Doomed Rich Bastards - Parker - Grace C. Node - E-Book

Doomed Rich Bastards - Parker E-Book

Grace C. Node

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Beschreibung

Du bist so rein und unschuldig. Lass mich dir zeigen, wie die ANGST schmeckt ...  Das Leben ist ein kranker Zirkus! Und ich bin ihr abgefuckter Zirkusdirektor. Du stehst mit diesem verachtenden Blick vor mir, siehst direkt in mein schwarzes Herz und ich atme deine Angst ein. Sie duftet nach Verzweiflung, nach Reue und nach Schmerz. Jetzt gehörst du MIR! Widersetzt du dich, Babydoll, werde ich zusehen, wie du auseinanderbrichst. Ich werde dich sezieren, aufreißen und zu einem neuen Spielzeug zusammensetzen. Denn das bist du – du bist MEIN Spielzeug! Dein Licht brennt grell in meiner Dunkelheit. Es versucht verzweifelt, in jeden finsteren Winkel meiner psychotischen Show zu kriechen. Netter Versuch. Denn ich habe deinen verdammten Lichtschalter in der Hand. Also Babydoll, sei ein braves Mädchen und schalte endlich dein Licht aus!   Der große Finale der "Doomed"-Reihe - düstere, fesselnde Dark Romance voller zerstörerischer Anziehung und toxischer Gefühle. Altersempfehlung ab 18 Jahre. Die Triggerwarnung ist auf jeden Fall zu beachten.

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Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wichtiger Hinweis / Triggerwarnings
Ein anderes Leben ...
Kapitel 1
Parker
Kapitel 2
Kenzie
Kapitel 3
Parker
1863 Kanada, British Columbia
Kapitel 4
Kenzie
Kapitel 5
Parker
Kapitel 6
Kenzie
Parker
1867 -Kanada, British Columbia
A. D. 1901, Kloster der Königin des heiligen Rosenkreuzes | British Columbia
Kapitel 7
Kenzie
Kapitel 8
Parker
Kapitel 9
Kenzie
Kapitel 10
Parker
Kapitel 11
Kenzie
Vor einer Ewigkeit
Kapitel 12
Parker
1888 Kanada, British Columbia
Kenzie
Kapitel 13
Parker
Kapitel 14
Kenzie
1965, Kanada, British Columbia
Kapitel 15
Parker
Kapitel 16
Kenzie
Tag 4 in der Privatklinik | Professor Hastings,
Behandlung Patientin 69
Kapitel 17
Parker
Kapitel 18
Kenzie
Kapitel 19
Parker
A. D. 1910, Kloster der Königin des heiligen Rosenkreuzes, British Columbia
1903 Kanada, British Columbia | Schlussbemerkung der Äbtissin bei der Willkommensveranstaltung der Anwärterinnen
Kapitel 20
Kenzie
Kapitel 21
Kenzie
Parker
Kapitel 22
Parker
Kapitel 23
Kenzie
Kapitel 24
Parker
Kenzie
Kapitel 25
Parker
Die Klinik | Psychologische Forschungsabteilung |
vor fünf Jahren
Kapitel 26
Kenzie
Parker
Kapitel 27
Kenzie
Parker
Kapitel 28
Parker
Kapitel 29
Kenzie
Parker
Kapitel 30
Parker
Kapitel 31
Kenzie
Parker
Der Dirigent
Kapitel 32
Kapitel 33
Parker
Kapitel 34
Kenzie
Kapitel 35
Parker
Epilog
Playlist
Nachwort
Danksagung
Doomed Rich Bastards
Leseprobe
Kapitel 1
Eden
Kapitel 2
Michael
I am Grace
Bereits erschienene Werke

DOOMED Rich Bastards

Grace C. Node

GRACE C. NODE

DOOMED

RICH BASTARDS

Parker

Buchbeschreibung:

Erfolgreich habe ich mich bisher meiner Verpflichtung entzogen - aber diesem verdammten Zirkus entkommt man nicht.

Dein elender Vater hat mir eine Aufgabe gestellt, an der ich gescheitert bin. Nur um mich vor der Bruderschaft zu demütigen.

Mich auf meinen Platz zu verweisen.

Weil ich mich seinem Willen entzogen habe.

Das werde ich nicht einfach so hinnehmen.

Ich werde ihm alles nehmen, was ihm wichtig ist: DICH! Seine kostbare Tochter.

Du bist meine Rache und ich werde dich an- und ausknipsen, wie es mir gefällt. Du wirst mein hübsches Spielzeug sein, meine Trophäe und meine Hauptattraktion in meinem Zirkusstück.

Ich werde der Welt zeigen, was tatsächlich hinter deiner unschuldigen Fassade steckt.

Bist du bereit, mich auf allen Vieren um Vergebung für die Sünden deines Vaters anzuflehen, Babydoll?

Über den Autor:

Neugierige Wortakrobatin, mutiger lebenshungriger Schöngeist, Film-Junkie und Book-Nerd.

Dunkle Leidenschaften, menschliche Abgründe, psychotische Spiele und jede Menge Bad Hero Romantik treffen auf Gefühlschaos und Leidenschaft.

Das ist meine Welt - tritt ein, wenn du dich traust.

Für Suchtgefahr nach mehr Lesestoff übernehme ich keine Haftung!

© Grace C. Node – alle Rechte vorbehalten.

Grace C. Node

c/o Autorenservice Gorischek

Am Rinnergrund 14/5

8101 Gratkorn

Österreich

Herausgeber:

Sternfeder Verlag

Bogenstr. 8

58802 Balve

Nachdruck - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung von Grace C. Node.

Coverdesign: Grace C. Node, Sternfeder Verlag

Bildquelle: (lizenziert)

Korrektorat/Lektorat: Sternfeder Verlag

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

https://portal.dnb.de/opac.htm

Das Buch ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Sämtliche Inhalte dieses Werkes und seiner Teile sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

In diesem Werk befinden sich Verlinkungen/Verweise zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich Grace C. Node sowie der Sternfeder Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

[email protected]

www.sternfederverlag.de

Wichtiger Hinweis / Triggerwarnings

Dieses Buch ist düster, bitterböse und abgefuckt. Die Handlung ist rein fi(c)ktiv und dient dazu, dich zu unterhalten. Allerdings wirst du auf Situationen stoßen, die äußerst unbequem, brutal und moralisch verwerflich sind.

Parker Sinclair ist ein berechnender, kaltblütiger Killer, der Gewalt verherrlicht, ein überaus fragwürdiges Frauenbild hat und auf kranke Weise einen Weg der körperlichen und emotionalen Verwüstung beschreitet. Für ihn gelten keine Regeln ethischer, moralischer oder gesetzlicher Natur, die in der Realität Bestand haben. Er ist manipulativ, respektiert weder mentale noch physische Grenzen, sondern reißt sie konsequent ein.

Wenn du jemand bist, der durch folgende Themen in irgendeiner Form getriggert werden könnte, lies dieses Buch bitte keinesfalls!

Es kommen vor:

Missbrauch / psychische Tyrannei

Körperliche Gewalt, Folter & Mord

Selbstverletzendes Verhalten

Suizidale Gedanken und Suizidversuch

Demütigungen psychisch & physisch

Übergriffige sexuelle Handlungen / Non-Con-Situationen

Vergewaltigung & emotionale Traumata

Mobbing

Derbe Sprache / explizite Szenen

Interaktion mit Insekten / Gewalt gegen Tiere

Misshandlung & Missbrauch Schutzbefohlener

Nur DU selbst kannst entscheiden, ob du in der Lage bist, mit diesen Themen umzugehen.

Überlege dir also sorgfältig, ob du bereit für diese Geschichte bist.

Solltest du auch nur einen leisen Zweifel haben, nimm bitte Abstand von diesem Buch!

Ich vertraue dir, liebes Leseherz, dass du um deine Triggerpunkte weißt, und dementsprechend verantwortungsvoll für dich handelst!

Allen anderen düsteren Leseseelen wünsche ich viel Vergnügen in der abgedrehten Welt des Kreises.

Mit dem Feuer

Der Gerechtigkeit werden wir

Die Sünder reinigen.

Familien-Motto der Sinclairs

Finde mich in der

DUNKELHEIT!

Ich warte auf dich ...

Der Kodex

Der Schutz der freien Welt ist unser Ziel.

Diesem Ziel verpflichten wir uns mit Leib und Seele.

Wir bekämpfen jedwede Bedrohung mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, mit aller Härte und Entschlossenheit.

Endet das Gesetz, treten wir in Kraft.

Wir sind Bewahrer, Vollstrecker und Vermittler im Kampf gegen das Böse.

Dazu ermächtigt, die freie Welt vor Schaden zu bewahren, egal was es kostet.

Loyalität, Treue und Gehorsam – bis in den Tod.

Geschworen mit dem eigenen Blut, bindet uns unser Schwur für alle Zeit.

Wir verschreiben uns unserem Ziel vollständig, hüten die Geheimnisse der Bruderschaft und richten die Waffen auf deren Feinde.

Wir sind der Anfang und das Ende.

Wir sind der Kreis.

Die Gründung

Zum Schutz der Mitglieder und ihrer Familien werden die Identitäten für die Außenstehenden geheim gehalten. Ihre öffentlichen Ämter sind sowohl Notwendigkeit wie auch Fassade für ihre eigentliche Aufgabe innerhalb der Bruderschaft.

Die Bruderschaft des Kreises wurde a. D. 1863 von zwölf Familien gegründet, die sich der Sicherung von Recht und Ordnung verschrieben haben. Ihre Oberhäupter bilden den Rat der Ersten.

