Ziel erfasst - Tom Clancy - E-Book

Ziel erfasst E-Book

Tom Clancy

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Beschreibung

Jack Ryan for President!

Die Starbesetzung von Tom Clancy ist wieder da: Jack Ryan und John Clark sehen sich zusammen mit Jack Ryan jr. und dem übrigen Campus-Team der größten Herausforderung ihres Lebens gegenüber. Es droht nicht nur eine atomare Auseinandersetzung im Mittleren Osten, auch der Feind im Inneren rüstet sich zum Krieg mit allen Mitteln. Der spannungsreiche Technothriller schließt unmittelbar an »Dead or Alive« an, das große Comeback von Tom Clancy.

Jack Ryan sr. stellt sich wieder zur Wahl für das Amt des US-Präsidenten. Er will seinem Land angesichts der terroristischen Bedrohung in dessen schwerster Stunde beistehen. Allerdings hat er nicht mit der Niedertracht seiner Gegner gerechnet, die ihn mit erfundenen Vorwürfen gegen John Clark, seinen engsten Vertrauten, konfrontieren. Wer steckt hinter den zwielichtigen Operationen, die ihn und Clark zur Strecke bringen sollen? Währenddessen befasst sich der Campus – ein inoffizieller, top-secret Geheimdienst, der Jack Ryan zuarbeitet – im Nahen und Mittleren Osten mit einer brisanten anderen Frage: Was hat ein hoher pakistanischer Militär mit russlandfeindlichen, dagestanischen Terroristen zu schaffen? Die Antwort führt schließlich zu einem verzweifelten Ringen, bei dem nichts weniger als der Weltfriede auf dem Spiel steht ...

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ZIEL ERFASST

TOM

CLANCY

UND

MARK GREANEY

ZIEL ERFASST

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Locked On

bei G.P. Putnam’s Sons, New York

Redaktion: Werner Wahls

Copyright © 2011 by Rubicon, Inc.

Copyright © 2013 der deutschen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-09232-0

www.heyne.de

1

Die Russen nennen ihren Kamow-50-Kampfhubschrauber Tschornaja Akula – den Schwarzen Hai. Der Name passt, denn er ist wendig und schnell und erlegt seine Beute effizient und wirksam.

Zwei dieser Schwarzen Haie tauchten kurz vor Tagesanbruch plötzlich aus einer Nebelbank auf und schossen mit zweihundert Knoten nur zehn Meter über dem harten Talboden durch die mondlose Nacht. Sie flogen in enger Formation und hatten ihre Positionslichter ausgeschaltet. Sie folgten im Tiefstflug einem trockenen Flussbett, das sich dreißig Kilometer nordwestlich von Argwani, dem nächsten größeren Dorf hier im westlichen Dagestan, durch die Berge schlängelte.

Die gegenläufig rotierenden Koaxialrotoren des Ka-50 zerschnitten die dünne Gebirgsluft. Durch diese einzigartige Doppelrotor-Konstruktion war ein Heckrotor überflüssig. Dies machte die Hubschrauber schneller, weil mehr Motorkraft in den Schub und Vortrieb geleitet wurde. Außerdem waren sie weniger anfällig gegenüber Bodenfeuer, da sie dadurch einen Gefahrenpunkt weniger aufwiesen, der bei einem Treffer zu einem verheerenden Systemausfall führen konnte.

Diese Eigenschaft machte den Schwarzen Hai zusammen mit einigen weiteren redundanten Systemen – einem selbstversiegelnden Treibstofftank und einer zum Teil aus Verbundwerkstoffen wie Kevlar bestehenden Zelle – zu einer außerordentlich robusten Kampfmaschine, die darüber hinaus absolut tödlich war. So waren auch die beiden Hubschrauber auf dem Weg zu ihrem Ziel in Russlands nördlichem Kaukasus voll aufmunitioniert. Jeder von ihnen hatte vierhundertfünfzig 30-mm-Geschosse für seine Unterrumpf-Maschinenkanone an Bord. Dazu kamen noch vierzig ungelenkte Luft-Boden-Raketen, Kaliber 80 mm, die von außen liegenden Rohrstartbehältern abgefeuert wurden, und ein Dutzend AT-16 – lasergesteuerte Panzerabwehrlenkwaffen, die an zwei externen Pylonen unter den Stummelflügeln hingen.

Die beiden Ka-50 waren »Notschnij«-(Nacht)-Modelle, die schon allein durch ihre schwarze Farbe in der Dunkelheit kaum zu erkennen waren. Als sie sich jetzt ihrem Ziel näherten, verhinderten nur die Nachtsichtgeräte der Piloten, ihre ABRIS-Moving-Maps-Navigationssysteme und ihr FLIR (Forward-Looking Infrared Radar), dass die Hubschrauber auf die steilen Felswände auf beiden Talseiten oder den Talboden prallten oder in der Luft miteinander kollidierten.

Der Führungspilot überprüfte die Zeit bis zum Erreichen des Ziels und rief dann in das Mikro seines Headsets: »Sjem minut!« Sieben Minuten.

»Ponjal« – Verstanden –, kam die Antwort aus dem Schwarzen Hai hinter ihm.

Das Dorf, das sieben Minuten später in Flammen aufgehen würde, lag noch in tiefem Schlaf.

In einer Scheune mitten in einer Gebäudegruppe auf der felsigen Anhöhe über dem Tal lag Israpil Nabijew auf seinem Strohlager und versuchte zu schlafen. Er steckte den Kopf in den Mantelkragen und verschränkte die Arme fest um seinen Brustgurt. Sein dichter Vollbart schützte seine Wangen ein wenig, aber seine hervorstehende Nasenspitze war schutzlos der Kälte ausgesetzt. Seine Handschuhe hielten die Finger warm, aber ein stetiger kalter Luftzug blies ihm die Ärmel bis zu den Ellenbogen hoch.

Nabijew war ein Stadtkind. Er stammte aus Machatschkala an der Küste des Kaspischen Meeres. Er hatte zwar schon in unzähligen Scheunen, Höhlen, Zelten oder Erdgräben unter freiem Himmel genächtigt, war jedoch in einem Wohnplattenbau mit Strom, fließendem Wasser, Toiletten und einem Fernseher aufgewachsen, Annehmlichkeiten, die er im Moment schmerzlich vermisste. Doch er beklagte sich nicht. Er wusste, dass diese Inspektionstour nötig war. Es gehörte zu seinen Aufgaben, alle paar Monate die Runde zu machen und seine Truppen reihum zu besuchen, ob ihm das nun passte oder nicht.

Wenigstens musste er nicht alleine leiden. Tatsächlich ging Nabijew nirgendwo alleine hin. Fünf Mitglieder seiner Sicherheitstruppe froren mit ihm in dieser eiskalten Scheune. Er hörte in der Dunkelheit ihr Schnarchen und roch ihre Körper und das Waffenöl ihrer Kalaschnikows. Die anderen fünf Männer, die ihn aus Machatschkala hierher begleitet hatten, hielten zusammen mit der Hälfte der einheimischen Kämpfer draußen Wache. Sie saßen hellwach mit dem Gewehr im Schoß vor der Scheune. Nur die Kanne mit heißem Tee, die ständig nachgefüllt wurde, spendete ihnen von Zeit zu Zeit etwas Wärme.

Israpils eigenes Gewehr lag als letztes Mittel der Selbstverteidigung in Griffweite. Es handelte sich um eine AK-74U, eine Variante der altehrwürdigen, aber immer noch hocheffizienten Kalaschnikow, die sich durch einen verkürzten Lauf auszeichnete, was zu einer höheren Feuerrate führte. Als er sich zur Seite rollte, um dem unangenehmen Luftzug zu entgehen, tastete er mit der Hand nach deren Plastikgriff, zog sie näher an sich heran und drehte sich dann auf den Rücken. Mit den schweren Stiefeln an seinen Füßen, dem Pistolengurt um die Hüfte und dem an seinen Oberkörper geschnallten Brustgurt voller Gewehrmagazine war es verdammt schwer, eine einigermaßen bequeme Stellung zu finden.

