Die Stunde der Patrioten - Tom Clancy - E-Book

Die Stunde der Patrioten E-Book

Tom Clancy

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Beschreibung

Jack Ryan, Professor für Militärgeschichte und Ex-CIA-Agent, hält sich zu Recherchen in London auf. Als ahnungsloser Passant gerät er in einen Terroranschlag, den eine Splittergruppe der IRA auf die Familie des britischen Thronfolgers verübt. Ryan gelingt es zwar, den Anschlag zu vereiteln - doch von Stunde an sind er und seine Familie ihres Lebens nicht mehr sicher.

In der Verfilmung mit Harrison Ford ließen sich tausende von Zuschauern von diesem spannenden Thriller fesseln.

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Seitenzahl: 805

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Buch

Jack Ryan, Professor für Militärgeschichte und Ex-CIA-Agent, hält sich zu Recherchenarbeiten in London auf. Zufällig gerät er als ahnungsloser Passant in einen Terroranschlag, den eine Splittergruppe der IRA auf die Familie des britischen Thronfolgers verübt. Dank seiner Kaltblütigkeit gelingt es Ryan, das Attentat zu vereiteln: Einer der Kidnapper wird von ihm erschossen, ein zweiter gefangengenommen. Doch der Anführer kann entkommen. Von Stund an sind er und seine Familie nicht mehr sicher.

Mit Die Stunde der Patrioten hat der amerikanische Bestsellerautor Tom Clancy wieder einen Thriller der Extraklasse geschrieben, der auch erfolgreich mit Harrison Ford in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Autor

Tom Clancy, Jahrgang 1948, studierte in seiner Heimatstadt Baltimore Englisch und war jahrelang als Versicherungsagent tätig. Clancy ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt bei Washington. Eine Meuterei auf einem sowjetischen Zerstörer regte Clancy, der sich schon immer für militärische und rüstungstechnische Probleme interessierte, dazu an, seinen ersten Techno-Thriller Jagd auƒ »Roter Oktober« zu schreiben. Mit diesem Buch gelang ihm auf Anhieb ein Weltbestseller, und die Verfilmung mit Sean Connery in der Hauptrolle gilt als eine der größten Kinosensationen.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Copyright

1

Fast wäre Ryan innerhalb von dreißig Minuten zweimal getötet worden. Er stieg einige Straßen vor dem Ziel aus dem Taxi. Es war ein schöner, klarer Tag, die Sonne stand schon tief am blauen Himmel. Ryan hatte stundenlang auf harten Stühlen gesessen und wollte sich Bewegung verschaffen, um seine verkrampften Muskeln zu lockern. Auf den Straßen herrschte relativ wenig Verkehr, und auch die Bürgersteige waren kaum belebt. Das überraschte ihn, denn er sah erwartungsvoll der abendlichen Rush-hour entgegen. Diese Straßen waren nämlich seinerzeit nicht für Automobile angelegt worden, und das Chaos nach Büroschluß würde ein denkwürdiges Schauspiel bieten. Jacks erster Eindruck von London war, daß es eine gute Stadt zum Laufen sein würde, und er ging schnellen Schrittes, wie er es sich während seines kurzen Gastspiels bei der Marineinfanterie angewöhnt hatte.

Kurz vor der Ecke waren keine Fahrzeuge mehr zu sehen, und er konnte die Kreuzung überqueren, ohne auf Grün zu warten. Er sah automatisch nach links, nach rechts, dann wieder nach links, wie er es seit seiner Kindheit gewohnt war, und trat vom Bordstein.

Da wurde er beinahe von einem doppelstöckigen Bus erfaßt, der nur wenige Zentimeter von ihm entfernt vorbeibrauste.

«Verzeihung, Sir.» Ryan wandte sich um und erblickte einen Polizisten in der bekannten altmodischen Uniform. «Seien Sie bitte vorsichtig und gehen Sie möglichst nahe an der Ecke über die Straße. Achten Sie auch auf die gemalten Hinweise am Bordstein – ob man nach rechts oder nach links sehen muß. Wir geben uns Mühe, daß nicht allzu viele Touristen überfahren werden.»

«Woher wissen Sie, daß ich Tourist bin?» Jetzt würde er es natürlich wissen, wegen Ryans Akzent.

Der Konstabler lächelte geduldig. «Weil Sie zuerst in die falsche Richtung gesehen haben, Sir, und weil Sie wie ein Amerikaner angezogen sind. Seien Sie bitte vorsichtig. Guten Tag.» Der Bobby ging mit einem freundlichen Nicken weiter, und Ryan fragte sich, warum sein dreiteiliger Anzug ihn als Amerikaner auswies.

Er beherzigte die Warnung und ging bis zur Ecke. Auf dem Asphalt stand «Nach rechts sehen», und für Leute mit Leseschwierigkeiten war zusätzlich ein Pfeil aufgemalt. Er wartete auf Grün und hielt sich innerhalb der gemalten Markierungen. Er nahm sich vor, genau auf den Verkehr zu achten, vor allem ab Freitag, wenn er einen, Leihwagen nehmen würde. Großbritannien war eines der letzten Länder der Erde, wo noch auf der linken Straßenseite gefahren wurde. Er war sicher, daß es ihn einige Mühe kosten würde, sich daran zu gewöhnen.

Aber alles andere machen sie hier wirklich gut, dachte er angenehm berührt, während er, schon an seinem ersten Tag in London, allgemeine Schlußfolgerungen zog. Ryan war ein ausgezeichneter Beobachter, und ein aufmerksames Auge kann vieles aufnehmen. Er befand sich in einem Geschäfts- und Büroviertel. Die Passanten waren eleganter gekleidet als in einem vergleichbaren Viertel in Amerika  – abgesehen von den Punkern mit ihren roten und orangefarbenen Haarkämmen, dachte er. Die Architektur war ein Potpourri von Klassizismus bis Mies van der Rohe, aber die meisten Häuser strahlten etwas Solides und Beruhigendes aus. In Washington oder Baltimore wären sie längst durch eine ununterbrochene Reihe seelenloser Gebilde aus Glas und Stahl ersetzt worden. All das fügte sich gut in die tadellosen Umgangsformen der Leute, mit denen er bisher zu tun gehabt hatte. Dies war ein Arbeitsurlaub, und sein erster Eindruck sagte ihm, daß er sehr angenehm verlaufen würde.

Er stellte einige Merkwürdigkeiten fest. Viele Leute hatten einen Regenschirm bei sich. Ryan hatte eigens den Wetterbericht gehört, ehe er seine heutigen Recherchen begann. Man hatte korrekt einen schönen Tag angesagt, sogar einen heißen Tag, obgleich die Temperatur nur knapp zwanzig Grad betrug. Sicher, für diese Jahreszeit war das warm, aber «heiß»? Jack fragte sich, ob sie es hier auch Altweibersommer nannten. Wahrscheinlich nicht. Wozu also die Regenschirme? Hatten die Leute kein Vertrauen zum Wetteramt? Hatte der Konstabler deshalb gewußt, daß er Amerikaner war?

Das andere, mit dem er nicht gerechnet hatte, waren die vielen Rolls-Royce auf den Straßen. Er hatte in seinem ganzen Leben nicht mehr als eine Handvoll gesehen, und hier fuhren sie zwar nicht dicht an dicht, aber es gab doch eine ganze Menge. Er benutzte gewöhnlich seinen fünf Jahre alten VW-Golf. Ryan blieb an einem Zeitungskiosk stehen, kaufte den Economist und hatte einige Sekunden mit dem Wechselgeld zu tun, das der Taxifahrer herausgegeben hatte, so daß der geduldige Händler ihn zweifellos ebenfalls als Yankee identifizierte. Er blätterte im Laufen die Zeitschrift durch, anstatt achtzugeben, wohin er ging, und stellte beim Aufblicken fest, daß er einen halben Häuserblock in die falsche Richtung gelaufen war. Er blieb stehen und führte sich den Stadtplan vor Augen, den er vor dem Verlassen des Hotels konsultiert hatte. Was Jack nicht konnte, war Straßennamen behalten, aber er hatte ein fotografisches Gedächtnis für Stadtpläne. Er ging zum Ende des Blocks, bog nach links, ging zwei Häuserblocks weit, bog nach rechts, und dort war wie erwartet der St. James’s Park. Ryan sah auf die Uhr; eine Viertelstunde zu früh. Er befand sich hinter dem Denkmal irgendeines Herzogs von York, und er überquerte die Straße bei einem langen klassizistischen Gebäude aus weißem Marmor.

Auch das berührte ihn hier sehr angenehm: die vielen Parks und Grünanlagen. Dieser Park wirkte recht groß, und er sah, daß die Rasenflächen außerordentlich gepflegt waren. Der Herbst mußte ungewöhnlich warm gewesen sein, denn an den Bäumen waren noch viele Blätter. Aber er sah kaum Menschen. Na ja, dachte er achselzuckend, es ist Mittwoch, die Kinder sind in der Schule, und es ist ein normaler Arbeitstag. Um so besser. Er war absichtlich nach der Touristensaison herübergekommen. Ryan mochte kein Gedränge. Auch das hatte er von seiner Zeit bei den Marines.

«Daddy!» Sein Kopf fuhr herum, und er sah seine kleine Tochter, die, ohne nach links und rechts zu sehen, über die Straße gerannt kam. Sally prallte wie üblich gegen ihren großgewachsenen Vater, und wie üblich kam Cathy Ryan, die nie so recht mit dem kleinen weißen Wirbelwind Schritt halten konnte, erst eine ganze Weile später. Jacks Frau sah schon von weitem wie eine Touristin aus. Sie hatte ihre «Canon» umgehängt, zusammen mit der Kameratasche, die ihr, wenn sie im Urlaub waren, zugleich als Handtasche diente.