Den Vorsitz führt der Erste der Ersten – ein geheim gewähltes Mitglied aus den zwölf Gründungsfamilien, welches den Rat leitet. Seine Stimme gilt bei Entscheidungen als maßgeblich. Er alleine kennt alle Geheimnisse der Bruderschaft und gibt sie an seinen Nachfolger weiter. Allein der Tod – natürlich oder unnatürlich – entbindet ihn von seinem Amt.

Jedes Mitglied leistet den Blutschwur, um sein Leben an den Kreis zu binden. Die Verpflichtung endet ausschließlich mit dem Tod.

Diese Bruderschaft agiert im Schatten, und ihr Schutz ist für den Erfolg ihres Handelns verantwortlich.

Um den Frieden und die Sicherheit der freien Welt zu gewährleisten und die Institutionen der zivilisierten Welt angemessen zu wahren, wird die Gewaltenteilung innerhalb der Bruderschaft immanenter Bestandteil der Funktionen des Kreises werden.

Diejenigen, die in den Schaltzentralen von Politik, Wirtschaft, Forschung und Regierung eingesetzt sind, stellen die nötigen Weichen für eine gerechte und demokratische Handhabung der Interessen des jeweiligen Landes und darüber hinaus innerhalb der Weltordnung. Wir nennen sie daher BEWAHRER. Drei dieser Bewahrer werden, über den Globus verteilt, ihre Rollen als Oberhaupt dieses Zweiges wahrnehmen. Ihnen obliegt es, die ihnen zugetragenen Informationen aus den oben genannten Ressorts auszuwerten.

Abweichungen werden durch die Bewahrer beobachtet, gegebenenfalls Beweise für Verfehlungen – egal welcher Art – gesammelt und nach sorgsamer Prüfung dem Rat der Ersten vorgelegt. Basierend auf dem zusammengestellten Beweismaterial wird ein Urteil gefällt.

Die Umsetzung dieses Urteils erfolgt umgehend.

Dazu werden die sogenannten VOLLSTRECKER entsandt, die die Botschaft in die Welt tragen. Eine Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden des jeweiligen Landes ist immer einzubeziehen, um der Bevölkerung das energische Eingreifen ihrer Schutztruppen zu signalisieren.

Wir hinterlassen keine Spuren, keine Zeugen und keinen Hinweis auf unsere Existenz.

Wir sind der Anfang und das Ende.

Wir sind der Kreis.

Ein anderes Leben ...

Erste Lektion

Ein brennender Schmerz schießt durch den Körper des Jungen. Er beißt fest auf den Lederriemen in seinem Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der aus ihm herausbrechen will. Denn wenn er Schwäche zeigt, ist er so gut wie tot.

»Alles hat Konsequenzen. Wenn ihr einen anderen Weg als den vorherbestimmten beschreitet, seid euch dessen stets bewusst.« Die Stimme des Ausbilders dröhnt von den Wänden des großen Raumes unter dem Castell wieder.

Das Pfeifen der durch die Luft schneidenden Peitsche warnt den Jungen vor, doch als sich das geknüpfte Leder mit Wucht in sein Fleisch gräbt, wird ihm schwarz vor Augen. In dem uralten Gewölbe, das bereits unzählige Schmerzensschreie gehört hat, stehen die Novizen im Kreis um ihn herum und beobachten mit ausdruckslosen Gesichtern seine Bestrafung.

Sein Blick huscht zu der Balustrade, wo der Rat der Ersten im Schatten verborgen seiner Züchtigung beiwohnt. Grimmig beißt er fester auf das Leder in seinem Mund und starrt zornig zu den Männern des Rates hoch.

Er wird sie nicht enttäuschen.

Niemals!

Unter den Novizen findet er den Jungen, dessen Strafe er gerade übernimmt. Dem er geholfen hat, obwohl es gegen die Regeln verstoßen hat. Ein schweres Vergehen, das von den Ausbildern brutal geahndet wird.

»Loyalität, Treue und Gehorsam. Bis in den Tod!« Der Ausbilder, der ihn diszipliniert, tritt an ihn heran und nimmt dem Vierzehnjährigen den Lederriemen aus dem Mund. »Bereust du deine Verfehlung?«

»Ja, ich bereue«, antwortet der Junge keuchend, aber mit fester Stimme. Sein Rücken brennt wie das Höllenfeuer selbst, und nur mit äußerster Anstrengung hält er sich auf den Beinen. Trotz der brutalen Strafe würde er es wieder tun, wenn es sein muss.

Willkür ist keine Gerechtigkeit.

Diese Ungerechtigkeit brodelt in des Jungen Brust, und es ist ihm egal, ob sie ihm das Fleisch von den Knochen reißen. Wie sollen sie gegen die Rechtswidrigkeit in den Krieg ziehen, wenn sie selbst ungerecht behandelt werden?

Doch gegenüber einem Ausbilder aufzubegehren, ist ein Verbrechen innerhalb der Lehrjahre.

Sein Herz ist erfüllt von Wut und Hass. Die Ausbildungszeit der Novizen der Bruderschaft des Kreises ist brutal und gnadenlos. Wer hier scheitert, hat sein Leben verwirkt. Das lernen die Knaben bereits in den ersten Tagen ihres Trainings.

Sie sind die Auserwählten, dazu bestimmt, später die Geschicke der Welt zu lenken und im Namen der Gerechtigkeit und des Schutzes der freien zivilisierten Gesellschaft alles zu tun, was nötig ist, um den Frieden zu wahren.

Eine Kinderseele kann hier leicht zerbrechen, wenn sie es nicht schafft, sich gegen die Gewalt, die ihr angetan wird, zu erheben. Und der Junge wird bis zum Letzten kämpfen. Das hat er sich in seinen ersten Tagen seiner Ausbildung geschworen.

Hier werden Killer erschaffen.

Monster, die andere Monster jagen und zur Strecke bringen.

Doch dazu müssen sie erst durch die grausamen Lektionen gehen – um wiedergeboren zu werden.

Der Lederriemen erscheint vor seinem Mund, und er beißt zu. Ein letzter Hieb zischt durch die Luft und hinterlässt einen glutheißen Schmerz auf dem geschundenen blutigen Rücken des Knaben.

»Geh, und tue Buße.« Der Ausbilder bindet den Jungen los, dessen Arme von den Fesseln dumpf pochen, und er blickt seinem Schützling fest in die Augen. ›Gib ihnen keine Reaktion‹, steht auf seinem Gesicht geschrieben, und der Knabe nickt kaum merklich.

»Wir sehen alles. Wir hören alles. Wir wissen alles. Sei dir dessen stets bewusst, wenn du den vorbezeichneten Weg verlässt.« Der Vierzehnjährige senkt demütig den Blick. »Geh.«

»Danke für die Lektion«, erwidert der Knabe, verbeugt sich steif vor dem Mann, um dann das Gewölbe zu verlassen.

Ächzend steigt er die ausgetretenen alten Stufen in den Krankentrakt hinab, wo ihn ein Arzt mit Mundschutz und Latexhandschuhen erwartet. Vorsichtig krabbelt er auf die Behandlungsliege und stöhnt bei jeder Bewegung auf. Das Blut rinnt träge an seinem Rücken herab. Blut, das er der Bruderschaft opfert. Es wird mit der Zeit viel mehr als nur diese wenigen Rinnsale werden.

»Das wird jetzt wehtun«, warnt ihn der Arzt mit gedämpfter Stimme vor, und der Knabe krallt die Finger um die Liege. Warmes Wasser spült die Wunden aus, und der Junge kämpft mit den Tränen. Mit dem jodgetränkten Tupfer werden die tiefen Verletzungen gereinigt, und der Vierzehnjährige brüllt vor Schmerz auf.

Eine Hand greift nach seiner und drückt sie fest, als ein kühlendes Wundgel auf die zerstörte Haut aufgetragen wird. »Warum hast du das gemacht?«, fragt der Novize, der neben der Liege steht und dem Jungen ernst in die Augen sieht.

»Weil es ungerecht war.«

Ein bewundernder Ausdruck huscht über das gut geschnittene Gesicht des Besuchers, dessen grüne Augen unter dunklen, verwuschelten Haarsträhnen hervorblitzen. Eigentlich hätte er dort auf der Liege versorgt werden sollen, doch dieser verrückte kleine Spinner hat ihn gedeckt und seine Strafe übernommen.

Die beiden haben sich bereits öfter in den Trainingsstunden gesehen und miteinander gekämpft. Es wird eine Konkurrenzkultur gefördert, um die Novizen aufs Überleben inmitten von Raubtieren vorzubereiten. Aber einige lernen schnell, dass sie gemeinsam effizienter und stärker sind als allein. Allianzen sind lebenserhaltend.

Während der Arzt die Wunden verbindet, zischt der Knabe auf und erwidert den kräftigen Druck der Hand des anderen. Dieser bleibt so lange, bis der Arzt dem Verletzten eine Spritze verabreicht, die die Schmerzen lindert.

»Wir sehen uns, Sinclair.« Damit huscht der Dunkelhaarige aus dem Behandlungszimmer.

In diesem Moment wird dem Knaben klar, dass sich etwas verändert hat.

Etwas sehr Mächtiges ist erwacht, bereit, seine Flügel auszubreiten und der Welt zu zeigen, was wahre Stärke bedeutet.

Und mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen dämmert er weg.

Zweite Lektion

Unter dem bohrenden Blick des Sechzehnjährigen windet sich der gefallene Engel und senkt wenig später die Lider. Das missbilligende Zischen des Novizen lässt den gefallenen Engel ruckartig den Kopf heben.

