Die Schmugglerin des Lichts - Esther Chang - E-Book

Die Schmugglerin des Lichts E-Book

Esther Chang

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Beschreibung

Nordkorea: das verschlossenste Land der Welt. Die brutale Verfolgung der Gegner des Regimes nimmt immer härtere Züge an. Christen gelten als Staatsfeinde Nr. 1. Und doch gibt es hier heute mindestens 70.000 Christen in Nordkorea. So schätzen Hilfsorganisationen. Das liegt auch an mutigen Christen wie Esther Chang. Die Tochter einer chinesischen Arztfamilie (geboren 1967) beherrscht beide Sprachen: Chinesisch und Koreanisch, da ihre Familie koreanischer Abstammung ist. Nachdem Esther jahrelang täglich ihr Leben riskierte, um nordkoreanische Flüchtlinge zu Hause in China zu verstecken, zu versorgen und ihnen von Jesus Christus zu erzählen, öffnet Gott Türen nach Nordkorea: Als Bevollmächtigte verschiedener chinesischer Firmen bewegt sich Esther legal im Land. Bei ihren Reisen verteilt sie Hilfsgüter und Geld. Vor allem begegnet sie vielen hoffnungslosen Menschen mit Liebe und Anteilnahme. Wenn es sein muss, kann sie vor Behördenvertretern sehr tough auftreten. Fassungslos erlebt sie, wie abgestumpft viele Nordkoreaner durch die Not sind. Wenn jemand auf der Straße vor Hunger stirbt, kümmert das häufig niemanden. Esther erlebt viele Bekehrungen und Gebetsheilungen. Durch sie entstehen 25 christliche Hausgemeinden. Dann werden Christen verhaftet. Unter Folter verraten sie etwas. Jetzt ist die Geheimpolizei Esther auf der Spur. Sie wird ebenfalls verhaftet und gefoltert. Durch eine Fügung Gottes kommt sie frei und kehrt nach Hause zurück. Dort nimmt sie die Arbeit unter Flüchtlingen sofort wieder auf. Bis zur Verhaftung 2007, diesmal in China. Fünf Wochen muss sie in einem der berüchtigten chinesischen Geheimgefängnisse Folter und Hunger ertragen. Heute lebt sie mit ihrer Familie im Ausland, da ihr Leben in China zu sehr gefährdet ist. Eine sehr spannende, authentische Geschichte.

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ESTHER CHANGmit Eugene Bach

Die Schmugglerin des Lichts

Strahlen der Hoffnungim finstersten Land der Welt

Die englischsprachige Originalausgabe erschien unter dem Titel:

“Smuggling Light: One Woman’s Victoryover Persecution, Torture and Imprisonment”bei Whitaker House, 1030 Hunt Valley Circle,New Kensington, PA 15068, USA. www.whitakerhouse.comAlle Rechte vorbehalten.© 2016 Esther Chang mit Eugene Bach

Aus dem Englischen von Renate Hübsch

Namen, Orte und Daten wurden geändert,um die betreffenden Personen zu schützen,soweit sie in China und Nordkorea leben.

Bibelzitate folgen im Allgemeinendem Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen.Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung.Alle Rechte vorbehalten.

Das Zitat S. 12 Jesaja 43,1 aus: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Die Verwendung des Textes erfolgt mit Genehmigung der Deutschen Bibelgesellschaft.

© der deutschen Ausgabe Brunnen Verlag Gießen 2018

Umschlagfoto: Palidachan/Shutterstock.com

Umschlaggestaltung: Jonathan Maul

Satz: DTP Brunnen

ISBN Buch 978-3-7655-4328-9

ISBN E-Book 978-3-7655-7504-4

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

Vor etwa zehn Jahren

1Zwischen zwei Welten

2Kindheit mit Großvater

3Schulalltag

4Eine Chance zum Neuanfang

5Esthers neues Leben

6Abstand finden

7Zurück nach Hause

8Auf der Flucht wie Jona

9Der Einsatz beginnt

10Eine Reise, die das Leben veränderte

11Ein hoher Preis

12Neue Reise nach Nordkorea

13Aufstand gegen die falschen Götter

14Das großzügige Evangelium in einem abgeschotteten Land

15Papiertiger

16Segen auf den zweiten Blick

17Neue Bewährungsproben

18Nummer 27

19Wunder hinter Gittern

Nachwort

Vor etwa zehn Jahren

An der Grenze zwischen Nordkorea und China

„Hallo?“ Esthers Stimme am Telefon klang unsicher. Sie hatte die Nummer erkannt, aber trotzdem konnte sie nie wissen, wer am anderen Ende der Leitung war. Sie gab sich immer ein wenig verwirrt, bis sie sicher war, dass der Anruf nicht von der Polizei kam.

