Jagd auf Roter Oktober - Tom Clancy - E-Book

Jagd auf Roter Oktober E-Book

Tom Clancy

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Beschreibung

Der höchste Politoffizier der russischen Marine erfährt, dass »Roter Oktober«, das modernste russische Raketen-U-Boot, in den Westen überzuwechseln droht. Innerhalb kürzester Zeit machen sich 30 Kriegsschiffe und 58 Jagd-U-Boote an die Verfolgung. Es beginnt ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Großmächten.

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Das Buch

Als Admiral Padorin, der höchste Politoffizier der russischen Marine, erfährt, dass ›Roter Oktober‹, das modernste russische Raketen-U-Boot, mit seinen 26 Feststoffraketen und 8 Atomsprengköpfen in den Westen überzuwechseln droht, ist er für einen Augenblick wie paralysiert. Dann aber reagiert er prompt: Innerhalb kürzester Zeit machen sich 30 Kriegsschiffe und 58 Jagd-U-Boote an die Verfolgung von ›Roter Oktober‹, um das Boot noch in letzter Sekunde zu stoppen. Doch Marko Ramius, der Kommandant, ist einer der erfahrensten Kapitäne der russischen U-Boot-Flotte. Vor allem aber hat sein Boot ein revolutionäres Antriebsystem, das eine Ortung beinahe unmöglich macht. Und Ramius wird unterstützt von den amerikanischen Seestreitkräften, die, als sie zu ahnen beginnen, was er vorhat, alles daran setzen, ihn bei seiner Flucht zu unterstützen. So entwickelt sich in den Tiefen des Meeres ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Großmächten.

Der Autor

Tom Clancy hat seit Jagd auf Roter Oktober 10 weitere große Romane geschrieben, die alle auf Platz eins der Bestsellerlisten landeten. Zudem stammen von ihm die TB-Serien OP Center, Net Force und Power Plays. Zuletzt erschienen bei Heyne: Im Zeichen des Drachen, Red Rabbit, Im Auge des Tigers.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDer AutorErster Tag - Freitag, 3. DezemberZweiter Tag - Samstag, 4. DezemberDritter Tag - Sonntag, 5. DezemberCopyright

Erster Tag

Freitag, 3. Dezember

Roter Oktober

Kapitän Ersten Ranges Marko Alexandrowitsch Ramius von der Sowjetmarine war entsprechend den arktischen Witterungsverhältnissen gekleidet, die bei dem U-Boot-Stützpunkt Polyarniji der Nordflotte normalerweise herrschten: Er steckte unter fünf Schichten Wolle und Ölzeug. Ein schmutziger Hafenschlepper bugsierte den Bug seines Unterseebootes nordwärts, in Richtung Kanal. Das Trockendock, in dem sein Roter Oktober zwei endlose Monate lang gelegen hatte, war nun ein gefluteter Betonkasten, einer der vielen, die eigens gebaut worden waren, um strategische Raketen-U-Boote vor den Elementen zu schützen. Am Dockrand sah eine Ansammlung von Matrosen und Werftarbeitern dem Auslaufen seines Bootes teilnahmslos zu.

»Langsam voraus, Kamarow«, befahl er. Der Schlepper glitt aus dem Weg, und Ramius warf einen Blick zum Heck, wo die beiden Bronzeschrauben das Wasser aufwühlten. Der Kapitän des Schleppers winkte. Ramius erwiderte den Gruß. Roter Oktober, ein Boot der Typhoon-Klasse, lief nun mit eigener Kraft auf den Hauptschifffahrtskanal des Kola-Fiords zu.

»Dort ist die Purga, Genosse Kapitän.« Gregorij Kamarow wies auf den Eisbrecher, der sie hinaus aufs offene Meer begleiten sollte. Ramius nickte. Die zweistündige Kanaldurchfahrt würde nicht seine Seemannschaft, wohl aber seine Geduld auf die Probe stellen. Ein kalter Nordwind wehte. Der Spätherbst war erstaunlich mild gewesen, es hatte kaum geschneit, aber vor einer Woche war ein großer Wintersturm über die Murmansk-Küste hinweggefegt und hatte Brocken vom Packeis gerissen. Der Eisbrecher war keine Formsache. Die Purga sollte Eisberge, die über Nacht in den Kanal getrieben sein konnten, beiseite schieben.

Das Wasser im Fjord war kabbelig, getrieben von der steifen Brise. Es begann nun, über den runden Bug von Oktober zu schwappen und rollte dann über das flache Raketendeck vor dem hohen schwarzen Turm. Auf der Oberfläche trieb Öl aus dem Bilgenwasser zahlloser Schiffe, das bei den niedrigen Temperaturen nicht verdunsten konnte und am Fjordufer einen schwarzen Rand bildete.

»Fahrt auf ein Drittel steigern«, sagte Ramius. Kamarow wiederholte den Befehl am Brückentelefon. Das Wasser wallte heftiger auf, als Roter Oktober sich hinter die Purga setzte. Kapitänleutnant Kamarow, der Navigationsoffizier, hatte bisher als Lotse für die großen Kriegsschiffe gedient, die beidseits des breiten Sunds stationiert waren. Die beiden Offiziere behielten den dreihundert Meter vor ihnen laufenden bewaffneten Eisbrecher scharf im Auge. Auf dem Achterdeck der Purga stampfte eine Hand voll Besatzungsmitglieder in der Kälte herum, die Zeuge der ersten Dienstfahrt von Roter Oktober werden wollten.

»Und so, Genosse Kapitän, stechen wir aufs Neue in See, um dem Vaterland zu dienen und es zu schützen!« Kapitän Zweiten Ranges Iwan Jurijewitsch Putin steckte den Kopf durch die Luke – wie üblich, ohne um Genehmigung gebeten zu haben – und kletterte unbeholfen wie eine Landratte die Leiter hinauf. In dem winzigen Ausguck war es auch ohne ihn schon eng genug. Putin war der Politoffizier des Schiffes.

»So ist’s, Iwan Jurijewitsch«, erwiderte Ramius mit gezwungener Heiterkeit. »Zwei Wochen auf See. Tut wohl, aus dem Dock rauszukommen. Ein Seemann gehört aufs Meer und nicht in den Hafen, wo Bürokraten und Arbeiter mit schmutzigen Stiefeln auf ihm herumtrampeln. Und warm bekommen wir’s auch.«

»Finden Sie es denn kalt?«, fragte Putin ungläubig.

Zum hundertsten Male sagte sich Ramius, dass Putin der perfekte Politoffizier war: Stimme zu laut, Humor zu gekünstelt. Nie ließ er einen vergessen, wer er war. Und als perfekter Politoffizier war er ein gefürchteter Mann.

»Ich fahre schon so lange auf U-Booten, mein Freund, dass ich mich an gemäßigte Temperaturen und ein ruhiges Deck unter den Füßen gewöhnt habe.« Putin merkte die versteckte Beleidigung nicht. Zu den U-Booten war er versetzt worden, nachdem seine Dienstzeit bei den Zerstörern wegen chronischer Seekrankheit ein verfrühtes Ende gefunden hatte – und vielleicht auch, weil ihn die Enge in den Booten, die andere Männer nur schwer ertragen konnten, nicht störte.

»Ah, Marko Alexandrowitsch, in Gorki blühen an einem Tag wie heute die Blumen!«

»Und was für Blumen wären das, Genosse Politoffizier?« Ramius suchte durchs Fernglas den Fjord ab. Jetzt, um die Mittagszeit, stand die Sonne nur knapp überm Südosthorizont und warf oranges Licht und lila Schatten auf die Fjordwände.

»Eisblumen natürlich«, versetzte Putin und lachte laut. »An einem Tag wie heute haben die Frauen und Kinder rosa Gesichter, und der Wodka schmeckt besonders gut. So schön ist’s nur in Gorki!«

Es war ungewöhnlich, dass ein Nichtrusse an Bord eines Schiffes der Roten Marine eine Funktion hatte oder es gar kommandierte. Markos Vater, Alexander Ramius, war ein Parteiheld gewesen, ein glühend überzeugter Kommunist, der Stalin treu gedient hatte. Als die Sowjets Litauen 1940 erstmals besetzten, hatte Ramius senior entscheidend beim Zusammentreiben von Abweichlern, Ladenbesitzern, Priestern und anderen, die dem neuen Regime im Wege standen, mitgewirkt. Alle wurden verschleppt und über ihr Schicksal kann heutzutage selbst Moskau nur Vermutungen anstellen. Ein Jahr später, nach dem deutschen Einfall, kämpfte Alexander heldenhaft als politischer Kommissar und zeichnete sich später bei der Schlacht um Leningrad aus. 1944 kehrte er mit dem Stoßkeil der Elften Gardearmee in seine Heimat zurück, um blutige Rache an tatsächlichen oder angeblichen Kollaborateuren zu nehmen. Alexander Ramius war ein Held der Sowjetunion gewesen  – und Marko schämte sich seiner. Die endlose Belagerung von Leningrad hatte die Gesundheit seiner Mutter ruiniert, sodass sie seine Geburt nicht überlebte. Marko wuchs bei seiner Großmutter in Litauen auf, während sein Vater im Zentralkomitee der Partei herumstolzierte und auf Beförderung und Versetzung nach Moskau wartete. Die bekam er auch und war Kandidat des Politbüros, als ein Herzschlag seiner Karriere ein Ende setzte.

Markos Scham hatte allerdings ihre Grenzen. Immerhin hatte die Berühmtheit seines Vaters ihm Gelegenheit gegeben, sein gegenwärtiges Ziel ins Auge zu fassen. Marko plante, persönlich an der Sowjetunion Rache zu nehmen; und zwar gründlich, um auch Vergeltung für jene Zahllosen zu üben, die vor seiner Geburt ermordet worden waren.

»Wo wir hinfahren, Iwan Jurijewitsch, wird’s noch kälter sein.«

Putin schlug seinem Kapitän auf die Schulter. War seine Freundschaft echt oder gespielt? Vermutlich echt, sagte sich Ramius; dieser laute Ochse schien doch ein paar menschliche Seiten zu haben.

