Im Auge des Tigers - Tom Clancy - E-Book

Im Auge des Tigers E-Book

Tom Clancy

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Beschreibung

Die neue Form des internationalen Terrorismus fordert eine neue Generation von Jägern heraus: Es kommt die Zeit für Jack Ryan, Jr. und seinesgleichen.
Ein Mann namens Mohammed sitzt in einem Wiener Kaffeehaus und schlägt einem Kolumbianer ein Geschäft vor: Mohammed hat ein starkes Netzwerk aus Agenten und Sympathisanten in ganz Europa und im Mittleren Osten, und der Kolumbianer ein ähnlich starkes Netzwerk im Drogenhandel Amerikas. Warum sollten sie nicht eine Allianz bilden? Das Potential für Profit wäre riesengroß – und das Potential für Zerstörung unvorstellbar.

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HEYNE‹

Das Buch

In der neuen Welt des Terrorismus, in der jeder mit einem Schnellfeuergewehr, einer Grundkenntnis in Chemie oder auch nur dem Willen zum Selbstmord eine dramatische Rolle spielen kann, gelten die alten Regeln nicht mehr. Keine offizielle Regierungsorganisation kann darauf mehr effektiv reagieren. Daher bleiben nur Männer und Frauen, die schnell und aktiv sind, frei von Hierarchie und staatlichen Einschränkungen – die außerhalb des Systems agieren.

In einem unscheinbaren Gebäude in einem Vorort in Maryland sitzt die Firma Hendley Associates. Nach außen hin eine Investmentfirma, in Wirklichkeit aber mit ganz anderen Interessen: im In- und Ausland Terroristen zu identifizieren und lokalisieren, und dann – mit welchen Mitteln auch immer – einzuschreiten, um das Problem zu lösen. Drei Männer werden neu für Hendley Ass. rekrutiert: Dominic Caruso, ein junger FBI-Agent, sein Bruder Brian, ein Captain der Marines, und deren Cousin – ein junger Mann namens Jack Ryan, Jr.

Der Autor

Tom Clancy wurde bereits mit seinem ersten Thriller, Jagd auf Roter Oktober, zum international gefeierten Erfolgsautor. Seither hat er zwölf Bestsellerromane und einige Sachbücher zum Thema Militärtechnik geschrieben. Bei Heyne erschienen zuletzt Im Zeichen des Drachen und Red Rabbit.

Außerdem schrieb Tom Clancy – zusammen mit Steve Pieczenik und Martin Greenberg – die erfolgreichen Taschenbuchserien OP-Center, Power Plays und Net Force. Tom Clancy lebt in Maryland.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDer AutorWidmungProlog - Das andere Ufer des FlussesCopyright

Für Chris und Charlie Willkommen an Bord …

… und natürlich für Lady Alex, deren Licht hell wie eh und je strahlt.

»Die Menschen schlafen nachts nur deshalb friedlich in ihren Betten, weil harte Männer bereitstehen, um für sie Gewalt auszuüben.«

George Orwell

»Dies ist ein Krieg der unbekannten Krieger. Möge jedermann sein Bestes geben, ohne im Glauben oder in der Pflichterfüllung zu wanken …«

Winston Churchill

Prolog

Das andere Ufer des Flusses

David Greengold wurde in der amerikanischsten aller Gemeinden geboren, in Brooklyn. Seine Bar-Mizwa war einer der entscheidenden Wendepunkte in seinem Leben. »Heute bin ich ein Mann!«, verkündete er an jenem Tag. An der anschließenden Feier nahmen einige Verwandte teil, die eigens aus Israel angereist waren. Sein Onkel Moses trieb dort schwunghaften Handel mit Diamanten. Davids Vater besaß sieben Juwelierläden. Das Flaggschiff dieser Kette lag an der 40th Street in Manhattan.

Während sein Vater und sein Onkel bei kalifornischem Wein über Geschäftliches redeten, begann David schließlich ein Gespräch mit Daniel, seinem Cousin ersten Grades. Daniel, zehn Jahre älter als er, war kürzlich in den Mossad, Israels wichtigsten Auslandsgeheimdienst, eingetreten und unterhielt seinen Cousin mit allerlei Geschichten, wie Neueinsteiger sie zu erzählen pflegen. Daniel hatte seine Wehrpflicht bei den israelischen Fallschirmjägern abgeleistet. Er hatte elf Sprünge absolviert und 1967 im Sechstagekrieg einige Kampfhandlungen mitbekommen. Für ihn war dieser Krieg eine erfreuliche Erfahrung gewesen. Niemand in seiner Kompanie war ernsthaft verwundet worden, und sie hatten ihrerseits gerade genug Gegner zur Strecke gebracht, um das Ganze als sportliches Abenteuer zu erleben – als Jagdausflug mit Gefahren, die jedoch stets im erträglichen Rahmen geblieben waren. Auch der Ausgang hatte voll und ganz den Erwartungen entsprochen, mit denen Daniel in den Krieg gezogen war.

Daniels Erzählungen standen in krassem Gegensatz zu den düsteren Fernsehberichten über Vietnam, mit denen damals jede Nachrichtensendung begann. David beschloss daraufhin – noch im Enthusiasmus des soeben durchlebten Rituals der Bar-Mizwa, das seine religiöse Identität neu gefestigt hatte – gleich nach dem Highschool-Abschluss in seine jüdische Heimat auszuwandern. Sein Vater, der im Zweiten Weltkrieg in der 2nd Armored Division Amerikas gedient und das Ganze durchaus nicht als prickelndes Abenteuer erlebt hatte, war wenig begeistert von der Aussicht, dass sein Sohn in den asiatischen Dschungel ziehen und in einem Krieg mitkämpfen sollte, für den weder er noch irgendeiner seiner Bekannten große Begeisterung empfand. Aus diesem Grund warf der junge David buchstäblich keinen Blick zurück, als er nach dem Schulabschluss in den El-Al-Flieger nach Israel stieg. Er polierte sein Hebräisch auf, leistete seinen Wehrdienst in der Armee ab und wurde danach wie sein Cousin vom Mossad rekrutiert.

Dort kam er gut voran – so gut, dass er heute Station Chief, also Stützpunktleiter, in Rom war, ein Amt von nicht unerheblicher Bedeutung. Sein Cousin Daniel hatte inzwischen den Dienst quittiert und war wieder in das Familienunternehmen eingestiegen, ein Job, der sich erheblich besser auszahlte als ein Amt im öffentlichen Dienst. David hatte mit der Leitung des Mossad-Stützpunktes in Rom unterdessen alle Hände voll zu tun. Ihm unterstanden drei hauptberufliche Offiziere des Nachrichtendienstes, die eine beträchtliche Menge an Informationen hereinbrachten. Ein Teil dieser Informationen stammte von einem Agenten, den sie Hassan nannten. Er war palästinensischer Abstammung und verfügte über gute Beziehungen zur PFLP, der Volksfront für die Befreiung Palästinas. Was er dort erfuhr, gab er gegen Bezahlung an seine Feinde weiter – eine Bezahlung, die es ihm ermöglichte, sich eine komfortable Wohnung zu leisten, einen Kilometer vom italienischen Parlamentsgebäude entfernt. Heute wollte David neues Material in Empfang nehmen.

