Dr. Stefan Frank 2554 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2554 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

0,0
1,49 €

Beschreibung

Amelie Biskamp war eine herausragende Bergläuferin und ein gefragtes Sportmodel - bis sie während eines Fotoshootings in den Bergen verunglückte. Nach mehreren Operationen und Rehas muss sie schließlich wieder zu ihren Eltern nach München ziehen. Ein herber Rückschlag für die einst so aktive und selbstständige junge Frau. Amelie hadert sehr mit ihrem Schicksal. Dr. Stefan Frank, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht, empfiehlt ihr, das Studium wieder aufzunehmen. Amelie springt tatsächlich über ihren Schatten, und das Schicksal meint es gut mit ihr. Durch eine Partnerarbeit lernt sie den Kommilitonen Henry kennen. Zunächst noch zurückhaltend, taut Amelie mehr und mehr auf. Die beiden verlieben sich. Niemals hat Amelie daran geglaubt, in der schwersten Zeit ihres Lebens das größte Glück zu finden. Doch was keiner ahnt: Ausgerechnet Henrys Mutter ist auf tragische Weise in Amelies Unfall verwickelt ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125




Inhalt

Cover

Impressum

Auf einmal warst du da

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Liderina / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9578-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Auf einmal warst du da

Dr. Frank und die ungewöhnliche Geschichte einer jungen Sportlerin

Amelie Biskamp war eine herausragende Bergläuferin und ein gefragtes Sportmodel – bis sie während eines Fotoshootings in den Bergen verunglückte. Nach mehreren Operationen und Rehas muss sie schließlich wieder zu ihren Eltern nach München ziehen. Ein herber Rückschlag für die einst so aktive und selbstständige junge Frau. Amelie hadert sehr mit ihrem Schicksal. Dr. Stefan Frank, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht, empfiehlt ihr, das Studium wieder aufzunehmen.

Amelie springt tatsächlich über ihren Schatten, und das Schicksal meint es gut mit ihr. Durch eine Partnerarbeit lernt sie den Kommilitonen Henry kennen. Zunächst noch zurückhaltend, taut Amelie mehr und mehr auf. Die beiden verlieben sich. Niemals hat Amelie daran geglaubt, in der schwersten Zeit ihres Lebens das größte Glück zu finden.

Doch was keiner ahnt: Ausgerechnet Henrys Mutter ist auf tragische Weise in Amelies Unfall verwickelt …

„Was für ein herrlicher Tag!“ Atemlos stand Amelie Biskamp irgendwo in den Konstanzer Alpen.

Trotz der kühlen Herbstluft glühten ihre Wangen. Sie ließ den Blick schweifen. Drei Schwestern, Hoher Kasten, Altmann, die Namen der Gipfel in der Ferne gingen ihr mühelos über die Lippen. Jeden von ihnen hatte sie schon erklommen, zuerst wandernd, doch mit der Zeit immer schneller. Inzwischen hatte sie sich in der Szene einen Namen als erfolgreiche Bergläuferin gemacht. Im selben Maß wie ihre sportliche Karriere nahm ihre Karriere als Sportmodel an Fahrt auf. Amelie hatte das Gefühl, am vorläufigen Höhepunkt ihres Lebens zu stehen.

„Das werden super Fotos.“

Der Fotograf Heiko Risser schien ihre Gedanken lesen zu können. Dabei hatten sich die beiden erst an diesem Morgen auf dem Parkplatz kennengelernt, auf dem sie sich zum Fotoshooting verabredet hatten. Auf der ersten Strecke des Aufstiegs war das Gespräch dahingeplätschert wie der Bach neben dem Pfad.

Doch je schwieriger das Gelände geworden war, umso weniger konnte der Fotograf sprechen. Obwohl Amelie Rücksicht nahm und ein dezentes Tempo anschlug, hatte er Mühe, ihr zu folgen. Endlich hatte aber auch er es geschafft. Er stand neben ihr auf dem Plateau und deutete hinüber zu einem steil abfallenden Geröllfeld.