»Wie kommt es eigentlich, Genosse Kapitän, dass es Sie immer so freut, in See zu stechen und die Heimat zurückzulassen?«

Ramius lächelte hinter seinem Fernglas. »Ein Seemann hat ein Vaterland, Iwan Jurijewitsch, aber zwei Frauen. Das werden Sie nie verstehen. Ich bin nun unterwegs zu meiner zweiten Frau, der kalten, herzlosen See, der meine Seele gehört.« Ramius schwieg. Sein Lächeln verschwand. »Sie ist jetzt meine einzige Frau.«

Putin blieb zur Abwechslung einmal still. Der Politoffizier war bei der Einäscherung gewesen und hatte echte Tränen geweint, als der Sarg ins Krematorium gerollt war. Für Putin war Natalia Bogdanowa Ramius’ Tod ein Trauerfall gewesen, der Akt eines gleichgültigen Gottes, dessen Existenz er ansonsten hartnäckig leugnete. Für Ramius war er ein Verbrechen gewesen, begangen vom Staat. Ein überflüssiges, monströses Verbrechen, das bestraft werden musste.

»Eis!«, meldete der Ausguck.

»Loses Packeis an Steuerbord, vielleicht vom Ostgletscher gekalbt. Passieren wir«, sagte Kamarow.

»Käpt’n!«, klang es metallisch aus dem Brückenlautsprecher. »Nachricht vom Flottenhauptquartier.«

»Bitte verlesen.«

»Übungsgebiet klar. Keine Feindschiffe in der Nähe. Entsprechend Order verfahren. Gezeichnet: Korow, Flottenkommandant.«

»Verstanden«, sagte Ramius. Es klickte im Lautsprecher. »Also keine Amerikanski in der Nähe?«

»Glauben Sie dem Flottenkommandanten nicht?«, fragte Putin.

»Ich hoffe, dass er sich nicht irrt«, erwiderte Ramius aufrichtiger, als seinem Politoffizier lieb war. »Vergessen Sie die Geheimdienstinformationen bei der Einsatzbesprechung nicht.«

Putin trat von einem Fuß auf den anderen. Vielleicht spürte er die Kälte.

»Es geht um die amerikanischen U-Boote der 688- oder Los-Angeles-Klasse. Wissen Sie noch, was einer ihrer Offiziere unserem Spion über sie erzählte? Sie können sich an einen Wal heranmachen und ihn vögeln, ehe er etwas merkt.« Der Kapitän grunzte erheitert. »Vor den Los-Angeles -Booten der Amerikaner und den Trafalgars der Briten müssen wir uns in Acht nehmen. Die sind eine Bedrohung.«

»Die Amerikaner mögen gute Ingenieure haben, Genosse Kapitän«, meinte Putin, »aber unsere Technologie ist besser.«

Ramius nickte versonnen. Politoffiziere sollten eigentlich etwas von den Schiffen verstehen, die sie überwachten, so wie es die Parteidoktrin vorschrieb.

»Wie ich bei der Politischen Hauptverwaltung sagte«, sprach Putin und schlug Ramius erneut auf die Schulter, »ist Roter Oktober in den besten Händen!«

Du Schwein! dachte der Kapitän, prahlst vor meinen Männern, dass du über meine Tauglichkeit befindest! Ein Mann, dem man kein Schlauchboot in der Flaute anvertrauen würde! Schade, dass du keine Gelegenheit bekommen wirst, diese Worte zu bereuen, Genosse Politoffizier, und wegen einer Fehlentscheidung den Rest deines Lebens im Gulag verbringen musst. Das wäre es fast wert, dich am Leben zu lassen.

Die nächste Stunde verging rasch. Die See ging höher, als sie sich dem offenen Meer näherten, und ihr Eisbrecher begann, sich in der Dünung zu wälzen. Ramius besah sich das Schiff mit Interesse. Er hatte seine gesamte Dienstzeit auf Unterseebooten verbracht und war noch nie auf einem Eisbrecher gewesen. U-Boote hatten mehr Annehmlichkeiten, waren aber gefährlicher. An Gefahren war er jedoch gewöhnt, und seine langjährige Erfahrung kam ihm jetzt zustatten.

»Boje in Sicht, Käpt’n.« Kamarow wies auf eine rot beleuchtete Boje, die auf den Wellen tanzte.

»Kontrollraum, bitte Lotung«, fragte Ramius übers Brückentelefon.

»Hundert Meter unterm Kiel, Käpt’n.«

»Fahrt auf zwei Drittel steigern, zehn Grad nach Backbord.« Ramius sah Kamarow an. »Signalisieren Sie der Purga unsere Kursänderung.«

Kamarow griff nach der kleinen Signallampe, die unter der Brückenkimming verstaut war. Roter Oktober, ein 30 000 Tonnen großer Koloss, begann langsam Fahrt aufzunehmen. Allmählich wuchs die Bugwelle zu einem drei Meter hohen Wasserbogen an; Brecher rollten übers Raketendeck und wurden vom Turm zerteilt. Die Purga änderte ihren Kurs nach Steuerbord und ließ das U-Boot vorbeiziehen.

Ramius schaute zu den Steilhängen des Kola-Fjords hinüber. Vor Urzeiten hatte ihnen der unbarmherzige Druck der Gletscher ihre Form gegeben. Wie oft während seiner zwanzigjährigen Dienstzeit in der Nordflotte »Rotes Banner« hatte er diese weite, offene U-Form gesehen? Nun ruhte sein Blick zum letzten Mal auf ihr. Was auch geschah, für ihn gab es keine Rückkehr. Wie würde es ausgehen? Ramius gestand sich, dass ihn das wenig scherte. Es gab kein Zurück. Er hatte einen Brief in den letzten Postsack geworfen, der vorm Auslaufen von Bord gegangen war.

»Kamarow, signalisieren Sie an Purga: Tauchen um –«, er sah auf die Uhr, »13 Uhr 20. Übung OKTOBERFROST beginnt planmäßig. Wir geben Sie für Ihre anderen Pflichten frei. Wir kehren planmäßig zurück.«

Kamarow blinkte den Spruch hinüber. Die Purga antwortete sofort, und Ramius entzifferte die Lichtsignale ohne fremde Hilfe: »WENN EUCH DIE WALE NICHT FRESSEN! VIEL GLÜCK ROTER OKTOBER!«

Ramius griff nach dem Hörer, drückte den Knopf für den Funkraum und ließ den Spruch ans Flottenhauptquartier in Seweromorsk senden. Dann setzte er sich mit dem Kontrollraum in Verbindung.

»Lotung?«

»Einhundertvierzig Meter, Käpt’n.«

»Fertigmachen zum Tauchen.« Er befahl den Ausguck unter Deck.

»Brücke klar. Übernehmen Sie, wenn Sie unten sind, Gregorij.« Kamarow nickte und verschwand in der Luke.

Ramius, nun allein, suchte noch einmal sorgfältig den Horizont ab. Achtern war die Sonne kaum noch sichtbar, der Himmel bleiern, die See schwarz, abgesehen von den Wellenkämmen. Ist das mein Abschied von der Welt? fragte er sich. Falls ja, hätte er eine heiterere Szenerie vorgezogen.

Ehe er nach unten glitt, inspizierte er die Dichtung der Luke, zog sie mit einer Kette zu und stellte sicher, dass der automatische Mechanismus richtig funktionierte. Anschließend kletterte er im Turm acht Meter tief hinunter zum Druckkörper und dann weitere zwei zum Kontrollraum. Ein Mitschman (Decksoffizier) schloss die zweite Luke und drehte mit kräftigem Schwung das Verschlussrad bis zum Anschlag.

»Gregorij?«, fragte Ramius.

»Alles klar«, sagte der Navigator knapp und wies auf das Taucharmaturenbrett. Alle den Druckkörper betreffenden Kontrolllampen leuchteten grün. »Alle Systeme justiert und tauchbereit. Druckausgleich eingeleitet. Wir sind bereit zum Tauchen.«

Der Kapitän inspizierte selbst noch einmal alle mechanischen, elektrischen und hydraulischen Instrumente. Auf sein Nicken hin betätigte der Mitschman vom Dienst die Tauchventile.

»Tauchen«, befahl Ramius und trat ans Periskop, um Wassilij Borodin, seinen Starpom (Ersten Offizier), abzulösen. Kamarow löste den Tauchalarm aus, und ein lautes Summen hallte durch den Bootsrumpf.

»Hauptballasttanks fluten. Tiefenruder anstellen, zehn Grad abwärts.« Kamarow gab seine Befehle mit wachen Augen und überzeugte sich davon, dass jedes Besatzungsmitglied seine Aufgabe genau erledigte. Ramius lauschte aufmerksam, schaute aber nicht hin. Kamarow war der beste junge Seemann, den er je kommandiert hatte. Er vertraute ihm.

Roter Oktobers Rumpf wurde vom Geräusch ausströmender Luft erfüllt, als Ventile an der Oberseite der Ballasttanks geöffnet wurden und Wasser, das von unten einströmte, die Auftrieb verleihende Luft verdrängte. Das war ein langwieriger Prozess, da das U-Boot über viele solcher Tanks verfügte, jeder in zahlreiche Zellen aufgeteilt. Ramius verstellte den Winkel des Periskopobjektivs und sah, wie sich das schwarze Wasser kurz in Schaum verwandelte.

Roter Oktober war das größte und beste Boot, das Ramius je befehligt hatte, aber es hatte einen entscheidenden Nachteil. Es hatte starke Maschinen und ein neuartiges Antriebssystem, das, wie er hoffte, amerikanische und sowjetische U-Boote verwirren würde, aber es war so groß, dass es sich unter Wasser verhielt wie ein waidwunder Wal: langsam beim Auftauchen, noch langsamer beim Abtauchen.

»Periskop einziehen.« Ramius trat nach einer scheinbar langen Pause von dem Instrument weg.

»Vierzig Meter«, meldete Kamarow.