Eigentlich hielt ihn jedoch nicht die Unbequemlichkeit dieser Scheune und seiner Ausrüstung, sondern vor allem die ständig nagende Sorge vor einem Angriff wach. Israpil wusste sehr wohl, dass die Russen es auf ihn abgesehen hatten. Sie hielten ihn für den zukünftigen Kopf des Widerstands, für die Zukunft seines Volkes, und zwar nicht nur die Zukunft des islamischen Dagestans, sondern die Zukunft eines islamischen Kalifats im Kaukasus.

Nabijew war ein erstrangiges Ziel Moskaus, da er fast sein ganzes bisheriges Leben gegen dessen Repräsentanten gekämpft hatte. Bereits im Alter von elf Jahren hatte er damit begonnen. Seinen ersten Russen hatte er 1993 in Bergkarabach mit gerade einmal fünfzehn Jahren getötet. Seitdem hatte er in Grosny, Tiflis, Zchinwali und Machatschkala noch viele andere zur Strecke gebracht.

Jetzt war er mit nicht einmal fünfunddreißig Jahren zum militärischen Führer der dagestanischen radikalislamischen Organisation Jamaat Shariat, der »Islamischen Rechtsgemeinschaft«, aufgestiegen, wobei er Kämpfer vom Kaspischen Meer im Osten bis nach Tschetschenien, Georgien und Ossetien im Westen anführte, die alle für dasselbe Ziel kämpften: die Vertreibung der fremden Invasoren und die Errichtung der Scharia.

Inschallah – so Gott will – würde Israpil Nabijew schon bald seinen Traum erfüllen und alle islamischen Organisationen des Kaukasus vereinen.

Die Russen hatten also recht. Er war die Zukunft des Widerstands.

Auch seine eigenen Leute wussten das, was sein hartes Leben etwas erleichterte. Die zehn Soldaten in seiner Sicherheitstruppe würden genauso wie die dreizehn Kämpfer der örtlichen Argwanizelle voller Stolz ihr Leben für Israpil hingeben.

Erneut wuchtete er seinen Körper herum, um sich vor dem unangenehmen Luftzug zu schützen und wenigstens noch etwas Ruhe zu finden, wobei er jedoch seine Waffe nicht aus der Hand ließ. Man muss es nehmen, wie es kommt, dachte er. Er hoffte, dass zumindest vor Tagesanbruch keiner seiner Männer sein Leben für ihn opfern musste.

Israpil Nabijew glitt in den Schlaf hinüber, während auf der Anhöhe über dem Dorf der erste Hahn krähte.

Das Krähen des Hahns unterbrach den Funkspruch des Russen, der einige Meter von dem großen Vogel entfernt im hohen Gras lag. Er wartete ein paar Sekunden, bis der Hahn zum dritten Mal gekräht hatte, dann brachte er seine Lippen wieder an das Funkgerät heran, das an seinem Brustgurt festgemacht war. »Alpha-Team an Aufklärung. Wir sehen euch und schließen in einer Minute zu euch auf.«

Es gab keine gesprochene Antwort. Das Scharfschützenteam war gezwungen gewesen, bis auf zehn Meter an einen Ziegelschuppen heranzurücken, um ihr Ziel weitere hundert Meter vor ihnen ins Blickfeld zu bekommen. So nahe am Gegner würden sie auf keinen Fall sprechen, nicht einmal flüstern. Der vorgeschobene Beobachter drückte nur zwei Mal auf seine Sendetaste. Die beiden Klicks bestätigten, dass er die Botschaft des Alpha-Teams empfangen hatte.

Auf der Anhöhe hörten acht Mann die beiden Klicks und rückten daraufhin langsam durch die Dunkelheit vor.

Alle acht gehörten zusammen mit den zwei Scharfschützen zu den bewaffneten Kräften des russischen Federalnaja Sluschba Besopasnosti, des »Föderalen Dienstes für die Sicherheit der Russischen Föderation«, wie der aus dem KGB hervorgegangene russische Inlandsgeheimdienst jetzt hieß. Sie waren sogar Teil des Alpha-Direktorats des Zentrums für Spezialoperationen des FSB. Als absolute Elitetruppe aller russischen Speznaz-Einheiten waren die Mitglieder der Alpha-Gruppe Experten auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung, Geiselbefreiung, des Häuser- und Straßenkampfs und einer ganzen Reihe weiterer tödlicher Fertigkeiten. Sie waren allesamt Spezialisten im Gebrauch von Feuer- und Stichwaffen sowie Sprengstoffen und im Nahkampf. Dieses Alpha-Team bestand aus hartgesottenen Profikillern, die sich lautlos durch das Gelände bewegten und verdeckt operieren konnten.

Die ganze Nacht waren die Russen langsam vorgerückt, wobei die gespannte Aufmerksamkeit all ihrer Sinne niemals nachließ. Ihr Eindringen war perfekt gelungen. Auf dem sechsstündigen Weg zu ihrem Zielpunkt hatten sie nichts als Wald gerochen und außer Tieren nichts Lebendiges gesehen: Kühe, die im Stehen schliefen oder unbeaufsichtigt auf Weiden grasten, Füchse, die aus dem Wald herauskamen und wieder darin verschwanden, und sogar Steinböcke, die sich hoch oben durch den nackten Fels bewegten.

Dagestan war ihnen nicht fremd, die Operationen im benachbarten Tschetschenien waren da weitaus vertrauter. Offen gesagt, gab es dort einfach mehr Terroristen, die getötet werden mussten, als in Dagestan, obwohl die Jamaat Shariat alles unternahm, um mit ihren muslimischen Brüdern im Westen gleichzuziehen. In Tschetschenien gab es mehr Berge und Wälder, während die Hauptkonfliktzonen in Dagestan in den Städten lagen. Allerdings bildete das heutige »Omega«, das heutige Ziel, die Ausnahme von dieser Regel. Bewaldete Felshöhen umgaben eine eng beieinanderliegende Ansammlung von Gehöften, verbunden durch unbefestigte Wege, in deren Mitte eine Rinne verlief, durch die das Regenwasser zum Fluss weiter unten ablaufen konnte.

Die Soldaten hatten ihr Dreitagegepäck einen Kilometer weiter hinten abgelegt und trugen jetzt nur noch das am Körper, was für den Kampf nötig war. Jetzt versuchten sie, unsichtbar zu bleiben, und robbten auf allen vieren über die Weide direkt oberhalb des Dorfes und danach jeweils zu zweit über eine Viehkoppel. Sie passierten ihr Scharfschützenteam am Rand der Ansiedlung und schlichen dann zwischen den Gebäuden hindurch, einem Futterschuppen, einem Klohäuschen, einem Einfamilienhaus und einem aus Ziegeln errichteten Traktorschuppen mit Wellblechdach. Dabei hatten sie jede Ecke, jeden Weg und jedes dunkle Fenster mit ihren Nachtsichtgeräten fest im Blick.

Sie trugen AK-105-Gewehre und Hunderte von zusätzlichen 5,45x39-mm-Patronen in flachen Magazinbrustgurten, die es ihnen erlaubten, sich flach auf den Boden zu legen, um sich vor den Augen eines Wächters oder feindlichem Beschuss zu verbergen. Ihre grünen Feldjacken und gleichfarbigen Schutzwesten waren schlammverschmiert, mit Grasflecken übersät und von geschmolzenem Schnee und dem Schweiß durchnässt, den sie trotz der Kälte bei ihrem anstrengenden Vormarsch vergossen.

An ihren Gürteln hingen Holster mit russischen Varjag-MP-445-Pistolen, Kaliber 9 mm. Einige trugen daneben noch schallgedämpfte 5,45-mm-Pistolen, um eventuelle Wachhunde mit einem 45-Grain-Hohlspitzgeschoss in den Kopf schlagartig ruhigzustellen.

Sie fanden den mutmaßlichen Aufenthaltsort ihrer Zielperson und bemerkten dabei Bewegungen vor der Scheune. Wachen! In den danebenliegenden Gebäuden würde es sicher noch mehr geben. Einige waren bestimmt auch noch wach, obwohl ihre Aufmerksamkeit in dieser frühen Morgenstunde sicher nicht mehr die größte war.