Seit zehn Minuten sind sie zusammen in diesem Zimmer, in dem ein dunkler, opulenter Duft die Sinne betört. Die massiven Möbel und schweren Brokatvorhänge vor den Bogenfenstern wirken wie aus einer anderen Zeit, doch das Castell selbst ist ein Relikt einer vergessenen Epoche.

Es ist eine dieser Lektionen, in denen die Novizen sich in der Kunst der Verführung üben sollen, doch der Sechzehnjährige hat anderes im Sinn.

Sein heutiger gefallener Engel liegt in einem hübschen, rosafarbenen Spitzennachthemdchen auf dem Bett und wartet. Eine elektrisierende Spannung wabert in der Luft und ein Schauer lässt den zarten Körper des Mädchens erbeben. Sie ist nervös.

Ein kaum merkliches Lächeln zupft an des Novizen Mundwinkeln.

Er neigt leicht den Kopf, begutachtet sein heutiges Spielzeug, während sich selbiges unter seinem intensiven Blick windet.

»Was hast du mit mir vor?«, fragt der gefallene Engel vorsichtig und ist sich im selben Augenblick bewusst, dass er einen Fehler begangen hat.

Der Junge vor ihr ist makellos. Seine graugrünen, wachsamen Augen nehmen jede kleinste Regung ihrerseits wahr und er wirkt wie ein aus dem Himmel gestiegener Engel, der unwirklich schön unter den Menschen wandelt. Ja, sie findet ihn sehr attraktiv.

Gleichzeitig macht er ihr Angst.

Seine Reglosigkeit, der stechende Blick – er hat bisher keinen Ton gesagt und sie nur angesehen. So, als ob sie seiner Worte nicht wert sei. Als ob er einen hübschen Schmetterling betrachtet. Mehr nicht.

Und doch geht von diesem Jungen eine sonderbare Anziehungskraft aus, bei der der gefallene Engel erschauert..

Die Frage bleibt unbeantwortet, denn der Sechzehnjährige lässt den Blick träge über den Körper des Mädchens wandern, so als wolle er abschätzen, ob er sich die Mühe machen solle, ihr mehr als nur Blicke zu schenken.

Unruhig bewegt sich der gefallene Engel unter seiner Observation, die ihm unter die Haut kriecht wie tausend krabbelnde Ameisen.

Im nächsten Atemzug ist er über ihr und das Mädchen schnappt geräuschvoll nach Luft. Plötzlich liegt die warme Hand des Jünglings auf ihrer Kehle – nicht fest, allerdings mit genug Druck, um eine Botschaft zu senden. Dann spürt sie, wie der Junge mit Daumen und Zeigefinger leicht ihre Halsschlagader abdrückt. Nicht viel. Nur ein wenig.

Blinzelnd starrt sie ihn an.

Der nächste Atemzug fällt ihr schwer. Sie strampelt.

Der Junge verlagert sein Gewicht und hält ihre Beine mit seinen gefangen. Die Hände des Mädchens packen seine Unterarme, krallen sich darin fest, während es verzweifelt nach Luft schnappt.

Die Augen des Jungen nehmen einen seltsam entrückten Ausdruck an. Der Druck wird ein klein wenig erhöht.

Tränen rinnen aus den dunklen Augen des Mädchens, ihre Lippen beben. Ihre Gegenwehr lässt allmählich nach.

Aufmerksam beobachtet der Sechzehnjährige, was sein Griff bewirkt. Was mit dem gefallenen Engel geschieht. Wie er ihr Leben mit nur zwei Fingern auslöschen könnte. So einfach.

Ein mächtiges Gefühl brandet in ihm herauf. Er bestimmt jetzt über Leben und Tod.

Als ihre Lippen sich bläulich färben, ihre Muskeln in Armen und Beinen zucken, schließt der Junge für eine Sekunde die Augen. Dann verschwindet die Hand um die Kehle des Mädchens, das hustend und keuchend um den wertvollen Sauerstoff ringt.

Schon will die junge Frau aus dem Bett springen, doch er hält sie auf. Seine warme Hand wandert über den zarten Stoff des Nachthemdes und legt sich mit einer beunruhigenden Sicherheit zwischen ihre Beine. Er fühlt die Hitze, die Feuchtigkeit, die lediglich eine natürliche Reaktion des nahen Todes sind.

Den Tod, den er mit minimalem Aufwand hätte herbeiführen können. Das Herz pocht heftig in seiner Brust.

In seinem Kopf wirbeln die Lektionen und Regeln der Bruderschaft durcheinander, denen er sich Stück für Stück unterwerfen wird.

»Wir schützen die Schwachen. Diejenigen, die sich nicht selbst helfen können.«

»Ihr werdet grausamer sein müssen als die Monster, die die Welt heimsuchen. Ihr werdet zähnefletschende Dämonen sein im Kampf gegen das Übel der Welt.«

»Vergiss niemals, dass du derjenige bist, der den Abzug drückt. DU entscheidest, das Leben eines anderen auszulöschen. Also sei dir sicher, wenn du es tust.«

»Schmerz ist überwindbar. Der Verstand ist kontrollierbar. Doch was deine größte Prüfung sein wird, ist es, damit zu leben, ein Monster zu sein.«

Ein Ruck geht durch den Jungen, der den Zwiespalt abstreift wie eine unpassende Jacke. Auf seinem ebenmäßigen Gesicht liegt nun ein raubtierhafter Ausdruck, während er den gefallenenEngel anlächelt.

»Mach die Beine breit für mich, Süße.«

Er ist sich bewusst, dass sie beobachtet werden. Alles ist eine Prüfung, jede Situation ein Training.

Seit den ersten schrecklichen Wochen als Novize mit elf Jahren, in denen er bittere Tränen heimlich im Bett geweint hat und die ersten Spuren des unerbittlich martialischen Trainings auf seiner Haut brannten, kämpft er mit der Rolle, für die man ihn auserkoren hat. Der Kampf zwischen Licht und Dunkelheit. Zwischen Gut und Böse – es ist ein nie enden wollender Kreislauf, den er aufrechterhalten wird.

Er wird seine Familie nicht enttäuschen.

Er wird dem Ruf der Bruderschaft folgen, sich ihren Regeln und dem Kodex vollständig hingeben und er wird niemals scheitern.

»Bitte ...« Ihre Angst ist ihr ins hübsche Gesicht geschrieben, haftet ihrem zarten Körper an und er genießt die Macht, die ihn bei ihrem hilflosen Anblick durchströmt, in vollen Zügen. Tränen verschleiern ihre Augen und sie schließt mit bebenden Lippen die Lider.

Er greift fester zwischen die zitternden Beine des gefallenen Engels, der sich keuchend seinem Schicksal fügt.

»Wenn du deine Augen schließt, wird es nur noch schlimmer für dich, hübsches Kind.«

Ja, er ist ein Monster.

Und er wird ihnen allen zeigen, was sie erschaffen haben.

Dritte Lektion

»Das ist nicht möglich.« Mit vor der Brust verschränkten Armen starrt der Ausbilder seinen Schützling finster an. Sie stehen in der heruntergekommenen Lagerhalle der alten Fabrik, die dem Kreis gehört und in der die Novizen ihre ersten Urteile vollstrecken. Die Sonne scheint durch die dreckverschmierten und teils zerbrochenen Oberlichter, in deren Licht der Staub vergangener Tage tanzt.

»Ich will wissen, was er getan hat.« Der Siebzehnjährige starrt den Mann herausfordernd an, in der Hand die Pistole, die ihm sein Ausbilder vor wenigen Augenblicken gegeben hat.

»Du weißt, das geht nicht.«

»Eine Regel besagt, dass ich mir sicher sein muss, den Abzug zu drücken. Also wie ...«

»Hör auf!« Der Ausbilder schnaubt genervt. »Das können wir nicht machen.«

Einige Meter von ihnen entfernt kniet ein Mann in heruntergekommenen Klamotten, dessen Hände hinter dem Rücken gefesselt sind und das Gesicht unter einem schwarzen Sack verborgen. Sein erster Auftrag. Unruhig wimmert der Kerl in den versteckten Knebel.

Er muss diese Aufgabe erfüllen.

Er muss diesen Mann hinrichten, wie es der Erste der Ersten von ihm verlangt hat. Mit zwei präzisen Schüssen: Einer ins Herz, einer zwischen die Augen.

Aber ... hat dieser Mann es verdient? »Diese Regel ist idiotisch.«

Warnend zieht der Ausbilder eine Augenbraue hoch. »Tu deine Pflicht und lamentier hier nicht herum.«

Der junge Mann streckt die Hand nach dem Sack aus, zieht ihn von dessen Kopf und starrt in die rot geäderten, panisch dreinblickenden Augen. »Was hast du getan, dass du hier gelandet bist?«, fragt der Novize den Kerl und will nach dem Knebel greifen, doch seine Hand wird zurückgerissen. Flehend wimmert der Mann auf und seine aufgerissenen Augen treten fast aus ihren Höhlen.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen?!« Unsicher sieht sich der Ausbilder nach dem Fahrer um, der dem Ersten der Ersten nach Vollendung der Tat Bericht erstatten wird. Dieser ist nirgends zu sehen. Mit einem tiefen Seufzer schüttelt der Ausbilder den Kopf. »Du bringst mich noch ins Grab, Kleiner. Wäre ich deinem Vater nicht verpflichtet ...« Kopfschüttelnd holt er Luft. »Er ist Mitglied einer Bande, die an Schulen in Vancouver Drogen an Schüler verkauft. Als er geschnappt wurde, haben sie bei ihm drei Kilogramm Koks und 500 Gramm Pillen gefunden.«

Erstaunt wirbelt der Junge zu dem Mann herum, der sich nervös umblickt. »Jetzt mach schon. Sonst werden wir beide ins Loch gesteckt und bei lebendigem Leib gegrillt.«

Als der Siebzehnjährige den Blick auf sein erstes Opfer richtet, legt sich eine eisige Ruhe über ihn. Alles um ihn herum ist gestochen scharf und er spürt, wie sich die feinen Härchen in seinem Nacken aufrichten, als er die Waffe auf die Brust des knienden Mannes vor ihm richtet. Dessen wässrige Augen sind weit aufgerissen und er zittert am ganzen Leib. Wie als würde sich die Zeit zusammenziehen, fokussiert er den Punkt auf seinem Ziel.

