Dino-Land - Folge 09 - Manfred Weinland - E-Book

Dino-Land - Folge 09 E-Book

Manfred Weinland

4,7
1,99 €

Beschreibung

FOLGE 9: DAS SELBSTMORD-KOMMANDO: Die Seuche ist außer Kontrolle geraten. Niemand weiß, wer sich außerhalb von Dino-Land schon damit infiziert hat. Eine letzte Chance bleibt: Die Spezies, deren Blut die Katastrophe ausgelöst hat, muss schnellstmöglich gefunden werden, um ein Gegenserum herstellen zu können. Ein Wettlauf gegen die Zeit - und gegen die mörderischen Geschöpfe, die den Moorsee bevölkern. Auch in der Vergangenheit, hundertzwanzig Millionen Jahre zurück, breitet sich die Seuche aus! Und dort existiert kein Labor, das über ausreichende Mittel verfügt, ein Serum herzustellen. Ist dies das Ende der Menschen in der Urzeit? *** DINO-LAND - RÜCKKEHR DER SAURIER: Ein fehlgeschlagenes Militärexperiment erzeugt einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum. Mitten in der Wüste Nevada erscheint ein 150 Millionen Jahre alter Dschungel - und mit ihm die Dinosaurier. Doch damit nicht genug: Das Dschungelgebiet breitet sich unkontrolliert aus und umgekehrt wird alles, was sich in der Gegenwart befindet, in die Vergangenheit gerissen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Anomalie auch Las Vegas erreicht und alles und jeden darin verschlingt! Auch Marc "Red" Littlecloud, Mitglied einer Spezialeinheit des US-Marine Corps, wird in den Malstrom der Ereignisse gezogen. Die Lage scheint aussichtslos, dennoch versucht er zusammen mit Militär und Polizei, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Doch in einer so fremdartigen Umgebung, unter Dinosauriern, unbekannten Krankheiten und Großwildjägern, gibt es keine Gnade ... Willkommen in "Dino-Land": Ein wahrgewordener Albtraum aus den Federn von Wolfgang Hohlbein, Frank Rehfeld und Manfred Weinland. Sie sind überall - und es gibt kein Entkommen ...

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MOBI

Seitenzahl: 139




Inhalt

Cover

Über diese Serie

Über diese Folge

Über die Autoren

Impressum

Das Selbstmord-Kommando

In der nächsten Folge

Dino-Land – Rückkehr der Saurier

Ein fehlgeschlagenes Militärexperiment erzeugt einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum. Mitten in der Wüste Nevada erscheint ein 150 Millionen Jahre alter Dschungel – und mit ihm die Dinosaurier. Doch damit nicht genug: Das Dschungelgebiet breitet sich unkontrolliert aus und umgekehrt wird alles, was sich in der Gegenwart befindet, in die Vergangenheit gerissen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Anomalie auch Las Vegas erreicht und alles und jeden darin verschlingt!

Auch Marc »Red« Littlecloud, Mitglied einer Spezialeinheit des US-Marine Corps, wird in den Malstrom der Ereignisse gezogen. Die Lage scheint aussichtslos, dennoch versucht er zusammen mit Militär und Polizei, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Doch in einer so fremdartigen Umgebung, unter Dinosauriern, unbekannten Krankheiten und Großwildjägern, gibt es keine Gnade …

Willkommen in »Dino-Land«: Ein wahrgewordener Albtraum aus den Federn von Wolfgang Hohlbein, Frank Rehfeld und Manfred Weinland.

Sie sind überall - und es gibt kein Entkommen …

Über diese Folge

Die Seuche ist außer Kontrolle geraten. Niemand weiß, wer sich außerhalb von Dino-Land schon damit infiziert hat. Eine letzte Chance bleibt: Die Spezies, deren Blut die Katastrophe ausgelöst hat, muss schnellstmöglich gefunden werden, um ein Gegenserum herstellen zu können. Ein Wettlauf gegen die Zeit – und gegen die mörderischen Geschöpfe, die den Moorsee bevölkern.

