Dr. Stefan Frank 2520 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book
Beschreibung

Wie ist sterben, Mama? Als es für den kleinen Finn um alles ging Als Finn geboren wurde, war er für seine Eltern Lena und Julian ein absolutes Wunschkind. Vor der jungen Familie schien eine glückliche Zukunft zu liegen. Doch die Zeiten haben sich geändert: Der inzwischen siebenjährige Finn muss seit anderthalb Jahren gegen eine tückische Krankheit kämpfen. Krankenhausaufenthalte, ständige Sorge und Kummer dominieren seitdem den Alltag der Familie, wobei sich die Eltern nach Kräften bemühen, vor ihrem Sohn zu verbergen, wie groß ihre eigene Angst ist. Für ihn wollen sie stark sein, er selbst ist doch auch ein so tapferer Kämpfer! Doch eines Tages kommt Lena hinter ein dunkles Geheimnis, das Julian in den letzten sieben Jahren vor ihr verborgen hat. Dieses Geheimnis wiegt so schwer, dass Lena es nicht mehr erträgt, mit ihrem Mann zusammenzuleben, und sich von ihm trennt. Julian ist verzweifelt. Ja, er hat einen schweren Fehler gemacht, aber er liebt seine Frau und seinen Sohn von ganzem Herzen! Ohne die beiden kann er sich sein Leben nicht vorstellen. Und wie sollen sie Finn ausreichend unterstützen und motivieren, seinen schweren Kampf weiterzukämpfen, wenn sie nicht länger an einem Strang ziehen? Ist jetzt womöglich alles verloren - ihre Ehe und das Leben ihres Sohnes?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:127


Inhalt

Cover

Impressum

Wie ist sterben, Mama?

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Imgorthand / iStockphoto

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-8670-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Wie ist sterben, Mama?

Als es für den kleinen Finn um alles ging

Als Finn geboren wurde, war er für seine Eltern Lena und Julian ein absolutes Wunschkind. Vor der jungen Familie schien eine glückliche Zukunft zu liegen. Doch die Zeiten haben sich geändert: Der inzwischen siebenjährige Finn muss seit anderthalb Jahren gegen eine tückische Krankheit kämpfen. Krankenhausaufenthalte, ständige Sorge und Kummer dominieren seitdem den Alltag der Familie, wobei sich die Eltern nach Kräften bemühen, vor ihrem Sohn zu verbergen, wie groß ihre eigene Angst ist. Für ihn wollen sie stark sein, er selbst ist doch auch ein so tapferer Kämpfer!

Doch eines Tages kommt Lena hinter ein dunkles Geheimnis, das Julian in den letzten sieben Jahren vor ihr verborgen hat. Dieses Geheimnis wiegt so schwer, dass Lena es nicht mehr erträgt, mit ihrem Mann zusammenzuleben, und sich von ihm trennt. Julian ist verzweifelt. Ja, er hat einen schweren Fehler gemacht, aber er liebt seine Frau und seinen Sohn von ganzem Herzen! Ohne die beiden kann er sich sein Leben nicht vorstellen. Und wie sollen sie Finn ausreichend unterstützen und motivieren, seinen schweren Kampf weiterzukämpfen, wenn sie nicht länger an einem Strang ziehen? Ist jetzt womöglich alles verloren – ihre Ehe und das Leben ihres Sohnes?

Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben seiner Praxis. Ein munteres Trommeln, als würde der Himmel ein Konzert veranstalten. Hin und wieder mischte sich grollender Donner wie Paukenschläge ein.

Der Herbst machte seinem Namen alle Ehre und zeigte sich kühl und feucht. Für die nächsten Tage versprach der Wetterbericht wieder Sonnenschein, dieser Nachmittag jedoch würde nicht mehr trockener werden.

Bunte Blätter rieselten von den Bäumen der hübschen weißen Villa, in der Stefan Frank lebte und praktizierte. Seine Praxis war im Erdgeschoss untergebracht. Der Grünwalder Arzt war sehr beliebt, weil er immer ein offenes Ohr hatte und auch einmal ungewöhnliche Wege fand, um seinen Patienten zu helfen.

Manchmal stieß jedoch auch er an seine Grenzen. Wie im Fall des kleinen Finn, zum Beispiel.

