Die verleugnete Tochter - Anni Lechner - E-Book

Die verleugnete Tochter E-Book

Anni Lechner

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Beschreibung

Durch einen tragischen Unfall verliert der Bauer Ferdinand Stadler seine Frau und seine beiden Söhne. Nun fragt sich die gesamte Verwandtschaft, wer den großen Hof einmal erben soll und jeder rechnet sich Chancen aus, statt der verlorenen Familie als Erbe eingesetzt zu werden. Doch Stadler trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum: Er hat eine uneheliche Tochter, weil er vor Jahren eine junge Magd vergewaltigt hat, jedoch für diese Tat nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Sie soll, so Stadlers Plan, nun den Hof erben. Doch er weiß nicht, wo er seine verschollene Tochter finden kann. Wird er mit seiner Suche Erfolg haben? Und wie wird die junge Frau reagieren? Dieser und die zwei weiteren Romane „Die Liebe des Edelweißkönigs“ und „Ist er der Richtige?“ sind in diesem Band enthalten.

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EPUB

Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Anni Lechner

Die verleugnete Tochter

Die Liebe des Edelweißkönigs

Ist er der Richtige?

Anni Lechner: Band 21, Die verleugnete Tochter ... und zwei weitere spannende Romane

Copyright © by Anni Lechner

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf.

Überarbeitete Neuausgabe © 2017 by Open Publishing Verlag

Covergestaltung: Open Publishing GmbH – Mathias Beeh

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.

eBook-Produktion: Datagroup int. SRL, Timisoara

ISBN 978-3-95912-230-6

Die verleugnete Tochter

Die gute Stube des Stadler-Hofes war fast zu klein für die Leute, die sich darin aufhielten. Alle sahen zu dem Hausherrn Ferdinand Stadler hin, der am Kopfende des wuchtigen Kiefernholztisches saß, der mit seiner hellen Farbe nicht so recht zu der Trauerschwarzen Kleidung der Anwesenden passen wollte. Eher tat dies das dunkle Kruzifix mit der bewegenden Darstellung des leidenden Christus, das über dem Bauern hing. Neben dem Kreuz war sein Bild zu sehen, ebenso das seiner Ehefrau, das seit heute den Trauerflor trug.

»Der Herrgott gibt und der Herrgott nimmt, Ferdinand. Da muss sich der Mensch dreinschicken, auch wenn’s einem ned passt«, durchbrach der Hugauer das Schweigen, das sich wie Mehltau über die Versammlung gelegt hatte.

Stadlers Schwester Elisabeth Krainer nickte dem Sprecher zu. »Da hast du recht, Xaver. Der Mensch ist halt bloß ein Gast auf dieser Welt und es liegt in der Hand des Schöpfers, wann er sie wieder verlassen muss.«

Die beiden reden so gescheit daher wie der Pfarrer, der Trost hatte spenden wollen, wo kein Trost möglich war, fuhr es dem Stadler-Bauern durch den Kopf. Am liebsten hätte er die ganze Bagage verjagt, die sich wie Geier um ihn versammelt hatten. Er blickte sie an und erkannte hinter ihrem vorgetäuschten Mitgefühl die fiebrige Erwartung, die jeden von ihnen gepackt hatte.

»Es ist halt schad um deine zwei Buben, mehr noch fast als um dein Weib«, wandte Martin Kress, sein Vetter zweiten Grades ein. Kress besaß einen eigenen Hof und nur einen Sohn, hatte seine beiden Schwägerinnen Burgl und Geli so neben sich gesetzt, dass sie dem Hausherrn ja in die Augen stachen.

»Ja, es ist wirklich schad um den Franz und den Ferdl«, stimmte die Krainerin ihm zu.

Der Stadler spürte einen bitteren Geschmack in Mund. Ausgerechnet seine Schwester musste das sagen, die ihm und auch den Eltern seine Existenz nie vergeben hatte. Achtzehn Jahre älter als er hatte sie sich bereits als Erbin des schönen Hofes gesehen, als mit ihm der kaum mehr erhoffte Sohn zur Welt gekommen war. Ein Jahr später hatte sie den Krainer Matthias aus Wolfsegg geheiratet und ihr Elternhaus seitdem kein halbes Dutzend Mal mehr betreten. Selbst jetzt konnte sie ihre tiefe Zufriedenheit nicht verbergen, denn wegen der engen Verwandtschaft hatte in ihren Augen nur einer ihrer Enkel das Recht, den großen Stadler-Hof zu erben.

»Der Ferdl war halt alleweil ein wengerl ein flotter Fahrer.« Einer der Jüngeren sagte es und zog sich sofort einen strafenden Blick seiner Eltern zu. So eine Bemerkung konnte die Aussichten auf den Stadler-Hof jäh zerstören.

»Der Ferdl war an dem Unfall vollkommen unschuldig«, beeilte sich denn auch Mirl Hugauer zu versichern. »Schuld war der Lastwagenfahrer, der ihm die Vorfahrt genommen hat.«

Weitere Verwandte mischten sich jetzt in das Gespräch ein und lobten die Stadler-Bäuerin ebenso wie ihre beiden Söhne, die bei dem schrecklichen Unfall umgekommen waren, über den grünen Klee.

Stadler gellten die Ohren und er hätte sie am liebsten angebrüllt, den Mund zu halten. Er fragte sich, was in ihn gefahren war, die Verwandtschaft nach dem Leichenschmaus in der Gastwirtschaft noch zu sich auf den Hof einzuladen. Ärgerlich schüttelte er den Kopf und rief nach der Stallmagd Cilly, die nach dem Tod seiner Frau vorläufig den Haushalt übernommen hatte.

»Bring eine gescheite Brotzeit und Bier. Es soll ned heißen, dass man beim Stadler von Hirschzell hungern und dürsten muss.« Das war eine ziemliche Übertreibung, denn die meisten Leute waren noch satt von dem guten und reichlichen Essen, dass es in der Wirtschaft gegeben hatte.

»Eine halbe Bier wär ned schlecht«, fand Martin Kress. »Das Leben muss ja weitergehen, Ferdinand, auch für dich. Was machst du jetzt eigentlich? Wirst du noch einmal heiraten?«

»So ein Bauernfünfer. Die Franziska ist noch ned einmal einen halben Tag unter der Erde, und schon will er sich einen Kuppelpelz verdienen.« Die Stimme der Krainerin bebte vor Abscheu, denn eine zweite Heirat ihres Bruders war das Letzte, was sie sich wünschte.