„Das da drüben ist der perfekte Spot.“

„Da oben?“ Amelie zog die Stirn kraus und starrte angestrengt hinüber. „Tut mir leid, aber da gehe ich nur mit Bergführer rauf.“

Grinsend sah sich Heiko um.

„Ist hier noch jemand?“

„Nein.“

„Na also. Und jetzt mal ehrlich: So, wie du aussiehst, brauchst du keinen starken Mann, der dein Händchen hält.“ Sein bewundernder Blick glitt an ihr hinab. Unter der enganliegenden Sportkleidung zeichneten sich Amelies Muskeln ab. „Stell dir mal das Titelbild vor! Du da oben auf dem Grat, vor dir das Geröllfeld, über dir der Himmel und dahinter das wahnsinnige Panorama. Wenn die Leute das sehen, wirst du dich vor Aufträgen nicht mehr retten können.“

Der Gedanke war verführerisch, zumal Amelie als Studentin der Sportwissenschaft auf jeden Euro angewiesen war. Sie haderte mit sich. Auf der Suche nach einem Pfad glitten ihre Augen über das Feld aus losen Steinen in allen Größen und Formen.

„Also, was ist? Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit“, drängte Heiko.

„Da drüben scheint ein Weg zu sein“, murmelte Amelie endlich. „Also gut, ich versuche es. Aber wenn es zu gefährlich ist, drehe ich um.“

„Denk an das Foto, Baby. Du schaffst das!“ Heiko hatte schon begonnen, seine Ausrüstung auszupacken. „Und vergiss nicht, später den Helm abzunehmen und die Haare zu richten.“

Amelie schickte ihm einen letzten Blick. Sie drehte sich zum Grat um, holte tief Luft und marschierte los. Bis zum Einstieg in das Geröllfeld kam sie zügig voran. Dann drosselte sie das Tempo. Ihre Füße suchten Halt auf dem losen Untergrund. Die Steine klapperten unter ihren Schritten. Einmal rutschte sie ab. In letzter Minute gelang es ihr, sich zu fangen. Amelie sah den Gesteinsbrocken nach, die in die Tiefe kollerten und schließlich über einen Grat abstürzten.

„Keine Angst, Mädchen. Nur noch ein paar Meter, dann hast du es geschafft!“ Heikos Stimme hallte von Steinwänden wider. Sein Gesicht verschwand hinter der Kamera, die er auf einem Stativ angebracht hatte. „Wenn du sehen könntest, was ich sehe … irre! Damit ist dir der internationale Durchbruch sicher.“

Das war das Stichwort. Amelie richtete sich auf. Der internationale Durchbruch! Ihre Eltern würden stolz auf sie sein und ganz besonders ihre Mutter. Schon immer hatte sich Charlotte ein richtiges Mädchen gewünscht, nicht eines, das in Sportkleidung auf irgendwelchen Bergen herumturnte. Als Model auf dem Titelblatt der Vogue oder Elle, das würde selbst Charlotte versöhnlich stimmen. Das Gesicht ihrer Mutter vor Augen kämpfte sich Amelie weiter hinauf. Schon jetzt konnte sie es kaum erwarten, Charlotte das Foto zu präsentieren, strahlend und mit offenen dunklen Haaren, die in der Brise wehten. Dann musste sie einfach stolz sein auf ihr hübsches Mädchen. Lächelnd setzte Amelie den rechten Fuß höher.

Da geschah es! Bevor sie den zweiten richtig platzieren konnte, geriet der Stein unter ihrer Sohle ins Rutschen. So also fühlte es sich an, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde!

Amelie stürzte.