„Esther“, sagte eine verzweifelte Stimme. „Ich brauche Hilfe. Ich bin angeschossen.“

Dann war die Leitung tot.

Esther erkannte die Stimme sofort. Es war Peter. Sie hatte den Mann aus Nordkorea seit über zwei Jahren im Glauben begleitet. Esther presste den Hörer noch eine halbe Minute lang ans Ohr für den Fall, dass die Verbindung wiederhergestellt wurde. Aber sie hörte nichts mehr.

Peter war einer von vielen Nordkoreanern, die illegal durch einen der beiden Flüsse Tumen oder Yalu nach China gingen, um Lebensmittel zu kaufen oder Geld zu verdienen, damit ihre Familien etwas zu essen hatten. Die Grenzflüsse sind an beiden Ufern streng bewacht und die Wachen schießen meist sofort, ohne sich erst mit Fragen aufzuhalten.

Um ungesehen über den Fluss zu kommen, lag Peter meist den Tag über so still wie möglich in einem Feld am Fluss. Er bewegte sich nur zentimeterweise vorwärts, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Dunkel der Nacht, wenn man ihn am wenigsten ausmachen konnte, ging es dann rascher durch das Gebüsch bis zum Ufer. Dort angekommen zog er die Kleider aus, glitt in der Dunkelheit langsam in das eisige Wasser und ans andere Ufer, die Kleidung hoch über dem Kopf haltend, damit sie nicht nass wurde. Er wusste: Es war gefährlich. Aber er wusste auch: Wenn er diesen Weg nach China nicht immer wieder auf sich nahm, würden er und seine Familie verhungern.

So oder so riskierte er sein Leben.

In dieser Nacht verlief alles wie geplant. Auf der chinesischen Seite angekommen, wollte Peter den einzigen Menschen anrufen, von dem er wusste, dass er ihm helfen konnte – Esther. Sie war die Erste, die ihm von Jesus erzählt hatte, und durch sie hatte er zum rettenden Glauben gefunden. Über etliche Monate hatte sie ihn bei sich zu Hause unterrichtet. Sie hatte ihm auch Geld, Lebensmittel, Kleidung, Decken, ein Mobiltelefon, Hörbibeln und einen Videorekorder mit dem Jesusfilm gegeben – Dinge, die er in seinem Dorf weiterverteilen sollte. Einmal hatte Esther sogar drei ehemalige amerikanische Soldaten engagiert, um ihn nach Nordkorea zurückzuschmuggeln. Aber als alle Hörbibeln an seine Nachbarn verteilt und Lebensmittel und Geld verbraucht waren, musste Peter wieder über die Grenze nach China.

Er wollte gerade an Land gehen, als eine Wache ihn im Dunkeln anrief. Weil das Wasser die Stimme wie ein Echo zurückwarf, konnte Peter nicht ausmachen, aus welcher Richtung die Rufe kamen. Aber er wusste, dass sie ihn entdeckt hatten. Er bewegte sich rascher durch das eiskalte Wasser in Richtung auf das chinesische Ufer, um im angrenzenden Wald unterzutauchen. Kaum hatte er das vereiste Ufer erklommen, als ein Schuss fiel. Er riss den Kopf herum und sah noch die Zündung in der Gewehrmündung aufblitzen, dann schoss ihm ein scharfer Schmerz durchs Bein. Verwundet, aber am Leben gelang es ihm, den Wald zu erreichen und Esther anzurufen.

Etliche Meilen entfernt machte Esther sich Sorgen. Diese Wendung der Dinge hatte sie nicht vorhersehen können. Sie betete für Peter, während sie sich ihr Schultertuch umlegte und aufbrach, um ihn zu finden.

„Wo gehst du hin, Mama?“, fragte ihr Sohn.

Was sollte Esther sagen? Sie wusste nicht, wo sie nach Peter suchen sollte, wie sie ihn finden konnte oder was sie tun sollte, wenn sie ihn fand. Vor ihrem inneren Auge entstanden klare Bilder: Peter, der irgendwo in einem Feld lag und aus einer Schusswunde blutete. Sie wusste, jetzt brauchte er ihre Hilfe dringender als je zuvor.

„Wo gehst du hin?“, wiederholte ihr Sohn.