»Bei hundert Meter abfangen.« Ramius besah sich nun seine Mannschaft. Beim ersten Tauchen konnten erfahrene Männer ins Zittern geraten, und die Hälfte seiner Crew setzte sich aus jungen Bauern zusammen, frisch vom Ausbildungslager. Der Rumpf knackte und knirschte unter dem Wasserdruck. Daran musste man sich gewöhnen. Unter den Männern wurden einige blass, blieben aber stocksteif stehen.

Kamarow begann die Prozedur des Abfangens in der gewünschten Tiefe. Ramius sah mit väterlichem Stolz zu, wie der Kapitänleutnant präzise die erforderlichen Befehle gab. Er war der erste Offizier, den Ramius rekrutiert hatte. Die Männer im Kontrollraum führten seine Anweisungen zackig aus. Fünf Minuten später verlangsamte das U-Boot bei neunzig Metern seine Sinkgeschwindigkeit und pendelte sich dann bei hundert Metern ein.

»Gut gemacht, Kapitänleutnant. Sie führen das Boot. Lassen Sie die Sonar-Männer an allen passiven Systemen lauschen.« Ramius schickte sich an, den Kontrollraum zu verlassen, und bedeutete Putin mit einer Geste, ihm zu folgen.

Und so begann es.

Ramius und Putin gingen nach achtern zur Messe des U-Boots. Der Kapitän hielt dem Politoffizier die Tür auf und schloss sie dann hinter sich ab. Die vor der Kombüse und hinter den Offizierskabinen gelegene Messe war für U-Boot-Verhältnisse recht geräumig. Ihre Wände waren schalldicht, und ihre Tür hatte ein Schloss, weil die Konstrukteure berücksichtigt hatten, dass nicht alles, was Offiziere reden, für die Ohren der Mannschaft bestimmt ist. Sie war so groß, dass alle Offiziere von Oktober gemeinsam essen konnten – obwohl das nie vorkam, da drei immer Dienst hatten. Der Safe mit den Befehlen für das Boot stand hier und nicht in der Kommandantenkajüte, wo ein Mann die Einsamkeit nutzen und versuchen konnte, ihn allein zu öffnen. Er hatte zwei Skalen. Ramius kannte eine Kombination, Putin die andere, was eigentlich überflüssig war, da Putin zweifellos wusste, wie die Befehle lauteten. Auch Ramius war informiert, aber nicht in allen Einzelheiten.

Putin schenkte Tee ein, als der Kapitän seine Armbanduhr mit dem Chronometer am Schott verglich. In fünfzehn Minuten konnte er den Panzerschrank öffnen.

»Zwei Wochen lang eingesperrt«, bemerkte der Politoffizier und rührte seinen Tee um.

»Die Amerikaner bleiben zwei Monate lang auf See, Iwan. Aber ihre Boote sind natürlich komfortabler.« Die Mannschaftsunterkünfte von Oktober waren trotz der gewaltigen Größe des Bootes recht spartanisch. Fünfzehn Offiziere waren achtern in recht ordentlichen Kajüten untergebracht, aber die hundert Seeleute mussten in Klappkojen schlafen, die überall im Bug vor den Raketensilos in Ecken und Winkel gezwängt waren. Oktobers Größe täuschte. Das Innere des Doppelrumpfs war mit Raketen, Torpedos, einem Kernreaktor und seinen Zusatzaggregaten, einem riesigen Diesel als Hilfsmaschine und einer Menge von Nickel-Kadmium-Batterien voll gestopft, letztere außerhalb des Druckkörpers und zehnmal so groß wie auf vergleichbaren amerikanischen Booten. Trotz weitgehender Automation, die es zum modernsten Schiff der sowjetischen Marine machte, war seine Bedienung und Wartung eine Riesenaufgabe für eine so kleine Mannschaft. Die Hälfte seiner Mannschaft bestand aus Wehrpflichtigen auf ihrer ersten Einsatzfahrt und selbst die erfahreneren Leute wussten herzlich wenig. Anders als bei westlichen Kriegsmarinen bildeten nicht die Glawniji Starschini (Bootsmänner), sondern die elf Mitschmani (Decksoffiziere) das Rückgrat der Mannschaft. Jeder Einzelne war darauf gedrillt, genau das zu tun, was die Offiziere befahlen. Und die Offiziere hatte Ramius selbst ausgewählt.

»Möchten Sie denn gerne zwei Monate lang kreuzen?«, fragte Putin.

»Auf Diesel-U-Booten habe ich das getan. Ein Unterseeboot gehört aufs Meer, Iwan. Unsere Aufgabe ist es, die Imperialisten das Fürchten zu lehren. Erreicht wird das nicht, wenn wir die meiste Zeit in unserem Stall in Polyarniji verbringen, aber wir können halt nicht länger als zwei Wochen auf See bleiben, weil sonst die Tauglichkeit der Mannschaft nachlässt. In zwei Wochen wird aus dieser Kinderbande ein Haufen abgestumpfter Roboter.« Darauf baute Ramius.

»Und sollen wir dieses Problem mit kapitalistischem Luxus lösen?«, höhnte Putin.

»Ein wahrer Marxist ist objektiv, Genosse Politoffizier«, wies Ramius, der seine letzte Meinungsverschiedenheit mit Putin genoss, zurecht. »Und objektiv gesehen ist das, was uns bei unserer Aufgabe hilft, gut, und das, was uns behindert, schlecht. Widrigkeiten sollen unsere Sinne und Fähigkeiten schärfen, nicht abstumpfen. Das Leben auf einem U-Boot ist auch so schon hart genug.«

»Für Sie offenbar nicht, Marko.« Putin grinste über seine Teetasse hinweg.

»Ich bin Seemann. Unsere Männer nicht und die meisten werden es auch niemals werden. Das ist ein Haufen Bauern und Jungen, die am liebsten in der Fabrik arbeiten würden. Wir müssen uns den Zeiten anpassen, Iwan. Diese Jugend ist anders als wir früher.«

»Da haben Sie allerdings Recht«, stimmte Putin zu.

Beide Männer wussten genau, weshalb sowjetische Raketen-U-Boote nur so wenig ihrer Zeit – gerade fünfzehn Prozent – im Einsatz verbrachten, und mit mangelndem Komfort hatte das nichts zu tun. Roter Oktober trug sechsundzwanzig SS-N-20-»Seahawk«-Raketen, jede mit acht unabhängig steuerbaren Atomsprengköpfen (MIRVs), Sprengkraft 500 Kilotonnen, bestückt; genug, um zweihundert Städte auszulöschen. Landgestützte Bomber konnten jeweils nur ein paar Stunden fliegen und mussten dann zu ihren Horsten zurückkehren. Landgestützte Raketen entlang des russischen Ost-West-Schienensystems waren immer in Reichweite von paramilitärischen Truppen des KGB, die eingreifen konnten, falls einem Regimentskommandeur seine Macht zu Kopfe stieg. Raketen-U-Boote aber waren per Definition von Land aus nicht zu kontrollieren. Ihre einzige Rolle war zu verschwinden.

Angesichts dieser Tatsache überraschte es Marko, dass seine Regierung überhaupt welche gebaut hatte. Den Mannschaften solcher Boote musste man vertrauen können. Und so kam es, dass sie seltener in See stachen als ihre westlichen Gegenstücke, und wenn, dann mit einem Politoffizier an Bord, der neben dem Kommandanten stand, gleichsam mit einem zweiten Kapitän, der jede Handlung gutzuheißen hatte.

»Brächten Sie es fertig, Marko, zwei Monate lang mit diesen Dorfjungen zu kreuzen?«

»Wie Sie wissen, ziehe ich halb ausgebildete Jungs vor. Denen braucht man nicht so viel abzugewöhnen. Dann kann ich sie auf meine Art zu ordentlichen Seeleuten machen. Ist das Persönlichkeitskult?«

Putin steckte sich lachend eine Zigarette an. »Das höre ich über Sie nicht zum ersten Mal, Marko. Aber Sie sind halt unser bester Ausbilder und für Ihre Zuverlässigkeit bekannt.« Das stimmte. Ramius hatte Hunderte von Offizieren und Matrosen ausgebildet und auf andere Unterseeboote geschickt, zu dankbaren Kommandanten. Putin hob einen Zeigefinger. »Sie sollten eine unserer Marineakademien kommandieren, Kapitän. Dort würden Ihre Talente dem Staat besser nützen.«

»Ich bin und bleibe Seemann, Iwan Jurijewitsch, und kein Schulmeister. Der Weise kennt seine Grenzen.« Und der Kühne ergreift eine Gelegenheit, wenn sie sich bietet. Alle Offiziere an Bord hatten schon unter Ramius gedient, abgesehen von drei Leutnants, die gehorchen würden wie jeder Leichtmatrose, und dem Arzt, der harmlos war.

Das Chronometer schlug vier Glasen.

Ramius erhob sich und stellte die dreistellige Zahlenkombination ein. Putin folgte seinem Beispiel, und der Kapitän drückte auf die Klinke der runden Panzerschranktür. Drinnen lagen ein brauner Umschlag sowie vier Bücher mit Codes und Zielkoordinaten für die Raketen. Ramius nahm den Umschlag heraus, schloss den Safe und drehte an den Skalen, ehe er sich wieder setzte. Er erbrach das Siegel und zog den vierseitigen Einsatzbefehl heraus, las ihn rasch durch. Kompliziert war die Aufgabe nicht.