Panisch suchte sie nach Halt, fand aber nichts als rollende Steine. Ihr Körper nahm an Fahrt auf. Wie auf einer Rutschbahn polterte sie den Berg hinab Richtung Kante. Sie begann, sich zu überschlagen und spürte einen grellen Schmerz im rechten Knie. Ein Unterschenkel flog ihrem Gesicht entgegen, als wäre er nicht mehr Teil ihres Körpers. Panik erfasste sie, während sie weiter den Hang hinunter gebeutelt wurde. Jeder Aufprall fühlte sich an wie der Schuss aus einer Pistole. Und dann geschah das Wunder. Aus den Augenwinkeln sah Amelie etwas Grünes. Reflexartig griff sie zu, umklammerte die zähen Zweige einer Latsche, presste die Augenlieder zu und wartete.

Mit einem Schlag schien die Zeit stillzustehen. Erst einige Sekunden später realisierte sie, dass sie aufgehört hatte zu fallen. Unnatürlich verrenkt lag sie auf den Steinen, nicht weit vom Abgrund entfernt, und wollte weinen vor Erleichterung und Glück. Doch die Euphorie hielt nicht lange an. Ein Brennen stieg in ihrem Körper auf und erfasste jede Zelle. Während des Sturzes hatte sie kaum etwas wahrgenommen. Doch nun schlug der Schmerz mit aller Wucht zu. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie blinzelte an sich hinab. Die Jacke hing in Fetzen von ihrem Oberkörper, genauso wie die enge Sporthose. Auch ihr Gesicht brannte wie verrückt. Ruhig, ganz ruhig!, sagte sie im Geiste zu sich und kämpfte gegen die Panik an. Wenn sie überleben wollte, musste sie das hier jetzt wie eines ihrer Rennen sehen und sich von einer Etappe zur nächsten hangeln. Bestimmt hatte Heiko schon die Bergrettung angerufen. Nicht mehr lange, und ein Hubschrauber würde sie aus ihrer misslichen Lage befreien. Je länger sie dort lag, desto mehr änderte sich ihre Gefühlslage. Im Gegensatz zum Sturz fühlte es sich nun ganz schön an, dort zu liegen und einfach nur zu atmen. Müdigkeit überfiel Amelie. Sollte sie ein bisschen schlafen? Schlafen, ja, das war eine ganz wunderbare Idee.

***

An das, was nach dem verheerenden Sturz geschah, konnte sich Amelie später nur schemenhaft erinnern. Nach einer gefühlten Ewigkeit landete tatsächlich ein Hubschrauber auf dem Plateau. Für alle Beteiligten bedeutete ihre Bergung ein immenses Risiko.

Auf dem Weg ins Krankenhaus weinte Amelie nicht nur vor Schmerzen, sondern auch vor Erleichterung, dass sie und ihre Retter in Sicherheit waren. Nach der Landung wurde sie sofort in den Operationssaal gebracht, wo eine Schwester sie mit einer Narkose erwartete. Es war der erste Eingriff von vielen und der Beginn einer schrecklichen Tortur.

Im Nachhinein empfand Amelie es als Glück, die meiste Zeit der kommenden Monate im Morphiumrausch verbracht zu haben. Zwar fühlte sie Schmerz und Verzweiflung, doch all die verwirrenden Emotionen waren so weit weg, als gehörten sie einer anderen Person.

Viele Menschen tauchten an ihrem Krankenbett auf und verschwanden wieder, bis nur noch ihre Eltern und das Klinikpersonal übrig war. Alle anderen verloren nach und nach die Hoffnung, dass die junge Frau, die hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken im Krankenbett lag, eines Tages wieder die Alte sein würde.

Amelie konnte es ihnen nicht verdenken. Schmerzen, Albträume, Medikamente und Behinderung, all das hatte sie verändert. Ihr Kampfgeist war gebrochen, und es war nur den Ärzten und Therapeuten zu verdanken, dass sie den schweren Weg der Genesung auf sich nahm. Nach Wochen des Liegens rebellierte ihr Körper dagegen, sich mit Hilfe eines Kippbretts wieder an eine aufrechte Position zu gewöhnen. Es dauerte Monate, bis Amelie selbstständig im Rollstuhl sitzen konnte. Und obwohl aus medizinischer Sicht nichts dagegensprach, dass sie auch das Laufen wieder lernen konnte, gab sie an dieser Stelle auf.