Sie umgingen den Zielbereich in einem weiten Bogen, wobei sie zuerst eine Minute lang mit dem Gewehr in den Armbeugen auf ihren Ellbogen krochen, um sich dann zwei weitere Minuten auf Händen und Knien vorwärtszubewegen. Ein Esel wurde unruhig, ein Hund bellte, und eine Ziege meckerte, was jedoch alles für den frühen Morgen in einem Bauerndorf nichts Ungewöhnliches war. Schließlich verteilten sich die acht Soldaten in vier Zweiergruppen entlang der Rückseite des Gebäudes, wobei jede ein vorherbestimmtes Schussfeld abdeckte. Hilfreich war, dass ihre russischen Gewehre mit einem amerikanischen holografischen Laservisier der Firma EOTech ausgerüstet waren. Die Männer visierten sorgfältig durch ihr rotes Fadenkreuz die ihnen zugewiesenen Fenster, Türen oder Gebäudedurchgänge an.

Dann, und erst dann, flüsterte der Teamführer in sein Funkgerät: »Sind in Stellung!«

Ein gewöhnlicher Angriff auf einen Terroristenstützpunkt hätte ganz anders ausgesehen. Die Alpha-Truppe wäre mit großen Mannschaftstransportpanzern oder Hubschraubern angerückt. Flugzeuge hätten das Dorf mit Raketen angegriffen, während die Teams von ihren Schützenpanzern abgesprungen wären oder sich von den Transporthubschraubern abgeseilt hätten.

Aber das hier war kein gewöhnlicher Einsatz. Sie hatten den Auftrag, ihre Zielperson – wenn irgend möglich – lebend zu fangen.

Laut FSB-Quellen kannte der Mann, hinter dem sie her waren, die Namen, Aufenthaltsorte und Verbindungen praktisch aller dschihadistischen Führer in Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien. Bekam man ihn in die Finger und konnte seine Kenntnisse »abschöpfen«, dann könnte der islamistischen Sache ein annähernd tödlicher Schlag versetzt werden. Die acht Mann, die jetzt fünfundzwanzig Meter von der Rückseite des Zielgebäudes entfernt in der Dunkelheit kauerten, sollten dabei als Sperreinheit jeden Ausbruch der Muslime verhindern. Die eigentlichen Angreifer näherten sich gleichzeitig zu Fuß von Westen her durch das Tal. Laut Operationsplan sollten sie die Zielperson in die Falle hinter der Scheune treiben.

Der Operationsplan der Alpha-Gruppe beruhte auf deren Kenntnis der Taktiken, die die Aufständischen hier im Kaukasus gewöhnlich anwandten. Wenn sie von überlegenen Kräften angegriffen wurden, versuchten die jeweiligen Anführer sofort zu entkommen. Dabei waren die Dagestaner und Tschetschenen auf keinen Fall Feiglinge. Nein, Mut besaßen sie sogar im Überfluss. Aber ihre Anführer mussten auf jeden Fall geschützt werden. Die Fußsoldaten nahmen dabei Stellungen in vorgeschobenen Gebäuden und durch Sandsäcke geschützten Bunkern ein, um von dort aus den Angreifern Widerstand zu leisten. Ein einzelner Mann konnte dabei mit einer einzigen Waffe eine ganze Eingreiftruppe so lange aufhalten, bis der Anführer und seine persönliche Wachmannschaft in die umliegenden, unwegsamen Berge geflohen waren, die sie wahrscheinlich genauso gut kannten wie die Körperformen ihrer Geliebten.

Die acht Mann der Speznaz-Sperreinheit warteten also in der Dunkelheit, kontrollierten ihren Atem und Herzschlag und bereiteten sich darauf vor, einen einzigen Mann zu fangen. Jeder von ihnen trug in der Kartentasche seiner ballistischen Schutzweste eine beige Laminatkarte mit einem Porträt Israpil Nabijews.

Wenn diese russischen Spezialtruppen einen Mann fangen würden, dessen Gesicht mit diesem Foto übereinstimmte, stand sein weiteres Schicksal fest.

Sollte das Gesicht des Gefangenen dagegen nicht dem des Gesuchten entsprechen, wäre das für den entsprechenden Mann noch verhängnisvoller, denn die Russen wollten nur eine einzige Person in diesem Dorf lebend in ihre Gewalt bringen.

2

Die Hunde reagierten zuerst. Das Knurren eines großen Kaukasischen Schäferhunds wurde von den anderen Tieren im ganzen Dorf aufgenommen und beantwortet. Allerdings hatte sie nicht der Geruch der Russen alarmiert, denn die Speznaz-Männer hatten ihn mit Chemikalien und mit Silberfasern gefütterter Unterwäsche maskiert, die alle Körpergerüche überdeckten. Vielmehr konnten die Hunde die Bewegungen der Männer spüren. Und plötzlich bellten so viele, dass sie sich das Schicksal ersparten, mit den 5,45-mm-Pistolen ruhiggestellt zu werden.

Die dagestanischen Wachen vor der Scheune schauten sich um. Ein paar leuchteten gelangweilt mit ihren Taschenlampen in die Dunkelheit hinein. Einer schrie die Hunde an, sie sollten endlich die Schnauze halten. Als sich das Gebell und Geheule zu einem Höllenlärm steigerte, sprangen die Wachleute auf und brachten ihre Gewehre in Anschlag.

In diesem Augenblick erfüllte das Donnern der Hubschrauberrotoren das Tal.

Israpil wurde aus dem Schlaf gerissen und sprang auf, bevor er noch ganz wach war und ihm bewusst wurde, was genau ihn aufgeweckt hatte.

»Russische Hubschrauber!«, schrie jemand, obwohl das in diesem Augenblick schon jedem klar war. Auch Nabijew hörte jetzt das rhythmische Pochen der Rotoren. Außer den Russen hatte hier in der Gegend keiner Hubschrauber. Israpil wusste, dass ihnen nicht mehr viel Zeit blieb. Sofort gab er den Befehl zur Flucht. Der Anführer seiner Sicherheitstruppe befahl über Funk der Argwanizelle, mit ihren Panzerfäusten ins Freie vorzurücken, um dort den anfliegenden Maschinen entgegenzutreten. Danach wies er die beiden Fahrer an, ihre Pick-ups vor den Eingang der Scheune zu fahren.

Israpil war jetzt endgültig hellwach. Er entsicherte seine kurzläufige Kalaschnikow und stellte sich mit der Waffe an der Schulter ans Tor der Scheune. Er wusste, dass der Lärm der Helikopter noch eine weitere Minute durch das Tal schallen würde, bevor die Russen tatsächlich über ihnen auftauchen würden. In den letzten beiden Jahrzehnten hatte er es oft genug mit russischen Kampfhubschraubern zu tun gehabt.

Dreißig Sekunden später erschien der erste Pick-up vor dem Eingang der Scheune. Ein Wachmann öffnete die Beifahrertür und sprang dann selbst auf die hintere Ladefläche. Zwei weitere öffneten das Scheunentor.

Israpil trat als Dritter ins Freie. Er hatte in der frühmorgendlichen Luft noch keine zwei Schritte zurückgelegt, als plötzlich ganz in der Nähe der Überschallknall von Gewehrfeuer zu hören war. Zuerst glaubte er, dass einer seiner Männer blindlings in die Dunkelheit schießen würde, aber als ihm heißes, nasses Blut direkt ins Gesicht spritzte, erkannte er seinen Irrtum. Eine seiner Wachen war getroffen worden. Aus der aufgerissenen Brust sprudelte das Blut hervor. Der Mann geriet ins Taumeln und fiel zu Boden.

Israpil duckte sich und rannte los. In diesem Moment fing das Schießen jedoch erst richtig an. Ein wahrer Geschosshagel durchschlug Blech und Glas des Pick-ups. Der Militärkommandeur der Jamaat Shariat sah auf der Straße Mündungsfeuer, das aus Richtung einer fünfundzwanzig Meter weiter oben liegenden Wellblechhütte kam. Der Muslim auf der Ladefläche richtete sich auf und schoss nur ein einziges Mal zurück, bevor er vom Pick-up in die schlammige Abflussrinne mitten auf der unbefestigten Straße hinunterfiel. Der Beschuss ging ununterbrochen weiter. Nabijew erkannte, dass es sich um mehrere Kalaschnikows und ein einziges russisches leichtes PPM-Maschinengewehr handelte. Als er sich umdrehte, schlugen ihm die Funken der Kupfermantelgeschosse, die in die steinerne Wand der Scheune einschlugen, um die Ohren. Er duckte sich noch tiefer und prallte auf zwei seiner Wachleute, die er sofort in die Scheune zurückschob.