Dann drückt er ab.

Der zweite Schuss folgt einen Herzschlag später und reißt den Kopf des Kerls nach hinten.

Grimmig betrachtet der Novize die sich ausbreitende dunkelrote Blutlache, in der sich der Staub des Betonbodens verfängt.

»Na, hat er es endlich geschafft?« Der Fahrer schlendert mit einem Zahnstocher im Mundwinkel zu den beiden und der Ausbilder tritt vor die Leiche.

»Ja. Ganz vorschriftsmäßig. Du kannst dem Putztrupp Bescheid geben.«

»Wieso ich?«, mault der Fahrer und will einen Blick auf den Toten werfen.

»Weil ich es dir sage, verdammt noch mal«, bellt ihn der Ausbilder an und der Fahrer hebt beschwichtigend die Hände.

»Ist ja gut. Kein Grund, unhöflich zu werden.«

»Jetzt mach schon. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, hier herumzustehen.«

Widerwillig stapft der Fahrer zur Treppe, die ins Untergeschoss der riesigen Halle führt, wo die Putzkolonne wartet, um die Leiche zu entsorgen. In den alten Brennöfen der Maschinenfabrik fanden in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte Verbrennungen statt. Sauber und effizient.

Sobald die beiden allein sind, fährt der Ausbilder zu seinem Schützling herum. »Dafür schuldest du mir etwas.«

Der Siebzehnjährige reicht dem Mann die Hand und blickt ihm aus ernsten graugrünen Augen an. »Egal, was es ist, ich werde es tun.«

Über das wettergegerbte Gesicht des Ausbilders huscht ein erstaunter Ausdruck, während er die dargebotene Hand schüttelt, bevor er sich räuspert. »Steig in das verdammte Auto. Wir müssen den Bericht abgeben.« Damit marschiert er zum Ausgang der Lagerhalle, vor der der Wagen geparkt ist.

Der Junge folgt ihm.

Für ihn steht fest, dass manche Regeln da sind, um gebrochen zu werden.

Das Ritual

Mit einem tiefen Atemzug schließt er die Augen, zieht sich in seinen Geist zurück und die Welt um ihn herum verblasst. Heute wird er wiedergeboren. Heute wird sich seine dunkle Seite offenbaren, und er wird seinen Platz in der Welt einnehmen.

In der Luft schwebt der zarte Duft von Weihrauch, der seine Sinne klärt. Von unzähligen Kerzen erhellt, liegt die gotische Kapelle im Halbdunkel, in der er vor dem Altar kniet.

»Wir haben einen heiligen Eid geleistet, um die freie Welt zu schützen. Mit allen Mitteln.« Die Stimme seines Vaters ertönt in seinem Kopf. »Aber große Macht bedeutet ebenso große Verantwortung. Du musst wachsam sein, mein Sohn. Unter den guten Hirten versteckt sich womöglich ein blutrünstiger Wolf.«

Schwere Anschuldigungen, die einem Todesurteil gleichkommen.

Aber wer, wenn nicht die Vollstrecker selbst, könnten solch eine verabscheuungswürdige Tat aufdecken?

Der Achtzehnjährige öffnet die Augen.

Er wird ab morgen ein Doppelleben führen, im Schatten agieren und im Namen der Gerechtigkeit sein Leben aufs Spiel setzen.

Er wird ein Vollstrecker.

Ein Geist.

Ein Killer.

Ein Monster im Maßanzug.

In einer extra für ihn arrangierten Prozession schreitet er zum Castell auf dem riesigen parkartigen Gelände, welches sich seit fast zweihundert Jahren im Besitz der Bruderschaft des Kreises befindet.

Er betritt eine der vielen antiken Badekammern und wird von zwei Frauen entkleidet. Die von der Decke hängenden Feuerschalen werfen zuckende Schatten über die steinernen Wände und im Kamin an der Stirnseite des Raumes knackt ein Holzscheit.

Durch die Kammer ertönt ein monotoner Choral aus dunklen Männerstimmen, als er nackt in das dampfend heiße Wasser der Kupferwanne steigt und untertaucht. Alleine mit seinem Herzschlag verharrt er im reinigenden Wasser.

Als er auftaucht, wird er von den beiden Frauen abgeschrubbt, bis seine Haut glüht. Der Seifenschaum duftet wie in der Kapelle nach Weihrauch, beruhigt seine Gedanken und klärt seine Sinne. Sie rasieren seinen gesamten Körper, bis auf das Kopf- und Gesichtshaar, befreien ihn sinnbildlich von allen Makeln seines bisherigen Lebens. Gereinigt und glatt wird er vor den Ersten der Ersten treten, um den heiligen Blutschwur abzulegen.

Mit Öl wird sein Körper gesalbt, um anschließend in das weiße, knöchellange Baumwollhemd eingehüllt zu werden.

Die letzte Hülle, die das Monster in ihm noch bedeckt.

Barfuß tritt er den Marsch durch den Gang hinunter in den rituellen Saal an. Zwei schwarz gekleidete Zeugen, deren Gesichter hinter schwarzen Masken verborgen sind, flankieren ihn. Der chorale Gesang schwillt an, empfängt ihn zu seiner Wiedergeburt. Von den Wänden des mit dunkelblauen Samtbannern und dem goldgestickten Symbol des Kreises geschmückten Saals hallen grollend die Trommeln wider.

Um das steinerne Taufbecken steht der Rat der Ersten – die Gesichter hinter schwarzen Masken verborgen –, um ihn zu empfangen. Identitätslose Wächter des Friedens, die ihn mit grausamsten Mitteln verteidigen.

Der Erste der Ersten, ganz in Weiß gekleidet, neigt das Haupt – nur dieses eine Mal bringt er ihm diese Ehrerbietung dar. Im Hintergrund stehen die Mitglieder der Bruderschaft des Kreises, um dem Spektakel beizuwohnen und das Erwachen des neuen Vollstreckers zu bezeugen.

Der Achtzehnjährige sinkt vor ihnen auf die Knie, die Handflächen nach oben gewandt, den Kopf demütig gesenkt.

Der Chor verstummt. »Vor uns kniet Jemand. Jemand, der uns dienen will. Jemand, der sich verpflichten will. Ist Jemand bereit, den Preis dafür zu bezahlen?«

»Ja, ich bin bereit.« Seine Stimme ist fest und entschlossen.

»So tritt vor und leiste ihn.« Eine heroische Melodie ertönt, die Mitglieder wiederholen die Worte des Ersten der Ersten, sodass es sich anhört, als würde der Saal überkochen.

Er erhebt sich, nimmt das kunstvoll verzierte Messer von einem der schwarz gekleideten Zeugen entgegen und tritt an das Becken.

»So schwöre nun den Eid, der niemals gebrochen werden kann. Schwöre bei deinem Leben die Treue zu der Bruderschaft. Und besiegle ihn mit deinem Blut.«

Mit einer beherzten Bewegung hebt er für alle sichtbar das Messer und zieht die Klinge über seine linke Handfläche, während er die Worte des Ersten der Ersten wiederholt. Sobald er das beißende Gefühl der offenen Wunde spürt, läuft ihm ein Schauer über den Rücken. Es wird geschehen. Er ballt die Hand zur Faust, hält sie über das Wasserbecken und lässt zwanzig Tropfen hineinfallen. Sein Obolus.

Dann wendet er sich dem Ersten der Ersten zu und legt seine blutige Hand auf dessen Brust, direkt über dem Herzen.

»So nehmt den Preis unseres neuesten Mitglieds an«, ruft der Erste der Ersten feierlich aus. Der zweite Zeuge füllt eine kleine, handtellergroße Schale mit dem Wasser-Blut-Gemisch und reicht sie dem ersten Mitglied des Rates, das einen kleinen Schluck nimmt und sie an seinen Nachbarn weiterreicht. Jeder von ihnen trinkt von der Essenz des Lebens, um den neuen Vollstrecker willkommen zu heißen.

Vereinigung.

Besiegelung.

Verbindung.

Er ist einer von ihnen.

Ein Vollstrecker.

Ihr Henker.

Das rauschende Fest gilt ihm, doch er ist zu angespannt, um es genießen zu können. Wachsam gleitet sein Blick durch die Menge auf der Suche nach einer Unstimmigkeit. Einem Fehler im Bild. Solche Dinge fallen ihm sofort auf. Er kann regelrecht spüren, wenn etwas nicht stimmt, und das macht seine Effizienz im Kampf gegen das Böse in der Welt aus.

Mürrisch verzieht er das Gesicht, als sich einige gefallene Engel um ihn scharen, ihm zuflüstern, was für sündige Abenteuer er mit ihnen erleben könnte, doch er lehnt alle mit knappen Worten ab. Dafür ist er nicht hergekommen.