Der Siebenjährige kämpfte seit anderthalb Jahren gegen Leukämie. Seine Blutwerte schwankten von Untersuchung zu Untersuchung. Finn hatte schon mehrere Blöcke Chemotherapie hinter sich. Man sah seiner schmächtigen Gestalt an, dass harte Monate hinter ihm lagen.

Seine Haare wuchsen gerade wieder, und er war unternehmungslustiger als noch vor wenigen Wochen. Doch all das konnte sich schon bald wieder ändern.

Finns Mutter schaute Dr. Frank an wie einen Richter, der gleich das Urteil verkündet. Lena Wendt war eine schlanke Frau mit blonden Haaren und einem etwas unsicheren Lächeln.

„War Finns heftiges Kopfweh heute beim Aufwachen ein Zeichen dafür, dass sich wieder ein Infekt anbahnt?“

„Das nicht, nein. Seine Körpertemperatur ist normal, und er hat weder Halsweh noch Schnupfen. Seine Blutwerte sind allerdings nicht so gut wie erhofft.“

Stefan Frank erinnerte sich, wie Frau Wendt vor anderthalb Jahren mit ihrem Sohn zu ihm gekommen war. Damals war Finn ständig müde gewesen und hatte immer wieder Nasenbluten gehabt. Sein Blutbild hatte die Erkrankung verraten: ALL, eine akute lymphatische Leukämie.

Finns Körper produzierte Unmengen entarteter weißer Blutkörperchen. Daher kam auch der Name der Leukämie, der übersetzt weißes Blut bedeutete.

Das Blut war die Lebensader des Körpers. Es transportierte Nährstoffe, Sauerstoff und Hormone, wehrte Krankheiten ab und verschloss Wunden. Bei Leukämie waren all diese Vorgänge gestört.

Gesunde weiße Blutkörperchen bekämpften Bakterien, Pilze und Viren. Bei einer Leukämie wucherten sie in Unmengen heran, reiften jedoch nicht und waren damit nutzlos. Zudem verdrängten sie die roten Blutkörperchen und Blutplättchen, was den Sauerstofftransport durch den Körper verminderte und die Blutgerinnung störte.

Atemnot, Müdigkeit und Schwäche waren die Folge – ebenso wie eine frappierende Neigung zu Blutungen.

„Wann sind Sie wieder bei Finns Onkologen bestellt?“

„Am kommenden Montag.“

„Gut. Bis dahin sollte sich Finn schonen. Etwas Fiebersaft sollte gegen das Kopfweh helfen.“

„Darf er rausgehen?“

„Ja, gegen Spaziergänge ist nichts einzuwenden.“

„Das ist prima.“ Finns Augen leuchteten auf. „Am Wochenende gehen wir nämlich in den Zoo!“

„Er spricht seit Wochen von nichts anderem“, fügte seine Mutter hinzu. „Bis jetzt ging es ihm nicht gut genug dafür, aber am kommenden Samstag wollen wir hingehen.“

„Papa leiht mir eine Kamera. Ich darf alle Tiere fotografieren. Später werde ich Pressefotograf, wie Papa.“

„Dann wünsche ich dir bei dem Ausflug viel Spaß, Finn“, sagte Dr. Frank. „Und iss ein Eis für mich mit, ja?“

„Das mach ich!“ Finn strahlte.

Seine Mutter bedankte sich, ehe sie sich verabschiedeten und das Sprechzimmer verließen.

Stefan Frank vermerkte sich das Kopfweh in Finns Unterlagen. Dabei hatte er ein warnendes Gefühl im Magen. Die Erkrankung seines kleinen Patienten war tückisch – und der Verlauf der Therapie leider nicht so gut wie erhofft …

Ein Klopfen an der Tür ließ ihn aufblicken.

Auf seinen Ruf schwang die Tür auf, und Schwester Martha spähte herein. Mit ihren kurzen grauen Haaren und dem fröhlichen Funkeln war sie seit vielen Jahren die gute Seele seiner Praxis. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Marie-Luise Flanitzer hielt sie die Termine in Ordnung und sorgte dafür, dass in seiner Praxis alles rund lief.