Auch in der Vergangenheit, hundertzwanzig Millionen Jahre zurück, breitet sich die Seuche aus! Und dort existiert kein Labor, das über ausreichende Mittel verfügt, ein Serum herzustellen. Ist dies das Ende der Menschen in der Urzeit?

Ein fehlgeschlagenes Militärexperiment erzeugt einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum. Mitten in der Wüste Nevada erscheint ein 150 Millionen Jahre alter Dschungel – und mit ihm die Dinosaurier. Ein wahrgewordener Albtraum aus den Federn von Wolfgang Hohlbein, Frank Rehfeld und Manfred Weinland.

Willkommen in »Dino-Land«: Sie sind überall - und es gibt kein Entkommen …

Über die Autoren

An der Serie »Dino-Land« haben die Autoren Wolfgang Hohlbein, Frank Rehfeld und Manfred Weinland mitgewirkt. Jeder von Ihnen hat bereits jahrelange Erfahrung im Schreiben von Action-, Fantasy-, Science-Fiction oder Horrorromanen. Mit Dino-Land gelang ihnen ein temporeicher und spannungsgeladener Genre-Mix, der sich einer der ältesten uns bekannten Bedrohungen widmet: Den Dinosauriern.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe: Copyright © 1993-1994 by Bastei Lübbe AG, Köln Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe: Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Projektmanagement: Stefan Dagge

Covergestaltung: © Guter Punkt, München www.guter-punkt.de unter Verwendung von Motiven © shutterstock: metha1819 © thinkstock: KatarzynaBialasiewicz

E-Book-Erstellung: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

Manfred Weinland

Das Selbstmord-Kommando

DAS SELBSTMORD-KOMMANDO

Las Vegas, frühe Kreidezeit

Es begann im Morgengrauen, als die Sonne über die Wipfel des urzeitlichen Waldes stieg, der die Stadt von allen Seiten wie ein grünes, dampfendes Trugbild umschloss. Die Wildnis dort war auch nach über zwei Jahren Gewöhnung immer noch eine Fremde, mit bloßen Worten nicht annähernd zu beschreiben.

Eine Pflanze war hier nicht einfach nur eine Pflanze – sie konnte sich in Bruchteilen von Sekunden in ein gefräßiges Ungeheuer mit einem unersättlichen Hunger auf alles Warmblütige verwandeln.

So wie die Wolke, die keine Wolke war und sich der Stadt und ihren Bewohnern an diesem Morgen mit unheimlicher Zielstrebigkeit näherte. Durstig und gierig erreichte das Verderben Las Vegas. Es kam auf Flügeln …

Das Stück Wüste, das die einstige Stadt der Spieler in die prähistorische Vergangenheit begleitet hatte, umgab sie wie ein absichtlich verödeter, minenverseuchter Sperrgürtel.

Schön, wenn es so wäre, dachte Mizzy. Dann könnten uns die Deinonychus-Rudel und die vielen anderen Raubsaurier weniger anhaben.

Sie wollte vom Fenster zurücktreten, als ihr das ferne, anschwellende Geräusch bewusst wurde und sie innehalten ließ. Mechanisch tastete sie zum Feldstecher, der griffbereit auf dem Brett lag. Sie führte ihn an die Augen und suchte den Horizont ab.

Sie sah nichts, was diesen sirrenden, heulenden, hohen Ton gerechtfertigt hätte.

Nichts von einem Unheil, über das die Gruppe gerüchteweise gehört hatte: Schwärme von alles vertilgenden Tieren – eine Kreuzung aus Heuschrecke und Ameise – sollten dicht an der Stadt vorbeigezogen sein und eine kahl gefressene Schneise im Dschungel hinterlassen haben. Vor Ameisen ekelte es Mizzy am meisten, weil sie beinahe täglichen Umgang damit hatte. Ameisen, dachte sie, waren längst zu den heimlichen Herrschern über diese Stadt geworden. Irgendwann würden sie vielleicht sogar die alleinigen Herrscher zwischen Ruinen sein …

Earl stöhnte hinter ihr und wälzte sich im Schlaf. Mizzy setzte das Glas ab und wandte sich um. Der Blick, mit dem sie den muskulösen Körper ihres Geliebten maß, war voller Scheu. Und voller Sorge.