Der warme, erdige Geruch der Kräutermischung, die von den im Raum verteilten Räucherschälchen ausgeht, belebt seinen Geist und er nimmt kalt lächelnd die Beglückwünschungen der Mitglieder entgegen. Jetzt ist er das Raubtier unter ihnen, das jeden, der gegen die Regeln und strengen Gesetze des Kreises verstößt, in Stücke reißen wird.

»Wir haben Großes mit dir vor«, ertönt plötzlich die Stimme des Ersten der Ersten.

Der neue Vollstrecker versteift sich neben dem mächtigsten Mann der Bruderschaft. »Wie kann ich zu Diensten sein?«

»Das wirst du früh genug erfahren. Aber es wird dir alles abverlangen.« Die Hand des Ersten der Ersten legt sich auf des Vollstreckers Schulter. »Du wirst unser williges Werkzeug sein, nicht wahr?« Damit verschwindet der Mann in der Menge und eine düstere Vorahnung beschleicht den neuen Killer der Bruderschaft, dass diese kleine Unterhaltung die Sprengkraft haben wird, den Kreis in seinen Grundfesten zu erschüttern.

Kapitel 1

Parker

Adrenalin rauscht durch meine Adern. Die Lichter des Highways verschwimmen zu grellen Leuchtstreifen am Rande meines Blickfeldes, während ich mit 280 km/h über den Asphalt durch die sternklare Nacht jage. Geschwindigkeit – meine Sucht.

Viele würden mich als besonnenen und langweiligen Zeitgenossen beschreiben, doch das ist nur die Wahrheit, die ich der Welt zeige, um mein wahres Monster dahinter zu verstecken.

Denn ich bin weder besonnen noch langweilig.

Ich bin ein hochgezüchtetes Mordwerkzeug einer brutalen, elitären Schattengesellschaft, die sich dem Schutz der freien Welt verschrieben hat und ... sich selbst mehr und mehr in das Monstrum verwandelt, das sie eigentlich bekämpfen will.

Mit einer minimalen Bewegung des Lenkers schieße ich zwischen der linken Leitplanke und dem dahintuckernden Pick-up-Truck hindurch. Ein wütendes Hupen ertönt sogleich, doch ich höre es nur verwaschen durch den Helm und den dröhnenden Fahrtwind.

Das Sichtfeld wird geschärft, die Sinne öffnen sich, die Welt wird zu einer tödlichen Falle. Jede Bodenunebenheit, jeder Windstoß, jede Unachtsamkeit der Autofahrer – einfach alles – kann dich umbringen. Und das fühlt sich wie ein langersehntes Erwachen an.

Ich bin kein suizidgefährdeter Mensch. Im Gegenteil.

Nur bin ich umgeben von Macht und Tod, die ich selbst ausübe und mich daran erinnern, wie leicht es ist, ein Leben zu beenden.

Wie ungleich schwerer es ist, zu leben. Wahrhaftig zu leben.

Fuck!

Wieder ertönt ein wildes Hupkonzert hinter mir, denn ein Fahrer wechselt unvermittelt auf meine Fahrbahn, was mich dazu verleitet, in einem höllischen Manöver rechts an ihm vorbeizujagen, um im nächsten Herzschlag zwischen zwei Autos hindurchzupreschen.

Wild hämmert mein Herz gegen den Brustkorb und ich drossle die Geschwindigkeit. Vollgepumpt mit Adrenalin stoße ich ein erleichtertes Lachen aus.

Das war verdammt knapp.

Aber nichts im Vergleich zu dem, was mir für gewöhnlich einen Kick versetzt.

Regeln, Bestimmungen, Kodizes – Fesseln, die mich am Boden halten.

Als ich vor zwei Stunden die verschlüsselte Nachricht erhalten habe, die mich ins Zwielicht stößt – mich zu einem Verräter macht –, konnte ich die Eruption meiner mühsam zusammengehaltenen Gefühle nicht mehr stoppen. Ich brüllte meine Wut über die verdammte Ohnmacht heraus, die mich packte, denn ich kann mich diesem Ruf nicht entziehen – obwohl er gegen alles verstößt, was ich dachte, beschützen zu müssen.

Mit dieser Aufgabe hintergehe ich nicht nur meinen heiligen Blutschwur. Ich werde meine Brüder belügen müssen. Ich werde all mein Talent aufbieten müssen, um nicht selbst am Ende vor dem Konzil gerichtet zu werden. Sollte ich erfolgreich sein, könnte dies das Ende des Kreises bedeuten. Das Ende von einfach allem.

Aber wir spielen ohnehin ein dreckiges Spiel.

Erst vor einigen Tagen habe ich dem Ersten der Ersten, unser Oberhaupt, praktisch ins Gesicht gespuckt, als ich – zugegeben durch einen schmutzigen Trick – meine anberaumte Verlobung torpediert habe, was mir den Zorn und den allgemeinen Groll des Rates der Ersten eintrug. Aber ich verweigere es, mich in diesem Punkt auch noch von der Bruderschaft dirigieren zu lassen.

Machterhaltung geht einher mit Arterhaltung – Blutlinien werden kombiniert, um den Fortbestand des Kreises zu sichern. Um neue Bewahrer und Vollstrecker und Mitglieder zu entsenden, die die Welt aus den Schatten heraus lenken. Dieser Regel kann sich nicht einmal jemand wie ich entziehen. Außer durch das eigene Ableben.

Doch ich habe nicht vor, mich auf diese Weise von der Welt zu verabschieden. Dazu brodelt ein viel zu heißes Feuer an Lebenswille in mir. Und das der Rebellion.

Gefangen zwischen zwei Welten, bin ich das Werkzeug einer zweihundert Jahre alten Institution, die aus dem Wunsch nach Vergeltung entstand. Aber heute ...

Das Leben ist ein verfluchter Zirkus. In dem Spiel zwischen Gut und Böse gibt es keinen Gewinner, denn es wird bis in alle Ewigkeit gespielt werden. Wir sind dazu verdammt, Blut im Namen der Gerechtigkeit zu vergießen, treten damit die wahren Werte und Gesetze der freien Welt mit Füßen und erheben uns als heilbringende Instanz über einfach alles.

Ich habe vergessen, wie sich das echte Leben anfühlt. Eines, das geprägt von Wahrheit, Liebe und Vertrauen lebenswert ist. In meiner Welt herrschen Gewalt, Macht und Gehorsam, die ich vertrete und durchsetze.

Wer jetzt denkt, ich sei aufgrund des Gedankens an Liebe ein verblendeter Schlappschwanz, täuscht sich gewaltig. Ich glaube nicht an so etwas. Nicht in meiner Welt. Nicht innerhalb der Bruderschaft des Kreises.

In ihr ist alles auf ein einziges Ziel ausgerichtet: Machterhaltung.

Und ich bin derjenige, der dafür sorgt, dass sie in unseren Händen bleibt.

Wenn du lange genug die grausamsten Dinge tust, werden sie dir irgendwann nicht mehr so grausam erscheinen. Die Angst vor Schmerz und Gewalt ebbt ab und verliert sich in einem nebulösen Zustand von Überheblichkeit. Gefahr peitscht dich nicht mehr auf und die mächtigste Triebfeder des Lebens verkümmert, bis der Tod interessanter erscheint als der nächste Atemzug.

Deshalb ist Leben viel brutaler als Sterben.

Deshalb bin ich besessen vom Ritt auf der verdammten Rasierklinge.

Deshalb lebe ich am Rande des Todes.

Lass mich in deiner

DUNKELHEIT

verbrennen!

Ich will dir

all meine ANGST

schenken.

Kapitel 2

Kenzie

Schweißgebadet schrecke ich aus dem Schlaf auf. Der Sturm heult ums Haus und lässt die Bäume im Garten ächzen. Mein Herz pocht unangenehm heftig gegen den Brustkorb und ich habe den bitteren Geschmack von Galle auf der Zunge. Mit einem zittrigen Atemzug stehe ich auf und tappe benommen von dem grausamen Albtraum ins Bad, um mir den Mund auszuspülen.

Wieder verfolgt er mich in meinen Träumen.

Wieder kann ich nicht entkommen.

Wieder hilft mir niemand.

Wieder bin ich ... allein.

Nervös reibe ich mir über die feinen weißen Narben an meinen Handgelenken, die jedes Mal, wenn mich der Horror heimsucht, unangenehm jucken.

Ich sei verrückt, haben sie gesagt.

Ich hätte den Verstand verloren.

Ich sei außer Kontrolle, hieß es.

Ich würde nicht genug Demut zeigen.

Niemand hat mir geglaubt – nicht einmal Mum. Im Gegenteil.

Sie war diejenige, die mich in die Klinik brachte und mich einsperren ließ. Ganze acht Wochen. Ich wurde mit Medikamenten vollgepumpt, damit ich die Vorwürfe nicht mehr laut hinausschreien konnte. Denn das war Blasphemie.

Ich sei vom Teufel besessen, keifte meine Mutter, als ich sie heulend anflehte, mich nicht allein zu lassen, mir zu glauben. Doch das tat sie nicht.

Ihren abwertenden Blick werde ich nie vergessen und beim Gedanken an die endlosen Nächte, in denen ich kein Auge zumachen konnte, weil ich jedes Mal sein Gesicht vor mir sah, brach schließlich mein Widerstand.

Nichts hat mich auf den Zusammenbruch vorbereitet. Ich war nur noch ein Schatten meiner Selbst, gefangen in einem dumpfen Käfig, der mir jeglichen Lebenswillen raubte. Bis sie mich entließen.

Ich vermeide den Blick in den Spiegel über dem marmornen Waschtisch, denn ich weiß, was mich erwartet. Zu oft habe ich mich vor meinem zerstörten Spiegelbild geekelt.

