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Lori Müller hat früh gelernt, was es heißt, erwachsen zu werden. Mit neunzehn wurde sie ungeplant schwanger und stand plötzlich allein mit ihrem Kind da. Heute, acht Jahre später, kämpft sie als starke Mutter für ihren Sohn, der so klug und sensibel ist, aber anders als andere Kinder. Er meidet Blickkontakt, braucht strenge Routinen, spricht in altklugen, aber ungefilterten Sätzen - und verliert sich in seiner Faszination für Elefanten. Für Lori ist er das größte Glück und zugleich ihre größte Sorge. Als die Schule ihr vorwirft, Aaron sei "nicht normal", bricht für Lori eine Welt zusammen. Hilfe sucht sie bei Dr. Stefan Frank, der schnell erkennt: Hinter Aarons Verhalten steckt mehr. Der feinfühlige Hausarzt vermutet eine Autismus-Spektrum-Störung und überweist zu einer Kinderpsychiaterin. Zwischen Angst und Hoffnung fasst Lori zudem einen mutigen Entschluss: Nach all den Jahren will sie Aarons Vater - ihre erste große Liebe - endlich mit der Wahrheit konfrontieren ...
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Was ist bloß mit Aaron los?
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Ein Kind fühlt anders und eckt an
Lori Müller hat früh gelernt, was es heißt, erwachsen zu werden. Mit neunzehn wurde sie ungeplant schwanger und stand plötzlich allein mit ihrem Kind da. Heute, acht Jahre später, kämpft sie als starke Mutter für ihren Sohn, der so klug und sensibel ist, aber anders als andere Kinder. Er meidet Blickkontakt, braucht strenge Routinen, spricht in altklugen, aber ungefilterten Sätzen – und verliert sich in seiner Faszination für Elefanten. Für Lori ist er das größte Glück und zugleich ihre größte Sorge.
Als die Schule ihr vorwirft, Aaron sei »nicht normal«, bricht für Lori eine Welt zusammen. Hilfe sucht sie bei Dr. Stefan Frank, der schnell erkennt: Hinter Aarons Verhalten steckt mehr. Der feinfühlige Hausarzt vermutet eine Autismus-Spektrum-Störung und überweist zu einer Kinderpsychiaterin. Zwischen Angst und Hoffnung fasst Lori zudem einen mutigen Entschluss: Nach all den Jahren will sie Aarons Vater – ihre erste große Liebe – endlich mit der Wahrheit konfrontieren ...
Sommer 2017
Dunst lag in der Luft. Wochenlang hatten sie gehofft, dass der Regen zu diesem besonderen Abend endlich aussetzen würde. Vor allem die Mädchen hatten Sorge gehabt, dass das stetige Nass ihre Kleider und Frisuren ruinieren könnte. Und hatten sie nicht dreizehn Jahre lang auf diesen Abend hingearbeitet? Gebüffelt, gepaukt, manchmal bis an den Rand der Verzweiflung? Integralrechnung. Wozu würden sie das je wieder benötigen? Gedichtanalyse. Bekamen sie damit ihre Rechnungen bezahlt?
Obwohl Lori Müller nicht zu den Mädchen gehörte, die sich seit dreizehn Jahren auf diesen Abend freuten, war auch sie froh, dass es ausgerechnet an diesem Freitag trocken war.
»Ein Wunder, oder?«, meinte ihre beste Freundin Anja.
Aber Lori zuckte nur die Schultern.
»Kann schon sein, mir egal«, erwiderte sie gelassener, als sie war.
Ihre Aufmerksamkeit galt etwas anderem als dem Wetter, ihrer Kleidung und ihren Haaren. Denn im Gegensatz zu ihren Mitschülerinnen hatte sie auf ein Ballkleid verzichtet. Auch auf eine aufwendige Frisur. Ganz im Sinne von Rebellion trug sie ein offenes Karohemd über einem enganliegenden Top, und über ihrer Baggypants schaute der Rand einer Boxershorts hervor. Passend zum Outfit trug sie ihr Skateboard unter dem Arm. Hätte sie ihre dunklen langen Haare nicht offen getragen, hätte man sie glatt mit Eugen, dem Nerd der Stufe, verwechseln können.
»Immer machst du auf cool, dabei weiß ich genau, dass du nur so tust«, neckte Anja sie und blickte in dieselbe Richtung wie Lori.
Sofort wandte sich Lori ab. »Was? Du spinnst doch«, widersprach sie.