„Brauchen Sie mich noch, Chef?“

„Ich brauche Sie immer, Martha.“

„Det war eigentlich nicht det, was ick hören wollte.“ Ihr Zungenschlag verriet ihre Berliner Herkunft. „Patienten warten keine mehr. Ick hab aufgeräumt. Die Post wurde schon abgeholt. Wenn nichts mehr anliegt, würde ick jetzt gern gehen.“

„Dann machen Sie ruhig Feierabend. Warum sind Sie denn heute so in Eile?“

„Ick möchte die Übertragung des Ironman aus Hawaii nicht verpassen.“

„Wirklich? Ich wusste gar nicht, dass Sie sich für Triathlon interessieren.“

„Oh, det mache ich sonst auch nicht, aber der Ironman ist was Besonderes. Mir bricht schon bei der Vorstellung, vier Kilometer zu schwimmen, über hundertachtzig Kilometer zu radeln und danach mehr als zweiundvierzig Kilometer zu rennen, der kalte Schweiß aus. Ick könnte det nicht. Dafür sehe ick mir gern die gut aussehenden Sportler mit ihren Sixpacks an.“ Sie zwinkerte ihrem Chef zu.

„Verstehe. Nun, mein Sixpack ist genau da, wo es hingehört.“ Stefan Frank machte eine kurze Pause. „Im Kühlschrank!“

„So, so.“ Ein Lächeln grub zahlreiche Falten in ihr Gesicht ein. „Fischen Sie etwa gerade nach Komplimenten, Chef?“

„Eigentlich nicht, aber ich hätte nichts dagegen, wenn eins anbeißt …“ Er hatte kaum ausgesprochen, als ein blasses, schmales Gesicht hinter Schwester Martha auftauchte. Es gehörte zu einem Mädchen von sechs Jahren.

Die Kleine hatte ihre blonden Haare zu zwei Zöpfen geflochten und links mit einem rosa Gummi und rechts mit einem grünen Gummiband umwickelt. Regenwasser rann ihr über die Wangen. Ihr rotes Sweatshirt klebte ebenso wie die Jeans regennass an ihrem Körper.

„Emma? Was machst du denn hier?“ Alarmiert sah Dr. Frank seine kleine Besucherin an. Emma wohnte mit ihrer Mutter in der Nachbarschaft. Hin und wieder kam ihre Mutter wegen eines Infekts mit ihr her, aber sie waren länger nicht mehr da gewesen.

Zaghaft streckte Emma ihren linken Arm aus und zog den Ärmel hoch. Darunter kamen mehrere blaue Flecken zum Vorschein.

Stefan Frank hörte seine Sprechstundenhilfe scharf einatmen.

„Kannst du machen, dass das weggeht, Onkel Doktor?“ Emma sah vertrauensvoll zu ihm auf. „Mami schimpft, wenn sie es sieht.“

„Sie schimpft?“, fragte er sacht nach.

„Hm-m.“

„Bist du etwa alleine hergekommen?“

Emma nickte, sodass ihre Zöpfe flogen.

Stefan Frank sah seine Sprechstundenhilfe an.

„Rufen Sie bitte Frau Geisler an und sagen ihr, dass Emma hier ist?“

„Geht klar, Chef.“ Schwester Martha wirbelte herum.

Derweil beugte sich Stefan Frank vor und sah seine kleine Patientin aufmerksam an.

„Hat dir jemand wehgetan, Spätzchen?“

„Hm-m“, verneinte sie.

„Bist du sicher? Du kannst es mir sagen, Emma.“

„Niemand hat mir wehgetan.“

„Hast du dich vielleicht gestoßen?“

Emma schüttelte den Kopf.

„Und hast du noch mehr solche Flecken, Emma?“

Sie zögerte kurz, dann nickte sie und streifte ihr Sweatshirt ab. Darunter kamen weitere blaue Flecken zum Vorschein. Manche verblassten bereits, andere schienen frisch zu sein.

Mein Gott, dachte er. Das darf nicht wahr sein!

Die allerschlimmsten Bilder stiegen vor ihm auf, aber er zwang sich, ruhig zu überlegen. Gab es vielleicht eine harmlose Erklärung für ihre Blutergüsse? Manche blutverdünnenden Medikamente konnten dazu führen. Aspirin, zum Beispiel. War es das?

„Bekommst du manchmal Medizin, Emma? Tabletten, zum Beispiel?“

Emma verneinte und klang dabei so überzeugend, dass sich seine Hoffnung in Luft auflöste. Offenbar waren die Flecken nicht harmlos.

Die kleine Emma war auffallend mager. Als er sie nun untersuchte, fiel ihm auf, dass ihr Zahnfleisch entzündet war. Eine Blutkrankheit vielleicht?