«Wie ist es gegangen, Jack?»

Ryan küßte seine Frau. Vielleicht tun die Briten das in der Öffentlichkeit nicht, dachte er. «Wie Butter, Schatz. Sie haben mich behandelt, als ob der Laden mir gehörte. Ich habe alles geschafft. Und du – hast du etwa nichts bekommen?»

Cathy lachte. «Die Geschäfte hier liefern frei Haus.» Ihr Lächeln sagte ihm, daß sie eine Menge von dem Geld ausgegeben hatte, das sie für Einkäufe eingeplant hatten. «Und wir haben was Entzückendes für Sally gefunden.»

«Oh?» Jack beugte sich nach unten und sah seiner Tochter in die Augen. «Was kann das wohl sein?»

«Es ist eine Überraschung, Daddy.» Die Kleine zierte sich, wie es nur Vierjährige tun können. Sie zeigte auf den Park. «Daddy, da ist ein toller See mit Schwänen und Pekalinen!»

«Pelikanen», verbesserte Jack.

«Sie sind ganz groß und weiß!» Sally liebte Pelikane.

«Hm-hm», machte Ryan. Er sah seine Frau an. «Hast du schöne Aufnahmen gemacht?»

Cathy tätschelte die Kamera. «Klar. London ist bereits auf Zelluloid gebannt, oder wäre es dir lieber, wenn wir nur eingekauft hätten?» Fotografieren war Cathy Ryans einziges Hobby, und sie machte absolut professionelle Aufnahmen.

«Ha!» Ryan blickte die Straße hinunter. Der Verkehr war hier etwas dichter, floß aber rasch. «Was machen wir jetzt? Habt ihr schon Hunger?»

«Wir könnten mit einem Taxi zum Hotel fahren.» Cathy sah auf ihre Uhr. «Oder wir könnten laufen.»

«In unserm Hotel soll man angeblich vorzüglich essen können. Aber es ist noch ziemlich früh. Diese zivilisierten Restaurants lassen einen bis acht Uhr warten.» Er sah wieder einen Rolls-Royce, in Richtung Palast. Er freute sich auf das Restaurant, obgleich Sally ein gewisses Risiko sein würde. Vierjährige und Vier-Sterne-Restaurants passen nicht gut zusammen. Links von ihm kreischten Bremsen. Er fragte sich, ob das Hotel wohl einen Babysitter... WUMM!

Ryan zuckte bei dem Krach einer keine dreißig Meter entfernten Detonation heftig zusammen. Granate, meldete sein Verstand. Er spürte das Zischen von Splittern in der Luft und hörte einen Augenblick darauf das Knattern automatischer Waffen. Er wirbelte herum und sah den Rolls-Royce schräg auf der Straße stehen. Das vordere Ende wirkte niedriger, als es sein sollte, und eine altmodische schwarze Limousine versperrte ihm den Weg. Am vorderen rechten Kotflügel stand ein Mann, der mit einem AK-47 in die Windschutzscheibe feuerte, und ein anderer Mann rannte zum hinteren linken Ende des Wagens.

«Hinlegen!» Ryan packte seine Tochter an den Schultern, drückte sie blitzschnell hinter einem Baum auf die Erde und schubste dann seine Frau unsanft neben sie. Zehn, zwölf Wagen hatten schon hinter dem Rolls angehalten und schirmten Jack und seine Familie von der Schußlinie ab. Der Verkehr aus der anderen Richtung wurde von der schwarzen Limousine blockiert. Der Mann mit dem Kalaschnikoff durchlöcherte den Rolls, als wollte er ihn in Schrott verwandeln.

«Der Bastard!» Ryan hielt den Kopf gehoben und konnte kaum glauben, was er sah. «Diese verdammte IRA – sie killen jemanden genau...» Er robbte ein Stück nach rechts. In seinem Gesichtsfeld waren Leute, die stehengeblieben waren, sich umdrehten und zu dem Rolls starrten, und in jedem Gesicht war der schwarze Kreis eines entsetzt aufgerissenen Munds. Es passiert tatsächlich, genau vor meiner Nase, einfach so, wie in einem Mafiafilm über Chicago. Zwei Schweinehunde bringen jemanden um. Genau hier. In diesem Augenblick. Einfach so.

Ryan trat, von einem haltenden Auto gedeckt, weiter nach links. Vom Kotflügel des Wagens abgeschirmt, konnte er einen Mann hinten links am Rolls stehen sehen. Der stand einfach da und streckte die Hand mit der Pistole aus, als erwartete er, daß jeden Moment jemand die Tür öffnen und auf die Straße treten würde. Die Fahrgastzelle des Wagens schirmte Ryan von dem Mann mit dem AK ab, der sich gerade bückte und an seiner Waffe hantierte. Der nächststehende Schütze drehte Ryan den Rücken. Er war höchstens fünfzehn Meter entfernt. Er rührte sich nicht, konzentrierte sich auf die hintere Tür des Wagens. Sein Rücken war ihm immer noch zugewandt. Ryan sollte sich nie erinnern, ob er einen bewußten Entschluß gefaßt hatte.

Er rannte gebückt um das stehende Auto, lief immer schneller, den Blick fest auf sein Ziel – das Kreuz des Mannes – gerichtet, so wie er es auf der Highschool beim Football gelernt hatte. Es dauerte nur ein paar Sekunden, um die Entfernung zurückzulegen, und seine Gedanken waren auf den Mann konzentriert, wollten ihn noch einen Moment länger dort festbannen. Anderthalb Meter hinter ihm senkte Ryan die Schulter ab und hechtete. Der Trainer wäre stolz auf ihn gewesen.

Der Angriff von hinten traf den Killer unvorbereitet. Sein Rücken bog sich durch wie ein Flitzebogen, und Ryan hörte Knochen knacken, als sein Opfer vorkippte und hinfiel. Keuchend, aber voll von Adrenalin, richtete Ryan sich auf und sprang neben den Liegenden. Die Pistole war ihm aus der Hand gefallen und lag auf der Straße. Ryan ergriff sie. Es war eine automatische Pistole, ein Typ, den er noch nie in der Hand gehabt hatte. Sie sah aus wie eine 9-Millimeter-Makarow, konnte aber auch ein anderes Ostblockfabrikat sein. Der Hahn war gespannt, die Waffe entsichert. Er wog sie kurz in der rechten Hand – mit seiner linken schien etwas nicht in Ordnung zu sein, aber Ryan ignorierte das. Er sah auf den Mann hinunter, den er eben zu Fall gebracht hatte, und schoß ihm einmal in die Hüfte. Dann hob er die Pistole in Augenhöhe und trat zur hinteren rechten Ecke des Rolls. Er bückte sich noch tiefer und spähte um die Karosserie.

Das AK des anderen Killers lag auf der Erde, während er mit einer Pistole in den Wagen feuerte. In seiner Linken hielt er irgendeinen Gegenstand. Ryan holte tief Luft und trat, seine Pistole auf die Brust des Mannes richtend, hinter dem Rolls-Royce hervor. Der Mann wandte zuerst den Kopf und wirbelte dann mit seiner Waffe herum. Beide zogen im selben Augenblick ab. Ryan fühlte einen jähen Schlag in der rechten Schulter und sah, daß seine Kugel den Mann in die Brust getroffen hatte. Das 9-Millimeter-Geschoß warf den Mann nach hinten wie ein Fausthieb. Ryan fing den Rückstoß ab und feuerte wieder. Die zweite Kugel traf den Mann unter dem Kinn und trat in einer nassen rosaroten Wolke aus seinem Hinterkopf aus. Der Mann fiel ohne zu zucken wie eine abgeschnittene Marionette aufs Pflaster. Ryan hielt die Pistole auf seine Brust gerichtet, bis er sah, was mit seinem Kopf passiert war.

«O Gott.» Der Adrenalinschub legte sich so schnell, wie er gekommen war. Die Zeit verlangsamte sich, bis sie wieder normal lief, und Ryan merkte, daß er benommen und außer Atem war. Sein Mund stand offen, und er rang nach Luft. Seine Kräfte schienen auf einmal zu schwinden, und er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Die schwarze Limousine setzte einige Meter zurück, sauste dann an ihm vorbei, raste die Straße hinunter und bog nach links in eine Seitenstraße ein. Ryan dachte nicht einmal daran, sich die Nummer zu merken. Die blitzartige Folge der Ereignisse, die sein Verstand immer noch nicht nachvollzogen hatte, betäubte ihn.

Der Mann, auf den er zweimal geschossen hatte, war eindeutig tot. An seinem Hinterkopf bildete sich eine Blutlache, die gut dreißig Zentimeter groß war. Ryan überlief ein Frösteln, als er die Handgranate in der behandschuhten Linken sah. Er beugte sich nach unten, um sich zu vergewissern, daß der Vorsteckstift noch flach an dem hölzernen Griff lag, und kam nachher nur ganz langsam, mühselig wieder hoch. Als nächstes betrachtete er den Rolls.

Die erste Granate hatte das vordere Ende demoliert. Die Räder standen in unmöglichen Winkeln, und die Reifen waren platt. Der Fahrer war tot. Die dicke Windschutzscheibe war wie fortgepustet. Das Gesicht des Fahrers war nur noch eine schwammige rote Masse. Die Trennscheibe zwischen den Vordersitzen und dem Fond war rot verschmiert. Jack ging um den Wagen herum und blickte in den Fond. Er sah einen Mann mit dem Gesicht nach unten am Boden liegen und unter ihm den Zipfel eines Frauenkleides. Er klopfte mit dem Pistolenkolben an das Glas. Der Mann bewegte sich, lag dann wieder still da. Er lebte wenigstens.