Stadler fand die Bemerkung ebenfalls unpassend, zumal die Kress-’Schwägerinnen jung genug waren, um seine Töchter sein zu können. Er schüttelte sich und hob mit einer unbestimmten Geste die rechte Hand. »Jetzt gelten meine Gedanken den Toten, die ich verloren hab, und ned der Zukunft.

»Zu lang solltest du fei ned warten, Ferdinand. Die Buben werden dir bei der Arbeit abgehen, und deine Bäuerin auch. Du musst jemand auf den Hof nehmen, der dir helfen kann.« Die Krainerin sah ihren Bruder dabei so zwingend an, als wolle sie ihn hypnotisieren.

»Es muss aber trotzdem ned heut sein.« Stadler schnaubte und zählte in Gedanken die Anwesenden durch. Es befanden sich über zwanzig Leute im Raum, von denen mindestens ein Drittel auf das reiche Erbe hoffte. Dabei waren nicht einmal alle Verwandten erschienen. Christoph Heimgartner, ein Vetter seiner verunglückten Frau, und dessen Sohn Christian hatten die Einladung auf seinen Hof abgelehnt und sich nach dem Leichenschmaus verabschiedet.

»Cilly, wo bleibt denn die Brotzeit?«, rief Stadler laut genug, damit man es in der Küche hören musste.

»Ich komm ja schon, Bauer.« Die Magd tauchte mit einem riesigen Tablett mit ländlichen Spezialitäten auf. Obwohl keiner der Gäste während des Leichentrunks Hunger hatte leiden müssen, griffen sie beherzt zu. Stadler war damit zufrieden, denn beim Essen konnten sie nicht reden. Für ihn stellte sich aber immer mehr die Frage, wie es weitergehen sollte.

*

Die letzten Gäste gingen erst, als die Zeit der Stallarbeit längst vorbei war. Zuletzt war die Stimmung durch das reichlich ausgeteilte Bier für die Männer und selbst gemachten Kirschlikör für die Frauen noch recht lebhaft geworden. Als alles vorbei war, musterte Stadler seine gute Stube, die jetzt voller leerer Bierflaschen und schmutzigen Gläsern stand. Cilly kam aus der Küche, sah sich die Bescherung an und begann aufzuräumen.

Stadler hob begütigend die rechte Hand, »Das kannst du doch auch morgen tun, Cilly.«

»Das ging mir grad noch ab. Ich hab morgen genug zu arbeiten, Bauer.« Die Frau, die bereits stramm auf die Sechzig zuging und zwei Drittel ihres Lebens als Magd auf dem Stadler-Hof verbracht hatte, schnaubte und sammelte weiter Bierflaschen ein.

»Saufen haben die ja ganz schön können«, spottete sie, als der vierte leere Bierkasten voll wurde. »Und ned bloß die Mannsleut. Ein paar von den Weibern haben unseren Kirschlikör geschluckt, als wenn’s Limo gewesen wär.«

»Sei froh, dass es ihnen geschmeckt hat. Immerhin steht der Ruf unseres Hofs auf dem Spiel«, wies Stadler sie zurecht.

Die Magd nickte mit verkniffener Miene. »Da hast du schon recht, Bauer. Vor allem aber kann jetzt keine von den Weibsleuten sagen, dass in unserem Haushalt nix weitergeht. Der Kress Martin hätt ja seine Nichten am liebsten gleich da gelassen, damit du dir eine von ihnen aussuchen kannst. Aber die anderen sind auch ned besser, vor allem deine Schwester ned.«

Stadler wurde das Geplapper der Magd zu viel und er verließ den Raum. Fast automatisch lenkte ihn sein Schritt in den Kuhstall, um dort nach dem Rechten zu sehen, wie er es jetzt seit fast fünfundzwanzig Jahren getan hatte. Nie war es ihm so schwergefallen wie heute. Als er in die dunkel glänzenden Kuhaugen blickte, die sich ihm zuwandten, kam es ihm vor, als würde das Vieh um seine beiden Söhne und die Bäuerin trauern.

»Ihr seid bloß Rindviecher und habt keinen Verstand. Vielleicht seid ihr grad deswegen ehrlicher als die Menschen!« Der Bauer streichelte mehrere Kühe und seufzte. Schon um ihretwillen musste es auf dem Hof weitergehen, auch wenn er vor sich nur Dunkelheit und Schwärze zu sehen glaubte.

Nachdem Stadler sich davon überzeugt hatte, dass alles in Ordnung war, schaltete er das Licht im Stall aus und kehrte ins Haus zurück. Cilly war inzwischen mit dem Aufräumen fertig geworden und verabschiedete sich ins Bett. Der Bauer wünschte ihr eine gute Nacht und setzte sich in die leere Küche, hielt es dort aber nicht lange aus. Von einer plötzlichen Unruhe getrieben stieg er ins Obergeschoss und trat, ohne es eigentlich zu wollen, in die Nähstube seiner Frau. Hier hatte sie so manchen Wintertag verbracht, um Socken oder Pullover zu stricken oder zu bügeln.

Alles vorbei, dachte der Bauer. Warum hat es nicht mich erwischt anstelle der Buben. Für die zwei wär ich gern gestorben. Ganz in Gedanken trat er an die große Kommode seiner Frau. Er hatte nie einen der vielen Schubladen geöffnet und wusste daher nicht, was sich darin befand. Jetzt würde es ihn interessieren müssen, sagte er sich, wenn er nicht wollte, dass fremde Leute sie öffnen würden.

Er zog zunächst das größte Fach auf und fand darin das Nähzeug seiner Frau und einen angefangenen Pullover, der wohl für ihn gedacht gewesen war. Erneut mit Tränen kämpfend schob er die Schublade wieder zu und öffnete aufs Geratewohl die Nächste. Alte Briefe und Weihnachtskarten, die seine Frau aufgehoben hatte, lagen darin, ein Fotoalbum mit den Bildern ihrer Söhne vom Säugling bis zu Ferdls zwanzigstem Geburtstag und ein paar längst vergilbte Papiere. Stadler wollte alles schon wieder zurücklegen, als er ganz hinten in dem Fach ein weiteres Foto entdeckte.

Verwundert nahm er es in die Hand und blickte auf das Bild eines hübschen jungen Mädchens mit kastanienbraunem Haar und verträumten dunklen Augen. Plötzlich war ihm, als würde eine eisige Hand nach seinem Herzen greifen. Er stöhnte, ließ das Bild fallen, und schlug die Hände vors Gesicht. In seinen Ohren hallte die Verwünschung wieder, die Mali Regner ihm bei ihrem letzten Zusammentreffen entgegengeschleudert hatte.