David hatte die Herrentoilette des Ristorante Giovanni, nicht weit vom Fuß der Spanischen Treppe, schon früher für solche Zwecke genutzt. Zuvor nahm er sich noch Zeit für ein Mittagessen – Kalb alla francese, eine Spezialität des Hauses – und für ein Glas Wein. Nachdem er ausgetrunken hatte, stand er auf, um sein Päckchen abzuholen. Das Material war an der Unterseite des ersten Urinals links deponiert  – ein etwas klischeehaftes, aber durchaus brauchbares Versteck. Niemand, nicht einmal die Putzfrau, wäre auf die Idee gekommen, diese Stelle näher in Augenschein zu nehmen. Unter dem Becken klebte eine harmlos aussehende Stahlplatte, auf der der Name des Herstellers sowie eine völlig bedeutungslose Nummer eingeprägt waren. Selbst wenn diese Platte jemals bemerkt worden wäre, hätte sie garantiert keinen Verdacht erregt. Als David an das Urinal trat, beschloss er, die Gelegenheit zu nutzen, um zu verrichten, was Männer für gewöhnlich an diesem Ort zu tun pflegen. Während er damit beschäftigt war, hörte er, dass sich die Tür mit leisem Quietschen öffnete. Der Eintretende, wer immer es sein mochte, nahm keine Notiz von ihm. Trotzdem wollte David kein Risiko eingehen. Er ließ seine Zigarettenschachtel fallen und nahm, während er sich danach bückte und sie mit der rechten Hand aufhob, mit der Linken rasch das Päckchen aus seinem Versteck, wo es mittels eines Magneten befestigt war. Ein geschicktes Manöver – als ob ein Zauberkünstler mit einer Hand das Publikum ablenkt, während er mit der anderen unbemerkt seinen Trick ausführt. Nur dass das Manöver in diesem Fall misslang. David hielt das Päckchen kaum in der Hand, da rempelte ihn jemand von hinten an.

»Entschuldigung, mein Alter – ich meine, signore«, korrigierte sich der Sprecher selbst. Er sprach Englisch mit jenem Cambridge-Akzent, der einem zivilisierten Menschen unwillkürlich das Gefühl vermittelt, es sei alles in Ordnung.

David erwiderte nichts, sondern wandte sich nach rechts, um sich die Hände zu waschen. Er trat vor das Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf, da fiel sein Blick auf den Spiegel.

Meist arbeitet das Gehirn schneller als die Hände. David sah die blauen Augen des Mannes, der ihn angestoßen hatte. Im Grunde recht gewöhnliche Augen – aber ihr Ausdruck war alles andere als gewöhnlich. Bis Davids Gehirn seinem Körper befohlen hatte zu reagieren, lag die rechte Hand des Mannes bereits auf Davids Stirn, und etwas Kaltes, Scharfes bohrte sich in Davids Nacken, direkt unterhalb des Schädels. Der Mann bog seinen Kopf weit zurück, damit das Messer leichter ins Rückenmark vordringen konnte, das vollständig durchtrennt wurde.

Der Tod trat nicht sofort ein. Als sämtliche elektrochemischen Verbindungen zu den Muskeln abrissen, erschlaffte Davids Körper. Gleichzeitig schwand jegliche körperliche Empfindung. Es blieb lediglich ein brennendes Gefühl im Nacken, das David jedoch nur undeutlich wahrnahm. Der Schock des Augenblicks verhinderte, dass er echten Schmerz empfand. David versuchte zu atmen, unfähig zu begreifen, dass er dazu nie wieder in der Lage sein würde. Der Mann drehte ihn um wie eine Schaufensterpuppe und trug ihn zu der Toilettenkabine. Das Einzige, wozu David noch fähig war, war sehen und denken. Er sah das Gesicht, verband jedoch nichts damit. Das Gesicht schaute ihn an, wie man einen Gegenstand anblickt, ein Objekt, das man nicht einmal seines Hasses für würdig erachtet. Als David auf der Toilette abgesetzt wurde, versuchte er hilflos mit den Augen zu erfassen, was der Mann tat. Er griff offenbar in Davids Mantel – anscheinend wollte er ihm die Brieftasche stehlen. War dies etwa ein schnöder Überfall? Ein Raubmord an einem hochrangigen Mossad-Offizier? Ausgeschlossen! Der Mann packte David an den Haaren und hob seinen schlaff herabhängenden Kopf an.

»Salaam aleikum«, sagte er – Friede sei mit dir. War das etwa ein Araber? Er sah nicht im Entferntesten danach aus. Die Verwirrung musste auf Davids Gesicht abzulesen sein.

»Hast du Hassan wirklich vertraut, Jude?«, fragte der Mann. Doch seine Stimme verriet keine Befriedigung. Reine Verachtung sprach aus dieser Äußerung. In den letzten Augenblicken seines Lebens, bevor sein Gehirn durch den Sauerstoffmangel abstarb, begriff David Greengold, dass er auf den ältesten aller Spionagetricks hereingefallen war: das Segeln unter falscher Flagge. Hassan hatte ihm Informationen geliefert, um ihn aus seiner Deckung zu locken und zu identifizieren. Welch ein sinnloser Tod! Ihm blieb nur noch Zeit für einen einzigen Gedanken:

Adonai echad.

Der Mörder vergewisserte sich, dass seine Hände sauber waren, und überprüfte seine Kleidung. Aber Messerstiche dieser Art verursachten kein großes Blutvergießen. Er steckte die Brieftasche und das Päckchen ein, zog seinen Anzug zurecht und ging hinaus. An seinem Tisch blieb er kurz stehen, um 23 Euro hinzulegen – den Preis für sein Essen und wenige Cent Trinkgeld. Er würde ohnehin nicht so bald wiederkommen. Als auch dies erledigt war, kehrte er dem Ristorante Giovanni den Rücken und überquerte den Platz. Beim Ankommen hatte er einen Brioni-Laden bemerkt, und jetzt verspürte er das Bedürfnis nach einem neuen Anzug.

Das Hauptquartier des United States Marine Corps befindet sich nicht im Pentagon selbst. Das größte Verwaltungsgebäude der Welt beherbergt zwar die Army, die Navy und die Air Force, aber die Marines waren – aus welchem Grund auch immer – außen vor geblieben und mussten mit ihrem eigenen Gebäudekomplex vorlieb nehmen, dem so genannten Navy Annex, der 400 Meter weiter am Lee Highway in Arlington, Virginia, lag. Nicht dass das ein sonderlich großes Opfer gewesen wäre. Die Marines waren von jeher eine Art Stiefkind des amerikanischen Militärs – technisch gesehen eine der Navy unterstellte Truppengattung, deren ursprüngliche Aufgabe darin bestand, der Navy als Marineinfanterie – gewissermaßen als Privatarmee – zur Verfügung zu stehen. Ziel war es, zu vermeiden, dass Landsoldaten auf Kriegsschiffen stationiert werden mussten, da Army und Navy von jeher keine besonders freundschaftlichen Beziehungen zueinander pflegten.

Mit der Zeit hatte sich das Marine Corps seine eigene Existenzberechtigung geschaffen – mehr als ein Jahrhundert lang war es die einzige amerikanische Landstreitkraft, die das Ausland zu sehen bekam. Der Sorge um schwere Logistik, ja sogar um medizinisches Personal enthoben – dafür hatte man die Sanitätsgasten der Navy –, waren die Marines ausschließlich Schützen, deren Anblick eine ernüchternde, ja abschreckende Wirkung auf jeden hatte, dessen Herz nicht für die Vereinigten Staaten von Amerika schlug. Aus diesem Grund genossen die Marines unter Kameraden, die ebenfalls im Dienste Amerikas standen, zwar Respekt, aber keineswegs ungetrübte Zuneigung. Für die etablierten Teilstreitkräfte war ihr Gehabe zu selbstgefällig und ihr Sinn für Publicity zu ausgeprägt.

In der Praxis bildete das Marine Corps gewissermaßen eine eigenständige kleine Armee – es verfügte sogar über eine eigene Luftstreitkraft, die zwar klein war, aber dennoch über beachtlich scharfe Reißzähne verfügte –, und dazu gehörte inzwischen auch ein eigener nachrichtendienstlicher Stab mit einem Abteilungsleiter für den Bereich Aufklärung, auch wenn einige der Militärs dies als Widerspruch in sich betrachteten. Dieser Aufklärungsstab war im Zuge der Bestrebungen der Ledernacken, mit der Entwicklung der übrigen Streitkräfte mitzuhalten, neu eingerichtet worden. Der Chef hieß Major General Terry Broughton. Er trug die Stabsbezeichnung M-2, wobei die Ziffer »2« beim Militär stets für nachrichtendienstliche Tätigkeit steht. Der Berufssoldat Broughton war mittelgroß, stämmig und kam von der Infanterie. An ihm war die Aufgabe hängen geblieben, dafür zu sorgen, dass über dem Spionagegeschäft die Realität nicht gänzlich aus dem Blickfeld geriet. Das Corps hatte sich nämlich daran erinnert, dass irgendwo außerhalb des Papierdschungels ein Mann mit einem Gewehr stand, der auf brauchbare Informationen angewiesen war, um zu überleben. Es war eins der zahlreichen Geheimnisse des Corps, dass sein Personal es in Sachen natürlicher Intelligenz mit jedem aufnehmen konnte – sogar mit den Computergurus der Air Force, die der Überzeugung waren, jeder, der ein Flugzeug fliegen könne, müsse einfach zwangsläufig cleverer sein als der Rest der Menschheit. In elf Monaten sollte Broughton das Kommando über die 2nd Marine Division übernehmen, die in Camp Lejeune, North Carolina, stationiert war. Diese erfreuliche Nachricht traf erst vor einer Woche ein, und Broughtons Begeisterung darüber hielt noch immer an.