„Ich weiß es noch nicht genau. Du bleibst hier bei deiner Großmutter“, sagte sie, trat durch die Haustür nach draußen und wartete auf ein Taxi.

Zu der Zeit, als Esther in ein Taxi stieg, hatten die chinesischen Grenzwachen Peter bereits im Visier.

Von Jahr zu Jahr versuchen mehr Nordkoreaner, über die Grenze nach China zu kommen. Die Grenzposten sind inzwischen sehr erfahren darin, diese „Illegalen“ aufzugreifen, zielsicher wie Jäger durch jahrelange Übung. Die Jagd auf Flüchtlinge gilt bei den chinesischen Truppen geradezu als beste Einführung für Anfänger im Grenzwachdienst. Die Neulinge werden häufig für die längste Schicht in den frühen Morgenstunden eingeteilt. Wenn sie keine Erfolge aufweisen können, sprich, keine Flüchtlinge entdeckt haben, werden sie am Ende der Woche bestraft. Umgekehrt wird derjenige, der die meisten „Illegalen“ festgenommen hat, zum Sieger der Woche erklärt. Damit verbunden ist das Recht, andere Wachen im Dienst zu verhöhnen.

Das Tragische daran ist: Diese Grenzposten machen ja keine Jagd auf Tiere. Sie machen sich einen Spaß daraus, hungernde Menschen zu jagen, Mitmenschen, die niemandem schaden und nichts anderes wollen, als einfach zu überleben. Was die Sache verschlimmert, ist die starke Unterernährung der Flüchtlinge, die sie zu einer leichten Beute macht, sobald sie entdeckt sind – sie haben einfach keine Kraft, rasch zu fliehen.

Das galt auch für Peter. Sie fanden ihn, kurz nachdem er Esther angerufen hatte. Er wurde sofort verhaftet und man zwang ihn, bis zur nächsten Straße zu laufen, obwohl sein Bein schwer verletzt war.

Dort angekommen übernahm ihn ein Polizeibeamter, um ihn in das Hauptgefängnis außerhalb der Stadt Tumen zu bringen. „Habt ihr ihn durchsucht?“, erkundigte sich der Polizist bei der Wache.

„Er ist doch nur Haut und Knochen. Was könnte der schon bei sich tragen?“, gab der Wachtposten scharf zurück und machte damit deutlich, dass er einem Polizisten nicht Rede und Antwort stehen musste.

„Das spielt keine Rolle. Vorschriften müssen befolgt werden. Wer weiß, was diese Hunde alles mitschleppen“, erwiderte der Polizist und begann, Peter zu durchsuchen. In einer Innentasche fand er Peters Mobiltelefon und hielt es ihm vors Gesicht. „Mit wem hast du gesprochen?“

Der Polizist sah sich die Anrufliste an und wählte die letzte Verbindung. Am anderen Ende nahm Esther den Anruf an. „Hallo? Peter? Wo bist du?“

Flüsternd und routiniert antwortete der Polizist: „Bist du es?“ Offensichtlich hatte er solche Anrufe schon öfters getätigt.

„Ja, ich bin’s. Esther. Wo bist du?“ Sie schwieg. Irgendetwas stimmte nicht. Am anderen Ende herrschte lange Schweigen.

„Wo bist du jetzt?“, flüsterte der Polizist.

Esther wurde klar, dass das nicht Peter war. Sie legte auf, aber sie wusste, dass sie sich verraten hatte.

„Sie ist es!“, rief der Polizist.

„Wer?“, wollte der Wachposten wissen.

„Esther. Diese Frau, die wir schon seit Jahren suchen.“

Es stimmte. Esther war gerade erst aus einem chinesischen Gefängnis entlassen worden. Sie war wegen „Menschenhandel“ verurteilt worden. Ein paar Tage zuvor war ihr Name erwähnt worden, als die chinesische Polizei einen nordkoreanischen Attentäter festgenommen hatte. Es hatte sich herausgestellt, dass China nicht das einzige Land war, in dem nach Esther gefahndet wurde.

Die Regierung von Nordkorea versucht schon lange, das „Problem“ der chinesischen Christen zu lösen, die an der Grenze zu Nordkorea leben und Nordkoreanern in ihrer Not helfen. Die nordkoreanischen Flüchtlinge, die in Scharen nach China kommen, um Geld und Lebensmittel zu beschaffen, wissen: Häuser mit einem Kreuz an der Tür bieten ihnen Zuflucht. Seit Jahrzehnten kommen viele Nordkoreaner zum Glauben an Christus, weil chinesische Christen den Mut haben, ihnen ihre Türen zu öffnen.