Du bist eine Schande für diese Familie.

Wie kannst du nur so etwas sagen?

Bete um Vergebung zum Allmächtigen, dass er deine verkommene Seele retten möge.

Ich schüttle die verachtenden Worte meiner Mutter ab, die mir tief ins Herz geschnitten haben. Die mich haben emotional ausbluten lassen, als selbst sie mir nicht geglaubt hat.

Als Tochter eines der mächtigsten Männer in der Bruderschaft des Kreises gibt es unumstößliche Regeln, deren Missachtung bestialische Konsequenzen mit sich bringt. Die Ladyschaft – das sind die Ehefrauen und volljährigen Töchter der Gründungsfamilien – ist eine kaltherzige Schlangengrube machtgieriger Frauen, die einander eher das Herz aus der Brust reißen würden, als sich gegenseitig zu unterstützen. Um in diesem toxischen Umfeld zu überleben, muss man mit harten Bandagen kämpfen.

Ich war nie eine Kämpferin.

Vielmehr wurde ich wie ein rohes Ei behandelt und vor der Welt verborgen. Mir wurden die alten Werte der Bruderschaft beigebracht, in denen die Frau in einer Ehe Demut und Hingabe zeigen muss. Ihrem Ehemann zu Diensten sein sei ein Privileg, sagten sie. Ein eigenes Lebensziel war nicht vorgesehen. Alles zum Wohle der Schattengesellschaft, in der wir leben.

Meine Mutter war besessen von Bibelversen und den martialischen Methoden, die die Büßer in den uralten Klöstern vor Hunderten von Jahren durchlitten haben. Mein Bruder und ich haben den Stock genau wie ihre Hand regelmäßig zu spüren bekommen, wobei ich in ihren Augen immer die Sünderin war – egal wie viel ich gebetet habe.

Die schlimmste Nacht meines jämmerlichen Lebens wurde von ihr als ›gerechte Strafe für mein sündiges Verhalten‹ abgetan. Das Einzige, was ich mir bis dahin zuschulden kommen ließ, war, siebzehn Jahre alt zu werden und meine Geburtstagsparty zu feiern.

Der erste Alkohol hatte mich ziemlich mitgenommen und nach wenigen Gläsern war ich betrunken genug, um auf einem der Tische, die wir im VIP-Bereich eines schicken Clubs reserviert hatten, barfuß zu tanzen. Ich fühlte mich in diesem Augenblick zum ersten Mal wirklich frei.

Bis alles aus dem Ruder lief.

Niemand zeigt ein Mitglied des Kreises an. Schon gar nicht eine betrunkene Siebzehnjährige, die aus dem wohl strengsten Elternhaus auf diesem Planeten kommt. Aber ich habe es getan.

Das heißt, ich habe es meinem Vater unter Tränen erzählt.

Doch Dad war überhaupt nicht erfreut.

Anstatt mich zu verteidigen und zu beschützen, bekam ich all seinen Hass zu spüren.

Du bist nicht bei Sinnen!

Wie kannst du nur in diesem Aufzug auf eine Party gehen?

Wer sich wie eine billige Hure kleidet, darf sich nicht wundern, wenn so etwas passiert.

Ich war verloren in einem dunklen Chaos aus Verzweiflung, Wut und giftigen Selbstzweifeln, die mich in ein tiefes Loch stießen. Tagelang verkroch ich mich weinend über meine Schande in meinem Zimmer, bis ich keine Tränen mehr übrig hatte.

Die Gynäkologin wurde bestochen, nichts über meinen Zustand zu verraten. Ein weiterer Vorteil, wenn man einer geheimen, brutalen Gesellschaft angehört, die jeden kaufen oder beseitigen kann, der ihr in die Quere kommt.

Irgendwann verlor ich mich in düsteren, morbiden Fantasien, dass das Leben nichts weiter als eine Haltestelle für den erlösenden Tod sei.

Was ist ein Leben eigentlich wert, wenn es niemanden interessiert, ob du da bist oder nicht?

Ich wollte mich vor der Welt verstecken, unsichtbar werden, um mich in der Vergessenheit aufzulösen. Zu verlockend war die Agonie, in die ich mental abdriftete, mit der Aussicht auf ein friedliches Dahinscheiden inmitten einer silbergrauen Wolke des Vergessens.

Die Verpflichtungen, die ich als Tochter eines Ratsmitglieds des Kreises erfüllen musste, liefen wie ein Film an mir vorbei, in dem ich gar nicht mitspielte.

Alles um mich herum versank in graue Tristesse, und ich hieß die Eintönigkeit willkommen, denn sie zeigte mir, wie leicht es war, dieser Welt zu entsagen.

Bis dahin hatte ich mich mit vielen Methoden und Möglichkeiten auseinandergesetzt, wie man seinem Leben ein Ende setzen kann. Hoffnungslos romantisch wie ich bin, dachte ich, mein Verzweiflungsakt würde meine Mutter wachrütteln, mir ihre Liebe einbringen und mich zurück in ihre Herzenswärme führen.

Doch nichts davon traf ein.

Im Gegenteil.

Der Skandal, den ich heraufbeschwor, zerschnitt die letzten zarten Bänder zwischen Mutter und Tochter. Ich hatte mein Schicksal besiegelt, obwohl ich stumm um Hilfe gebrüllt hatte.

Niemand hat es gehört.

Niemanden hat es interessiert.

Jetzt hebe ich doch den Blick und starre mir selbst im Dunkel der Nacht entgegen.

»Er wird dafür bezahlen, was er getan hat. Irgendwann. Aber er wird bezahlen«, schwöre ich mir selbst und tappe zurück ins Bett.

Wenn du dich in deiner eigenen

DÜSTEREN Verzweiflung verlierst,

braucht es einen dunklen Ritter,

der dich in deiner Finsternis finden kann,

um dich zu retten.

Kapitel 3

Parker

Ausdruckslos starre ich auf den Mann, dessen Rücken entblößt und blutüberströmt von Nathan ein weiteres Mal mit der Peitsche malträtiert wird. Ein niederes Mitglied der Bruderschaft hat seine Position ausgenutzt, um sich die Taschen vollzumachen und einer der Bewahrer ist auf die Unregelmäßigkeiten in den Büchern der Firma aufmerksam geworden, für die er tätig war.

Für ihn empfinde ich kein Mitleid.

Nicht umsonst haben wir einen heiligen Blutschwur abgelegt, genau solchen Machenschaften in der Welt außerhalb des Kreises mit aller Härte entgegenzutreten.

Wer seinen Schwur bricht, ist verloren.

Egal, wer er ist oder welcher Familie er entsprungen ist. Die Regeln sind unumstößlich und werden mit Schmerz und Blut gesühnt. Je nach Schwere des Vergehens sogar mit dem Tod.

Die meisten zerbrechen allerdings in den ersten Tagen der Folter, die sie erdulden müssen, denn ein Grundpfeiler der Macht des Kreises ist Gewalt. Wir, die Vollstrecker, sind befugt, sie gegen jede Verfehlung einzusetzen, um zu demonstrieren, was es einen kostet, den Kodex zu verraten.

Von den uralten Wänden in einem der vielen Gewölbe des Castells hallen die zischenden Atemzüge und das Knallen der Peitsche wider. Nathan ist der gefürchtetste Vollstrecker, was Züchtigung anbelangt, denn er hat die Auspeitschung perfektioniert. Jeder seiner Hiebe reißt dem Opfer das Fleisch auf, schneidet tief in die Muskulatur und hinterlässt hässliche Narben, die zu seinem Markenzeichen geworden sind.

Der Bastard genießt es geradezu, seine Brutalität zur Schau zu stellen, und ich weiß aus erster Hand, dass ihm dabei einer abgeht, zu sehen, wie seine Opfer um Gnade winseln.

Michael steht mit unbewegter Miene neben mir und wir demonstrieren Loyalität dem Rat der Ersten gegenüber, der hinter der steinernen Balustrade dem Akt der Gewalt beiwohnt. Der letzte Hieb lässt den angeketteten Mann aufkeuchen, dann sackt er in sich zusammen.

»Wir danken den Vollstreckern für ihre Dienste«, ertönt die Stimme des Ersten der Ersten, die unter der weißen Maske gedämpft, aber laut genug über die Szenerie hallt. Einer der Ausbilder bindet den Mann los, der taumelnd zur Seite tritt.

»Wir sehen alles. Wir hören alles. Wir wissen alles. Sei dir dessen stets bewusst, wenn du den vorbezeichneten Weg verlässt.« Der Mann, dessen Blut von seinem Rücken auf den unebenen Steinboden tropft, verneigt sich steif in Richtung des Rates der Ersten.

»Bereut Jemand seine Verfehlung?«

Schnaufend nickt der Mann. »Ja, ich bereue.«

»Dann geh, und tue Buße.« Damit ist er entlassen und nach einer weiteren ungelenken Verbeugung schlurft er Richtung Krankentrakt. Er wird noch Monate mit den Folgen der Auspeitschung zu kämpfen haben, und es wird ihn daran erinnern, nicht ein weiteres Mal aus der Reihe zu tanzen.

Nathan wischt sich mit dem Ärmel seines hochgekrempelten Hemdes den Schweiß von der Stirn und hat ein seliges Lächeln auf den Lippen.

Krankes Arschloch.

»Wollen wir etwas essen gehen?«, fragt er, während er die Peitsche einem der Novizen reicht, die sie säubern, desinfizieren und aufhängen werden. So wie wir es vor etlichen Jahren ebenfalls getan haben.

Kopfschüttelnd lehne ich ab.