Ryan schaute auf seine Pistole. Der Schieber war in der Leerstellung eingerastet. Sein Atem kam jetzt stoßweise. Seine Beine drohten unter ihm nachzugeben, und seine Hände begannen krampfhaft zu zucken, was kurze, scharfe Schmerzwellen in seiner verwundeten Schulter hervorrief. Er blickte sich um und sah etwas, das ihn all das vergessen ließ.

Ein Soldat kam auf ihn zugelaufen, gefolgt von einem Polizeibeamten. Einer von der Palastwache, dachte Jack. Der Mann hatte zwar seine Bärenfellmütze verloren, aber er hielt mit beiden Händen ein automatisches Gewehr mit einem zwanzig Zentimeter langen Stahlbajonett an der Mündung. Ryan fragte sich, ob das Gewehr geladen sei, und kam zu dem Schluß, daß es riskant sein könnte, es darauf ankommen zu lassen. Dies ist ein Posten, sagte er sich, ein Berufssoldat von einem Eliteregiment, der beweisen muß, daß er Mumm hat, ehe sie ihn auf die Akademie schicken, die Attraktionen für Touristen fabriziert. Möglicherweise war er sogar Marineinfanterist. Wie bist du nur so schnell hierher gekommen?

Langsam und sorgfältig streckte Ryan die Pistole auf Armeslänge von sich. Er drückte mit dem Daumen auf den Knopf, der den Schieber ausrasten ließ, und das Magazin fiel scheppernd auf die Straße. Dann drehte er die Waffe um, damit der Soldat sehen konnte, daß sie leer war. Als nächstes legte er sie auf den Boden und trat zwei Schritte zurück. Er versuchte, die Hände zu heben, aber die linke wollte nicht gehorchen. Der Posten lief die ganze Zeit auf ihn zu und sah dabei immer wieder nach links und rechts, ohne ihn eine Sekunde aus dem Blickfeld zu lassen. Drei Meter von ihm entfernt blieb er, das Bajonett auf seine Kehle gerichtet, genau nach den Instruktionen, wie angewurzelt stehen. Seine Brust hob und senkte sich, aber sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske. Der Polizist – sein Gesicht war rot angelaufen, und er schrie etwas in ein kleines Funkgerät – hatte ihn noch nicht eingeholt.

«Immer langsam, Kamerad», sagte Ryan, so fest er konnte. «Da liegen zwei von den Killern. Ich gehöre nicht zu ihnen.»

Der Posten verzog keine Miene. Der Junge war tatsächlich ein Profi. Ryan meinte hören zu können, wie er dachte – wie leicht es wäre, ihn mit dem Bajonett zu durchbohren. Er, Ryan wäre im Moment nicht in der Lage, den Stoß zu verhindern oder zu parieren.

«Daddy, Daddy, Daddy!» Ryan wandte den Kopf und sah seine kleine Tochter an den stehenden Autos vorbei in seine Richtung laufen. Sally blieb ungefähr drei Meter von ihm entfernt mit großen, verängstigten Augen stehen. Dann stürzte sie zu ihm, schlang die Arme um seine Beine und krähte den Soldaten an: «Du darfst meinem Daddy nichts tun!»

Der Mann sah verblüfft vom Vater zur Tochter, als auch Cathy sich mit hocherhobenen Händen vorsichtig näherte.

«Sir», sagte sie mit beherrschter, geschäftsmäßiger Stimme, «ich bin Ärztin und werde jetzt diese Wunde versorgen. Sie können also das Gewehr sinken lassen, aber bitte sofort!»

Der Polizist faßte nach der Schulter des Soldaten und sagte etwas, das Jack nicht verstand. Der Mann lockerte sich ein bißchen und ließ seine Waffe wenige Grad sinken. Ryan sah weitere Polizisten auf den Schauplatz rennen, und jetzt näherte sich ein weißer Wagen mit heulender Sirene.

«Du bist wahnsinnig.» Cathy betrachtete die Wunde fachmännisch. Die Jacke von Ryans neuem Anzug wies an der Schulter einen dunklen Fleck auf, und die graue Wolle hatte sich purpurn verfärbt. Er zitterte nun am ganzen Leib. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und schwankte unter dem Gewicht Sallys, die sich immer noch an seine Beine klammerte. Cathy nahm seinen rechten Arm und zwang ihn sanft, sich auf die Straße zu setzen und am Wagen anzulehnen. Sie streifte die Jacke von der Wunde und drückte zart seine Schulter. Es fühlte sich gar nicht zart an. Sie langte in seine Gesäßtasche, holte das Taschentuch heraus und drückte es auf die Wunde.

«Das sieht nicht schön aus», bemerkte sie zu sich selbst.

«Daddy, du bist überall voll Blut!» Sally stand jetzt vor ihm, und ihre Arme flatterten wie die Flügel eines jungen Vogels. Jack wollte die Hände nach ihr ausstrecken und sagen, daß alles in Ordnung sei, aber der knappe Meter, der ihn von ihr trennte, hätte ebensogut ein Kilometer sein können, und seine Schulter sagte ihm, daß es absolut nicht in Ordnung war.

Jetzt standen vielleicht zehn Polizisten, die meisten außer Atem, um den Wagen herum. Drei hatten eine Pistole in der Hand und musterten die Neugierigen, die sich ansammelten. Aus westlicher Richtung kamen noch zwei rotberockte Soldaten. Dann erschien ein Polizei-Sergeant. Ehe er etwas sagen konnte, sah Cathy auf und rief im Befehlston: «Rufen Sie sofort einen Krankenwagen.»

«Schon unterwegs, Madam», antwortete der Sergeant überraschend höflich. «Warum überlassen Sie das nicht uns?»

«Ich bin Ärztin», sagte sie kurz. «Haben Sie ein Messer?»

Der Sergeant drehte sich um, zog das Bajonett vom Gewehrlauf des ersten Gardisten und bückte sich, um ihr zu assistieren. Cathy hielt die Jacke und die Weste so, daß er ein Segment herausschneiden konnte, und dann schnitten sie ihm das Hemd von der Schulter. Sie schüttelte das Taschentuch aus. Es war bereits mit Blut getränkt. Jack fing an zu protestieren.

«Halt den Mund.» Sie blickte zu dem Sergeant und deutete auf Sally. «Bringen Sie sie hier weg.»

Der Sergeant winkte den Soldaten zu sich. Er trat zu ihnen und hob Sally hoch. Sie zärtlich an die Brust drückend, brachte er sie ein paar Meter weiter. Jack sah, daß seine kleine Tochter mitleiderregend weinte, aber all das schien weit fort zu sein. Er fühlte, wie seine Haut kalt und feucht wurde – Schock?

«Verdammt», sagte Cathy leise. Der Sergeant gab ihr einen dicken Verband. Sie drückte ihn auf die Wunde, und er färbte sich sofort rot, als sie versuchte, ihn zu befestigen. Ryan stöhnte. Er hatte das Gefühl, jemand traktiere seine Schulter mit einem Beil.

«Was zum Teufel hast du vorgehabt?» fragte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, während sie mit den Stoffenden hantierte.

Sein plötzlicher Zorn trug dazu bei, den Schmerz zu dämpfen, und er knurrte zurück: «Ich habe es nicht vorgehabt – ich habe es geschafft!» Die Anstrengung, die ihn die paar Worte kostete, beanspruchte die Hälfte seiner Energie.

«Hm-hm», grunzte Cathy. «Auf jeden Fall blutest du wie ein Schwein, mein Bester.»

Aus der entgegengesetzten Richtung kamen noch mehr Männer gelaufen. Ryan hatte den Eindruck, wenigstens hundert vollbesetzte Mannschaftswagen seien mit heulenden Sirenen am Tatort eingetroffen, und nun sprangen die Männer – einige in Uniform, andere in Zivil – heraus und schlossen sich der Gruppe an. Ein uniformierter Beamter mit üppigeren Schulterstücken fing an, den anderen Befehle zuzurufen. Die Szene war eindrucksvoll. Ein Teil seines Gehirns, der vom Rest getrennt zu sein schien, registrierte sie. Cathy, deren Hände mit seinem Blut beschmiert waren, versuchte immer noch, den Verband richtig anzubringen. Seine Tochter schluchzte keuchend in den Armen eines stämmigen jungen Soldaten, der ihr in einer Sprache, die Jack nicht genau ausmachen konnte, etwas vorzusingen schien. Ihr verzweifelter Blick war auf ihn gerichtet. Der losgelöste Teil seines Verstands fand all das sehr amüsant, bis eine neue Schmerzwelle ihn in die Wirklichkeit zurückrief.

Der Polizeibeamte, der offenbar die Führung übernommen hatte, kam zu ihnen, nachdem er kurz den Tatort besichtigt hatte. «Sergeant, schieben Sie ihn beiseite.»

Cathy sah auf und zischte wütend: «Machen Sie die andere Tür auf, verdammt. Ich hab’ hier jemand, der fast verblutet!»

«Die andere Tür ist blockiert, Madam. Lassen Sie mich mit anfassen.» Ryan hörte eine andere Sirene, als sie sich bückten. Die drei hoben ihn einen halben Meter zur Seite, und der ranghöhere Beamte versuchte, die Wagentür zu öffnen. Sie hatten ihn nicht genug weit weggetragen. Als die Tür endlich aufging, erwischte ihn die Kante an der Schulter. Das letzte, was er hörte, ehe er das Bewußtsein verlor, war sein Schrei.