»Wir haben uns zum Quadrat 54-90 zu begeben und uns dort mit Jagd-U-Boot W. K. Konowalow zu treffen – das ist Kapitän Tupolews neues Boot. Kennen Sie Wiktor Tupolew? Nein? Wiktor wird kapitalistische Eindringlinge abhalten, während wir eine viertägige Such- und Verfolgungsübung abhalten, bei der er uns jagt – falls er es fertig bringt.« Ramius lachte in sich hinein. »Die Jungs im Direktorat der Jagd-U-Boote wissen noch immer nicht, wie unser neues Antriebssystem aufzuspüren ist. Und die Amerikaner bestimmt auch nicht. Wir haben die Operation auf Quadrat 54-90 und die unmittelbar angrenzenden Quadrate zu beschränken. Das macht Tupolews Aufgabe etwas leichter.«

»Sie wollen sich aber nicht von ihm finden lassen?«

»Gewiss nicht!«, schnaubte Ramius. »Lassen? Tupolew war einmal mein Schüler. Einem Feind schenkt man nichts, Iwan, auch bei einer Übung nicht. Die Imperialisten geben uns bestimmt keinen Pardon! Auf der Suche nach uns kann er auch das Aufspüren von feindlichen strategischen U-Booten üben. Seine Chancen, uns auszumachen, stehen nicht schlecht, denn die Übung ist auf neun Quadrate, vierzigtausend Quadratkilometer, beschränkt. Mal sehen, was er gelernt hat, seit er mit uns fuhr – Moment, damals dienten Sie ja noch nicht mit mir. Zu dieser Zeit fuhr ich die Suslow.«

»Sind Sie enttäuscht von der Aufgabe?«

»Eigentlich nicht. Die Übung mit der Konowalow wird eine interessante Abwechslung.« Idiot, dachte er, du kennst den Befehl doch längst – und Tupolew auch. Lügner. Es war Zeit.

Putin trank seinen Tee aus, ehe er aufstand. »Ich habe also wieder die Ehre, den meisterhaften Kapitän bei der Arbeit bewundern zu dürfen wie ein staunender Schuljunge.« Er wandte sich zur Tür. »Ich glaube –«

Ramius trat ihm die Beine weg, als er sich vom Tisch löste. Putin fiel nach hinten. Ramius sprang auf und packte mit kräftigen Seemannshänden den Kopf des Politoffiziers, schlug ihn gegen die Kante des metallbeschlagenen Tisches. Gleichzeitig presste er sich gegen die Brust des Mannes. Das war überflüssig. Mit einem hässlichen Knirschen brach Iwan Putins Genick am zweiten Halswirbel – eine perfekte Henkersfraktur.

Dem Politoffizier blieb keine Zeit zum Reagieren. Die Nervenverbindung zwischen Kopf und Körper war unterbrochen. Putin wollte schreien, etwas sagen, doch sein Mund ging ohne einen Ton auf und zu. Vergeblich versuchte er nach Luft zu schnappen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Dann sah er mit vor Entsetzen geweiteten Augen zu Ramius auf – er schien keine Schmerzen, sondern nur Überraschung zu empfinden. Der Kapitän legte ihn sanft auf den Boden.

Ramius sah, wie in dem Gesicht eine Erkenntnis aufflackerte, aber dann wurde es fahl. Er tastete nach Putins Puls. Der Herzstillstand trat erst nach zwei Minuten ein. Als Ramius sicher war, dass sein Politoffizier nicht mehr lebte, nahm er die Teekanne vom Tisch, goss gut zwei Tassen auf den Boden und ließ auch etwas auf die Schuhe des Mannes tropfen. Dann riss er die Tür auf.

»Dr. Petrow! Sofort in die Messe!«

Der Schiffsarzt war in der Nähe und kam sofort, gefolgt von Wassilij Borodin, der aus dem Kontrollraum eilte.

»Er rutschte aus, wo ich meinen Tee verschüttet habe!«, stieß Ramius hervor und massierte Putins Brust. »Ich wollte ihn noch auffangen, aber er fiel mit dem Kopf gegen die Tischkante.«

Petrow schob den Kapitän beiseite, drehte die Leiche herum und kniete sich über sie. Er riss das Hemd auf und sah sich dann Putins Augen an. Beide Pupillen waren geweitet und starr. Der Arzt tastete den Kopf des Mannes ab, ließ dann die Hände am Hals hinuntergleiten, hielt inne. Langsam schüttelte er den Kopf.

»Genosse Putin ist tot. Genickbruch.« Der Arzt ließ die Hände sinken und drückte dann dem Politoffizier die Augen zu.

»Nein!«, schrie Ramius. »Vor einer Minute hat er doch noch gelebt!« Der Kommandant schluchzte. »Es war meine Schuld. Ich wollte ihn festhalten, schaffte es aber nicht. Alles meine Schuld!« Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.

Petrow legte dem Kapitän die Hand auf die Schulter. »Es war ein Unfall, Genosse Kapitän. So etwas kann selbst erfahrenen Männern passieren. Machen Sie sich keine Vorwürfe, Genosse.«

Ramius stieß einen unterdrückten Fluch aus und fasste sich wieder. »Können Sie denn nichts tun?«

Petrow schüttelte den Kopf. »Selbst im besten Krankenhaus könnte man da nichts machen. Der Tod trat so gut wie auf der Stelle ein – und auch schmerzlos«, fügte er tröstend hinzu.

Ramius richtete sich auf und holte mit starrem Gesicht tief Luft. »Genosse Putin war ein guter Schiffskamerad, ein treues Parteimitglied und ein erstklassiger Offizier.« Aus dem Augenwinkel sah er Borodins Mundwinkel zucken. »Genossen, der Einsatz geht weiter! Dr. Petrow, tragen Sie die Leiche unseres Genossen in den Kühlraum. Ich weiß, das ist grausig, aber er verdient eine Bestattung mit allen militärischen Ehren und wird sie auch bekommen, sobald wir wieder im Hafen sind.«

»Melden wir das dem Flottenhauptquartier?«, fragte Petrow.

»Das geht nicht. Laut Befehl müssen wir strikte Funkstille wahren.« Ramius zögerte, dann sagte er: »Borodin, Sie sind mein Zeuge: Ich nehme dem Genossen Politoffizier vorschriftsmäßig den Schlüssel zum Abfeuern der Raketen vom Hals«, sagte Ramius und steckte Schlüssel und Kette ein.

»Ich habe es mit angesehen und werde es ins Logbuch eintragen«, erklärte der stellvertretende Kommandant ernst.

Petrow rief seinen Sanitäter. Gemeinsam trugen sie Putin ins Lazarett und legten ihn in einen Leichensack, der dann vom Sanitäter und zwei Matrosen durch den Kontrollraum nach vorne zu den Raketensilos getragen wurde. Der Eingang zum Kühlraum befand sich auf dem unteren Raketendeck. Während zwei Köche hastig Lebensmittel aus dem Weg räumten, wurde die Leiche pietätvoll in eine Ecke gelegt. Achtern stellten der Arzt und der stellvertretende Kommandant die erforderliche Liste der persönlichen Gegenstände Putins zusammen – eine Ausfertigung fürs Logbuch, eine für die Ablage des Arztes, eine dritte für eine versiegelte und verschlossene Kiste.

Vorn übernahm Ramius das Kommando in dem Kontrollraum, wo betretenes Schweigen herrschte. Er befahl Kurs 290 Grad, westnordwest.

Quadrat 54-90 lag im Osten.

Zweiter Tag

Samstag, 4. Dezember

Roter Oktober

Es war bei der Roten Marine Sitte, dass der Kapitän den Einsatzbefehl des Schiffes verlas und die Mannschaft ermahnte, ihn treu auszuführen. Anschließend wurde der Befehl zur allgemeinen Inspiration vor dem Lenin-Raum des Schiffes ausgehängt. Auf großen Schiffen war dies ein Saal für politische Schulung, Roter Oktober aber hatte nur eine schrankgroße Bibliothek nahe der Messe, wo Bücher und ideologisches Material aufbewahrt wurden. Ramius gab den Einsatzbefehl einen Tag nach dem Auslaufen bekannt, um der Mannschaft Gelegenheit zu geben, sich an die Bordroutine zu gewöhnen. Zugleich hielt er eine anfeuernde Rede, eine seiner Stärken. Übung hatte er genug gehabt. Um acht Uhr betrat er den Kontrollraum und nahm einige Karteikarten aus der Innentasche.

»Genossen!«, sprach er ins Mikrophon, »hier spricht der Kapitän. Ihr alle wisst, dass unser lieber Freund und Genosse Kapitän Iwan Jurijewitsch Putin gestern bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Unser Einsatzbefehl lässt eine Meldung ans Flottenhauptquartier nicht zu. Genossen, wir werden unsere Anstrengungen dem Andenken an den Genossen Iwan Jurijewitsch Putin widmen – einem guten Schiffskameraden, ehrenhaften Parteimitglied und mutigen Offizier.

Genossen! Offiziere und Matrosen von Roter Oktober! Wir haben unseren Einsatzbefehl vom Oberkommando der Nordflotte und er ist dieses Bootes und seiner Mannschaft würdig!

Genossen! Unser Auftrag ist die Erprobung unseres neuen geräuschlosen Antriebssystems. Wir fahren nach Westen, vorbei an der Nordspitze Norwegens, und wenden uns dann nach Südwesten zum Atlantik. Wir werden alle feindlichen Sonarnetze passieren, ohne erfasst zu werden. Dies ist die erste echte Prüfung für unser Boot und seine Fähigkeiten. Unsere eigenen Schiffe werden im Rahmen einer Großübung versuchen, uns auszumachen und gleichzeitig die arroganten imperialistischen Marinen zu verwirren. Unsere erste Aufgabe ist es, uns von niemandem entdecken zu lassen. Wir werden den Amerikanern eine Lektion über sowjetische Technologie erteilen, die sie nicht so rasch vergessen werden! Laut Befehl sollen wir weiter auf Südwestkurs bleiben und vor der amerikanischen Küste entlangfahren, um ihre neuesten und besten Jagd-U-Boote herauszufordern und zu schlagen. Dann laufen wir bis nach Kuba, wo wir das erste Schiff sein werden, das einen neuen, hochgeheimen Stützpunkt für Atom-U-Boote benutzt, an dem seit zwei Jahren gebaut worden ist – unbemerkt von den Imperialisten. Ein Versorgungsschiff ist bereits unterwegs und wird sich dort mit uns treffen.

