Die Roma - Madeline Potter - E-Book

Die Roma E-Book

Madeline Potter

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Beschreibung

Ein faszinierender Einblick in die Geschichte und das Leben der Roma »Auf jedem Schritt meiner Reise bin ich den kraftvollen Geschichten derjenigen begegnet, die sich ihrer Ausgrenzung widersetzten und deren Leben uns bis heute inspirieren.« Madeline Potter verwebt ihre eigene Biografie als Romni mit Recherchen in Archiven zu einer mitreißenden Erzählung. Dem alten Klischee vom "fahrenden Volk" setzt sie konkrete Schicksale entgegen: etwa das des Boxers Johann Rukeli Trollmann, dem deutschen Meister im Halbschwergewicht, dem die Nazis seinen Titel aberkannten. Oder das von Carmen Amaya, einer spanischen Romni, die Mitte des 20. Jahrhunderts als beste Flamencotänzerin der Welt bekannt war. Vom England der Tudorzeit bis ins Rumänien der Gegenwart, vom NS-Deutschland bis ins Frankreich des 21. Jahrhunderts lernen wir die Roma-Gemeinschaften und ihre Kämpfe kennen. Madeline Potter zeigt, wie der tief verwurzelte Hass auf die Minderheit jahrhundertelang überdauern konnte. Vor allem aber feiert sie die Stärke und Ausdauer der Roma, ihre Fähigkeit zum Widerstand und zum Überleben.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Roma

MADELINE POTTER, geboren 1989, wuchs als Romni im postkommunistischen Rumänien der 1990er-Jahre auf. Anstatt in einem von Pferden gezogenen »Vardo«, der von Lager zu Lager reiste, verbrachte sie ihre Kindheit in einem hochaufragenden Hochhaus im sowjetischen Stil. Später zog sie zum Studium nach Großbritannien, wo sie in englischer Literatur promovierte.Sie lebt in Edinburgh und lehrt an der dortigen Universität.WANDA JAKOB, geboren 1976, studierte Amerikanistik, Romanistik und Germanistik in München und Lissabon. Sie übersetzt Literatur aus dem Englischen und Portugiesischen. Von 2016 bis 2022 war sie Lektorin für deutsche und internationale Belletristik und Sachbuch beim Verlag Antje Kunstmann.

»Eine mitreißende Geschichte von Widerstand und Überleben – über ein Volk, das sich nie von seinen Verfolgern definieren ließ.« The ObserverVom England der Tudorzeit bis ins Rumänien der Gegenwart, vom nationalsozialistischen Deutschland bis ins Frankreich des 21. Jahrhunderts – Madeline Potter begibt sich auf eine Reise zu den Roma und den Wurzeln ihrer eigenen Identität. Als Romni im postsozialistischen Rumänien der 1990er-Jahre geboren, verwebt sie persönliche Erfahrungen mit Geschichten, die sie in Archiven in ganz Europa findet. So entsteht nicht nur das Porträt einer bis heute ausgegrenzten und verfolgten Gemeinschaft, sondern auch ein eindrucksvolles Bild von Ausdauer, Stärke und Resilienz. Die Roma erzählt von der Kraft zum (Über-)Leben und eröffnet einen faszinierenden Einblick in die nomadische Kultur.

Madeline Potter

Die Roma

Eine Geschichte von Identität und Widerstand

Aus dem Englischen von Wanda Jakob

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel The Roma: A Travelling History bei Bodley Head, London.© Madeline Potter 2025© Copyright der deutschsprachigen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin 2026Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected] Rechte vorbehaltenAutorinnenfoto: © Martin PotterCovergestaltung: © Cornelia Niere, Büro für Gestaltung, MünchenCovermotive: Foto © Bruce Dale / GEO Image Collection / Bridgeman Images; Bordüre aus der Sammlung der AutorinE-Book powered by pepyrus.ISBN 978-3-8437-3790-6

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Inhalt

Das Buch

Titelseite

Impressum

Vorbemerkung der Autorin

Vorwort

1»Die lange umhergezogen sind«Die Kunst der Reise

2KastellosDie Ästhetik des Widerstands

3»Amaro Dive«Ein Roma-Tag

4Die Tränen der MatuyaGoldene Streifen

5»Die Toten reiten schnell«Mit Geistern leben

6Sara La KaliMeine Mutter, unsere Mutter

7»Soy gitano«Die Flamenco-Rhythmen

8Endlich frei atmenNeues Glück

9KatitziWir sind unsere Geschichten

Nachwort

Danksagung

Bildteil

Anmerkungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Vorbemerkung der Autorin

Widmung

Meinen Leuten

Vorbemerkung der Autorin

Den Begriff »Roma« verwende ich generell als Pluralwort für alle Untergruppen des Volkes der Roma, was seiner Verwendung in der Sprache der Roma, dem Romani, entspricht; »Rom« verwende ich als Singular Maskulinum, »Romni« als Singular Femininum.