»Einmal wirst du für deine Schandtat bezahlen, Stadler! Das schwör ich dir, so wahr es einen Gott im Himmel gibt!«

Der Bauer zitterte vor einer Kälte, die tief aus seinem Innern kam. War das jetzt die Strafe dafür, fragte er sich. Hatten seine Frau und seine Söhne sterben müssen, weil er sich damals versündigt hatte. Seine Gedanken zeigten ihm plötzlich Bilder, von denen er geglaubt hatte, sie längst vergessen zu haben. Mali war achtzehn gewesen, als sie als Sennerin auf seinen Hof gekommen war, und so hübsch und fröhlich, wie man es sich nur wünschen konnte. Noch heute wusste er nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, zu ihr auf die Alm hochzusteigen. Mit einem Mal war alles entgleist. Er hatte die junge Sennerin an sich gerissen und sie ungeachtet ihres Widerstrebens auf ihr Bett geschleppt und nicht eher von ihr abgelassen, bis alles vorbei gewesen war.

Ich habe sie vergewaltigt fuhr es dem Bauern durch den Kopf. Sie hatte es nicht gewagt, ihn anzuzeigen, doch als sich neues Leben in ihr geregt hatte, war sie unter Tränen zu ihm gekommen und hatte ihn angefleht, ihr wenigstens zu helfen. Die Angst, seine Frau könnte davon erfahren, hatte ihn dazu gebracht, abzuleugnen, dass je etwas zwischen ihm und Mali geschehen wäre. Er hatte das Mädchen bedroht und schließlich davongejagt.

Stadler senkte den Kopf und schämte sich wie noch nie zuvor in seinem Leben. Mali hatte seine Alm mit steinernem Gesicht verlassen und ihr Abschiedsgruß war jener Fluch gewesen. Er hatte nur noch einmal etwas von Mali gehört, nämlich als ein Viehhändler, den er kannte, ihm berichtet hatte, dass seine ehemalige Sennerin mit einem Mädchen niedergekommen wäre.

Es traf Stadler plötzlich wie ein Schlag. Warum sollte er sich mit seiner Schwester und allen anderen Möchtergernerben herumschlagen, wenn er eine Tochter besaß? Er würde das Mädchen auf den Hof holen und alles wiedergutmachen. Zum ersten Mal seit der Nachricht von dem schrecklichen Unfall und dem Tod seiner Frau und seiner Söhne atmete er wieder frei durch. Gott war nicht sein Feind, nein, er hatte ihm eben neue Hoffnung geschenkt. Stadler faltete dankbar die Hände und sprach ein kurzes Gebet.

*

Die Holleitner-Alm lag höher als die meisten anderen Almen in dieser Gegend und war auch die Einzige, die von zwei Sennerinnen geführt wurde. Statt Jungvieh grasten fast zwei Dutzend Kühe auf den grünen Matten, die die Sennhütte umgaben, und boten damit ein Bild, das in der heutigen Zeit nicht mehr alltäglich war. Die Hütte selbst war groß und geräumig und den hinteren Teil nahm die Käserei ein, die von den beiden Sennerinnen betrieben wurde. Die Mutter, eine schlanke, aber noch gut aussehende Frau, brachte eben die letzte Milch dieses Morgens zur Hütte.

»Afra, kannst du mir helfen? Mir wird die Kanne zu schwer«, rief sie durch die offene Tür.

Wenige Sekunden später trat ein junges Mädchen heraus. Eine Handspanne größer als ihre zierliche Mutter war sie vollendet gewachsen und bot mit ihrem liebreizenden Gesicht, den veilchenblauen Augen, ihrem sanft geschwungenen Mund und dem in der Sonne glänzenden Blondhaar einen herrlichen Anblick. Afra fasste die schwere Kanne und sah ihre Mutter kopfschüttelnd an.

»Du hättest doch warten können, bis ich komm, Mama.«

Mali Regner zuckte mit den Achseln. »Ich hab mir denkt, ich schaff’s allein.« Es waren für längere Zeit die letzten Worte, die sie wechselten. Sie trugen die Kanne in die Käserei, schütteten die Milch in den großen Bottich und gaben unter stetem Rühren das Lab bei. Schließlich deckte Mali das Gefäß ab und trat an den Bottich, in dem sie die Milch vom letzten Abend angesetzt hatten.

Auf ihr Nicken hin brachte Afra das Schöpftuch und zog es unter den Käsebruch. Es war eine harte Arbeit, die frische Käsemasse von der Molke zu trennen. Die beiden taten sie ohne Murren und pressten den Frischkäse in die angefeuchteten Formen. Der halbe Vormittag verging, bis sie mit allem fertig waren und die Käsestube verlassen konnten.

»Wer kocht heut, du oder ich?«, fragte Mali.

»Heut bist du dran. Ich schau noch einmal nach den Kühen.« Afra verließ die Almhütte und wanderte zu den Tieren, die gemütlich grasten. Nur eine oder zwei blickten auf, als die junge Sennerin bei ihnen vorbeikam, um sich davon zu überzeugen, dass es ihren Schutzbefohlenen gut ging. Zufrieden mit dem Zustand der Tiere wollte Afra wieder zur Hütte zurück, als sie auf dem Weg, der zur Alm führte, einen Wanderer entdeckte. Bei seinem Anblick umwölkte sich ihre Stirn.

»Der Hausner Toni hat mir grad noch gefehlt.« Mit raschen Schritten wandte sie sich der Sennhütte zu und erreichte sie kurz vor dem jungen Burschen.

»Grüß dich, Schatzerl«, rief dieser schon von Weitem.«

»Ich seh da kein Schatzerl«, gab Afra bissig zurück.

Ohne sich durch ihre Stacheln abschrecken zu lassen, kam Toni auf sie zu und wollte sie an sich ziehen. »Aber Afra, du weißt doch, dass du mein Ein und Alles bist.«

»Neben fünfundzwanzig anderen Madln, meinst du.«

Ein Funkeln erschien in den Augen des Burschen. »Dir liegt also doch etwas an mir, weil du eifersüchtig bist.«

»Eifersüchtig? Ich? Auf dich?« Afra schüttelte den Kopf und verhinderte damit, dass Toni ihr einen Kuss auf die Lippen drücken konnte. Als er es erneut versuchte, schob sie ihn heftig zurück.