Gemeinsam rannten sie durch das dunkle Gebäude an den beiden an der Westwand angebundenen Eseln vorbei auf ein großes rückwärtiges Fenster zu, als sie plötzlich eine Explosion erstarren ließ. Nabijew lief zur Außenwand hinüber und linste durch den breiten Riss, dessen Zugluft ihn die ganze Nacht regelrecht gefoltert hatte. Über dem Tal hatten kurz vor dem Dorf zwei Kampfhubschrauber Angriffsstellung eingenommen. Ihre Umrisse waren noch schwärzer als der schwarze Himmel, bis beide eine Raketensalve aus seinen Pylonen abfeuerten. Plötzlich waren die metallischen Kampfmaschinen hell erleuchtet, während Flammenstreifen an der Spitze von weißen Wölkchen auf das Dorf zurasten und eine gewaltige Explosion ein einhundert Meter weiter westlich gelegenes Gebäude erschütterte.

»Schwarze Haie!«, rief er in den dunklen Raum hinein.

»Zur Hintertür!«, schrie ihm einer seiner Männer zu und rannte los. Nabijew folgte ihm, obwohl er bereits wusste, dass er umzingelt war. Niemand würde kilometerweit durch die Gegend robben, um diesen Ort anzugreifen, wie es die Russen getan hatten, und es dann versäumen, ihm den Fluchtweg abzuschneiden. Trotzdem blieb ihm keine andere Wahl. Die nächste Raketensalve konnte die Scheune treffen und ihn und seine Männer zu Märtyrern machen, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, einige Ungläubige ins Jenseits mitzunehmen.

Die Russen auf der Rückseite der Scheune lagen immer noch lautlos in Deckung, ohne sich zu rühren. Die vier Zweiergruppen warteten geduldig, während die Angreifer auf der anderen Seite weiter vorrückten und die Schwarzen Haie mit ihren Raketen Tod und Verderben über das Dorf brachten.

Zwei Mann der Alpha-Gruppe hatten den Auftrag, die Sechs-Uhr-Position abzusichern und auf alle Mudschaheddin oder bewaffneten Zivilisten zu achten, die eventuell durch das Dorf auf die Anhöhe emporsteigen würden. Allerdings war ihnen die direkte Sicht auf einen kleinen Ziegelschuppen versperrt, der südöstlich der am weitesten im Osten platzierten Speznaz-Kämpfer lag. Plötzlich erschien in einem dunklen offenen Fenster der Lauf einer Repetierbüchse und zielte auf den nächsten Russen. Gerade als sich die Hintertür der Scheune öffnete, ging ein Schuss los. Das Geschoss traf die Stahlplatte auf dem Rücken des Alpha-Gruppen-Manns, der durch die Einschlagswucht kopfüber zu Boden geschleudert wurde. Sein Partner wirbelte herum und erwiderte das Feuer. Der Schusswechsel warnte die Rebellen, die gerade die Scheune verließen, dass sie drauf und dran waren, in eine Falle zu laufen. Alle fünf Dagestaner stürmten daraufhin durch die Tür ins Freie und feuerten mit ihren Kalaschnikows in alle Richtungen, ohne in der Dunkelheit den Feind sehen zu können.

Ein Stück Kupfer, das völlig verdrehte Bruchstück eines 7,62-mm-Geschosses, das als Querschläger von einem Stein auf dem Boden abgeprallt war, traf einen Speznaz-Soldaten direkt in den Hals, durchschlug seinen Adamsapfel und durchtrennte seine Halsschlagader. Er fiel nach hinten, fasste sich an die Kehle und wand sich zuckend im Todeskampf. In diesem Augenblick trat für die Spezialtruppe die Gefangennahme der Zielperson erst einmal in den Hintergrund. Die Männer schossen aus allen Rohren auf die Terroristen, während weitere Mudschaheddin aus der Hintertür der steinernen Scheune herausstürmten.

Als die Russen zu schießen begannen, schützte der Anführer von Nabijews Sicherheitstruppe seinen Chef mit dem Körper. Nur Sekunden später war sein Oberkörper von 5,45-mm-Geschossen durchsiebt. Selbst als noch einige andere von Nabijews Kämpfern tot zusammenbrachen, hörte dessen Truppe nicht auf zu feuern, während ihr Anführer verzweifelt zu fliehen versuchte. Er warf sich auf die Seite, rollte auf dem Boden von der Scheunentür weg und stand dann wieder auf, um mit seiner AK-74U in die Nacht hineinzuschießen. Er leerte sein ganzes Magazin, während er dicht an der Scheunenwand entlanglief, um dann in einem dunklen, engen Durchgang zwischen zwei langen Wellblech-Lagerschuppen zu verschwinden. Er hatte das Gefühl, nicht allein zu sein, wollte aber auf keinen Fall seine Geschwindigkeit verringern, indem er nach hinten sah. Er rannte immer weiter. Dabei wunderte er sich, dass er den Kugelhagel,der seine Männer niedergemäht hatte, unbeschadet überstanden hatte. Bei seiner Flucht stieß er an die beiden Wellblechwände und geriet ins Stolpern. Seine Augen waren auf die Öffnung zwanzig Meter vor ihm fixiert. Mit den Händen nestelte er ein frisches Gewehrmagazin aus seinem Brustgurt. Sein Gewehr, dessen Lauf durch das Dreißig-Schuss-Dauerfeuer glühend heiß geworden war, dampfte in der kühlen Morgenluft.

Als er das Magazin einführte und seine Kalaschnikow durchlud, verlor er zum dritten Mal das Gleichgewicht. Er fiel auf die Knie, und dabei glitt ihm seine Waffe fast aus den behandschuhten Händen. Er konnte sie gerade noch auffangen und kam dann wieder auf die Beine. Am Ende der Lagerschuppen hielt er schließlich an und schaute um die Ecke. Es war niemand zu sehen. Hinter ihm war weiterhin automatisches Gewehrfeuer zu hören, und das Donnern der Explosionen hallte von den Talwänden wider, wobei ihm jede Salve mehrmals hintereinander in die Ohren drang, weil die Schallwellen durch das Dorf wanderten.

Das Funkgerät am Schulterriemen seines Brustgurts quäkte. Seine über das Gebiet verstreuten Männer nahmen zueinander Kontakt auf. Er achtete nicht darauf und rannte weiter.

Etwas weiter den Abhang hinunter flüchtete er sich in ein brennendes Ziegelhaus. Eine russische Rakete war durch das Dach geschlagen und hatte die Einrichtung in Brand gesetzt. Irgendwo hier mussten auch Leichen liegen, aber er hatte keine Zeit, sich näher umzusehen. Er lief zu einem offenen Rückfenster hinüber und sprang hinaus ins Freie. Dabei blieb er mit dem Fuß am Fensterrahmen hängen und fiel kopfüber hinaus. Mit Mühe rappelte er sich auf. Durch das Adrenalin, das durch seinen Körper gepumpt wurde, bekam er nicht einmal richtig mit, dass er in den vergangenen dreißig Sekunden viermal gestürzt war.

Bis es ihn erneut erwischte.

Hundert Meter von der steinernen Scheune entfernt, knickte mitten auf einem unbefestigten Durchgangsweg auf gerader Strecke sein rechtes Bein weg. Israpil stürzte zu Boden, vollführte eine vollständige Rolle vorwärts und landete schließlich auf dem Rücken. Es kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, dass ihn die Russen von der Scheune her angeschossen haben könnten. Er spürte keinen Schmerz. Als er jedoch wieder auf die Beine zu kommen versuchte, geriet er mit der Hand an den Oberschenkel, der sich glitschig anfühlte. Als er nachschaute, bemerkte er, dass Blut aus einem gezackten Loch im abgetragenen Baumwollstoff herausfloss. Jetzt nahm er sich die Zeit, sich das Ganze genauer anzusehen. Das dunkle Blut glänzte im Licht eines etwas weiter unten stehenden, lichterloh brennenden Pick-ups. Im Schenkel direkt über dem Knie klaffte eine Wunde. Inzwischen war seine Tarnhose bis hinunter zum Stiefel blutgetränkt.