Stefan Frank wollte nicht gleich das Schlimmste annehmen, aber er ahnte nichts Gutes: Hatte jemand der Sechsjährigen wehgetan? Oder war es doch eine Erkrankung?

In ihrem nassen Shirt würde sie sich erkälten, deshalb nahm er eine Decke aus dem Schrank und hüllte das Mädchen hinein.

In diesem Augenblick kam Schwester Martha zurück.

„Frau Geisler ist noch in der Luft“, erzählte sie. „Sie ist Flugbegleiterin. Ihre Maschine landet erst in einer Stunde.“

„In Ordnung.“ Er wandte sich wieder an seine Patientin. „Wer kümmert sich um dich, wenn deine Mutter arbeitet?“

„Ich selbst“, piepste sie. „Das kann ich schon. Ehrlich.“

„Kommt niemand und sieht nach dir?“

„Nö. Mami sagt, wir haben nur uns.“

Stefan Frank verstand – und machte sich Sorgen.

Ich muss mit ihrer Mutter sprechen, nahm er sich vor. Wenn wir keine Erklärung für Emmas blaue Flecken finden, bleibt mir nichts anderes übrig, als das Jugendamt einzuschalten.

***

„Was denken Sie eigentlich, wer Sie sind?“ Wütend funkelte Svenja Geisler den Grünwalder Arzt über den Schreibtisch hinweg an.

Die Flugbegleiterin trug ihre blaue Uniform und ein gelbes Halstuch. Sie war eine bildhübsche junge Frau mit dunklen Haaren und den gleichmäßigen Gesichtszügen eines Fotomodells. Sie roch nach einem teuren Parfum und Zigarettenrauch.

„Da steige ich nach einer langen Schicht aus dem Flugzeug und will nur noch nach Hause und schlafen, da erreicht mich der Anruf Ihrer Arzthelferin. Ich werde hierher zitiert, und nun unterstellen Sie mir, ich würde mein Kind schlagen?“

„Ich unterstelle noch gar nichts“, erwiderte Dr. Frank ernst. „Emma ist zu mir gekommen und hat mir ihre blauen Flecken gezeigt. Denen muss ich auf den Grund gehen, das verstehen Sie sicherlich.“

„Diese Flecken hat sie schon lange. Die kommen und gehen.“

„Haben Sie Emma daraufhin untersuchen lassen?“

„Wegen ein paar blauer Flecken?“ Emmas Mutter lachte ungläubig. „Ist das Ihr Ernst? Sie ist doch nicht krank. Kinder stoßen sich nun mal. Das passiert eben.“

„Emma scheint wegen der Blutergüsse besorgt zu sein, sonst wäre sie sicherlich nicht hergekommen.“

„Sie wollte nur Aufmerksamkeit erhaschen, und das hat ja auch funktioniert, nicht wahr?“ Ein bitterer Zug grub sich um den Mund der Mutter ein.

Dr. Frank dachte an das kleine Mädchen, das nebenan bei Schwester Martha saß und sich mit Kakao und Keksen füttern ließ. Seine Helferin hatte ihre Pläne für den Abend kurzerhand sausen lassen, um sich um die Sechsjährige zu kümmern, bis deren Mutter eintraf.

Svenja Geisler schien jedoch alles andere als in Sorge zu sein.

„Was genau erwarten Sie von mir, Herr Doktor?“

„Ich möchte Emma gründlich untersuchen. Vielleicht gibt es eine organische Ursache für ihre Symptome, vielleicht aber auch nicht. Es ist auch denkbar, dass jemand sie misshandelt.“

„Emma? Misshandelt? So ein hanebüchener Unsinn. Wer erzählt denn so etwas?“

„Das ist leider ein Schluss, denn man aus ihrem Zustand ziehen kann.“

„Himmel, ich würde ihr doch nicht wehtun. Niemals!“

„Was ist mit Freunden? Ist manchmal jemand allein mit ihr?“

„Nein, da gibt es niemanden. Ihr Vater hat sich verdrückt, als sie noch nicht mal geboren war, und ich bringe meine Männer nicht mit heim. Ist ein Prinzip von mir.“

„Emma sagte, sie würde sich um sich selbst kümmern, wenn Sie bei der Arbeit sind.“

„Ja, na und? Ich verdiene nicht viel. Wir kommen gerade so über die Runden. Ein Kindermädchen kann ich mir nicht leisten. Emma geht zur Schule und in den Hort. Damit hat es sich.“

„Also schaut niemand nach ihr?“

„Nein. Sie ist nur ungeschickt. Mehr steckt nicht dahinter.“

Stefan Frank schwieg. Er musste Emma untersuchen, wenn er herausfinden wollte, woher ihre blauen Flecken kamen, deshalb bat er Schwester Martha, Emma hereinzubringen.