„Immer diese höllischen Schmerzen, immer anstrengen, immer kämpfen. Warum kapiert ihr nicht, dass ich nicht mehr kann?“, schrie Amelie ihre Eltern eines Tages kurz nach der Entlassung aus einer der zahlreichen Rehabilitationsmaßnahmen an. Tränen rannen ihr über die Wangen. „Ich will weg von hier, wo mich alles an mein altes Leben erinnert. Irgendwohin, wo keiner die alte Amelie kennt. Dann kann ich endlich das sein, was ich bin: Eine Sportstudentin im Rollstuhl.“

Der Wunsch kam zur rechten Zeit. Der Zufall wollte es, dass Heinz Biskamp kurz nach diesem Ausbruch einen lukrativen Auftrag aus München erhielt. Drei Monate später zog die Familie in ein behindertengerechtes Haus in Grünwald.

Dr. Stefan Frank übernahm die Betreuung der verletzten Amelie. Seinem guten Zureden war es auch zu verdanken, dass seine Patientin eines schönen Tages im Frühling, neun Monate nach dem Unfall, ihr Studium der Sportwissenschaft wieder aufnahm.

***

Mit sanftem Ruck setzte die Maschine auf der Landebahn auf. Ein Gong ertönte. Gleich darauf rauschte der Lautsprecher.

„Sehr verehrte Passagiere, wie bedanken uns für Ihre Reise mit unserer Fluggesellschaft und wünschen einen angenehmen Aufenthalt in München. Bitte bleiben Sie angeschnallt, bis die Maschine ihre endgültige Parkposition erreicht hat.“

Henry Wieser schreckte aus unruhigem Schlaf hoch. Er rieb sich die Augen und warf einen Blick aus dem Fenster. Keine Spur von Frühling! Er machte sich nichts daraus. Das trübe Wetter kam seiner Stimmung entgegen. Schließlich kehrte er alles andere als freiwillig aus Australien zurück.

Entgegen der Anweisung der Flugbegleiterin ließ Henry den Gurt schon vor dem endgültigen Stillstand des Flugzeugs aufschnappen. Als einer der Ersten drängte er sich durch den Gang nach draußen. Wenn es schon so sein musste, dann wollte er es schnell hinter sich bringen. Am Gepäckband musste er noch eine Weile warten. Doch dann war es endlich geschafft. Die Glastüren schoben sich vor ihm auf, er umrundete die Absperrung und ließ sich von seiner Großmutter durch das Haar wuscheln.

„Hallo, mein Großer. Da bist du ja wieder.“

Henry erschrak. Bis jetzt hatte er gehofft, dass alles halb so schlimm war. Doch Erna sah genauso erschöpft aus, wie sie am Telefon geklungen hatte.

„Oma, schön dich zu sehen.“

Er beugte sich hinunter und schloss die kleine Frau in die Arme. Er spürte ihre Wärme, atmete den Duft seiner Kindheit ein – eine Mischung aus Plätzchenduft, Bratfett und Vanille – und musste plötzlich lächeln. Irgendwie war es doch schön, wieder zu Hause zu sein, selbst wenn die Umstände alles andere als erfreulich waren.

„Wie geht’s euch? Und wo sind die zwei Räuber?“, fragte er, als sie Seite an Seite auf den Ausgang zustrebten.

„Kaya ist im Kinderturnen und Lionel bei einem Freund“, erwiderte Erna.

„Geht es Mama so schlecht, dass sie noch nicht einmal zwei Stunden auf die beiden aufpassen kann?“

Henry trat nach draußen. Ein Windstoß trieb ihm Regen ins Gesicht. Zum Glück parkte das Auto gleich auf der anderen Straßenseite. Erna ließ die Schlösser aufschnappen.