Irgendwie schaffte er es trotzdem wieder auf die Beine. Als er einen Schritt nach vorn machen wollte, wobei er sein Gewehr als Krücke benutzte, stand er plötzlich im hellsten, heißesten weißen Licht, das er je erlebt hatte. Der Strahl kam direkt vom Himmel. Es war der Scheinwerfer eines zweihundert Meter vor ihm schwebenden Schwarzen Hais.

Israpil Nabijew wusste, dieses Licht bedeutete, dass die Ka-50 gleichzeitig auch eine 30-mm-Kanone auf ihn gerichtet hatte. In ein paar Sekunden würde er also zum Schahid, zum Märtyrer, werden.

Es erfüllte ihn mit Stolz.

Er atmete tief durch und wollte gerade sein Gewehr auf den großen Schwarzen Hai richten, als ihm jemand den Schaft einer AK-105 an den Hinterkopf schlug und alles in Israpil Nabijews Welt schwarz wurde.

Das Erwachen war schmerzhaft. Ihm tat der Kopf entsetzlich weh. Tief in seinem Hirn fühlte er einen dumpfen Schmerz, während sich die Oberfläche seiner Kopfhaut anfühlte, als versetzte ihr jemand tausend kleine Stiche. Auf seinem rechten Schenkel hatte man einen Druckverband angebracht, der den Blutfluss aus seiner Wunde stoppte. Seine Arme waren nach hinten verdreht, und seine Schultern fühlten sich an, als ob sie sich jeden Moment ausrenken würden. Seine Handgelenke hatte man mit kalten eisernen Handschellen aneinandergekettet. Schreiende Männer stießen ihn herum, als man ihn auf die Füße zog und gegen eine Steinmauer presste.

Eine Taschenlampe leuchtete ihm ins Gesicht. Er zuckte vor dem hellen Lichtschein zurück.

»Sie sehen alle gleich aus«, meldete sich eine russische Stimme hinter dem Licht. »Stellt sie alle in eine Reihe.«

Israpil merkte, dass er sich immer noch in dem Dorf auf der Höhe befand. In der Ferne hörte er weiterhin sporadisches Schießen. Die Russen räumten wohl endgültig auf.

Vier weitere Überlebende der Jamaat Shariat mussten sich jetzt an der Wand neben ihm aufstellen. Israpil Nabijew wusste ganz genau, was die Russen hier taten. Diese Speznaz-Männer hatten den Befehl, ihn lebend zu fassen. Mit dem Schmutz, dem Schweiß und den Bärten auf ihren Gesichtern hatten sie jedoch Schwierigkeiten, den Gesuchten in diesem Dämmerlicht zu identifizieren. Israpil schaute die anderen an. Zwei waren Mitglieder seiner Sicherheitstruppe, zwei andere kannte er nicht. Sie gehörten offenbar zur Argwanizelle. Sie alle trugen wie er schulterlanges Haar und einen dichten Vollbart.

Die Russen stellten die fünf Männer nebeneinander Schulter an Schulter an der kalten Steinmauer auf und hielten sie mit ihren Gewehrläufen in Schach. Eine behandschuhte Hand packte den ersten Dagestaner an den Haaren und zog seinen Kopf in die Höhe. Ein weiterer Alpha-Gruppen-Kämpfer richtete eine Taschenlampe auf den Mudschaheddin. Ein Dritter hielt eine laminierte Karte mit dem Foto eines bärtigen Mannes neben das Gesicht des Rebellen.

»Njet«, sagte ein Russe.

Sofort erschien der schwarze Lauf einer Varjag, Kaliber 9 mm, im Licht. Jemand betätigte den Abzug. Es folgten ein Lichtblitz und ein lautes Krachen, das in dem engen Häuserdurchgang widerhallte, und der Kopf des bärtigen Terroristen wurde nach hinten gerissen. Er sank zusammen und hinterließ auf der Mauer hinter sich Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse.

Das laminierte Foto wurde jetzt neben den zweiten Aufständischen gehalten. Erneut wurde der Kopf des Mannes in eine Position gezogen, in der sein Gesicht klar zu erkennen war. Er blinzelte im hellen, weißen Strahl der Taschenlampe.

»Njet.«

Die automatische Pistole tauchte auf und schoss ihm in die Stirn.

Der dritte bärtige Dagestaner war Israpil. Eine behandschuhte Hand zog ihm ein verfilztes Haarbüschel von den Augen und entfernte etwas Schmutz aus seinem Gesicht.

»Nj… Moschet bytj« – Vielleicht –, sagte die Stimme. Dann: »Ich glaube, er ist es.« Eine kleine Pause. »Israpil Nabijew?«

Israpil gab keine Antwort.

»Ja … er ist es.« Die Taschenlampe wurde gesenkt und ein Gewehr richtete sich auf die beiden Jamaat-Shariat-Rebellen links von Israpil.

Bumm! Bumm!

Die Männer wurden gegen die Mauer geschleudert und fielen dann nach vorne zu Israpils Füßen in den Schlamm.

Einen kleinen Augenblick stand Nabijew allein vor der Mauer, dann packte ihn ein Russe am Genick und zog ihn in Richtung eines Hubschraubers, der gerade auf einer Viehweide etwas weiter unten im Tal landete.

Die beiden Schwarzen Haie schwebten immer noch über dem Dorf. In unregelmäßigen Abständen zerschossen sie mit ihren Kanonen ganze Gebäude und töteten Mensch und Tier gleichermaßen. Dies würde noch ein paar Minuten so weitergehen. Dabei würden sie jedoch nicht jede lebendige Seele auslöschen. Dies würde mehr Zeit und Aufwand erfordern, als sie aufbringen wollten. Sie taten jedoch ihr Bestes, um das Dorf systematisch zu zerstören, das den Anführer der dagestanischen Widerstandsbewegung bei sich aufgenommen hatte.

Nabijew wurde jetzt bis auf die Unterwäsche ausgezogen und durch den lauten und heftigen Abwind der Rotoren eines Mi-8-Transporthubschraubers den Abhang hinuntergetragen. Die Soldaten hoben ihn hinein und ketteten ihn mit Handschellen an die Innenwand der Kabine. Links und rechts von ihm setzten sich zwei schmutzige Soldaten der Alpha-Gruppe, die schwarze Skimasken trugen. Ein letztes Mal konnte er durch die offene Kabinentür nach draußen sehen. Während die Dämmerung allmählich die rauchgeschwängerte Luft im Tal erhellte, legten die Speznaz-Agenten die Leichen von Nabijews toten Kameraden nebeneinander auf den Boden und fotografierten mit Digitalkameras deren Gesichter. Dann nahmen sie mit Stempelkissen und Papier ihre Fingerabdrücke.

Die Mi-8 hob ab.

Der Speznaz-Mann rechts von Nabijew lehnte sich zu ihm hinüber und schrie ihm auf russisch ins Ohr: »Angeblich warst du die Zukunft deiner Bewegung. Gerade bist du zu deren Vergangenheit geworden.«

Israpil lächelte. Als der Speznaz-Unteroffizier das sah, rammte er ihm sein Gewehr in die Rippen. »Was ist daran so lustig?«

»Ich habe gerade daran gedacht, was mein Volk alles unternehmen wird, um mich zurückzubekommen.«

»Vielleicht hast du recht. Vielleicht sollte ich dich gleich hier und jetzt töten.«

Israpil lächelte erneut. »Jetzt denke ich an alles, was mein Volk zu meinem Gedächtnis tun würde. Du kannst einfach nicht gewinnen, russischer Soldat. Du kannst nicht gewinnen.«

Die blauen Iriden des Russen schauten durch die Augenschlitze der Skimaske den Gefangenen eine geraume Zeit an, während die Mi-8 immer mehr an Höhe gewann. Schließlich schlug er Israpil wieder mit seinem Gewehr in die Rippen und lehnte sich dann mit einem Schulterzucken an die Kabinenwand zurück.