 

Ryans Augen gewöhnten sich langsam an das Licht, aber sein Verstand war ein verschwommenes, kaleidoskopartiges Ding, das Sachen meldete, die zeitlich und örtlich nicht zueinander paßten. Einen Augenblick lang befand er sich in einem Fahrzeug. Die seitlichen Fahrbewegungen setzten sich, tausend Qualen verursachend, in seinem Brustkasten fort, und in der Ferne, allerdings nicht sehr weit weg, erklang ein scheußliches, mißtönendes Geräusch. Außerdem glaubte er zwei Gesichter zu sehen, die ihm irgendwie bekannt vorkamen. Cathy war ebenfalls da, nicht wahr – nein, da waren einige grüngekleidete Leute. Alles war vage und unscharf, bis auf die brennenden Schmerzen in Schulter und Brust, doch als er die Augen zusammenkniff, waren alle fort. Er war wieder woanders.

Die Decke war weiß und zuerst nackt und glatt. Ryan wußte irgendwie, daß er unter dem Einfluß von Drogen stand. Er erkannte das Gefühl, konnte sich aber nicht erinnern, warum. Er konzentrierte sich einige Minuten, so gut es ging, bis er erkennen konnte, daß die Decke aus weißen, schalldämmenden Kacheln auf einem Metallrahmen bestand. Einige der Kacheln hatten Wasserflecke und dienten ihm als Bezugspunkte. Andere waren aus durchscheinendem Kunststoff und verdeckten die Beleuchtungskörper. Man hatte ihm etwas unter die Nase gebunden, und jetzt merkte er, daß etwas Kühles in seine Nasenlöcher strömte – Sauerstoff? Seine anderen Sinne meldeten sich nacheinander. Sie begannen, seinen Körper zu erkunden und seinem Gehirn Bericht zu erstatten. Man hatte ihm einige Dinge auf die Brust geklebt, die er nicht sehen konnte. Er spürte, wie sie an den Haaren zupften, mit denen Cathy gern spielte, wenn sie einen Schwips hatte. Seine linke Schulter fühlte sich – nein, er fühlte sie gar nicht. Sein Körper war so schwer, daß er ihn keinen Zentimeter bewegen konnte.

Ein Krankenhaus, folgerte er nach mehreren Minuten. Warum bin ich im Krankenhaus... Er mußte sehr lange nachdenken, bis ihm einfiel, warum er hier war. Als es ihm einfiel, war es ganz gut, daß er nur vernebelt daran denken konnte, daß er einen Menschen getötet hatte.

Ich bin auch getroffen worden, aber warum? Langsam drehte er den Kopf nach rechts. An einem metallenen Infusionsgeräteständer neben dem Bett hing eine Infusionsflasche, deren Gummischlauch unter die Bettdecke führte, wo sie seinen Arm angebunden hatten. Er versuchte, das Kitzeln des Katheters zu spüren, der unterhalb des Ellbogens in der Vene stecken mußte, schaffte es aber nicht. Als nächstes versuchte er den Kopf nach links zu drehen. Etwas Weiches, aber sehr Festes hinderte ihn daran. Selbst seine Neugier auf den Zustand, in dem er sich befand, war unbeständig. Aus irgendeinem Grund kam ihm die Umgebung viel interessanter vor als sein Körper. Er blickte hoch und sah ein Gerät, das wie ein Fernsehapparat aussah, und andere elektronische Instrumente, die er in dem unmöglichen Winkel nicht richtig erkennen konnte. Ein Enzephalograph? Ja, wohl so etwas ähnliches. Es paßte alles zusammen. Er lag im Nachbehandlungszimmer eines Operationssaals, während das chirurgische Team diskutierte, ob er überleben würde. Die Drogen halfen ihm, wunderbar objektiv über das Problem nachzudenken.

«Oh, wir sind ja wach.» Eine Stimme, die nicht aus dem Lautsprecher der Rufanlage kam. Ryan ließ das Kinn fallen und sah eine etwa fünfzigjährige Krankenschwester. Sie hatte ein von jahrelangem Stirnrunzeln gezeichnetes Bette-Davis-Gesicht. Er versuchte, etwas zu ihr zu sagen, aber sein.Mund war wie zugeklebt. Was herauskam, war eine Mischung von Röcheln und Krächzen. Die Schwester verschwand, während er noch überlegte, wie der Ton eigentlich geklungen hatte.

Ungefähr eine Minute darauf trat ein Mann zu ihm ans Bett. Er war auch in den Fünfzigern, groß und hager, und trug einen grünen Chirurgenkittel. An seinem Hals hing ein Stethoskop, und er schien etwas zu tragen, das Ryan nicht richtig sehen konnte. Er wirkte ziemlich erschöpft, lächelte aber befriedigt.

«Aha», sagte er. «Wir sind wach. Wie fühlen wir uns?» Diesmal brachte Ryan ein einwandfreies Krächzen zustande. Der Arzt – ? – nickte der Schwester zu. Sie trat vor und ließ Ryan durch einen Strohhalm einen Schluck Wasser trinken.

«Danke.» Das Wasser schwappte in seinem Mund. Er hatte nicht die Kraft zu schlucken. Seine Mundschleimhäute schienen die Flüssigkeit aber schnell zu absorbieren. «Wo bin ich?»

«Sie sind in der Chirurgie des St. Thomas Hospital. Sie erholen sich von einem Eingriff in Ihrem linken Oberarm und in der Schulter. Ich habe Sie operiert. Meine Leute und ich haben ungefähr, warten Sie, ungefähr sechs Stunden an Ihnen gearbeitet, und es hat den Anschein, als würden Sie durchkommen», fügte er salbungsvoll hinzu.

Ryan dachte langsam und träge, der britische Humor, so bewundernswert er sonst sein mochte, sei für diese Situation ein wenig zu trocken. Er legte sich gerade eine Antwort zurecht, als Cathy in sein Gesichtsfeld trat. Die Bette-Davis-Schwester traf Anstalten, sie abzuwehren.

«Entschuldigen Sie, Mrs. Ryan, aber nur medizinisches Personal...»

«Ich bin Ärztin.» Sie hielt einen kleinen Plastikausweis hoch. Der Chirurg prüfte ihn.

«Wilmer-Augeninstitut, Johns Hopkins Hospital.» Der Mann streckte die Hand aus und schenkte Cathy ein freundliches Kollegenlächeln. «Guten Tag, Doktor. Ich bin Charles Scott.»

«Sir Charles Scott? Professor Scott?»

«Eben der.» Ein mildes Lächeln. Wer hat es nicht gern, wenn man ihn erkennt? dachte Ryan, der die Szene von hinten beobachtete.

«Einer von meinen Lehrern kennt Sie – Professor Knowles.»

«Ach, wie geht es Dennis?»

«Sehr gut, Doktor. Er ist jetzt außerordentlicher Professor für Orthopädie.» Cathy kam schnell wieder zur Sache. «Haben Sie die Röntgenaufnahmen hier?»

«Ja.» Scott hielt einen braunen Umschlag hoch und zog ein großes Negativ heraus. Er hielt es vor einen beleuchteten Schirm. «Das war vor dem Eingriff.»

«O Gott!» Cathy kräuselte die Nase. Sie setzte die Brille mit den halben Gläsern auf, die sie bei solchen Gelegenheiten benutzte, die Brille, die Jack haßte. Er beobachtete, wie sie den Kopf langsam von einer Seite zur anderen bewegte. «Ich habe nicht geahnt, daß es so schlimm war.»

Professor Scott nickte. «Leider war es das. Wir nehmen an, daß das Schlüsselbein gebrochen war, ehe er angeschossen wurde. Eine Neun-Millimeter-Kugel ist kein Pappenstiel. Wie Sie sehen, war der Schaden erheblich. Wir hatten viel Mühe, all die Knochensplitter zu finden und wieder einzupassen, aber... hier ist das Ergebnis.» Scott hielt ein zweites Negativ neben das erste. Cathy sagte einige Sekunden nichts und ruckte den Kopf hin und her.

«Gute Arbeit, Doktor.»

Sir Charles’ Lächeln wurde ein Grad wohlwollender. «Von einer Johns-Hopkins-Chirurgin nehme ich das Kompliment an. Diese beiden Nägel sind permanent, und ich fürchte, die Schraube auch, aber alles andere dürfte gut verheilen. Wie Sie sehen können, sind alle größeren Splitter wieder da, wo sie hingehören, und wir haben allen Grund, mit einer vollständigen Verheilung rechnen zu können.»

«Wie groß wird die Beeinträchtigung sein?» Eine nüchterne Frage. Es war entnervend, aber in beruflichen Dingen konnte Cathy kalt wie eine Hundeschnauze sein.

«Wir sind noch nicht ganz sicher», antwortete Scott langsam. «Wahrscheinlich eine geringfügige Gebrauchsminderung, aber es dürfte nicht allzu schlimm sein. Wir können nicht garantieren, daß die Funktion ganz wiederhergestellt wird – dafür war der Schaden zu groß.»

«Könnten Sie es vielleicht so ausdrücken, daß ich es verstehe?» Ryan versuchte zornig zu klingen, aber es kam nicht richtig heraus.

«Selbstverständlich, Mr. Ryan. Sie werden den linken Arm wahrscheinlich nicht wieder in dem Maße gebrauchen können wie vorher, aber wie groß die Beeinträchtigung sein wird, läßt sich noch nicht sagen. Außerdem haben Sie nun ein eingebautes Barometer. Jedesmal, wenn das Wetter umschlägt, werden Sie es vor allen anderen wissen.»