In den Augen der nordkoreanischen Regierung war Esther eine der Schlimmsten unter diesen chinesischen Gesetzesbrechern. Man hatte sie schon einmal inhaftiert (wie auch die chinesische Seite); die Hinrichtung war bereits geplant. Niemand konnte genau sagen, warum man sie dann doch entlassen hatte. Aber die nordkoreanische Regierung war entschlossen, das nicht noch einmal geschehen zu lassen.

Nordkorea war so weit gegangen, jemanden nach China einzuschleusen, der den Kreis von Christen ausspionieren sollte, die Esther unterstützten. Er sollte ihre Kontakte ausfindig machen und anschließend alle Beteiligten töten, indem er mit einer Giftspritze zustach. Dieser Plan misslang allerdings, weil der Attentäter wegen anderer Vergehen in China verhaftet wurde. Man fand die Liste mit den Namen bei ihm. Er wurde gefoltert, bis er die gewünschten Informationen preisgab, und so fand die chinesische Regierung heraus, dass er den Auftrag gehabt hatte, Esther zu töten. Die chinesische Polizei war aufgebracht, denn es war der Beweis dafür, dass Esther bereits wieder aktiv flüchtende Nordkoreaner unterstützte – oder, in ihrem Jargon, dass sie Menschenhandel betrieb.

Als Esther das Telefongespräch mit dem Polizisten abbrach, wusste sie, dass sie und ihre Familie sich in großer Gefahr befanden. Sie war gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden. Wenn man sie jetzt wieder verhaftete, würde man sie sicher zum Tode verurteilen – oder zu lebenslangem Straflager, was auf dasselbe hinauslief. Sie wusste, sie musste das Handy loswerden, andere Wege finden, um ihre Familie zu benachrichtigen, und fliehen.

Während sie im Taxi weiterfuhr, legte Esther alles in Gottes Hand. In China war sie nun eine gesuchte Kriminelle und für Nordkorea war sie das Ziel eines Anschlagsplans der Regierung.

Dass sie Jesus folgte, hatte sie ins Gefängnis gebracht – in beiden Ländern. Aber Jesus hatte sie auch wieder herausgeführt. Nur Jesus konnte ihr jetzt helfen.

1

Zwischen zwei Welten

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Jesaja 43,1

Einem Besucher, der einen bestimmten Ort auf dem Land im chinesischen Grenzgebiet zu Nordkorea erreicht, würde sofort auffallen, wie anders es hier zugeht als irgendwo sonst in China. Die Bewohner sind vor allem Koreaner, die in China geboren wurden. Alle Schilder und Plakate sind zweisprachig – chinesisch und koreanisch. Die koreanische Kultur prägt das Dorfleben. Taxifahrer und Kellnerinnen sprechen nur Koreanisch – sehr zum Missfallen chinesischer Besucher. In dieser Region kann man tatsächlich leben, ohne sich je mit der chinesischen Sprache zu befassen.

Die koreanischen Chinesen hier sind alle chinesische Staatsbürger. Aber sie unterscheiden sich deutlich von der Mehrheit der Han-Chinesen und sind eine von Chinas zahlreichen ethnischen Minderheiten. Speisen, Sprache, kulturelle Gebräuche und Feste sind in dieser Region eindeutig koreanisch. Aber gleichzeitig sehen sich diese koreanischstämmigen Chinesen als vollwertige Chinesen an. Am dramatischsten hat sich das daran gezeigt, dass viele dieser koreanischen Chinesen im Koreakrieg für China gekämpft und ihr Leben gelassen haben. Ihre Rolle in diesem Krieg hat ihnen großen Respekt der chinesischen wie auch der nordkoreanischen Regierung eingebracht.

In vieler Hinsicht leben die koreanischen Chinesen zwischen den Welten – sie sind weder ganz chinesisch noch ganz koreanisch. Sie bilden eine eigene Kultur, in der sich das chinesische und das koreanische Element verbinden.

Esther Chang

Im Jahr 1967 wird in diesem Dorf ein kleines Mädchen geboren, das Gott einmal in besonderer Weise für seine Sache einsetzen würde. Ihr Name war Esther. Wie wir noch sehen werden, spielt ihre Zugehörigkeit zu dieser eigenen Mischkultur heute eine entscheidende Rolle für die Evangelisierung in Nordkorea.