Als der Hubschrauber aus dem Tal herausstieg und in Richtung Norden weiterflog, stand das Dorf unter ihm in hellen Flammen.

3

Der Präsidentschaftskandidat John Patrick Ryan stand allein im Männerumkleideraum einer Highschool-Turnhalle in Carbondale, Illinois. Seine Anzugsjacke hing neben ihm an einem Garderobenständer. Er trug eine burgunderrote Krawatte, ein leicht gestärktes cremefarbenes Abendhemd mit doppelten Manschetten und eine frisch gebügelte dunkelgraue Anzughose.

Er nahm einen Schluck aus einer Tafelwasserflasche und hielt ein Handy an sein Ohr.

Plötzlich klopfte jemand ganz sanft, fast entschuldigend an die Tür, die sich gleich darauf öffnete. Eine junge Frau mit Headset beugte sich hinein. Hinter ihr erkannte Jack die linke Schulter seiner leitenden Secret-Service-Agentin Andrea Price-O’Day. Darüber hinaus bevölkerten noch zahlreiche andere Leute den Gang zur voll besetzten Turnhalle, wo eine lärmende Menge johlte, rhythmisch in die Hände klatschte und die blecherne Lautsprechermusik zu übertönen versuchte.

Die junge Frau sagte: »Wir sind fertig, wenn Sie es sind, Mr. President.«

Jack lächelte höflich und nickte. »Ich bin gleich da, Emily.«

Emily zog ihren Kopf zurück, und die Tür schloss sich wieder. Jack hielt weiterhin sein Handy ans Ohr, hörte allerdings nur die Mailboxansage seines Sohnes.

»Hi, dies ist der Anschluss von Jack Ryan jr. Sie wissen, was Sie jetzt tun müssen.«

Es folgte der obligatorische Piepton.

Jack sr. versuchte möglichst lässig und unaufgeregt zu klingen, was jedoch seiner wahren Stimmungslage ganz und gar nicht entsprach. »He, Kleiner. Lange nichts von dir gehört. Ich habe mit deiner Mutter gesprochen, und sie hat mir gesagt, du seist beschäftigt und musstest deine heutige Verabredung zum Essen mit ihr absagen. Ich hoffe, dass bei dir alles in Ordnung ist.« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Ich bin im Moment in Carbondale. Später am Abend fahren wir weiter nach Chicago. Ich werde den ganzen morgigen Tag dort sein. Am Abend werde ich mich dann mit Mom in Cleveland treffen, wo am Mittwoch die Debatte stattfindet. Okay … Ich wollte mich nur mal wieder melden. Ruf mich oder Mom an, wenn du kannst, okay? Bye.« Ryan legte auf und warf das Handy auf ein Sofa, das man zusammen mit dem Garderobenständer und ein paar weiteren Möbelstücken extra für ihn in die provisorische Garderobe gestellt hatte. Jack wollte sein Mobiltelefon selbst im Vibrationsmodus keinesfalls in die Tasche stecken, damit er es nicht versehentlich zum Rednerpult mitnahm. Wenn ihn dort nämlich jemand anrufen würde, wäre er in Schwierigkeiten. Diese Ansteckmikrofone fingen nämlich noch das kleinste Geräusch auf. Zweifellos würde die ihn begleitende Pressemeute hinterher der ganzen Welt mitteilen, dass er seine Blähungen nicht unterdrücken könne und deshalb für die Führerschaft des mächtigsten Landes der Welt völlig ungeeignet sei.

Jack schaute in den bodenlangen Spiegel, den man zwischen zwei amerikanische Fahnen gestellt hatte, und zwang sich ein Lächeln ab. Früher war ihm das automatisch und ohne Anstrengung gelungen. Cathy hatte ihn jedoch neulich darauf hingewiesen, dass er in letzter Zeit seine gewohnte »Jack-Ryan-Coolness« vermissen ließ, wenn er über die Politik seines Gegners, Präsident Ed Kealty, redete. Daran musste er vor der Debatte noch unbedingt arbeiten, wenn er mit Kealty selbst auf einer Bühne sitzen würde.

Heute Abend hatte er miese Laune. Diese musste er unbedingt abschütteln, bevor er das Podium betrat. Er hatte mit seinem Sohn, Jack jr., seit Wochen nicht mehr geredet und in der ganzen Zeit nur ein paar kurze, belanglose E-Mails ausgetauscht. Das passierte von Zeit zu Zeit. Ryan sr. wusste, dass er während seiner Wahlkampftour nur schwer zu erreichen war. Aber seine Frau Cathy hatte ihm vor ein paar Minuten erzählt, dass Jack sich nicht von seinem Job loseisen konnte, um sie an diesem Nachmittag in Baltimore zu treffen, und das beunruhigte ihn ein wenig.

Obwohl an Eltern, die mit ihren erwachsenen Kindern in Kontakt bleiben wollten, sicherlich nichts Ungewöhnliches war, hatten der Präsidentschaftskandidat und seine Frau durchaus Gründe zur Sorge, da sie beide wussten, womit ihr Sohn seinen Lebensunterhalt verdiente. Nun, musste Jack sr. denken, zumindest er wusste mehr oder weniger, was sein Sohn tat. Seine Frau wusste es … in gewissem Maße. Vor einigen Monaten hatten sich Vater und Sohn mit Cathy zusammengesetzt, um es ihr genau zu erklären. Sie wollten sie über Jack jr.s Aufgaben als Analyst und Agent eines »inoffiziellen« Spionagedienstes unterrichten, der von Senior selbst gegründet und vom früheren Senator Gerry Hendley geleitet wurde. Das Gespräch hatte gut begonnen. Aber der gestrenge Blick von Dr. Cathy Ryan brachte die beiden Männer bald so aus dem Konzept, dass sie nur noch etwas von geheimen nachrichtendienstlichen Analysen stammelten. Es klang jetzt, als ob Jack jr. seine Tage an einem Schreibtisch verbrächte und Computerdateien auf der Suche nach verbrecherischen Finanzhaien und Geldwäschern überprüfte, eine Arbeit, deren einzige Gefahr Papierschnittwunden und das Karpaltunnelsyndrom waren.

Wenn es nur so wäre, dachte Jack sr., als eine neue Welle von Magensäure in seiner Speiseröhre brannte.

Nein, dieses Gespräch mit seiner Frau war nicht allzu gut verlaufen, musste Jack sr. hinterher zugeben. Seitdem hatte er das Thema noch einige Male anzuschneiden versucht. Er hoffte, er hatte Cathy eine Ahnung davon vermitteln können, dass ihr Sohn an echten Geheimdienstoperationen teilnahm. Tatsächlich hatte es jedoch auch jetzt eher so geklungen, als ob Ryan jr. gelegentlich in europäische Hauptstädte reiste, dort mit Politikern und hohen Beamten dinierte und danach auf seinem Laptop Berichte über ihre Unterredungen verfasste, während er teuren Burgunder schlürfte und CNN schaute.

Was soll’s, dachte Jack. Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Und wenn sie es doch wissen sollte? Gott bewahre! Solange Kyle und Katie noch daheim waren, hatte sie genug um die Ohren, ohne sich auch noch um ihren sechsundzwanzigjährigen Sohn Sorgen machen zu müssen, oder?

Jack sr. beschloss, dass es seine und nicht Cathys Bürde sein würde, sich um Jack jr.s Beruf Sorgen zu machen, eine Belastung, die er aber für den Moment abschütteln musste.

Jetzt galt es erst einmal, die Wahl zu gewinnen.

Ryans Stimmung besserte sich etwas. Was seinen Wahlkampf betraf, sahen die Dinge ziemlich gut aus. Laut der letzten Pew-Umfrage führte Ryan mit dreizehn Prozentpunkten, während Gallup ihn elf Punkte vor seinem Opponenten sah. Die größten Fernsehsender hatten ihre eigenen Umfragen veranstaltet. Bei allen drei war der Vorsprung etwas niedriger. Dies lag wahrscheinlich an irgendeiner Selektionsverzerrung, mit der sich sein Wahlkampfleiter Arnold van Damm und dessen Leute noch nicht näher befasst hatten, da Ryan so weit vorne lag.