»Such dir eine andere und lass mich in Ruh.«

Die fröhliche Miene, die der Bursch bis jetzt gezeigt hatte, verschwand mit einem Schlag und machte einem ärgerlichen Ausdruck Platz. »Jetzt tu ned so, als wenn du was Besonderes wärst. Andere Madln wären froh, wenn ich sie überhaupt ansehen tät.«

»Ansehen kannst du mich ja, aber mit allem anderen lass mich in Frieden«, gab Afra heftig zurück.

Toni packte sie bei den Schultern. »Ich will dich haben, verstanden, und wenn ich grob werden müsst.«

»Bevor so einer wie du grob werden kann, bin ich’s schon lang.« Afras Mutter trat aus der Hütte und hielt eine mit heißem Fett gefüllte Bratpfanne in der Hand.

»Verschwind, du Loder, sonst kannst du was erleben. Glaub ja ned, dass ich mich ned trau.« Malis Stimme klirrte vor Zorn und erschreckte die Tochter fast ebenso wie ihren aufdringlichen Verehrer.

Toni ließ Afra los und legte sicherheitshalber ein paar Schritte zwischen sich und der bedrohlichen Bratpfanne. Erst dann wagte er, etwas zu sagen. »Alte Giftnudel, das werd ich aber dem Holleitner sagen, was du für eine bist. Dann jagt er dich samt deiner Tochter fort.

»Das wär ned das erste Mal«, klang es herb zurück. »Und jetzt nimm deine Haxen in die Hand und erlöse uns von deinem Anblick. Sonst muss ich dich doch noch mit Schmalz taufen.«

Darauf wollte Toni es dann doch nicht ankommen lassen. Murrend zog er ab und drehte sich erst ein Stück weiter weg noch einmal um. »Noch ist ned aller Tage Abend. Ich krieg die Afra, und wenn der Teufel dreinschlagen muss.« Für sich dachte er, dass er nur warten musste, bis die Mali wieder einmal zum Holleitner kam. Dann war Afra allein auf der Alm und würde sich seinem Drängen nicht mehr widersetzen können.

*

»So ein Lump«, fauchte Mali. »Bloß weil er der Sohn vom reichen Hausner ist, glaubt er, er kann sich alles erlauben.«

Afra schüttelte lachend den Kopf und zeigte auf die Bratpfanne, in der das Schmalz mittlerweile fest geworden war. »Das hätt’s grad ned braucht, Mama. Mit dem da wär ich schon allein fertig geworden.«

»Das hab ich auch einmal denkt.« Die Worte entflohen wie von selbst Malis Mund.

»Was sagst du?«, fragte ihre Tochter verwundert.

»Nix, bloß dass du bei so einem Kerl aufpassen musst.« Mali hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. All die Jahre hatte sie ihrer Tochter die Umstände ihrer Zeugung verschwiegen, doch die jetzige Szene hatte all das, was sie mühsam verdrängt hatte, wieder an die Oberfläche gespült.

Mali wandte sich ab, damit ihre Tochter die Tränen nicht sehen konnte, die ihr in die Augen stiegen. Gut zwanzig Jahre waren seitdem vergangen, trotzdem spürte sie noch immer die alte Verbitterung und den Zorn auf die eigene Hilflosigkeit. Für einen Augenblick erwog sie, es ihrer Tochter doch zu sagen. Dann aber schüttelte sie den Kopf. Nein, Afra durfte niemals erfahren, dass sie das Produkt einer Vergewaltigung war. Dafür liebte sie ihre Tochter zu sehr.

»Wegen dem Loder bin ich ned dazu gekommen, weiterzukochen. Du wirst mir helfen müssen, Dirndl, sonst wird das nix mit dem Mittagessen.« Es gelang ihr sogar, einen halbwegs munteren Ton zu treffen.

Afra musterte die Mutter mit einem durchdringenden Blick. Obwohl nie ein Wort gefallen war, spürte sie instinktiv, dass es in deren Leben etwas sehr Unangenehmes gegeben haben musste. Am liebsten hätte sie ihre Mutter umarmt und sie gebeten, ihr alles zu erzählen. Als sie ihr jedoch in die Hütte folgte und den bitteren Ausdruck auf ihrem Gesicht sah, wagte sie es dann doch nicht.

Die beiden bereiteten das Mittagessen zu, ohne viel zu sagen und setzten sich dann schweigend zu Tisch. Die Kost war einfach und hätte die verwöhnten Gaumen der Leute im Tal wohl beleidigt. Es gab Mehlschmarren mit ein paar Apfelstückchen, dazu etwas Frischkäse und zum Trinken Molke.

Am Nachmittag kontrollierten sie die Käselaibe, die in dem in den Felsen gehauenen Keller vor sich hin reiften, wuschen sie in Salzlake und drehten sie um.

»Der Holleitner wird bald jemand heraufschicken müssen, um den Käs zu holen«, fand Mali, nachdem sie probehalber auf einige Laibe geklopft hatte.

»Soll ich dann zur Almwirtschaft hinunterlaufen und anrufen?«, fragte Afra.

Die Mutter überlegte kurz und nickte. »Das wird das Beste sein. Vielleicht kriegst du dort auch einen Laib Brot oder wenigstens ein paar Semmeln. Für heut Abend langt das, was wir haben, noch aus, aber für morgen früh seh ich schwarz.«

»Dann kochen wir uns halt einen Schmarrn«, schlug Afra vor.

»Ich weiß ned. In der Früh, zu Mittag und am Abend Schmarrn, das wär mir denn doch zu viel.« Mali ärgerte sich über sich selbst, denn als sie jetzt an das Abendessen dachte, hatte sie keinen Appetit mehr auf einen Schmarrn.

Unterdessen war Afra wieder nach oben gestiegen. Sie blickte durch das Fenster, um nach den Kühen zu schauen, und bemerkte einen Wanderer, der auf ihre Hütte zuhielt. »Da kommt schon wieder so ein Trottel!«

Die Stimme ihrer Tochter riss die Sennerin aus ihren Gedanken. »Was sagst du?«

Statt einer Antwort zeigte Afra zum Fenster hinaus. Ein junger Bursche in einer ledernen Kniebundhose und rot kariertem Hemd näherte sich der Hütte. Auf seinem Rücken trug er einen leichten Rucksack.

Mali musterte ihn kurz und schüttelte den Kopf. »Ich glaub, das ist keiner von den Deppen im Tal. Der schaut mir eher wie ein Bergwanderer aus.«

»Was will der bei uns da. Der Wanderweg ist doch weiter unten.« Afras Miene zeigte deutlich, dass sie von solch zufälligen Besuchern wenig hielt.