Die Bezeichnungen, die in vielen europäischen Sprachen für die Roma verwendet wurden und werden, lassen sich im Allgemeinen in zwei etymologische Muster einteilen: einerseits Begriffe wie das französische tsigane und das deutsche »Zigeuner«, andererseits solche wie das spanische gitano und das französische gitan, die denselben etymologischen Ursprung haben wie das englische Gypsy. Die Begriffe haben in den verschiedenen Ländern jeweils eigene Konnotationen und Begriffsgeschichten herausgebildet. Ins Englische werden sie klassischerweise mit »Gypsy« übersetzt. Im Deutschen findet sich nach wie vor der Begriff »Zigeuner«, meist aber »Sinti und Roma«, wie es auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma empfiehlt. Diese Bezeichnung folgt einer Besonderheit im deutschsprachigen Raum, wo die Gruppe der Sinti die Mehrheit stellt. Dieses Buch folgt im Allgemeinen der weltweit gebräuchlicheren Begriffswahl. Um die jeweilige etymologische Herkunft und Geschichte hervorzuheben, verwende ich im gesamten Buch die Originalbezeichnungen. Die von den Untergruppen bevorzugte Terminologie und Eigenbezeichnung unterscheidet sich aufgrund ihrer großen Diversität. Da die Begriffe »Gypsy« und »Zigeuner« umstritten sind, verwende ich sie nur in Zitaten, bei Überlegungen zu ihrer geschichtlichen Verwendung, wenn es die Übersetzung erforderlich macht oder wenn sie ganz bewusst als Eigenbezeichnung eingesetzt werden.

Das Romani ist nicht standardisiert. Da die Kultur der Roma eine mündlich tradierte ist und viele Dialekte aufweist, weichen Schreibweisen stark voneinander ab, und ein bestimmtes Wort kann unterschiedlich geschrieben werden. Das schlägt sich auch in diesem Buch nieder.

Vorwort

Der Weg vor uns

Pferdegetrappel auf dem Pflaster, rhythmisch wie ein alter Nomadentanz, ist das Erste, was ich höre, als ich aus dem Zug steige – noch vor dem fröhlichen Gelächter und dem Stimmengewirr. Karren und Schindelwagen säumen in langen Reihen die Straßen zu dem Hügel am Ortsrand, der früher Gallows Hill oder Galgenberg hieß, weil dort glücklose Gefangene hingerichtet wurden. Heute nennt man ihn dankenswerterweise Markthügel, Fair Hill. In der Ortsmitte von Appleby werden Pferde zur Schau gestellt, gewaschen und geritten. Es ist Anfang Juni, und der jährliche Pferdemarkt ist in vollem Gang. Einen Moment lang erscheint alles wie eingefroren und ist doch in Bewegung – allerdings im Tempo der traditionellen nomadischen Lebensweise, denn über den aktiven Pferdemarkt hinaus ist das hier auch ein Fest der britischen Roma- und Traveller-Communitys.

Reiter:innen galoppieren die Straße hinunter in den Fluss, wo sie in einem Wettstreit der Flinkheit und Beweglichkeit ihre Pferde jäh anhalten lassen. Ich denke an meine Urgroßeltern, die noch nomadisch gelebt haben, und stelle mir kurz vor, wie ich auf dem Rücken eines majestätischen schwarzen Pferdes in den River Eden reite. Das entspräche allerdings nicht meiner Tradition: Die Kalderasch, meine Gruppe, reisten in Planwagen, und nicht alle von ihnen ritten. Aber es ist großartig, hier, wo sich so viele unterschiedliche Communitys zusammenfinden, Einblicke in die ganze Vielfalt des Roma-Lebens zu bekommen.

Als die Zeit ihren ewigen Lauf wiederaufnimmt, verpufft das Idyll, und die feindliche Wirklichkeit stellt sich wieder ein. Das unerlaubte Betreten von Land ist durch den im Jahr 2022 vom britischen Parlament verabschiedeten Police, Crime, Sentencing and Courts Act mittlerweile in bestimmten Fällen eine Straftat, was für die Roma und andere Umherziehende eine existenzielle Bedrohung darstellt. Es setzt sie der Gefahr der Konfiszierung ihrer Vermögensgegenstände durch die Polizei aus, was sie – paradoxerweise – in die Obdachlosigkeit und noch tiefer in die Prekarität und Schutzlosigkeit drängen würde, als sie es ohnehin schon sind. Für die reisenden Roma-Communitys in Großbritannien ist das eine Bedrohung von historischem Ausmaß. Zugleich reproduziert das Gesetz die vielen Maßnahmen, die über Jahrhunderte in ganz Europa zur Zerstörung der nomadischen Lebensweise und der gesamten Kultur der Roma ergriffen wurden.

Diese sind leider vielfach erfolgreich gewesen. Die große Mehrheit der Roma in Ost- und Mitteleuropa ist heute sesshaft, ihr kollektives und kulturelles Gedächtnis der Reise nahezu verblasst. Ein gutes Beispiel hierfür ist meine eigene Familie. Noch vor drei Generationen waren meine Vorfahren väterlicherseits Nomad:innen, aber als ich 1989 geboren wurde, war diese Tradition in Rumänien bereits vollständig erloschen, und niemand in meiner engeren Familie hatte sie persönlich erlebt. In den riesigen grauen Plattenbauten sowjetischen Stils, die wir bewohnten, herrschte keinerlei Erinnerung mehr an die weiten und ausladenden Felder unserer Vergangenheit auf der Reise.

Schon in ganz jungen Jahren faszinierte mich die Welt der Fiktion. Mein Großvater holte mich jeden Tag von der Kita ab und erzählte mir auf dem Heimweg durch die trostlosen Straßen eine Geschichte. Ich wünschte, ich könnte mich genauer an sie alle erinnern. Eine handelte von einer Familie von Weihnachtsbäumen, die in der Angst, gefällt und voneinander getrennt zu werden, alles tun, um nicht schön auszusehen. Eine andere handelte von einem Mann auf einem Pferd, der Kirschen zu pflücken versucht, dabei aber vergisst, sein Pferd anzuhalten, und so die Zweige des Kirschbaums nie zu fassen bekommt. Er erzählte mir auch Varianten bekannter Märchen wie etwa »Däumelinchen«, das mein jüngeres Ich in Schrecken versetzte. Zu Hause verbrachte ich die meiste Zeit damit, zu lesen und von Reisen in fremde Gegenden wie Tom Sawyers und Huckleberry Finns Mississippi-Delta oder das Wunderland aus Lewis Carrolls Alice-Büchern zu träumen. Zwar träumte ich vom Reisen, doch weder ich noch die anderen Roma-Kinder, mit denen ich aufwuchs, wussten, dass unsere Community noch bis vor gar nicht allzu langer Zeit ein nomadisches Leben geführt hatte.

