Dr. Stefan Frank 2555 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2555 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

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1,49 €

Beschreibung

Die Künstlerin Barbara Ganzler ist vor Kurzem zu ihrem deutlich älteren Lebensgefährten Hubert und dessen Mutter nach Grünwald gezogen. In einer kleinen Galerie hat sie ihre erste Vernissage - und sie wird ein voller Erfolg. Unter den Gästen sind auch Dr. Frank und seine Lebensgefährtin Alexandra. Die bunten Gemälde faszinieren den Arzt, und er beschließt, ein Bild für seine Praxis zu kaufen. Als die Künstlerin das Gemälde in Dr. Franks Praxis liefert, hat sie plötzlich wieder Sehstörungen verbunden mit heftigem Herzrasen. Ihr Befinden kann sie vor dem kundigen Blick des Arztes nicht verstecken. Nun muss sich Barbara ihren Ängsten stellen und kann nicht länger vor ihren Beschwerden davonlaufen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 127




Inhalt

Cover

Impressum

Welche Farbe hat das Glück?

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: WAYHOME studio / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9579-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Welche Farbe hatdas Glück?

Arztroman um eine verzweifelte Künstlerin

Die Künstlerin Barbara Ganzler ist vor Kurzem zu ihrem deutlich älteren Lebensgefährten Hubert und dessen Mutter nach Grünwald gezogen. In einer kleinen Galerie hat sie ihre erste Vernissage – und sie wird ein voller Erfolg. Unter den Gästen sind auch Dr. Frank und seine Lebensgefährtin Alexandra. Die bunten Gemälde faszinieren den Arzt, und er beschließt, ein Bild für seine Praxis zu kaufen.

Als die Künstlerin das Gemälde in Dr. Franks Praxis liefert, hat sie plötzlich wieder Sehstörungen verbunden mit heftigem Herzrasen. Ihr Befinden kann sie vor dem kundigen Blick des Arztes nicht verstecken. Nun muss sich Barbara ihren Ängsten stellen und kann nicht länger vor ihren Beschwerden davonlaufen …

„Entschuldige, Schatz, dass ich so spät komme, aber bei mir in der Praxis war heute die Hölle los. Immerhin habe ich es noch zum Italiener geschafft, um die Antipasti zu kaufen.“

Mit einem kleinen Seufzer holte die Augenärztin Alexandra Schubert verschiedene kleine Schälchen aus der Tasche und stellte sie auf die Arbeitsplatte in der Küche.

„Ist doch gar nicht schlimm“, versicherte Dr. Stefan Frank und nahm seine Lebensgefährtin in den Arm. „Unsere Gäste kommen doch erst in einer halben Stunde. Und für den Hauptgang bin ja ich verantwortlich.“

„Es riecht fantastisch.“ Alexandra öffnete den Deckel der Kasserolle, die auf dem Herd stand. „Wenn es um Gulasch geht, bist du einfach unschlagbar.“

„So? Nur wenn es um Gulasch geht?“

Mit gespielter Empörung sah der Arzt sie an.

„Sonst natürlich auch“, erwiderte Alexandra und gab ihm einen Kuss.

„Das wollte ich hören.“

„Und? Was muss ich noch tun?“, fragte die Augenärztin.

„Du könntest die Vorspeisen auf einer Platte anrichten.“

„Gut. Ich wasche mir nur schnell die Hände, dann geht es los.“

Eine Viertelstunde später war alles fertig. Alexandra hatte den bereits gedeckten Tisch noch mit Obst und Zweigen dekoriert und schaute zufrieden auf ihr Werk.

„So, sieht gut aus. Jetzt können sie kommen. Ich habe auch schon richtig Hunger. Hast du das Baguette aus dem Ofen genommen?“, fragte sie.

„Nicht nur das. Ich habe es sogar schon geschnitten.“

In dem Moment klingelte es. Alexandra öffnete die Tür, um das Ehepaar Waldner einzulassen.

