Beschreibung

Wenn eine Frau eine Fremde zusammenschlägt. Wenn eine Mutter ihr Kind verhungern lässt. Wenn ein Mann zum Brandstifter wird. Jedes Mal, wenn ein Verbrechen geschieht, muss man genau hinsehen, um zu verstehen, sagen Hanna und Nora Ziegert. Denn in jedem Täter steckt ein Mensch mit einer Vergangenheit. Ein Mensch, der einen Weg zum Täter gegangen ist. Begleitet von der Person, die er zuerst geliebt hat: seiner Mutter. In ihren packenden Kurzkrimis erzählen Hanna und Nora Ziegert von realen Verbrechen – und davon, wie es dazu kommen konnte. Sie erzählen von Opfern und von Schicksalen der Täter, die man nicht mehr vergisst.

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EPUB

Seitenzahl: 391


HANNA & NORA

ZIEGERT

DIE SCHULDIGEN

TRUE CRIME – Geschichten über Frauen und Verbrechen

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Zum Schutz der beteiligten Personen sind Namen, Orte, einige Handlungsabläufe und die wörtlich wiedergegebenen Gespräche und Dokumente verändert worden.

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1. Auflage 2017

Copyright © 2017 Penguin Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Umschlagabbildung: © George Allen Penton/www.shutterstock.com© Andrey Popov / www. shutterstock.com

Redaktion: Lisa Wolf

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-20965-0V001

www.penguin-verlag.de

Die Schuldigen – oder: Ist »das Böse« weiblich?

Wie wird ein Mensch zum Mörder? Was geht in einer Frau vor, die ihr Kind verhungern lässt? Warum vergewaltigt ein junger Mann seine Nachbarin – oder seine Mutter?

Solche Fragen werden oft gestellt – in Krimis, Talkshows und Zeitungsartikeln. Die Antworten, die man auf sie findet, kratzen meist nur an der Oberfläche. Dieses Buch möchte tiefer gehen, es möchte scheinbar unvorstellbare Taten begreiflicher machen und eröffnet Ihnen dafür einen Blick hinter die Kulissen, oder genauer gesagt: in die Köpfe derjenigen hinein, die ein Verbrechen begangen haben.

Hinter diesem Buch stehen ich, Hanna Ziegert, die als Psychiaterin und forensische Gutachterin die hier beschriebenen Geschichten begleitet hat, und meine Tochter, Nora Ziegert, die sie mit der dazu nötigen Distanz zu Papier bringen konnte. Wenn Sie sich mit uns auf die Suche nach den Hintergründen von Straftaten begeben, wird Ihnen möglicherweise auffallen, dass das Innere unseres Buches andere Begrifflichkeiten verwendet als sein Äußeres. »Schuld« und »Unschuld«, »gut« und »böse« – das sind Maßstäbe, die Juristen, Journalisten und eine von Verbrechen faszinierte Öffentlichkeit an Straftäter anlegen. Mir als Psychiaterin sind diese Kategorien fremd. Meine Aufgabe als forensische Gutachterin besteht darin, die Schuldfähigkeit des Angeklagten im juristischen Sinne zu prüfen. Hierfür muss ich entscheiden, ob der Betroffene in der Lage war, das Unrecht seiner Tat zu erkennen, und er dementsprechend anders hätte handeln können. Bei meiner Arbeit geht es aber nicht um die – moralische – Frage der »Schuld«. Ebenso wenig käme ich auf die Idee, einen Menschen als »gut« oder »böse« zu bewerten. Mein Anliegen und meine Aufgabe ist es ausschließlich, Zusammenhänge zu verstehen, Ursachen im Sinne einer psychischen Erkrankung zu erkennen und die erkannten Gefahren im Idealfall zu bannen.

Dennoch haben wir uns entschlossen, Titel und Werbung für dieses Buch mit den uns fremden Kategorien »Schuld« und »böse« zu versehen. Wir verstehen diese Begriffe als eine Art Treffpunkt mit unseren Lesern und bieten sie Ihnen als Sprungbrett hinein in unsere Gedankenwelt. Manch einer mag sich, bevor er unser Buch in die Hand nahm, sehr sicher darin gewesen sein, wer bei einem Verbrechen »Täter« und »Opfer«, wer »gut« und wer »böse« war, während ihm die Frage nach dem Warum der Tat schleierhaft blieb. Um Sie vorzuwarnen: Nach der Lektüre dieses Buches könnte es gerade umgekehrt sein.

Seit über dreißig Jahren bin ich als psychiatrische Gutachterin an Gerichtsverfahren beteiligt. Hierbei beauftragen mich das Gericht, die Staatsanwaltschaft oder der Verteidiger damit, ein Gutachten zu der Frage zu erstellen, ob der Täter zur Tatzeit psychisch krank war und ob diese Krankheit Einfluss auf sein Handeln hatte. Um das herauszufinden, fahre ich ins Gefängnis und lasse mich mit dem Häftling in eine Vorführzelle einschließen. Dann kläre ich ihn über meine Tätigkeit auf und frage ihn, ob er an der freiwilligen Begutachtung teilnehmen möchte. Nun könnte er mich auffordern, wieder zu gehen, doch das ist mir noch nie passiert. Es gibt zwar Betroffene, die nicht über ihre Tat sprechen möchten, mir ist aber noch nie ein Mensch in dieser Situation begegnet, der nicht große Sehnsucht danach hatte, jemandem von seinem Leben zu erzählen. Also führe ich mit dem Häftling – in 95 Prozent der Fälle ist es ein Mann – Gespräche, die zwischen drei und zwanzig Stunden dauern können. Dabei bemühe ich mich, ihn kennenzulernen und seine Beweggründe zu verstehen.

Im Laufe meiner Berufstätigkeit haben mich viele meiner Gesprächspartner teilhaben lassen an ihren Gedanken, Ängsten und Sehnsüchten. Sie haben mir von ihrem Leben erzählt und mir gezeigt, welche Wege sie gegangen sind, bevor sie mir gegenübersaßen. Denn genauso wenig wie ein Herzinfarkt durch die eine letzte Zigarette ausgelöst wird, geschehen auch Verbrechen nicht plötzlich und grundlos aus einer einzigen unglücklichen Situation heraus. Jede Straftat hat eine Geschichte. Acht solcher Geschichten möchten wir Ihnen in diesem Buch erzählen. Sie alle haben sich wirklich ereignet. Zum Schutz der beteiligten Personen sind Namen, Orte, einige Handlungsabläufe und die wörtlich wiedergegebenen Gespräche und Dokumente verändert worden.

Alle Geschichten verbindet, dass auf irgendeine Art und Weise eine Frau erheblichen Einfluss auf das Geschehen ausübt. Dabei muss sie nicht zwingend diejenige sein, die sich nach dem Gesetz strafbar macht. Die Rolle der Frauen, um die sich dieses Buch dreht, ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Sie handeln versteckter und unauffälliger als die Männer, die in vielen Fällen das Etikett des »Täters« erhalten. Man ist sogar versucht, in einigen der Frauen ausschließlich »Opfer« zu sehen. Tatsächlich aber tragen sie alle ihren Teil zur Entstehung des Verbrechens bei.