«Wie lange muß der Gips bleiben?» fragte Cathy.

«Mindestens einen Monat.» Sein Tonfall war entschuldigend. «Ich weiß, es ist schrecklich hinderlich, aber wir müssen die Schulter mindestens so lange vollkommen ruhigstellen. Danach werden wir uns den Heilungsprozeß ansehen und wahrscheinlich einen normalen Gipsverband anlegen, der etwa . . . noch einen Monat oder ein wenig länger draufbleiben sollte. Ich setze voraus, daß die Wunde gut heilt und keine allergischen Reaktionen auftreten. Ihr Mann scheint in ganz guter Verfassung zu sein, körperlich einwandfrei in Form.»

«Ja, nur daß manchmal eine Schraube locker ist», sagte Cathy mit einem gereizten Unterton in ihrer müden Stimme.

«Schön», sagte Sir Charles. «Sie sehen also, daß Ihr Mann in guten Händen ist. Ich werde Sie jetzt fünf Minuten allein lassen. Dann sollte er ausruhen, und Sie sehen auch aus, als könnten Sie etwas Ruhe gebrauchen.» Der Chirurg verließ das Zimmer mit Bette Davis im Gefolge.

Cathy trat näher ans Bett und war jetzt nur noch besorgte Ehefrau. Ryan sagte sich vielleicht schon zum tausendstenmal, wie glücklich er sich schätzen konnte, sie zu haben. Caroline Ryan hatte ein kleines rundes Gesicht, kurzes strohblondes Haar und die hübschesten blauen Augen von der Welt. Hinter diesen Augen steckte eine Intelligenz, die der seinen mindestens gewachsen war, ein Mensch, den er so liebte, wie ein Mann eine Frau nur lieben kann. Er würde nie begreifen, wie er es geschafft hatte, sie zu erobern. Mit seinem struppigen Bart und seinem viereckigen Kinn nahm er sich neben ihr aus wie ein Waldläufer.

«Schatz», sagte er leise.

«Oh, Jack.» Sie versuchte ihn zu umarmen, aber der Gips – den er nicht mal sehen konnte – kam ihr in die Quere. «Jack, warum zum Teufel hast du das getan?»

Er hatte sich bereits eine Antwort auf diese Frage zurechtgelegt. «Es ist alles vorbei, und ich bin noch am Leben, okay? Wie geht es Sally?»

«Ich glaube, sie schläft jetzt endlich. Sie ist unten, ein Polizist ist bei ihr.» Cathy sah wirklich todmüde aus. «Wie sieht es wohl in ihrem Innern aus? Mein Gott, sie hat zugesehen, wie du um ein Haar getötet wurdest. Wir sind beide fast vor Angst gestorben.» Jack sah, daß ihre porzellanblauen Augen rotgerändert waren, und ihr Haar sah schrecklich aus. Nun ja, sie konnte sowieso nie viel aus ihrem Haar machen. Die OP-Masken ruinierten es immerzu.

«Ja, ich weiß. Aber es sieht so aus, als würde ich mich eine ganze Weile nicht mehr auf diese Art und Weise betätigen können», grunzte er. «Es sieht übrigens so aus, als würde ich mich eine Weile überhaupt nicht mehr betätigen können.» Das rief ein Lächeln hervor. Es tat gut, sie lächeln zu sehen.

«Um so besser. Du mußt mit deinen Kräften haushalten. Vielleicht wird dir dies eine Lehre sein – und erzähl mir nichts von all den Hotelbetten, die nun brachliegen werden.» Sie drückte seine Hand. Ihr Lächeln wurde schelmisch. «In ein paar Wochen werden wir uns sicher etwas einfallen lassen. Wie sehe ich aus?»

«Zum Weglaufen.» Jack lachte leise. «Ich nehme an, dieser Arzt ist eine Kapazität?»

2

Ryan wachte um fünf nach halb sieben auf. Er wußte es, weil im Radio ein Discjockey die Zeit ansagte. Jack wäre froh gewesen, sich einfach wieder vom Schlaf übermannen zu lassen. Er machte die Augen zu und versuchte zu entspannen, aber es hatte keinen Sinn. Die Maschine war sehr früh von Dulles Airport gestartet, kaum drei Stunden, nachdem sie aufgestanden waren. Er hatte im Flugzeug nicht geschlafen – er konnte das einfach nicht –, aber Fliegen strengte ihn an, und er war kurz nach der Ankunft im Hotel ins Bett gegangen. Wie lange hatte er dann bewußtlos im Krankenhaus gelegen? Zu lange, wurde ihm klar. Er war gründlich ausgeschlafen. Er mußte anfangen, der Wirklichkeit wieder ins Auge zu sehen. Er lag in einem anderen Zimmer, und . . .

Das Wichtigste zuerst. Ryan versuchte, seine Finger zu bewegen, die aus einem Gipsverband hervorstanden, als hätte der Chirurg sie vergessen. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sie seinem zentralen Nervensystem gehorchten. Er atmete langsam aus und schloß die Augen, um Gott dafür zu danken. Ungefähr dort, wo sein Ellbogen war, kam eine Metallschiene herunter und vereinte sich mit dem Gips, der, wie Ryan nun sah, an seinem Hals anfing und diagonal bis zur Taille lief. Der Chirurg hatte davon gesprochen, daß sie die Schulter ruhigstellen müßten, und, dachte Ryan düster, es war kein Witz gewesen. Seine Schulter schmerzte auf eine dumpfe, unbestimmte Weise, die noch einiges versprach. Er hatte einen Geschmack im Mund wie ein Pißbecken, und der Rest seines Körpers war steif und wund. Er wandte den Kopf zur anderen Seite.

«Ist da jemand?» fragte er schwach.

«Oh, hallo.» An der Bettkante erschien ein Gesicht. Jünger als Ryan, etwa Mitte zwanzig, schlank. Er hatte die Krawatte gelockert, und unter dem Sakko konnte man den Rand eines Schulterhalfters sehen. «Wie fühlen Sie sich, Sir?»

Ryan versuchte zu lächeln, ohne sich des Erfolgs sicher zu sein. «Ungefähr so, wie ich aussehe, nehme ich an. Wo bin ich, wer sind Sie – aber zuerst hätte ich gern ein Glas Wasser.»

Der Kriminalbeamte goß Eiswasser aus einer Plastikkanne in einen Plastikbecher. Ryan langte mit der rechten Hand danach, ehe er bemerkte, daß sie anders als beim letzten Aufwachen nicht angebunden war. Jetzt konnte er fühlen, wo der Katheter gewesen war. Gierig sog er das Wasser durch den Strohhalm auf. Es war nur Wasser, aber kein Bier nach harter Arbeit hatte je besser geschmeckt. «Danke, mein Sohn.»

«Ich heiße Anthony Wilson. Ich soll auf Sie aufpassen. Sie sind in der VIP-Suite des St. Thomas Hospital. Erinnern Sie sich, warum Sie hier sind, Sir?»

«Ja, ich glaube.» Ryan nickte. «Könnten Sie mich von diesem Ding loshaken? Ich muß mal.»

«Ich läute nach der Schwester – da.» Wilson drückte auf den Knopf, der an den Rand von Ryans Kopfkissen geklammert war.

Weniger als fünfzehn Sekunden später kam eine Schwester ins Zimmer und knipste die Deckenbeleuchtung an. Grelles Licht blendete Jack einen Moment lang, ehe er sah, daß eine neue Schwester eingetreten war, nicht Bette Davis. Diese war jung und hübsch, mit dem eifrigen fürsorglichen Ausdruck, der für Krankenschwestern typisch ist. Ryan kannte ihn von früher und mochte ihn nicht leiden.

«Oh, wir sind wach», sagte sie munter. «Wie geht es uns heute?»

«Fabelhaft», brummte Ryan. «Könnten Sie mich loshaken? Ich muß aufs Klo.»

«Wir dürfen noch nicht aufstehen, Doktor Ryan.» Sie hatten ihr sogar eingetrichtert, daß er einen Doktortitel hatte. Ob sie auch schon wußte, daß er nur Historiker war? «Warten Sie, ich hole Ihnen was.» Sie lief aus dem Zimmer, ehe er widersprechen konnte. Wilson sah ihr anerkennend nach. Bullen und Krankenschwestern, dachte Ryan. Sein Dad hatte eine Krankenschwester geheiratet; er hatte sie kennengelernt, als er einen Angeschossenen in der Notaufnahme eingeliefert hatte.

Die Schwester – auf dem Namensschild stand KITTIWAKE – kam in weniger als einer Minute mit einer Nirosta-Bettente zurück, die sie wie ein kostbares Geschenk trug. Was es unter diesen Umständen auch ist, räumte Ryan stumm ein. Sie schlug die Decke zurück, und Jack wurde plötzlich klar, daß er das Krankenhausnachthemd nicht richtig anhatte – es war nur am Hals zugebunden, und zu allem Überfluß traf die Schwester nun auch noch die notwendigen Vorbereitungen, damit er die Ente benutzen konnte. Seine rechte Hand sauste nach unten, um sie ihr aus der Hand zu nehmen. Er dankte Gott heute zum zweitenmal, diesmal dafür, daß er gerade weit genug nach unten langen konnte.