Das wiederum kam Captain Brian Caruso sehr zustatten, den die bevorstehende Unterredung mit einem Offizier im Generalsrang zwar nicht gerade in Angst und Schrecken, aber durchaus in erhöhte Alarmbereitschaft versetzte. Er trug seine olivefarbene Ausgehuniform mit dem Sam-Browne-Gürtel und hatte sämtliche Ordensbändchen angesteckt, die zu tragen er berechtigt war – nicht gerade eine Unmenge, doch es waren ein paar ganz hübsche Exemplare darunter –, sowie seine goldene Fallschirmjägerspange und eine Sammlung von Scharfschützenabzeichen, umfangreich genug, selbst einen langjährigen gestandenen Schützen wie General Broughton zu beeindrucken.

Die Tagesgeschäfte des M-2 wurden von einem Lieutenant-Colonel sowie einem farbigen weiblichen Gunnery Sergeant als persönlicher Sekretärin erledigt. All das kam dem jungen Captain reichlich merkwürdig vor, doch Logik war nun einmal etwas, für das das Corps nicht unbedingt berühmt war, wie sich Caruso selbst ins Bewusstsein rief. Wie hieß es doch so schön: 230 Jahre Tradition, unbelastet von jeglichem Fortschritt.

»Der General hat jetzt Zeit für Sie, Captain«, sagte die Sekretärin und blickte von dem Telefon auf ihrem Schreibtisch auf.

»Danke, Gunny«, erwiderte Caruso. Er erhob sich und ging zur Tür, die der Sergeant ihm aufhielt.

Broughtons Erscheinung entsprach genau Carusos Erwartungen: knapp unter einsachtzig mit einer Brust, an der ein Hochgeschwindigkeitsgeschoss zum Querschläger geworden wäre. Er trug sein Haar knapp über Stoppellänge. Wie für die meisten Marines war es auch für Broughton ein schwarzer Tag, wenn seine Haare eine Länge von anderthalb Zentimetern zu erreichen drohten und er zum Friseur musste. Der General blickte von seinen Papieren auf und musterte seinen Besucher mit kühlen, haselnussbraunen Augen von oben bis unten.

Caruso salutierte nicht. Genau wie die Offiziere der Navy machen Marines auch nur dann eine Ehrenbezeigung, wenn sie unter Waffen stehen oder unter freiem Himmel eine Kopfbedeckung tragen. Der prüfende Blick dauerte etwa drei Sekunden. Dem Gegenstand der Betrachtung kam er jedoch vor wie eine Woche.

»Guten Morgen, Sir.«

»Nehmen Sie Platz, Captain.« Der General wies auf einen ledergepolsterten Sessel.

Caruso setzte sich, behielt dabei allerdings die stramme Haltung bei und beugte die Knie im rechten Winkel.

»Wissen Sie, warum Sie hier sind?«, fragte Broughton.

»Nein, Sir, das hat man mir nicht mitgeteilt.«

»Wie gefällt es Ihnen bei der Force Recon?«

»Hervorragend, Sir«, erwiderte Caruso. »Ich halte die Unteroffiziere für die besten des gesamten Corps, und die Arbeit ist wirklich interessant.«

»Hier steht, Sie haben in Afghanistan gute Arbeit geleistet.« Broughton hielt einen Hefter hoch, der mit rot-weiß gestreiftem Klebeband an den Rändern gekennzeichnet war. Die Markierung für Top-secret-Material. Allerdings fielen Kommandoeinsätze häufig in diese Kategorie, und Carusos Afghanistan-Einsatz war beileibe nichts gewesen, das in die NBC-Abendnachrichten gehört hätte.

»Ziemlich aufregende Sache war das, Sir.«

»Gute Arbeit, steht hier, keinen Mann dabei verloren.«

»Das hatten wir hauptsächlich diesem Sanitäter von den SEALs zu verdanken, der mit dabei war, General. Corporal Ward wurde übel verwundet, aber Petty Officer Randall hat ihm das Leben gerettet, so viel steht fest. Ich habe ihn für eine Auszeichnung vorgeschlagen. Hoffe, er kriegt sie auch.«

»Das wird er«, versicherte Broughton. »Und das Gleiche gilt für Sie.«

»Sir, ich habe nur meinen Job gemacht«, protestierte Caruso. »Meine Männer haben die ganze…«

»Und genau das macht einen guten jungen Offizier aus!«, unterbrach ihn der M-2. »Ich habe Ihren Gefechtsbericht gelesen und auch den von Gunny Sullivan. Er schreibt, Sie hätten sich für einen jungen Offizier, der seinen ersten Gefechtseinsatz erlebt, hervorragend geschlagen.« Gunnery Sergeant Joe Sullivan hatte schon früher Pulverdampf gerochen, im Libanon und in Kuwait und an noch ein paar anderen Orten, von denen in den Fernsehnachrichten allerdings nie etwas verlautet war. »Sullivan stand mal unter meinem Befehl«, ließ Broughton seinen Besucher wissen. »Für ihn steht eine Beförderung an.«

Caruso nickte zustimmend. »Ja, Sir. Er hat die nächste Stufe auf der Karriereleiter verdient, keine Frage.«

»Ich habe Ihre persönliche Beurteilung über ihn gelesen.« Der M-2 tippte auf einen anderen Hefter, der keine Top-secret-Markierung trug. »Sie geizen nicht mit Lob für Ihre Leute, Captain. Wie kommt das?«

Caruso blinzelte. »Die Männer haben Hervorragendes geleistet, Sir. Mehr hätte ich beim besten Willen nicht erwarten können. Mit diesen Burschen würde ich gegen jeden Gegner auf der Welt antreten. Selbst die neuen Jungs könnten es allesamt mal zum Sergeant bringen, und zweien steht ›Gunny‹ geradezu auf der Stirn geschrieben. Sie legen sich ordentlich ins Zeug und haben genug Grips, von sich aus das Richtige zu unternehmen, noch bevor ich es ihnen befehle. Wenigstens einer hat das Zeug zum Offizier. Sir, das sind meine Leute, und ich bin verdammt froh, sie zu haben.«

»Und Sie haben sie erstklassig ausgebildet«, fügte Broughton hinzu.

»Das ist mein Job, Sir.«

»Gewesen, Captain.«

»Wie bitte, Sir? Ich bin noch vierzehn Monate bei diesem Bataillon, und was danach kommt, steht noch nicht fest.« Allerdings wäre er liebend gern für immer bei der 2nd Force Recon geblieben. Caruso rechnete sich aus, dass in Kürze seine Beförderung zum Major anstand. Dann würde er vielleicht S-3 des Bataillons werden und so als Einsatzoffizier für das Aufklärungsbataillon der Division arbeiten.