Thesen dieser Art habe ich in der Vergangenheit immer wieder vertreten – gegenüber meinen juristischen Auftraggebern, gegenüber den von einer Tat betroffenen Personen und gegenüber Medienvertretern. Dabei habe ich festgestellt, dass sich die Menschen schwertun mit dem Gedanken, eine Frau könne mit emotionalen Mitteln eine Straftat gefördert haben. Beispielsweise habe ich ein Gutachten erstattet über einen Mann, der über Jahre hinweg seine Kinder sexuell missbraucht hatte. Als ich in der öffentlichen Hauptverhandlung meine Ergebnisse vorstellte, nahm ich unter anderem zur Rolle der Mutter in dieser Familie Stellung. Das ist nichts Ungewöhnliches. In meinen Gutachten mache ich mir bei der Frage nach den Tatmotiven immer Gedanken darüber, inwiefern eine spezielle Beziehungskonstellation die Tat gefördert haben könnte. Diese Erkenntnisse können auch dazu beitragen, eine Wiederholung dieser oder ähnlicher Taten für die Zukunft zu vermeiden. Ich führte also aus, dass ein Kind nur dann über einen so langen Zeitraum vom Vater missbraucht werden könne, wenn die Mutter dem Kind nicht ausreichend Nähe und Schutz geboten hatte. Wenig später zeigte mich eine Frauenbeauftragte der Polizei wegen Beleidigung und Körperverletzung an. Grund der Anzeige war, dass die Mutter der betroffenen Kinder, die an der Verhandlung teilgenommen hatte, im Anschluss an meine Aussage unter Bauch- und Kopfschmerzen gelitten und sich erheblich belastet gefühlt hatte. Das Verfahren gegen mich wurde schnell eingestellt, die Reaktion, die meine Stellungnahme bei gleich zwei Frauen, der Mutter und der Frauenbeauftragten, hervorgerufen hatte, irritierte mich jedoch nachhaltig. Sie hielten meine Äußerungen offenbar nicht nur für nicht erwägenswert, sondern sogar für strafbar.

Viele derjenigen, die mit Straftätern arbeiten, haben sich selten intensiver mit der Psyche des Menschen beschäftigt. Manch ein Richter mag für sich den Schluss gezogen haben, dass er einen Täter, dem er nahe genug gekommen ist, um ihn wirklich zu verstehen, nicht mehr objektiv verurteilen kann. Andererseits, ließe sich vertreten, kann ein Richter, der die Beweggründe des Täters und die Entstehungsgeschichte der Tat durchdrungen hat, Art und Ausmaß der Strafe an diese Erkenntnisse anpassen und so dem Zweck der Bestrafung besser gerecht werden.

Ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen und Intuition im Umgang mit Straftätern kann auch an anderer Stelle zu beeindruckenden Ergebnissen führen. So erinnere ich mich an eine Frau, der vorgeworfen wurde, ihren Schwiegervater ermordet zu haben. Nach dem Tod ihres drogensüchtigen Mannes lebte sie mit ihren Kindern und dem Schwiegervater auf dessen Hof. Der alte Mann erwartete von ihr nicht nur, dass sie den Hof bewirtschaftete, sondern drohte damit, sie und die Kinder vor die Tür zu setzen, wenn sie ihm nicht regelmäßig sexuell zur Verfügung stand. Als sie sich wieder einmal auf ihn setzen musste, um ihn zu befriedigen, erdrosselte sie ihn. Bei ihrer Vernehmung berichtete sie, dass sie ihrem Schwiegervater zuvor mehrere Male Rohrreiniger ins Bier geschüttet hatte, ohne dass dieser darauf reagiert hätte. »Ihr Mann hat den Rohrreiniger damals schlechter vertragen als sein Vater«, kommentierte der vernehmende Polizist ihre Aussage. »Stimmt«, sagte die Beschuldigte. Der Kripobeamte hatte ins Schwarze getroffen.

Im Umgang mit diesen Geschichten ist es uns wichtig, unsere Bedeutung als Frauen, die wir Söhne haben oder noch bekommen wollen, im Hinterkopf zu behalten. Wir alle schicken mögliche Täter ins Leben hinaus. Es kann hilfreich sein, die »bösen«, im Sinne von destruktiven, Aspekte unserer Persönlichkeit anzuerkennen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass diese Art, Verbrechen und ihre Ursachen zu betrachten, vereinzelt auf Empörung und Ablehnung stoßen kann. Der Reflex, die »Schuld« ausschließlich beim – zumeist männlichen – Täter selbst zu suchen, ist seit Langem eingeübt und ausgesprochen praktisch. Möge diese Sammlung von Fallgeschichten dazu beitragen, die Debatte um die Rolle der Frauen im Kontext von Verbrechen, die ich seit vielen Jahren im Gerichtssaal führe, nun auch auf einer anderen gesellschaftlichen Ebene fortzusetzen.

Insofern möchten wir, eine Psychiaterin und eine Juristin, mit diesem Buch allen Betroffenen vor und hinter Gittern – seien sie nun aus Metall oder aus Gewohnheit – die Möglichkeit geben, Kriminalfälle aus einer anderen Perspektive zu betrachten und sich ungewohnten Gedankengängen zu öffnen. Schauen Sie mit uns den Menschen in die Seele – und entscheiden Sie selbst, was Sie darin entdecken.

München, im Frühjahr 2017

Hanna und Nora Ziegert

Inhaltsverzeichnis

Die fremde Mutter

Rettende Irrfahrt

Mutterliebe

Das verlorene Kind

Von Hexen und Königinnen

Zwischen Gut und Böse

Die schöne Helena

Den Tiger im Nacken

Die fremde Mutter

In den frühen Morgenstunden des 26. August 2001 näherte sich eine Frau der Polizeiinspektion Deggendorf. Sie trug einen roten Rock und ebenso rote Pumps, mit denen sie bedächtig einen Schritt vor den anderen setzte. Mehrere Male blieb sie stehen und kaute an einem ihrer langen Nägel, dann setzte sie ihren Weg fort. Als sie den Eingang beinahe erreicht hatte, lehnte sie sich gegen die Wand des schmucklosen Gebäudes und sah an sich herab. Die Riemchen der neu erstandenen Schuhe leuchteten auf dem dunklen Braun ihrer Haut. Für einen Moment warf sie einen Blick zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Dann stieß sie sich von der Mauer ab, drückte den Rücken durch und betrat die Polizeiinspektion.

Hinter einem Tresen saß ein Beamter, der gähnend die sich stetig ändernden Figuren seines Bildschirmschoners betrachtete. Als er Absätze auf den Fliesen klackern hörte, hob er den Blick. Sofort richtete er sich auf und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare.

»Ich bin die Garbes Victoria«, sagte die Frau lächelnd, »und ich möcht meinen Sohn anzeigen.« Sie lehnte sich über den Tisch und ließ eine Blase ihres Kaugummis platzen.

Der Beamte befeuchtete seine Lippen und räusperte sich, bevor er an seiner Maus rüttelte.

