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Können Sie sich vorstellen, Ihr gesichertes Dasein in der Schweiz oder in Deutschland aufzugeben und in Tansania, mitten im afrikanischen Busch, ein Luxushotel aufzubauen? Was eher nach einem Filmabenteuer klingt, haben Rös und Erich Buchmann tatsächlich gewagt. Und Sie können sicher sein: Hätten die beiden gewusst, was auf sie zukommt, dann würde dieses Buch jetzt bestimmt nicht existieren!
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dieses Buch habe ich für meine Kinder
Marco, Carmen, Sabrina
sowie für meine Enkel
Sanya, Kori und Mael
zum Andenken an Omi und Opi
geschrieben
sowie für unsere Verwandten und Freunde
wie auch ein interessiertes Publikum.
Wie bestens bekannt, ist ein Leben kein Zuckerschlecken in himmlischerHarmonie, sondern ein ständiges Ringen um Lösungen, tagtäglich undmateriell, aber vor allem in Beziehungen. Auch in diesem Buch wird vielvon Beziehungen und Begegnungen berichtet, die teils sehr dauerhaftund fruchtbar sich aufbauten, während andere scheiterten. Gerade dieseBeziehungen versuchten wir so objektiv und fair zu schildern, wie es unsin unserer subjektiven Befangenheit möglich war. Irgendjemanden zuverletzen war nicht unsere Absicht. Sollte trotzdem eine Verletzungempfunden werden, dann möge sie oder er an uns treten. Es ist unsselbstverständlich, in neuen Auflagen berechtigte Kritiken zu verarbeiten.
Fairness und Freundschaft sind kein einfaches Paar! Und wieder einmalhat Mark Twain es auf den Punkt gebracht: „Bevor man seine Feinde zulieben beginnt, sollte man zuerst mal mit seinen Freunden anständigumgehen.“ Gerade das ist – wie die Erfahrung zeigt – verdammtschwierig. Man soll es trotzdem immer wieder anstreben! In diesem Buchhaben wir es versucht, denn die meisten Personen, von denen es handelt,waren einmal Freunde oder sind es noch.
Nach diesem versöhnlichen Vermerk wünschen wir allen Lesern vielVergnügen.
Rös Buchmann wurde 1948 in Winterthur geboren. Nach einer glücklichen Kindheit lernt sie Arztgehilfin, bricht die Lehre nach einem Jahr ab und lässt sich als Coiffeuse ausbilden. Bald eröffnet sie ihr eigenes Geschäft, heiratet schon mit einundzwanzig Jahren, bringt zwei Kinder zur Welt, einen Buben und ein Mädchen (Marco und Carmen), wird nach zehn Jahren geschieden und heiratet ein zweites Mal. Noch ein Mädchen (Sabrina) gesellt sich zur Familie. Zuerst wird ein Haus gekauft, dann ein eigenes Geschäft (Pneuhaus), später auch eine Garage.
Sie bildet sich weiter, führt zehn Jahre die Buchhaltung im eigenen Betrieb. Zusammen mit ihrem Mann leitet sie zuerst eine Kunstturn-, dann eine Geräteturn-Riege. 1989 wandern sie aus nach Afrika – genauer gesagt nach Tansania.
Erich Buchmann, geboren 1948 in Hinwil, fängt schon früh mit Kunstturnen an, später leitet er die Kunstturnriege Hinwil. Er macht eine Lehre als Hochbauzeichner, absolviert den Militärdienst, wird Unteroffizier, bricht aber die Militärlaufbahn ab. Da er den heimischen Betrieb (eine Mühle für Tierfutter) einmal übernehmen will, macht er ein Praktikum in einer Mühle nahe Kassel in Deutschland. Es folgt ein Sprachaufenthalt in England, dann kehrt er zurück in die Schweiz. Er muss umdenken, die Mühle wird verkauft, so wird er Einkäufer in der Firma Luwa in Zürich, dann durchwandert er alle Abteilungen der Schreinerei und Drechslerei Firma Bietenholz in Pfäffikon. Er heiratet und lässt sich zwei Jahre später wieder scheiden. Die nächsten Jahre leitet er das Pneuhaus in Schwerzenbach als Geschäftsführer. Er lernt Rös kennen, heiratet sie, und zusammen können sie das Pneuhaus in Schwerzenbach kaufen. Nach zehn Jahren wandern sie zusammen aus nach Tansania in Afrika.
Marco: unser Sohn, der in der Schweiz blieb
Carmen: unsere älteste Tochter, die Küchenchefin im Hotel Dik Dik wurde
Markus: Carmens Ehemann
Sanya: unsere Enkelin
Sabrina (Sabi): unsere jüngste Tochter, Künstlerin
Pablo: Sabis Ehemann
Kori und Mael: unsere Enkel
Grossvater Babu: Rös’ Vater
Grossmutter Bibi: Erichs Mutter
Margrit: meine Freundin und meine ehemalige Trainerin im Kunstturnen
Edith und ihr Mann André: Schwester und Schwager von Erich
Hugo: Erichs Bruder und Sabrinas Götti
Theres und Ruedi Wagner: unsere besten Freunde aus der Schweiz
Andrea und Corinne: Töchter von Theres und Ruedi
Der „lange“ Willi: Tansanier, mit dem alles begonnen hat
Heidi und Urs: Ex-Partner der Dik-Dik-Gesellschaft
Sandro: Sohn von Heidi und Urs
Doris und Jürg: Mitarbeiter aus der Schweiz
Rico: ein Mitarbeiter der Firma Pneu Buchmann
Nick und Charly: englische Freunde
Stephan: ein deutscher Freund, den wir zum ersten Mal in Arusha getroffen haben
Der „dicke“ Willi: Stephans Vater
Günter und Birgit: deutsche Freunde
Mahatane: unser erster Anwalt in Tansania
Beatus Kasagena: Freund und Helfer, erster Auditor
Meleo: Besitzer des Hotels „Impala“ in Arusha
Somi: ein Freund und Helfer in Arusha
Moses: Verkäufer von Willis Haus
David und Liliane Rechsteiner: Schweizer Ehepaar und Farmbesitzer in Arusha
Daniel und Alex: Söhne von David und Liliane
Lortep: Käufer des Hotels Dik Dik aus Dubai
Willi – mit ihm hatte alles begonnen. Er ist ziemlich gross, ein Meter neunzig, hat etwas zu kurze Beine, dafür einen etwas zu langen Oberkörper, braune gekrauste Haare, sehr grosse Hände, Schuhgrösse 45 und ist nicht etwa schwarz, wie man annehmen könnte, da er Tansanier ist, nein, er ist schokoladenbraun. Da ist wohl etwas Deutsches aus der Besatzung des Ersten Weltkriegs hängen geblieben.