Jack wusste jedoch, dass das Rennen bei den Wahlmännern wie üblich viel enger war. Er und Arnie spürten beide, dass ein guter Auftritt während der nächsten Debatte dem restlichen Wahlkampf zumindest bis zur allerletzten Kandidatendiskussion neuen Schwung verleihen würde. Gewöhnlich wurden die Abstände zwischen den Kandidaten im letzten Monat enger. Die Meinungsforscher nannten das den Labor-Day-Effekt, da diese Annäherung der Umfragewerte gewöhnlich am Labor Day, also dem ersten Montag im September, begann und sich danach bis zum Wahltag fortsetzte, der in den USA immer der erste Dienstag im November war.

Statistiker und Experten gaben für dieses Phänomen unterschiedliche Gründe an. Bekamen Wähler, die die Seiten gewechselt hatten, jetzt kalte Füße und kehrten zu ihrem ursprünglichen Kandidaten zurück? Gab es im Sommer noch mehr unabhängiges Denken als im Herbst, wo die Antworten auf die Meinungsumfragen ernstere Konsequenzen hatten? Traten, je näher der Wahltermin rückte, durch die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung über den Favoriten auch dessen Patzer und Ausrutscher deutlicher zutage?

Ryan selbst teilte in dieser Frage die Ansichten Arnies. Tatsächlich gab es auf diesem Planeten nur wenige Menschen, die mehr über Wahlkämpfe wussten als Arnie van Damm. Für diesen war das Ganze eine einfache Angelegenheit der Mathematik. Für den vorne liegenden Kandidaten sprachen sich bei den Umfragen mehr Leute aus als für den zurückliegenden. Wenn also zehn Prozent der Wähler im letzten Monat der Kampagne ihre Meinung wechselten, verlor der Kandidat, der ursprünglich mehr Anhänger hatte, notwendigerweise auch mehr Wählerstimmen.

Das war also ein simples mathematisches Phänomen, vermutete Ryan, und nichts sonst. Aber eine solch einfache Mathematik war für die Fernsehmoderatoren oder die politischen Blogs, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr ihre Meinung im Internet zum Besten gaben, natürlich völlig uninteressant. Aus diesem Grund entwickelte Amerikas Schwafel-Klasse ständig neue Verschwörungstheorien und Erklärungsmuster.

Ryan stellte die Wasserflasche ab, zog sein Jackett an und machte sich auf den Weg zur Tür.

Hoffentlich, dachte er, war Jack jr. heute nur ausgegangen, um sich zu amüsieren. Vielleicht hatte er sogar ein Rendezvous mit einem ganz besonderen Mädchen.

Ja, überzeugte sich Senior selbst. Ganz bestimmt steckte nichts anderes dahinter.

Der sechsundzwanzigjährige Jack Ryan jr. spürte auf seiner rechten Seite eine Bewegung, drehte sich blitzschnell weg und wich auf diese Weise der Messerklinge aus, die sich gerade in seine Brust bohren wollte. Gleichzeitig zog er noch während der Drehung seinen linken Unterarm nach oben, fasste den Angreifer mit der Rechten am Handgelenk und drückte dessen Hand nach hinten. Dann rammte er seinen Körper mit aller Macht in die Brust seines Gegners und brachte ihn dadurch zu Fall.

Jack griff sofort nach seiner Pistole, aber der andere Mann packte im Fallen Ryan am Hemd und zog ihn dadurch mit sich nach unten. Jack jr. war es nicht mehr möglich, seine Pistole aus dem Gürtelholster zu ziehen. Als sie beide zusammen auf dem Boden aufkamen, wusste er, dass er diese Gelegenheit verpasst hatte.

Er musste also den Kampf ab jetzt nur mit den Händen weiterführen.

Der Angreifer griff Jack an die Kehle und drückte ihm die Fingernägel in die Haut. Erneut musste Jack diese Bedrohung mit einer heftigen Armbewegung abwehren. Sein Gegner sprang aus seiner sitzenden Position zuerst auf die Knie und dann auf die Füße. Ryan war jetzt unter ihm und dadurch höchst verwundbar. Als einzige Option blieb ihm nur noch seine Pistole. Dazu musste er sich jedoch auf die linke Hüfte rollen, um sie aus dem Holster ziehen zu können.

Während er diese Bewegung ausführte, hatte der Angreifer allerdings seine eigene Waffe aus dem hinteren Hosenbund gezogen und schoss jetzt Ryan fünfmal in die Brust.

Der Einschlag der Geschosse verursachte einen stechenden Schmerz.

»Verdammt!«, schrie Jack.

Ryan schrie jedoch nicht so sehr wegen dieser Schmerzen, sondern aufgrund des frustrierenden Gefühls, diesen Kampf verloren zu haben.

Wieder einmal verloren zu haben.

Ryan riss sich die Schutzbrille von den Augen und setzte sich auf. Der andere reichte ihm die Hand und half ihm wieder auf die Beine. Danach steckte Jack seine Pistole ins Holster. Beide hatten eine Airsoft-Version der Glock 19 benutzt, die mit Druckluft Plastikprojektile verschoss, deren Einschlag entsetzlich wehtat, die jedoch keinerlei Verletzungen hinterließen.

Auch sein »Angreifer« nahm nun seinen Augenschutz ab und hob das Gummimesser vom Boden auf. »Entschuldige die Kratzer, alter Junge«, sagte der Mann. Trotz seines heftigen Atems war sein walisischer Akzent nicht zu überhören.

Jack hatte gar nicht hingehört. »Zu langsam!«, wetterte er über sich selbst, wobei sich das während des Handgemenges ausgeschüttete Adrenalin mit seinem schlimmen Frust vermengte.

Der Waliser blieb im Gegensatz zu seinem amerikanischen Schüler völlig ruhig, als ob er gerade eben nur in einem Park die Tauben gefüttert hätte. »Nimm’s leicht. Versorg deine Wunden und komm dann zurück, damit ich dir erklären kann, was du falsch gemacht hast.«

Ryan schüttelte den Kopf. »Sag es mir gleich jetzt!« Er war wütend auf sich. Die Kratzer an seinem Hals sowie die Blutergüsse und Schrammen überall auf seinem Körper waren im Moment seine geringste Sorge.

James Buck wischte sich eine dünne Schweißschicht von der Stirn und nickte. »Also gut. Zuerst einmal, deine Annahme stimmt nicht. Mit deinen Reflexen ist alles in Ordnung. Das bezweifelst du ja, wenn du davon sprichst, du seist zu langsam. Tatsächlich ist deine Aktionsgeschwindigkeit gut. Sogar besser als gut. Dein Körper bewegt sich ausgesprochen schnell, und deine Wendigkeit, Geschicklichkeit und Athletik sind beeindruckend. Das Problem ist jedoch deine Denkgeschwindigkeit. Du bist zögerlich und unsicher. Du denkst über deine nächsten Schritte nach, während du eigentlich automatisch und instinktiv handeln solltest. Außerdem bietest du einem aufmerksamen Beobachter kleine unbewusste Hinweise, woran du denkst, und gibst somit deine nächsten Aktionen im Voraus bekannt.«

Ryan neigte den Kopf zur Seite, und Schweiß tropfte von seinem Gesicht. »Kannst du mir ein Beispiel geben?«

»Ja. Zum Beispiel bei unserem letzten Kampf. Deine Hand zuckte während des Handgemenges zweimal in Richtung Hüfte. Deine Pistole war unter deinem Hemd und deinem Hosenbund gut verborgen, aber du hast ihre Gegenwart verraten, indem du zuerst daran gedacht hast, sie zu ziehen, dann aber deine Meinung geändert hast. Hätte dein Angreifer nichts von dieser Waffe gewusst, wäre er einfach zu Boden gefallen, um dann wieder aufzustehen. Ich wusste jedoch von deiner Pistole, weil du es mir durch deine Aktionen ›erzählt‹ hast. Als ich zu Boden fiel, wusste ich, dass ich dich mit nach unten ziehen musste, um dir keinen Raum zu lassen, sie aus dem Holster zu reißen. Ergibt das für dich einen Sinn?«

Ryan seufzte. Es ergab einen Sinn, wenngleich James Buck natürlich in Wirklichkeit von der Pistole unter Ryans T-Shirt wusste, da er sie ihm ja selbst vor der Übungseinheit übergeben hatte. Trotzdem räumte Ryan ein, dass ein unglaublich gerissener Gegner möglicherweise durch kleine Hinweise seine Absicht erraten könnte, nach einer an seiner Taille verborgenen Waffe zu greifen.