»Dann erzählen Sie doch mal, was passiert ist.« Er unterdrückte ein Gähnen. »Was hat Ihr Sohn denn angestellt? Hat er etwas geklaut, das Auto demoliert, seine Geschwister verprügelt?«

»Schön wär’s.« Sie richtete sich auf. »Er hat mich vergewaltigt!«

Die folgende Stunde verbrachte Victoria Garbes fröstelnd in einem spärlich eingerichteten Raum der Polizeiinspektion. Der Polizist hatte mit lauter Stimme einen Kollegen an seinen Platz gerufen, sich das Hemd in die Hose gesteckt und sie in ein Nebenzimmer gebeten. Dort saß sie nun auf einem Holzstuhl und erzählte von ihrem zwanzigjährigen Sohn James Surty. James habe eine noch dunklere Hautfarbe als sie selbst, berichtete sie. Er sei groß und schlank, ein schöner Mann. Der Beamte nickte überzeugt. Er kratzte sich am Kopf und räusperte sich, dann bat er sie, die Ereignisse der vergangenen Nacht darzustellen. Victoria Garbes kaute auf ihrer Unterlippe, während sie Satz für Satz erzählte:

Ihr Sohn hatte sie um halb acht Uhr abends zu Hause in Bischofsmais abgeholt und gemeinsam mit ihrer Freundin Regina Adams nach Deggendorf in eine Bar gefahren. Er hatte den ganzen Abend mit ihnen verbracht. In der Bar hatten sie sich unterhalten und angefangen zu trinken, bevor sie gegen 22 Uhr zur Party eines Football-Clubs gefahren waren. Ihr Sohn war mit einem Bier an der Bar geblieben, während sie mit ihrer Freundin auf die Tanzfläche gegangen war und dort zwei Amerikaner kennengelernt hatte. Kurz nach Mitternacht hatte ihr Sohn sie gemeinsam mit den Amerikanern in Reginas Wohnung gefahren, wo sie tranken und sich näherkamen. Gegen zwei Uhr morgens hatte sie ihren Sohn gebeten, sie nach Hause zu fahren.

»Bis da war es für uns eigentlich ein ganz normaler Samstagabend«, sagte Victoria Garbes. »Der Jimmy hat mich meistens gefahren, wenn ich ausgegangen bin, und ich war schon oft auf Partys von dem Football-Club, weil da viele Amis sind und ich Englisch sprechen kann. Das erinnert mich an daheim. Also an Südafrika.« Sie lächelte.

Irgendwo auf halber Strecke zwischen Reginas Wohnung und ihrer eigenen hatte der Abend dann eine unerwartete Wendung genommen. Mitten im Wald hatte ihr Sohn den Wagen angehalten, den Motor abgestellt und gesagt: »Jetz werd’s romantisch.« Sie hatte widersprochen, war ausgestiegen und in den Wald gelaufen. Ihr Sohn hatte sie verfolgt und nach wenigen Metern eingeholt. Er hatte sie von hinten mit beiden Armen umfasst, hochgehoben und zurück zum Auto getragen. Am Auto hatte er sie auf den Boden gestellt und mit dem Busen auf die Kühlerhaube gedrückt. Sie hatte ihn aufgefordert, sie loszulassen, doch ihr Sohn hatte nur gesagt: »I will heut mit dir vögeln. Was die Amis können, des kann i scho lang.«

»Hat er so was vorher schon mal gesagt?«, fragte der Polizist.

»Dass er mit mir vögeln … also, äh … Geschlechtsverkehr haben will?« Victoria Garbes schwieg, dann wiegte sie den Kopf.

»Nein, gesagt hat er das nie. Aber er hat mir schon lang zeigt, dass er mir näherkommen will, als sich das für einen Sohn gehört. Mit vierzehn oder fünfzehn zum Beispiel hat er immer durchs Schlüsselloch geschaut, wenn ich mich im Badezimmer umgezogen hab.« Sie stützte den Kopf in die Hand. »Dabei ist das scho komisch, dass mir das grad mit dem Jimmy passiert«, hörte der Beamte sie laut nachdenken. »Am Anfang hat der sich von mir nämlich gar ned gern in den Arm nehmen lassen.« Sie sah den Polizisten an. »Ich mag’s, mit meinen Kindern zu schmusen, aber beim Jimmy hab ich mir immer denkt …« Sie suchte nach Worten. »Dass dem des zuwider ist. Der hat mich machen lassen, aber er hat sich nie zu mir hergekuschelt.«

Es wurde still im Raum. Der Polizist hob den Kopf. Victoria Garbes wickelte ihre Halskette bedächtig um ihre rechte Hand. Zwischen den weißen Plastikperlen wirkten ihre Fingerknöchel wie Kastanien, die man frisch aus ihrer Schale geholt hatte. Schweigend sah sie an dem Beamten vorbei durch das Fenster auf die Straße hinaus. Er folgte ihrem Blick. Im ersten grauen Tageslicht erschien eine Reihe parkender Autos.

»Vielleicht erzählen Sie mir einfach, wie es weiterging«, sagte er. Sie zuckte zusammen, dann schüttelte sie den Kopf und fuhr fort.

Ihr Sohn hatte sie an den Oberarmen gepackt und zu sich herumgedreht. Er hatte ihr den Rock hoch- und die Unterhose nach unten gezogen, während er seine eigene Hose öffnete, sodass sein steifer Penis zum Vorschein kam. Mit beiden Händen hatte er sie festgehalten und auf die Kühlerhaube gedrückt. Mit den Knien hatte er ihre Beine auseinandergeschoben, war in sie eingedrungen und ziemlich schnell gekommen.

Nach Abschluss ihres Berichtes schwieg Victoria Garbes und sah auf ihre Hände. Der Polizist betrachtete ihre langen falschen Wimpern, die makellose Haut und die vollen Lippen. Sie begann, am Nagel ihres kleinen Fingers zu kauen, und zupfte wiederholt an ihrem Rock. Erst als sie den Kopf hob, Luft durch die Nase stieß und das Kinn nach vorn schob, löste er den Blick von ihr.

»War es denn das erste Mal, dass Ihr Sohn Ihnen gegenüber gewalttätig wurde?«, fragte der Polizist.

»Nein«, sagte sie, »der war schon immer brutal. Er hat auch seiner Freundin, der Densborn Martina, damit gedroht, sie umzubringen. Droschen hat er sie auch schon, glaub ich.«

Nachdem Victoria Garbes das Präsidium verlassen hatte, leitete der Beamte noch in der Nacht die Ermittlungen ein.

Am nächsten Tag wurde James Surty verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Seine Freundin, Martina Densborn, lud man zur polizeilichen Vernehmung.

»Jimmy und ich sind seit eineinhalb Jahren zusammen. Etwa genauso lange wohnt er auch in meiner Wohnung«, erzählte sie.

»Wenn Sie beide Intimverkehr haben«, kam der Beamte zum Punkt, »ist das dann irgendwie … wie soll ich sagen … ungewöhnlich?«

Sie schüttelte den Kopf. »Der Sex zwischen uns ist ganz normal. Vor allem wird er dabei nie gewalttätig, wenn Sie das meinen.«

Der Polizist nickte. »Ist es zwischen Ihnen in anderen Situationen zu Gewalttätigkeiten gekommen?«

Martina Densborn runzelte die Stirn. »Ja, zweimal«, sagte sie. »Aber das war immer im Streit, und es beruhte auch auf Gegenseitigkeit. Also ehrlich gesagt, haben wir uns diese beiden Male so sehr gestritten, dass wir angefangen haben, uns zu schubsen, und vielleicht habe ich ihm eine runtergehauen.« Sie hob die Schultern. »Ist eben so passiert.« Der Beamte machte sich eine Notiz.