»Der Bursche von der CIA, der mit Ihnen in den Bergen war, was für einen Eindruck hatten Sie von dem?«

»James Hardesty sagte, dass er früher bei den Special Forces der Army gedient habe. Ist zwar schon um die vierzig, der Mann, aber ganz schön fit für sein Alter. Spricht zwei der dortigen Sprachen. Und macht sich nicht gleich in die Hose, wenn mal was schief geht. Er … nun ja, er hat mich wirklich gut unterstützt.«

Der M-2 hielt erneut den Top-secret-Hefter hoch. »Er berichtet hier, Sie hätten ihm in diesem Hinterhalt den Arsch gerettet.«

»Sir, da macht keiner eine besonders gute Figur, wenn er in so einen Hinterhalt gerät. Mr Hardesty hat mit Corporal Ward voraus aufgeklärt, während ich das Satellitenfunkgerät aufbaute. Die bösen Jungs hatten sich ein ganz raffiniertes kleines Versteck gesucht, aber dann haben sie sich selbst verraten. Sie eröffneten zu früh das Feuer auf Mr Hardesty, verfehlten ihn mit der ersten Salve, und wir haben sie dann von weiter hangaufwärts in die Zange genommen. Sie hatten nicht genügend Posten aufgestellt. Gunny Sullivan ist mit seinem Trupp rechts an ihnen vorbei, und nachdem er in Stellung gegangen war, habe ich meine Leute zum Frontalangriff geführt. Das Ganze hat zehn oder fünfzehn Minuten gedauert, dann hat Gunny Sullivan unsere Zielperson erledigt. Kopfschuss aus zehn Meter Entfernung. Wir wollten den Kerl eigentlich lebend in die Hände kriegen, aber so, wie die Sache lief, war das nicht möglich.« Caruso zuckte die Schultern. Vorgesetzte konnten Offiziere machen, aber auf die Gegebenheiten vor Ort hatten sie keinen Einfluss. Dieser Mann war nun einmal nicht geneigt gewesen, sich in amerikanische Gefangenschaft zu begeben, und so einen bekam man eben nicht so leicht zu fassen. Das Endergebnis war ein Marine mit üblen Schussverletzungen und sechzehn tote Araber plus zwei Gefangene, mit denen sich die Geheimdienstfuzzis unterhalten konnten. Insgesamt kam mehr dabei heraus, als irgendwer erwartet hatte. Die Afghanen waren zweifellos mutig, aber sie waren nicht wahnsinnig – oder genauer gesagt: Sie wählten das Märtyrertum nur zu ihren eigenen Bedingungen.

»Und was ist die Moral von der Geschicht’?«, fragte Broughton.

»Dass man es mit der Ausbildung und dem Training gar nicht übertreiben kann, Sir. Je gründlicher die Vorbereitung, desto besser. Im Ernstfall geht es nicht so hübsch geordnet zu wie bei irgendwelchen Übungen. Mut haben die Afghanen, das steht außer Frage, aber ihnen fehlt es an einer soliden Ausbildung. Und man kann nie wissen, an welche Sorte man gerät – manche tendieren dazu, eine Sache auszuschießen, andere verkriechen sich eher in Hinterhalte. In Quantico hieß es immer, man soll dem eigenen Instinkt vertrauen – aber der Instinkt wird nicht in der Materialkammer verteilt. Manchmal weiß man einfach nicht, ob die innere Stimme, auf die man da hört, einem wirklich das Richtige empfiehlt.« Caruso zuckte erneut die Achseln, doch dann sagte er geradeheraus, was ihm durch den Kopf ging: »Ich schätze, für mich und meine Marines ist die Sache ganz gut gelaufen – warum, kann ich Ihnen allerdings beim besten Willen nicht erklären.«

»Machen Sie sich nicht zu viele Gedanken, Captain. Wenn die Kacke am Dampfen ist, haben Sie keine Zeit, noch großartig nachzudenken. Das erledigen Sie vorher, wenn es darum geht, wie Sie Ihre Leute ausbilden und wem Sie welche Verantwortung übertragen. Sie bereiten sich mental auf das Gefecht vor, aber Ihnen ist immer klar, dass Sie nicht im Voraus wissen können, wie es dann im Detail abläuft. Wie dem auch sei – Sie haben wirklich durchweg hervorragende Leistungen erbracht. Hardesty war schwer beeindruckt von Ihnen – und der Bursche stellt wirklich keine geringen Ansprüche. Die Folge ist nun das hier«, schloss Broughton.

»Ich verstehe nicht, Sir…«

»Die Firma will mit Ihnen reden«, verkündete der M-2. »Die Agency ist gerade auf Talentsuche, und Ihr Name ist im Gespräch.«

»Wofür genau, Sir?«

»Das hat man mir nicht mitgeteilt. Die suchen Leute für Einsätze vor Ort. Ich glaube nicht, dass es um Spionage geht. Wahrscheinlich eher um den paramilitärischen Zweig der Firma. Ich könnte mir vorstellen, dass es was mit der neuen Antiterror-Abteilung zu tun hat. Ich kann nicht behaupten, dass ich begeistert wäre, einen viel versprechenden jungen Marine zu verlieren. Aber ich habe in dieser Angelegenheit nicht mitzureden. Es steht Ihnen frei, das Angebot abzulehnen, aber hingehen und mit denen reden müssen Sie in jedem Fall.«

»Verstehe.« Was eigentlich nicht der Fall war.

»Vielleicht hat sich da jemand an einen anderen Ex-Marine erinnert, der es dort oben weit gebracht hat…«, bemerkte Broughton halb zu sich selbst.

»Sie meinen Onkel Jack? Herrgott – entschuldigen Sie, Sir, aber von meinem ersten Tag in der Grundausbildung an habe ich genau das immer zu vermeiden versucht. Ich bin ein ganz normaler Captain bei den Marines, Sir. Und etwas anderes will ich auch gar nicht.«

»Gut«, war alles, was Broughton darauf erwiderte. Er sah einen außerordentlich fähigen jungen Offizier vor sich, der den Marine Corps Officer’s Guide von vorn bis hinten gelesen und alles Wichtige daraus verinnerlicht hatte. Allenfalls ein bisschen zu ernsthaft mochte er sein, aber so war er, Broughton, selbst auch einmal gewesen. »Also, Sie werden da oben in zwei Stunden erwartet. Von einem gewissen Pete Alexander, der selbst mal bei den Special Forces war. Hat damals in den achtziger Jahren für die Agency den Afghanistan-Einsatz mit durchgezogen. Kein übler Bursche, hab ich mir sagen lassen, nur dass er sich seine Talente nicht selbst ranzüchten will. Seien Sie auf der Hut, Captain«, sagte er abschließend.

»Jawohl, Sir«, versprach Caruso. Er stand auf und nahm Haltung an.

Der M-2 verabschiedete seinen Besucher mit einem Lächeln und dem traditionellen Gruß der United States Marines: »Semper fidelis, mein Sohn.«

»Aye, aye, Sir.« Caruso verließ das Büro und nickte Gunny zu. Er ignorierte den Lieutenant Colonel, der sich seinerseits nicht die Mühe machte aufzublicken, und stieg die Treppe hinunter. Dabei fragte er sich, in was für eine Sache zum Teufel er da gerade hineinzugeraten drohte.

Hunderte Meilen entfernt kam einem anderen Mann, der ebenfalls Caruso hieß, gerade der gleiche Gedanke. Das FBI hatte sich in Bezug auf die Ermittlung in Fällen von Menschenraub über die Grenzen von Bundesstaaten hinweg bereits in den dreißiger Jahren, kurz nach dem Inkrafttreten des Little Lindbergh Act, seine führende Stellung unter den wichtigsten Strafverfolgungsbehörden Amerikas gesichert. Der Erfolg der Behörde bei der Aufklärung solcher Verbrechen führte schließlich dazu, dass die Zahl der Lösegelderpressungen drastisch abnahm. Es gelang dem FBI, jeden einzelnen dieser Fälle abzuschließen. Bald hatte jeder Kriminelle, der halbwegs bei Verstand war, begriffen, dass man von dieser Art Verbrechen besser die Finger ließ. Jene Erkenntnis setzte sich auf Jahre hinaus durch – bis Entführer auf den Plan traten, denen es nicht um Lösegeld ging.

Und diese Leute waren wesentlich schwerer dingfest zu machen.