Letzte Nacht hatte sie geglaubt, er würde sterben.

Er und der Rest der Gruppe waren von der Jagdexpedition zu einem einen halben Tagesmarsch entfernten See zurückgekehrt. Sie hatten dort einen langhalsigen Plesiosaurier erlegt und waren, ehe sie die Rückkehr antreten konnten, von einem Schwarm urzeitlicher Moskitos angegriffen worden.

Earl hatte es am schlimmsten erwischt. Die daumengroßen Blutsauger waren über ihn hergefallen, und seitdem glich sein ehemals makelloser Körper einem kraterübersäten Schlachtfeld.

In der Nacht hatte er ein paarmal im Schlaf gesprochen. Wirres Zeug. Mizzy hatte bekleidet neben ihm gelegen und nicht gewagt, ihn zu berühren. Sie wusste nicht warum, aber seit seiner Rückkehr schien er nicht nur am Leib vernarbt zu sein – Earls ganze Ausstrahlung hatte sich verändert.

Den anderen gegenüber hatte sie nichts davon erwähnt. Ihre größte Befürchtung war, dass nach Earls Ausfall ein Machtkampf innerhalb der Clique ausbrechen könnte, die Earl stets mit harter Hand regiert hatte. Freunde besaß er nicht, das hatte Mizzy letzte Nacht klar erkannt. Alle fürchteten ihn. Aber wenn diese Furcht verging – wenn sie merkten, dass er sich nicht wieder erholen würde …

Mizzy verdrängte den Gedanken.

Das Geräusch war immer noch da.

Earl schlug die Augen auf und röchelte aus dem brutalen Mund: »Durst! Gib mir Wasser!«

Eines der Biester hatte ihn neben den Kehlkopf gestochen. Es war ein kleines Wunder, dass er an der Schwellung nicht erstickt war.

Mizzy schöpfte Wasser aus einem Eimer und brachte es ihm. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen.

»Hörst du das auch?«, fragte sie.

Er trank den Becher leer, ohne ein einziges Mal abzusetzen. »Aaaah!«, seufzte er und lauschte. Dann schüttelte er den Kopf. »Was meinst du?«

Tatsächlich hatte das Geräusch aufgehört. Eine fast noch bedrückendere Stille nistete sich im Zimmer ein.

»Jetzt ist es verschwunden.«

Er hakte nicht nach. Mit offenen Augen legte er sich zurück. Er atmete schwer. Mizzy versuchte sich den Schmerz vorzustellen, der in einem dermaßen zerstochenen Körper wüten musste. Es gelang ihr nicht.

»Wo sind die anderen?«, fragte Earl.

»Unten«, sagte sie. »Sie zerlegen den Saurier. Der Rabbi will ein saftiges Steak grillen. Ich werde dir eins holen.«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Du musst essen.« Mizzy vergaß, dass dieses Muskelpaket sie früher windelweich geprügelt hatte, wenn sie nur versuchte, ihm etwas schmackhaft zu machen, was ihm widerstrebte.

Früher … Vorgestern.

»Du musst wieder zu Kräften kommen«, beharrte sie. »Ich wollte dich nicht beunruhigen. Dir geht es schon dreckig genug. Aber …«

»Aber? Sie wetzen schon die Messer, nicht nur, um das Fleisch zu zerlegen …?«

Mizzy nickte unentschlossen.

»Das dachte ich mir«, seufzte Earl. Er schien zu überlegen. Dann sagte er: »Okay. Bring mir ein Steak. Das größte auf dem Rost! Und richte ihnen aus, dass ich sie sehen will. Jeden. Keine Ausflüchte. Sag ihnen, es geht mir besser.«

»Das …«, setzte Mizzy an.

»… ist gelogen.« Earl nickte. »Ich weiß es, und du weißt es. Lassen wir es vorläufig dabei.«

Er sah sie an, als lege er tatsächlich Wert auf ihre Meinung. Sie nickte langsam, und sie war froh, als sie sich umdrehen und die Suite verlassen konnte.