»Und wie haben Sie die Tatnacht, also die Nacht vom 25. auf den 26. August, erlebt?«

»Jimmy hat mir gesagt, dass er an dem Abend mit seiner Mutter unterwegs ist. Die wollte schon wieder auf irgendeine Party von dem Football-Club, deutsch-amerikanische Freundschaft oder so, und dafür hat sie ihn als Fahrer gebraucht. Toll fand ich das nicht, aber wenn die sich was in den Kopf gesetzt hat, dann hat da niemand was zu melden. Ihr Mann nicht, der Jimmy nicht und ich schon gar nicht.« Sie verschränkte die Arme. »Jetzt schauen Sie mich nicht so an! Nein, ich mag seine Mutter nicht, das können Sie auch gerne so aufschreiben.« Sie nickte in Richtung seiner Notizen. Als der Beamte schwieg, fuhr sie fort. »Also, auf jeden Fall ist der Jimmy irgendwann abends zu seiner Mutter gefahren, etwa gegen 19 Uhr. Heimgekommen ist er erst nach vier Uhr am nächsten Morgen. Da hatte er eine blutende Wunde über dem linken Auge am Haaransatz und war unheimlich nervös. Das ist total untypisch für ihn, normalerweise ist er sehr ruhig. Genau genommen, ist er mir oft zu ruhig und abwesend – als würde er in seiner eigenen Traumwelt verschwinden. An dem Abend habe ich eigentlich schon geschlafen, aber er war so gereizt, dass ich noch einmal aufgestanden und zu ihm gegangen bin. Er ist im Wohnzimmer auf und ab gelaufen und hat dauernd gesagt, dass er es seiner Mutter jetzt heimgezahlt hat.

Wie und was denn heimgezahlt, habe ich gefragt, aber er hat nur gesagt, dass er es mit seiner Mutter jetzt genauso gemacht hat wie sie früher mit ihm.«

»Was hat er damit gemeint?«, fragte der Polizist.

»Ich weiß es nicht! Der Jimmy hat mir schon oft gesagt, dass er seine Mutter eines Tages demütigen muss, damit sie begreift, was sie ihm angetan hat. Das hat er jetzt scheinbar gemacht – aber so wirklich besser ging es ihm hinterher nicht. Letzte Nacht hat er fast geweint und mich angefleht, dass ich ihn nicht verlassen soll. Das brauche ich jetzt nicht mehr, hat er gesagt, weil er mit seiner Mutter ein für alle Mal fertig ist.«

»Werden Sie ihn denn verlassen?«

»Nein!« Sie sprang auf. »Ich weiß schon, dass seine Mutter behauptet, er hätte sie vergewaltigt, aber das ist Unsinn. Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich weiß nicht, was da genau passiert ist, aber dass der Jimmy aus heiterem Himmel einfach so über sie herfällt …« Sie schüttelte den Kopf. »… das glaube ich nicht.« Sie stieß Luft durch die Nase. »Das hätte sie wohl gern!«

Nach der Vernehmung von Martina Densborn rief der Beamte Victoria Garbes an. »Ihr Sohn hat seiner Freundin erzählt, dass er Ihnen in dieser Nacht etwas heimgezahlt hätte. Dass er Sie demütigen musste, damit Sie begreifen, was Sie ihm angetan haben. Können Sie sich vorstellen, was er damit gemeint hat?«, fragte er.

Kurz war es still in der Leitung, dann antwortete sie. »Nein«, sagte sie und räusperte sich, »nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«

Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen James Surty wegen der Vergewaltigung seiner Mutter. Die Anklage schilderte die Tat genau so, wie Victoria Garbes sie bei der Polizei dargestellt hatte. Das zuständige Gericht beauftragte mich mit seiner Begutachtung.

Bei schweren Verbrechen ist es heute üblich, den Täter psychiatrisch begutachten zu lassen. Hintergrund ist, dass ein Straftäter nach deutschem Recht nur verurteilt werden darf, wenn er seine Tat schuldhaft begangen hat. Das ist der Fall, wenn ihm das Unrecht seiner Tat bewusst war und er in der Lage gewesen wäre, es zu vermeiden, wenn er also sehenden Auges Unrecht tat, obwohl er es hätte lassen können.

Das Gesetz geht davon aus, dass ein volljähriger Täter prinzipiell schuldfähig ist. Er ist es nur dann nicht, wenn im konkreten Fall einer der in § 20 StGB genannten Gründe für eine Schuldunfähigkeit vorliegt: eine krankhafte seelische Störung, eine tief greifende Bewusstseinsstörung, Schwachsinn oder eine schwere andere seelische Abartigkeit. Diese Begriffe sind hundert Jahre alt und in der psychiatrischen Behandlung nicht zeitgemäß. Da alle vier Phänomene aber Zustände in der Psyche des Menschen beschreiben, kann in der Regel ein Psychiater besser beurteilen als ein Jurist, ob sie beim jeweiligen Täter zur Tatzeit vorlagen.

Der Tiefe des Gesetzes kann man in wenigen Worten kaum gerecht werden. Zusammenfassend lässt sich aber Folgendes sagen: Wenn ich mit einem Gutachten zur Schuldfähigkeit beauftragt werde, dann besteht meine Aufgabe darin, herauszufinden, ob beim jeweiligen Täter eine psychische Auffälligkeit bestand, die ihn in der konkreten Situation daran gehindert hat, das Unrecht seiner Tat zu erkennen und dieser Erkenntnis entsprechend zu handeln.

Zum Beispiel kann ein Täter, der unter einer Psychose leidet, durchaus wegen des Diebstahls eines Apfels verurteilt werden, wenn er den Apfel stahl, weil er im Einkaufskorb seiner Nachbarin so appetitlich aussah. Hat der Betroffene den Apfel jedoch gestohlen, weil die Stimmen in seinem Kopf ihm verraten haben, dass die Nachbarin ihn mit eben diesem Apfel vergiften möchte, so dürfte er schuldunfähig gewesen sein.

Die Frage nach der Schuldfähigkeit eines Täters hat Auswirkungen auf seine Bestrafung. Ein schuldfähiger Täter wird verurteilt. Ist ein Täter vermindert schuldfähig, so fällt seine Strafe milder aus. Ist er schuldunfähig, ist eine Bestrafung nicht möglich. In diesem Fall greifen sogenannte Maßnahmen der Besserung und Sicherung: Das Gericht kann den Täter zum Beispiel in die Psychiatrie einweisen. Stattdessen oder ergänzend hat es die Möglichkeit, ihm ein Berufsverbot aufzuerlegen und den Führerschein zu entziehen.

Mein Auftrag war es also, herauszufinden, ob James Surty in der Nacht, in der er seine Mutter mutmaßlich vergewaltigt hatte, schuldfähig gewesen war oder nicht. Man schickte mir Akten über den Fall zu, die unter anderem die Protokolle der Vernehmungen von Victoria Garbes und Martina Densborn enthielten. Der Fall an sich war schon ungewöhnlich. Söhne, die ihre Mütter vergewaltigen, sind auch für mich selten. Zusätzlich neugierig machte mich aber die Aussage seiner Freundin: Was in aller Welt zahlte man seiner Mutter heim, indem man mit ihr schlief?