„Ach, mein Junge, ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll. Natürlich kann deine Mutter auf deine Geschwister aufpassen. Aber irgendwie habe ich ständig das Gefühl, dass sie nur körperlich anwesend ist. Mit den Gedanken schwebt sie in anderen Sphären. Christiane nimmt kaum mehr an unserem Leben teil und zieht sich ständig in ihr Büro zurück. Deshalb habe ich keine ruhige Minute, wenn sie mit den Kleinen alleine ist.“

„Vielleicht ist der neue Job so anstrengend“, gab Henry zu bedenken.

Er nahm seiner Großmutter den Autoschlüssel aus der Hand und setzte sich selbst ans Steuer. Endlich wieder Autofahren! Das hatte ihm in Australien wirklich gefehlt.

„So lange arbeitet sie ja noch nicht bei der Agentur. Bestimmt will sie einen guten Eindruck machen.“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich aus dem Auslandssemester zurückgeholt hätte, wenn es nur das wäre“, schnaubte Erna und schnallte sich an. „Dr. Frank befürchtet, dass es sich bei Christianes Symptomen um eine Depression handeln könnte. Leider will sie davon überhaupt nichts hören und weigert sich auch, sich untersuchen zu lassen.“

„Nichts für ungut, Oma, aber wie kann Dr. Frank eine Diagnose stellen, wenn Mama noch nicht einmal bei ihm war?“, fragte Henry mit einem Blick in den Rückspiegel.

Ein blauer Wagen drosselte das Tempo und ließ ihm die Vorfahrt. Henry hob lächelnd die Hand und ordnete sich in den Verkehr ein. Die Scheibenwischer quietschten auf der Windschutzscheibe.

„Neulich hat sich Kaya beim Turnen den Knöchel verstaucht und ich bat Christiane, mich zu Dr. Frank zu begleiten. Er hat deiner Mutter ein paar unauffällige Fragen gestellt. Als ich später mit ihm telefonierte, riet er mir, sie zu einem Therapeutentermin zu überreden. Außerdem sollte ich dich informieren.“ Erna schickte ihrem Enkel einen Augenaufschlag. „Zuerst habe ich abgelehnt. Aber dann habe ich jeden Tag mehr gespürt, dass ich dieser Verantwortung nicht mehr gewachsen bin. Sobald deine Mutter mit deinen Geschwistern alleine ist, habe ich keine ruhige Minute mehr. Kein Wunder! Schließlich bin ich auch nicht mehr die Jüngste.“

„Was ist mit Georg? Er ist immerhin der Vater der Kleinen. Warum kümmert er sich nicht um sie?“

„Er ist seit Wochen abgetaucht und überweist auch kein Geld mehr.“

Diese Nachricht kam nicht überraschend für Henry. Er hatte nie verstanden, was seine Mutter an dem selbstverliebten Aufschneider fand, für den Verantwortung ein Fremdwort war. Als sich Christiane vor ein paar Jahren von ihm getrennt hatte, hatte Henry ihm keine Träne nachgeweint.

„Etwas anderes konnte man von dem Kerl auch nicht erwarten“, schimpfte er. „Wir sollten froh sein, dass er endlich ganz aus unserem Leben verschwunden ist.“

Seine Großmutter musterte ihn mit wissendem Blick.

„Damit hätte er sich auch Zeit lassen können, bis du aus Australien zurück bist.“

Henry schluckte. „Mach dir keine Sorgen wegen mir, Oma. Australien läuft nicht davon.“ Er lächelte tapfer. „Und was Mama und die beiden Räuber angeht: Zusammen schaukeln wir die Kinder schon.“

„Ach, mein Junge.“ Erna seufzte aus tiefstem Herzen. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist.“

„Du weißt aber schon, dass ich in ein paar Tagen wieder in die Uni muss.“