Sie nahm denselben Weg nach unten wie in der Nacht, als sie Earl schon einmal oben allein gelassen hatte. Nur dass sie da geglaubt hatte, ihn nicht mehr lebend wiederzusehen.

Der andere Unterschied war, dass es diesmal hell war. Sie brauchte keine Lampe. Unten stand der leere Leiterwagen, den sie benutzt hatten, um die beachtliche Beute zu transportieren.

Benzingetriebene Fahrzeuge waren zwei Jahre nach dem Zeitsprung kaum noch aufzutreiben und außerdem viel zu auffällig. Die letzten einsatzfähigen Exemplare samt Treibstoff befanden sich fast ausschließlich in der Hand des kleinen Häufleins Soldaten unter Führung eines Lieutenants namens Mainland, der anfangs versucht hatte, Las Vegas mit seinen teilweise marodierenden Überlebenden unter Kontrolle zu bringen.

Inzwischen hatte das Militär jedoch erkannt, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen war. Man war dazu übergegangen, jeden Menschen, den das Zeitbeben in diese heillos tiefe Vergangenheit gerissen hatte, nach eigener Fasson leben zu lassen. Natürlich in den Grenzen, die andere Überlebende nicht gefährdeten.

Earl und die Gruppe betrieben eine riskante Gratwanderung, die die Geduld der friedlichen Mehrheit strapazierte. Ein paarmal hatten sie schon erfolgreiche Übergriffe auf das kollektive Eigentum der anderen gestartet.

Earl vertrat die Ansicht, dass es genügend Platz für Bauern, Jäger, Soldaten und Schmarotzer auf diesem noch jungfräulichen Planeten geben musste. Seine These hatte bis heute eine siebenköpfige Anhängerschar ernährt – Mizzy mitgerechnet.

Es waren ausnahmslos verkrachte Existenzen, die sich um Earl versammelt hatten – Mizzy mitgerechnet.

Für eine Nutte bin ich rekordverdächtig weit herumgekommen, dachte sie sarkastisch. Millionen Jahre weit. So schnell würde ihr das keine ihres Gewerbes nachmachen …

Sie sah sich um und rief nach den anderen. »Freunde« wollte sie sie nach letzter Nacht nicht mehr nennen. Seit sie begriffen hatte, dass ihr Schicksal untrennbar mit dem von Earl verflochten war. Wenn er nicht mehr das Sagen hatte, würde es auch ihr schlecht ergehen. Das glaube sie am Verhalten der anderen sicher erkannt zu haben.

Sie folgte der unübersehbaren Blutspur. Als sie aus dem Hochhaus trat, sicherte sie nach allen Seiten. Gefahr schien nicht im Verzug, aber als sie zum Himmel hochblickte, glaubte sie zu erkennen, dass es heute noch regnen würde. Die Sonne war binnen kürzester Zeit hinter der üblichen Dunstschicht verschwunden. Nur ein etwas hellerer Fleck ließ sie noch erahnen.

Mizzy fröstelte jedes Mal, wenn sie hinaufstarrte und dieselbe Sonne sah, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Irgendwie wäre es normaler gewesen, ein fremdartiges Muttergestirn zu sehen, eine rote Doppelsonne vielleicht, einen Weißen Zwerg oder einen Blauen Riesen – irgendetwas Außergewöhnliches.

Sie glaubte fest daran, dass es ihrem Verstand leichter gefallen wäre, sich daran zu gewöhnen, auf einen anderen Planeten verschlagen worden zu sein, als lediglich eine Irrfahrt in die Zeit absolviert zu haben. Wenn sie sich nur vorstellte, dass sie selbst eigentlich noch gar nicht geboren war, knirschte ihr Weltbild in allen Fugen.