«Könnten Sie, hm, würden Sie mich eine Minute entschuldigen?» Ryan schickte die Schwester aus dem Zimmer, und sie ging, ihre Enttäuschung hinter einem Lächeln verbergend. Er wartete, bis die Tür geschlossen war, ehe er weitermachte. Aus Rücksicht auf Wilson unterdrückte er einen erleichterten Seufzer. Kittiwake stand wieder im Zimmer, nachdem sie bis sechzig gezählt hatte.

«Danke.» Ryan reichte ihr das Behältnis, und sie verschwand erneut. Die Tür war kaum ins Schloß gefallen, als sie schon wieder neben ihm stand. Diesmal schob sie ihm ein Fieberthermometer in den Mund und packte sein Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Das Thermometer gehörte zu der neuen elektronischen Sorte, und beide Aufgaben waren in fünfzehn Sekunden erledigt. Ryan fragte nach dem Ergebnis und bekam als Antwort ein Lächeln. Das Lächeln blieb, während sie die Einträge auf dem Krankenblatt machte. Nachher zupfte sie, Ryan anstrahlend, das Laken ein wenig zurecht. Kleine Miss Tüchtig, dachte er bei sich. Diese Ziege wird mir noch auf den Wecker fallen.

«Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Herr Doktor?» fragte sie. Ihre braunen Augen straften das weizenblonde Haar Lügen. Sie war zum Anbeißen. Sie wirkte taufrisch. Ryan war unfähig, hübschen Frauen lange zu grollen, und konnte sie deshalb nicht ausstehen. Besonders hübsche Krankenschwestern, die zum Anbeißen aussahen.

«Kaffee?» fragte er hoffnungsvoll.

«Frühstück gibt es erst in einer Stunde. Kann ich Ihnen eine Tasse Tee bringen?»

«Sehr gut.» Es war nicht sehr gut, aber so war er sie für eine Weile los. Schwester Kittiwake segelte mit ihrem Unschuldslächeln aus dem Zimmer.

«Krankenhäuser!» zischte Ryan, als sie gegangen war.

«Oh, ich weiß nicht», bemerkte Wilson, der Schwester Kittiwake noch zu frisch im Gedächtnis hatte.

«Sie sind auch nicht derjenige, dem sie die Windeln wechseln», grunzte Ryan und legte sich aufs Kopfkissen zurück. Er wußte, es war zwecklos, sich dagegen zu wehren. Zwecklos. Er hatte es schon zweimal mitgemacht, beide Male mit hübschen jungen Krankenschwestern. Wenn man mürrisch war, gaben sie sich um so mehr Mühe, atemberaubend nett zu sein – die Zeit war auf ihrer Seite, und sie hatten genug Geduld, um jeden zu zermürben. Er seufzte resigniert. Es lohnte die Energieverschwendung nicht. «Sie sind also ein Bulle, ja? Special Branch?»

«Nein, Sir. Ich bin bei C-13, Antiterror-Abteilung.»

«Können Sie mir sagen, was gestern alles passiert ist? Ich habe wohl ein paar Sachen verpaßt.»

«An wieviel können Sie sich erinnern, Doktor?» Wilson zog seinen Stuhl näher. Ryan registrierte, daß er der Tür halb zugewandt blieb und seine rechte Hand frei hielt.

«Ich sah, das heißt, ich hörte eine Explosion, ich glaube von einer Handgranate, und als ich mich umdrehte, sah ich zwei Burschen, die einen Rolls-Royce durchsiebten. IRA, vermute ich. Ich wurde mit zwei von ihnen fertig, ein dritter entkam in einem Wagen. Dann fuhr die Polizei vor, und ich trat weg und wachte hier wieder auf.»

«Nicht IRA. ULA – Ulster Liberation Army, ein maoistischer Ableger der IRA. Üble Kerle. Getötet haben Sie John Michael McCrory, einen sehr gefährlichen Kerl aus Londonderry, einen von den Burschen, die letzten Juni aus dem Hochsicherheitsgefängnis entkommen sind. Dies war das erstemal, daß er wieder aufgetaucht ist. Und das letzte.» Wilson lächelte kalt. «Den anderen haben wir noch nicht identifizieren können.»

«ULA?» Ryan dachte nach. Er erinnerte sich, das Kürzel gehört zu haben, aber darüber konnte er nicht sprechen. «Dieser Bursche . . . den ich getötet habe. Er hatte ein AK, aber als ich um den Wagen herumkam, benutzte er eine Pistole. Warum?»

«Der Idiot hat es blockiert. Das zweite Magazin war oben verbogen. Ein Glück für Sie. Sie haben gewußt, daß Sie sich mit jemandem anlegten, der ein Kalaschnikoff hatte?» Wilson sah ihn unverwandt an.

Jack nickte. «Klingt nicht sehr intelligent, nicht?»

«Sie sind ein verdammter Narr.» Wilson sagte es in dem Moment, in dem Kittiwake mit einem Teetablett hereinkam. Sie bedachte den Kriminalbeamten mit einem sehr mißbilligenden Blick, während sie das Tablett auf den Nachttisch stellte und ihn dann vorrollte. Kittiwake machte ein paar zierliche Handgriffe und schenkte Ryan ein wie eine Gastgeberin aus dem Westend. Wilson mußte sich selbst bedienen.

«Aber wer war in dem Auto?» fragte Ryan. Er registrierte starke Reaktionen.

«Sie haben es nicht gewußt?» fragte Kittiwake verblüfft.

«Ich hatte nicht genug Zeit, um es festzustellen.» Ryan schüttete zwei Tütchen braunen Zucker in seine Tasse. Er rührte abwesend um, als Wilson seine Frage beantwortete.

«Der Prinz und die Prinzessin von Wales. Und ihr neugeborenes Baby.»

Ryans Kopf fuhr herum. «Was?»

«Sie haben es wirklich nicht gewußt?» fragte die Schwester.

«Es ist also kein Witz», stellte Ryan gelassen fest. Über so etwas würden sie keine Witze machen, nicht wahr?

«Verdammt, nein», fuhr Wilson mit erstaunlich gleichmütiger Stimme fort. Nur die Wahl der Worte verriet, wie sehr die Geschichte ihn mitnahm. «Ohne Sie wären die drei mausetot, und deshalb sind Sie jetzt ein verdammter Held, Doktor.» Er trank seine Tasse aus und fingerte eine Zigarette aus einer Schachtel.

Ryan stellte seine Tasse hin. «Sie meinen, Sie lassen die Königliche Familie hier ohne Polizei oder Secret Service, oder wie immer Sie es nennen, herumfahren? Ohne Eskorte?»

«Vielleicht war die Fahrt nicht vorher angemeldet. Aber ich habe nichts mit den Sicherheitsmaßnahmen für die königliche Familie zu tun. Ich würde allerdings sagen, daß die Leute, die was damit zu tun haben, jetzt einige Dinge überdenken werden», bemerkte Wilson.

«Sie sind nicht verletzt worden?»

«Nein, aber ihr Fahrer ist tot. Ihr Sicherheitsmann vom Diplomatenschutz auch. Er hieß Charlie Winston. Ich kannte ihn. Er hatte eine Frau und vier erwachsene Kinder.»

Ryan gab zu bedenken, daß der Rolls schußsichere Scheiben hätte haben sollen.

Wilson grunzte. «Er hatte schußsichere Scheiben. In Wirklichkeit Plastikscheiben, ein ganz neues Material. Leider scheint kein Mensch gelesen zu haben, was auf der Verpackung stand. Die Garantie läuft nur ein Jahr. Sonne scheint das Zeug irgendwie zu zersetzen. Die Windschutzscheibe war nicht mehr wert als gewöhnliches Sicherheitsglas. Unser Freund McCrory hat dreißig Kugeln hineingepumpt, und die haben die Scheibe einfach weggepustet und den Fahrer getötet. Die innere Trennscheibe war zum Glück nicht der Sonne ausgesetzt gewesen und hat deshalb gehalten. Als letztes drückte Charlie noch den Knopf, der sie hochhebt. Das hat sie wahrscheinlich auch gerettet – und ihm geschadet. Er hatte zwar noch genug Zeit, seine automatische Pistole zu ziehen, aber wir glauben nicht, daß er noch einen Schuß abfeuern konnte.»

Ryan versuchte sich zu erinnern. Hinten im Rolls-Royce war Blut gewesen, nicht nur Blut. Der Kopf des Fahrers war zerfetzt worden, und sein Gehirn war in den Fond gespritzt. Jack zuckte zusammen, als er es sich vorstellte. Der Begleiter hatte sich wahrscheinlich zur Seite gebeugt, ehe er sich verteidigte... Na ja, dachte Ryan, genau das, wofür sie bezahlt werden. Scheißberuf.

«Es war ein Glück, daß Sie in eben dem Moment dazukamen. Es hatten nämlich beide Handgranaten.»

«Ja, ich habe eine gesehen.» Ryan trank den letzten Schluck von seinem Tee. Kittiwake sah, wie er blaß wurde.

«Sie haben doch nichts?» fragte sie.

«Nein», entgegnete Ryan. «In Anbetracht dessen, wie blöd ich war, geht es mir sehr gut. Ich müßte eigentlich tot sein.»

«Nun, soweit werden wir es hier bestimmt nicht kommen lassen.» Sie tätschelte seine Hand. «Läuten Sie bitte, wenn Sie etwas brauchen.» Wieder ein strahlendes Lächeln, und sie ging.

Ryan schüttelte immer noch den Kopf. «Der andere ist entwischt?»

