Dr. Stefan Frank 2524 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book
Beschreibung

Ohne jeden Skrupel Dr. Frank und ein gewissenloser Kollege Seinen Kollegen Richard Spengler kennt Dr. Stefan Frank schon seit vielen Jahren. Damals hat er den jüngeren Mediziner als Praktikanten in seiner Hausarztpraxis betreut. Doch Dr. Frank erkannte schon früh, dass der selbstgefällige Student aus den falschen Gründen Arzt werden wollte: nicht, um Menschen in Not zu helfen, sondern um selbst möglichst wohlhabend zu werden - ohne Rücksicht auf Verluste. Inzwischen arbeitet Richard Spengler als "Retter aller fetten Frauen", wie er sich selbst gerne bezeichnet. Frauen, die nach eigenem Empfinden ein paar Kilo zu viel mit sich herumtragen, kommen zu ihm, um sich zu horrenden Preisen Fett-weg-Spritzen setzen zu lassen. Mit dieser Methode, so verspricht Spengler seinen "Kundinnen", könne jede Frau nach spätestens vier Wochen aussehen wie ein Supermodel. Als in Dr. Franks Praxis die ersten Patientinnen auftauchen, welche unter teilweise lebensbedrohlichen Abszessen leiden, aber beschämt verschweigen, woher diese stammen, wird der Grünwalder Arzt hellhörig. Hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Und sein Instinkt sagt ihm schon bald, dass Dr. Richard Spengler etwas damit zu tun haben könnte ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:124


Inhalt

Cover

Impressum

Ohne jeden Skrupel

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: caracterdesign / iStockphoto

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-8829-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Ohne jeden Skrupel

Dr. Frank und ein gewissenloser Kollege

Seinen Kollegen Richard Spengler kennt Dr. Stefan Frank schon seit vielen Jahren. Damals hat er den jüngeren Mediziner als Praktikanten in seiner Hausarztpraxis betreut. Doch Dr. Frank erkannte schon früh, dass der selbstgefällige Student aus den falschen Gründen Arzt werden wollte: nicht, um Menschen in Not zu helfen, sondern um selbst möglichst wohlhabend zu werden – ohne Rücksicht auf Verluste.

Inzwischen arbeitet Richard Spengler als „Retter aller fetten Frauen“, wie er sich selbst gerne bezeichnet. Frauen, die nach eigenem Empfinden ein paar Kilo zu viel mit sich herumtragen, kommen zu ihm, um sich zu horrenden Preisen Fett-weg-Spritzen setzen zu lassen. Mit dieser Methode, so verspricht Spengler seinen „Kundinnen“, könne jede Frau nach spätestens vier Wochen aussehen wie ein Supermodel.

Als in Dr. Franks Praxis die ersten Patientinnen auftauchen, welche unter teilweise lebensbedrohlichen Abszessen leiden, aber beschämt verschweigen, woher diese stammen, wird der Grünwalder Arzt hellhörig. Hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Und sein Instinkt sagt ihm schon bald, dass Dr. Richard Spengler etwas damit zu tun haben könnte ….

„Tatjana, amore mio! Einmal Spaghetti Arrabiata, zweimal die Lasagne al forno und von der Pizza Margerita die Kinderportion per favore.“

Die volltönende Stimme von Antonio, dem charismatischen Oberkellner, drang durch das kleine Restaurant bis zu Tatjana in die Küche.

„Kommt sofort!“, rief sie fröhlich zurück, eilte an ihre Töpfe, aus denen es verführerisch duftete, und machte sich auf der Stelle an die Arbeit.

Im Bella Napoli wurde, soweit es möglich war, jedes Gericht frisch und individuell nach alten Familienrezepten zubereitet. Das Lokal galt als Geheimtipp, es war mittags wie abends bis auf den letzten Platz besetzt, und Tatjana war unendlich stolz darauf, hier arbeiten zu dürfen.