Nun, dieser Willi ist unser Chauffeur auf unserer Ferienreise von Dezember 1986 bis Januar 1987. Diese unternahmen wir zusammen mit unserem Sohn Marco, dessen Freundin Barbara und unseren Freunden aus Österreich, Maria und Walter. Wir hatten sie 1983 bei unserer ersten Kenia-Reise kennengelernt. Da Tansania bis dahin sozialistisch war und die Grenzen zu Kenia bis anhin geschlossen waren, hatten wir noch nicht die Möglichkeit, es zu bereisen. Wir erlebten eine unvergessliche Safariwoche in der berühmten Serengeti und durften viele Eindrücke mit nach Hause nehmen.
Erich, mein Mann, und ich, Rös – so mein gängiger Name, eigentlich heisse ich Rosa, geborene Roth (schrecklich – aus Rosa wurde je nach Freunden Ros, Rose, Rosi und Rös) – wir zwei also sind beide sehr spontan. Diese Spontanität hat uns das ganze Leben begleitet. Natürlich ist das nicht immer von Vorteil, oftmals wäre es gescheiter, zuerst die Hirnzellen in Anspruch zu nehmen.
Wir verabschiedeten uns von Willi bei einem gemütlichen Beisammensein, mit gutem Essen und natürlich einem Glas Wein. Da war sie, die Spontanität – wir stellten Willi vor die Wahl:
„Hättest du gern ein gutes Trinkgeld, oder möchtest du uns lieber in der Schweiz besuchen?“ Man kann sich denken, wie die Antwort ausfiel.
Zwei Monate später holten wir Willi am Flughafen Kloten in Zürich ab.
Es war nicht so einfach, wir wollten ja, dass Willi etwas lernt, was er dann zu Hause für seine Arbeit gut gebrauchen kann. Dafür aber brauchte es etwas Zeit, drei Wochen Ferien genügten da nicht. Die Idee kam uns, als wir endlich wieder klar denken konnten. Für Hilfswerke hatten wir nie viel übrig, zu viel Geld nach unserem Geschmack kommt da nicht an den richtigen Ort. Also sorgten wir dafür, dass unsere Spende an Ort und Stelle unter unserer Aufsicht eingesetzt wird. Willi sollte ein selbständiger Safari-Unternehmer werden.
Die Schweizer Behörde aber war gar nicht mit uns einverstanden. Sie meinten, drei Wochen seien mehr als genug für einen jungen Burschen von vierundzwanzig Jahren aus einem Drittwelt-Land. Heute weiss ich nicht mehr, wie wir es geschafft haben, aus drei Wochen drei Monate zu machen. Nur eines ist mir geblieben: wie wir behandelt wurden, ist nicht eben rühmenswert für unsere Schweizer Behörde. Seither habe ich mehr Verständnis für Leute, die über unser Beamtentum schimpfen.
Jetzt widmeten wir uns Willi. Es brauchte Geduld und Nerven. Er war Raucher, kannte aber noch nicht die Gepflogenheiten in unserem Haus. Seine Zigaretten drückte er im Treppenhaus auf dem Boden aus. Das Badezimmer fand er ganz toll, er benutzte es ausgiebig, duschte so lange, bis kein warmes Wasser mehr vorhanden war. Danach schmierte er sich mit einem undefinierbarem, für uns grauenhaft stinkendem Zeug ein. Da kamen uns doch manchmal Zweifel an unserem Tun! Doch wer A sagt, muss auch B sagen. Wir hatten diese Anfangsschwierigkeiten aber überstanden, nur unsere Kinder Marco, Carmen und Sabrina fanden es, nach anfänglichem Amüsement, gar nicht lustig, durfte unser Gast doch so einiges, was bei ihnen was abgesetzt hätte.
Unter den Fittichen von Erich und seinen Mitarbeitern, in unserem Pneuhaus mit Garage, lernte Willi zunächst mal, wie man Reifen wechselt, sie auswuchtet und kleinere Unterhaltsservice an Fahrzeugen vornimmt. Bald merkten wir, dass drei Monate immer noch zu kurz sind für unser Vorhaben, denn wir hatten einen alten VW-Bus gekauft, den Willi auf Vordermann bringen sollte und der dann sein erstes Safari-Auto wurde. Wir mobilisierten unsere österreichischen Freunde Maria und Walter. Mit Begeisterung sagten sie uns zu, Willi bei sich in Wien aufzunehmen, bis er wieder in die Schweiz einreisen und für weitere drei Monate bei uns sein konnte. So verging die Zeit, und am Ende blieb Willi einganzes Jahr bei uns. Er hat unter anderem auch Deutschunterricht bekommen, wobei es sich herausstellte, dass er sehr sprachbegabt war. Im Nu konnte er sich auf Deutsch verständigen.
Als er zurück nach Afrika reisen musste, waren wir alle traurig, denn mit der Zeit war er für unsere Kinder wie ein grosser Bruder und für uns wie ein Sohn geworden. Wir versprachen, den fertiggestellten VW-Bus nach Tansania zu bringen, in Willis Heimatstadt Arusha, so dass er dort sein Geschäft aufbauen konnte.
Unser Pneuhaus und Willis VW-Bus
Wir treffen Vorbereitungen für die Abenteuerreise mit Willis VW-Bus.
Nach Weihnachten soll es losgehen: von Russikon im Zürcher Oberland, wo unser Wohnsitz ist, nach Venedig, von dort per Schiff nach Athen und weiter nach Alexandria, dann nach Kairo, Luxor und Assuan, von da mit dem Schiff nach Wadi Halfa und durch die Nubische Wüste bis Aspora, und dann nach Khartum, weiter durch Zentralafrika, Kenia, bis zu unserem Ziel Tansania. Unsere Jüngste wird während dieser Zeit bei meiner Schulfreundin Theres und ihrer Familie wohnen. Marco und Carmen werden von unserem englischen Aupair-Mädchen Rebecca betreut, mit Unterstützung von Olga und Walti, unseren Freunden aus dem Nachbardorf. Das ist nötig, denn Rebecca wäre wohl überfordert mit den zwei Streithähnen, und unsere Reise soll immerhin zwei Monate dauern, hatten wir geplant.