Michael starrt mich argwöhnisch an. »Das hat nicht zufällig etwas mit den neuen gefallenen Engeln im Illusion Club zu tun?«

Ohne auf die Provokation einzugehen, richte ich meinen Hemdkragen unter der eng anliegenden schwarzen Lederjacke. »Wir sehen uns beim Training.« Damit stapfe ich auf das schwere, doppelflügelige Portal zu, das mir von einem der beiden Wachposten geöffnet wird.

Ich muss den Kopf freibekommen.

Mein Affront gegen den Rat der Ersten wird nicht ungesühnt bleiben und ich warte seit dem skandalösen Moment am Tag der Reinwaschung – das diesjährige Samhainfest –, an dem ich Rosalie St. James brüskiert habe, auf die Strafe.

Mein Vater konnte nur mit wutverzerrtem Gesicht der Szene beiwohnen, denn als Oberhaupt unserer Familie musste er das Chaos schlichten, welches ich heraufbeschworen hatte. Das wichtigste Ritual der Bruderschaft war dabei, in eine Katastrophe zu schlittern, und nur mit der eisernen Disziplin des Rates der Ersten war es möglich, eine Eskalation zu verhindern.

Michael und Nathan bedachten mich mit einem dreckigen, vielsagenden Grinsen, als sie Rosalies Vater und ihren jüngeren Bruder daran hinderten, mir eine reinzuhauen. Nicht zuletzt waren wir uns alle drei einig, dass wir es nicht zulassen würden, uns in eine Ehe zwingen zu lassen, die zum Scheitern verurteilt war, bevor sie überhaupt angefangen hatte.

Wir sind Raubtiere, die sich niemals in einen Käfig sperren lassen werden, den wir nicht selbst gewählt haben.

Draußen heult der Wind auf – ein nasskalter Novembertag – und ich steige in meinen schwarzen Escalade, der neben Michaels G-Modell parkt. Die verschlüsselte Nachricht geistert weiterhin im Kopf herum, doch bislang gibt es keinen Anhaltspunkt, wo ich mit der Beweissuche anfangen soll.

Im Grunde muss ich jedes Mitglied des Rates der Ersten observieren, ihre dunklen Geheimnisse lüften und alle schmutzigen Machenschaften aufdecken, die mir in die Finger kommen. Ein massiver Eingriff in die Unantastbarkeit des Rates. Ein Todesurteil.

Etwas Derartiges hat es in der gesamten Historie des Kreises noch nie gegeben. Niemand hat es bislang gewagt, die Ältesten eines Machtmissbrauchs oder anderer Vergehen zu beschuldigen.

Nun steht ein schrecklicher Verdacht im Raum, der alles, was die Bruderschaft begründet, auf dem sie erbaut wurde, vernichten könnte. Und ich halte die Zündschnur dieser Bombe in den Händen. Als ich die Nachricht decodiert und gelesen hatte, verstieß ich gegen den Blutschwur, gegen meine Loyalität, Treue und meinen Gehorsam gegenüber dem Kreis. Damit stigmatisierte ich mich selbst als Verräter.

Mein Weg führt mich zunächst nach Coral Harbour, wo ich den Wagen stehen lasse und mein Donzi 38 ZRC nehme, um die Bucht von Burrard Inlet nach North Vancouver zu überqueren. Der eisige Wind peitscht mir ins Gesicht und ich genieße die Geschwindigkeit in vollen Zügen. Die innere Unruhe legt sich, mein Blick schärft sich und ich habe das Gefühl, zum ersten Mal seit Tagen frei atmen zu können.

Am Frachthafen herrscht wie zu jeder Tageszeit reges Treiben, und ich lenke das Speedboat zum abgelegenen Teil der Hafenanlage. Dort sind die Lagerorte für private Frachtcontainer angesiedelt. Ich steuere den überdachten Anleger an, vertäue das Boot und stapfe durch das Labyrinth aus bunten Containern, die hier auf gemieteten Flächen stehen. Der Vorteil, Teil der Bruderschaft des Kreises zu sein, ist, dass man auf unerschöpfliche Mittel und Ressourcen zugreifen kann. Ich habe einige dazu benutzt, um mir ein autarkes Versteck aufzubauen, von dem niemand weiß. Nicht einmal meine Brüder.

Ein entscheidender Punkt in der Ausbildung des Kreises war, den Schutz der uns wichtigsten Menschen zu gewährleisten. Sie sind unsere Schwachstelle, unser Druckpunkt, unsere Sollbruchstelle.

Jeder geht daran zugrunde, wenn denjenigen, die man liebt, Gewalt angetan wird. Nicht umsonst gibt es innerhalb der Bruderschaft zwar Allianzen und Ehen, aber keine wirkliche Liebe.

Diesen Luxus können wir uns schlicht nicht leisten.

Denn wir nutzen dieses einfache Druckmittel gleichermaßen unseren Feinden gegenüber.

Wie oft habe ich selbst das Kind, die Geliebte oder Ehefrau eines Verbrechers dazu benutzt, ihm Geständnisse abzuringen? Die Schreie und das Blut jener, die man liebt, sind unerträglich und lösen früher oder später die Zungen jedes noch so starken Charakters.

Surrend springt das Zahlenschloss auf und ich trete in den Container, den ich ein wenig modifiziert habe. Die zwei neben mir und den dahinter habe ich ebenfalls gekauft, mit irgendwelchem Krempel bestückt, der laut Papieren drei unbescholtenen Bürgern gehören soll und die es de facto nicht gibt. Ein simples Manöver, um niemanden zu nah in meinen Wirkungskreis kommen zu lassen.

Klickernd flammen die Neonröhren an der Decke auf, und ich schalte die Computer ein. Jede der Gründungsfamilien habe ich bereits überprüft, bis in die vierte Generation ihre Tätigkeit für den Kreis, ihre Vermögenslage, ihre familiären Bande und mögliche Unregelmäßigkeiten – nichts.

Doch das ist bedeutungslos.

Ich bin auf der Suche nach dem, was nirgendwo verzeichnet oder gespeichert wird. Will ihren dunkelsten Sehnsüchten, ihren schmutzigsten Geheimnissen auf die Schliche kommen. Etwas, das sie keiner Menschenseele anvertrauen würden.

Mein Fokus liegt auf der Familie, die derzeit die Geschicke aller Mitglieder des Kreises indirekt lenkt – den Weardons.

Alexander Weardon, Witwer und Vater von Rick und Kenzie, bekleidet unser höchstes Amt seit nunmehr zehn Jahren. Seine Frau Marie, geborene Ferduson, kam vor fünf Jahren durch einen Unfall ums Leben – allerdings gibt es hierzu keinerlei Aufzeichnungen oder Berichte. Ungewöhnlich, da ein solch tragisches Ereignis eigentlich eine Untersuchung nach sich zieht. Normalerweise müsste Alexander Weardon laut Kodex längst eine neue Ehe eingehen, hat dies bislang jedoch vermieden.

Die Frage ist, warum?

In einer streng kontrollierten Welt wie der meinen geschieht nichts aus Zufall oder einer Laune heraus. Alles ist kalkuliert, präzise justiert und auf eine langfristige Basis ausgelegt. Daher stellt sich die Frage, warum ausgerechnet der Erste der Ersten dem Ruf bislang nicht gefolgt ist.

Dafür ist er mir mit diesem leidigen Thema auf den Sack gegangen.

Ich verbanne die aufsteigende Wut über die Hilflosigkeit, denn sie lenkt mich nur ab. Lockend kriecht sie mir über den Nacken, streichelt mein Ego und flüstert mir zu, ich solle diesem Mistkerl den Kiefer zertrümmern, dafür, dass er mich in die Bredouille gebracht hat, die kleine Rosalie St. James vorzuführen. Armes Ding.

Aber ich werde in dieser Hinsicht nicht mit mir handeln lassen. Diesen einen Punkt in meinem Leben bestimme ich selbst. Auch wenn das bedeutet, dass ich für meinen Ungehorsam wahrscheinlich in Kürze eine empfindliche Strafe verbüßen muss.

»Ich bin gespannt, was du in den Tiefen deiner verdorbenen Seele versteckst, Mr. Weardon«, murmle ich mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen, während ich meine Ausrüstung zusammensuche. Mit wenigen Tastenkombinationen greife ich auf die Spy-Software zu, die sich mühelos in das Überwachungssystem der Villa einloggt, in der die Familie Weardon seit mehr als drei Generationen residiert.

Gedankenversunken spiele ich mit meinem Feuerzeug herum. Das kühle Metall ist ein krasser Gegensatz zu der heißen Flamme – ambivalent, genau wie ich.

Genau wie die Bruderschaft und genau wie die verfluchte Tatsache, dass wir die gottverdammt grausamsten Killer der Erde sind, die mit ihren bestialischen Fähigkeiten die zivilisierte Welt beschützen. Wir sind schlimmer als der Abschaum des Planeten. Wir legen nur den Deckmantel des Kodex’ über unsere blutigen Massaker und nennen es dann einen Akt der Gerechtigkeit.

Das metallische Geräusch der Schutzkappe, die ich auf- und zuschnappen lasse, ist das Einzige in dem Container, während ich auf den Bildschirmen verfolge, wie Rick Weardon in einem Zimmer der Villa an einem Schreibtisch sitzt und telefoniert.

Unbefangen. Überheblich. Selbstverliebt.

Die Prüfung zum Bewahrer oder Vollstrecker hat er nicht bestanden. Das hat ihm einen ordentlichen Dämpfer verpasst – zumindest eine Zeit lang. Die Schmach des Scheiterns wog schwer.

Die Strafen waren hart.