Für ihren Traumberuf Köchin hatte sie mit all ihren Kräften gekämpft. Von klein auf hatte sie gespürt, dass es nur einen Ort gab, an dem sie ihre Unsicherheit ablegte und sich in ihrem Element fühlte: die Küche. In der Schule war sie meist gehänselt worden und hatte keine Freunde gefunden. Auf andere Menschen zuzugehen, fiel ihr schwer. Wenn sie aber an einem Herd stand und in einem brodelnden Topf rühren durfte, war sie mit sich und ihrer Welt im Reinen.

Ihre Eltern waren gegen ihren Berufswunsch gewesen. Für die beiden galten nur Menschen etwas, die studiert hatten oder wenigstens elegant gekleidet in modernen Büros saßen. Dass ausgerechnet ihre Tochter mit befleckter Schürze in einer verqualmten Küche stehen und anderen Leuten das Essen kochen wollte, konnten sie nicht begreifen.

Auch ansonsten war Tatjana ganz und gar nicht die Tochter, die Werner und Annemarie Breitfeld sich gewünscht und ausgemalt hatten.

„Musst du eigentlich ständig etwas in dich reinstopfen?“, hatte sie schon als Teenager zu hören bekommen, weil sie gutem Essen nun einmal nicht widerstehen konnte. Zum Leidwesen ihrer Eltern hatte man das bereits frühzeitig ihren Hüften und ihrer Taille angesehen.

Tatjana war das, was man ein Pummelchen nannte, und das machte sie in ihrer Klasse zur Zielscheibe des Spotts.

„Mit der Figur findest du nie einen Mann“, hatte ihre Mutter geunkt. „Mit dir will ja nicht mal jemand befreundet sein.“

„Und weil sie keinen vernünftigen Beruf lernt, dürfen wir sie ernähren, bis wir schwarz sind“, hatte ihr Vater missmutig ergänzt.

Tatjana beugte sich tief über den Topf mit der scharf gewürzten Tomatensoße, um die verletzenden Erinnerungen zu verscheuchen. Hatten Ihre Eltern etwa recht behalten? Im Gegenteil! Zwar waren all ihre Versuche, abzunehmen, fehlgeschlagen, und auch ihre Unsicherheit hatte sie nicht ablegen können, doch ihre Lehre als Köchin hatte sie mit Bravour bestanden.

Seither arbeitete sie in einem renommierten italienischen Spezialitätenrestaurant. Natürlich verdiente sie nicht die Welt, aber sie konnte von ihrem Gehalt gut leben. Sie mochte ihre kleine Dachwohnung, und es gelang ihr sogar, noch etwas für Notfälle zurückzulegen – oder für die kulinarische Reise durch Italien zu sparen, von der sie träumte …

In jedem Fall lag sie niemandem auf der Tasche. Außerdem war sie stolz darauf, dass Emilia Gargiulo, die Senior-Chefin des Bella Italia, ausgerechnet sie eingestellt hatte. Unter sämtlichen Bewerbern war einzig Tatjana keine Italienerin gewesen und außerdem mindestens zehn Jahre jünger und weniger erfahren als die übrigen.

Emilia Gargiulo hatte deswegen Bedenken angemeldet.

„Du sicher bist nette Mädchen, aber unsere Rezepte kochen kann nur italienische Mamma!“, hatte sie in ihrem lustigen Deutsch bekundet und dabei die tintenschwarzen Brauen zucken lassen.

Paolo, ihr herzlicher, gut gelaunter Sohn und Junior-Chef des Restaurants, hatte sie jedoch lachend unterbrochen.

„Nun mal halblang, Mamma. Lass Signorina Breitfeld doch einfach vorkochen wie die anderen – und dann entscheiden wir am Ende, bei welchem Kandidaten es uns am besten schmeckt.“

Dem Gericht, das die Bewerber und Bewerberinnen probeweise zubereiten sollten, lag ein zwar einfaches, aber raffiniertes Rezept zugrunde: Spaghetti al limone – bissfeste Pasta mit einer Soße aus frischem Zitronensaft und in Olivenöl geröstetem Knoblauch – sollte auf den Tisch gezaubert werden.

Tatjana hatte ihre ganze Leidenschaft für die Küche des Südens in ihre Arbeit gelegt. Wie stets beflügelten sie die appetitlichen Düfte, und als sie den dampfenden Teller schließlich Paolo und Emilia servierte, lief sogar ihr selbst das Wasser im Munde zusammen.