Unser Bus ist bestens ausgerüstet für die Reise, dachten wir. Rico, einer unserer Mechaniker, ist unser Wegbegleiter. Er ist für die Instandhaltung des Fahrzeugs zuständig, das heisst, wir mussten all die Ersatzteile und das Werkzeug mitnehmen, das wir zur Behebung irgendwelcher Schäden benötigten. Erich hat an beiden Seiten des Busses eine Vorrichtung angebracht, um die Rampen zu versorgen. Die Rampen wurden aus einer alten LKW-Hebebühne geschnitten, um auf unserer Fahrt eventuelle Spalten im Gelände zu überbrücken. Auf dem Dach wurde ein Ständer montiert, der vermehrten Stauraum bot, z. B. für die Ersatzräder.
Den Innenraum haben wir so gestaltet, dass ein guter Schlafplatz vorhanden ist, der sich auch in eine Küche verwandeln lässt. Auch ein WC und eine Dusche gibt es für unser Wohlbefinden, und vieles mehr, was man so im Alltag braucht.
Am 27. Dezember 1987 ist es soweit: es heisst Abschied nehmen, was mich trotz der Freude auf unser Abenteuer auch etwas traurig stimmt. Ein bisschen habe ich auch ein schlechtes Gewissen, dass wir die Kinder so lange allein lassen. Später haben wir auch erfahren, was die Leute im Dorf so über uns Rabeneltern gedacht und gesagt haben: wie können die nur, sowas tut man nicht, die armen Kinder und so weiter! Um sie ein wenig zu entschädigen, hatten wir ihnen versprochen, für sie ein Tagebuch zu führen.
Die Fahrt nach Venedig verläuft noch ereignislos, ist einfach eine schöne Fahrt. Wir sind voller Erwartungen, was da alles kommen möge und können es noch kaum begreifen, dass wir so lange von zu Hause fort sein werden. Das Einschiffen ging problemlos vonstatten, und die Zimmer sind auch schon bezogen. Den heutigen Tag beschliessen wir mit italienischem Essen.
Ich habe schlecht geschlafen, mein Kopf fühlt sich an wie ein Motor, in dem sich die Schiffsschrauben drehen, zudem habe ich auch noch Fieber. Wir treffen uns zum Morgenkaffee, danach verschwinden Erich und Rico für geraume Zeit. Wo bleiben sie so lange? Unser Gepäckträger war wohl nicht so perfekt, er musste repariert werden. Fängt ja gut an, denke ich, behalte dies aber für mich.
Auf Anraten eines Beamten, der behauptet, in Alexandria werde uns möglicherweise das Nummernschild konfisziert, fertigen wir vorsichtshalber ein Nummernschild aus Karton an. Den Rest des Tages verbringen wir mit Lesen. Da heute unser Hochzeitstag ist, verzichten wir auf das Essen bis zum Abend und leisten uns dafür etwas besonders Gutes. Eine Vorspeise, Saltimbocca mit feinen Zutaten und ein gutes Glas Wein. Ein gemütlicher, aber kurzer Abend, denn ich muss etwas Schlaf nachholen.
Als ich aufwache, ist es schon halb zwölf, aber auch Rico schläft noch. Zu unserer Überraschung erfahren wir, dass wir in Athen Zeit für einen Landgang haben. Schnell ziehen wir uns an, um das Anlegen nicht zu verpassen.
Das Wetter ist ein Traum. Wir erhalten einen Passagierschein und verlassen das Schiff. Eines der wartenden Taxis mieten wir für den Rest des Tages. Da mein operierter Fuss in einem Spezialschuh steckt und mir immer noch Beschwerden macht, ist es wohl besser so. Im Oktober vor unserer Abreise war ich beim Trainieren an den Ringen so unglücklich gestürzt, dass ich hospitalisiert werden musste. Der Splitterbruch meines Fussgelenkes musste operiert werden. Eine Folge davon ist der Spezialschuh und jede Menge Schmerzen; na ja, Sport soll gesund sein!
Der Chauffeur fährt uns von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Das Olympiastadion mit seinen weissen Marmorblöcken ist atemberaubend. Von der Akropolis haben wir einen tollen Blick über die ganze Stadt. In einem Fischrestaurant beschliessen wir den Ausflug. Es ist Zeit, wieder an Bord zu gehen.
Der Tag verläuft ruhig, von der Seekrankheit, die mich befallen hat, einmal abgesehen. In Kreta gibt es einen kurzen Halt, dann geht es weiter nach Alexandria.
Um halb acht werden wir vom Steward geweckt. Unser Schiff liegt im Hafen Alexandrias vor Anker. Man bittet uns, die Pässe bereit zu halten. Die Passkontrolle wird auf dem Schiff erledigt. Es ist eine Geduldsprobe: bis das Auto und dessen Inhalt kontrolliert sind, vergehen zwei Stunden. Wir denken, nun ist es soweit, aber bis wir auf den Strassen Alexandrias sind, müssen wir nochmals drei Kontrollen über uns ergehen lassen. Nun wissen wir’s: unsere Autonummer aus Pappe wird entfernt, und wir bekommen ein Nummernschild ausgehändigt, das uns als Touristen ausweist.
Rico fährt uns sicher durch den Grossstadt-Dschungel. In einer Bank wechselt Erich Geld in ägyptische Pfund. Nun fahren wir Richtung Kairo, der Weg, den wir gewählt haben, führt uns direkt zu den Pyramiden. Fantastisch, diese gigantischen Bauwerke, man fühlt sich davor winzig klein und verloren! Rundum ist ein buntes Treiben, Ägypter bieten ihre Kamelen zu einem Ritt feil.
„Gut Freund! Foto! Gratis!“ ruft man uns von allen Seiten zu.
Schon sind wir überrumpelt, und ehe wir uns versehen, sitzen wir auch schon auf einem Kamel. Erich, der mit Filmen beschäftigt ist, muss sich sputen, auch ein Kamel zu besteigen, sonst verliert er uns aus den Augen. Eine gute Stunde reiten wir durch die Wüste und kommen wohlbehalten zurück.