Entsprechend gespannt war ich darauf, den jungen Mann kennenzulernen und seine Version der Geschichte zu hören. Da er vorläufig festgenommen worden war, traf ich ihn im Untersuchungsgefängnis. Als Gutachter darf man mit den Gefangenen unter vier Augen sprechen, ohne dass ein Wachmann mit im Raum ist. Ich passierte die Sicherheitskontrolle des Gefängnisses, gab mein Handy und alle sonstigen Wertgegenstände an der Pforte ab, packte meine Tüte mit Brezeln und betrat den Besucherbereich.

Wenn ich ins Gefängnis gehe, habe ich in der Regel Brezeln und eine Kanne Tee mit zwei Tassen dabei. In den meisten Gefängnissen gibt es nämlich während der Begutachtung nichts zu essen. Mit etwas Glück bekomme ich etwas zu trinken, mit einer einzelnen Tasse, nur ganz selten wird an den Gefangenen gedacht. Insofern bringe ich meine Ausrüstung lieber selber mit. Einerseits tue ich das, weil sich die Gefangenen freuen, Brezeln sind für sie etwas Besonderes, und in den nüchternen Räumen wird es zumindest ein bisschen gemütlicher, wenn es etwas zu essen gibt. Andererseits erfüllt das Essen eine Funktion im Zusammenhang mit meiner Arbeit. Ich kann sehen, wie mein Gegenüber auf meine Mitbringsel reagiert. Paranoide Gefangene etwa essen ihre Brezel nicht, sie könnte schließlich vergiftet sein. Den Tee trinken sie erst, wenn ich mir aus derselben Kanne auch eine Tasse eingegossen und getrunken habe. Darüber hinaus enthält die Brezel ein Element der zwischenmenschlichen Verführung. Wie eine gute Mutter versorge ich den Gefangenen mit etwas zum Essen und stelle dadurch in kurzer Zeit Nähe her. Nähe, die es meinem Gesprächspartner erleichtert, sich zu öffnen, was mir wiederum hilft, die emotionalen Hintergründe seiner Tat zu verstehen. Für die Begutachtung ist es essenziell, eine gute Atmosphäre zu schaffen und das Vertrauen des Gegenübers zu gewinnen. Hierbei können Brezeln, meiner Erfahrung nach, sehr nützlich sein.

Herr Surty stand auf, um mir die Hand zu geben. Seine Mutter hatte recht, er war ein attraktiver junger Mann. Man sah ihm an, dass ihm sein Körper wichtig war. Er hatte eine sportliche Figur und leuchtend weiße Zähne, die sichtbar wurden, als er mich zur Begrüßung anlächelte: »Freut mich, Sie kennenzulernen.«

Ich stellte mich vor und erklärte ihm die Dinge, die ich all meinen Gutachtenskandidaten vor unserem ersten Gespräch erkläre: »Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, ob Sie zum Zeitpunkt der Tat schuldfähig waren oder nicht. Die Teilnahme an der Begutachtung ist für Sie freiwillig. Wenn Sie sich aber mit mir unterhalten, bin ich nicht zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die ärztliche Schweigepflicht gilt hier nicht. Ich bin dafür da, dem Gericht Ihre Beweggründe bei der Ihnen zur Last gelegten Tat zu erklären und Sie als Mensch verständlicher zu machen. Im Gegensatz zur Polizei oder zur Staatsanwaltschaft ermittle ich nicht gegen Sie. Ich bin aber dazu verpflichtet, alle Informationen aus unserem Gespräch, die mir wichtig erscheinen, weiterzugeben. Mein Job ist es, das Gericht in einer öffentlichen Hauptverhandlung über Sie zu informieren.«

Herr Surty war – wie die meisten seiner Leidensgenossen – gerne bereit, sich mit mir zu unterhalten, Schweigepflicht hin oder her. Menschen, die im Gefängnis sitzen, sind üblicherweise dankbar für die Möglichkeit, mit jemandem ein ausführliches Gespräch zu führen. Sie genießen es, einen Ansprechpartner zu haben, gehört zu werden, sich erklären zu dürfen. »Noch nie wollte jemand so viel von mir wissen«, sagen sie oft, oder: »Noch nie hat mir jemand so aufmerksam zugehört.«

Mir selbst bereiten diese Gespräche, trotz ihrer Tragik, durchaus Freude. Neben dem Leid, das sich mir zeigt, ist es auch befriedigend, jemandem durch bloßes Nachfragen und Zuhören etwas Gutes zu tun. Mich interessiert der Mensch hinter der Tat, seine Lebensgeschichte und seine Motivation. Meine Gesprächspartner wiederum lernen durch unsere Gespräche oftmals etwas über sich selbst und ziehen so bereits aus der Situation der Begutachtung einen Gewinn. Zudem liegt im Gefängnis die jeweilige Tat klar auf dem Tisch. Wenn ich nicht begutachte, bin ich unter anderem als Psychotherapeutin tätig. Die Patienten auf meiner Couch sträuben sich oft gegen den Gedanken, dass sie sich anderen gegenüber verletzend verhalten haben. Es braucht viel Zeit und Geduld, ihnen zu vermitteln, dass wir auch und gerade gegenüber Menschen, die uns nahestehen, nicht nur »gut« sind, sondern durchaus auch egoistisch oder schadenfroh, dass wir nicht rund um die Uhr nur das Beste für unsere Mitmenschen wollen. Bei Straftätern spare ich mir diesen Aufwand. Mit ihnen muss ich nicht diskutieren, dass sie einen Fehler gemacht haben. Mit ihnen darf ich sofort an den viel spannenderen Fragen arbeiten, warum ihnen dieser Fehler unterlaufen ist und wie sie lernen können, ihn zu vermeiden.

Ich schlug Herrn Surty vor, nicht direkt mit der Tat zu beginnen, sondern erst einmal über seine Familie und seine Lebensgeschichte zu sprechen. Auch diesen Vorschlag mache ich immer, und meine Gesprächspartner gehen gerne darauf ein. Für sie ist es leichter, von ihrer Familie zu erzählen als von der Tat, selbst wenn die Tat, wie hier, mit ihrer Familie zu tun hat. Dabei sind die Informationen zur Lebensgeschichte der mutmaßlichen Täter in den meisten Fällen viel aussagekräftiger als ihre Meinung zur Tat. Das bedeutet, wir profitieren beide: Mein Gutachtenskandidat fühlt sich auf sicherem Terrain, und ich bekomme in verhältnismäßig entspannter Atmosphäre schnell die Informationen, die mich am meisten interessieren.

James Surty wurde als ältestes von vier Kindern in Südafrika geboren. Seine Mutter war Anfang zwanzig, als er auf die Welt kam, seinen Vater hatte er nie kennengelernt. »Eines Tages werd ich ihn suchen gehen«, sagte er zu mir und kaute an seiner Brezel, »dann kann mich keiner aufhalten.«

Herr Surty und seine drei Halbgeschwister, von denen jedes einen anderen Vater hatte, kamen nach der Geburt zu den Eltern seiner Mutter. Zusätzlich zu ihren eigenen neun Kindern kümmerten sich die Großeltern nun auch noch um die vier Enkel.