Kurz darauf erreichte der junge Mann die Hütte und klopfte an. »Herein«, rief Mali trotz Afras ärgerlicher Miene. Die Tür schwang auf und der Fremde steckte den Kopf herein.

»Grüß Gott. Entschuldigen sie, aber ich will fragen, ob ich eine Kleinigkeit zu trinken bekommen kann. Ich hab nämlich meinen Geldbeutel im Auto liegen lassen, und das steht unten in Lenggries. Aufs Anschreiben lassen wollt die Bedienung in der Bergwirtschaft ned eingehen.«

»Draußen ist der Brunnentrog«, antwortete Afra spöttisch. »Das Wasser ist für die Küh gut, also wird’s auch dir ned schaden.«

Der junge Mann nickte freundlich, machte aber keine Anstalten, die Hütte zu verlassen, sondern starrte das Mädchen mit großen Augen an. Afra hatte diesen Blick schon bei etlichen Burschen gesehen und schürzte verächtlich die Lippen.

»Zu viel Durst scheinst du mir grad ned zu haben?«

Christian Heimgartner zuckte zusammen und versuchte seinen Blick von ihr loszureißen. Es gelang ihm jedoch nicht. Ein schöneres Mädchen als diese junge Sennerin hatte er noch nie gesehen, und obwohl er ihr noch nie begegnet war, erinnerte ihn etwas an ihr an irgendjemand, ohne dass er darauf kam.

Mali beendete das einseitige Geplänkel, in dem sie an die Anrichte im Hintergrund trat und einen Becher herausholte. »Wenn du Molke magst, kannst du eine haben. Bier suchst du bei uns vergebens. Die Afra und ich trinken keines und Wanderer kommen so selten vorbei, dass es sich ned lohnt, einen Kasten in den Keller zu stellen.«

Christian hätte in diesem Augenblick alles getrunken, nur um das schöne Mädchen länger ansehen zu können. »Dankschön, das wär wirklich nett von ihnen. Ich geb mich aber auch mit Wasser zufrieden, wenn’s zu viel Umständ macht.«

»Zu viel macht’s gewiss ned.« Mali schenkte ihm den Becher voll und stellte ihn auf den Tisch. Christian nahm es als Einladung und setzte sich auf einen der beiden Stühle. Erst als er getrunken hatte, erinnerte er sich daran, dass er einer der beiden Frauen den Platz weggenommen hatte, und fuhr mit rotem Kopf wieder hoch.

Mali hob beschwichtigend die rechte Hand. »Bleib ruhig sitzen. Die Afra ist jung genug, um einen Moment stehen zu können. Hast du heut übrigens schon was gegessen. Wir hätten nämlich noch einen Rest Schmarrn übrig.«

Christian dachte kurz nach und nickte. »Bis ich wieder im Tal bin, dauert’s noch eine gute Stund und bis aufs Frühstück hab ich heut noch nix gegessen. Aber ich hab kein Geld dabei.«

»Deswegen werden wir schon ned verhungern. Afra, machst du’s?« Ein auffordernder Blick traf die Tochter. Diese trat mit einem Schulterzucken an den Herd und schob die zugedeckte Pfanne über die Flamme. Dabei drehte sie Christian betont den Rücken zu. Sie wusste selbst nicht, was sie gegen den jungen Mann hatte. Sein Blick wirkte anders als der Toni Hausners, der sie damit förmlich auszog, machte sie aber seltsam verlegen und steigerte ihre Kratzbürstigkeit. Sie überlegte kurz, ob sie den Schmarrn versalzen oder zu viel Zucker zugeben sollte, ließ es dann aber sein.

»Wohl bekommt’s!« Mit diesen Worten stellte sie den Teller vor Christians Nase und trat bis an die Wand zurück. Mit vor der Brust verschränkten Armen sah sie zu, wie der Bursche mit gutem Appetit aß und dazu die Molke trank. Unwillkürlich stellte sie Vergleiche zwischen ihm und Toni Hausner an, die allesamt zu Ungunsten des Letzteren ausgingen. Der Fremde war noch ein Stück größer, wirkte aber trotz seiner breiten Schultern schlank und behände. Er besaß ein offenes, männliches Gesicht mit einer leichten Adlernase, einen festen Mund und am Kinn ein Grübchen wie Kirk Douglas. Sein Haar war dunkelblond und die Farbe seiner Augen erinnerte sie an das Grau der Felsen. Alles in allem stellte er eine beeindruckende Erscheinung dar und für einen Augenblick ärgerte Afra sich, nur eine arme Sennerin zu sein und keine der großen Bauerntöchter aus dem Tal, die sich in einem Monat mehr an Kleidern kaufen konnte als sie im ganzen Jahr.

»Ich muss noch einmal nach dem Käs schauen!« Es war eine Flucht vor ihren eigenen, einander widerstrebenden Gefühlen. Ihre Mutter schaute ihr verwundert nach, denn das hatten sie doch eben getan. Dann aber sagte Mali sich, dass es so vielleicht besser war. Ihr Gast war seiner Kleidung und seiner ganzen Haltung nach ein Bauernsohn, und für einen solchen galt eine hübsche Sennerin sehr schnell als leichtes Opfer.

Christian sah, wie Afra die Falltür öffnete und nach unten stieg und seufzte. Dann wandte er sich an die Mutter, deren Ähnlichkeit mit dem Mädchen unverkennbar war, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt wie jener andere Teil, den er nicht ergründen konnte.

»Ihr macht noch Käs da heroben?«, fragte er.

»Meinst du, der Milchwagen fährt jeden Tag zu uns herauf und holt die Milch ab?« An Schlagfertigkeit und Witz gab Mali ihrer Tochter wenig nach.

Christian lachte leise auf. »Da hast du auch wieder recht. Weißt du, wir haben zwar auch eine Alm, aber da ist bloß Jungvieh oben. Den heutigen Sennerinnen und Sennern machen Kühe halt zu viel Arbeit. Als ich im letzten Jahr auf der Alm war, hab ich mir eine Kuh mitgenommen, um Käs zu machen. Es ist aber nix Gescheites dabei herausgekommen. Ich hab grad einmal einen Topfen zusammengebracht, den ich dann selber essen hab dürfen.« Er brachte es so trocken vor, dass Mali hell auflachte.