Genossen! Wenn es uns gelingt, von den Imperialisten unbemerkt nach Kuba zu gelangen – und das schaffen wir! – , winkt Offizieren und Männern des Bootes eine Woche Landurlaub auf der schönen Insel. Ich war schon einmal dort, Genossen, und ihr werdet vorfinden, was ihr gelesen habt – ein Tropenparadies, Palmen, Kameradschaft.« Mit »Kameradschaft« meinte Ramius Frauen. »Danach kehren wir auf demselben Weg in die Heimat zurück. Bis dahin werden die Imperialisten natürlich von ihren hinterhältigen Spionen und feigen Aufklärungsflugzeugen erfahren haben, wer und was wir sind. Das ist auch beabsichtigt, denn auch auf dem Rückweg werden wir uns der Erfassung entziehen. Dann wissen die Imperialisten, dass mit den Männern der Roten Armee nicht zu scherzen ist, dass wir nach Belieben an ihre Küste heranfahren können und dass sie die Sowjetunion respektieren müssen!

Genossen! Lasst uns die erste Dienstfahrt von Roter Oktober zu einer denkwürdigen machen!«

Ramius sah von seinem Redemanuskript auf. Die Wachhabenden im Kontrollraum grinsten einander zu. Es kam nicht oft vor, dass ein sowjetischer Matrose ein fremdes Land besuchen durfte, und ein Auslandsbesuch eines Atom-U-Bootes war so gut wie noch nie da gewesen. Mehr noch, für die Matrosen war Kuba ein Märchenland mit weißen Stränden und braunen Mädchen. Ramius wusste das besser. Er hatte Artikel über die Freuden einer Dienstzeit auf Kuba im Roten Stern und anderen Zeitschriften gelesen. Außerdem war er selbst dort gewesen.

Ramius nahm sich eine neue Karte vor. Soweit die guten Nachrichten.

»Genossen! Offiziere und Männer von Roter Oktober!« Nun kamen die schlechten Nachrichten, auf die alles wartete. »Dies ist kein leichter Auftrag. Er verlangt, dass wir unser Bestes geben. Wir müssen absolute Funkstille wahren und perfekte Arbeit leisten. Belohnt werden nur diejenigen, die es auch verdient haben. Jeder Offizier und Mann an Bord, vom Kapitän bis zum jüngsten Matrosen, muss seine Pflicht tun, und zwar tadellos. Wenn wir kameradschaftlich zusammenarbeiten, ist uns der Erfolg sicher. Und unseren jungen, seeunerfahrenen Genossen möchte ich sagen: Folgt euren Offizieren, Mitschmani und Starschini. Lernt eure Pflichten gut und führt sie exakt aus. Unwichtige Arbeiten gibt es auf diesem Schiff nicht. Jeder Genosse hat das Leben aller anderen in der Hand. Tut eure Pflicht, befolgt die Befehle, dann werdet ihr am Ende dieser Fahrt echte sowjetische Seeleute sein. Das wäre alles.« Ramius nahm den Daumen vom Mikrophonschalter und hängte das Gerät ein. Keine üble Rede, entschied er – eine große Karotte und ein kleiner Knüppel.

In der Kombüse blieb ein Maat mit einem warmen Laib Brot im Arm verblüfft stehen und schaute neugierig den Wandlautsprecher an. Waren die Pläne denn geändert worden? Der Mitschman schickte ihn zurück an die Arbeit und dachte grinsend an die Woche auf Kuba.

»Ob wohl amerikanische U-Boote in der Nähe sind?«, fragte Ramius im Kontrollraum nachdenklich.

»In der Tat, Genosse Kapitän«, erwiderte Kapitän Zweiten Grades Borodin, der Wache hatte. »Sollen wir die Raupe einschalten?«

»Ja, Genosse.«

»Maschinen Stopp«, befahl Borodin.

»Maschinen Stopp.« Der Steuermannsmaat, ein Starschina, stellte an der Signaltafel die HALT-Position ein. Gleich darauf wurde der Befehl auf der inneren Skala bestätigt, und wenige Sekunden später verstummte das dumpfe Grollen der Maschinen.

Borodin griff zum Hörer und drückte den Knopf für den Maschinenraum. »Genosse Chefingenieur, Inbetriebnahme der Raupe vorbereiten.«

Der offizielle Name für das neue Antriebssystem war dies nun nicht, denn es hatte bisher nur eine Projektnummer. Den Spitznamen »Raupe« hatte ihm ein an der Entwicklung beteiligter junger Ingenieur gegeben. Warum, wussten weder Ramius noch Borodin, aber die Bezeichnung hatte sich durchgesetzt.

»Bereit, Genosse Borodin«, meldete der Chefingenieur kurz darauf.

»Bug- und Heckluken öffnen«, befahl Borodin dann.

Ein Mitschman trat an die Kontrolltafel und legte vier Schalter um. Vier rote Leuchten verloschen, vier grüne gingen an. »Luken offen, Kapitän.«

»Raupe einschalten. Fahrt langsam auf dreizehn Knoten steigern.«

»Langsam auf eins-drei Knoten, Genosse«, bestätigte der Ingenieur.

Im Rumpf, wo es vorübergehend still geworden war, vernahm man nun ein neues Geräusch. Der Maschinenlärm klang leiser und ganz anders. Das Reaktorgeräusch, das vornehmlich von den Umwälzpumpen des Kühlwassersystems stammte, war kaum wahrzunehmen. Die Raupe benötigte für ihre Leistung nicht sehr viel Kraft. Auf der Station des Mitschman begann die Nadel des Fahrtanzeigers, die auf fünf Knoten gefallen war, langsam wieder zu steigen.

»Raupe funktioniert normal, Genosse Kapitän«, meldete Borodin.

»Sehr gut. Steuermann, gehen Sie auf Kurs zwei-sechs-null«, befahl Ramius.

»Zwei-sechs-null, Genosse.« Der Steuermann drehte das Ruder nach links.

USS Bremerton

Dreißig Meilen weiter nordöstlich lief USS Bremerton auf Kurs 225 und war gerade unter dem Packeis hervorgekommen. Das Jagd-U-Boot der 688-Klasse hatte sich auf einer ELINT-Mission befunden, also elektronische Daten gesammelt, als es nach Westen zur Kola-Halbinsel beordert worden war. Eigentlich hätte das russische Raketen-U-Boot erst nächste Woche auslaufen sollen, dachte der Skipper der Bremerton und ärgerte sich über diesen jüngsten Schnitzer der Nachrichtendienste. Er würde zur Stelle gewesen sein, wenn Roter Oktober wie geplant ausgelaufen wäre. Aber die amerikanischen Sonar-Männer hatten das sowjetische U-Boot vor wenigen Minuten ausgemacht, obwohl die Bremerton vierzehn Knoten lief.

»Brücke, hier Sonar.«

Commander Wilson griff zum Hörer. »Brücke.«

»Kontakt verloren, Sir. Lässt sich vermutlich langsam treiben. Wir schleichen uns an ihn heran. Bleiben Sie wach, Chief.« Darüber dachte Commander Wilson nach, als er zwei Schritte zum Kartentisch machte. Die beiden Offiziere von der Feuerleitgruppe, die den Kontakt gerade ausgemacht hatten, sahen den Kommandanten fragend an.

»Ich würde an seiner Stelle dicht über Grund gehen und ungefähr hier langsam Kreise fahren.« Wilson machte auf der Karte einen Kreis um die Position von Roter Oktober. »Schleichen wir uns also heran. Wir verringern die Fahrt auf fünf Knoten und sehen zu, dass wir seine Reaktorgeräusche orten.« Wilson wandte sich an den Dienst habenden Offizier. »Fahrt auf fünf Knoten verringern.«

»Aye, Skipper.«

Seweromorsk, UdSSR

Im Hauptpostamt von Seweromorsk sah ein Sortierer säuerlich zu, wie ein Lkw-Fahrer einen großen Leinwandsack auf den Tisch warf und sich dann wieder entfernte. Er kam zu spät – na, so spät auch wieder nicht, verbesserte sich der Beamte; dieser Idiot war in fünf Jahren nicht einmal pünktlich gekommen. Mürrisch, weil er am Samstag arbeiten musste, zog er die Schnur auf und leerte den Sack aus. Mehrere kleine Beutel fielen heraus. Zur Eile bestand kein Anlass. Es war erst Monatsanfang, und sie hatten noch jede Menge Zeit, ihr Quantum an Post von einer Hälfte des Gebäudes zur anderen zu befördern.

Der Beamte machte einen kleinen Sack auf und entnahm ihm einen amtlich aussehenden Umschlag, der für die politische Hauptverwaltung der Marine in Moskau bestimmt war. Der Mann hielt inne, befingerte den Umschlag. Vermutlich kam er von dem U-Boot-Stützpunkt Polyarniji auf der anderen Seite des Fjordes. Was steht da wohl drin? dachte er. Die Ankündigung, dass alles für den entscheidenden Angriff auf den imperialistischen Westen bereit war? Eine Liste von Parteimitgliedern, die mit ihrem Beitrag im Rückstand waren? Eine Anforderung auf Klopapier?

Der Sortierer warf den Umschlag nachlässig in Richtung des Sackes für die Post nach Moskau am Ende des Tisches, verfehlte die Öffnung. Der Brief landete auf dem Zementboden und würde den Zug mit eintägiger Verspätung erreichen. Dem Sortierer war das gleich. Am Abend stand ein Hockeyspiel an, Zentralarmee gegen Luftwaffe. Er hatte einen Liter Wodka auf die Luftwaffe gesetzt.

Morrow, England

»Halseys größter Öffentlichkeitserfolg war zugleich sein schwerster Irrtum. Indem er sich mit legendärer Aggressivität als Volksheld profilierte, verstellte er nachfolgenden Generationen den Blick auf seine beeindruckenden geistigen Fähigkeiten und seinen gerissenen Spielerinstinkt –« Jack Ryan runzelte die Stirn und schaute auf den Computerschirm. Das las sich zu sehr wie eine Dissertation, die er bereits hinter sich hatte. Er erwog, die ganze Passage aus dem Speicher zu kippen, entschied sich aber dagegen. In der Einführung musste dieses Argument auftauchen. Es war zwar nicht brillant, deutete aber an, was er sagen wollte. Warum fiel ihm das Vorwort zu einem historischen Text immer am schwersten? Drei Jahre lang saß er jetzt an Der Seemann und Kämpfer, einer autorisierten Biographie von Flottenadmiral William Halsey, und fast das ganze Buch war auf einem halben Dutzend Disketten gespeichert, die neben seinem Apple-Computer lagen.