Wer in den 1960er-Jahren in China geboren wurde, hatte es nicht leicht. Die Kulturrevolution war gerade in vollem Gange. Unter Mao Zedong galt es als Hauptziel der Revolution, alles zu verhindern, was das Land möglicherweise wieder in den Kapitalismus zurücktreiben konnte. Große Propagandakampagnen indoktrinierten die chinesische Jugend, den „vier alten Zöpfen“ den Krieg zu erklären: 1. der alten Kultur, 2. den alten Bräuchen, 3. den alten Gewohnheiten und 4. den alten Ideen.

Mao Zedong war überzeugt, dass die Revolution die Wirtschaft des Landes nicht in Mitleidenschaft ziehen würde, weil er seine Roten Garden anwies, die Arbeiterklasse und die dörfliche Landbevölkerung nicht anzutasten. Er irrte sich. Der enorme soziale Umbruch führte dazu, dass Millionen durch Hunger, Gewalt oder Verrat ums Leben kamen. Die Armut, die Mao selbst verschuldet hatte, plagte die ganze Nation.

Esther war das dritte von vier Kindern; sie hatte einen älteren Bruder und eine ältere Schwester und nach ihr kam noch ein Junge. Die Familie hatte schon seit Generationen christliche Wurzeln. Ihr Großvater war in der Sowjetunion aufgewachsen und kurz vor der chinesischen kommunistischen Revolution nach China eingewandert – gerade noch rechtzeitig, bevor in der UdSSR Koreaner wie er in Züge verfrachtet, quer durch Sibirien transportiert und zwangsweise in Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan angesiedelt wurden. Sein Medizinstudium in der Sowjetunion war im ländlichen China eigentlich hochwillkommen. Aber als Christ traf ihn und seine Familie immer wieder die Verfolgung. Sie bekamen auch den flammenden Hass jener Tage auf die gebildete Bevölkerungsschicht zu spüren.

Zudem machte es die Volkszugehörigkeit ihrem Großvater und seiner Familie nicht leicht. Chinesische Kinder waren nicht sehr freundlich zu koreanischen; sie wurden mit Schimpfworten bedacht und nicht selten mit Steinen beworfen. Esthers Vater erhielt wie die anderen koreanischen Kinder eine Schulausbildung – aber selbst er schaffte es nicht weiter als bis zum Ende der Grundschule. Dann ertrug er die andauernden grausamen Schikanen nicht mehr, der alle Koreaner in der Schule tagtäglich ausgesetzt waren. Die wertvollste Ausbildung, die er erhielt, bekam er nicht durch die Schule, sondern von seinem Vater: Er brachte ihm medizinische Grundkenntnisse bei.

Die Medizin wurde zum Broterwerb der Familie. Esthers Vater, inzwischen erwachsen und Vater von drei Kindern, war der einzige Arzt im Ort. Er hatte keine leichte Aufgabe. Er arbeitete fast für umsonst und hatte kaum irgendwelche Hilfsmittel zur Verfügung. Um seine Familie zu ernähren, musste er eine zweite Beschäftigung annehmen und arbeitete anstrengende Nachtschichten. Er hatte kein medizinisches Umfeld, auf das er zurückgreifen konnte – keine Hebammen, keine professionellen Krankenschwestern, denen er schwer kranke Patienten hätte anvertrauen können.

Die hygienischen Verhältnisse im örtlichen Krankenhaus waren erbärmlich. Es kam vor, dass Patienten gesund kamen und krank wieder gingen. Kleine Schnittwunden entwickelten sich zu ernsthaften Infektionen. Besucher, die Angehörige ins Krankenhaus begleiteten, steckten sich mit Keimen an. Es gab keine Möglichkeit, Räume, Untersuchungsliegen oder medizinische Geräte zu desinfizieren oder zu sterilisieren. Fließendes Wasser oder Elektrizität fehlten ebenfalls. Die Situation war gesundheitsgefährdend.

Aber es gab einfach keine Mittel, um die Lage zu verbessern. Es war verboten, Patienten an den Kosten zu beteiligen, um Medikamente oder Ausstattung zu beschaffen. Die Klinik war völlig abhängig von der Regierung und die stellte keine finanziellen Mittel zur Verfügung. Wenn Kinder starben, dann war die Ursache in diesen Jahren zu 90 Prozent eine Ansteckung mit einer einfachen Krankheit. 1967 lag die allgemeine Lebenserwartung in China bei 57 Jahren.