»Das Käsmachen muss man wie so vieles andere auch lernen. Ich hab’s von der alten Regi gelernt. Das war die Tant von meinem Bauern und hat trotz ihrer siebzig Jahr nix davon wissen wollen, dass sie im Tal bleiben soll. Man hat mich damals zu ihr hochgeschickt, um ihr zu helfen.«

Ein herber Zug huschte über Malis Gesicht, als sie sich an diese Zeit erinnerte. Sie war mit Afra schwanger gewesen und voller Verzweiflung, weil kein Bauer sie in diesem Zustand hatte einstellen wollen. Sie hatte schon überlegt, ins Wasser zu gehen, um Leid und Not hinter sich lassen zu können. Der Holleitner musste ihr dies angesehen haben und hatte sie als Zweitsennerin eingestellt. Hier in dieser Hütte hatte sie mit Regis Unterstützung ihre Tochter zur Welt gebracht und später nach dem Tod der alten Frau die Almkäserei weitergeführt.

Sie schüttelte diesen Gedanken ab und wandte sich ihrem Besucher zu. »Wenn du willst, zeig ich dir, wie wir den Käs machen.«

»Gern!« Christian schoss hoch, denn damit würde er das hübsche Mädchen noch einmal sehen. »Ist das übrigens deine Tochter?«, fragte er.

»Die Afra? Ja, ist sie.« Mali ärgerte sich über sich selbst, weil sie auf den jungen Mann eingegangen war. Verliebte junge Burschen waren wie Kater, die um ein Haus herumschlichen und jede Lücke nutzen, um ins Innere zu gelangen.

»Komm mit!« Es klang nicht gerade freundlich, doch als sie in ihrer kleinen Käserei stand und Christian alles erklärte, erwies dieser sich als so lernbegierig, dass ihr Unmut nicht lange anhielt. Seine Hoffnung, Afra noch einmal sehen und vielleicht sogar mit ihr sprechen zu können, war jedoch vergebens, denn kaum hatte Mali ihn in den Reifekeller hinabgeführt, verschwand das Mädchen mit der Ausrede, sich um die Kühe kümmern zu müssen. Als Christian sich später von Mali verabschiedete und die Hütte verließ, war von Afra weit und breit nichts zu sehen.

*

Christian Heimgartner fuhr mit einem Gefühl nach Hause, wie er es bisher noch nie gekannt hatte. Es fiel ihm schwer, sich auf die Straße und den Verkehr zu konzentrieren, denn immer wieder tauchte in seinen Gedanken das Bild der hübschen Sennerin auf. Das wäre die richtige Begleiterin für das Rosenheimer Herbstfest, dachte er, und für die Tanzabende, die bald beginnen würden.

Als ihn ein entgegenkommender Lastwagen anhupte, weil er zu weit nach links gekommen war, rief er sich scharf zur Ordnung. »Pass auf, du Depp, ned dass es dir so geht wie den Buben vom Stadler und deren Mutter.« Außerdem hatte Afra ihm ja deutlich zu erkennen gegeben, wie wenig sie von ihm hielt. Doch schon nach wenigen Kilometern beschäftigten sich seine Gedanken erneut mit dem Mädchen von der Holleitner-Alm.

»Afra, das ist ein schöner Name. Der könnt mir gefallen.« Er seufzte tief und wusste in dem Augenblick, dass er spätestens am Sonntag wieder in diese Gegend fahren würde. Als er schließlich sein Heimatdorf erreichte und zum väterlichen Hof abbog, konnte er das Wochenende kaum mehr erwarten.

Fröhlich pfeifend stellte er seinen Wagen ab und ging ins Haus. In der Küche traf er seine Eltern an, seinen Bruder Christoph, der als Hoferbe nach alter Tradition den Namen des Vaters trug, sowie dessen Verlobte Anni. Die beiden saßen eng aneinandergekuschelt auf der Eckbank und nahmen nichts wahr außer sich selbst. Der Bauer und die Bäuerin sahen ihnen mit einem gewissen Verständnis zu. Sie waren auch einmal jung gewesen und erinnerten sich an ihre eigene Verlobungszeit. Beim Eintreten ihres jüngeren Sohnes blickten sie jedoch auf.

»Da bist du ja wieder, Christian. Wir wollten dich schon als vermisst melden, weil du so lang ausgeblieben bist«, spottete der Vater.

»Du kennst den Buben doch. Der hat gewiss die Berg gesehen und ein bisserl herumwandern müssen. Außerdem gibt’s bei Lenggries eine saugute Bergwirtschaft. Da hat er gewiss gegessen«, sagte die Mutter lächelnd.

Christian schüttelte lachend den Kopf. »Ich hätt’s gern getan, aber ich hab meinen Geldbeutel im Auto vergessen gehabt und auf Pump hat mir die Kellnerin nix geben wollen.«

»Mei, dann wirst du jetzt einen Hunger haben.« Die Bäuerin wollte zum Kühlschrank stürzen, um eine Brotzeit für Christian herzurichten, doch ihr Mann hielt sie lachend auf.

»Jetzt komm Maria, der Bub hat gewiss in der Ortschaft gegessen, nachdem er wieder beim Auto gewesen ist.«

Christian schüttelte lächelnd den Kopf. »Das hab ich ned, aber ich bin trotzdem ned hungrig. Ich hab nämlich unterwegs auf einer Alm was gekriegt.«

»Umsonst?«, wunderte sich der Vater.

Christian zwinkerte ihm grinsend zu. »Die Sennerinnen haben halt Mitleid mit mir gehabt. Außerdem haben sie mir gezeigt, wie sie Käs machen.«

»Hoffentlich können sie’s besser wie du«, spottete der Bauer in Erinnerung an die vergeblichen Versuche seines Sohnes.

»Das kannst du laut sagen. Die ältere Sennerin hat mich von dem Käs probieren lassen. Das war was Feines, sag ich dir. Da kommt das Zeug, was man im Geschäft kaufen kann, ned mit.« Christian schnalzte genießerisch mit der Zunge, doch seine Mutter erkannte mit feinem Blick, dass seine Begeisterung nicht allein dem Käse galt.

»Zwei Sennerinnen waren auf der Alm. Das ist aber unüblich, denn meistens stellen die Bauern nur eine ein.«

»Dort lohnt es sich wegen dem Käs. Eine allein könnt das nämlich ned schaffen«, berichtete Christian.

»Und wie waren sie denn so, die zwei Sennerinnen«, bohrte Maria Heimgartner weiter.

»Die ältere war recht nett und die junge ...« Christian brach ab, doch der Ausdruck in seinen Augen sprach Bände.