»Papi?« Ryans kleine Tochter schaute zu ihm auf.

»Und wie geht’s meiner kleinen Sally heute?«

»Gut.«

Ryan nahm sie auf den Schoß und rollte seinen Stuhl vom Tastenfeld weg. Sally war Feuer und Flamme für Computerspiele und Lernprogramme und bildete sich gelegentlich ein, auch mit dem Wordstar hantieren zu können, was einmal zum Verlust von zwanzigtausend elektronisch gespeicherten Wörtern geführt hatte. Und zu einer Abreibung.

Sally legte den Kopf an Vaters Schulter.

»Du guckst aber traurig. Was fehlt dir denn?«

»Tja, Papi, es ist doch bald Weihnachten, und ich frage mich, ob Santa Claus auch weiß, wo wir sind. Letztes Jahr haben wir anderswo gewohnt.«

»Aha. Und du hast Angst, dass er nicht hierher kommt?«

»Ja, Papi.«

»Warum hast du das nicht früher gesagt? Natürlich kommt er zu uns, das verspreche ich dir.«

»Ehrenwort?«

»Ehrenwort.«

»Gut.« Sie küsste ihren Vater und lief aus dem Zimmer. Ryan war für die Unterbrechung dankbar. Er musste noch ein paar Einkäufe machen, ehe er nach Washington flog. Aus der Schublade nahm er eine Diskette und schob sie ins zweite Laufwerk. Nachdem er seinen Schirm freigemacht hatte, erschienen die unerledigten Positionen der Geschenkliste. Auf einen simplen Befehl hin druckte der danebenstehende Printer die Liste aus. Ryan riss die Seite aus dem Gerät und steckte sie in die Brieftasche. Große Lust zur Arbeit hatte er an einem Samstagvormittag nicht und beschloss, lieber mit seinen Kindern zu spielen. Immerhin saß er für den größten Teil der kommenden Woche in Washington fest.

W. K. Konowalow

Das russische Unterseeboot W. K. Konowalow kroch mit drei Knoten über den harten Sandgrund der Barents-See. Es befand sich in der Südwestecke von Quadrat 54-90 und war im Lauf der vergangenen zehn Stunden auf einer Nord-Süd-Achse hin- und hergependelt, in Erwartung von Roter Oktober und des Beginns der Übung OKTOBERFROST. Kapitän Zweiten Ranges Wiktor Alexejewitsch Tupolew schritt langsam um den Periskopstand im Kontrollraum seines kleinen, schnellen Jagd-U-Bootes herum. Er wartete auf seinen alten Mentor, damit er ihm ein paar Streiche spielen konnte. Zwei Jahre hatte er unter dem Ausbilder gedient, zwei gute Jahre. Er hielt seinen früheren Kommandanten zwar für einen Zyniker, besonders, was die Partei betraf, würde aber ohne Zögern Ramius’ Geschick und Gerissenheit bezeugen.

Eigenschaften, die auch ihm nicht abgingen. Tupolew, nun seit drei Jahren Kommandant, war einer von Ramius’ Musterschülern gewesen. Sein derzeitiges Schiff war ein brandneues Alfa, das schnellste U-Boot, das je gebaut worden war. Vor einem Monat, als Ramius Roter Oktober nach den letzten Probefahrten fürs Auslaufen klargemacht hatte, war Tupolew mit dreien seiner Offiziere eingeflogen, um sich das Modell anzusehen, mit dem das neue Antriebssystem erprobt worden war. Das Modell-U-Boot, zweiunddreißig Meter lang und mit dieselelektrischem Antrieb, lag im Kaspischen Meer, den Blicken imperialistischer Spione entzogen und in einem abgedeckten Dock auch vor Spähsatelliten geschützt. Ramius war an der Entwicklung der Raupe beteiligt gewesen, und Tupolew erkannte die Handschrift des Meisters. Es würde teuflisch schwer sein, dieses Boot zu orten, aber nicht unmöglich. Nachdem er dem Modell eine Woche lang mit einem elektrischen Schnellboot, das Russlands modernste Sonar-Sensoren geschleppt hatte, in der Nordhälfte des Kaspischen Meeres nachgefahren war, glaubte er, eine Schwäche entdeckt zu haben. Nichts Ernstes, aber einen Punkt, an dem er ansetzen konnte.

Natürlich war der Erfolg nicht garantiert. Er nahm es nicht nur mit einer Maschine auf, sondern auch mit dem Kapitän, der das Kommando führte. Tupolew kannte sich in diesen Gewässern bestens aus. Das Wasser war fast perfekt isotherm; thermische Schichten, unter denen sich ein U-Boot verstecken konnte, fehlten. Sie waren so weit von den Süßwasserläufen an der Nordküste Russlands entfernt, dass sie sich keine Gedanken um »Wände« und »Seen« von variablem Salzgehalt machen mussten, die bei der Sonar-Suche stören konnten. Konowalow war mit den besten Sonar-Systemen ausgerüstet, die die Sowjetunion bisher gebaut hatte – eine Kopie des französischen DUUV-23, aber leicht verbessert, wie die Ingenieure beim Hersteller behaupteten.

Tupolew plante, die amerikanische Taktik zu kopieren, sich so langsam treiben zu lassen, dass die Steuerwirkung gerade noch erhalten blieb, und ganz leise zu warten, bis Roter Oktober seinen Pfad kreuzte. Anschließend wollte er seiner Beute dicht auf den Fersen bleiben und jede Kurs- und Geschwindigkeitsänderung ins Logbuch eintragen, damit sein Lehrer später, wenn sie ihre Aufzeichnungen verglichen, erkennen musste, dass sein ehemaliger Schüler mit Erfolg seine eigenen Methoden angewandt hatte. Es wurde auch langsam Zeit.

»Neues vom Sonar?« Tupolew, ein ungeduldiger Mensch, wurde nervös.

»Nein, Genosse Kapitän.« Der Starpom klopfte auf das X, das die Position von Rokossowski markierte, eines strategischen U-Boots der Delta-Klasse, dem sie seit mehreren Stunden im Übungsgebiet nachgespürt hatten. »Unser Freund fährt immer noch langsam Kreise. Ist es denkbar, dass Rokossowski versucht, uns zu verwirren? Könnte es sein, dass Kapitän Ramius das Boot hierher beordert hat, um uns unsere Aufgabe zu erschweren?«

Dieser Gedanke war Tupolew auch schon gekommen. »Vermutlich nicht. Die Übung wurde von Korow persönlich geplant. Unser Befehl war versiegelt, und Markos doch wohl auch. Andererseits ist Admiral Korow ein alter Freund unseres Marko.« Tupolew legte eine Pause ein und schüttelte den Kopf. »Nein, Korow ist ein ehrenhafter Mann. Ich glaube, dass Ramius so langsam wie möglich auf uns zufährt. Er will uns nervös machen, Zweifel in uns wecken. Mag sein, dass er aus einer unerwarteten Richtung ins Quadrat eindringt – oder uns das weismacht. Er weiß, dass wir auf der Jagd nach ihm sind, und wird seine Pläne dementsprechend einrichten. Wir werden noch vier Stunden wie bisher weiterpatrouillieren. Wenn wir ihn bis dahin nicht geortet haben, fahren wir zur Südostecke des Quadrates und arbeiten uns von dort aus zur Mitte vor.«

Mit leichtem Spiel hatte Tupolew nie gerechnet. Es war noch keinem Kommandanten eines Jagd-U-Bootes gelungen, Ramius hereinzulegen. Er war fest entschlossen, der Erste zu sein, und die Schwierigkeit der Aufgabe würde sein Können nur noch unterstreichen.

Dritter Tag

Sonntag, 5. Dezember

Roter Oktober

Auf Roter Oktober war Zeit bedeutungslos, denn man sah nie das Tageslicht, und die Tage vergingen gleichförmig. Anders als Überwasserschiffe, die ihre Uhren der jeweiligen Ortszeit anpassten, hielten Unterseeboote meist eine einzige Standardzeit ein. Auf amerikanischen Booten war dies Zulu- oder Greenwich-Zeit, Roter Oktober richtete sich nach Moskauer Zeit, Zulu-Zeit plus drei Stunden.

Am späten Vormittag betrat Ramius den Kontrollraum. Ihr Kurs war nun fünf-zwei-null, Fahrt dreizehn Knoten, und das U-Boot fuhr dreißig Meter überm Grund am westlichen Ende der Barents-See. Wenige Stunden noch, dann würde der Grund zu einer Tiefebene absinken und ein tieferes Abtauchen möglich machen. Ramius schaute sich erst die Seekarte, dann die zahlreichen Instrumententafeln an beiden Seitenschotts des Raumes an. Zuletzt machte er eine Eintragung in das Befehlsbuch.

»Leutnant Iwanow!«, sagte er scharf zu einem jungen Wachoffizier.

»Jawohl, Genosse Kapitän!« Iwanow, der grünste Offizier an Bord, kam frisch von der Lenin-Komsomol-Schule in Leningrad und war ein dürres, blasses, diensteifriges Bürschchen.

»Ich rufe die ranghöheren Offiziere zu einer Besprechung in der Messe zusammen. Sie sind nun der Wachhabende. Dies ist Ihre erste Fahrt, Iwanow. Wie gefällt es Ihnen?«

»Besser, als ich gehofft hatte, Genosse Kapitän«, erwiderte Iwanow mit größerem Selbstvertrauen, als er empfand.

»Gut, Genosse Leutnant. Ich pflege jungen Offizieren so viel Verantwortung wie möglich zu überlassen. Was Sie wissen müssen, haben Sie beigebracht bekommen, und meine Anweisungen stehen im Befehlsbuch. Falls wir ein anderes U-Boot oder Überwasserschiff orten, informieren Sie mich auf der Stelle und leiten sofort ein Ausweichmanöver ein. Irgendwelche Fragen?«

»Nein, Genosse Kapitän.« Iwanow stand stramm.

»Gut.« Ramius ging zum Lazarett.

»Guten Morgen, Doktor.«

»Guten Morgen, Genosse Kapitän. Ist es Zeit für unsere politische Versammlung?« Petrow hatte in der Gebrauchsanweisung des neuen Röntgengeräts gelesen.