Ich war wohl eher keine typische Leserin, kein in die eigene fantastische Welt verkrochener Bücherwurm. Lesen stand erst an zweiter Stelle, lieber gab ich die Geschichten, die ich las, weiter. Also erzählte ich sie den anderen Roma-Kindern in unserem Häuserblock, wenn wir uns nach dem Herumrennen in der heißen Sonne setzten und kaltes Wasser hinunterstürzten. Damals war mir nicht bewusst, dass es mir beim Lesen und Geschichtenerzählen vor allem darum ging, Verbindungen herzustellen, darum, als Gemeinschaft zusammenzukommen. Später, als Literaturwissenschaftlerin, entdeckte ich dann eine neue Welt des Lesens: eine Welt, in der Menschen sich von der Gesellschaft zurückzogen, um in Stille und Abgeschiedenheit gemütlich in ihrem Studierzimmer zu lesen; eine Welt, in der Bücher als grandiose Objekte in Ehren gehalten und geschätzt wurden, die man besaß, aber nicht teilte. Ich begriff, dass ich mich niemals in diese Welt einfügen würde, denn ich sehnte mich nach der mündlichen Erzähltradition und dem dazugehörigen Gemeinschaftsgefühl. Es gefiel mir sehr, gemeinsam mit anderen zu lesen, einander Geschichten vorzulesen, zu lachen und zu weinen, bei einem gruseligen Märchen vor Entsetzen aufzukreischen, und im Versuch, diese Geschichten zu verstehen, herauszufinden, wer wir sind. Auch wenn ich das damals nicht wusste, denke ich heute, dass zu einer Zeit, als über alles, was mit der Roma-Kultur zu tun hatte, der Mantel des Schweigens gebreitet wurde, das Wesen der Roma in meinem Inneren überlebte.

In meiner Kindheit im Rumänien der 1990er-Jahre wurde kaum über die Geschichte der Roma gesprochen. Wir hatten die Sagen und Geistergeschichten: die Märchen von den Reisenden, die auf verfluchtem Land ihr Lager aufschlagen und von einem treuen Hund vor Dämonen beschützt werden; die Geschichte vom Musiker, der, nachdem er drei Tage und Nächte lang ununterbrochen musiziert, vor lauter Erschöpfung von seiner Pferdekutsche fällt; die Sage, laut der, als Gott einst seine Gaben an die Völker der Welt verteilte, die Roma, weil sie zu spät kamen, die ganze Erde geschenkt bekamen, um auf ihr umherzustreifen. Aber diese Erzählungen waren genauso weit weg von mir wie die von Alice oder den drei Musketieren.

Erst in meinen Zwanzigern entdeckte ich nach und nach die Geschichte der Roma und wie sie mit der meiner eigenen Familie zusammenhing. Meine Familie war vor allem im Zweiten Weltkrieg von Vertreibung und Trauma betroffen. Es gab Dinge, von denen ich wusste, Dinge, die ich annahm, und Dinge, über die nicht gesprochen wurde. Einige meiner Verwandten, die damals im Osten der Slowakei lebten, wurden nach Dachau geschickt. Manche überlebten, manche nicht. Andere wurden aus Rumänien nach Transnistrien deportiert. Als ich sie in einem Holocaust-Onlinearchiv entdeckte, wurde die Vergangenheit plötzlich sehr real. Ich starrte auf ihre Namen in einer Liste nomadisch lebender Roma, die aufgegriffen und deportiert worden waren – meine Großtante nichts als ein Name in einer Akte –, und der Schrecken durchfuhr mich. Ich wünschte mir, ich hätte sie gekannt, mehr über ihr Leben erfahren. Doch im selben Moment begriff ich etwas, über das ich bis dahin nicht einmal nachgedacht hatte: Meine Großtante und andere Familienangehörige waren noch Nomad:innen gewesen. Schlagartig wurde die Geschichte der Roma lebendig, und sie betraf mich. All das war noch nicht lange her, und wären die Dinge anders verlaufen – wären die Roma im Zweiten Weltkrieg nicht rassistisch verfolgt worden, hätte das kommunistische Regime die umherziehenden Roma nach dem Krieg nicht gezwungen, sich niederzulassen –, hätte möglicherweise auch ich nomadisch gelebt. Das fühlte sich zugleich nah und doch abseitig an.

Der Verlust des Nomadentums in Rumänien veränderte die Roma-Communitys und ihre Identität grundlegend. Statt in ihren vardos zu reisen, bezogen sie Häuser, von denen manche aufwendig gestalteten Palästen glichen. Hatten sie zu Zeiten des Reisens noch an ihren von Pferden und Kutschen umringten Lagerplätzen gesungen und getanzt, feierten sie ihre Feste jetzt an langen, drückend heißen Tagen in den Hinterhöfen von Mietwohnblöcken. Das Erstaunlichste daran ist, wie rasch wir unsere Vergangenheit vergessen haben. Trotz der Geschichten vom Reisen, die ich als Mädchen hörte, verband ich die Gegenwart nie mit einer verlorenen Vergangenheit. Ich dachte nie darüber nach, wie die heutigen Roma-Communitys von der Geschichte geprägt worden waren oder welche Überschneidungen es zwischen unserer und der Geschichte jener Gruppen geben mochte, die nach wie vor nomadisch lebten. Natürlich gab es in den 1990er-Jahren so viel anderes, womit sich Roma wie Nicht-Roma auseinanderzusetzen hatten. Nach der blutigen Revolution von 1989 war die wirtschaftliche Belastung groß, wobei insbesondere die Roma-Communitys von Armut und Krankheit betroffen waren. Manche übten weiterhin ihr traditionelles Handwerk aus, andere verlegten sich aufs Betteln; wieder andere schienen einfach weiterzumachen wie eh und je. In den Familien und Communitys verkümmerte allmählich die Erinnerung an das nomadische Leben, und niemand sprach mehr darüber, vor allem nicht die Kinder und Jugendlichen.