Die Freunde Dr. Ulrich Waldner und Dr. Stefan Frank hatten sich während des Studiums kennengelernt. Nach der Ausbildung trennten sich ihre beruflichen Wege. Während Stefan nach seiner Krankenhauszeit eine Hausarztpraxis in Grünwald übernahm, blieb Ulrich noch längere Zeit als Krankenhausarzt tätig. Erst vor einigen Jahren war auch Ulrich nach Bayern zurückgekehrt, um eine Klinik am Englischen Garten zu führen, so konnten die beiden Männer ihre alte Freundschaft wieder intensivierten.

Zum Glück verstanden sich Dr. Ruth Waldner, die als Anästhesistin in der Klinik ihres Mannes arbeitete, und Alexandra Schubert auf Anhieb und waren inzwischen beste Freundinnen geworden.

Die beiden Paare versuchten, sich regelmäßig zu treffen, was bei vier vielbeschäftigten Ärzten nicht immer ganz leicht war. Dr. Frank, der Belegbetten in der Waldner-Klinik hatte, sah seinen Freund häufiger. Die beiden schätzten sich nicht nur privat, sondern profitierten auch von dem Austausch über medizinische Probleme. Schon bei vielen komplizierten Fällen hatten sie zum Wohle der Patienten eine Lösung gefunden.

„Wir sind ein bisschen zu früh“, sagte Ruth Waldner nach der Begrüßung. „Es war Stau zwischen München-City und Grünwald angesagt, aber dann waren die Straßen doch frei. Ich hoffe, wir stören euch nicht bei den letzten Vorbereitungen.“

„Iwo! Es ist alles fertig. Setzt euch ruhig schon an den Tisch. Julian wird bestimmt auch gleich kommen“, sagte Dr. Stefan Frank.

„Ruth und ich haben überlegt, wie lange wir Julian nicht mehr gesehen haben. Meine Angetraute meint, es seien mehr als sechs Jahre, ich denke es sind schon fast acht“, sagte Ulrich. „Vielleicht weiß Julian das noch.“

„Auf jeden Fall hatte er bei unserem letzten Zusammentreffen gerade in seiner Firma angefangen und sollte das erste Mal ins Ausland, um den Aufbau einer Flaschenabfüllanlage zu überwachen. Ich glaube, es ging nach China oder Malaysia“, sagte Ruth.

„Julian war die letzten Jahre fast nur im Ausland unterwegs“, ergänzte Dr. Frank. „Ich hatte ihn bis vor zwei Wochen auch viele Jahre nicht gesehen. Allerdings haben mich Inge und Gernod immer auf dem neusten Stand gehalten.“

„Mit Julians Eltern halten wir auch noch Kontakt“, erklärte Ulrich. „Ruth und ich haben unseren alten Professor doch noch letztes Jahr in der Schweiz besucht.“

„Ich weiß“, bestätigte Dr. Stefan Frank. „Das waren noch Zeiten damals! Weißt du noch, dass wir als junge Studenten richtig Angst hatten vor Professor Doktor Doktor Gernod Lausen? Niemals hätte ich damals gedacht, dass wir Freunde werden würden.“

„Ich auch nicht. Aber hinter der Autoritätsperson steckt ein wirklich netter Mensch mit einer liebenswerten Familie. Und Julian hat immer Onkel Stefan und Onkel Ulrich zu uns gesagt“, kicherte Ulrich. „Was sagt er denn heute zu …“

Das Klingeln an der Tür unterbrach Ulrich.

„Das wird er sein, der Julian“, sagte Dr. Frank und ging in den Flur, um ihn einzulassen.

Kurz darauf betrat er mit einem attraktiven jungen Mann das Wohnzimmer. Julian strich sich etwas verlegen durch das dunkle lockige Haar, aber dann erhellte ein offenes Lächeln sein Gesicht. Er trat auf Ruth und Ulrich zu und breitete die Arme aus.

„Tante Ruth, Onkel Ulrich, wie schön euch zu sehen.“

„Meine Güte, was bist du für ein stattlicher jungen Mann geworden“, entfuhr es Ruth.

„Ja, Tante Ruth, ich bin ja inzwischen auch erwachsen“, lachte Julian.