Seine Mutter warf ihrem Mann einen besorgten Blick zu. Jetzt, wo ihr Ältester ans Heiraten dachte, wollte sie auch ihren jüngeren Sohn gut versorgt sehen und hatte sich bereits eine Liste aller Hoferbinnen in Umkreis gemacht. Für sie war es selbstverständlich, dass Christian auf einen großen Hof einheiraten würde. Da passte die Schwärmerei für eine arme Sennerin nicht in ihre Pläne.

Christians Vater sah die Sache gelassener. Sein Sohn war noch jung und er hielt es für besser, wenn er sich erst einmal die Hörner abstieß, bevor er sich unter das Ehejoch zwängen ließ. Er war in seiner Jugend auch kein Kind von Traurigkeit gewesen.

»Übrigens, dein Bruder und die Anni wollen zu Martini heiraten. Unserer Ansicht steht da nix entgegen. Was meinst du?«, lenkte er das Gespräch auf ein anderes Thema.

Christian hob lachend die Hände. »Die zwei müssen sich einig sein, mich geht das eigentlich nix an.«

»Also, Christian, wie du das sagst! Der Christoph ist schließlich dein Bruder und die Anni wird deine Schwägerin werden.« Die Mutter sah ihn strafend an, doch da hob ihr Ältester den Kopf. Irgendwie hatte er trotz seiner Liebesseligkeit mitbekommen, wie sein Name genannt wurde.

»Was ist los? Ach, du bist wieder da, Christian. Ich hab dich gar ned kommen sehen.«

»Es heißt immer, dass Liebe schön sein soll. Aber in deinem Fall macht sie blind«, spottete Christian. Dies bekam jedoch seine baldige Schwägerin in den falschen Hals.

»Soll das eine Spitze gegen mich sein?«

Christian schüttelte lachend den Kopf. »Gott bewahre, Anni, als Schwägerin bist du mir alleweil noch lieber wie jede andere. Das war auf deinen Bräutigam gemünzt, der jetzt erst gemerkt hat, dass ich wieder da bin.«

»So lang kannst du noch ned da sein, sonst hätt ich das auch gemerkt«, sprang Anni ihrem Verlobten zur Seite.

»Siehst du’s«, trumpfte Christoph auf. »Die Anni hält zu mir, wie’s sich für ein braves Weiberl gehört.«

»Dir geb ich gleich ein Weiberl!« Anni drohte ihm spaßeshalber mit dem rechten Zeigefinger und wandte sich dann Christian zu.

»Und? Bist du auf dem Heimweg beim Stadler von Hirschzell vorbeigefahren, wie’s die Mutter vorgeschlagen hat?«

Christian schüttelte den Kopf. »Nein, seine Frau und seine Buben liegen grad mal eine Woche unter der Erde. Da tät ich mich schämen, wie ein Erbschleicher bei ihm aufzutauchen.«

Der Vater trat neben Christian und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Recht hast du, Bub. Schließlich sind wir ned mit dem Stadler selber, sondern mit seiner Frau verwandt. Er hat selber genug Verwandte, die ihm die Türen einrennen werden, um an den schönen Hof zu kommen.«

»Ich hätt mich halt gefreut, den Christian gut versorgt zu sehen«, antwortete die Mutter enttäuscht.

»Das will ich ja auch, aber ned auf dem Stadler-Hof. Da müsst er womöglich noch eine von den Schwägerinnen vom Kress Martin heiraten, damit der Besitz auch in der Stadler-Sippe bleibt, und von denen wär mir keine recht.«

Der Bauer machte aus seiner Ablehnung keinen Hehl. Er hatte jedoch seiner Frau und Anni ein Thema geliefert, über das sie sich lang und breit auslassen konnten. Zunächst loteten sie die Stärken und Schwächen der beiden etwa dreißigjährigen Schwestern aus, und kamen dann auf eine weitere Verwandte des Stadlers zu sprechen.

»Der Christian könnt doch der Hugauer Mirl den Hof machen. Die ist neben der Schwester vom Stadler die nächste Verwandte. Der Mirl überschreibt der Stadler gewiss lieber den Hof als einem Enkel von der Elisabeth. Ihr wisst doch, dass er und seine Schwester wie Hund und Katz zueinander stehen.

Christian stellte Mirl Hugauer in Gedanken neben Afra und schüttelte sich. Mirl zu heiraten, das war ihm der schönste Hof nicht wert. »Nein, danke! Die Hugauer Mirl ist ned unbedingt meine Kragenweite, Mama. Da hättest du an der Decke noch die Spuren ihrer Nase, so hoch trägt sie sie.«

»Da hat der Christian vollkommen recht! Soll den Stadler-Hof bekommen, wer will. Der Christian hat gewiss noch andere Chancen und muss ned einem der übergeschnappten Hühner aus der Stadler-Verwandtschaft hinterherlaufen!« Der Ton des Bauern war scharf genug, um die Diskussion fürs Erste zu beenden. Die Blicke, welche die Mutter und Anni sich zuwarfen, zeigten jedoch, dass sie nicht bereit waren, jede Hoffnung auf das Stadler-Erbe so einfach aus der Hand zu geben.

*

In den Tagen nach der Beerdigung seiner Frau und seiner beiden Söhne durchsuchte Ferdinand Stadler die Kommode im Nähzimmer gründlich. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, dass Franziska mehr über Mali Regner gewusst haben musste. Als er schon aufgeben wollte, entdeckte er in einem Geheimfach einen kleinen Umschlag aus Packpapier. Als er ihn öffnete, fiel ihm als Erstes ein Brief seiner Frau in die Hand. Er war zu der Zeit geschrieben worden, in der die Sache mit Mali passiert war, und stellte die flammende Anklage einer Schwangeren dar, die sich von ihrem Ehemann verraten und betrogen fühlt.

Der Bauer schämte sich in Grund und Boden, als er die durch Franziskas Erregung teilweise fast unleserlichen Zeilen las. Er fragte sich aber auch, weshalb Franziska von der Sache erfahren hatte, und erhielt gleich darauf die Antwort durch einen Brief seiner Schwester, den diese damals an seine Frau geschickt hatte. Elisabeth unterstellte ihm darin ein Liebesverhältnis mit Mali und log dabei, dass sich die Balken bogen.

Stadlers Blick wurde hart, als er die verleumderischen Zeilen las. Elisabeth hatte alles getan, um Franziska gegen in aufzuhetzen, und ihr sogar die Scheidung angeraten. Zunächst verstand der Bauer nicht, was seine Schwester damit bezweckt hatte, doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Sie hatte ihm den elterlichen Hof und sein Familienglück nicht gegönnt und ihn vernichten wollen.