Aber als ich die Kultur und die Geschichte der Roma als Erwachsene für mich entdeckte und sie zu würdigen begann, begriff ich, dass eine Ahnung von der umherziehenden Lebensweise meiner Vorfahren in mir fortgelebt haben könnte. Offenbar liegt sie mir im Blut und prägt meine Sicht auf die Welt. So ist mir aufgefallen, dass mein Gedächtnis merkwürdig ortsgebunden ist: Ich erinnere mich weniger daran, wann etwas geschehen ist, sondern vielmehr, wo es stattgefunden hat. Die Zeit verschwimmt mir oft, Orte dagegen bleiben mir immer scharf umrissen und lebendig im Gedächtnis, als wären meine Erinnerungen ein Eisenbahnwaggon, der durch die Orte rast, die ich besucht habe oder durch die ich gereist bin. Orte, die mich positiv geprägt, andere, die mich traumatisiert haben. Dieses reisende Gedächtnis spiegelt für mich die Erfahrung der Roma wider: wie wir, indem wir von einem Ort zum anderen gezogen sind, von diesen Orten verändert wurden; aber auch, wie wir marginalisiert, stigmatisiert und von unseren Lagerplätzen vertrieben wurden, seit wir die Heimat unserer Vorfahren verließen.

Wir haben Indien vermutlich vor rund 1500 Jahren verlassen. Die Verwendung von »wir« suggeriert hier Vertrautheit und Nähe, als wäre es gestern erst geschehen; und tatsächlich fühle ich mich meinen Vorfahren auf eigentümliche Weise verbunden, gleich wie viele Jahre zwischen uns liegen. Die Legenden der Roma liefern verschiedene Ansätze für unsere Herkunft: Einige besagen, die Roma seien aus Ägypten gekommen, andere, sie seien die verlorenen Stämme Israels. Ich schenkte diesen Behauptungen keine große Aufmerksamkeit, bis mein Großvater mir eines Tages erzählte, dass die Roma in Wahrheit aus Indien gekommen seien. Damals forschte ich nicht weiter nach, doch als Erwachsene erschien mir diese Verbindung immer logischer, und ich begann mich zu fragen, warum die Roma Indien verlassen haben könnten. Vielleicht dachten sie angesichts der andauernden Verfolgung ihres Volkes, es würde ihnen anderswo besser ergehen. Nun wollte ich auch wissen, was nach der Auswanderung aus Indien geschehen war und wie es sie an so viele verschiedene Orte verschlagen hatte. Aber vor allem wollte ich wissen, wie ich mich selbst in diese Geschichte einfügen konnte.

Für viele von uns sind unsere Vergangenheit und unsere Geschichten über Zeit und Ort hinweg miteinander verbunden. Die Roma sind heterogen, es gibt viele Untergruppen – innerhalb der natsia (Nationen) gibt es die vitsas oder vitsi (Familienverbände) –, wovon eine jede ihre eigenen Bräuche und Traditionen hat. Da sind die Romanichal in Großbritannien und anderen englischsprachigen Ländern wie Australien und Kanada; ihre Sprache, das Anglo-Romani, vermischt Elemente beider Kulturen. Da sind die Sinti in Mitteleuropa, zumal im deutschsprachigen Raum, und die Calé auf der Iberischen Halbinsel. Dann gibt es noch meine eigene vitsa, die zur Gruppe der weit über den Balkan verstreuten Kalderasch gehört. Roma werden häufig als eine ethnische Minderheit beschrieben, doch viele Roma-Communitys verstehen »Roma« als breit gefächerte Identität, die bis zu unseren indischen Vorfahren zurückreicht. Ja, wer die Roma als eine einzige Ethnie sieht, blendet das regelrechte Mosaik der Roma-Untergruppen aus. Ein Faden verbindet uns alle miteinander, den ich mir als eine Kette von über die ganze Erde verstreuten Lichtern vorstelle, und jedes dieser Lichter erstrahlt in seiner ganz eigenen Schönheit.

Nicht alle Untergruppen der Roma verwenden dieselben Begriffe zur Selbstbezeichnung, und die Sprache, Romani oder Romanes, weist zahlreiche Dialekte auf. Doch trotz der Verstreuung und Heterogenität bleiben unsere Vergangenheiten unauflösbar miteinander verwoben. Die gesamte Geschichte unserer Erfahrungen, Kultur und Traditionen hat die heutige Identität der Roma geprägt. Sie hat aber auch eine dunkle Seite: Seit Jahrhunderten erfahren wir als Individuen und als Gemeinschaft Hass und Verfolgung.