„Lass dich umarmen, mein Junge“, sagte Ulrich Waldner. „Wie geht es dir?“

„Ganz gut“, antwortete Julian. „Ich bin froh, wieder in Grünwald zu sein. Und bei euch? Alles in Ordnung?“

„Viel Arbeit, aber nach wie vor sind wir beide sehr gern Ärzte.“

„Kommt! Jetzt setzt euch hin. Meine Alexa hat Hunger“, sagte Dr. Frank und deutete auf den Tisch.

„Ich setze mich neben dich, Tante Ruth“, erklärte Julian prompt. „Natürlich nur, wenn Onkel Ulrich nichts dagegen hat“, fügte er mit einem kleinen Augenzwinkern in Richtung Dr. Waldner hinzu.

„Onkel Ulrich hat nichts dagegen. Aber ich finde es an der Zeit, das Onkel und Tante wegzulassen.“

„Meinetwegen sehr gern. Stefan wollte auch nicht mehr Onkel genannt werden“, lachte Julian. „Er hat gesagt, das hört sich so alt an.“

Während Dr. Frank Getränke einschenkte, holte Alexandra den Brotkorb aus der Küche. Alle ließen sich die köstlichen Vorspeisen schmecken.

„Die habt ihr aber nicht selbst gemacht?“, fragte Ruth, die selbst eine sehr gute Köchin war.

„Nein, dafür war heute nicht die Zeit. Ich habe sie aus dem neuen italienischen Laden, der um die Ecke von meiner Praxis aufgemacht hat“, gestand Alexandra. „Aber der Hauptgang ist von Stefan eigenhändig zubereitet worden.“

„Was gibt es denn?“, fragte Julian.

„Italienisches Gulasch.“

„Mhhm, lecker. Ich liebe Gulasch. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich nicht so viel von den Vorspeisen gegessen.“

„Gulasch passt doch immer noch rein“, lachte Ulrich Waldner und rieb sich voller Vorfreude über den Bauch.

„Dann will ich es mal holen.“

Dr. Stefan Frank ging in die Küche und kam mit dem köstlich duftenden Essen zurück.

„Lasst es euch schmecken!“

Das ließen sich die Gäste nicht zweimal sagen und langten zu.

„Sag mal, Julian, als wir letztes Jahr deine Eltern in Zürich besucht haben, sagte mir deine Mutter, dass sie vielleicht auch nach der Pensionierung von Gernod dort bleiben wollen. Ist das jetzt schon entschieden?“, fragte Ulrich Waldner.

„Ja, Papa und Mama bleiben in der Schweiz. Es gefällt ihnen gut. Papa arbeitet ja auch schon seit fast zehn Jahren in der Klinik in Zürich. Inzwischen haben sie dort viele Freunde.“

„Und du hast jetzt euer altes Haus in Grünwald übernommen?“, fragte Ruth Waldner.

„Könnte man so sagen. Meine Eltern sind nach wie vor die Eigentümer. Ich kann dort aber mietfrei wohnen und mein kleines Café betreiben. Nebenkosten und so, das zahle natürlich ich.“

„Apropos Café. Stefan hat mir erzählt, dass es ein Café mit angeschlossenem Waschsalon ist. Ein sehr ungewöhnliches Konzept. Kann man denn heutzutage, wo fast jeder eine Waschmaschine hat, damit noch Geld verdienen?“, fragte Ulrich.

„Das wird sich zeigen. Den Waschsalon im Nebengebäude gab es schon. Als der Mieter auszog, wollte er die Maschinen gerne stehen lassen. Ich habe sie übernommen, weil die Kombination von Waschmaschinen und Café mich irgendwie gereizt hat.“

„Ach, das kann durchaus laufen“, warf Alexandra ein. „Ich nutze auch manchmal einen Waschsalon für große Teile wie zum Beispiel Bettzeug, das nicht in meine Maschine passt.“

„Daran habe ich gar nicht gedacht“, sagte Ulrich.

„Männer!“, lautete Ruths trockener Kommentar. „Du hast ja auch mit unserer Wäsche nichts zu tun. Ich gehe auch ab und an zum Waschsalon.“

„Wirklich?“, fragte Ulrich erstaunt.

