Dr. Stefan Frank 2605 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2605 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Julia Wiesinger hat vor zwei Jahren ihren Mann Elias und ihre kleine Tochter Paula bei einem Autounfall verloren. Die junge Frau hat den Schock immer noch nicht richtig verarbeitet und befindet sich in Therapie. Unterstützung im Alltag erhält sie von ihrer Mutter. Sie versucht, ihre Tochter wieder für das Leben zu interessieren und unternimmt Ausflüge mit ihr. Stück für Stück geht es Julia besser, und sie möchte wieder anfangen, freiberuflich zu arbeiten. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie ihre Kreativität nicht mehr abrufen kann. Beim Illustrieren von Kinderbüchern wird sie einfach zu sehr an ihre verstorbene Tochter erinnert. Deshalb entscheidet sie sich, erst einmal eine Auszeit zu nehmen und im Café ihrer besten Freundin zu jobben. Die Arbeit unter Menschen tut ihr gut, und Julia lässt sich sogar zögerlich auf einen Flirt ein. Nun, da sie psychisch endlich wieder aufzuleben beginnt, geht es ihr plötzlich gesundheitlich schlechter. Sie hat starke grippeartige Symptome. Der Hausarzt in Schwabing verschreibt ein Breitbandantibiotikum. Nach dessen Einnahme geht es Julia aber nicht besser, sondern sie gerät völlig aus der Balance, vernachlässigt sich selbst und ihre Arbeit im Café und vergräbt sich wieder zu Hause ...

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Seitenzahl: 129

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Inhalt

Cover

Tausend kleine Schritte

Vorschau

Impressum

Tausend kleine Schritte

Wie Julia ihre Lebensfreude wiederfand

Julia Wiesinger hat vor zwei Jahren ihren Mann Elias und ihre kleine Tochter Paula bei einem Autounfall verloren. Die Kinderbuchillustratorin hat den Schock immer noch nicht richtig verarbeitet und befindet sich in Therapie. Unterstützung im Alltag erhält sie von ihrer Mutter. Diese versucht, ihre Tochter wieder für das Leben zu interessieren, und unternimmt Ausflüge mit ihr.

Stück für Stück geht es Julia besser, und sie möchte wieder anfangen, freiberuflich zu arbeiten. Schnell sstellt sich jedoch heraus, dass sie ihre Kreativität nicht mehr abrufen kann. Beim Illustrieren von Kinderbüchern wird sie einfach zu sehr an ihre verstorbene Tochter erinnert. Deshalb entscheidet sie sich, erst einmal eine Auszeit zu nehmen und im Café ihrer besten Freundin zu jobben. Die Arbeit unter Menschen tut ihr gut, und Julia lässt sich sogar zögerlich auf einen Flirt ein. Nun, da sie psychisch endlich wieder aufzuleben beginnt, geht es ihr plötzlich gesundheitlich schlechter. Sie hat starke grippeartige Symptome. Der Hausarzt in Schwabing verschreibt ein Breitbandantibiotikum. Nach dessen Einnahme geht es Julia aber nicht besser, sondern sie gerät völlig aus der Balance, vernachlässigt sich selbst und ihre Arbeit im Café und vergräbt sich wieder zu Hause ...

»Frau Wiesinger, wie fühlen Sie sich heute?«

Die Frage drang nur leise an Julianes Ohr. Die junge Frau im Sessel zuckte zusammen und sah hinüber zum Fenster, hinter dem gerade ein rostrotes Eichhörnchen über den Rasen hüpfte und den nächsten Baumstamm hinaufkletterte. Die Sprünge des Tierchens sahen so leicht aus, als hätte es überhaupt kein Gewicht, sondern würde schwerelos über den Boden fliegen.

Julia seufzte auf. So leicht hatte sie sich auch mal gefühlt! Aber das war geschätzte hundert Jahre her, und damals war ihre Welt noch in Ordnung gewesen, ganz im Gegensatz zu heute.

Sie drehte den Kopf wieder zurück, hin zur Psychologin, die ihr gegenübersaß und sie fragend anschaute. Die Ärztin war mindestens doppelt so alt wie sie und verfügte bestimmt über eine Menge Lebenserfahrung, aber trotzdem hatte sie keine Ahnung, was gerade in ihr vorging!