Wer dreizehn Kinder unterschiedlicher Altersstufen aufzieht, der muss effizient sein – und pragmatisch. Er muss sich darum kümmern, dass die notwendigen Rahmenbedingungen für das Aufwachsen der Kinder gegeben sind, darauf achten, dass sie satt und gesund sind und keines verloren geht. Wenn er seinen Job gut macht, sind alle dreizehn Kinder körperlich wohlauf, ordentlich angezogen und gehen in die Schule. Die Großmutter von Herrn Surty machte ihren Job gut, ihr gelang all das. Was ihr nicht mehr gelingen konnte, war, auf alle dreizehn Kinder individuell einzugehen, ihnen allen eine konstant verfügbare Ansprechpartnerin zu sein. Das war, bei aller Liebe, nicht drin. Er hatte somit keine erwachsene Bezugsperson, die sich so ausschließlich auf ihn konzentrieren konnte, wie er es gebraucht hätte. Auf diesen Mangel an emotionaler Zuwendung reagierte er, indem er lernte, sich allein zu beschäftigen, und, wie seine Freundin es bei ihrer Vernehmung beschrieben hatte, indem er in seiner eigenen kleinen Traumwelt verschwand.

Noch in Afrika baute er sich von seinem Taschengeld eine Taubenzucht auf und verbrachte von da an die meiste Zeit mit den Tieren. Vor den Menschen wollte er am liebsten seine Ruhe haben.

Seine Großeltern nannte er Mama und Papa, obwohl er immer wusste, dass sie nicht seine leiblichen Eltern waren. Seine Mutter sah er nur hin und wieder, wenn sie die Familie besuchte. Solange er in Afrika lebte, kam sie etwa einmal im Monat zu Besuch, brachte ein Geschenk mit und ging wieder.

Als Herr Surty neun Jahre alt war, lernte seine Mutter den deutschen Touristen Detlef Garbes kennen, heiratete ihn noch in Afrika und ging mit ihm nach Deutschland. Ihre beiden jüngsten Kinder nahm sie gleich mit. Herr Surty und sein jüngerer Halbbruder blieben in Südafrika und wurden vier Jahre später nachgeholt.

Er wusste wenig über das Leben in Deutschland. In seinem Dorf hatte er gehört, dass die Deutschen erst ihre Familien umbrächten und dann sich selbst, außerdem gäbe es in Deutschland kein Fleisch. Sein Onkel sagte zu ihm, wenn er erst einmal in Deutschland sei, werde er nie mehr nach Hause zurückkehren.

Trotz allem freute er sich auf Deutschland. Seine Mutter brachte Spielwarenkataloge mit nach Afrika und machte große Versprechungen. Außerdem konnte er seinen Mitschülern erzählen, dass in Deutschland sein Vater auf ihn wartete. Wenn er das sagte, dann dachte er an Detlef. Auf den freute er sich am meisten. Manchmal sagte er sich, dass er hauptsächlich wegen Detlef nach Deutschland kam, dass es sich lohne, ans andere Ende der Welt zu ziehen, wenn man dafür einen Vater bekommt. Dennoch begannen sein Bruder und er noch in Johannesburg am Flughafen zu weinen und ihre Entscheidung zu bereuen. Es fühlte sich mit einem Mal falsch an, ihre Heimat zu verlassen.

Als sie in Deutschland landeten, warteten seine Mutter und Detlef am Flughafen auf sie. Herr Surty wusste nicht recht, wie er die beiden begrüßen sollte. Er entschied sich für einen Handschlag, seine Mutter für eine Umarmung. Sie griffen aneinander vorbei, und er fühlte sich, als hätte er sich in einer fremden Person verfangen.

Als sie aus dem Flughafen kamen, fing es an zu regnen. Die beiden Brüder zogen ihre Pullover aus, wie es in ihrer Heimat bei Regen üblich ist. Einige der Umstehenden lachten. Als sie auf der Rückbank des Autos saßen, die Mutter in der Mitte, die beiden Brüder rechts und links, konnte er sich kaum bewegen. Sie versuchte einige Male, ihren Sohn zu umarmen, während er sich bemühte, wenigstens ein bisschen Abstand zu ihr zu halten.

»Warum war es Ihnen wichtig, ihr nicht zu nahe zu kommen?«, fragte ich ihn.

Er sah mich verständnislos an. »Dreizehn Jahre lang hab ich sie nie gesehen. Und dann kam plötzlich diese Frau und tat, als wär sie meine Mutter. Nach drei Minuten wollt die einen auf Familie machen. Ich hab mich ja wirklich auf Familie gefreut, aber das ging mir dann doch zu schnell.« Er hob die Hände. »Überhaupt war das eine Schnapsidee, das mit Deutschland«, sagte er und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.

Sein Lächeln erschien mir an dieser Stelle derart unpassend, dass ich ihn darauf ansprach: »Warum lächeln Sie? Ihnen ist doch gar nicht nach Lächeln zumute!«

Er sah an mir vorbei und strich sich über die Wangen, wie um sie zu entspannen.

»Stimmt scho«, sagte er dann, »mir wär mehr zum Heulen.« Er strich sich noch einmal über die Wangen. »Aber ich kann mit dem Grinsen ned aufhören. Ich schaff’s einfach nicht. Ich weiß schon, dass das deppert ist, aber ich kann’s nicht abstellen.«

Erst im weiteren Verlauf des Gesprächs, als er zunehmend Vertrauen zu mir fasste, wurde seine Mimik stimmiger und passte zu den Themen, über die wir gerade sprachen. Sein inadäquates soziales Lächeln, wie man es in Fachkreisen nennt, verschwand. In den Momenten, in denen er mich traurig oder wütend ansah, in denen er aus der Rolle fiel, erkannte ich, dass ich ihn erreicht hatte.

Am Ende unseres Gesprächs bat ich ihn, in der Zeit bis zu unserem nächsten Treffen für mich aufzuschreiben, wie sich sein Verhältnis zu seiner Mutter nach seiner Ankunft in Deutschland entwickelt hatte. Das Ergebnis war aufschlussreich.

Er schrieb, dass seine Mutter von Anfang an körperliche Nähe gesucht hatte. Morgens hatten sie sich oft gemeinsam im Bad aufgehalten, und weil sie nur schlecht an ihren Rücken herankam, sollte er sie dort waschen. Sie hatte ihn auch immer wieder gebeten, den Badezimmerboden zu wischen, und sich dann dort umgezogen, während er mit dem Wischlappen auf dem Boden herumkroch. Wenn sein Stiefvater zu Hause war und im Wohnzimmer fernsah, machte er Hausaufgaben in der Küche. Seine Mutter gesellte sich in diesen Momenten zu ihm und erkundigte sich, wie er vorankam. Immer öfter trug sie dabei nur Unterwäsche.

Irgendwann einmal kam sie von der Arbeit nach Hause und bat ihn, ihre schmerzenden Beine zu massieren. Das tat ihr so gut, dass sie ihn immer öfter dazu aufforderte, bis es mehr oder weniger normal war, dass er sie abends massierte. Sie war sehr launisch, aber mit den Massagen gelang es ihm, sie zu besänftigen.