Im ersten Augenblick wollte er den Brief packen und zerreißen. Dann aber legte er ihn zurück. Bei Gott, dachte er, was muss Franziska nur alles ausgehalten haben. Dabei hatte sie ihn nie etwas fühlen lassen, oder doch? Er erinnerte sich an die Geburt seines jüngsten Sohnes und an das, was die Ärzte als Kindbettdepressionen bezeichnet hatten. Damals hatte er alles getan, um Franziska das Leben zu erleichtern, und irgendwann war sie dann auch wieder zu sich gekommen. Jetzt wusste er, warum das geschehen war. Sein Zorn auf die Schwester stieg. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass es nur seine eigene Schuld gewesen war. Er hätte sich beherrschen und Mali in Ruhe lassen müssen. Etwas in ihm sagte ihm jedoch, dass Elisabeth dann eben eine andere Möglichkeit gefunden hätte, um ihm zu schaden. Hier war nur das Pech gewesen, dass ihre Verleumdungen der Wahrheit näher gekommen waren, als sie selbst hatte ahnen können.

In seinen selbstquälerischen Gedanken verstrickt hätte Stadler fast einen letzten Zettel übersehen. In ihm hatte seine Schwester seiner Frau mitgeteilt, dass Mali Regner auf der Holleitner-Alm von Lenggries von einem Mädchen entbunden worden wäre. Franziska hatte nur einen einzigen Satz darunter geschrieben. »Wär das Madl von meinem Mann, hätt sich die Mali allein schon wegen der Alimente gerührt.«

Es schmerzte ihn tief, dass ausgerechnet die üble Art, mit der er Mali behandelt hatte, die Rettung seiner Ehe gewesen war. Doch besaß er jetzt eine Spur, der er nachgehen konnte.

*

Als Stadler am nächsten Sonntag vom Kirchgang zurückkehrte, sah er Cilly in der Küche hantieren. »Für mich brauchst du heut nix kochen. Ich fahr gleich weg!«, rief er ihr zu.

»Das hättest du mir auch früher sagen können. Jetzt hab ich schon alles aufgesetzt«, maulte die Magd.

»Dann stell es warm, damit ich’s heut Abend essen kann. Jetzt hab ich keine Zeit dafür.«

Bevor die Magd etwas sagen konnte, nahm der Bauer den Autoschlüssel an sich und verließ das Haus. Es waren nur vierzig Kilometer bis Lenggries, doch ihm kamen sie schier endlos vor. Als er schließlich den Ort erreicht hatte und den Wagen auf einem Parkplatz abgestellt hatte, flog sein Blick zu den mächtigen Bergriesen empor, die das Tal umgaben. Dunkle Tannen bedachten die tieferen Hänge, darüber leuchteten die hellen Almmatten und er konnte einige der Sennhütten erkennen, die sich in die Landschaft einschmiegten. Hoch über den Bergen kreiste ein Steinadlerpaar auf der Suche nach Beute.

Da er nicht wusste, welche der Almen dem Holleitner gehörte, trat er in die nächste Gaststätte ein und bestellte sich ein Bier und etwas zu essen. Als die junge, propere Kellnerin ihm das Getränk brauchte, hielt er sie auf.

»Entschuldigen sie Fräulein, sind sie von hier?«

»Freilich bin ich das«, antwortete sie.

»Dann kennen sie gewiss auch die Holleitner-Alm.«

»Freilich, von der kriegen wir nämlich alleweil unseren Käs. Einen besseren gibt’s im ganzen Oberland ned. Bei dem Cordon bleu, das Sie bestellt haben, da ist auch Holleitner-Käs dabei.«

In den nächsten Minuten musste Stadler erkennen, dass die Kellnerin nicht nur schwatzhaft war, sondern sich auch nicht besonders präzise ausdrücken konnte. Schließlich mischte sich ein Mann vom Nachbartisch aus ein.

»Lass es gut sein, Resi, so versteht der Herr ned das Geringste. Wenn Sie zur Holleitner-Alm wollen, dann gehen Sie hinter der Wirtschaft nach rechts und biegen dann nach ungefähr einen Kilometer nach links ab. Sie können dann die Alm gar ned verfehlen. Der Weg ist vielleicht ein bisserl weiter wie der, den die Resi ihnen erklären will, aber dafür kommen Sie auch an Ihr Ziel.«

Stadler bedankte sich bei dem hilfsbereiten Mann und kämpfte mit seiner Ungeduld, die ihn zwingen wollte, sofort loszugehen. Als er schon den Geldbeutel ziehen und zahlen wollte, erschien die Kellnerin mit seinem Cordon bleu. Zuerst stocherte der Bauer appetitlos daran herum, doch als er die Käsefüllung des Fleisches sah, erinnerte er sich an die schwärmerischen Worte über den Käse von der Holleitner-Alm. Er zitterte innerlich, als er daran dachte, dass die Hände seiner Tochter diesen Käse gemacht hatten. Seine Tochter, allein diese beiden Worte lösten eine Reaktion in ihm aus, wie er sie noch nie erlebt hatte. Er aß, ohne es richtig zu merken und als er danach zahlte, verzichtete er ganz auf das Wechselgeld. Die Kellnerin starrte auf den Geldschein in ihrer Hand, der ihr ein stattliches Trinkgeld versprach, und sagte sich, dass solche Gäste öfter kommen könnten.

*

Der Himmel spannte sich samtig blau über das Tal, ein einsames weißes Wölkchen zog langsam nach Osten und die Sonne strahlte in einer Weise, dass Stadler schier das Herz aufging. Der Weg zur Holleitner-Alm war beschwerlich, doch er schaffte ihn ohne Mühe. Noch bin ich kein alter Mann, dachte er, obwohl er sich in den letzten Tagen so gefühlt hatte. Der Wald lag längst hinter ihm und zu seinen Seiten spannte sich die Grasmatte wie ein grüner, von farbigen Blumen gesprenkelter Teppich. Hummeln und Bienen flogen von Blüte zu Blüte und nicht weit von Stadler entfernt tanzten zwei bunte Schmetterlinge spielerisch umeinander.

Der Bauer wunderte sich, weshalb er ausgerechnet jetzt ein Auge für solche Kleinigkeit hatte und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Almhütte, deren dunkle Holzwände ein ehrwürdiges Alter verrieten. Es ist schön hier, dachte er, und war froh, dass seine Tochter hier hatte aufwachsen können und nicht irgendwo in der grauen, schmutzigen Stadt.