Aber woher sollte die Frau auch wissen, wie einem zumute war, wenn man vom schlimmsten Unglück getroffen worden war, das man sich überhaupt vorstellen konnte? Wie sollte sie die Gefühle, die einem in so einem Fall das Herz in jeder Sekunde neu brachen, nachempfinden können? Das war einfach unmöglich!

Seit anderthalb Jahren wurde Julia nun von der Last des Lebens zu Boden gedrückt, und es sah nicht so aus, als würde sich das jemals wieder ändern. Sehr wahrscheinlich würde sie sich nie mehr so leicht und frei fühlen können wie das Eichhörnchen, das mittlerweile zwischen den maigrünen Blättern der Baumkrone verschwunden war.

Julia hob mutlos die Schultern und ließ sie wieder fallen, während ihr Tränen in die Augen traten. Eigentlich war sie eine hübsche Frau, mittelgroß, mit blauen Augen, die bis vor anderthalb Jahren noch vor Glück geleuchtet hatten.

Nun allerdings hatten sie jeden Glanz verloren, genau wie das blonde Haar, das sich matt und glanzlos um Julianes Kopf legte. Seit längerer Zeit frisierte sie sich morgens nicht mehr, sondern band die strähnigen Haare einfach zu einem Pferdeschwanz zusammen. Früher hatte sie sich gern zwei lange Zöpfe geflochten und sie zum Oktoberfest manchmal auch kunstvoll um den Kopf gewunden. Aber für wen sollte sie sich jetzt noch schön machen?

»Frau Wiesinger?«

Julia zuckte hoch. »Heute wäre Paula sechs Jahre alt geworden«, flüsterte sie und biss sich im gleichen Moment auf die Innenseiten der Wangen, bis sie einen metallischen Geschmack im Mund spürte.

Der Schmerz, der nun in ihrem Mund brannte, war heftig, aber er war nichts im Vergleich zu jenem Schmerz, der Tag für Tag in ihrem Herzen wütete und es jede Sekunde von Neuem in tausend Stücke riss.

»Ihre kleine Tochter, ja, Frau Wiesinger, ich weiß. Aber Sie müssen endlich Ihren Frieden machen mit dem Vorfall. Es hilft nichts, wenn Sie sich weiterhin vom Leben zurückziehen. Sie sind jung, sie haben das Leben noch ...«

»Ich bin einunddreißig, aber was mein Leben betrifft, das ist vorbei«, unterbrach Julia die Ärztin.

Das hatte doch alles keinen Sinn. Wollte die Frau ihr wirklich einreden, dass man nach so einem Schicksalsschlag noch einmal glücklich werden konnte?

Vor anderthalb Jahren waren Julianes Mann Elias und ihre gemeinsame Tochter Paula, damals viereinhalb Jahre alt, auf dem Weg zum Kindergarten von einem Auto erfasst worden. Die eilig herbeigerufenen Notfallsanitäter hatten leider nichts mehr ausrichten können, sowohl Paula als auch Elias waren noch auf den Weg ins Krankenhaus gestorben, ohne dass Julia sie noch einmal gesehen und sich von ihnen hätte verabschieden können.

Abschied hatte sie erst auf der Beerdigung genommen, bei der man auf eine offene Aufbahrung verzichtet hatte. Während der gesamten Trauerfeier waren beide Särge geschlossen geblieben, der kleine wie der große, weil man der Witwe und Mutter den Anblick nicht noch einmal hatte zumuten wollen.

Witwen, so nannte man Frauen, deren Mann gestorben war. Wie aber hießen Mütter, die ein Kind verloren hatten? Irgendwo hatte Julia mal etwas von verwaisten Eltern gelesen, aber dieses Wort traf es nicht. Sie war keine Waise, denn ihre eigenen Eltern hatte sie ja noch, zumindest ihre Mutter. Nein, ihr war buchstäblich das Herz aus dem Leib gerissen worden.