„Ja, mein Schatz, wirklich. Und ein Café direkt daneben ist sehr praktisch, wenn man auf die Wäsche wartet.“

„Dann drücke ich dir alle Daumen, dass dein Konzept aufgeht“, sagte Ulrich Waldner und nickte Julian aufmunternd zu. „Aber sagt mal, ist es nicht eine große Umstellung fest an einem Ort zu sein nach einem jahrelangen aufregenden Leben überwiegend im Ausland?“

„Das schon, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden. Nach dem Unfall habe ich viel nachgedacht. Ich wollte gerne sesshaft werden, einen Freundeskreis aufbauen, vielleicht eine Frau finden und eine Familie gründen“, antwortete Julian.

„Was genau ist eigentlich passiert?“, fragte Ruth. „Stefan hat nur gesagt, dass dein Flugzeug notlanden musste.“

Julian schluckte einmal und wurde blass, aber dann begann er zu erzählen.

„Die Maschine war gerade mal zehn Minuten in der Luft, da ging ein Ruck durch das Flugzeug, wie bei einer Explosion. Eine Tragfläche hatte Feuer gefangen. Kurz darauf drang auch schon Rauch in die Kabine. Die Flugbegleiterinnen haben alles versucht, damit die Passagiere ruhig bleiben, aber trotzdem brach Panik aus. Die Leute liefen schreiend durch das Flugzeug, einige rissen sogar an den Griffen der Notausgangstüren.“

„Meine Güte, das ist ja furchtbar“, rief Ruth aus. „Wie ging es weiter?“

„Der Pilot ist sofort umgekehrt. Auf dem Rollfeld war inzwischen ein Schaumteppich ausgebreitet worden, weil wohl das Fahrwerk nicht mehr auszufahren war. Na ja, dann sind wir halt notgelandet und mussten über die Notrutschen aussteigen. Es war gerade noch mal gut gegangen. Keiner wurde ernsthaft verletzt. Die meisten Fluggäste, so wie ich auch, hatten nur eine leichte Rauchvergiftung.“

„Was für ein schreckliches Erlebnis“, bekannte Ulrich betroffen. „Danach würde wohl jeder sein Leben überdenken. Hattest du in dem Moment große Angst, oder kam das erst später?“

„Ich …“, das Klingeln seines Mobiltelefons unterbrach Julian. „Oh, Entschuldigung. Da muss ich eben ran. Das ist der Gärtner, es geht um den Außenbereich des Cafés.“

Er nahm das Gespräch an und ging in den Flur, um in Ruhe zu telefonieren.

„Der Beinahe-Absturz hat Julian schwerer traumatisiert, als er zugibt“, erklärte Dr. Stefan Frank leise seinen Freunden. „Er redet zwar sehr distanziert und abgeklärt über den Unfall, aber er ist noch lange nicht damit fertig. Seit der Zeit wird er von Panikattacken gequält, wenn er sich in ein Verkehrsmittel setzt. Er geht nur noch zu Fuß oder fährt mit dem Rad.“

„Oh, unternimmt er etwas dagegen? Ist er in Therapie?“, fragte Ruth.

„Nein, das will er nicht, obwohl ich ihm dazu geraten habe. Er ist fest überzeugt, dass die Panik von allein verschwindet. Ich glaube, er ist noch nicht so weit, sich dem Problem wirklich zu stellen“, antwortete Dr. Frank.

„Die Panikattacken schränken doch seinen Bewegungsradius sehr ein, stört ihn das nicht?“, fragte Ulrich.

„Er sagt Nein. Aber bitte, sprecht ihn nicht darauf an, wenn er zurück kommt. Julian reagiert immer sehr unwirsch, wenn ich auf das Thema zu sprechen komme.“

***

Völlig versunken tupfte Barbara Ganzler ein paar goldene Sprenkel auf ihr Bild, das stilisiert und in leuchtenden Farben den Lenggrieser Hausberg zeigte. Es war Barbaras Lieblingsmotiv in den letzten Monaten. Die Wandelbarkeit des Berges im Verlauf der Tages- und Jahreszeiten faszinierte sie. Er konnte schön, geheimnisvoll, sanft, wild aber auch unheimlich und bedrohlich wirken.