Wilson nickte. «Wir haben sein Auto ein paar Straßen weiter an einer U-Bahnstation gefunden. Es war natürlich gestohlen. Es war kein großes Problem für ihn, sich aus dem Staub zu machen. Zuerst die U-Bahn. Wahrscheinlich nach Heathrow, und dann mit einer Maschine weg zum Kontinent, sagen wir nach Brüssel, und von dort aus mit einer anderen Maschine nach Ulster oder in die Republik Irland und dann einfach mit dem Wagen nach Haus. Das wäre eine Route, es gibt noch andere, und es ist unmöglich, sie alle zu kontrollieren. Gestern abend hat er sicher schon in seinem Lieblingspub gestanden und ein Bier getrunken und in aller Ruhe die Nachrichten gehört. Haben Sie ihn gesehen?»

«Nein, nur eine Gestalt. Genau danach kam der Soldat angerannt.» Ryan zuckte wieder zusammen. «Jesus, ich dachte, er würde mich abstechen wie ein Schwein. Eine Sekunde lang hatte ich alles vor Augen – ich tue eine gute Tat und werde von der Palastwache abgemurkst.»

Wilson lachte. «Sie wissen nicht, was für ein Glück Sie hatten. Die Truppe, die den Palast im Augenblick bewacht, ist von der Walisischen Garde.»

«Und?»

«Das Leibregiment Seiner Königlichen Hoheit. Er ist ihr kommandierender Colonel. Sie standen mit einer Pistole in der Hand da- wie hätte er denn reagieren sollen?» Wilson drückte seine Zigarette aus. «Es war ein Riesenglück für Sie, daß Ihre Tochter und Ihre Frau zu ihnen gelaufen kamen und daß der Soldat beschloß, so lange zu warten, bis er die Lage einigermaßen überblickte. Und dann kam unser Mann und löste ihn ab.»

«Mit meiner Familie ist alles in Ordnung?»

Wilson lächelte ein bißchen merkwürdig. «Sie sind in besten Händen, Doktor. Darauf kann ich Ihnen mein Wort geben.»

«Sagen Sie Jack zu mir.»

«Sehr gut. Meine Freunde nennen mich Tony.» Endlich war es soweit, daß sie sich die Hand gaben. «Und wie ich schon sagte, Sie sind jetzt der große Held. Wollen Sie wissen, was die Zeitungen schreiben?» Er reichte Ryan einen Daily Mirror und eine Times.

«Großer Gott!»

Ein Foto von ihm – wie er bewußtlos am Rolls saß – nahm fast die ganze erste Seite des Boulevardblatts Daily Mirror ein. Seine Brust war eine rote Masse.

ANSCHLAG AUF CHARLES UND DI RETTER EIN US-MARINEINFANTERIST

Ein mutiger amerikanischer Tourist vereitelte heute einen Mordanschlag auf Ihre Königlichen Hoheiten den Prinzen und die Prinzessin von Wales, der in Sichtweite des Buckingham-Palasts stattfand.

John Patrick Ryan, Historiker und früher Leutnant der Marineinfanterie der Vereinigten Staaten, griff die Attentäter in der Mall unbewaffnet an, während über hundert Londoner in ungläubigem Entsetzen zusahen. Der 31jährige Ryan aus Annapolis, Maryland, machte einen der Schützen kampfunfähig, bemächtigte sich seiner Waffe und erschoß damit den anderen. Er wurde dabei schwer verwundet. Ein Krankenwagen brachte ihn ins St. Thomas Hospital, wo Sir Charles Scott unverzüglich einen Noteingriff vornahm.

Angeblich ist ein dritter Terrorist entkommen, indem er die Mall in östlicher Richtung entlangfuhr und dann in die Marlborough Road nach Norden bog.

Hohe Polizeibeamte äußerten die Überzeugung, daß Ihre Hoheiten ohne Ryans Eingreifen zweifellos ums Leben gekommen wären.

Ryan blätterte um und sah noch ein Farbfoto von sich, eines aus glücklicheren Tagen. Es war das Erinnerungsfoto von dem Tag, als er in Quantico sein Leutnantspatent bekommen hatte, und er mußte lächeln über den stolzen jungen Mann in dem blauen Rock mit zwei goldenen Streifen und dem gegürteten Türkensäbel. Es war eine der wenigen anständigen Aufnahmen, die je von ihm gemacht worden waren.

«Woher haben Sie das?»

«Oh, Ihre Kameraden von der Marineinfanterie waren sehr gefällig. Eines von Ihren Schiffen, ein Hubschrauberträger oder so was, liegt nämlich gerade in Portsmouth. Nachdem wir den Ausweis des Vereins ehemaliger Green Berets bei Ihnen fanden, ergab sich alles andere von selbst. Wie ich höre, kriegen Ihre Kameraden seit gestern abend so viel Freibier, wie sie wollen.»

Ryan lachte. Dann nahm er die Times, deren Schlagzeilen kaum weniger marktschreierisch waren:

Der Prinz und die Prinzessin von Wales entrannen heute nachmittag knapp dem sicheren Tod. Drei, möglicherweise vier mit Kalaschnikoff-Kampfgewehren und Handgranaten bewaffnete Terroristen lauerten ihrem Rolls-Royce auf, und der Anschlag wurde nur durch das kühne Eingreifen eines jungen Amerikaners vereitelt. Der Retter heißt J. P. Ryan, war früher Leutnant bei der US-Marineinfanterie und arbeitet heute als Historiker...

Ryan blätterte zur Seite mit den Leitartikeln. Der erste, vom Verleger unterzeichnete, forderte Vergeltung, lobte Ryan, Amerika und die US-Marineinfanterie und dankte der göttlichen Vorsehung mit Wendungen, die einer päpstlichen Bulle würdig waren.

«Na, zufrieden?» Ryan sah auf. Sir Charles Scott stand mit dem Krankenblatt am Fußende des Betts.

«Ich stehe zum erstenmal in der Zeitung.» Ryan legte sie hin.

«Sie haben es verdient, und der Schlaf scheint Ihnen gutgetan zu haben. Wie fühlen Sie sich?»

«Nicht schlecht, in Anbetracht der Umstände. Wie geht es mir?» fragte Ryan.

«Puls und Temperatur sind normal – fast normal. Mit ein bißchen Glück könnten wir sogar eine postoperative Infektion vermeiden, obgleich ich nicht darauf wetten würde», sagte der Arzt. «Wie schlimm sind die Schmerzen?»

«Na ja, ich kann damit leben», antwortete Ryan vorsichtig.

Ryans Karriere bei den Marines hatte bereits nach drei Monaten bei einem Nato-Manöver mit einem Hubschrauberabsturz an der Küste Kretas geendet. Er hatte eine Rückenverletzung davongetragen und war ins Bethesda Naval Medical Center bei Washington gelegt worden, wo die Ärzte etwas zu großzügig mit den Schmerzmitteln umgegangen waren, so daß er nachher zwei Wochen gebraucht hatte, um von ihnen loszukommen. Es war eine Erfahrung, die er nicht wiederholen wollte.

Sir Charles nickte nachdenklich. «Das habe ich mir gedacht. Nun, es ist Ihr Arm.» Die Schwester kam wieder ins Zimmer, als er ein paar Einträge auf dem Krankenblatt machte. «Drehen Sie das Bett bitte etwas hoch.»

Ryan hatte nicht bemerkt, daß das Gestell, an dem sein Arm hing, in Wirklichkeit rund war. Als das Kopfende höher gestellt wurde, sank sein Arm in eine angenehmere Stellung. Der Arzt schaute über die Brillengläser hinweg auf seine Finger.

«Würden Sie sie bitte bewegen?» Ryan tat es. «Gut, sehr gut. Ich glaube nicht, daß ein Nerv geschädigt ist. Doktor Ryan, ich werde Ihnen etwas Harmloses verschreiben, gerade genug, um den Schmerzen die Spitze zu nehmen. Aber ich möchte, daß Sie alles einnehmen, was ich verschreibe.» Scott beugte sich etwas tiefer und sah Ryan an. «Ich habe noch nie einen Patienten mit Tablettensucht gehabt, und ich möchte nicht mit Ihnen anfangen. Seien Sie nicht dickköpfig – Schmerzen und Beschwerden würden den Genesungsprozeß verlangsamen. Ich nehme doch nicht an, Sie wollen mehrere Monate im Krankenhaus bleiben?»

«Ich habe verstanden, Sir Charles.»

«Sehr schön.» Der Chirurg lächelte. «Falls Sie meinen, daß Sie etwas Stärkeres brauchen, ich werde den ganzen Tag dasein. Läuten Sie einfach nach Schwester Kittiwake.»

 

Die eigentliche Polizeimacht kam gegen halb neun. In der Zwischenzeit hatte Ryan es geschafft, sein Krankenhausfrühstück zu essen und sich ein bißchen frisch zu machen. Das Frühstück war eine gewaltige Enttäuschung gewesen, und Wilson schüttelte sich vor Lachen über Ryans Kommentar – aber er hatte Kittiwake so traurig gemacht, daß er sich veranlaßt sah, alles zu essen, sogar die eingeweichten Backpflaumen, die er schon als kleiner Junge gehaßt hatte. Erst danach war ihm klargeworden, daß ihr Verhalten wahrscheinlich nur ein Trick gewesen war, mit dem sie ihn dazu bringen wollte, den ganzen Schleim zu essen. Krankenschwestern, rief er sich ins Gedächtnis, sind trickreich. Um acht war ein Pfleger gekommen, um ihm beim Waschen zu helfen. Ryan rasierte sich, während der Pfleger den Spiegel hielt und jedesmal, wenn er sich einen Schnitt zufügte, mit der Zunge schnalzte. Vier Schnitte – normalerweise rasierte er sich elektrisch und hatte seit Jahren keine nackte Klinge mehr gesehen. Um halb neun hatte er das Gefühl, wieder einigermaßen menschlich auszusehen. Kittiwake hatte ihm eine zweite Tasse Kaffee gebracht. Er war nicht sehr gut, aber es war Kaffee.