»Frau Wiesinger, ich weiß wirklich, wie Sie sich gerade fühlen«, versicherte die Psychologin einfühlsam. »Ich weiß aber auch, dass es mit der Zeit besser werden wird, glauben Sie mir. Sie werden wieder Freude empfinden können. Dafür ist es aber notwendig ...«

Ja, bitte? Was war denn dafür notwendig? Julia drehte den Kopf weg. Was redete die Frau überhaupt? Wie sollte man jemals wieder Freude empfinden können, nachdem man das Wertvollste in seinem Leben verloren hatte? Paula, ihr kleiner Schatz, der von allen gemocht und geliebt worden war, der süße Wirbelwind mit seinen blonden Löckchen und Elias' samtbrauen Augen – Paula war nicht mehr da. Das war doch einfach nicht zu verstehen!

Und Elias war auch nicht mehr da. Als Teenager hatten sie sich kennengelernt, und waren zwischenzeitlich zwar mal getrennt gewesen, weil sie jeweils einen anderen Partner ausprobiert hatten, aber kurz danach waren sie doch wieder zusammengekommen und hatten nicht lange danach geheiratet.

Elias war der beste Ehemann gewesen, den man sich überhaupt vorstellen konnte. Er hatte Julia geliebt und sie unterstützt, sogar dann, als sie sich nach Paulas Geburt selbstständig gemacht hatte, um ihre Arbeitszeit an die Bedürfnisse von Paula anzupassen. Er hatte ganz selbstverständlich im Haushalt mitgeholfen, war liebevoll und zärtlich gewesen und hatte seine Tochter wie eine kleine Prinzessin behandelt.

Ja, sie waren eine glückliche Familie gewesen. Auch wenn Julianes beste Freundin Mona vor einiger Zeit vorsichtig angedeutet hatte, dass Julia sich die Ehe mit Elias nachträglich doch etwas schönredete. Es war übrigens auch Mona gewesen, die ihr den Therapieplatz bei Frau Dr. Radinger besorgt hatte, in der Hoffnung, dass Julia endlich wieder ein bisschen besser mit ihrem Leben zurechtkam.

Aber irgendwie funktionierte es nicht.

»Wie sieht es mit Ihrer Arbeit aus?«, fragte die Psychologin.

Julia zuckte abermals mit den Schultern.

»Ich war ja lange krankgeschrieben und habe danach noch eine Kur gemacht. Irgendwie hatte ich gedacht, das würde mir helfen, aber es scheint überhaupt nichts genutzt zu haben. Ich fühle mich jedenfalls, als wäre meine ganze Kreativität verloren gegangen. Ich habe überhaupt keine Ideen mehr, ich ...«

Schon wieder kitzelten verräterische Tränen in ihren Augen, und Julia versuchte, sie wegzublinzeln.

»Ja bitte, sprechen Sie weiter«, ermunterte sie die Psychologin.

»Ich kann einfach nicht mehr malen. Ich meine, ich habe früher Kinderbücher illustriert. Und ich hatte immer Spaß an der Arbeit, denn ich habe sie ja auch für Paula gemacht. Ich habe mir immer vorgestellt, was Paula gern in einem Buch sehen würde. Das war die pure Inspiration für mich. Aber das geht jetzt nicht mehr, Paula ist nicht mehr da und Elias auch nicht. Für wen soll ich jetzt also noch malen, können Sie mir das mal sagen?!«

Schon wieder musste Julia schlucken, obwohl ihre Stimme beim letzten Satz laut und zornig geklungen hatte.

»Ich verstehe Ihre Emotionen, aber ...«

»Nein, Sie verstehen gar nichts!«, schrie Julia auf. »Sie reden mit mir, als wäre ich selbst noch ein Kleinkind, das nur seinen Lieblingsteddy verloren hat. Das ist natürlich für ein kleines Kind schlimm, aber es hat ja immer noch seine Familie, verstehen Sie? Es ist nicht allein auf der Welt, nicht so wie ich ...«

»Sie sind nicht allein, Frau Wiesinger. Sie haben Ihre Mutter, Sie haben Ihre Freundin – Mona heißt sie, richtig? – und sicherlich auch noch ein paar andere Menschen. Und Sie haben mich, Ihre Therapeutin. Aber Sie müssen selbst wieder mehr unter Leute gehen. Es ist nicht gut, wenn man sich allzu lange isoliert.«

Ja doch! Das wusste Julia doch längst. Aber wie ließ sich dadurch ein Leben wieder auf die Reihe kriegen? Das wusste Frau Dr. Radinger offenbar auch nicht, sonst hätte sie hier nicht solche Allgemeinplätze von sich gegeben. Jetzt redete die Psychologin sogar vom Mai, der angeblich der schönste Monat im Jahr war, von der wiedererwachten Natur, die Julia genießen sollte, von den Bergen und der wunderschönen Münchener Umgebung.