Das einstige Luxushotel, in dem sie sich wohnlich niedergelassen hatten, stand auf der einen, ein Kasino auf der anderen Seite. Dazwischen lag ein niedriger Anbau mit einem ehemaligen Schnellimbiss, dessen Küche die Gruppe zu einem gigantischen Räuchergrill umgebaut hatte. Der Rauch wurde dabei durch ein ganzes System unterschiedlicher Filter geleitet, die auf Maniacs Konto gingen. Am Ende des Schornsteins trat kaum noch sichtbarer Rauch aus. Sie wollten nicht entdeckt werden, sondern ihr Leben nach eigenen Vorstellungen weiterführen und sich nicht wieder in die Regeln einer großen Gemeinschaft zwängen lassen.

Mizzy betrachtete kurz das, was von den prunkvollen Fassaden mit ihren Lichterreklamen geblieben war. Das Stromnetz war längst zusammengebrochen, und alles Elektrische hatte sein magisches Flair gegen nüchterne Zwecklosigkeit eingetauscht.

Das Kasino war zwar evakuiert worden wie alle anderen Gebäude auch; die Spieltische, Reichtum symbolisierende Jetons und das sonstige Interieur waren jedoch zurückgeblieben.

Mit Ausnahme echten Geldes. Ihre Scheine einzustecken, dazu hatten die meisten Flüchtenden immer noch Zeit genug gefunden. Aber selbst wenn die Häuser noch voller Barschaft gewesen wären – es hätte in diesem Zeitalter keine Bedeutung gehabt. Nicht die geringste.

Kein Saurier wechselte freiwillig ein paar Kilo Frischfleisch gegen einen Schein, auf dem der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika abgebildet war. Ein Präsident, der einer Spezies angehörte, die im normalen Schöpfungsplan erst im späten Kanäozoikum, in rund gerechnet 120 Millionen Jahren, erscheinen würde …!

Mizzy erinnerte sich an die erste Zeit, als sie den unbegreiflichen Vorgang, der sie hierher geschleudert hatte, zwar längst nicht begriffen aber doch langsam zu akzeptieren begonnen hatten.

Tag und Nacht hatten sie die bekanntesten Kasinos der Stadt durchstreift; Läden, zu denen sie früher nicht einmal Zutritt erhalten hätten, Earl und sie. Sie hatten die Tage mit Sex, Glücksspiel und Selbstbedienung verstreichen lassen. Sie hatten ihrer Konsumsucht frönen können wie in einem Schlaraffenland, in das kaum jemand sonst Zutritt erlangte.

Zunächst hatte man noch problemlos Nahrungsmittel und Getränke finden können. Damals waren nach und nach Blackjack, der Rabbi, Fighter, Gentleman-Bill, Lancelot und Maniac zu ihnen gestoßen. Auch sie hatten nach dem ersten Freiheitsrausch eingesehen, dass sie allein auf Dauer nicht bestehen konnten in einer Umwelt, die auf Schritt und Tritt tödliche Gefahren barg.

Nach zwei Jahren Urzeit war Las Vegas auch längst nicht mehr die »Insel«, die Sicherheit und Schutz garantieren konnte. Die Natur hatte die Stadt in geradezu atemberaubendem Tempo erobert. Überall wuchsen Pflanzen im aufgebrochenen Asphalt. Der Wind hatte Samenkapseln aus dem Wald herübergetrieben, die prächtig aufgegangen waren. Kletterpflanzen rankten an den Fassaden, Schlinggewächse erschwerten die Fortbewegung.

Das einzig Gute war, dass die Patrouillen mit ihren Jeeps kaum noch ungehindert fahren konnten. Das stellte in Aussicht, dass die Gruppe noch eine Weile unbehelligt ihrem Lebensstil frönen konnte.

Andererseits passierte es mittlerweile schon mal, dass man sich beim simplen Gang um die nächste Ecke einem Feind gegenübersah, der keinerlei Hass gegen einen verspürte, aber dennoch mit einer kalten Zielstrebigkeit darauf hinarbeitete, seinen Magen zu füllen.

Fast noch schlimmer, weil allgegenwärtig, waren aber die Heere von Skorpionen, Ameisen und Tausendfüßlern. Dass nach dem Besuch des Sees ein neues Feindbild dazugekommen war, hätte Mizzy wahrscheinlich weniger verunsichert, wenn Earl nicht wirklich böse eins draufgekriegt hätte.