Paolo hatte die Spaghetti kunstvoll mit der Gabel aufgerollt und die ausdrucksvollen dunklen Augen geschlossen, während er sich den Bissen genüsslich in den Mund geschoben hatte.

„Mamma mia!“, hatte er gleich darauf ausgerufen. „Meine verehrte Signorina Breitfeld – wenn Sie wirklich keine heimlichen italienischen Vorfahren haben, die Meisterköche waren, dann müssen Sie Ihre Kochkünste im Himmel erworben haben!“

Mit einem charmanten Lächeln hatte er sich seiner Mutter zugewandt, die gerade dabei war, selbst die Gabel in die Pasta zu tunken.

„Du wirst staunen, cara Mamma. So köstlich zubereitet habe ich dieses Gericht bisher nur bei dir gegessen, sonst bei niemandem auf der Welt.“

Emilia hatte zweifelnd die Brauen gehoben und sich einen mächtigen Bissen in den Mund geschoben. Sie hatte gekaut, geschluckt – und sich dann Tatjana zugewandt.

„Du sein engagiert, piccolina. Wann du können anfangen? Heute Abend? Paolo dir geben eine Schürze.“

Seitdem war Tatjana im Bella Napoli beschäftigt und freute sich jeden Tag aufs Neue auf die Arbeit. Emilia behandelte sie inzwischen, als wäre sie selbst ihre Mamma, und von den unwiderstehlichen süßen Nachtischen, für die sie in der Küche des Restaurants zuständig war, stellte sie ihrer jungen Angestellten stets eine Extraportion hin.

„Nicht doch, Emilia“, hatte Tatjana anfangs versucht, sie zu bremsen. „Dein Tiramisu ist so lecker, dass ich demnächst nicht mehr in eure Küche passen werde.“

„Unsinn“, hatte Emilia abgewehrt und ihr gleich noch einen Löffel voll draufgetan. „Du sein hübsche Mädchen, Tatjana, und müssen nicht jede Frau aussehen wie Kleiderständer. Mein Paolo mögen dich gern, mögen jede Kilo an dir.“

Tatjana hatte verlegen gelacht und gespürt, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Nie zuvor hatte jemand sie ein hübsches Mädchen genannt, und was Paolo betraf, so mochte sie ihn selbst gern. Er war immer fröhlich, sprühte vor Lebensfreude und führte sein Restaurant mit einer Liebe und Hingabe, die die Gäste spürten.

Mit seinen dunklen, funkelnden Augen und dem wirren schwarzen Haarschopf war er auf eine jungenhafte Weise gut aussehend, und er hatte ohne Zweifel Charme.

Die Gefühle zwischen ihnen waren jedoch nur freundschaftlicher Natur. Hätte Tatjana daran Zweifel gehegt, so hätten diese sich spätestens in dem Augenblick in Luft aufgelöst, in dem sie Antonio Perrone, dem gerade aus Italien eingetroffenen Oberkellner und Cousin Paolos, in die Arme lief. Das war buchstäblich zu verstehen: Tatjana hatte rasch Paolo etwas von seiner Mutter ausrichten wollen, war quer durch das Restaurant gestürmt und blindlings mit Antonio zusammengeprallt.

„Hoppla!“, hatte dieser gerufen, souverän ein Tablett mit sechs gefüllten Eisbechern ausbalanciert und Tatjana mit seinen goldbraunen Augen tief in ihre eigenen blauen gesehen.

Tatjana war schwach in den Knien geworden: Vor ihr hatte der attraktivste Mann gestanden, der ihr je begegnet war: hochgewachsen, schlank, muskulös, das dichte schwarze Haar elegant zurückgekämmt, die Züge markant und die Augen zum Dahinschmelzen. Als Antonio dann auch noch den Mund zu einem zärtlich-amüsierten Lächeln verzogen hatte, war es um Tatjana geschehen gewesen.