Aber natürlich wusste Anja Bescheid. Sie war ihre beste Freundin. Niemand kannte sie besser als das Mädchen mit den roten Locken und den Pausbacken.
»Und warum wirst du dann rot?«, machte sie weiter und piekte Lori dabei in die Seite.
Diese kicherte, spürte tatsächlich eine Hitze in ihren Wangen und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sich Friedrich Conradi aus der Gruppe von Jungs löste und in Richtung Büfett lief.
»Meinst du nicht auch, es wird langsam Zeit, den Typen zu vergessen?«, schlug Anja vor. »Ich meine, unser Abiball ist schließlich nicht nur der Anfang von was Großem, sondern auch das Ende von etwas. Verstehst du, was ich meine?«
Lori hörte nur noch mit einem Ohr zu. Natürlich verstand sie. Immerhin hatte sie ihr Abitur mit Eins Komma Drei bestanden. Ihr war bewusst, dass Friedrich bald weg sein würde. Soweit sie wusste, hatte er sich an einer Uni in Berlin eingeschrieben. Wer einmal in Berlin war, kam nicht wieder zurück. Das hatte ihr ihre Schwester, Malea, einmal gesagt. Andererseits ... es war ihr Abiball. Nach diesem Abend würde sie die Idioten aus ihrer Stufe nie wieder sehen müssen. Ein neues Kapitel würde morgen beginnen.
»Lori?«, fragte Anja und tippte ihr auf die Schulter. »Hallo?«
Aber Lori reagierte nicht. Stattdessen fasste sie all ihren Mut zusammen und setzte sich in Bewegung. Als sie am Büfett angekommen war, konnte sie Friedrich riechen. Er trug irgendein Parfüm, das er normalerweise nicht trug. Das wusste sie, denn sie hatte schon häufiger unauffällig an ihm gerochen.
Nur noch einen Meter trennte sie von ihm. Von hier konnte sie die Spitzen seiner kinnlangen dunkelblonden Haare erkennen. Am liebsten hätte sie ihre Finger danach ausgestreckt. Friedrich wirkte nicht wie der Sohn einer wohlhabenden Familie. Er sah eher ein wenig abgerissen aus, ganz so, wie sie es mochte. Irgendwie wie sie. Aber im Gegensatz zu ihr hatte er sich für schwarze Jeans, weißes Hemd und Krawatte entschieden, die jedoch so locker um seinen Hals saß, dass er sie problemlos über den Kopf hätte ziehen können.
»Hi«, sagte Lori, und ihre Stimme klang so piepsig wie die eines Rotkehlchens.
Friedrich wandte sich um. Seine Augen hafteten auf ihrem Gesicht, als müsste er überlegen, wer sie überhaupt war.
»Ah, hi«, erwiderte er und hob unsicher die Hand. »Cooles Outfit.«
In Loris Brustkorb begann es zu wummern. Seit drei Jahren besuchten sie gemeinsam die Oberstufe. Noch nie hatten sie so viele Worte miteinander gewechselt wie heute.
»Danke«, entgegnete sie und gab sich wieder betont locker, wobei sie die Hände in die Hosentaschen steckte. »Dein Outfit ist aber auch cool. Also cooler als das von Lucinda.«
Dabei zeigte sie mit ihrem Daumen über ihre Schulter. Im selben Moment bereute sie diesen Satz, da sie nicht über Mitschülerinnen hatte herziehen wollen. Andererseits ...
»Was soll das sein? Ein Lampenschirm oder so?«, scherzte Friedrich jedoch, und nun schauten sie beide auf das Mädchen mit der unglücklichen Kleiderwahl.
Die Robe sah nicht besonders hübsch aus. Der Rock war weit ausgestellt und durch Drähte verstärkt, sodass die Trägerin eine Cocktailbar darunter in die Aula hätte schmuggeln können.
»Hey, hast du Lust, von hier zu verschwinden?«, fragte Friedrich. Und als er sich mit einer Hand die dunkelblonden Haare hinters Ohr klemmte, wäre Lori vor Sehnsucht fast in Ohnmacht gefallen.
»Ja«, sagte sie. »Klar.«
Sie waren nicht weit gekommen. Aber hier oben auf der Dachterrasse der Schule war es ruhiger. Früher hatten sie hier in den Pausen geraucht. Irgendwann war die Schulleitung auf die Idee gekommen, dass Rauchen auch die Gesundheit von Abiturienten gefährdete. Seitdem waren die Aschenbecher durch Blumenkübel ersetzt worden.