Nach einem Essen geht’s weiter, auf der Suche nach einem Nachtquartier. Bald haben wir keine Ahnung mehr, wo wir sind, dieser Stadtdschungel droht uns zu verschlingen. Doch die Leute sind überaus nett und behilflich, so führt uns ein Mann zu einem Campingplatz, der, wie wir hören, der einzige in ganz Kairo ist. Ein ruhiger Abend folgt, und wir gehen früh zu Bett, zum ersten Mal in unserem Bus. Hier öffnen wir eine Flasche Wein und stossen aufs Neue Jahr an, dann versuchen wir, auf dem etwas engen Nachtlager zu schlafen.
Wir versuchen herauszufinden, wo und wie wir an unsere Visa für den Sudan kommen. Niemand weiss das so genau. So fahren wir einfach mal los, dank eines Stadtplans finden wir uns gut zurecht, doch plötzlich muss Erich brüsk bremsen, um einen Zusammenstoss zu vermeiden, aber es knallt trotzdem, und zwar auf dem Dach. Wir halten an, um den Schaden zu begutachten. Er ist grösser als befürchtet, der ganze Dachständer ist zusammengekracht! Bald finden wir eine kleine Werkstatt, die über eine Schweissanlage verfügt, und es geht an die Arbeit. Zuerst muss das ganze Gepäck abgeladen werden. Rico hilft den Arbeitern.
Alle Verstrebungen müssen verstärkt werden, was seine Zeit dauert.
Jemand bietet mir einen Stuhl an und serviert mir einen Tee. Ich mache es mir gemütlich und beobachte interessiert das bunte Treiben rundherum, so geht die Zeit schnell vorbei. Um zwölf Uhr breiten viele Männer ihre Gebetsteppiche aus, mitten auf der Strasse, wo immer sie gerade sind, und fangen an zu beten, in Richtung Mekka. Ein faszinierendes Erlebnis.
Zwei Stunden später können wir unser Auto wieder beladen, und die Fahrt geht weiter. Immer wieder fragen wir Leute nach dem Weg zum sudanesischen Konsulat. Jeder will wissen, wohin wir zu fahren haben, in Wirklichkeit aber hat niemand eine Ahnung, so fahren wir mal in diese, dann in die andere Richtung. Irgendwann hat Erich genug, er hält ein Taxi an, Rico steigt ein, und wir fahren hinterher. Wie sich herausstellt, sind wir ganz in der Nähe der Botschaft, nur leider ist sie geschlossen, da in Kairo der Freitag unserem Sonntag entspricht. Also fahren wir zurück zum Campingplatz, da Erich meint, es sei am sichersten, dort zu übernachten. Wieder beginnt eine Irrfahrt, doch endlich sind wir am Ziel.
Es ist kaum zu glauben: Nebel hüllt uns ein. Heute bekommen wir ein ägyptisches Frühstück: Oliven, Meerrettich, ein undefinierbares Fleischgericht, Joghurt und Tee. Es schmeckt uns recht gut. Wir plaudern mit dem Inhaber des Campingplatzes, er gibt uns Tipps für unsere Sudanreise. Wir bestellen ein Taxi und handeln einen Tagespreis von etwa 36 Franken aus. Los geht’s! Wir bestaunen Tempel und besuchen eine Teppichfabrik. Hier arbeiten sechsjährige Mädchen, die Seidenteppiche mit einer Fertigkeit knüpfen, die uns unbegreiflich ist. Die Motive haben sie im Gedächtnis, wie ist so etwas nur möglich? Bei uns gehen die Kinder zur Schule und lernen rechnen und schreiben, und in der Freizeit spielen sie. Diese Kinder werden um ihre Kindheit betrogen, sie helfen ihren Familien zu überleben. Da ist keine Zeit zum Spielen. Die kleinen Menschen verbringen jeden Tag acht Stunden im Schneidersitz bei ihrer Arbeit. Einmal mehr wird uns bewusst, wie schön wir es haben. Am nächsten Ort wird uns gezeigt, wie man aus Papyrus Papier herstellt, das dann von Künstlern wundervoll bemalt wird. Da ich bald Geburtstag habe, kauft mir Erich ein kleines Bild.
Unser Taxifahrer führt uns durch die Altstadt von Kairo. Sie ist schwer zu beschreiben, man muss sie gesehen haben. Ich versuche es trotzdem. Alles ist unglaublich schmutzig und dennoch faszinierend, diese Stadt lebt. Es ist kaum zu fassen, wie der Verkehr fliesst, ohne in einem Chaos zu enden, die Autos kommen aus allen Richtungen, zu viert nebeneinander, links und rechts fahren sie an einem vorbei, nicht selten nur mit ein paar Zentimetern Abstand. Der Verkehr pulsiert und läuft immerzu, selten muss man warten, dass es weiter geht. Lichtsignale hat es fast keine, die wenigen, die es gibt, werden nicht beachtet. An manchen grossen Kreuzungen steht ein Polizist mit mehr oder minderer Kompetenz. Einmal beobachten wir, wie ein Laster mit vielen Leuten beladen an uns vorbei braust, beinahe fährt er einen Motorradfahrer um. Wir sind gespannt, wie der Polizist reagieren wird. Er hält den Verkehr an und lässt den Laster passieren! Wir staunen, bei uns in der Schweiz wäre dieser seinen Führerschein losgeworden. Der Polizist indes winkt lässig den Verkehr weiter.
Tausende von Fussgängern schlängeln sich geschickt zwischen den Autos durch, mittendrin tummeln sich auch einmal Eselskarren oder Kamele, Männer mit Schubkarren und andere Vehikel. Wir werden müde und hungrig, also bringt unser Fahrer uns zu einem Restaurant, wo wir den Silvesterschmaus nachholen.
Danach zeigt unser Fahrer uns eine Parfümerie, aber was für eine!