Es waren drei Kriminalbeamte, sehr ranghohe, dachte Ryan, denn Wilson sprang auf wie angestochen und hastete hin und her, um ihnen Stühle zurechtzurücken, ehe er sich zurückzog.

James Owens schien der ranghöchste zu sein, und er erkundigte sich nach Ryans Zustand, so höflich, daß es wahrscheinlich aufrichtig gemeint war. Er erinnerte Ryan an seinen Vater – ein grobschlächtiger Mann, der, seinen knotigen Händen nach zu urteilen, mehr als ein paar Jahre dem Gesetz als Streifenpolizist auf die mühsame Weise Geltung verschafft hatte, ehe er zum Commander befördert worden war.

Chief Superintendent William Taylor war etwa vierzig, jünger als sein Kollege von der Antiterror-Abteilung und gewandter. Beide Kriminalbeamte waren gut gekleidet und hatten die rotgeränderten Augen, die von einer durchgearbeiteten Nacht zeugen. David Ashley war der jüngste und bestgekleidete von den dreien. Ungefähr Ryans Größe und Gewicht, vielleicht fünf Jahre älter. Er bezeichnete sich als Vertreter des Innenministeriums und wirkte bedeutend angenehmer als die anderen beiden.

«Sind Sie ganz sicher, daß Sie sich einer Befragung gewachsen fühlen?» sagte Taylor.

Ryan zuckte mit den Schultern. «Warum soll ich es auf die lange Bank schieben?»

Owens nahm einen Kassettenrecorder aus seiner Aktenmappe und stellte ihn auf den Nachttisch. Er schloß zwei Mikrofone an und richtete das eine auf Ryan, das andere auf sich und seine Kollegen. Er drückte die Aufnahmetaste und sagte Datum, Uhrzeit und Ort an.

«Doktor Ryan», fragte Owens förmlich, «wissen Sie, daß dieses Gespräch aufgezeichnet wird?»

«Ja, Sir.»

«Und haben Sie irgendwelche Einwände dagegen?»

«Nein, Sir. Darf ich etwas fragen?»

«Sicher», antwortete Owens.

«Wirft man mir etwas vor? Wenn ja, würde ich mich gern mit meiner Botschaft in Verbindung setzen und einen Anwalt...» Ihm war mehr als nur ein wenig unbehaglich zumute, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit höchster Polizeibeamter zu stehen, aber das Schmunzeln von Mr. Ashley ließ ihn innehalten. Er bemerkte, daß die anderen ihm die Antwort überließen.

«Doktor Ryan, Sie scheinen etwas in den falschen Hals bekommen zu haben. Um Sie zu beruhigen: wir haben nicht die mindeste Absicht, Ihnen irgend etwas vorzuwerfen. Wenn wir das täten, säßen wir sicher vor Feierabend auf der Straße und müßten uns einen neuen Job suchen.»

Ryan nickte und gab sich Mühe, seine Erleichterung nicht zu zeigen. Er war nicht sicher gewesen, hatte nur gewußt, daß das Gesetz nicht immer logisch sein muß. Owens fing an, seine Fragen von einem gelben Notizblock abzulesen.

«Würden Sie uns bitte Ihren Namen und Ihre Adresse sagen?»

«John Patrick Ryan. Unsere Postadresse ist Annapolis, Maryland. Wir wohnen in Peregrine Cliff, etwa fünfzehn Kilometer südlich von Annapolis an der Chesapeake Bay.»

«Und Ihr Beruf?» Owens hakte etwas auf seinem Block ab.

«Ich nehme an, man kann sagen, daß ich mehrere Beschäftigungen habe. Ich unterrichte Geschichte an der Marineakademie in Annapolis. Gelegentlich halte ich Vorlesungen am Naval-War-College in Newport, und ab und zu bin ich nebenbei als Berater tätig.»

«Das ist alles?» fragte Ashley mit einem freundlichen Lächeln – war es freundlich? fragte Ryan sich. Was mochten sie bisher, in den rund fünfzehn Stunden, die seit dem Anschlag vergangen waren, alles über ihn herausgefunden haben, und worauf spielte Ashley an? Du bist kein Bulle, dachte Ryan. Was bist du genau? Wie dem auch war, er mußte bei seiner Tarnung bleiben, derzufolge er einen Beratervertrag mit der Mitre Corporation hatte.

«Und der Zweck Ihres Besuchs in Großbritannien?» fuhr Owens fort.

«Urlaub und Recherchen. Ich sammle Material für ein neues Buch, und Cathy mußte dringend ausspannen. Sally geht noch in den Kindergarten, und deshalb beschlossen wir, erst jetzt zu fahren, nach den großen Ferien.» Ryan nahm eine Zigarette aus der Schachtel, die Wilson liegengelassen hatte. Ashley zückte ein goldenes Dunhill-Feuerzeug und gab ihm Feuer. «In meinem Jackett – wo immer es sein mag – finden Sie Empfehlungsschreiben für Ihre Admiralität und das Königliche Marinecollege in Dartmouth.»

«Wir haben die Briefe», bemerkte Owens. «Ich fürchte, sie sind ziemlich unleserlich, und das Jackett werden Sie wohl auch als Totalverlust abschreiben müssen. Was das Blut nicht ruinierte, haben Ihre Frau und der Sergeant aufgeschnitten. Wann sind Sie also in Großbritannien eingetroffen?»

«Es ist doch noch Donnerstag, oder? Hm, wir sind Dienstagabend vom Dulles International bei Washington gekommen. Gegen halb acht. Gegen halb zehn waren wir im Hotel, bestellten eine Kleinigkeit zu essen aufs Zimmer und gingen dann sofort zu Bett. Fliegen ist immer eine Strapaze für mich – die Zeitverschiebung oder was weiß ich. Ich war sofort weg.» Das stimmte nicht ganz, aber Ryan fand, daß sie nicht alles wissen mußten.

Owens nickte. Sie hatten also bereits erfahren, warum Ryan das Fliegen haßte. «Und gestern?»

«Ich bin gegen sieben aufgewacht, glaube ich, und habe mir Frühstück und eine Zeitung kommen lassen und dann bis gegen halb neun einfach faul im Bett gelegen. Anschließend habe ich mich für vier Uhr mit Cathy und Sally im Park verabredet und bin mit einem Taxi zur Admiralität gefahren, die ganz in der Nähe war, wie sich herausstellte. Ich hätte ebensogut zu Fuß gehen können. Ich hatte wie gesagt einen Einführungsbrief für Admiral Sir Alexander Woodson, den Mann, der für das Marinearchiv verantwortlich ist – er ist übrigens schon im Ruhestand. Er führte mich in einen muffigen Keller unter dem Keller hinunter. Er hatte die Sachen, die ich brauchte, schon für mich heraussuchen lassen. Ich mußte einige Funkspruchmappen durchsehen. Admiralitätsfunksprüche zwischen London und Admiral Sir James Somerville. Er befehligte Anfang 1942 Ihre Indische-Ozean-Flotte, und das gehört zu den Dingen, über die ich schreibe. Also saß ich die nächsten drei Stunden über verblichenen Durchschlägen von Marinedepeschen und machte Notizen.»

«Auf dem hier?» Ashley hielt Ryans Schreibunterlage hoch. Jack riß sie ihm förmlich aus der Hand.

«Gott sei Dank!» rief er aus. «Ich war sicher, es wäre verlorengegangen.» Er klappte sie auf, stellte sie auf den Nachttisch und tippte einige Anweisungen ein. «Ha! Es funktioniert noch!»

«Was ist das eigentlich?» wollte Ashley wissen. Alle drei standen auf, um es zu betrachten.

«Das ist mein Baby», sagte Ryan und griente. Aufgeklappt gab die Schreibunterlage eine schreibmaschinenähnliche Tastatur und eine gelbe Flüssigkristallanzeige frei. In geschlossenem Zustand sah sie aus wie eine teure Schreibunterlage, gut zwei Zentimeter dick und in Leder gebunden. «Ein Cambridge Datamaster-Minicomputer, Modell C. Ein Freund von mir stellt sie her. Er hat einen Mikroprozessor MC-68000 und einen Zwei-Megabyte-Blasenspeicher.»

«Könnten Sie das übersetzen?» fragte Taylor.

«Entschuldigung. Es ist ein tragbarer Computer. Der Mikroprozessor macht die eigentliche Arbeit. Zwei Megabytes bedeutet, daß der Speicher bis zu zwei Millionen Buchstaben faßt, also genug für ein ganzes Buch, und da es ein Blasenspeicher ist, gehen die Informationen nicht verloren, wenn man ihn abschaltet. Ein Junge, mit dem ich zur Schule ging, hat sich selbständig gemacht und fabriziert diese kleinen Wunderwerke. Er bat mich um ein bißchen Startkapital. Zu Hause benutze ich einen Apple, der Cambridge ist nur für Reisen und Archivarbeiten.»

«Wir wußten, daß es irgendein Computer ist, aber unsere Leute konnten ihn nicht in Gang bringen.»

«Ein Sicherheitsmechanismus. Ehe man ihn das erstemal benutzt, gibt man seinen Benutzercode ein und aktiviert die Sperre. Wenn man ihn dann benutzen will und den Code nicht eintippt, arbeitet er nicht. So einfach ist es.»

«Wirklich?» bemerkte Ashley. «Wie narrensicher?»