Penelope Davidson war an diesem Morgen auf dem Weg zum Kindergarten verschwunden. Ihre Eltern hatten bereits eine Stunde nach dem Verschwinden ihres Kindes die Polizei vor Ort verständigt, und wenig später schaltete das Büro des zuständigen Sheriffs das FBI ein. Dies war zulässig, sobald die Möglichkeit bestand, dass das Opfer einer Entführung über eine Staatsgrenze gebracht worden war. Von Georgetown, Alabama, fuhr man nur eine halbe Stunde bis zur Grenze zum Bundesstaat Mississippi. Daher stürzte sich die FBI-Dienststelle in Birmingham sofort auf die »7« – wie eine Entführung im FBI-Jargon bezeichnet wird – wie die Katze auf die Maus. Fast jeder verfügbare Agent der Dienststelle stieg in seinen Wagen und machte sich auf den Weg nach Südwesten in die ländliche Kleinstadt. Im Stillen fürchtete allerdings jeder dieser Agenten, dass der Einsatz von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Bei Entführungen tickte die Uhr gnadenlos. Man ging davon aus, dass die meisten Opfer binnen vier bis sechs Stunden sexuell missbraucht und getötet wurden. Nur durch ein Wunder konnte das Kind innerhalb dieser kurzen Zeit lebend gefunden werden, und Wunder geschahen nicht gerade oft.

Aber die meisten dieser Männer hatten selbst Frau und Kinder und gingen daher ans Werk, als ob eine Chance bestünde. Der ASAC – Assistant Special Agent in Charge, also der stellvertretende Leiter der Dienststelle – sprach als Erster mit dem Sheriff vor Ort, einem gewissen Paul Turner. In den Augen der Bundespolizei war jener ein ermittlungstechnischer Amateur und mit dem Fall hoffnungslos überfordert. Turner selbst sah das ähnlich. Bei der Vorstellung, dass in seinem Zuständigkeitsbereich ein kleines Mädchen vergewaltigt und ermordet würde, drehte sich ihm der Magen um, und so war ihm die Unterstützung höchst willkommen.

Jeder Mann, der eine Dienstmarke und eine Waffe trug, bekam ein Foto der Verschwundenen ausgehändigt. Die Cops von der örtlichen Polizei und die Special Agents vom FBI studierten Straßenkarten und nahmen sich zuerst den Weg zwischen dem Haus der Davidsons und dem Kindergarten fünf Blocks weiter vor, den das Mädchen seit zwei Monaten jeden Morgen gegangen war. Sie befragten sämtliche Anwohner entlang dieser Strecke. In Birmingham wurde die Computerdatenbank nach bekannten Sexualstraftätern durchforstet, die innerhalb eines Radius von 150 Kilometern wohnten, und Agenten sowie Alabama State Troopers schwärmten aus, um auch diese Personen zu vernehmen. Sie durchsuchten jedes Haus – die meisten mit Einwilligung der Besitzer, etliche aber auch ohne jene. Das gab keinerlei Probleme, denn die Richter vor Ort waren in Entführungsfällen rigoros und ließen den Beamten einen solchen Verstoß gegen das Gesetz immer durchgehen.

Es war nicht Special Agent Carusos erster großer Fall, wohl aber seine erste »7«, und obwohl er weder Frau noch Kinder hatte, ließ ihm der Gedanke an ein vermisstes Kind erst das Blut in den Adern gefrieren und brachte es dann zum Kochen. Das »offizielle« Kindergartenfoto des Mädchens zeigte blaue Augen, blondes Haar und ein verschmitztes kleines Lächeln. Bei dieser »7« konnte es unmöglich um Geld gehen. Das Kind stammte aus einfachen Verhältnissen – der Vater arbeitete in der Leitungswartung beim örtlichen Elektrizitätswerk, die Mutter war in Teilzeit als Schwesternhelferin im Bezirkskrankenhaus beschäftigt. Beide waren Methodisten und aktive Kirchgänger und auf Anhieb keineswegs verdächtig, ihr Kind misshandelt oder missbraucht zu haben. Das würde natürlich noch näher überprüft werden. Bei der Einsatzleitung in Birmingham gab es einen hochrangigen Agenten, der als erfahrener Profiler galt, und sein vorläufiger Befund ließ das Schlimmste befürchten: Bei dem unbekannten Täter handelte es sich möglicherweise um einen Serienentführer und -mörder, um jemanden, der eine sexuelle Neigung zu Kindern besaß und der wusste, wie man sich nach solchen Verbrechen am sichersten vor der Entdeckung schützte: indem man das Opfer umbrachte.

Er lauerte irgendwo da draußen, das wusste Dominic Caruso. Der junge Agent hatte erst vor knapp einem Jahr seine Ausbildung in Quantico abgeschlossen, aber dies war bereits sein zweiter Job – unverheiratete FBI-Agenten hatten ebenso viel Einfluss darauf, wohin es sie verschlug, wie ein Spatz, der in einen Hurrikan geriet. Die Dienststelle, in der er zuerst tätig war, lag in Newark, New Jersey. Nach ganzen sieben Monaten wurde er dann nach Alabama versetzt, und dort gefiel es ihm besser. Das Wetter war zwar die meiste Zeit über ziemlich mies, aber er zog die ländlichere Gegend dennoch der dreckigen Großstadt vor, wo es zuging wie im Bienenstock. Zurzeit bestand Carusos Aufgabe darin, in der Gegend westlich von Georgetown zu patrouillieren, wachsam zu sein und nach verdächtigen Vorkommnissen Ausschau zu halten. In Vernehmungstechniken war er noch nicht erfahren genug, um große Erfolge zu erzielen. Das waren Fähigkeiten, die man sich über Jahre hinweg erarbeiten musste. Allerdings hielt sich Caruso selbst für ziemlich clever, und zudem hatte er Psychologie studiert.

Halt nach einem Wagen mit einem kleinen Mädchen darin Ausschau, sagte er sich und überlegte weiter: nach einem Mädchen, das nicht in einem Kindersitz sitzt. Von einem erhöhten Sitz aus könnte das Kind aus dem Fahrzeug blicken und vielleicht jemanden auf sich aufmerksam machen. Es war davon auszugehen, dass der Täter die Kleine gefesselt hatte, mit Handschellen oder mit Dichtungsband, wahrscheinlich auch geknebelt. Ein kleines Mädchen, hilflos und verstört… Bei der Vorstellung krampften sich Carusos Hände um das Lenkrad. Das Funkgerät knisterte.

»Birmingham Leitstelle an alle 7er-Einheiten. Wir haben einen Hinweis darauf, dass der Verdächtige im Fall 7 möglicherweise einen Kleintransporter fährt, wahrscheinlich einen Ford, Farbe Weiß, leicht verschmutzt. Zugelassen in Alabama. Wenn Sie ein Fahrzeug sehen, das der Beschreibung entspricht, geben Sie das Kennzeichen durch, wir lassen das Fahrzeug dann vom örtlichen Police Department überprüfen.«

Im Klartext hieß das: nicht die rote Lampe aufs Dach setzen, um das Fahrzeug selbst anzuhalten.

Wenn ich an der Stelle dieser Kreatur wäre – wo würde ich jetzt hinfahren? Caruso verringerte das Tempo. Es müsste ein Ort mit guter Straßenanbindung sein. Aber auf keinen Fall an der Hauptstraße… eher an einer gut befahrbaren Seitenstraße, die zu einem abgelegenen Haus führt. Dies muss man leicht erreichen können – und leicht wieder verlassen. Keine Nachbarn, die etwas sehen oder hören…

Er griff nach dem Funkgerät.

»Caruso für Leitstelle Birmingham.«

»Ich höre, Dominic«, antwortete die Agentin in der Zentrale, Special Agent Sandy Ellis. Der FBI-Funk wurde verschlüsselt abgewickelt. Man hätte schon einen verdammt guten Descrambler gebraucht, um ihn abzuhören.