Hier in Ägypten werden alle möglichen Parfümessenzen hergestellt und in alle Welt verschickt. All die Düfte, die uns umgeben, sind umwerfend, bald wissen wir nicht mehr, welches das beste für uns wäre. Ich entscheide mich für ein Opium, das mir viel besser zu riechen scheint als diejenigen, die man bei uns zu Hause kaufen kann – und natürlich ist es auch viel preisgünstiger. Rico ersteht ein Gemisch, das für Männer geeignet ist. Zusammen kostet das umgerechnet nur siebzig Franken. Wir sind uns einig, dass wir damit unser Budget überlastet haben. So kann das nicht weitergehen! Wir fahren zum Camping zurück und sind mit dem heutigen Tag dennoch zufrieden.
Sieben Uhr. Ich wecke zuerst Erich, Rico lassen wir noch etwas schlafen. Dann aber raus, wir haben eine ziemlich beschwerliche Fahrt zum Konsulat vor uns. Ohne Kaffee und mit leerem Magen fahren wir los. Der Camp-Manager hat uns für heute einen Verkehrssalat versprochen, der noch grösser sein sollte als gestern. Heute ist Sonntag und somit Werktag.
Im sudanesischen Konsulat, das in einem schäbigen Haus untergebracht ist, bekommen wir zunächst Formulare, mit denen wir zum Schweizer Konsulat müssen. Wir nehmen ein Taxi, das so verlottert ist, dass es aus den Fugen zu fallen droht. Der Fahrer bringt uns zur gewünschten Adresse – aber Pech für uns, die Schweizer halten an ihrem Sonntag fest, es ist geschlossen. Die Zeit läuft uns davon, hier sitzen wir also mindestens bis zum 5. Januar fest, im besten Falle. Den Frust reagieren wir bei einem üppigen Frühstück ab. Die Gelegenheit wollen wir nutzen, um unseren Kindern zu telefonieren. Sie freuen sich riesig, doch als wir Sabrinas feines Stimmchen hören, das so traurig klingt, fühlen wir uns ein bisschen komisch. Aber Sentimentalitäten können wir uns nicht leisten, sind wir doch erst eine Woche von zu Hause weg! Mit Grüssen an alle beenden wir das Gespräch.
Bei einer Probefahrt in die Wüste zeigt sich, dass unser Dachständer, auch verstärkt, den bevorstehenden Strapazen nicht standhalten wird. Im Camp gibt es eine Schweissanlage, aber dort teilt man uns mit, dass heute Sonntag sei, da werde nicht gearbeitet. Hier scheint es nur Sonntage zu geben. Die Ladengeschäfte, die Schulen, das Konsulat und überhaupt alles ist offen, aber der Angestellte in der Werkstatt des Camps behauptet, heute sei Sonntag. Es regnet und es ist kalt, so sind wir gezwungen, den Rest des Tages im Restaurant zu verbringen. Die Nacht wird unruhig, es ist stickig, und wir öffnen ein Fenster. Nun haben wir zwar frische Luft, aber auch Mücken. Wir vertreiben uns die Zeit damit, sie zu jagen, bis der Morgen graut.
Heute ist mein vierzigster Geburtstag. Das Visum, so hoffe ich, wird mein Geschenk. Um acht Uhr holt uns das bestellte Taxi ab.
Die Fahrt ist nach dem Regen noch übler als sonst, Wasser und Schmutz wirken wie Schmierseife auf der Strasse. Auf dem Schweizer Konsulat bekommen wir das gewünschte Empfehlungsschreiben, und weiter geht’s zu den Sudanesen. Wie uns empfohlen wurde, steckt Erich dem Beamten einen 10-Dollar-Schein zu und fragt dann höflich nach unseren Visa, aber dieser gibt den Schein zurück und meint, ebenfalls sehr höflich, aber bestimmt: „Kommen Sie morgen Nachmittag wieder.“
Erich startet einen neuen Versuch mit einem grösseren Schein, worauf der Beamte beleidigt reagiert. Wir sollten gefälligst am Nachmittag nochmals vorbeischauen, und gibt das Geld zurück.
Unser erster Schmiergeldversuch; nicht wirklich erfolgreich! War es etwa zu wenig?
Am Nachmittag machen wir uns erneut auf den Weg. Grosser Frust – das Konsulat ist geschlossen. Man stelle sich das einmal vor, die offizielle Öffnungszeit ist bis 17 Uhr, und jetzt ist es 14 Uhr 30! Also müssen wir die Zeit anders nutzen. Rico will unseren Dachständer endlich stabilisieren, also suchen wir wieder einmal eine Werkstatt, die trotz Regen arbeitet, was gar nicht so einfach ist. Bis zum Abend ist auch das geschafft, und wir werfen uns in Schale, denn Erich meint, meinen Geburtstag sollten wir denn doch noch gebührend feiern. In einem prunkvollen Hotel reserviert er im besten der drei Restaurants einen Tisch. Der Saal öffnet erst um 19 Uhr 30, und da wir etwas früher dort sind, genehmigen wir uns einen Apero in der Lounge. Dann eine grosse Enttäuschung: der Türsteher lässt uns nicht rein. Die Kleidervorschrift besagt: Frauen in langen Kleidern und Männer mit Smoking! So können wir hier nicht essen, aber es gibt noch zwei andere Restaurants, da werden wir gerne bedient. Schöne Abfuhr, Erich bedauert, dass es nicht geklappt hat, uns war aber schon klar, dass wir nicht so ganz passend gekleidet waren.
In einem der Restaurants gibt es dann doch noch etwas Feines: Krebscocktail zur Vorspeise und danach Filet vom Rind. Wir geniessen es heute besonders, denn es könnte für lange Zeit das letzte Mal sein, besonders aber schätzen wir die behagliche Wärme, da es immer noch regnet und empfindlich kalt ist draussen.
Rico und ich warten vor dem sudanesischen Konsulat und bangen, was wohl heute schiefgeht. Wenn es wieder nicht klappt, werden wir alle den ersten Reisekoller haben. Kaum zu glauben, alle Formulare waren vorbereitet, und der Beamte fragt: „Wieso sind Sie denn nicht gestern Nachmittag gekommen?“
„Aber ich war doch da“, antwortet Erich, „und es war geschlossen.“
Mit einem Achselzucken meint der Beamte, ach ja, sie hätten etwas früher zu gemacht. Die gute Laune ist gerettet, wir können endlich weiter.