An einem Tag im Frühling taten ihr nach Wetterumschwüngen die Hüften weh, und sie bat ihn, sie auch dort zu massieren. Einerseits war ihm das nicht unrecht, weil er so länger aufbleiben durfte als seine Geschwister. Andererseits erfüllte ihn der Anblick seiner Mutter, die nur halb bekleidet vor ihm auf der Couch lag, mit Scham. Er war unsicher, ob sie mit seinen Massagen zufrieden war, aber sie sagte ihm immer wieder, wie gut sie ihr täten und dass er sie durch das Massieren gesund mache. Seine Massagen halfen ihr gegen alles Mögliche, gegen Kopfweh, gegen müde Beine, gegen Rückenschmerzen und gegen Muskelkater. Den hatte sie besonders oft zwischen den Schenkeln um ihren Slip herum. Er wusste nicht recht, wie fest er hier drücken durfte, also nahm seine Mutter seine Hand und führte ihn. Das Massieren wurde zu einem festen Ritual zwischen ihnen beiden, und bald verbot seine Mutter es ihm – anders als ihren anderen Kindern –, Freundinnen mit nach Hause zu bringen.

Was in diesen Jahren zwischen Herrn Surty und seiner Mutter passierte, könnte niemand besser beschreiben als er selbst:

Unsere Beziehung bestand aus Streicheleinheiten und Schmusen. Ich wurde, um es deutlich auszudrücken, ihr körperlicher Betreuer. Sie war meine hilfreiche Lehrerin, die mir stets sagte, wie es zu machen wäre. Sie hat mir ihren Körper von Kopf bis Fuß zugänglich gemacht und hilfreich meine Hände geführt.

Meine Mutter wusste, wie sie mich für sich gewinnen konnte. Sie hat meine Talente entdeckt und versprochen, mir zu helfen. Versprechen hat sie mir generell viele gemacht – und keins davon gehalten. Auch Geschenke hab ich nie von ihr bekommen – meine Geschwister schon. Alles, was sie mir gab, waren Liebkosungen, war ihre Liebe.

Das war viel mehr wert als alle Geschenke, aber es hat mich auch abhängig gemacht. Sie hat mich zu allem bewegen können, weil sie mich mit ihrer Liebe belohnt hat, mit Zärtlichkeiten. Ich war ihr ständig unterlegen, und daran gewöhnte ich mich so sehr, dass es sich für mich irgendwann angenehm anfühlte. Meine Unterlegenheit wurde immer größer, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte. Sie war einfach zu liebevoll.

Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ist, solange das Kind klein ist, eine mächtige Liebe. Das Kind ist existenziell von der Mutter abhängig und auf die Mutter fixiert, die es umsorgt und alle relevanten Entscheidungen für es trifft. Mit kleinen Schritten, im Kindergarten, in der Schule und schließlich in der Pubertät, wandelt sich die Mutter-Kind-Beziehung. Das Kind bemüht sich um Selbstständigkeit und beginnt, sich von der Mutter zu lösen. Die Mutter muss es in gewisser Weise ziehen lassen. Sie muss es eigene Entscheidungen treffen, eigene Wege gehen lassen. Aus einer anfangs mächtigen Liebe wird zunehmend eine ohnmächtige. Frau Garbes trat dieser gesunden Entwicklung entgegen, indem sie ihren Sohn mit unfairen Mitteln und auf einer Ebene, mit der sie seine Grenzen verletzte, an sich band. Sie machte ihn emotional von sich abhängig, indem sie ihn manchmal zu ihrem Sexualpartner auserwählte – ihn damit auch gegenüber ihrem eigenen Ehemann bevorzugte – und ihn dann wieder zurückwies, sobald sich jemand Interessanteres gefunden hatte, zum Beispiel ein Amerikaner.

Gleichzeitig brachte sie ihn in einen inneren Konflikt. Ein Teil von ihm sagte: Ich will, dass du meine Grenzen respektierst, dass du die Generationenfolge wahrst. Ich will von dir unabhängig werden!

Ein anderer Teil von ihm, der in seiner Entwicklung zu einem pubertierenden jungen Mann immer stärker wurde, sagte: Ich will Sexualität!

Angesichts der Verführung durch seine Mutter war Herr Surty gezwungen, diesen Konflikt auszuhalten. Die beiden Pole »Ich will Unabhängigkeit« und »Ich will Sexualität« bogen den Teenager wie einen jungen Zweig. Die Menschen sind unterschiedlich gut darin, solche Konflikte zu bewältigen, manche Zweige sind dicker oder flexibler als andere. Allen gemein ist, dass sie bei Überlastung brechen. Innere Zweige brechen besonders leicht, wenn weiterer Ballast hinzukommt, der von dem konkreten Konflikt völlig unabhängig sein kann. Verliert der Betroffene zum Beispiel seinen Arbeitsplatz oder eine wichtige Bezugsperson, gerät er in eine Lebenskrise und hält einen möglicherweise seit Jahren oder Jahrzehnten bestehenden Konflikt nicht mehr aus. In solchen Momenten können Straftaten geschehen.

Bei unserem nächsten Treffen bat ich Herrn Surty, mir zu erzählen, wie er die Nacht der angeblichen Vergewaltigung erlebt hatte.

Was den Verlauf des Abends anging, waren seine Mutter und er sich einig. Ich erfuhr von ihm allerdings, dass seine Mutter ihn auf ihren Ausflügen nie als ihren Sohn, sondern wahlweise als ihren Bruder oder einen Freund ausgab. Erst als es um die Heimfahrt ging, wich sein Bericht von dem seiner Mutter ab.

Er erzählte mir, dass er sich bei der Freundin seiner Mutter irgendwann überflüssig gefühlt hatte. Er hatte gesehen, wie seine Mutter einen der Amerikaner unter dem Tisch zwischen den Beinen streichelte, und war sicher gewesen, dass der Abend für sie noch länger dauern würde. Also hatte er sich verabschiedet und war entsprechend überrascht, als sie sich zu ihm ins Auto setzte. Auf der Fahrt sagte sie ihm, dass sie eigentlich noch nicht nach Hause wollte. Sie streichelte während der Fahrt seinen Kopf und legte ihm die Hand auf den Oberschenkel. Mit der Zeit wurde er immer nervöser, bis er ihr irgendwann anbot, sie zurück zu ihrer Freundin zu fahren. Das Angebot lehnte sie ab, forderte ihn aber auf, an einer Einbuchtung zu halten und zu rauchen.

»Worüber reden wir jetzt?«, fragte sie ihn, als sie beide unschlüssig auf einer Wiese neben dem Wagen standen.