»Das mit dem weißen Transporter – wie sicher ist dieser Hinweis?«

»Eine ältere Dame hat ausgesagt, sie hätte, als sie ihre Zeitung reinholte, gesehen, wie ein kleines Mädchen neben einem weißen Kleintransporter mit einem Mann geredet hat. Die Beschreibung passt auf die Vermisste. Der betreffende Mann ist ein Weißer, Alter unbekannt, keine weiteren Angaben. Das ist zurzeit alles, was wir in der Hand haben, Dom«, berichtete Ellis.

»Wie viele Pädophile gibt es in der Gegend?«, fragte Caruso weiter.

»Laut Computer insgesamt neunzehn. Wir lassen sie alle vernehmen. Bisher hat sich daraus aber noch nichts ergeben. Das ist alles, Kollege.«

»Roger, Sandy. Out.«

Er fuhr weiter, suchte wie zuvor die Gegend ab. Er fragte sich, ob dies wohl mit den Erlebnissen seines Bruders Brian in Afghanistan vergleichbar war: allein auf der Jagd nach dem Feind … Er begann nach Feldwegen Ausschau zu halten, die von der Straße abzweigten und womöglich frische Reifenspuren aufwiesen.

Er betrachtete noch einmal das Foto im Brieftaschenformat. Ein niedliches kleines Mädchen, das gerade das ABC lernte. Ein Kind, für das die Welt bis heute ein sicherer Ort unter der Obhut von Mommy und Daddy gewesen war, ein Kind, das die Sonntagsschule besuchte und Raupen aus Eierkartons und Pfeifenreinigern bastelte, das Lieder auswendig kannte wie: »Gott liebt diese Welt, und wir sind sein Eigen…« Caruso ließ den Blick nach links und rechts schweifen. Dort hinten, etwa hundert Meter weiter, führte ein unbefestigter Weg in den Wald hinein. Beim Abbremsen erkannte Caruso, dass der Weg eine sanfte S-Kurve beschrieb, und zwischen den Bäumen sah er … ein Holzhaus … und daneben … ein Stück von einem Kleintransporter. Allerdings war dieser eher beige als weiß.

Andererseits – wie weit war die alte Dame, die das kleine Mädchen und den Transporter gesehen hatte, entfernt gewesen? War es schon richtig hell oder noch dämmrig, als sie ihre Beobachtung machte? Es galt so viele Einzelheiten zu beachten, so viele Unbekannte, so viele Variablen. So gut die FBI-Akademie auch war, sie konnte einen nicht auf alles vorbereiten – es gab sogar verdammt vieles, auf das sie einen nicht vorbereiten konnte. Das gestanden selbst die Ausbilder dort ein. Außerdem empfahlen sie den Absolventen, sich auf ihren Instinkt und ihre Erfahrung zu verlassen…

Aber Carusos Erfahrung belief sich gerade mal auf ein knappes Jahr.

Trotzdem…

Er hielt an.

»Caruso für Leitstelle Birmingham.«

»Ich höre, Dominic«, antwortete Sandy Ellis.

Caruso gab seine Position durch. »Ich melde einen 10-7, um mir die Sache mal anzusehen.«

»Roger, Dom. Brauchst du Verstärkung?«

»Negativ, Sandy. Wahrscheinlich ist da gar nichts, ich klopfe nur mal an und rede ein paar Worte mit dem Bewohner.«

»Okay, ich bleib dran.«

Caruso besaß kein Handfunkgerät – so etwas gehörte zur Ausrüstung von Polizisten, aber nicht zu der von FBI-Agenten –, sodass er nun bis auf sein Handy keine Möglichkeit mehr hatte, Kontakt zur Zentrale aufzunehmen. Seine eigene Feuerwaffe, eine Smith & Wesson Modell 1076, steckte sicher im Halfter an seiner rechten Hüfte. Er stieg aus dem Wagen und drückte die Tür leise zu, ohne sie zu verriegeln. Das Zuschlagen von Autotüren erregte immer Aufmerksamkeit, und das wollte er vermeiden.

Er trug einen dunkel-olivgrünen Anzug – ein glücklicher Zufall, wie Caruso fand. Er bog in den Weg ein. Zuerst würde er sich den Transporter ansehen. Er ging in normalem Tempo und ließ die Fenster des schäbigen Hauses dabei nicht aus den Augen. Halb hoffte er, ein Gesicht zu entdecken, aber als er es recht bedachte, war er doch froh, dass keins erschien.

Der Ford war schätzungsweise sechs Jahre alt. Kleinere Beulen und Lackschäden an der Karosserie. Der Fahrer hatte rückwärts eingeparkt, dicht am Haus und mit der Schiebetür zum Eingang, wie es ein Handwerker getan hätte. Oder jemand, der unauffällig einen kleinen, sich wehrenden Körper ins Haus schaffen wollte. Caruso hatte seinen Mantel aufgeknöpft und achtete darauf, die rechte Hand frei zu haben. Schnell ziehen war etwas, das jeder Polizist der Welt trainierte – viele übten es vor dem Spiegel. Nur ein Vollidiot hätte allerdings in derselben Bewegung abgedrückt, denn auf diese Weise traf man garantiert nicht.

Caruso ließ sich Zeit. Auf der Fahrerseite war das Fenster heruntergelassen. Der Innenraum war fast vollständig leer. Auf dem unlackierten Metallboden lagen nur das Reserverad, ein Wagenheber… und eine große Rolle Dichtungsband.

Das Zeug fand man überall. Das lose Ende klebte auf dem Boden, als hätte jemand vermeiden wollen, es beim nächsten Mal erst mit den Fingernägeln abknibbeln zu müssen. Auch das war nichts Ungewöhnliches. Hinter dem Beifahrersitz klemmte eine kleine Matte – nein, sie war auf dem Boden festgeklebt, wie Caruso bemerkte. Und hing da nicht ein Stück Klebeband an dem metallenen Sitzgestell? Was das wohl zu bedeuten hatte …

Warum ausgerechnet an dieser Stelle?, fragte sich Caruso. Plötzlich begann die Haut auf seinen Unterarmen zu prickeln – ein Gefühl, das er noch nicht kannte. Er hatte noch nie selbst jemanden festgenommen, hatte es auch noch nicht mit schweren Verbrechen zu tun gehabt, wenigstens nicht unmittelbar. In Newark war er zusammen mit einem Kollegen damit betraut gewesen, nach Flüchtigen zu fahnden, allerdings nur für kurze Zeit, und wenn sie einen dingfest machen konnten – was insgesamt dreimal vorkam –, hatte immer der andere, erfahrenere Agent den Einsatz geleitet. Inzwischen besaß Caruso zwar selbst mehr Erfahrung, war kein blutiger Anfänger mehr, aber besonders lange arbeitete er nun doch noch nicht in dem Beruf, wie er sich eingestehen musste.

Caruso wandte sich dem Haus zu. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. Was genau hatte er in der Hand? Nicht viel. Er hatte einen gewöhnlichen Kleinlaster inspiziert, in dem keinerlei direktes Beweismaterial zu finden war, nur eine Rolle Dichtungsband und eine kleine Matte auf dem Metallboden.

Trotzdem …

Der junge Agent zog sein Handy aus der Tasche und drückte die Kurzwahltaste für seine Dienststelle.

»FBI. Was kann ich für Sie tun?«, fragte eine weibliche Stimme.

»Caruso hier, ich muss Ellis sprechen.«

»Was gibt’s, Dom?«, fragte Ellis nur eine Sekunde später.

»Ein weißer Ford Econoline Van, Kennzeichen Alabama Echo Romeo sechs fünf null eins, geparkt an meinem Standort. Sandy …«

»Ja, Dominic?«

»Ich klopfe jetzt bei diesem Burschen an.«

»Brauchst du Verstärkung?«

Caruso dachte kurz nach. »Positiv – roger.«

»Ein Deputy des County Sheriffs ist in etwa zehn Minuten bei dir. Warte so lange«, riet Ellis.

»Roger, ich warte.«

Aber das Leben eines kleinen Mädchens stand auf dem Spiel …

Caruso ging auf das Haus zu, immer darauf bedacht, nicht in den Sichtbereich der nächsten Fenster zu geraten. Dann stand die Zeit still.