Ein bedeutender Aspekt von Marginalisierung und Verfolgung ist die kontinuierliche Auslöschung der Geschichte der Roma. Obwohl sie schon so lange in Europa leben, herrscht kaum Kenntnis über ihre Vergangenheit. Man weiß wenig über ihre Versklavung, über die wiederkehrenden Versuche, ihre Kultur zu zerstören, und über den Porajmos bzw. Samudaripen, wie der Holocaust an den Sinti und Roma genannt wird. Die Roma und ihre Geschichte werden kontinuierlich übersehen und vergessen. Dieses Schweigen ist Teil des Rassismus, den wir erfahren, und hat reale Auswirkungen auf unser Leben. Es hat zur Folge, dass viele junge Roma heute keine Verbindung mehr zu ihrer Kultur und ihrer Geschichte haben. Mit der eigenen Identität und Kultur nicht mehr im Einklang zu sein, macht aber wehrlos gegenüber Rassismus – eine lähmende Erfahrung, die ich selbst mehrfach machen musste, vor allem als ich als junge Erwachsene nach Großbritannien kam. Damals hatte ich keine klare Vorstellung von meiner Identität, war verunsichert und fürchtete mich davor, Roma zu sein. Einmal fragte mich eine Sitznachbarin auf einem Flug nach London: »Was sind Sie?« Der entmenschlichende Tonfall, mit dem sie mich auf ein plattes »Was« reduzierte, riss mich aus meinem Tagtraum. Seither denke ich oft an diese Frage. Sie ist nicht nur deshalb so markant, weil ich sie über die Jahre wieder und wieder gehört habe, sondern auch, weil sie exemplarisch zeigt, was viele rassifizierte Menschen erfahren: Sie war aufdringlich und scharf.

Ich bemerkte schnell, dass ich in Großbritannien viel uneindeutiger wahrgenommen wurde als in Osteuropa, wo es weniger Einwanderung gibt. Die Roma sind dort sehr sichtbar, weshalb man von allen Menschen mit etwas dunklerer Hautfarbe vermutet, sie seien Roma, häufig zu Unrecht. In Bukarest bekam ich einmal mit, wie aus Asien stammende Brit:innen für Roma gehalten und rassistisch beleidigt wurden. Den Zorn, den sie auf sich zogen, müssen meine Leute Tag für Tag ertragen. Die Diversität in Großbritannien hatte zur Folge, dass ich mich leichter einfügen konnte und nicht sofort als Roma abgestempelt wurde. Aber sie hat es auch leichter gemacht, meine Wurzeln zu vergessen.

In der Politik und öffentlichen Wahrnehmung Großbritanniens wurden die Roma mit umherziehenden »Travellers« gleichgesetzt. Es herrschte kaum Bewusstsein dafür, dass wir indische Wurzeln haben, dass es eine mit dem Hindi verwandte Sprache der Roma gibt und dass in Ost- und Mitteleuropa viele von uns leben. Wenn ich mich als Romni zu erkennen gab, fragte man mich häufig, ob ich in einem Wohnwagen aufgewachsen sei. Es schien unbegreiflich, dass manche Communitys in Rumänien seit Jahrhunderten sesshaft sind. Kaum jemand verstand etwas von der reichen Vielschichtigkeit der Geschichte und des Lebens der Roma. Mit wem ich mich auch unterhielt, alle hatten sie fixe Vorstellungen davon, was ein Rom oder ein »Gypsy« sei. Dabei gibt es so viele Arten und Weisen, Roma zu sein. Auf den britischen Inseln haben sich viele Roma-Communitys mit Irischen Travellers und der Bevölkerung vor Ort vermischt, in Mittel- und Osteuropa hingegen werden die Roma oft als »sichtbare Minderheit« bezeichnet. Dennoch werden die britischen Roma und die Roma aus Mittel- und Osteuropa im Vereinigten Königreich allesamt auf eine einzige Einheit, eine homogene und letztlich leere Vorstellung von »Gypsys« reduziert. Als osteuropäische Romni in Großbritannien war es für mich nicht leicht herauszufinden, wo ich hingehörte, und ich wollte auch nicht, dass mich die Verwirrung auf Schritt und Tritt verfolgte. Ich wollte mich sicher fühlen und in meiner Roma-Identität sichtbar sein; und ich wollte meine Kultur feiern.

Über all diese Zeit hat mir die Liebe zum Lesen und Geschichtenerzählen Kraft gegeben. Als Anglistikstudentin beschäftigte mich die Frage, wie das Tragische und das Monströse uns dabei helfen können, etwas über uns selbst als Menschen zu verstehen. Ich beschloss, sie zu vertiefen und in Englischer Literatur zu promovieren. Im ersten Jahr an der Universität von York wohnte ich in einem Studierendenwohnheim. Da ich mit meiner Motivation zu kämpfen hatte und mich oft einsam fühlte, fing ich mit dem Langstreckenlaufen an, um Disziplin in mein Leben zu bringen und meinen Kopf frei zu bekommen.

Beim Laufen hielt ich nur ungern an. Ich mied die Zebrastreifen und Gehwege der Innenstadt und lief stattdessen durch die endlosen, ins Nirgendwo zu führen scheinenden Straßen der ländlichen Umgebung der Stadt. Eines kühlen Herbstmorgens machte ich mich auf einen frühen, langen Lauf. Nach einer Weile entdeckte ich Wohnwagen auf einem Feld und blieb wie angewurzelt stehen. Travellers hatten ihr Lager aufgeschlagen. Auch wenn sie nur wenige Meter entfernt waren, fühlte ich mich sehr weit weg von ihnen. Ich dachte daran, dass auch manche Roma-Communitys in Rumänien noch vor wenigen Generationen nomadisch gelebt hatten, diese Lebensweise heute aber unwiderruflich verloren ist. Reglos stand ich da, mit Gänsehaut an Armen und Beinen, und in der eiskalten Luft war mein Atem zu sehen. Ich war perplex. Natürlich hatte ich schon einmal Wohnwagen gesehen, aber erst als ich sie so aufgereiht auf dem Feld stehen sah und die Kinder mit einem kleinen Hund spielen hörte, begriff ich, dass die Tradition des Umherziehens hier immer noch gepflegt wurde. Die Erkenntnis, dass ich das selbst nie erleben würde, ging mir an diesem Morgen durch Mark und Bein.