Erstmals verlassen wir Kairo, die Gegend wird immer schöner und das Wetter wärmer. In jedem Dorf und in jeder Stadt begeistert uns das bunte Treiben aufs Neue. Bis zum Abend fahren wir, und in einer grösseren Stadt machen wir Halt für die Nacht. Ein Restaurant zu finden, in dem es auch etwas zu essen gibt, ist nicht ganz einfach. Ausser Wasserpfeifen und verschiedenen Drinks bieten die meisten nur Snacks an.
Wer sucht, der findet: das Lokal, in dem wir einkehren, ist zwar klein, es gibt nur drei Tischchen, aber in einem Ofen warten goldbraun gebratene Hühnchen auf uns. Wie wir so dasitzen und auf unser Essen warten, habe ich das Gefühl, jeder müsste uns ansehen, dass unser Nervenzentrum der anerzogenen Hygiene empfindlich getroffen ist. Krampfhaft versuchen wir, alles zu übersehen, was uns davon abhalten könnte, unser Poulet zu geniessen. Das Besteck ist so schmutzig und rostig, dass wir lieber mit den Händen essen.
Nachdem unsere Mägen gefüllt sind, verlassen wir das unwirtliche Lokal und steuern sogleich das nächste an, der Tee ist fällig. Hier zeigt man uns, wie man Wasserpfeife raucht, und wir werden zum Dominospielen eingeladen. Ich bin begeistert und spiele den ganzen restlichen Abend – nicht so Erich oder Rico. Obwohl ich einige Niederlagen hinnehmen muss, macht es riesigen Spass.
Wir übernachten ausserhalb der Stadt, neben einem Polizeiposten. Das ist Erichs Idee, und gut bewacht, stört nichts unseren Schlaf.
Wir sind auf dem Weg nach Luxor, die Sonne scheint, und es verspricht, ein warmer Tag zu werden. Palmen und Bananenbäume säumen die Strasse. Luxor ist für uns nach dem, was wir alles schon gesehen haben, etwas enttäuschend. Die Löwenallee und die übergrosse Skulptur einer Sphinx sowie andere Ausgrabungen können uns nicht mehr begeistern.
Die Fahrt nach Assuan ist traumhaft schön, mehrere Male halten wir an, um die Gegend zu geniessen. In Assuan begeben wir uns geradewegs zur „Assuan Moon Bar“, wo wir Achmed Esris aufsuchen, dessen Adresse wir von einem amerikanischen Trucker erhalten hatten. Achmed begrüsst uns überschwänglich und fängt gleich zu schwärmen an: wie gut die Strassen und wie freundlich seine Landsleute seien usw. Wenn alle so sind wie Achmed, dann stimmt das auch. Wir wollen aber nicht gleich alles glauben, sondern die Dinge nehmen, wie sie eben kommen.
Achmed verspricht, alles Nötige für uns zu organisieren, und wir bitten ihn, uns zu einem nicht allzu teuren Hotel zu bringen, was er gerne tut. Im Hotel „Abu Simbel“, das bestimmt schon bessere Zeiten gesehen hat, buchen wir ein Zimmer. Für den Preis von achtzehn US-Dollar inklusive Frühstück ist es akzeptabel.
Nachdem wir uns frisch gemacht haben, fahren wir zurück zur Assuan Moon Bar und essen bei Achmed Esris. Eine gute Idee, denn es ist hervorragend.
Am Hafen warten wir auf Achmed, der mit einiger Verspätung erscheint. Wie wir vernehmen, läuft das Schiff schon um zwölf Uhr aus, somit müssen wir uns sputen. Wir hatten mit einer Wartezeit von drei bis fünf Tagen gerechnet. Es ist noch nichts organisiert: wir brauchen Essen für zwei Tage auf dem Schiff, und wir wollten unser Benzin, das wir nicht mit an Bord nehmen dürfen, eigentlich noch verkaufen. Wir holen zuerst unsere Wäsche im Hotel ab, die man uns ungewaschen zurück gibt. Dann fahren wir zur Bank, um unsere US-Dollars in sudanesische Pfund zu wechseln, damit wir die Tickets bezahlen können, kaufen Esswaren ein, und in rasanter Fahrt geht es zurück zum Hafen. Achmed schleust uns in Rekordzeit durch sämtliche Kontrollen. Ohne ihn hätten wir es bestimmt nicht geschafft. Inzwischen wissen wir auch, weshalb er uns unbedingt auf dieses Schiff bringen will: der Wasserstand des Stausees ist so niedrig, dass dieses Schiff für längere Zeit das letzte ist, das ausläuft.
Jetzt beginnt der Zirkus mit den Pässen und weiteren Kontrollen, wir werden von Büro zu Büro geschickt, unser Gepäck wird mehrmals durchsucht, alle Kisten geöffnet, und x-mal müssen wir versichern, dass wir kein Benzin mitführen, dann ist der Zauber vorbei. Man weist uns den Weg zu unserem Schiff. Am Kai können wir kaum glauben, was wir sehen: ein schrottreifer Kahn, ohne Motor, der von einem seitwärts angebrachten Boot gezogen werden muss. Dieser Schrotthaufen soll uns innerhalb von zwei Tagen nach Wadi Halfa bringen!
Eine Gruppe Engländer mit drei Landrovern wartet mit uns auf die Verladung. Auf dem Kahn haben gerade mal vier Autos Platz, und es ist eine Meisterleistung, sie an Bord zu manövrieren. Die improvisierte Rampe erweist sich als unbrauchbar. Na ja, ein wenig Heu und ein weiteres Blech montieren, fertig.
Ich sitze neben Rico, der als erster an Bord fährt. Gut eine Stunde vergeht, bis auch die drei Jeeps der Engländer an Bord sind.
Jedesmal, wenn ein Auto über die Rampe gefahren ist, muss der Kahn um eine Autolänge verschoben werden, damit das nächste einfahren kann. Achmed hat eine weitere Benzinkontrolle über sich ergehen lassen, bei der er unsere Wassertanks vorzeigen musste.
Hinterher bittet er uns um 20 US-Dollar, vermutlich für Schmiergeld. Inzwischen ist es zwei Uhr nachmittags, und niemand weiss, wann der Kahn auslaufen wird. Achmed holt uns ab, für eine weitere Zollkontrolle.
14 Uhr 30. Wir laufen aus. Die Engländer beneiden uns, denn sie warten schon seit vierzehn Tagen auf diesen Moment. Uns hat es einiges an Schmiergeld gekostet, und für Achmeds Bemühungen bezahlen wir 120 Dollar. Es hat sich aber gelohnt, denn hätten wir zwei bis vier Wochen warten müssen, wäre uns das Geld vermutlich in den Händen zerronnen.
