst der bewusste Ausdruck dafür war, welchen Wert Kunst und Gleichklang einnahmen, dann stand der Mann, der Dresden seit Anfang der 1930er-Jahre bis zum Ende des Krieges regierte, eher für eine dunklere, eher primitivere und unbewusstere Strömung; etwas Unbeherrschbares, das mehr ein Teil dieser Wälder zu sein schien, die die Stadt umgaben. Martin Mutschmann, Deutschlands dienstältester Gauleiter, repräsentierte zusammen mit seinen unverhohlen sadistischen und gefürchteten Stellvertreter-Schergen exakt die Art von Feind, von der Marshal Harris annahm, ihn nur durch ein Trauma – der totalen Auslöschung alles Zivilen – besiegen zu können. Unerbittlich. Fanatisch. Erbarmungslos.

Gauleiter Mutschmann besaß eine gewisse, wenn auch nicht schmeichelhafte Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Peter Lorre. Äußerst markant waren seine asymmetrisch funkelnden Augen, aus denen man nichts ablesen konnte. Sein Haar war dünn, und er trug einen kräftigen Schmerbauch vor sich her. Im Februar 1945 war er sechsundsechzig Jahre alt und fungierte seit Hitlers Machtergreifung 1933 als Reichsstatthalter; zudem war er Ministerpräsident von Sachsen. Mutschmann gehörte zu den Ersten, die 1922 der NSDAP beitraten, seine unversöhnlichen politischen Ansichten aber hatte er sich lange Zeit zuvor angeeignet. Er stand dem Führer sehr nahe und teilte dessen ungezügelten Eifer. Dank ihm hatte sich Dresden von Beginn an ein durch und durch faschistisches Kleid übergestreift: nicht nur durch die riesigen Hakenkreuzfahnen an allen öffentlichen Gebäuden, sondern auch die allumfassende Präsenz von SS sowie Hitlerjugend in den Straßen, außerdem die Dresdner NS