Als er den Schrei hörte, erschrak er bis ins Mark. Es war ein grässlicher, schriller Ton – wie von jemandem, der dem Tod ins Gesicht sah. Ehe er sich’s versah, hielt er seine Automatik in den Händen – zwar vor dem Brustbein und den Lauf gen Himmel gerichtet, aber er hielt sie immerhin in den Händen. Ihm wurde bewusst, dass dies der Schrei einer Frau gewesen war, und etwas in seinem Kopf machte klick.

So schnell und zugleich so geräuschlos wie möglich stieg er auf die Veranda unter dem schiefen, schlecht gedeckten Dach. Die Vordertür bestand größtenteils aus metallenem Insektengitter. Sie hätte einen neuen Anstrich vertragen können – und der Rest des Hauses ebenfalls. Wahrscheinlich war dies ein Mietshaus, und zwar ein billiges. Als Caruso durch das Gitter spähte, erkannte er dahinter einen Flur, der links in die Küche und rechts in ein Badezimmer führte. Diese Tür stand offen. Caruso konnte aus seiner Position nur eine Toilettenschüssel aus weißer Keramik und ein Waschbecken erkennen.

Er fragte sich, ob er einen hinreichenden Grund hatte, in das Haus einzudringen, und entschied sich kurzerhand dafür. Er öffnete die Tür und schlüpfte so lautlos wie möglich hindurch. Auf dem Boden lag ein billiger, schmutziger Läufer. Caruso schlich den Flur entlang, die Waffe schussbereit in der Hand, alle Sinne bis aufs Äußerste geschärft. Mit jedem Schritt veränderte sich sein Blickwinkel. Bald war die Küche nicht mehr einsehbar, dafür konnte er das Bad besser überschauen …

Penny Davidson lag in der Badewanne – nackt, die leuchtend blauen Augen weit aufgerissen, der Hals von einem klaffenden Schnitt durchtrennt, der von einem Ohr bis zum anderen reichte. Ihre flache Brust war blutüberströmt, ebenso die Badewanne.

Seltsamerweise verspürte Caruso keine körperliche Reaktion. Seine Augen registrierten geradezu fotografisch, was er da vor sich sah, doch seine Gedanken galten in diesem Moment einzig und allein dem Mann, der das getan hatte. Dieser Mann war noch am Leben und wahrscheinlich nur wenige Meter entfernt.

Caruso hörte ein Geräusch. Ein Stück den Flur entlang befand sich links ein weiteres Zimmer. Ein Wohnzimmer mit einem Fernseher. Der Täter musste sich in diesem Raum aufhalten. Ob er einen Komplizen hatte? Caruso blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, und es kümmerte ihn in diesem Moment auch nicht besonders.

Langsam und vorsichtig schlich er heran und spähte um die Ecke. Sein Herz schlug wie ein Presslufthammer. Da war der Kerl – Ende dreißig, weiß, männlich, schütter werdendes Haar. Er starrte gebannt auf den Fernseher und trank Miller-Lite-Bier aus einer Aludose. Es lief ein Horrorfilm  – daher wohl der Schrei. Auf dem Gesicht des Mannes lag ein Ausdruck von Zufriedenheit, keine Spur von Erregung. Die hatte er wohl schon hinter sich, dachte Dominic. Vor dem Typen auf dem Kaffeetisch – Herrgott! – lag ein Schlachtermesser mit blutverschmierter Klinge. Auch das T-Shirt des Mannes war mit Blut bespritzt – mit Blut aus dem Hals eines kleinen Mädchens.

»Das Elende an diesen Hundesöhnen ist, dass sie nie Widerstand leisten«, hatte einer seiner Ausbilder an der FBI-Akademie einmal gesagt. »Klar, wenn sie kleine Kinder in ihrer Gewalt haben, kommen sie sich so großartig vor wie John Wayne, aber gegenüber bewaffneten Polizisten wehren sie sich nicht, niemals! Und wissen Sie was – das ist eine verdammte Schande!«, fügte der Ausbilder hinzu.

Du wanderst heute nicht in den Knast, schoss es Caruso unvermittelt durch den Kopf. Sein rechter Daumen spannte den dornlosen Hahn, bis er klickend einrastete. Die Waffe war schussbereit. Flüchtig nahm er wahr, dass sich seine Hände wie Eis anfühlten.

Im Flur, an der Ecke zum Wohnzimmer, entdeckte er ein ramponiertes kleines Beistelltischchen. Auf der achteckigen Tischplatte stand eine durchsichtige blaue Glasvase  – ein billiges Stück, vielleicht aus dem Supermarkt im Ort. Sie war leer. Caruso zielte sorgfältig mit dem Fuß, dann trat er das Tischchen um. Die Vase zerbrach mit lautem Klirren auf dem Holzfußboden.

Der Mann schreckte auf, fuhr herum und sah sich einem unerwarteten Besucher gegenüber. Eher aus einem Verteidigungsreflex als aus einer bewussten Entscheidung heraus griff er nach dem Schlachtermesser auf dem Kaffeetisch. Als Caruso klar wurde, dass der Mann den letzten Fehler seines Lebens begangen hatte, blieb ihm nicht einmal Zeit zum Aufatmen. Ein ehernes Gesetz der amerikanischen Polizeibehörden besagt, dass jemand mit einem Messer in der Hand in weniger als sieben Meter Entfernung eine unmittelbare, lebensgefährliche Bedrohung darstellt. Doch Caruso war mit seiner Waffe eindeutig im Vorteil.

Der Mann versuchte noch aufzustehen, aber dazu kam er nicht mehr.

Carusos Finger drückte den Abzug seiner Smith & Wesson und jagte seinem Gegenüber die erste Kugel direkt durchs Herz. Noch in derselben Sekunde folgten zwei weitere Schüsse. Das weiße T-Shirt des Mannes wurde auf der Stelle rot. Er sah auf seine Brust hinunter, dann blickte er zu Caruso hinüber und sank mit einem Ausdruck grenzenlosen Erstaunens zurück. Kein Wort und kein Schmerzensschrei kamen über seine Lippen.

Als Nächstes machte Caruso kehrt und kontrollierte das einzige Schlafzimmer des Hauses. Leer. Ebenso die Küche. Die Hintertür war von innen abgeschlossen. Für einen Augenblick verspürte Caruso Erleichterung – es hielt sich offenbar niemand anders im Haus auf. Er wandte sich wieder dem Kidnapper zu. Dessen Augen standen weit offen. Dominic hatte gut gezielt. Zuerst entwaffnete er den Mann und legte ihm Handschellen an, wie er es in der Ausbildung gelernt hatte. Anschließend tastete er vorsichtshalber an der Halsschlagader nach dem Puls, doch die Mühe hätte er sich sparen können – der Bursche war schon auf dem Weg zur Hölle. Caruso zog sein Handy aus der Tasche und rief erneut seine Dienststelle an.

»Dom?«, meldete sich Ellis.

»Ja, Sandy, ich bin’s. Ich hab ihn gerade erledigt.«

»Wie bitte? Was soll das heißen?«, fragte Sandy Ellis alarmiert.

»Das kleine Mädchen … es ist hier. Tot. Kehle durchgeschnitten. Als ich reinkam, ging der Typ mit einem Messer auf mich los. Ich hab ihn abgeknallt. Der ist jetzt auch tot, mausetot, verdammte Scheiße!«

»Herrgott, Dominic! Der Sheriff muss in ein paar Minuten da sein. Bleib, wo du bist!«

»Roger, Sandy, ich warte.«

Noch ehe eine Minute vergangen war, hörte Caruso eine Sirene. Er trat auf die Veranda hinaus. Zuerst sicherte er seine Automatik und steckte sie zurück ins Halfter. Dann zog er seinen FBI-Dienstausweis aus der Jackentasche und hielt ihn mit der linken Hand hoch, während der Sheriff mit gezogenem Dienstrevolver auf ihn zukam.