»Wenn wir miteinander schmusen, brauchen wir überhaupt nichts zu reden«, antwortete er. Er holte eine Decke aus dem Kofferraum und breitete sie zwischen ihnen beiden aus. Sie standen noch eine Weile um die Decke herum, bis er sie in den Arm nahm und küsste. Sie streichelten sich, und irgendwann begannen sie damit, sich auszuziehen. Er war unsicher, wie weit er gehen sollte, doch seine Mutter öffnete seine Hose, schob sie ihm bis zu den Knien hinunter und streichelte seinen Penis. Als er ihren Rock öffnen wollte, verbot sie ihm das erst. Doch nachdem er seine Hand in ihre Unterwäsche geschoben und gespürt hatte, wie feucht sie war, sagte er ihr, dass sie ihm nichts vorzumachen brauchte, dass er fühlte, wie sehr sie es wollte. Sie stritt das ab, aber er konnte spüren, dass sie immer erregter wurde, bis sie ihn aufforderte, sich auf sie zu legen. Er wollte nur mit Kondom mit ihr schlafen, schließlich kannte er ihren Lebenswandel. Sie reagierte beleidigt und sah seine Vorsicht als Misstrauen. Er zog sich immer wieder ein Kondom über, seine Mutter riss es ihm herunter oder machte es mit ihren Fingernägeln kaputt. Mindestens vier Kondome zerstörte sie so und versuchte, ihn mit der Hand zu befriedigen, aber diesmal wollte er es zu Ende bringen.

»Irgendwann war ich dann in ihr, und ich bin ganz sicher, dass sie das auch gewollt hat«, sagte er zu mir, »das hat sie schon immer gewollt.« Forschend sah er mich an.

Hinterher fragte seine Mutter ihn, ob er Martina erzählen werde, dass sie miteinander geschlafen hatten. Er antwortete, dass das möglich sei, Martina sei schließlich seine Freundin.

»Ehrlich gesagt, hab ich da schon ganz genau gewusst, dass ich es ihr verzähl.« Er richtete sich auf. »Ich wollt, dass sie es weiß, damit ich von da an in Frieden mit ihr zusammenleben kann. Ich will ein Kind mit ihr. Und da, bei der Nacht, wollte ich, dass sie weiß, dass ich jetzt mit meiner Mutter fertig bin.« Er sah mich an.

»Inwiefern waren Sie fertig mit ihr?«

Er suchte nach Worten. »Ich hab immer gewusst, dass meine Mutter unfair zu mir war. Erst hat’s mich bei meinen Großeltern gelassen, dann mehr oder weniger alleine in Afrika. Und als ich endlich zum ersten Mal bei ihr sein konnt, da ist’s mir dann zu nahe gekommen.«

Er hielt inne und fixierte mich. Als ich nickte, fuhr er fort.

»Ich musste sie demütigen, damit sie schnallt, was sie mit mir gemacht hat, was sie mir antan hat. Ich hab immer die Vorstellung gehabt, dass meine Mutter für mich gestorben sein würd, wenn ich erst einmal mit ihr geschlafen hätt. Dann hätt sie von mir kriegt, was sie all die Jahre hat haben wollen, warum sie mich all die Jahre belästigt hat.« Er senkte den Blick. »Meine Mutter hat nie was anderes von mir haben wollen als das, da bin ich mir ganz sicher.« Einen Moment lang betrachtete er seine Hände.

»Ich dacht, wenn wir miteinander schlafen, dann könnt ich mich endlich von ihr trennen, und wir beide könnten ein eigenes Leben haben. Für mich war das ein Abbruch, der Beginn getrennter Wege. Vielleicht hab ich in der Nacht deshalb so geweint.« Herr Surty sah auf. »Für mich war des ein Abschied.«

Seine Mutter sah das anders. Nach dem Sex sagte sie zu ihm, dass sie niemandem von der Sache erzählen werde, und von ihm verlangte sie, es genauso zu machen. Wenn er herumerzählen würde, dass sie miteinander geschlafen hatten, dann würde er sie vor allen Leuten als Hure hinstellen, er würde sie bloßstellen.

Er stritt das ab, wollte ihr aber nicht versprechen, die Geschichte für sich zu behalten. Für ihn und seine Bewältigung des Geschehens war es gerade entscheidend, die nächtlichen Ereignisse öffentlich zu machen.

»Wenn ich ihr versprochen hätte, dass ich das niemandem verzähl, dann wär das zwischen ihr und mir einfach weitergangen«, sagte er. »Ich kann Ihnen grad sagen, wie das gelaufen wär: Ich hätt ihr gesagt, dass ich mit ihr nichts mehr haben will, sie hätt mich ein paar Tag in Ruh gelassen, dann hätt sie mich wieder angerufen und angebettelt, zu ihr zu kommen, weil sie mich braucht, weil ich ihr großer Bua bin, und so weiter. Es hätt mich wieder zu ihr hinzogen, ich wär wieder hinfahren, ich komm nämlich immer, wenn sie mich braucht. Aber wenn ich sie brauch, dann ist nichts, dann hilft’s mir nicht, dann lacht’s mich aus. Daheim ist sie immer lieb zu mir, Busserl hier, Busserl da, aber sobald wir draußen sind, macht sie sich lustig über mich und stellt mich wie an Deppen hin.« Er ballte die Fäuste.

»Selbst wenn ich mich geweigert hätt, zu ihr zu kommen, was ich nicht glaub, dann hätt ein paar Tage später mein Stiefvater angeläutet, ob er nicht noch ein Werkzeug bei mir hat und ob ich das nicht vorbeibringen könnt. Die fädeln das immer wieder so ein, dass ich heimfahren muss. Dabei will ich das nicht mehr, ich will, dass endlich a Ruh ist!« Er schlug mit der Hand auf den Tisch.

»Ich weiß, dass das egoistisch ist, vor allem wegen meinem kleinen Bruder. Als ich letzt heimkommen bin, hab ich gesehen, wie die beiden auf dem Kanapee gehockt sind und meine Mutter das Massageöl schnell hinter ihrem Buckel versteckt hat. Ich weiß, dass er in Gefahr ist, wenn ich jetzt geh, aber ich kann einfach nimmer. Also habe ich gesagt, dass ich es nicht für mich behalt.« Er atmete tief ein. »Damit endlich Schluss ist!«

Eine Weile saß er still da und sah mich an.

»Ich glaub, deshalb hat sie mich angezeigt«, fügte er hinzu und seufzte. »Saublöd nur, dass ich das nicht beweisen kann.«

Ich betrachtete den schönen jungen Mann, der mir gegenübersaß. »Was waren das denn für Kondome, die Sie mit Ihrer Mutter benutzt haben?«, fragte ich ihn.

»Meine Lieblingspariser«, sagte er. »Das sind besonders schöne, glänzend, feucht und schwarz, die haben eine richtig angenehme Oberfläche. Deshalb hat’s mich auch so geärgert, dass sie mir drei oder vier kaputt gemacht hat.«

»Haben Sie das mit den schwarzen Kondomen schon der Polizei erzählt?«

»Nein«, sagte Herr Surty. »Ist das wichtig?«

»Tun Sie es doch mal«, ermunterte ich ihn und verabschiedete mich.

Wenige Tage später geschah etwas, das mir noch nie passiert ist, weder vor noch nach dieser Begutachtung: Der zuständige Richter rief mich an und fragte mich nach Dingen, für die ich überhaupt nicht zuständig war.

»Und?«, fragte er. »Hat er? Oder hat er nicht?«

»Hat er was?«, fragte ich. »Mit ihr geschlafen? Hat er.«

»Nein«, sagte er. »Sie vergewaltigt?«

»Hat er nicht«, sagte ich. »Meiner Meinung nach war das einvernehmlich.«