»Ja, Genosse, aber ich möchte nicht, dass Sie daran teilnehmen, weil ich eine andere Aufgabe für Sie habe. Es haben nämlich im Kontrollraum und an den Maschinen drei Jungen Wache.«

»Wirklich?« Petrow machte große Augen. Er war seit Jahren zum ersten Mal wieder auf einem U-Boot.

Ramius lächelte. »Keine Sorge, Genosse. Wie Sie wissen, kann ich von der Messe aus den Kontrollraum in zwanzig Sekunden erreichen, und Genosse Melechin kommt ebenso schnell an seinen geliebten Reaktor. Früher oder später müssen unsere jungen Offiziere lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Aber ich möchte, dass Sie sie im Auge behalten. Die Jungs wissen, was sie zu tun haben. Ich will nur sehen, ob sie den rechten Charakter haben. Wenn Borodin oder ich ihnen auf die Finger sehen, verhalten sie sich nicht normal. Fällt diese Aufgabe nicht in Ihr Fach?«

»Sie möchten also, dass ich beobachte, wie sie auf die Verantwortung reagieren.«

»Ja, frei von dem Druck der Anwesenheit eines höheren Offiziers«, sagte Ramius.

Dann ging er zur Messe, wo er von den anderen Offizieren erwartet wurde. Ein Steward hatte mehrere Kannen Tee und Schwarzbrot mit Butter gebracht. Ramius warf einen Blick auf die Tischecke. Der Blutfleck war weggewischt worden, aber er wusste noch genau, wie er ausgesehen hatte. Er schloss die Tür ab, ehe er sich setzte.

Normalerweise fand die politische Schulung auf See am Sonntag statt. In der Vergangenheit hatte Putin die Versammlung geleitet, Artikel aus der Prawda vorgelesen, Lenin zitiert und dann eine Diskussion über das Gehörte in Gang gebracht.

Nach dem Tod des Politoffiziers war dies nun Aufgabe des Kommandanten, doch Ramius bezweifelte, dass die Verfasser der Dienstvorschriften vorausgesehen hatten, welches Thema heute auf der Tagesordnung stand. Jeder anwesende Offizier war Teil der Verschwörung. Ramius gab einen kurzen Überblick über ihre Pläne – es waren leichte Änderungen erforderlich gewesen, die er bisher noch niemandem verraten hatte. Dann berichtete er von dem Brief.

»Es gibt also kein Zurück«, merkte Borodin an.

»Wir waren uns alle einig, was wir tun wollten. Nun sind wir festgelegt.« Ihre Reaktion auf seine Worte war so, wie er es erwartet hatte – nüchtern. Alle waren ledig, niemand hatte Frau oder Kind daheim. Alle waren gute Parteimitglieder. Und allen war eine tiefe Unzufriedenheit, in manchen Fällen sogar ein Hass auf die sowjetische Regierung gemeinsam.

Mit dem Planen hatte er kurz nach dem Tod seiner Frau Natalia begonnen. Der Zorn, den er fast unbewusst ein Leben lang unterdrückt hatte, brach mit einer Gewalt und Leidenschaft hervor, die er nur mit Mühe bezähmen konnte. Ein von Selbstbeherrschung bestimmtes Leben hatte es ihm möglich gemacht, seine Wut zu verbergen, und seine Marinelaufbahn versetzte ihn in die Lage, ihr ein angemessenes Ventil zu wählen.

Noch vor seiner Einschulung hörte er von anderen Kindern, was sein Vater in Litauen 1940 und nach der Befreiung von den Deutschen 1941 getan hatte. Ein kleines Mädchen erzählte ihm eine Geschichte, die sie bei ihren Eltern aufgeschnappt hatte, und Marko erwähnte sie bei seinem Vater. Zum Entsetzen des Jungen verschwand der Vater der Kleinen spurlos. Und wegen dieses unabsichtlichen Fehlers wurde Marko zum Denunzianten gestempelt.

Während seiner Entwicklungsjahre, als sein Vater über das Zentralkomitee der Partei in Litauen herrschte, wohnte der Junge bei seiner Großmutter mütterlicherseits, die ihn heimlich katholisch taufen ließ.

Großmutter Hilda erzählte ihm Gutenachtgeschichten aus der Bibel, die allesamt eine Moral hatten: Gut und Böse, Tugend und Belohnung. Als Kind fand er sie lediglich unterhaltsam, erwähnte sie aber nie bei seinem Vater, da er schon damals wusste, dass Alexander das nicht billigen würde. Und als der ältere Ramius wieder über das Leben seines Sohnes bestimmte, verblasste Markos Erinnerung an seine religiöse Unterweisung.

Als Junge ahnte Ramius nur, dass der Sowjetkommunismus ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ignorierte. Als Heranwachsender hatte er schon konkretere Zweifel. Gewiss, das Wohl des Volkes war ein lobenswertes Ziel, doch der Marxismus verleugnete die Existenz der Seele und beraubte den Menschen seiner Würde und Individualität. Schon als sehr junger Erwachsener hatte Marko seine eigenen Vorstellungen von gut und böse, die mit denen des Staates nicht übereinstimmten. Mit ihrer Hilfe beurteilte er eigene und fremde Handlungen. Diese Wertvorstellungen waren ein Anker für seine Seele und wie ein solcher tief unter der Oberfläche verborgen.

Dass der Junge mit ersten Zweifeln an seinem Land zu kämpfen hatte, konnte niemand ahnen. Wie alle russischen Kinder trat er erst den kleinen Oktobristen, dann den jungen Pionieren bei, marschierte in blanken Stiefeln und blutrotem Halstuch bei Kriegerdenkmälern auf und stand todernst mit einer unbrauchbar gemachten Maschinenpistole am Grab eines unbekannten Soldaten Wache. Als Knabe war Marko überzeugt, dass die tapferen Männer, deren Gräber er so feierlich bewachte, mit jenem selbstlosen Heldenmut in den Tod gegangen waren, den er aus den endlosen Kriegsfilmen im Kino kannte. Und besonders stolz war er, weil er einen hohen Parteifunktionär zum Vater hatte. Die Partei, das hatte er schon vor seinem fünften Lebensjahr hundertmal gehört, war die Seele des Volkes; die Einheit von Partei, Volk und Nation war die Dreifaltigkeit der Sowjetunion. Sein Vater entsprach ganz den Partei-Apparatschiks, die er aus dem Kino kannte: ein strenger, aber fairer Mann, auf bärbeißige Art gütig, der häufig fort war, seinem Sohn Geschenke mitbrachte und dafür sorgte, dass er alle Privilegien genoss, die dem Sprössling eines Parteisekretärs zustanden.

Nach außen hin war Marko ein Musterkind, innerlich aber fragte er sich, warum das, was er von seinem Vater und in der Schule lernte, im Widerspruch zu den anderen Lektionen seiner Kindheit und Jugend stand. Warum ließen manche Eltern ihre Kinder nicht mit ihm spielen? Warum zischten seine Klassenkameraden »Denunziant«, wenn er vorbeiging?

Irgendetwas stimmte nicht – aber was? Die Antwort musste er selbst finden. Aus freier Wahl begann Marko selbständig zu denken und beging so unwissentlich die für einen Kommunisten schwerste Sünde. Nach außen hin blieb er der Mustersohn eines Parteimitglieds, spielte überall mit und hielt sich an die Vorschriften. Und im Lauf der Jahre lernte er, die Handlungen seiner Mitbürger und -offiziere mit kühler Distanz zu beurteilen und sich seine Schlussfolgerungen nicht anmerken zu lassen.

Im Sommer seines achten Lebensjahres hatte er eine Begegnung, die sein Leben beeinflussen sollte. Wenn niemand mit dem »kleinen Denunzianten« spielen mochte, strolchte er hinunter zum Fischerhafen des kleinen Dorfes, in dem seine Großmutter wohnte. Jeden Morgen fuhr ein Sammelsurium alter Holzboote hinaus, unweigerlich abgeschirmt von Patrouillenbooten mit Männern vom MGB, wie das KGB damals hieß. Ihr bescheidener Fang besserte die proteinarme Kost auf und gab den Fischern einen winzigen Nebenverdienst. Kapitän eines Bootes war der alte Sascha. Als Offizier in der Marine des Zaren hatte er bei der Meuterei auf dem Kreuzer Aurora mitgemacht und so geholfen, eine Kette von Ereignissen auszulösen, die die Welt veränderten. Erst viele Jahre später erfuhr Marko, dass die Männer der Aurora mit Lenin gebrochen hatten – und von den Roten Garden brutal zusammengeschossen worden waren. Sascha hatte seine Rolle in dieser kollektiven Indiskretion mit zwanzig Jahren Arbeitslager gebüßt und war erst am Anfang des Großen Vaterländischen Krieges entlassen worden.

Als Marko ihn kennen lernte, war Sascha über sechzig, ein fast kahler Mann mit Muskeln wie Stricke, einem scharfen Seemannsauge und einem Talent für Geschichten, bei denen dem Jungen der Atem stockte. Er ließ Marko mit hinausfahren und brachte ihm die Grundlagen der Seemannschaft bei. Der noch nicht Neunjährige erkannte, dass seine Zukunft auf See lag. Dort gab es eine Freiheit, die er an Land niemals würde genießen können. Dort gab es eine Romantik, die den heranwachsenden Mann in dem Jungen ansprach. Zwar gab es auch Gefahren, doch Sascha brachte dem Buben mit einer Reihe simpler, wirksamer Lektionen im Lauf eines Sommers bei, dass man mit Bereitschaft, Können und Disziplin mit jeder Gefahr fertig wird.

Am Ende jenes langen Ostseesommers erzählte Marko seinem Vater von Sascha und stellte ihm den alten Seebären sogar vor. Ramius senior war von ihm und dem, was er seinem Sohn beigebracht hatte, so begeistert, dass er ihm durch Beziehungen ein neues, größeres Boot beschaffte und ihn an die Spitze der Warteliste für Wohnungen beförderte. Fast glaubte Marko nun, die Partei könne tatsächlich Gutes tun – dass er selbst seine erste gute und mannhafte Tat getan hatte, doch der alte Sascha starb im folgenden Winter, und aus der guten Tat wurde nichts.