Durch ein Wunder geheilt

Als Esther drei Monate alt war, steckte sie sich mit Bakterien an, die ihr Vater aus dem Krankenhaus mit nach Hause brachte. Sie erkrankte lebensgefährlich. Ihrem Vater war rasch klar, wie ernst es um seine kleine Tochter stand und dass er sie rasch in ein besseres Krankenhaus bringen musste. Er hätte ein Auto oder einen Krankenwagen gebraucht, um sie in das etliche Kilometer entfernte nächste Krankenhaus zu fahren, aber niemand im Dorf besaß ein Auto oder wusste auch nur, was ein Krankenwagen war. Esthers Vater hatte nur sein Fahrrad. Und er wusste: Ohne entsprechende Behandlung würde sein Kind sterben. Also nahm er die kleine Esther fest in den Arm, schwang sich aufs Fahrrad und fuhr los.

Auf der staubigen Landstraße trat er so kräftig in die Pedale, wie er konnte. Jede Minute zählte, aber mit jedem Kilometer schien er langsamer zu werden. Er war erschöpft, strampelte aber weiter, angetrieben von der Liebe zu seiner Tochter. Er beugte sich fast bis auf den Lenker herunter, um kräftiger treten zu können. Die Zeit lief gegen ihn und er wusste es. Immer, wenn er an Tempo verlor oder ans Aufgeben dachte, pumpte ein Blick auf den Zustand des Kindes ihm neues Adrenalin in die erschöpften Glieder.

Nach Stunden erreichte er schließlich das Krankenhaus. Er ließ das Fahrrad fallen, drückte sein Kind an die Brust und stürmte durch die Tür.

„Meine Tochter! Sie braucht sofort Hilfe! Wo ist der Doktor?“

Die Mitarbeiter, die ihn schreien hörten, sahen sich irritiert an, aber sobald sie das Baby bemerkten, das wie leblos in seinen Armen lag, kamen sie ihm schnell zu Hilfe. Jemand rief nach dem Arzt, der eilig erschien, um zu sehen, was der Aufruhr zu bedeuten hatte.

Das Adrenalin belebte Esthers Vater, während er zusehen musste, wie das Leben langsam aus seiner Tochter wich. Rasch und präzise berichtete er dem Arzt über ihren Zustand. Der Arzt gab den Schwestern unverzüglich seine Anweisungen.

Verzweifelt bemühten sich alle, Esthers Vitalfunktionen zu stabilisieren. Infusionen wurden gelegt. Aber ihr Zustand verschlechterte sich immer mehr. Der Magen war aufgebläht und die Luft konnte nicht entweichen. Dann blieb der Atem stehen. Voller Entsetzen sah ihr Vater zu, wie der kleine, erst drei Monate alte Körper leblos wurde. Hilflos beobachtete er, wie das medizinische Personal alles tat, um das Leben seiner Tochter zu retten. Er wollte helfen, selbst mit anfassen, aber er wusste, dass sein Kind in professionellen Händen war. Er wusste auch, wie erschöpft er selbst war, kurz davor, vor Schwäche und Flüssigkeitsmangel zusammenzuklappen. Und dass er nichts für seine Tochter tun konnte, wenn er jetzt zusammenbrach.

Während er langsam wieder zu Atem kam, sah er sich im Krankenhaus um. Es war kaum besser als sein kleines Dorfkrankenhaus. Ein Gebäude aus Zementblöcken. Die Beleuchtung zu schwach, die Luft so feucht, dass in den Ecken schwarzer Schimmel saß.

An jedem anderen Tag hätte er in diesem Krankenhaus ein wenig Enthusiasmus verspürt. Er hätte sich die Instrumente angesehen, sich nach den Heilverfahren erkundigt, die diese Mediziner mit einer besseren Ausbildung als seiner anwendeten. In jedem Raum hier gab es medizinische Geräte und Ausstattung, die er auch in seinem Dorfkrankenhaus gut hätte gebrauchen können.

Der leitende Arzt untersuchte Esther noch einmal, kam aber zu dem Schluss, dass man nichts mehr für die Kleine tun konnte. Er beobachtete sie intensiv, ob es irgendwelche Anzeichen einer Besserung gab. Schließlich nahm er ihre Hand und fühlte den Puls. Mit einem Kopfschütteln ließ er sie wieder sinken. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens rief er die Schwestern zu sich. Sie besprachen sich kurz, dann trat eine der Schwestern zu dem Kind und entfernte die Infusionsnadel. Eine andere begann, den Untersuchungstisch für den nächsten Patienten vorzubereiten. Esthers Zustand war hoffnungslos.

Ihr Vater, der in einer Ecke des Raums zusammengesunken war, stand plötzlich hoch aufgerichtet da. „Was soll das? Geben Sie auf? Sie wollen nicht versuchen, mein kleines Mädchen zu retten?“

„Sie ist tot. Wir können nichts mehr für sie tun“, erwiderte die Schwester kühl.