Ich weiß nicht genau, wie man etwas betrauert, das man nie gehabt hat, aber in jenem Moment trauerte ich um die Geschichte, die man mir weggenommen hatte. Ich verspürte eine sonderbare Zugehörigkeit zu der Vergangenheit, von der ich abgeschnitten war, und eine Art Stolz auf die Geschichte, die sich nicht recht nach meiner eigenen anfühlte. Außerdem machte mich der Gedanke wütend, dass Jahrhunderte der Verfolgung die Roma in ganz Europa dazu gezwungen hatten, ihr traditionelles Leben aufzugeben, und dass das kürzlich verabschiedete Polizeigesetz genau dies für die Roma im Vereinigten Königreich vorsah.

Die Roma nehmen in der kollektiven Vorstellung Europas einen beinahe mythischen Raum ein – irgendwo zwischen »Faszination und Verachtung«, wie es Klaus-Michael Bogdal in seiner wegweisenden Untersuchung formuliert hat. Heute ruft das Wort »Roma« bei vielen Menschen Bilder von umherziehenden Freigeistern hervor, kreativen und sorglosen Leuten, deren Leben sich unterwegs abspielt, die sich gesellschaftlichen Normen verweigern und stattdessen ihrer persönlichen Freiheit nachgehen. Was sie dabei gern unbeachtet lassen, ist die lange, schwierige Geschichte von Schikane, Vertreibung, Deportation, Dämonisierung, Versklavung und Mord. Sie stellen sich das Reisen vor, aber nicht die Not; sie übernehmen die Mode, kennen aber kaum die Tradition und ersetzen so echten Schmerz durch schönen Schein. Die tatsächliche Geschichte und die gegenwärtigen Herausforderungen der Roma bleiben dabei weitgehend im Dunkeln und missverstanden.

Es gibt keinen schriftlichen Bericht über unsere Migration aus dem Gebiet des heutigen Rajasthan in Indien Richtung Westen, und sie lässt sich auch nicht genau datieren, aber viele Historiker:innen sind sich einig, dass sie wohl im Verlauf des sechsten und siebten Jahrhunderts erfolgte. Andere gehen davon aus, dass wir erst im elften Jahrhundert infolge der Invasion Nordindiens durch Sultan Mahmud von Ghazni ausgewandert sind. Einige Studien haben darauf hingewiesen, dass die Roma von den Dalits, den »Unberührbaren«, abstammen könnten, weshalb es die Theorie gibt, sie hätten Indien verlassen, um sich vom hinduistischen Kastensystem zu befreien. Aus welchen Gründen auch immer wir ursprünglich aufgebrochen sind, ist jedenfalls im Nebel der Zeit verloren gegangen. Die Folge ist, dass unsere Identität unterwegs entstanden ist.

Der persische Dichter Ferdousi erwähnt in seinem im Jahr 1010 fertiggestellten Epos Schahnameh – »Buch der Könige« – in der Legende von Bahram Gor ein Volk von Musiker:innen aus Indien, das an den Hof des persischen Königs gelangt. Als Bahram Gor zu Ohren kommt, dass die Armen seines Landes, weil sie sich keine Musik leisten können, ihren Wein in Stille trinken müssen, beschließt er, diese Ungerechtigkeit zu beheben. Er setzt den König von Indien davon in Kenntnis, welcher ihm daraufhin 10 000 Musiker:innen schickt, um die Armen zu unterhalten. Der persische König gibt ihnen je einen Ochsen, einen Esel und etwas Saatkorn, in der Hoffnung, sie würden die Geschenke dazu verwenden, Bauern zu werden, die Menschen aber weiterhin mit ihrer Lautenmusik unterhalten. Doch stattdessen essen sie die Ochsen und den Weizen auf. Darüber ist der König so erzürnt, dass er ihnen befiehlt, Instrumente und Habseligkeiten auf ihre Esel zu laden und durch die Welt zu streifen. Zu einem Leben ewigen Herumwanderns verdammt, sollen sie für immer Nomad:innen sein.

Lange Zeit wurde diese Legende mit den Roma in Verbindung gebracht, und tatsächlich haben Historiker:innen Berichte von einer Migration etwa um die Zeit, als das Epos entstand, aus dem nördlichen Indien nach Persien gefunden. Zwar bleibt die Rekonstruktion der frühen Geschichte der Roma aus solchen historischen und literarischen Bruchstücken spekulativ, aber all die Theorien weisen darauf hin, dass sich die nomadische Lebensweise aus einer Notwendigkeit heraus entwickelte. Diese Alternativlosigkeit wird von Menschen, die die Lebensweise der Roma verklären, häufig bequemerweise vergessen, genauso wie die Vorurteile und die Verfolgung, denen sie bei ihrer Ankunft in Europa ausgesetzt waren. Manche bezeichnen die Roma als frühe Hippies, andere sprechen über uns, als beschrieben sie Elfen oder sonstige Mythenwesen. Im Film und in der Literatur wird zur Darstellung des Roma-Lebens gern auf eine solche Aura des Geheimnisvollen gesetzt, nicht zuletzt mit mystischen Praktiken wie Handlesen und Tarotlegen. Wir alle haben Fernseh- und Kinofilme gesehen, in denen eine Roma-Frau (mit Sicherheit von einer Nicht-Roma-Schauspielerin verkörpert) weise in eine Kristallkugel starrt oder einen Fluch ausstößt. Kürzlich habe ich in einer Unterhaltung auf Social Media zu erklären versucht, wie derlei Stereotype dazu führen, dass Menschen misshandelt oder sogar umgebracht werden – so wie es Stanislav Tomáš widerfahren ist, einem tschechischen Rom, der 2021 in Teplice starb, als ein Polizist auf seinem Nacken kniete; ein Fall, der der Ermordung George Floyds in den USA erschütternd ähnlich ist. In ihrem Antwortpost warf mir eine Frau, die sich einen Wohnwagen in den Garten gestellt hatte und stolz von ihrer Sammlung an »Gypsy-Röcken« sprach, vor, ich würde ihr lang gehegtes Bild von den Roma als »wildes Volk« ruinieren – mit Geschichten von Rassismus und Verfolgung aus dem echten Leben, wohlgemerkt.