Karikatur, gezeichnet von Mark, einem unserer Engländer
Nun schippern wir also den Assuan-Stausee hinauf, die Sonne scheint und trotz der abenteuerlichen Ereignisse muss ich mich gewöhnlichen Dingen widmen: unsere schmutzige Wäsche will gewaschen werden. Meine beiden Helfer sorgen für eine Aufhängemöglichkeit. An einer Leine lassen wir einen Eimer zu Wasser und ziehen ihn wieder herauf, auf unserem Kocher erhitzen wir das Wasser, ich wasche, und die Männer sorgen für Nachschub. Bald hängen da Socken, Unterhosen, Leibchen und Hemden, da staunen die Engländer! Der Gaskocher ist bereitgestellt, und bald gibt es Spaghetti Bolognese, die wir uns schmecken lassen, natürlich mit einem Schluck Wein dazu. Rico hat den mitgebrachten Katadynfilter ausprobiert, der keimfreies Wasser verspricht. Wir werden ja sehen, ob wir krank werden oder nicht.
An der Schnelligkeit des Sonnenuntergangs merken wir, wie weit wir schon im Süden sind. Bereits um Viertel nach sechs ist es stockfinster. Ein wunderbarer Sternenhimmel verspricht für morgen schönes Wetter. Wir kriechen in unsere Schlafsäcke, und ich denke darüber nach, was wohl die zu Hause dazu sagen würden. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen all der ungeschriebenen Karten, dass wir nicht mit den Kindern telefonierten und noch nicht einmal meiner Mutter zum Geburtstag gratuliert haben. Sie werden enttäuscht sein.
Unser Kahn lag über Nacht vor Anker, da er kein Licht und wohl auch sonst keine technische Einrichtung hat, um bei Nacht fahren zu können. Um 7 Uhr 30 schippern wir weiter. Heute treibt uns nichts zur Eile, unternehmen kann man so gut wie gar nichts. Ich inspiziere den Vorrat, um das heutige Menü zu bestimmen. Rico und Erich bemühen sich ums Frühstück, dabei stellen sie fest, dass unser Brot spätestens morgen so hart sein wird, dass wir uns damit erschlagen könnten. Knäckebrot ist die Alternative. In der Eile beim Einkaufen gestern ist aber unser Essensvorrat doch ein wenig mickrig ausgefallen, so fehlen uns vor allem feine saftige Mandarinen oder süsse Bananen. Im Laufe der Zeit haben unsere täglichen Bedürfnisse immer mehr abgenommen. Wenn wir uns schon nicht mehr anständig waschen können, so haben wir doch wieder saubere Wäsche. Zeit habe ich jetzt, auf diesem Kahn, im Überfluss. Die benutze ich, um über uns selbst ein wenig zu berichten.
Rico ist etwas traurig, keine Freundin dabei zu haben, was wir gut verstehen. Wir lernen Ricos Persönlichkeit erst langsam kennen, so hat er zum Beispiel Hemmungen, unser WC zu benutzen, das für uns unentbehrlich ist, oder er schläft sehr unruhig und schnarcht, was aber auch Erich tut. Unstimmigkeiten gibt es keine, worüber wir froh sind. Erich leidet natürlich unter der ehelichen Abstinenz, aber dem sei keine Beachtung zu schenken, daran stirbt man nicht und zudem kann man das nachholen. Einmal amüsieren wir uns köstlich: Erich streichelt irrtümlicherweise Ricos Kopf, was bei diesem helles Entsetzen auslöst.
Nun zurück zur Gegenwart: wir geniessen die Sonne und müssen aufpassen, keinen Sonnenbrand zu bekommen. Heute gibt’s Rösti und Würstchen, zum Nachtisch schenken uns die Engländer ein Stück Christstollen, den wir besonders geniessen, denn wir haben nichts an Süssigkeiten dabei. Schon wird es wieder dunkel, und der Schrotthaufen wird verankert.
Ein weiterer Tag zum Faulenzen. Wir werden von einem riesigen Geschrei aufgeschreckt. Ein Kahn aus Wadi Halfa kreuzt unsere Route, der auf der Rückfahrt nach Assuan ist. Unsere Besatzung hat nicht im Sinn, uns auf dem schnellsten Weg nach Wadi Halfa zu bringen, sie legen ein Plauderstündchen ein. Wir vernehmen, dass wir einen weiteren Tag auf See verbringen, also brauchen wir vier Tage für eine Strecke, die wir mit dem Auto in einem Tag hätten bewältigen können. Da aber auf dem Landweg keine Chance besteht, über die Grenze zu kommen, blieb nur dieser Weg. Abu Simbel, das wir gerne besucht hätten, wofür aber die Zeit nicht reichte, können wir nun doch noch bestaunen: durch den Feldstecher! Für uns Kunstbanausen mehr als genug. Was uns dann doch beeindruckt, sind die riesigen Statuen, die vor dem Bau des Assuan-Staudamms versetzt werden mussten. Wie hatte man das wohl bewerkstelligt?, fragen wir uns.
Die Besatzung freut sich, jeder ruft: „Wadi Halfa, Wadi Halfa!“ Wir beeilen uns, alles muss verstaut werden, Geschirr, Pfannen, Kleider, und der Schlafplatz soll wieder ein Sitzplatz sein. Wir merken aber bald, dass unsere Eile völlig überflüssig ist, denn der Anlegeplatz ist durch ein vollbeladenes Schiff blockiert. Es wird zwar gerade entladen, doch das kann dauern, denn das Frachtgut wird lediglich von einem einzigen Lastwagen abtransportiert, und die Mannschaft muss lange warten, ehe der LKW wieder leer zurück kommt. Wir fahren am Anlegeplatz vorbei und ankern vor einem einsamen Felsen. Hier ist es sehr romantisch, die Seemöwen umkreisen uns, wie wir das aus Filmen kennen. Dass die Sonne jeden Tag scheint, brauche ich nicht zu erwähnen, da dies von nun an der Normalfall sein wird. Der sudanesische Sommer ist lang, und mit Regen ist nicht zu rechnen. Mit unserem Kocher bereite ich Kaffee zu, und wir vertreiben uns die Zeit mit Geplauder. Voller Wehmut denke ich an unsere Kinder. Es wäre Zeit, sie einmal anzurufen, worauf sie sicher sehnlichst warten.