„Gehen Sie mir aus dem Weg! Wenn Sie nicht um sie kämpfen wollen, dann tu ich’s“, sagte er bestimmt.

Auf einmal kamen ihm das große Krankenhaus und das besser ausgebildete Personal gar nicht mehr so beeindruckend vor. Systematisch wandte er alle lebensrettenden Maßnahmen an, die er von seinem Vater gelernt hatte. Eins nach dem anderen schöpfte er bei jedem Schritt alle Möglichkeiten aus. Es war fast, als könnte er hören, wie sein Vater ihm Anweisungen gab. Jede Methode, die er kannte, wandte er an, um sein Kind ins Leben zurückzuholen. Das Krankenhauspersonal hatte noch nie erlebt, dass jemand zu ihnen kam und dann die Behandlung selbst in die Hand nahm. Sie schwankten zwischen Bewunderung und Ärger. Als sie näher traten, um Esther vom Untersuchungstisch zu nehmen, trat er ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegen.

„Wenn Sie mir nicht helfen wollen, verlassen Sie den Raum“, befahl er. Die Schwestern wichen zurück und sahen dann zu, wie der verzweifelte Vater versuchte, seine kleine Tochter zu retten. Eine Zeit lang schien sich nichts zu verändern. Aber dann … begann die Kleine wieder zu atmen. Zum übergroßen Erstaunen aller Anwesenden hatte das kleine Mädchen ins Leben zurückgefunden. Es war ein Wunder.

Und wirklich – Gott hatte mit diesem Kind noch viel vor. Dies war nur das erste von vielen weiteren Wundern, die Esthers Familie in den kommenden Jahren noch erleben würde.

2

Kindheit mit Großvater

Esthers Opa war der Patriarch der Familie. Er war ein lebendiger Christ, der das Evangelium in seinem Dorf weitergab. Seine Liebe zu Jesus sollte später großen Einfluss auf Esthers Leben haben. Ihr Großvater verkündete das Evangelium bei seinen ärztlichen Besuchen im Dorf. Zwar hatte man ihm seine Bibel weggenommen und vernichtet, aber das hielt ihn nicht davon ab, das Wort weiterzugeben, das ihm ins Herz geschrieben war. Aus der Erinnerung redete er, wo er ging und stand, von der Güte und Liebe Gottes in Jesus Christus.

Ihr Großvater hatte keinerlei persönlichen Besitz, als die Regierung ihn in ein Dorf im Nordosten Chinas entsandte, wo es weder Elektrizität, Schulen, Krankenhäuser noch Trinkwasser gab. Man sagte ihm, er solle sich um die medizinische Versorgung der Dorfbewohner kümmern. Aber er erhielt keinerlei Mittel oder Ausrüstung, um das zu tun. Es wäre so leicht gewesen, einfach die Achseln zu zucken und aufzugeben!

In jenen dunklen Jahren nahmen sich viele Chinesen das Leben; langsam verglomm die Liebe zum Leben in einem ganzen Volk. Aber Esthers Großvater hatte eine größere Vision. Er lebte nicht so, als gäbe es nur dieses Leben. Er wusste, dass Gott ihn nicht vergessen hatte, dass es ein Leben nach dem Tod gab und dass er seinem himmlischen Vater vertrauen konnte, wenn er auch nicht verstand, was vor sich ging.

Die Liebe Gottes lebte in ihm und weckte in ihm den Wunsch, anderen zu helfen. Kaum angekommen, begann er, einen Brunnen zu graben, damit die Menschen frisches Wasser hatten – eine Grundvoraussetzung, um gesund zu sein. Wer heute dieses Dorf besucht, findet immer noch diesen Brunnen.

Esthers Großvater liebte nicht nur Menschen, sondern auch Pflanzen. Er hatte Freude daran, Saatgut in den Boden zu legen und zuzusehen, wie es aufging und wuchs. Pflanzen brauchen ebenso wie Menschen Aufmerksamkeit und Fürsorge, manchmal in besonderem Maß. Aber Esthers Opa wusste, dass die Pflanzen schließlich alle Mühe zurückzahlten – in Form von Nahrung, Schönheit und sauberer Luft. Im ganzen Dorf pflanzte ihr Großvater Obstbäume. Wenn jemand einen Baum oder eine Pflanze besaß, die dahinkümmerten, half er, bis die Pflanze wieder stark und gesund war.