»Willst du?« Friedrich hielt ihr eine Schachtel Zigaretten hin. Obwohl Lori vor einem halben Jahr mit dem Rauchen aufgehört hatte, zog sie eine Zigarette aus der Packung. Er gab ihr Feuer.
Eine Weile geschah nichts. Sie saßen nebeneinander auf dem Boden, die Beine angewinkelt, die Arme auf den Knien abgestützt. Rauchten. Bliesen Ringe in die Luft, die kaum Ringe waren. Von unten drang ein Popsong zu ihnen hoch. Jubelrufe. Lori stellte sich vor, wie gerade alle auf die Tanzfläche stürmten, allen voran Herr Gerhardus, dem scheinbar nichts peinlich war. Auf der Abschlussfahrt hatte er sogar an einem Joint gezogen. Um zu zeigen, wie cool er war. Niemand hielt ihn seitdem für cooler.
»Und was machst du jetzt?«, durchbrach Lori irgendwann die Stille, als ihre Zigarette schon zur Hälfte abgebrannt war.
Friedrich zuckte die Schultern. »Studieren, schätze ich.«
»Cool«, sagte sie. Und fühlte sich uncooler als Herr Gerhardus.
»Ja. Und du?«
»Mal schauen. Irgendwas mit Bio oder so.«
»Cool.«
Fast gleichzeitig drückten sie ihre Zigaretten aus.
»Ich mag dich«, meinte Friedrich plötzlich.
Wieder dieses Wummern in ihrer Brust, auch wenn ihr Blutdruck dank des Nikotins gerade im Keller war.
»Ich dich auch«, fiepste sie.
Dann, und das viel zu schnell, griff er mit einer Hand in ihr Haar, zog sie an sich heran und küsste sie.
Friedrich schmeckte nach Zigarettenrauch und roch nach einem fremden Parfüm. Aber seine Haare fühlten sich genauso an, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Etwas fedrig, glatt, seidenweich.
Lori konnte nicht genug von seinen sinnlichen Lippen bekommen. Als ihre Nervosität von ihrer Sehnsucht abgelöst worden war, setzte sie sich auf ihn und drückte mit einer Hand gegen seine Brust.
»Warte«, stoppte er sie plötzlich auf halber Höhe. »Hast du ein Gummi?«
In ihrem Kopf arbeitete es. War sie wirklich bereit? Sie kannten sich doch kaum. Andererseits war es Friedrich. Der Friedrich. Der Junge, der seit Jahren in ihrem Kopf herumgeisterte.
»Nein«, erwiderte sie und biss sich auf die Unterlippe.
»Ich müsste noch eins haben.« Er zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche seiner schwarzen Jeans. Es war mit einer silberfarbenen Gliederkette an einer Schlaufe befestigt. Triumphierend hielt er eine zerknautschte winzige Packung in die Höhe.
Lori sah ihn sehnsuchtsvoll an. Und konnte es plötzlich nicht mehr erwarten.
Der Sex war unbeholfen. Ein wenig kühl, vor allem, als es dann doch wieder zu regnen anfing. Ihre Bewegungen waren ungelenk. Da sie bislang Jungfrau gewesen war, hatte sie keine Erfahrung mit männlichen Körpern. Vor allem wunderte sie sich, wie hart so ein Körper an allen Ecken und Kanten sein konnte.
Als Friedrich in sie eindrang, sah er ihr in die Augen. Er gab ihr einen zärtlichen Kuss, der sie noch verliebter machte. Er war vorsichtig, als er auf ihr lag. Er blieb vorsichtig, als er sich in ihr bewegte. Und auch als er sich dem Höhepunkt näherte, blieb er vorsichtig, fragte immer wieder, ob alles okay wäre, ob sie etwas bräuchte oder er lieber aufhören sollte. Lori wollte nicht, dass er aufhörte. Dieser Moment war der schönste ihres Lebens. Um nichts in der Welt hätte sie ihn hergeben wollen.
Wenige Monate später dachte sie an diesen Moment noch einmal zurück. Als sie die zwei roten Linien auf dem Test sah, war sie sich nicht mehr sicher, ob sie nicht doch lieber auf den gemeinsamen Abend auf der Dachterrasse hätte verzichten sollen.