Mit dreizehn ging Marko nach Leningrad, wo er die Nachimow-Schule für angehende Seeleute besuchte. Die Rolle der sowjetischen Marine war damals noch vorwiegend auf die Küstenverteidigung beschränkt, aber Marko wollte unbedingt zu ihr gehören. Sein Vater riet ihm zu einer Parteikarriere, versprach ihm rasche Beförderung, Luxus und Privilegien, doch Marko wollte sich seine Sporen selbst verdienen und nicht als Anhängsel des »Befreiers von Litauen« gelten. Die Marine hatte kaum Tradition. Marko spürte, dass er sich hier entfalten konnte, und merkte, dass viele angehende Kadetten ähnlich waren wie er: Einzelgänger, soweit das in einer so streng kontrollierten Gesellschaft möglich ist. Und bei diesem ersten Kameradschaftserlebnis blühte der Junge auf.

Kurz vor Schulabschluss wurden seiner Klasse verschiedene Einheiten der russischen Flotte gezeigt. Ramius verliebte sich auf der Stelle in die U-Boote. Die damaligen Boote waren eng, schmutzig und stanken, weil die Matrosen die offene Bilge als Latrine benutzten, doch andererseits stellten sie die einzigen Offensivwaffen der Marine dar, und Ramius wollte von Anfang an ganz vorne stehen. Er hatte genug Marinegeschichte gelernt, um zu wissen, dass Unterseeboote zweimal beinahe Englands Seereich stranguliert und erfolgreich Japans Wirtschaft geschwächt hatten.

Von der Nachimow-Schule ging er als Klassenerster und im Besitz des goldenen Sextanten für hervorragende Leistungen in theoretischer Navigation ab. Als Jahrgangsbester stand ihm die Wahl der nächsten Ausbildungsstätte frei. Er entschied sich für die Marinehochschule für Unterwassernavigation, nach Lenins Komsomol VVMUPP genannt und noch heute die bedeutendste U-Boot-Schule der Sowjetunion.

Die fünf Jahre an der VVMUPP waren die anstrengendsten seines Lebens, denn er wollte nicht nur erfolgreich sein, sondern glänzen. Jahr für Jahr schnitt er in allen Fächern als Klassenbester ab. Sein Aufsatz über die politische Bedeutung sowjetischer Seemacht wurde an Sergej Georgijewitsch Gorschkow, damals Oberkommandant der Ostseeflotte und eindeutig ein kommender Mann, weitergeleitet. Gorschkow hatte dafür gesorgt, dass die Arbeit in Morskoi Sbornik, dem führenden Marinejournal, veröffentlicht wurde.

Inzwischen war Markos Vater Kandidat des Präsidiums, wie das Politbüro damals hieß, und sehr stolz auf seinen Sohn. Und dank seines Einflusses machte Marko rasch Karriere.

Mit dreißig befehligte er sein erstes Schiff und war verheiratet. Natalia Bogdanowa war die Tochter eines Präsidiumsmitglieds, dessen diplomatische Pflichten die Familie in viele Länder geführt hatten. Die Gesundheit des Mädchens war nie robust gewesen; die Ehe blieb nach drei Fehlgeburten kinderlos. Natalia war eine hübsche, zierliche Frau, für russische Verhältnisse recht weltläufig, die das passable Englisch ihres Mannes mit amerikanischen und britischen Büchern verbesserte – selbstverständlich nur politisch akzeptablen Titeln von westlichen Linken, aber auch gelegentlich mit Literatur von Hemingway, Mark Twain und Upton Sinclair. Zusammen mit seiner Karriere war Natalia der Mittelpunkt seines Lebens gewesen. Ihre Ehe war glücklich.

Als die erste Klasse sowjetischer Unterseeboote mit Atomantrieb auf Kiel gelegt wurde, fand man Marko auf den Werften, wo er lernte, wie die stählernen Haie entwickelt und gebaut wurden. Bald war er als ein junger Qualitätsinspektor bekannt, dem man es nicht so leicht recht machen konnte. Ihm war klar, dass sein eigenes Leben von der Arbeit der oft betrunkenen Schweißer und Monteure abhing. Er wurde Kernkraftexperte, diente zwei Jahre als Starpom und erhielt dann sein erstes Kommando auf einem Boot mit Atomantrieb. Es handelte sich um ein Jagd-U-Boot der November-Klasse, den ersten unausgereiften Versuch der Sowjets, ein gefechtstaugliches Angriffsboot mit großem Aktionsradius zu bauen, das die westlichen Marinen und Nachschublinien bedrohen konnte. Keinen Monat später hatte ein Schwesterboot vor der norwegischen Küste einen schweren Reaktorunfall, und Marko war als erster zur Stelle. Befehlsgemäß rettete er die Besatzung und versenkte dann das Wrack, damit seine Geheimnisse dem Westen verborgen blieben. Beide Aufgaben erledigte er fachmännisch und geschickt; eine Glanzleistung für einen jungen Kommandanten. Der Flottenkommandant honorierte sie mit einer Beförderung: Ramius bekam ein Boot der neuen Charlie-I-Klasse.

Es waren Männer wie Ramius, die die Amerikaner und Briten herauszufordern wagten. Marko gab sich nur wenigen Illusionen hin. Die Amerikaner hatten, wie er wusste, lange Erfahrung in der Seekriegführung. Die Fähigkeit ihrer U-Boot-Kommandanten war Legende, und Ramius sah sich den letzten Amerikanern mit Weltkriegserfahrung gegenüber. Doch ganz ohne Siege blieb er nicht.

Nach und nach lernte Ramius, nach amerikanischen Regeln zu spielen, und bildete seine Offiziere und Männer sorgfältig aus. Selten waren seine Männer so kompetent, wie er es sich gewünscht hätte, aber wo andere Kommandanten ihre Leute wegen ihrer Mängel verfluchten, half Marko ihnen auf die Beine. Bald war sein erstes Charlie-Boot als die »Akademie« bekannt, denn Offiziere kamen halb ausgebildet zu ihm und verließen ihn reif für eine Beförderung und später ein Kommando. Dies galt auch für die Matrosen. Schikanen und Brutalitäten ließ er nicht zu. Er sah es als seine Aufgabe an, aus Wehrpflichtigen Seeleute zu machen, und erreichte eine größere Zahl von freiwilligen Weiterverpflichtungen als jeder andere U-Boot-Kommandant. Ein ganzes Neuntel der Mitschmani auf den U-Booten der Nordflotte waren von Ramius ausgebildete Profis. Jeder Kommandant nahm nur zu gerne seine Starschini an Bord, von denen nicht wenige zur Offiziersschule gingen.

Nach achtzehn Monaten harter Arbeit und eifrigen Übens waren Marko und seine »Akademie« zu einem Katz-und-Maus-Spiel bereit.

Bei Norwegen kam er USS Triton in die Quere und hetzte das Boot zwölf Stunden lang gnadenlos. Später sollte er mit nicht geringer Zufriedenheit erfahren, dass Triton kurz darauf außer Dienst gestellt worden war, da das übergroße Boot, wie es hieß, nicht mehr in der Lage sei, es mit neueren sowjetischen Baumustern aufzunehmen. Die dieselgetriebenen U-Boote der Norweger und Briten, die ihm gelegentlich in den Weg kamen, verfolgte er rücksichtslos und ließ sie oft seine Sonar-Peitsche spüren. Einmal ortete er sogar ein amerikanisches Raketen-U-Boot und hielt fast zwei Stunden lang Kontakt, bis es wie ein Gespenst im schwarzen Wasser verschwand.

Seine Erfolge als Kommandant führten zu seiner Berufung als Dozent an die Militärakademie. Und diese Ehre, für die sein hoch gestellter Vater nicht verantwortlich war, hatte er sich aus eigener Kraft verdient.

Der Leiter der Marineabteilung stellte Marko gerne als »Testpilot unserer U-Boote« vor. Seine Vorlesungen wurden zu einer Attraktion, nicht nur für die Marineoffiziere an der Akademie, sondern auch für viele andere, die eigens kamen, um sich seine Ausführungen über U-Boot-Operationen und Seestrategie anzuhören. An den Wochenenden, die er in der Dienst-Datscha seines Vaters im Dorf Schukowa verbrachte, verfasste er Handbücher zur Bedienung von U-Booten und der Ausbildung ihrer Mannschaften und arbeitete Spezifikationen für das seiner Ansicht nach ideale Angriffs-U-Boot aus. Manche seiner unkonventionellen Vorschläge verprellten Gorschkow, seinen ehemaligen Gönner, der inzwischen Oberkommandierender der Marine geworden war – aber ungehalten gab sich der alte Admiral nicht.

Ramius schlug vor, U-Boot-Offiziere sollten über Jahre hinaus in der gleichen Klasse oder, besser noch, auf dem gleichen Boot dienen, damit sie ihr Handwerk und die Fähigkeiten ihrer Boote besser beherrschten. Fähige Kapitäne, argumentierte er, sollten nicht auf Schreibtischposten gezwungen werden. Er lobte die Praxis der Roten Armee, einen Feldkommandeur so lange auf seinem Posten zu belassen, wie er wollte, und stellte dies in betonten Gegensatz zu der bei den imperialistischen Marinen üblichen Rotationspraxis. Manche seiner Vorschläge stießen beim Oberkommando auf offene Ohren, andere aber nicht, und Ramius musste sich mit der Tatsache abfinden, dass er wohl nie Admiral werden würde. Doch das kümmerte ihn inzwischen nicht mehr. Er liebte seine U-Boote zu sehr, um sie für das Kommando über eine Schwadron oder gar eine Flotte zu verlassen.

Nach der Akademie wurde er tatsächlich zum Testpiloten der Unterseeboote. Marko Ramius, mittlerweile Kapitän Ersten Ranges, fuhr mit dem Prototyp jeder neuen

Titel der Originalausgabe The Hunt for Red October

Taschenbuchausgabe 04/2008

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