Er war außerdem ein geschickter Handwerker und brachte alles wieder in Ordnung, was ihm die Dorfbewohner brachten. Im Dorf nannten ihn die Leute bei einem Spitznamen, der etwas Ähnliches bedeutet wie „Jesus Freak“. Obwohl darin das Wort für „verrückt, irre“ steckte, war das nicht abfällig gemeint. Für viele war es fast eine Art Ehrentitel. Esthers Großvater hatte viele Eigenschaften – Talent, Zähigkeit, Intelligenz, Demut –, die ihn wertvoller für das Überleben des Dorfes machten als irgendein kommunistischer Offizieller.

Esthers Großvater war verliebt in Jesus und er gab alles für ihn. Den Spitznamen „Jesus Freak“ trug er wie einen Orden. Es war ihm egal, ob die Leute ihn für verrückt hielten, weil er Jesus folgte. Was ihm nicht egal war, war, ob seine Familie Jesus folgte oder nicht.

Der Großvater mochte den Spitznamen „Jesus Freak“ ja lieben, aber seine Familie hasste ihn. Sie konnten tun, was sie wollten, sie wurden ihn nicht los. Sie waren unumgänglich schuldig in Kollektivhaftung. Auch wenn keiner seiner Angehörigen Christ war, nannte man auch sie die „Jesus Freaks“. Der Großvater hatte sich diesen Titel erworben und die Dorfleute liebten ihn. Aber niemand sonst in der Familie wollte so genannt werden und niemand verdiente es. Die Familie sah keinerlei Ehre darin, als „Jesus Freak“ bezeichnet zu werden; im Gegenteil: Es war für sie der verhasste Ausdruck von Erniedrigung und Scham. Es war eine Waffe, mit der die Menschen im Dorf Esthers Familie zwangen, sich anzupassen, und sie zugleich als „anders“ charakterisierten. Wie eine Peitsche wurde dieser Ausdruck ausgespuckt, wenn es nötig war. „Jesus Freak“ hielt sie alle unter der Knute.

Esther hasste den Ausdruck mehr als die übrige Familie. Wenn jemand ihr das nachrief, kochte sie vor Zorn. Es verwirrte sie, dass ihr Großvater einerseits wie ein König vom ganzen Dorf bewundert, andererseits aber oft wie ein Sklave behandelt wurde. Immer wieder war er Opfer gnadenloser Verfolgung, aber irgendwie behielt er immer den Kopf über Wasser.

Die, die ihm das Leben schwer machten, brauchten meistens irgendwann einmal seine Hilfe. Dann klopften sie bei ihm an, überzeugt, er werde es ihnen jetzt heimzahlen, wie sie ihn behandelt hatten – ihnen in der Krankheit seine Hilfe verweigern oder nicht ihr kaputtes Gerät reparieren oder keinen guten Rat geben, wenn ihre Pflanzen neue Lebensenergie brauchten. Aber das lag ihm völlig fern. Esthers Großvater war entschlossen, das, was er von Jesus Christus und seiner Güte wusste, mit anderen zu teilen. So häufte er oft glühende Kohlen auf das Haupt seiner Feinde, indem er ihnen half und ihnen freundlich begegnete, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, was sie ihm angetan hatten.

Auch seine Familie beobachtete dieses Verhalten mit Verwunderung. Wie konnte einer von ihnen sich so behandeln lassen? Wie konnte er zulassen, dass die Leute seine Frau und seine Kinder ausgrenzten, und ihnen im nächsten Moment seine Hilfe anbieten? Esther verstand ihren Großvater nicht und in ihr wuchs eine heftige Ablehnung gegen die Vorstellung, Jesus zu folgen. In ihren Augen war Jesus daran schuld, dass ihre Familie gedemütigt wurde. Und dann verlangte er von ihr, diesen Menschen, die sie beleidigten, lächelnd zu dienen? Das war hundertmal so erniedrigend wie die Ausgrenzung. Sie verstand diesen Jesus einfach nicht. Und die übrige Familie ebenso wenig.

Und so beschloss Esther bereits als Kind, dass sie nie im Leben Christin werden wollte. Sie weigerte sich, sich als Christin zu betrachten, und versuchte auch, vor sich selbst zu leugnen, dass ihre Familie etwas mit diesem Christus zu tun hatte. Sie wollte Gott vergessen und ebenso jeden Gedanken an ein Leben als Christin.

Aber ihr Großvater gab sie nicht auf. Bis zu seinem letzten Tag redete er mit ihr immer wieder über das Evangelium.

Wieder sehr krank