Es ist bedauerlich, dass selbst in der Antirassismus-Debatte die Roma meist vergessen werden oder außen vor bleiben. So wurden Roma von Stipendien und Preisen ausgeschlossen, die zur Unterstützung von People of Colour gedacht waren, weil sie schlicht für »weiße Travellers« gehalten wurden und weil die Regierungspolitik sich mit ihrer Identität und den Begrifflichkeiten bisher nicht auseinandergesetzt hat. Etliche ähnliche Fälle offenbaren die völlige Unkenntnis davon, wer wir sind, von unserer Herkunft und unseren Herausforderungen im täglichen Leben. Ob in Disneys Version von Victor Hugos Esmeralda im Glöckner von Notre-Dame oder durch die weißen Frauen, die sich an Halloween als »Gypsys« verkleiden: Überall werden unsere Identität und Kultur mystifiziert und falsch dargestellt. In meiner Kindheit und Jugend sehnte ich mich nach vielschichtigen, wirklichkeitsnahen Roma-Charakteren in Büchern, Filmen und Spielen, nach Charakteren, die sich jemand als vollständige menschliche Wesen ausgedacht hatte, denn ich hatte keinerlei Vorbilder, die aussahen wie ich. Ohne eine angemessene Darstellung der Roma werden sich die Trugbilder und Verfälschungen weiter vermehren, werden uns unsere eigenen Stimmen vorenthalten und wir als Einzelne und als Gemeinschaft der Stereotypisierung ausgesetzt. Aber wie können wir Mut und Mittel dazu finden, laut zu werden und unsere eigene Geschichte zu erzählen?

Dieses Buch folgt dem Weg, auf dem ich meine eigene Stimme fand. Es feiert die Roma-Identität, indem es unsere bewegte Geschichte des Reisens nachzeichnet, und zeigt, wie wir trotz all der Anfeindungen unsere eigene Art zu leben verfolgt haben und nach wie vor verfolgen. Mit den Geschichten von bemerkenswerten Roma-Persönlichkeiten, deren Erfahrungen ich mit meiner eigenen verknüpfe, möchte ich untersuchen, wie wir überlebt haben. Ich möchte Klischees überwinden und ohne Zynismus und Sentimentalität unsere Historie entwirren. Dabei stelle ich mir unsere Leben als Fäden eines großen Bildteppichs vor, an dem bis heute gewoben wird. Entlang meines eigenen Fadens finde ich meine Verbindungen zu anderen Roma und entdecke, wo und wie die unterschiedlichen Traditionen und Leben zusammen- und auseinanderlaufen. Das Buch behandelt meine eigenen Reisen und skizziert zugleich die Geschichte unserer Migration entlang der Lagerplätze. Es ist eine Reise vom Vereinigten Königreich in meine Heimat Rumänien, weiter nach Bulgarien, Ungarn und Österreich, Deutschland, Frankreich, Spanien, in die USA und nach Schweden; ich hoffe, dass wir auf diesem gemeinsamen Weg durch Europa und darüber hinaus auch der historischen Reise der Roma folgen.

Häufig denke ich an meinen morgendlichen Lauf am Stadtrand von York zurück, als ich anhielt, um die Kinder dabei zu beobachten, wie sie ihren Hund durch das Lager jagten. Während die Sonne über den Wohnwagen aufging, versuchte ich, mich aufzuwärmen, indem ich auf der Stelle joggte. Werden diese Kinder eines Tages über ihre Verbindung zu unseren Vorfahren nachdenken, jenen Roma, die zwangsangesiedelt oder deportiert wurden, deren Lager von den Behörden dem Erdboden gleichgemacht wurden? Machen sie sich angesichts der zunehmend ablehnenden Haltung der britischen Regierung gegenüber ihrer Lebensweise Sorgen über ihre Zukunft? Vielleicht werden sie dieses Buch eines Tages brauchen, so wie ich es bei meiner Ankunft in diesem Land gebraucht hätte, verwirrt wie ich war darüber, wer ich bin und was ich hier eigentlich sollte.

Ich hoffe, dieses Buch spricht auch solche Roma an, die in sesshaften Communitys aufgewachsen sind und sich möglicherweise nicht mit unserer Geschichte im Einklang fühlen, die in Armut und prekäre Lebensbedingungen gedrängt wurden und ohne gesellschaftspolitischen Schutz dastehen. Es soll Mut zum Widerstand machen und zugleich ein Bewusstsein für unsere Herkunft schaffen. Die Beschäftigung mit unserer Vergangenheit und damit, wie sie in die Gegenwart fortwirkt, war unerlässlich, um meine eigene Stimme zu finden, denn in Großbritannien und Europa herrscht nach wie vor Schweigen über die Geschichte der Roma und es kursieren eine Menge Fehlinformationen. Ich möchte dieses Schweigen brechen und hoffe, auch andere dabei zu unterstützen.