Was sollte dieser Unsinn? Wenn Julia demnächst in den Bergen herumkraxelte, kamen Paula und Elias dadurch auch nicht wieder. Die Frau hier hatte doch überhaupt keine Ahnung, was eine verwaiste Mutter jeden Tag durchmachte!

Ganz tief in ihrem Inneren wusste Julia, dass ihre Gedanken gerade ziemlich unfair waren, schließlich gab sich Dr. Radinger alle Mühe, ihr aus ihrer Depression herauszuhelfen. Denn die war seit dem Unfall Julianes zuverlässiger Begleiter und wollte sich einfach nicht bessern, egal was Mona oder Julianes Mutter taten, um ihr zu helfen.

Die beiden gaben sich ebenfalls allergrößte Mühe, Julia wieder ins Leben zurückzuholen. Aber die meisten ihrer Anstrengungen und Vorschläge blockte Julia umgehend ab. Sie wollte nichts als in Ruhe gelassen werden, um anständig um ihre Tochter und ihren Mann trauern zu können.

Auch wenn der Unfall jetzt schon anderthalb Jahre zurücklag. Das war schließlich noch keine lange Zeit. Warum nur verstand das keiner?

***

»Allet neu macht der Mai ...«, brummte Martha Giesecke gut gelaunt, während sie die Tür zur Arztpraxis in der Gartenstraße aufschloss.

Es war noch früh am Morgen, und im Haus war noch alles ruhig. Aber das würde sich bald ändern, denn als Martha jetzt ihre Tasche auf der Rezeption abstellte und danach in die kleine Teeküche hinüberging, hörte sie in der Wohnung darüber Wasser in den Abfluss rauschen.

Das hieß, ihr Chef Dr. Frank duschte gerade. Seine Wohnung lag genau über der Praxis im ersten Stock, und die Villa, in der sich die Praxis befand, war gleichzeitig sein Elternhaus.

Demnach würde er in etwa zwanzig Minuten die Treppe herunterkommen. Martha nickte, während sie in die Teeküche ging. Meist konnte sie die Uhr danach stellen, denn in der ganzen Zeit, in der sie schon für Dr. Frank arbeitete, war es nur ein einziges Mal vorgekommen, dass der Chef verschlafen hatte. Und selbst an diesem Tag hatten sie die Praxis noch pünktlich öffnen können.

Immer noch summend, stellte Martha die mitgebrachte Torte in der Teeküche auf den Tisch, nahm den Plastikdeckel ab und begann, das kleine Kunstwerk in zwölf gleichgroße Stücke zu zerschneiden. Danach verstaute sie es vorsichtig im Kühlschrank. Die selbstgebackene Torte war Marthas Beitrag zur Teambildung, wobei das Team in diesem Fall nur aus ihr, dem Chef und einer weiteren Sprechstundenhilfe, der jüngeren Marie-Luise Flanitzer, bestand.

Martha, die inzwischen die sechzig überschritten hatte, fühlte sich als Älteste für alles verantwortlich, was die Praxis betraf – wobei sie Verantwortung leider manchmal mit Neugier verwechselte. Sie war ein echtes Berliner Urgestein, hatte ihre Geburtsstadt aber schon vor vielen Jahren verlassen und war nach München gezogen, wo sie nicht nur eine neue Heimat, sondern mit Dr. Frank auch einen kompetenten und freundlichen Arbeitgeber gefunden hatte.