Bei der Erinnerung verspürte sie von Neuem Hitze in den Wangen. Sie gab noch eine Prise frisch gemahlenes Chili in ihre Tomatensoße. Kaum zu glauben, dass sie und Antonio nun schon seit sechs Wochen ein Paar waren. Sie füllte die dampfenden Nudeln auf die Teller, schöpfte reichlich feurig rote Soße darüber und garnierte das Gericht mit einem Zweig Basilikum. Dann stellte sie das fertige Essen in die Durchreiche und wartete darauf, dass das Gesicht ihres Liebsten erschien.

Auch mit dieser Prognose hatten ihre Eltern also nicht recht behalten: Trotz ihrer unschönen Figur und ihrer Schüchternheit hatte sie einen Mann gefunden, der sie liebte, wie sie war. Und was für einen! Den wunderbarsten Mann auf der Welt.

Heute Abend endete für sie beide die Schicht schon um acht. Es war ein noch warmer Herbstabend, und sie würden Zeit haben, Hand in Hand durch die Straßen von München zu schlendern, vielleicht in einer kleinen Weinstube einzukehren oder ins Kino zu gehen. Bei dem Gedanken musste Tatjana grinsen.

Das letzte Mal hatte sie von dem Film überhaupt nichts mitbekommen, weil ihre Gedanken einzig und allein bei Antonio gewesen waren, der neben ihr saß und ihr voll zärtlichem Verlangen den Schenkel gestreichelt hatte. Das Kribbeln im Bauch verspürte sie noch jetzt, bei der bloßen Erinnerung, und sie konnte den Dienstschluss kaum erwarten.

Ja, auch Antonio hatte gelegentlich erwähnt, dass Tatjana den üppigen Nachtisch oder das gebutterte Popcorn doch besser weglassen solle, aber er hatte es getan, um ihr zu helfen. Nicht, um sie zu verletzen wie die Klassenkameraden, die sie als „fette Tonne“ und „Tati, das Nilpferd“ verspottet hatten.

„Wenn du ein bisschen schlanker wärst, würden dir auch Jeans besser stehen, tesoro“, hatte er gesagt. „Dann müsstest du nicht immer in diesen altmodischen, langen Röcken herumlaufen.“

„Würdest du dich darüber freuen, wenn ich schlank wäre?“, hatte sie ihn zu fragen gewagt und sich verlegen in seinen Arm geschmiegt.

„Natürlich“, hatte Antonio zur Antwort gegeben. „Jeder Mann ist stolz, wenn er um das Mädchen an seiner Seite beneidet wird. Aber an deiner Figur arbeiten solltest du nicht meinet- sondern deinetwegen. Dir selbst muss doch daran gelegen sein, gut auszusehen, und außerdem ist Übergewicht ja auch gar nicht gesund.“

„Ich tue es deinetwegen“, hatte Tatjana liebevoll erwidert und die Schachtel mit dem Popcorn beiseitegestellt. „Wenn es dir eine Freude macht, dann werde ich es schaffen. Bisher habe ich immer, wenn ich es versucht habe, gleich wieder zugenommen, aber da hatte ich ja dich noch nicht.“

Tatjana war wirklich entschlossen, es zu schaffen. Sie hatte sich Bücher zum Thema „Diäten“ besorgt, eine neue Waage angeschafft und den Kühlschrank mit Magerquark, Gemüse und kalorienarmen Getränken gefüllt. Hier, an ihrem Arbeitsplatz, wo alles so verführerisch duftete, schien es ihr allerdings so gut wie unmöglich, standhaft zu bleiben.

„He, Tatjana, schläfst du mit offenen Augen?“ Eine weibliche Stimme holte sie aus ihren Gedanken.

Tatjana riss sich zusammen. Vor der Durchreiche war nicht ihr geliebter Antonio aufgetaucht, sondern Annika, die junge Kellnerin, die sie insgeheim um ihre gertenschlanke, sportliche Figur, die immer in hautengen Jeans und Tops steckte, beneidete.