Scheiße, dachte Ryan. Sein Feind müsste eigentlich fast hellseherische Fähigkeiten haben, um dies mitzubekommen. Aber aus genau diesem Grund verbrachte Ryan einen Großteil seiner Abende und Wochenenden mit Ausbildern, die der Campus für ihn engagiert hatte. Er sollte lernen, wie man mit diesen unglaublich gerissenen Gegnern fertigwurde.

James Buck war ein ehemaliges Mitglied des britischen SAS und der Rainbow-Truppe. Neben anderen grausamen und blutigen Fertigkeiten war er ein absoluter Fachmann für den Nahkampf mit bloßen Händen oder Stichwaffen. Der Direktor des Campus, Gerry Hendley, hatte ihn höchstpersönlich eingestellt, um Ryan diese Fertigkeiten beizubringen.

Ein Jahr zuvor hatte Ryan Gerry Hendley mitgeteilt, dass er neben seinen Analysen für den Campus auch an weiteren Feldoperationen teilnehmen wolle. Er hatte danach mehr Gelegenheiten dazu bekommen, als ihm lieb war. Er hatte sich dabei zwar gut geschlagen, verfügte jedoch nicht über den gleichen Ausbildungsstand wie die anderen Agenten in seiner Organisation.

Er wusste es, und Hendley wusste es, und sie wussten auch, dass die Trainingsoptionen etwas beschränkt waren. Der Campus existierte ja offiziell gar nicht. Er war keine Behörde der US-Regierung, deshalb stand jede formelle Ausbildung durch das FBI, die CIA oder das US-Militär jenseits jeder Diskussion.

Aus diesem Grund hatten Jack, Gerry und der Operationsleiter des Campus, Sam Granger, beschlossen, nach anderen Wegen zu suchen. Sie wandten sich an die altgedienten Campus-Außenagenten John Clark und Domingo Chavez und entwickelten mit ihnen zusammen einen Ausbildungsplan für den jungen Ryan, der ein striktes Training vorsah, dem er sich mindestens ein Jahr lang in seiner Freizeit unterziehen musste.

Diese harte Arbeit hatte sich wirklich ausgezahlt. Jack jr. war weit besser geworden, auch wenn das Training selbst oft frustrierend war. Buck und andere wie er machten so etwas ja bereits ihr ganzes Erwachsenenleben lang und hatten entsprechende Erfahrungen gesammelt. Ryan verbesserte sich zweifellos immer weiter, aber besser zu werden hieß noch lange nicht, Männer wie James Buck besiegen zu können. Es bedeutete nur, weniger oft zu »sterben« und Buck und die anderen zu größeren Anstrengungen zu zwingen, wenn sie ihn besiegen wollten.

Buck hatte wohl die Enttäuschung auf Ryans Gesicht bemerkt, denn er klopfte ihm verständnisvoll auf die Schulter. Der Waliser konnte manchmal wirklich grausam und gemein sein, aber bei anderen Gelegenheiten war er freundlich, wenn nicht sogar väterlich. Jack wusste nicht, welche der beiden Persönlichkeiten seine »echte« und welche nur »vorgeschoben« war oder ob gar beide notwendige Bestandteile seines Trainings, also eine Art Zuckerbrot und Peitsche, waren. »Kopf hoch, alter Junge«, munterte ihn Buck auf. »Du hast seit Trainingsbeginn große Fortschritte gemacht. Du besitzt die körperlichen Voraussetzungen, die du für diese Arbeit brauchst, und du bist klug genug, um alles Nötige zu lernen. Wir müssen nur unsere Arbeit fortsetzen und deine technischen Fähigkeiten und deine Kampfmentalität weiter aufbauen. Du kannst es inzwischen mit neunundneunzig Prozent der Typen da draußen ohne Schwierigkeiten aufnehmen. Aber das restliche Prozent, das sind die richtigen Bastarde. Wir werden also nicht aufhören, bis du auch für diese Kerle absolut bereit bist, einverstanden?«

Jack nickte. Bescheidenheit und Demut waren zwar nicht gerade seine Stärke, dafür verstand er es hervorragend, ständig Neues zu lernen und sich zu verbessern. Er war klug genug, um zu wissen, dass James Buck recht hatte, obwohl Jack überhaupt nicht wild darauf war, auf dem Weg zur Vervollkommnung noch ein paar Tausend Mal den Hintern versohlt zu bekommen.

Jack setzte seine Schutzbrille wieder auf. James Buck versetzte ihm spielerisch mit der flachen Hand einen kleinen Hieb an den Kopf. »So ist es recht, Junge. Bereit zu einer weiteren Runde?«

Jack nickte erneut, dieses Mal jedoch mit weit größerer Begeisterung. »Klar doch. Auf geht’s!«

4

Trotz der starken ägyptischen Mittagshitze wimmelte es in Kairos Khan-el-Khalili-Basar nur so von Menschen, die ein gutes Mittagessen einnehmen wollten oder auf der Suche nach einem Schnäppchen waren. Garköche grillten ihre Fleischstücke, deren schweres Aroma die ganze Luft erfüllte. Er mischte sich mit dem Duft nach gebrannten Bohnen aus den Kaffeehäusern und dem Rauch der Wasserpfeifen, die durch die engen gewundenen Durchgänge zogen, ein wahres Labyrinth aus Läden und Verkaufsbuden. Inmitten der Straßen, Gassen und engen überdachten Passagen des Basars, der sich über einen Großteil der Altstadt erstreckte, standen ehrwürdige Moscheen und die Treppenhäuser und Sandsteinmauern uralter Gebäude.

Diesen Suk gab es bereits im 14. Jahrhundert, und zwar als Karawanserei, als weiter, offener Hof, in dem die Karawanen auf ihrem Weg auf der Seidenstraße die Nacht verbringen konnten und ihre Führer eine Herberge fanden. Jetzt vermischten sich auf diesem Markt das Uralte und das Hochmoderne auf fast schwindelerregende Weise. Mitten in den engen Durchgängen feilschten Kaufleute in der landestypischen Galabija, der uralten ägyptischen Männerkleidung, während daneben andere Ladeninhaber in Jeans und T-Shirts auf Kundschaft warteten. Die blechernen Rhythmen der traditionellen ägyptischen Musik schallten aus den Kaffeehäusern und vermengten sich mit dem Techno aus den Ladengeschäften der Stereo- und Computerverkäufer. Zusammen bildeten sie eine Melodie, die dem Summen von Insekten geglichen hätte, wenn es da nicht die getöpferten und mit Ziegenhaut bespannten Handtrommeln und die synthetischen Backbeats aus den Lautsprechern gegeben hätte.

Händler verkauften alles, von handgefertigten Silber- und Kupferwaren, Schmuck und Teppichen bis zu Fliegenpapier, Gummisandalen und »I § Egypt«-T-Shirts.

Durch die Passagen und Gänge drängte sich ein buntes Völkergemisch aus Schwarzen und Weißen, Arabern, Westlern und Asiaten. Mitten unter ihnen eine Gruppe von drei nahöstlich aussehenden Männern: ein beleibter Silberhaariger, flankiert von zwei jüngeren muskulösen Kerlen. Ihr Schritt war gemächlich und entspannt. Sie fielen eigentlich nicht besonders auf, aber jeder auf diesem Basar, der sie länger beobachtete, würde sicherlich bemerken, dass im Gegensatz zu den anderen Marktbesuchern ihre Augen ständig nach links und rechts wanderten. Gelegentlich schaute einer der jüngeren Männer beim Gehen über die Schulter nach hinten.

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