Die Demütigung schnitt jedoch tief.

Wer scheitert, ist Freiwild für jeden innerhalb des Kreises. Jeder, der sich mit der Faust oder einem Stein seiner Entrüstung über die Schwäche des Gescheiterten Luft machen will, darf dies tun, was neben der offiziellen Versammlung, in der das eigene Versagen zur Schau gestellt wird, fast einer Gnade gleichkommt.

Der Kreis ist kein Ort, an dem Mitleid gezeigt wird.

Er ist ein Schmelztiegel der Gewalt.

Nur die Stärksten werden geachtet. Diejenigen, die es wert sind, ihr Blut und ihr Leben der Bruderschaft im Kampf gegen Unterdrückung und Verbrechen zu schenken.

Und gleichzeitig wirft dies die Frage auf, ob wir nicht längst in den Schatten, in denen wir agieren, unser Ziel aus den Augen verloren haben.

Mein Blick wandert zum Bild von Kenzie, der jüngeren Schwester des Versagers, über die es so gut wie nichts zu finden gibt. Keine Fotos, keine sozialen Netzwerke, keine öffentlichen Auftritte mit der Familie, nichts.

Lediglich ein paar Bilder ihres Schulabschlusses und einiger weniger Fotos von einer Party, die sie zu ihrem siebzehnten Geburtstag feierte, habe ich ausfindig machen können. Danach scheint es, als hätte man Kenzie Weardon digital gelöscht und vor der Welt versteckt – wie einen wohlgehüteten Schatz.

Mittlerweile müsste sie ... dreiundzwanzig, vierundzwanzig Jahre alt sein, wenn ich richtig rechne. Innerhalb der Ladyschaft hat man sie nie erwähnt, und obwohl sie sich längst zu den jährlichen Brautschauen hätte zeigen müssen, bleibt sie ein Mysterium.

»Warum hat dich deine Familie aus der Gleichung genommen?«

Die Weardons gelten als streng gläubig, und Marie Weardon – die verstorbene Ehefrau – war besessen von Bibelversen und hat ihre Tochter in die Klosterschule der Bruderschaft abseits der Zivilisation geschickt. Das weiß ich deshalb so genau, da einige andere Töchter der Ratsmitglieder darüber tuschelten, dass Kenzie Weardon wie ein rohes Ei behandelt wird und sich über sie lustig gemacht haben.

Und trotzdem ist sie eine von den Nattern, die sich in der Ladyschaft festkrallen, einen Mann heiraten, den sie nicht lieben, und sich einem Kodex unterwerfen, der ihnen nichts bedeutet. Aus Habgier und Egoismus.

All die hübschen Töchter der Gründerfamilien sind dazu ausgebildet, jegliche Wünsche ihrer Ehemänner zu bedienen – egal, wie pervers oder ausgefallen sie sein mögen –, um ein Leben im Luxus zu führen und die nächste Generation für die Bruderschaft zu zeugen.

Genpools, Blutlinien ... fuck, es kotzt mich an.

Beim Gedanken an die Verderbtheit dieser zarten Wesen, deren äußere liebreizende Hülle von ihrem tödlichen Gift ablenkt, welches sie wie ein teures Parfüm tragen, kocht grelle Wut in mir hoch.

Nichts Gutes gedeiht unter dem grausamen Stern des Kreises. Selbst die behütetsten Geschöpfe verfaulen innerlich im Angesicht der lieblosen Gesellschaft, die von unseren Gründungsvätern vor langer Zeit erschaffen wurde.

Ja, jeder von uns verdient es, in den fauchenden Höllenfeuern für seine Sünden zu büßen.

»Dann fühlen wir deinem Bruder mal auf den Zahn, Miss Kenzie«, brumme ich und widme mich den Informationen zu Rick Weardon.

1863 Kanada, British Columbia

Seit einer gefühlten Ewigkeit diskutieren die zwölf Männer darüber, wie die Machtverhältnisse innerhalb und außerhalb der Bruderschaft beschränkt oder besser gesagt kontrolliert werden sollten. In einer abgelegenen, zugigen Hütte in dem weitläufigen Waldgebiet, welches sich über die Ausläufer des Mount Seymour erstreckt, finden die täglichen Treffen bis spät in die Nacht hinein statt. Es gibt vieles zu besprechen und noch mehr festzuschreiben.

Um diese Organisation aufzubauen, bedarf es nicht nur des Willens aller zwölf Männer. Es geht um so viel mehr. Es geht um die Hingabe ganzer Generationen, die ihr Leben dem Kodex der Bruderschaft widmen – jenseits aller moralischen und weltlichen Vorstellungen.

Denn wer sich vis-à-vis aller Rechtsstaatlichkeit in Selbstjustiz übt, Verbrecher hinrichtet, um zu verhindern, dass sie durch das Netz der Gesetze schlüpfen, muss in seinem Handeln und Wirken scharfe Grenzen ziehen.

»Wenn wir nicht in allen Bereichen vertreten sind, wie sollen wir da schnell eingreifen können, wenn nötig?«, echauffiert sich der Fünfte und blickt sich herausfordernd in der Runde seiner Mitstreiter um.

»Die Behörden müssen ohne unser Zutun frei agieren. Sonst sind wir nicht besser als jene Diktaturen, denen wir entgegentreten wollen«, entgegnet der Achte und bekommt ein zustimmendes Nicken von seinen Sitznachbarn.

»Niemand soll sagen können, wir würden direkten Einfluss nehmen.« Der Zweite schürzt die Lippen. »Die Unabhängigkeit jeder weltlichen Institution ist immanent für die zivile Bevölkerung. Sie muss unbedingtes Vertrauen in ihre Polizei, die Justiz und die Regierungen haben. Sonst ist alles, was wir riskieren, umsonst.«

Es entbrennt eine hitzige Diskussion über die Grenzen, in denen sich die Organisation bewegen sollte, und über die Gefahren, welche sich aus unkontrollierter Macht ergeben können. Etwas, das seit jeher ein Dreh- und Angelpunkt großer Zivilisationen war und an dem die meisten von ihnen zerbrochen sind.

»Brüder, wir brauchen eine Regulierung. Nicht nur, um uns selbst vor der Versuchung zu schützen, zu viel Einfluss zu nehmen, sondern auch, um den Ländern und deren Regierungen die Freiheit zu gewähren, selbst zu entscheiden, wie sie mit ihren Optionen umgehen wollen.« Der Erste trommelt ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte herum. »Wir werden Hinweise geben. Wir werden Beweise hinterlassen. Wir werden alles tun, damit die Justiz ihre Arbeit erledigen und die Bedrohung im Rahmen von Gesetz und Ordnung ausschalten kann. Aber wir werden nicht aktiv in die Regierung eingreifen.« Ein allgemeines Raunen erhebt sich. »Wenn wir zulassen, dass wir an unserer eigenen Macht ersticken, uns nicht zügeln, wird diese Organisation keine zehn Jahre überleben.« Herausfordernd blickt er in die aufgewühlten Gesichter der anderen elf Männer. »Darum werden wir härtere Strafen für Verfehlungen und grausame Sanktionen für Gesetzesüberschreitungen festschreiben und sie mit dem Blutschwur verknüpfen. Niemand – nicht einmal wir Gründungsmitglieder – stehen über diesen Regeln. Diesem Kodex.«

»Und wenn spätere Generationen die Regeln umschreiben?« Der Fünfte reckt das Kinn. »Woher sollen wir wissen, dass in hundert Jahren nicht alles, was wir jetzt festlegen, null und nichtig sein wird?«

»Das können wir nicht. Aber wir können dafür sorgen, dass unsere Kinder, Enkelkinder und deren Nachkommen in dieser Gesellschaft, dieser Bruderschaft und deren Statuten aufwachsen, diese ehren und mit ihrem Leben schützen. Um die Welt zu schützen. Und nötigenfalls vor sich selbst«, erwidert der Erste.

»Und wie genau soll das aussehen? Wollen wir unsere eigenen Leute hinrichten?« Der Zweite richtet sich in seinem Stuhl auf.

Eine unangenehme Spannung baut sich zwischen den Mitgliedern auf. Niemand lässt die anderen aus den Augen, sie taxieren einander, wachsam und auf alles gefasst.

»Wenn es sein muss, werden wir auch abtrünnige Mitglieder hinrichten. Ein verhältnismäßig kleiner Preis für die Sicherheit der gesamten Welt«, grollt der Erste.

»Das ist Wahnsinn!«, kontert der Vierte.

»Wir treten dem Wahnsinn entgegen, ohne zu wissen, wie genau das vonstattengehen soll. Das hier wird die größte Prüfung, der wir uns jemals stellen werden. Wenn wir schon zu Beginn nur halbherzig agieren, brauchen wir gar nicht erst weiterzumachen«, brummt der Siebte.

Angespanntes Schweigen macht sich unter den Männern breit. Sie sind seit Wochen damit beschäftigt, die Rahmenbedingungen ihrer Organisation zu skizzieren, doch die erlernten gesellschaftlichen Regeln und moralischen Gesetzmäßigkeiten haben ihre Krallen tief in die Seelen der rechtschaffenen Männer geschlagen. Sie abzustreifen ist die größte Hürde, der sie sich gegenübersehen.

»Es steht außer Zweifel, dass wir jegliche Grenzen überschreiten werden, die wir kennen«, gibt der Erste zu bedenken. »Wir werden uns selbst in Monster verwandeln, um denen entgegenzutreten, die unsere Welt bedrohen. Die stehlen, morden und plündern, die sich über das Gesetz erheben und Furcht und Unterdrückung über die Menschen bringen.« Der Erste