„Tut mir leid“, rief sie schnell und schob Annika die bestellten Gerichte zu. „Ich muss wohl wirklich ein bisschen geträumt haben.“

„Wovon denn? Von einer Schokoladentorte oder einer Rieseneisbombe?“, fragte Annika spöttisch. „Na, wie auch immer – ich soll dir jedenfalls von Antonio ausrichten, dass er heute Abend keine Zeit hat. Er ist schon weg. Ein Freund ist mit dem Auto liegen geblieben, und Toni schleppt ihn ab.“

„Er ist schon weg? Ohne mir Bescheid zu sagen?“ Enttäuschung breitete sich wie Nebel in Tatjanas Kopf aus und machte es ihr unmöglich, klar zu denken.

„Er hatte eben keine Zeit mehr und wollte auch nicht stören“, erwiderte Annika ungeduldig. „Deshalb hat er ja mich geschickt. Ich muss jetzt weiter machen. Ciao ciao, Süße, beeil dich mit der Kinder-Pizza.“ Sie warf ihr langes goldblondes Haar über die Schulter, nahm die beiden Teller und entfernte sich mit schwingenden Hüften.

Noch immer wie vor den Kopf geschlagen, blieb Tatjana stehen. Aus ihrem Abend zu zweit, auf den sie sich so gefreut hatte, würde nichts werden.

Natürlich war es nett von Antonio, dass er seinem Freund zu Hilfe eilte, aber hätten sie sich nicht für später verabreden können? Seine Freunde hätte sie sowieso gern einmal kennengelernt, doch bisher hatte er ihre Frage danach immer zurückgewiesen.

„Tatjana, cara.“ Weich berührte eine Hand ihren Arm. „Ist etwas nicht in Ordnung? Fühlst du dich nicht gut?“

Tatjana fuhr herum und stand Paolo gegenüber, der besorgt auf sie herabblickte.

„Wenn du dich einen Augenblick ausruhen willst, kümmere ich mich solange um die Bestellungen.“

„Nein, nein, es geht schon wieder“, beeilte Tatjana sich, ihm zu versichern. „Ich habe nur zu wenig getrunken und nehme mir schnell ein Glas Wasser.“

„Ich hole es dir“, bot Paolo an und trat schon vor den für die Belegschaft aufgestellten Wasserautomaten, um Tatjana einen Becher zu füllen.

Die schob rasch eine Hand in die Schürzentasche und tastete nach ihrem Handy. Sicher hatte Antonio ihr längst eine Nachricht geschickt und einen Treffpunkt für später vorgeschlagen – warum war sie auf den Gedanken nur nicht gleich gekommen?

Als sie jedoch auf das Display blickte, fand sie keine einzige Nachricht verzeichnet. Antonio hatte sich mit keinem Wort bei ihr gemeldet, und Tatjana würde ihren kostbaren freien Abend ohne ihn verbringen müssen.

***

„Schau mal da vorn im Parkett, erste Reihe.“ Stefan Frank verspürte einen sanften Seitenstoß von Alexandra, seiner geliebten Lebensgefährtin, die ihn an diesem Abend ins Theater am Gärtnerplatz entführt hatte, um der Oper Aida zu lauschen.

Mit einer dezenten Kopfbewegung wies sie hinunter auf die teuersten Plätze.

„Ist das nicht Richard Spengler? Dein Student, auf den du damals im Praktikum so große Stücke gehalten hast?“

Eigentlich hatte Stefan Frank an diesem Abend nicht an seine Arbeit denken, sondern sich nur entspannen wollen. Viel zu selten waren die Stunden, die er und Alexandra für einander hatten. Sie war seine späte große Liebe. Da sie Augenärztin war, hatten sie aufgrund ihrer Berufe nur wenig Zeit zur freien Verfügung.

In den paar Minuten, die ihnen bis zum Beginn der Oper blieben, hätte er ihr gern gesagt, wie glücklich er war, mit ihr hier in der Loge zu sitzen und ihre Nähe zu genießen. Wie er sich auf die Musik und noch mehr auf den Ausklang in ihrer Lieblings-Weinstube freute und wie sehr er sie liebte. Die Erwähnung von Richard Spengler machte ihm jedoch einmal mehr bewusst, dass es in ihrem Job keine völlige Entspannung gab.

Weil es in unserem Beruf um das Leben von Menschen geht