»Alles unter Kontrolle«, verkündete Caruso, bemüht, ruhig zu erscheinen. In Wirklichkeit war er total aufgekratzt. Er bedeutete Sheriff Turner, ins Haus zu gehen, blieb selbst jedoch draußen stehen. Nach ein oder zwei Minuten kehrte der Cop zurück, die Smith & Wesson nun ebenfalls im Halfter.

Turner war ein Südstaatensheriff wie aus einem Hollywoodstreifen  – hoch gewachsen, muskulös, mit fleischigen Armen und einem Pistolengurt, der ihm tief in die Taille einschnitt – nur dass Turner schwarz war. Falscher Film.

»Was ist vorgefallen?«, wollte er wissen.

»Geben Sie mir eine Minute Zeit?« Caruso atmete tief durch und überlegte kurz, wie er die Sache darstellen sollte. Turners Einschätzung war von entscheidender Wichtigkeit, denn Tötungsdelikte fielen in den Aufgabenbereich der örtlichen Polizei, und der Sheriff war somit für die Angelegenheit zuständig.

»Sicher.« Turner zog eine Schachtel Kools aus der Hemdtasche. Er bot Caruso auch eine Zigarette an, doch dieser schüttelte den Kopf.

Der junge Agent setzte sich auf den unlackierten Holzboden und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Was genau war vorgefallen? Was genau hatte er gerade eben getan? Und wie genau sollte er es erklären? Special Agent Dominic Caruso verspürte keinerlei Reue. Für Penelope Davidson war es verdammt noch mal zu spät gewesen! Wenn er doch nur eine Stunde eher gekommen wäre, vielleicht auch nur eine halbe … Dieses kleine Mädchen würde heute Abend nicht nach Hause gehen, würde nie wieder seinen Vater umarmen oder von seiner Mutter zu Bett gebracht werden.

»Können Sie jetzt reden?«, fragte Sheriff Turner.

»Ich habe nach einem Haus wie diesem Ausschau gehalten, und dann sah ich im Vorbeifahren den Van hier stehen«, begann Caruso. Unvermittelt stand er auf und führte den Sheriff ins Haus, um ihm den weiteren Hergang zu erläutern.

»Ich bin ins Haus gegangen und dann über den Tisch dort gestolpert. Der Kerl hat mich gesehen, sein Messer genommen und ist auf mich losgegangen – da habe ich meine Pistole gezogen und den Bastard erschossen. Mit drei Schüssen, glaube ich.«

»Mhm.« Turner ging zu dem Toten hinüber. Der Mann hatte nicht besonders stark geblutet. Alle drei Geschosse waren direkt ins Herz eingedrungen, sodass es beinahe augenblicklich zu pumpen aufgehört hatte.

Paul Turner, ein Mann, der beinahe in jeder Jagdsaison eigenhändig einen Hirsch erlegte, war nicht annähernd so beschränkt, wie es einem Bundesagenten erscheinen mochte. Er betrachtete die Leiche, wandte sich dann zu der Tür um, von der aus Caruso die Schüsse abgefeuert hatte, und schätzte Winkel und Entfernung ab.

»So, Sie sind also über das Tischchen gestolpert«, wiederholte der Sheriff. »Der Verdächtige bemerkt Sie, greift nach seinem Messer, Sie fürchten um Ihr Leben, ziehen Ihre Dienstwaffe und geben rasch nacheinander drei Schüsse ab – ist das richtig?«

»Genau, so hat es sich abgespielt.«

»Mhm«, machte Turner erneut.

Der Sheriff griff in seine rechte Hosentasche und zog seine Schlüsselkette hervor, ein Geschenk von seinem Vater, der Schlafwagenschaffner bei der alten Illinois Central Railway gewesen war. An der altmodischen Kette war ein Silberdollar von 1948 angelötet. Die Münze hatte einen Durchmesser von fast vier Zentimetern. Als Turner sie über die Brust des Kidnappers hielt, deckte sie alle drei Eintrittswunden ab. Die Augen des Sheriffs nahmen einen höchst skeptischen Ausdruck an, doch dann wanderte sein Blick in Richtung Badezimmer und wurde plötzlich milde. Schließlich sprach der Sheriff sein Urteil über den Vorfall aus.

»Dann werden wir es so zu Protokoll nehmen. Gut gezielt, mein Junge!«

Ein geschlagenes Dutzend Polizei- und FBI-Fahrzeuge erschienen binnen ebenso vieler Minuten am Schauplatz des Geschehens. Bald darauf traf auch das mobile Labor vom Alabama Department of Public Safety zur Spurensicherung am Tatort ein. Ein Fotograf von der Gerichtsmedizin verknipste 23 Rollen 400er-Spezialfarbfilm. Das Messer wurde in einem Plastikbeutel verpackt, um es später im Labor auf Fingerabdrücke zu untersuchen und das Blut daran mit dem des Opfers zu vergleichen – im Grunde lauter überflüssige Formalitäten, aber die Ermittlungsvorschriften für Mordfälle waren nun einmal besonders streng. Schließlich wurde der Körper des kleinen Mädchens in einen Leichensack gebettet und abtransportiert. Die Eltern würden die Kleine identifizieren müssen – Gott sei Dank war wenigstens ihr Gesicht verhältnismäßig unversehrt geblieben.

Einer der Letzten, die am Tatort eintrafen, war Ben Harding, der Chef der FBI-Einsatzzentrale in Birmingham. Wenn ein Agent von der Schusswaffe Gebrauch machte, musste Harding einen formellen Bericht verfassen. Der landete dann auf dem Schreibtisch des FBI-Direktors Dan Murray, mit dem Ben locker befreundet war. Als Harding ankam, vergewisserte er sich zunächst, dass Caruso physisch und psychisch in einigermaßen passabler Verfassung war. Dann begrüßte er Paul Turner und hörte sich an, was dieser zu dem Tathergang zu sagen hatte. Caruso sah aus einiger Entfernung zu, wie Turner seine Schilderung des Vorfalls mit Gesten untermalte und Harding dazu nickte. Gut, dass die Aktion den offiziellen Segen des Sheriffs hatte! Ein Captain von den State Troopers, der den Bericht mit anhörte, nickte ebenfalls.

Dominic Caruso scherte sich im Grunde einen Dreck darum, was diese Leute davon hielten. Er wusste, dass er das Richtige getan hatte – nur leider eine Stunde zu spät.

Schließlich wandte sich Harding wieder seinem jungen Agenten zu. »Was denken Sie, Dominic?«

»Zu spät«, erwiderte Caruso. »Wir waren verdammt noch mal nicht schnell genug – ja, ich weiß, es macht keinen Sinn, sich über so etwas aufzuregen.«

Harding packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. »Sie hätten es nicht besser machen können, Junge!« Er schwieg einen Moment lang. »Wie kam es zu der Schießerei?«

Caruso wiederholte seine Geschichte. Allmählich glaubte er schon beinahe selbst daran. Wahrscheinlich hätte er sogar die reine Wahrheit erzählen können, ohne dass es ihn den Kopf gekostet hätte, das war ihm klar – aber wozu das Risiko eingehen? Es war nun ganz offiziell ein eindeutig legitimer Fall von Schusswaffengebrauch, und damit Schluss – wenigstens was seine Personalakte beim FBI betraf.

Harding hörte zu und nickte bedächtig. Er musste einige Formulare ausfüllen und per FedEx nach Washington raufschicken. Aber es würde keine schlechte Presse geben, weil ein FBI-Agent einen Kidnapper am selben Tag erschossen hatte, an dem das Verbrechen begangen worden war. Wahrscheinlich würden bei den Ermittlungen Beweise

Die Originalausgabe THE TEETH OF THE TIGER erschien bei G. Putnam’s & Sons, New York

Dies ist ein fiktionaler Text. Namen, Charaktere, Schauplätze und Ereignisse werden entweder fiktional verwendet oder sind Fantasieprodukte des Autors. Jegliche Ähnlichkeiten zu realen Personen, ob lebend oder tot, sowie zu Wirtschaftsunternehmen, Ereignissen oder Orten sind daher rein zufällig.

5. Auflage Taschenbucherstausgabe 02/2005

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Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

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eISBN: 978-3-641-08580-3

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