***
Dr. Stefan Frank gähnte herzhaft. Manchmal erschienen ihm Ferien anstrengender als der Alltag. Kurz vor Weihnachten hatte er die Praxis geschlossen. Seinen fachmedizinischen Angestellten gönnte er die freie Zeit von Herzen. Und auch er selbst hatte ein wenig mehr Freizeit nötig gehabt. Etliche Viren hatten ihm in den letzten drei Monaten stets das Wartezimmer gefüllt. Doch kaum hatte sein Urlaub begonnen, hatte ihn eine bleierne Müdigkeit befallen.
»Lehrersyndrom«, lachte Alexandra, die ihm bereits mit einem Kaffeebecher entgegenkam.
Ihr Gesicht sah aus, als hätte sie die beste Nacht ihres Lebens gehabt. Ihre Wangen waren rosig, die Haut klar. Stefan wollte gar nicht erst wissen, wie er selbst gerade aussah. Vermutlich stellte er ein Bild des Schreckens dar.
Mit der Hand vorm Mund schlurfte er zum Esstisch. Darauf wartete gerösteter Toast auf ihn.
»Weil Lehrer immer krank werden, sobald sie Ferien haben?«, hakte er nach.
Alexandra zuckte neckisch mit den Augenbrauen.
»Die Armen müssen ganz schön häufig krank sein«, meinte er trocken, griff nach einer Scheibe Toast und biss hinein.
»Jetzt sind wir also schon zu erledigt, um unser Brot zu belegen?«, neckte Alexandra ihren Lebensgefährten und schob dabei ein Marmeladenglas näher zu ihm hin.
Schuldbewusst hob er die Schultern, biss aber gleich noch mal ins Brot, da er den Geschmack frisch gerösteten Buttertoasts mochte.
Plötzlich schrillte ein Ton auf. Stefan sprang auf, erinnerte sich jedoch daran, dass er ja noch frei hatte, und zwang sich zur Ruhe.
Alexandra schenkte ihm ein Lachen, als sie sah, wie automatisch er in den Arztmodus schaltete. Sie bedeutete ihm mit der Hand, dass er sitzen bleiben könnte, und ging zum Telefon.
»Bei Frank und Schubert«, meldete sie sich. »Ach, hallo ... ja ... und selbst ... aha ... du hast Glück, der ist da ...«
Und ehe Stefan seinen letzten Bissen hinunterschlucken konnte, hielt seine Freundin ihm den Hörer entgegen.
»Antje«, flüsterte sie.
Er zog ratlos die Augenbrauen zusammen.
»Sokolowski.« Da verstand er.
»Hier ist Stefan. Hallo?«, grüßte er seine alte Freundin aus Studientagen.
»Lass mich raten, du hattest keine Ahnung, was du mit dem Namen Antje anstellen solltest«, zog die Dreiundfünfzigjährige ihn auf.
Stefan grinste. Seine alte Studienfreundin kannte ihn eben besser, als er es sich manchmal wünschte.
»Erwischt. Aber du weißt, dass das nur bedeutet, dass du dich häufiger melden musst«, konterte er.
Die Frau am anderen Ende der Leitung lachte herzlich. Er nahm die Gelegenheit wahr und verließ die Küche, um in Ruhe mit Antje reden zu können. Seinen Kaffee jedoch nahm er mit.
»Jetzt erzähl mal«, forderte er sie auf, nachdem er die Tür seines Büros hinter sich geschlossen hatte. »Was gibt es Neues bei dir?«
Antje seufzte lautstark. Es klang fast obszön.
»Du meinst, was gibt es Altes bei mir«, korrigierte sie ihn. »Um ehrlich zu sein, gehe ich in Arbeit unter. Es ist zum Verzweifeln. Wo ist der Rettungsring für Kinderpsychiater, wenn sie einen benötigen?«
Stefan ließ sich in seinem Bürosessel nieder und stellte den Kaffee ab. Regentropfen liefen an der Fensterscheibe hinunter. Das neue Jahr begann genauso grau, wie das alte geendet hatte.
»Ich habe schon gehört, dass die Situation derzeit schwierig sein soll«, erwiderte er, nun schon ernster. »Woran liegt das deiner Meinung nach?«
Im Hintergrund hörte er, wie Antje mit irgendetwas hantierte. Dann erklang ein lautes Scheppern, gefolgt von einem »Ups« und einem Ächzen.