Ein Opfer in ihrer Gruppe war ohnehin schon zu beklagen. Bis vor drei Wochen waren sie zu acht gewesen. Aber Lancelot, ein lieber Kerl von knapp siebzehn – ein richtiger Sonnyboy –, war auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen, als er mit Earl allein auf die Jagd ging. Sie hatten ihn auf dem regulären Friedhof begraben, wo gerade Platz war. Mizzy hatte ein provisorisches Kreuz aus Holz gefertigt und es liebevoll verziert.

Sie hatte Lancelot gemocht. Er hatte immer einen Scherz auf den Lippen gehabt, und das war nach der Katastrophe unglaublich selten auch bei Menschen geworden, die früher oft und gern lachten.

»Wie geht es Earl?« Die Stimme des Rabbis riss Mizzy aus ihren Gedanken.

»Besser. Er will euch sehen.«

Der Rabbi war klein und schmächtig und trug zwei dunkle Zöpfe, die unter der Kappe hervorquollen wie Taue. Sein Gesicht war verkniffen, seine Kleidung auch nach einer Schlächterei wie dieser, an der sich alle beteiligten, peinlich sauber.

Niemand wusste, wie er das schaffte; niemand wusste außerdem, ob er ein wirklicher Rabbi war. Seine Ausdrucksweise und Ansichten ließen manchen Zweifel an seiner christlichen Gesinnung aufkommen. Mit seinen fünfzig Jahren war er der Älteste unter ihnen. Gleichzeitig war er der einzige, mit dem Mizzy noch nie geschlafen hatte.

»Das geht jetzt nicht. Wir stecken mitten in der Arbeit. Das Fleisch muss haltbar gemacht werden, sonst ist es übermorgen voller Maden und wir können es wegschmeißen …«

Auch der Rabbi wies Stichwunden auf. Eine im Gesicht (die linke Backe war stark angeschwollen) und eine am rechten Arm, wo die Kutte hochgekrempelt war. Im Vergleich zu Earl war das nichts.

Vielleicht haben ihn seine Gebete geschützt, dachte Mizzy. Aber auch alle anderen waren glimpflich davongekommen. Earl war der Pechvogel dieser Saison.

»Er will euch sehen. Alle. Habt ihr schon etwas fertig? Er hat Hunger.«

»Dann geht es ihm wirklich besser!«, krähte Fighter, der den Kopf aus dem Fenster des Flachbaus streckte.

Mizzy achtete kaum darauf. Ihr Blick war starr auf die Straße gerichtet, die vor Blut regelrecht glänzte. Später würden sie es wegspülen. Bis dahin bestand die Gefahr, dass der Geruch etwas Uneingeladenes anlockte.

Etwas …

Da war es wieder, dieses ferne Sirren! Mizzy ruckte herum.

Der Rabbi starrte sie verständnislos an.

Dann begriff er und rief hinter sich: »Bill – komm doch mal her!«

Beiläufig registrierte Mizzy, dass der Rabbi bereits ein gut funktionierendes Regiment führte. Gentleman-Bill tauchte mit einer Flinte auf, die trügerische Sicherheit vorgaukelte. Er war groß, schlank, Anfang vierzig und sah aus wie das Abziehbild eines professionellen Abzockers.

»Yeah?«, rief er. »Was gibt’s?«

Offenbar war er dazu eingeteilt, die Umgebung im Auge zu halten.

»Mizzy hat etwas entdeckt!«, rief der Rabbi.

Mizzy schüttelte den Kopf, als Gentleman-Bill betont lässig auf sie zukam. »Ich sehe nichts – aber ich kann etwas hören. Ihr nicht?«

Der Rabbi wollte verneinen, nickte aber dann mit einem Ausdruck von Erstaunen. Auch Gentleman-Bill deutete dadurch, dass er sein Gewehr fester umfasste und in Anschlag brachte, an, dass er etwas bemerkte.

»Komisches Geräusch …«