Dieses Buch macht die Kultur der Roma für alle erfahrbar, indem es historische Quellen mit den Formen der Überlieferung unserer Traditionen verknüpft – mit den Geschichten, die wir erzählen, den Sagen, mit denen wir aufwachsen, unserer Lebensart. Eine Geschichte der Roma kann nicht allein aus schriftlichen Überlieferungen zusammengetragen werden, die zwar vermitteln mögen, wohin die Roma gegangen sind und wann, aber kaum etwas darüber erzählen, wie ihr Leben ausgesehen hat. Sie zeichnen nicht die lebendigen Bilder, die für ein umfassenderes Verständnis der Roma-Kultur nötig sind. Wir müssen auch bedenken, dass diese Kultur eine mündliche ist. Deshalb ist der Klang unserer Stimmen so wichtig, denn er ersetzt das geschriebene durch das gesprochene Wort und erzählt so die Geschichte der Roma in ihrer eigenen Tonalität. Meist nehmen wir die geschriebene Geschichte als gegeben hin und vergessen dabei, auch wenn das ein Gemeinplatz ist, dass sie von den Gewinner:innen geschrieben wird und durchweg eine Frage der Interpretation ist. Die schriftlichen Dokumente eines Großteils der Geschichte der Roma sind aus weißer – überwiegend ablehnender – Perspektive verfasst, aber wir müssen sie nicht auf diese Weise lesen; wir können sie aus einem anderen Blickwinkel betrachten, dem Blickwinkel der Roma, den ich diesem Buch verleihe.

1»Die lange umhergezogen sind«Die Kunst der Reise

Großbritannien

An einem Samstagmorgen mitten im Sommer ist die Londoner Innenstadt gespenstisch still. Ohne die eilig vorbeihastenden Büroangestellten wirkt sie verlassen, das Klackern der Lackschuhe auf dem Gehweg ungewohnt gedämpft. Touristen schlendern an Geschäften mit heruntergelassenen Läden entlang. Ich bin soeben mit dem unmenschlich frühen Zug aus Manchester angekommen, wo ich nach meiner Promotion einige Jahre lang gelebt habe, und die Stille, die mich beim Aussteigen umgibt, ist beinahe unheimlich.

Anfangs, als ich nach Großbritannien zog, lebte ich in Oxford. Der von Pappeln gesäumte Castle Mill Stream, ein kleiner Nebenarm der Themse, floss trüb und gemächlich unter meinem Fenster dahin, und in der Ferne konnte ich die idyllischen grünen Kuhweiden von Port Meadow sehen. Doch wie immer zog es mich in die Großstadt. Zwar genoss ich die Schönheit dieses malerischen Fleckchens Erde, der den Seiten von Der Wind in den Weiden hätte entnommen sein können, aber eigentlich sehnte ich mich nach dem Dickens’schen Rauch, dem Getümmel und der angenehm kalten Gleichgültigkeit Londons. Eine Stadt definiert sich für mich nicht über den Raum, sondern über die Bewegung, meine und die anderer Menschen: unsere Schritte und Geschichten, die sich überschneiden, während wir denselben Ort durchqueren. Ich lasse mich davon gerne mitreißen, denn es fühlt sich an, als befände ich mich im Zentrum der Menschheit, mittendrin im Wirbelwind des Lebens.

An diesem Morgen aber ist es noch früh, und die Stadt ist merkwürdig, ja erdrückend still. Ich fühle mich einsam und auf eine Art ausgesetzt. Auf dem Weg zum Hotel die Fleet Street hinunter komme ich an einer Roma-Frau vorbei, die Blumen verkauft. Unsere Blicke treffen sich kurz, aber ich gehe weiter, ohne stehen zu bleiben. Es leben viele von uns in London, und noch viele mehr im gesamten Vereinigten Königreich: geschätzte 200 000 Roma, darunter die englischen Romanichal, walisischen Kaale und schottischen Roma sowie eine bedeutende Anzahl von in den letzten Jahrzehnten aus Mittel- und Osteuropa zugewanderten Roma.

Je näher ich dem Hotel komme, umso unwohler wird mir, weil ich möglicherweise an der Rezeption den Ausweis vorzeigen muss. Meine Nervosität ist eine instinktive Reaktion, bedingt durch das Misstrauen, die Feindseligkeit und gelegentlich unverhohlene Aggressivität, denen ich begegne, wenn Menschen erfahren, dass ich in Rumänien geboren bin. Seit meiner Promotion setze ich deshalb bei Hotelbuchungen ein »Dr.« vor meinen Namen wie einen Anstecker, der mich seriös erscheinen lässt und den Leuten versichert, dass ich keine Diebin, Betrügerin, Menschenhändlerin oder gar selbst eine Verschleppte bin. Oft genug hat es nicht gewirkt. »Wo haben Sie denn Ihren Dr. gestohlen?«, wurde ich einmal sarkastisch gefragt.

Und tatsächlich bohrt die Empfangsmitarbeiterin ungläubig nach, als ich einchecke.

»Sie sind Ärztin?«, fragt sie misstrauisch, mit nachdrücklicher Betonung auf dem »Sie«.

»Nein, keine Ärztin.« Ich lächle gequält. »Ich habe vor Kurzem promoviert …«

Ich kann meinen Satz nicht beenden, barsch und schneidend fällt sie mir ins Wort:

»Ach, wirklich?«

Ich nicke und zeige dezent auf meine Tagungsunterlagen: Ich bin für eine Universitätsveranstaltung hier. Der Wortwechsel ist zwar unangenehm, aber lange nicht so schlimm wie die Frage »Warum sind Sie hier?« oder die Mitteilung »Ich fürchte, das Zimmer muss vorab bezahlt werden, nur zur Sicherheit«; Äußerungen, die ich mir mehrfach in britischen Hotels anhören musste.