Etwas abseits von uns sind Fischer damit beschäftigt, ein grosses Netz auszulegen. Das Wasser ist hier so schmutzig, dass ich keinen dieser Fische essen möchte. Um zehn Uhr tut sich etwas. Unsere Besatzung lässt das Ruderboot zu Wasser und fährt damit zum Landesteg von Wadi Halfa. Soll das bedeuten, dass wir doch bald an Land gehen können? Tatsächlich, wir werden zur Anlegestelle geschleppt, wo unser Kahn an das grosse Schiff, das noch nicht fertig entladen ist, gebunden wird. Hier haben wir Gelegenheit, den Arbeitern zuzuschauen, wobei uns klar wird: das kann noch Stunden dauern.
Zwei Uhr. Die Arbeiter scheinen ihr Tagewerk vollbracht zu haben, sie verschwinden allesamt. Die Chance für uns ist gekommen, unser Skipper feilscht mit dem Kapitän des Frachters um den Preis, uns Platz zu machen. Wenn sie nicht einig werden, schmachten wir hier bis morgen. Der Kapitän gibt sich mit zehn Dollar und ein paar Zigaretten zufrieden, und die beiden machen sich an die Arbeit. Unser Kahn wird nun vor das Schiff geschoben. Ein Zollbeamter inspiziert oberflächlich unser Gepäck und fragt uns, ob wir alkoholische Getränke oder etwa Pornohefte im Gepäck hätten, was wir natürlich verneinen. Da wir glaubwürdig zu sein scheinen, verlässt er den Kahn wieder. Nun wird es spannend: wir fragen uns, wie um Himmelswillen wir von Bord kommen sollen – die Rampe ist um mehrere Meter zu kurz! Erstaunt beobachten wir, wie die Helfer von Wadi Halfa Fässer heranschaffen, um die Rampe anzuheben, denn sonst wäre sie viel zu steil. Doch das reicht noch nicht aus. Weitere Rampen werden herbeigeschleppt, die mittels untergelegter Fässer stufenweise hintereinander gebaut werden. Das Ganze sieht äusserst gefährlich aus. Nach einer Stunde Vorbereitungen sollen wir es wagen, mit dem VW-Bus über diese wackelige Konstruktion zu fahren.
Rico ist als Erster dran. Links und rechts neben der schmalen Rampe ist Wasser – wenn er kippen sollte, ist unsere Reise hier zu Ende! Mir zittern schon beim Hinsehen die Knie, als müsste ich selber fahren, und mein Herz pocht so laut, dass ich glaube, alle müssten es hören. Rico schafft es, die erste steile Rampe unbeschadet hinunter zu fahren, stösst aber an der zweiten Rampe mit der Stossstange an. Er muss zurücksetzen. Die mitgebrachten Rampen der Engländer sowie unsere eigenen kommen das erste Mal zum Einsatz. Damit schafft Rico auch den zweiten Teil und er kommt wohlbehalten unten an. Ich kann meine Augen wieder öffnen. Rico muss zugeben, dass auch ihm die Beine beinahe den Dienst verweigert hätten. Nach einer weiteren Stunde haben auch die drei Jeeps der Engländer die Zitterpartie über die Rampen glücklich überstanden.
Ein Zollbeamter fährt uns voraus in die Stadt. Die Strassen sind hier nicht asphaltiert, sondern bestehen nur aus Wüstensand. Da passiert es: Erich gerät in weichen Sand, die Räder drehen durch, wodurch der Wagen sich noch tiefer eingräbt, und wir stecken fest. Einer der Engländer zieht uns mit seinem Jeep raus, und die Fahrt geht weiter. Erich fährt nun vorsichtiger, so dass wir ohne weiteren Zwischenfall die Stadt erreichen.
Nachdem wir uns frisch gemacht haben, begeben wir uns, in Begleitung unseres Zollbeamten, auf eine Stadtrundfahrt. Er zeigt uns alle für uns wichtigen Orte, wie Passbüro, Polizei, Bank und Tankstelle. Auf dem Rückweg stecken wir wieder im Sand fest, diesmal so tief, dass wir eine Seilwinde brauchen, um freizukommen. Zum Glück ist das Zollbüro in der Nähe, und bald ist Hilfe da. Wir fragen uns sorgenvoll, wie wir je nach Khartum kommen sollen. Zurück können wir nicht, da es keine weiteren Schiffsverbindungen gibt und die Eisenbahner streiken. Wir verschieben die Lösung des Problems auf morgen.
Zurück beim Zoll werden wir ins Zollhaus gebeten, das von fünfzehn Zöllnern bewohnt wird. Sie alle begrüssen uns freundlich und bieten uns eine Dusche an, was wir gerne annehmen. Sie können nicht oft genug von uns hören, wie sehr es uns bei ihnen gefällt. Schliesslich laden sie uns auch noch zum Essen ein. Sie fordern uns auf, Platz zu nehmen, und dann wird’s gemütlich: jeder holt etwas Essbares aus seinem Auto, wir getrauen uns, unseren Wein zu spendieren, da die Zöllner schon ihren selbstgebrannten Schnaps in einer Colaflasche aufgetischt haben. Der Beamte, der uns auf dem Kahn kontrolliert hat, trinkt unseren Wein mit Genuss, wie alle anderen auch. Sind wir wirklich in einem muslimischen Land? Bald geht es hoch her, es wird Musik gemacht, abwechselnd spielt einer der Zöllner auf einer Mandoline, dann einer unserer Engländer auf seiner Gitarre. Es wird gesungen, gelacht und geklatscht, später auch noch getanzt. So geht es feucht-fröhlich zu, bis kein Schnaps, Wein und nichts mehr zum Essen übrig ist. Dann legen wir uns alle feucht fröhlich aufs Ohr. Telefonieren konnten wir nicht, hier gibt es kein Telefon.
7 Uhr – tagwach! Wir trinken einen Kaffee und machen Morgentoilette, für die uns ein halber Becher voll Wasser genügt. Das Brot hat bis heute gereicht, wir stellen fest: hartes Brot ist nicht hart, kein