»So, da bin ich wieder. Ach, ich mag mir kein Urteil bilden, Stefan. Ich weiß nur, dass ich das so bis zur Rente nicht durchhalte. Nicht nur, dass die Patienten immer zahlreicher werden, auch der Verwaltungsaufwand wird für uns immer höher.«
Stefan konnte dem nur zustimmen. Einen großen Teil seiner Arbeit musste er in die Verwaltung stecken. Formulare mussten ausgefüllt werden. Alles musste gerechtfertigt werden. Manchmal fragte er sich, ob er nicht besser eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt hätte absolvieren sollen, um als Arzt praktizieren zu können. Aber dann spürte er, dass dieser Gedanke verbittert wirkte, und so wollte er nicht sein.
»Vielleicht brauchst du einmal eine Auszeit, Antje«, schlug er vor und hoffte, dass deren Ferien nicht von Müdigkeit geprägt wären.
»Ach Stefan, Auszeit. Mein Kalender ist bis August gefüllt. Wo soll ich mir da eine Auszeit nehmen? Und weißt du, ich kann die Kleinen nicht einfach allein lassen. Das sind Kinder, die mich brauchen. Die schwerwiegende Probleme haben. Oder Diagnosen benötigen, um Hilfen zu bekommen. Aber was soll's. Wie geht es dir denn?«
***
Der Schuh drückte. Wirklich. Ganz wörtlich. Keine Metapher. Sofort blieb Lori auf dem Bordstein stehen. Aaron, der an ihrer Hand war, wäre fast in sie hineingerannt. Dann blieb er stehen und stellte sich kerzengerade hin.
»Warte kurz, Schatz«, schnaubte sie, bückte sich nach ihrem Fuß und zog den Schuh aus.
Mehrere Passanten gingen an ihnen vorbei und blickten sie neugierig an. Sie lächelte freundlich und schickte manchen ein leise gemurmeltes Doofmann hinterher.
»Beleidigungen sagt man nicht, Mama«, mahnte Aaron sie. Sein Gesicht blieb ernst.
Betreten sah sie ihn an, verdrehte die Augen und gab zu: »Du hast ja recht. Aber von wem hast du die guten Ohren?«
»Sie waren schon immer da«, antwortete er verwirrt.
Ironie und Redewendungen waren etwas, das ihr Sohn nicht verstand. Dabei hatte sie ihm schon häufiger erklärt, was der ein oder andere Spruch zu bedeuten hatte. Einmal hatte sie ihm zugerufen, ob er sie auf den Arm nehmen wollte. Daraufhin hatte er geantwortet, dass die Muskelkraft eines Achtjährigen kaum für das Gewicht einer Endzwanzigerin ausreichen würde, um sie auf den Arm zu heben und dort zu balancieren. Seitdem hatte sie die Hoffnung aufgegeben.
Lori schaute in den Schuh, als suchte sie nach Geheimnissen. Aber stattdessen fand sie nur einen Abdruck ihres Fußes. Also knetete sie das Stück mit beiden Händen, wobei sie ihren Sohn loslassen musste. Dann zog sie den Schuh wieder an. Wippte hin und her.
»Besser«, murmelte sie.
Als sie auf die Uhr schaute, bekam sie einen Schreck.
»Kurz vor acht«, stieß sie aus, griff wieder nach Aarons Hand und zerrte ihn hinter sich her. Der Junge bewegte sich wie ein Roboter, hielt aber immerhin mit ihrem Tempo mit.
»Morgen müssen wir unbedingt früher losgehen«, rief sie über ihre Schulter.
»Definiere früher«, erwiderte der Junge.
Es war unnötig zu fragen, woher er solche Ausdrücke kannte. Manche Eltern wunderten sich, woher ihre Kinder Kraftausdrücke hatten. Die Antwort lag auf der Hand: Schule, Fernsehen, Internet. Sie hingegen fragte sich, woher ihr Sohn Begriffe wie Definition kannte. Es würde sie wundern, wenn die Antwort dieselbe wäre.
An einer roten Ampel blieben sie stehen. Lori schaute nach links, nach rechts, nach links und befand, dass es leer genug war, um die Straße zu überqueren. Nur von rechts näherte sich langsam ein Bus. Aber das konnten sie schaffen.
»Schnell«, sagte sie und lief los, während Aaron sich weiter von ihr ziehen ließ.
»Darf ich darauf hinweisen, dass das Überqueren einer roten Ampel ein Vergehen gemäß der Straßenverkehrsordnung darstellt«, maßregelte ihr achtjähriger Sohn sie.