Sie trug das Kind ins Sprechzimmer und setzte es auf der Liege ab. Emma war noch immer in die Decke gehüllt und hatte einen Kakaobart, den Schwester Martha ihr rasch abwischte.

„Bitte schimpf nicht, Mami.“ Unsicher blickte Emma zu ihrer Mutter.

„Wir zwei reden später miteinander“, murmelte diese.

Dr. Frank wurde das Gefühl nicht los, dass es eine Frage gab, die er noch nicht gestellt hatte. Er zerbrach sich den Kopf. Übersah er womöglich etwas?

„Hat Emma außer den blauen Flecken noch andere Symptome?“

„Nein, nichts. Ihr fehlt nichts. Sie schläft, sie isst …“

„Was isst sie?“, hakte er nach. „Wenn Sie nicht da sind, wer kocht dann für Emma?“

„Ich natürlich. Glauben Sie etwa, ich würde nicht gut für mein Kind sorgen? Ich stelle ihr jeden Tag alles bereit. Sie muss ihr Essen nur noch in der Mikrowelle warmmachen.“

„Und was genau bereiten Sie für Emma zu?“

„Nudeln und Reis. Etwas anderes mag sie nicht. Dazu trinkt sie jeden Tag zwei Gläser Milch.“

Nudeln und Reis? Stefan Frank rieb sich nachdenklich das Kinn. Ein Verdacht klopfte an seinem Verstand an, war jedoch so abwegig, dass er ihn gleich wieder verwerfen wollte.

„Was ist mit Gemüse?“, hakte er nach. „Und Obst?“

Svenja zog die Schultern hoch.

„Ach, wissen Sie, wir haben es beide nicht so mit dem Grünzeug, Emma und ich.“

Sein Verdacht erhärtete sich.

„Ich würde Emma gern Blut abnehmen und im Labor analysieren lassen, Frau Geisler. Womöglich weiß ich, was Emma fehlt.“

„Wollen Sie etwa andeuten, meine Tochter wäre krank?“

„Krank nicht, nur mangelernährt.“

„Also, das ist eine Frechheit! Mein Kind leidet keinen Hunger! Was wollen Sie mir denn noch alles unterstellen?“

„Mit Hunger hat das nichts zu tun. Wenn mein Verdacht zutrifft, dann fehlen Emma wichtige Vitamine. Ohne genügend Vitamin C kann der Körper kein Kollagen bilden. Das braucht man für gesunde Knochen, Muskeln und Blutgefäße. Wenn Emmas Blutgefäße Probleme machen, würde das ihre blauen Flecken erklären.“

„Zu wenig Vitamin C? Das ist ja lachhaft!“

„Leider nicht. Diese Erkrankung hat früher vor allem Seefahrer befallen, bis bekannt wurde, dass eine Zitrone am Tag ausreicht, um sie zu verhindern.“

„Seefahrer?“ Svenja kniff die Augen zusammen. „Sie denken doch nicht etwa …“

„Doch, es ist möglich, dass Emma unter Skorbut leidet.“ Er nickte. „Wenn sie weder frisches Obst noch Gemüse isst, ist das sogar die wahrscheinlichste Erklärung für ihren Zustand. Heutzutage ist die Krankheit selten geworden. Sie kommt fast nur noch bei bestimmten Diäten vor.“

„Skorbut? Fallen einem davon nicht die Zähne aus?“

„Wenn es fortschreitet, ja. Emmas Zahnfleisch zeigt bereits Schädigungen. Das ist mir schon aufgefallen.“

„Mein Gott!“ Der Schock warf Emmas Mutter nun doch aus der Bahn. Sie zitterte sichtlich. „Ich brauche eine Zigarette“, murmelte sie.

„In der Praxis ist Rauchen leider nicht gestattet.“

„Schon gut. Ist … ist diese Krankheit denn behandelbar?“

„Das ist sie. Wenn sich mein Verdacht bestätigt, werden Vitamin-C-Tabletten und vitaminreiches Essen Emma helfen.“