Sie trat einen Schritt von der Staffelei zurück und betrachtete ihr Werk. Welche Farbe hat das Glück, sollte es heißen. Anfänglich hatte sie mit breiten Pinselstrichen und übereinandergelegten Farbschichten gearbeitet, um ihrer Vision vom Glück Ausdruck zu verleihen. Aber inzwischen erschien ihr der dicke Farbaufstrich zu belastend für ihr Bild; das Glück musste durchscheinender daherkommen. Jetzt verdünnte sie die Farben mit Terpentin, sodass sie transparent wirkten.

Barbara kniff die Augen zusammen und wiegte den Kopf von rechts nach links. Sie war nicht zufrieden. Etwas fehlte noch. Plötzlich wusste sie, was es war. So ungetrübt, leicht und locker war Glück doch nie. Es fehlte die dunkle Seite. Sie mischte ein Grau auf der Palette an und zog vorsichtig vom Rand ausgehend mit einem dünnen Pinsel eine dunkle Linie über das bunte Bild. Mit dem Finger verwischte sie die Farbe, sodass sich die Spur eines dünnen Grauschleiers wie Nebel über das Gemälde zog.

Wieder trat sie zurück, um die Wirkung der Änderung zu betrachten. Ja, so war es richtig.

Ein zufriedenes Lächeln glitt über das schöne Gesicht der jungen Künstlerin.

Schon zu zweiten Mal schrillte ein lautes Klingeln durch das improvisierte Atelier, dass sich Barbara in dem Gartenhaus ihres Freundes hatte einrichten dürfen. Sie ignorierte das Klingeln. So wichtig konnte es nicht sein. Außerdem war Hubert ja noch zu Hause. Er würde schon nach seiner Mutter sehen.

Barbara seufzte. Magda Driebenstein konnte einem den letzten Nerv rauben. Obwohl sie eigentlich für ihre fast fünfundsiebzig Jahre sehr fit war, forderte sie ständig Hilfe von Barbara. Und wenn sie nicht sofort auf das erste Klingeln reagierte, terrorisierte Magda die junge Künstlerin durch Dauerschellen. Aber nie gab es einen wichtigen Grund, warum Barbara kommen musste. Die alte Dame hatte lediglich Langeweile.

Barbara hatte schon mit Hubert gesprochen, damit er seiner Mutter ins Gewissen redete, Barbara etwas Ruhe zum Arbeiten zu gönnen. Aber Hubert konnte oder wollte sich gegen seine Mutter nicht durchsetzen. Ganz im Gegenteil, er hatte Barbara noch Vorwürfe gemacht, wie undankbar und wenig einfühlsam sie sei, denn schließlich dürfe sie mietfrei bei ihnen wohnen und sich sogar ein Atelier einrichten.

Barbara hatte sich angewöhnt, mit den Hühnern aufzustehen, sodass sie wenigstens morgens ein paar Stunden hatte, in denen sie arbeiten konnte. Aber jetzt, wo sie in zehn Tagen ihre erste Ausstellung in einer Grünwalder Galerie hatte, musste sie so viel vorbereiten, dass die wenigen Stunden nicht ausreichten.

Barbara seufzte noch einmal tief, als schon wieder die Klingel durch das Atelier schallte. Nein, sie würde jetzt nicht gehen. Ihr Blick fiel wieder auf ihr Bild. Noch immer war sie zufrieden.

Plötzlich verschwamm das Bild vor Barbaras Augen und sie musste sich auf den Malerhocker setzen. Angstschweiß breitete sich auf ihrer Stirn aus. Die Angst ließ ihr Herz so sehr rasen, sodass der Puls kaum noch zu tasten war. Das war schon der vierte Anfall in dieser Woche. Barbara war sicher, dass das die Vorboten der Krankheit waren, die sie in ihren Genen trug. In ein paar Jahren würde sie blind sein. Eine blinde Malerin!