Martha mochte ihren Chef sehr, und sie wusste, dass Dr. Frank ebenfalls große Stücke auf sie hielt. Er schätzte ihre Organisationsfähigkeit, ihre Ordnungsliebe und vor allem ihr großes Herz, das sich auf einzigartige Weise mit ihrem Berliner Mundwerk verband. Dass die resolute Martha insgesamt oft in ihren Heimatdialekt verfiel, machte sie nicht nur bei ihrem Chef, sondern auch bei den meisten Patienten beliebt.

Gestern nun hatte Martha in ihrem Garten die Erdbeerbeete geplündert, um anschließend für ihre Arbeitskollegen zu backen. Dr. Frank und Marie-Luise würden Augen machen, wenn Martha die Torte nachher zur Mittagspause aus dem Kühlschrank zauberte! Die Erdbeersaison hatte in diesem Jahr schon zeitig begonnen.

Jetzt aber mussten erst einmal die Computer an der Rezeption und im Behandlungsraum hochgefahren, das Wartezimmer gelüftet, das Labor startbereit gemacht und – das war das Allerwichtigste! – die Kaffeemaschine angeschaltet werden.

Martha machte sich an die Arbeit. Fünfzehn Minuten später war die Praxis für den neuen Arbeitstag vorbereitet. Weitere drei Minuten später hörte sie, wie oben die Wohnungstür ins Schloss fiel und Dr. Frank die Treppe hinunterkam.

»Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ick Ihnen«, schmetterte Martha dem Chef entgegen und reichte ihm dabei die obligatorische Tasse Kaffee. »Na, haben Sie ein schönes Wochenende gehabt? Det ist ja mal wieder ein Wetterchen gewesen, was?«

»Und ob ich ein gutes Wochenende hatte, liebe Martha«, erwiderte Dr. Frank gut gelaunt, während er die Tasse entgegennahm. »Ich habe an beiden Tagen einen langen Spaziergang mit Alexandra an der Isar gemacht. Und am Samstag waren wir endlich mal wieder bei den Waldners zu Gast.«

Die Waldners waren Stefans und Alexandras engste Freunde. Ulrich Waldner war Chirurg und Leiter der gleichnamigen Klinik, die sich in Schwabing genau gegenüber dem Englischen Garten befand. Ruth, seine Frau, arbeitete ebenfalls dort, sie unterstützte ihren Mann als Anästhesistin im OP.

Außerdem aber war Ruth eine begnadete Köchin. Deshalb freuten sich Stefan und Alexandra immer, wenn sie von ihren Freunden zu einem Essen auf die Dachterrasse der Waldnerschen Penthouse-Wohnung eingeladen wurden, die sich im siebten Stock der Klinik befand. Vorgestern war es nun nach längerer Zeit endlich mal wieder so weit gewesen, auch wenn die Abende im Mai noch immer etwas kühl wurden.

»Apropos Essen«, sagte Stefan Frank. »Dieses große Messer dort in der Spüle, das hat doch bestimmt etwas zu bedeuten, nicht wahr? Und dieses breite Lächeln auf Ihrem Gesicht, meine liebe Martha, das sagt mir ziemlich genau, dass ich mit meiner Vermutung recht habe. Was ist es denn diesmal?«

»Also Chef, vor Ihnen kann man aber auch wirklich gar nichts verbergen«, entgegnete Martha vorwurfsvoll, während das Grienen auf ihrem Gesicht aber immer breiter wurde, denn natürlich hatte sie aus Dr. Franks Worten vor allem das Lob herausgehört. Aber ein bisschen schlechte Laune gehörte nun mal auch zum Spiel.

»Eigentlich sollte es ja eine Überraschung werden«, nörgelte sie also mit einem Seitenblick auf Dr. Frank weiter. »Aber Sie haben einfach zu scharfe Augen!«

»Na ja, Schwester Martha, erstens ist meine Lebensgefährtin Augenärztin«, erwiderte Dr. Frank lachend, während er einen Schluck Kaffee nahm, »da sollte mit meinen Augen schon alles stimmen ...«

»Und zweitens?«, hakte Martha nach.

»Zweitens hätte auch ein Blinder mit Krückstock das benutzte Messer gesehen, das Sie so offensichtlich in der Spüle herumliegen lassen. Ich würde mich anhand der Spuren an der Schneide sogar an eine Prognose wagen: Sie haben irgendeine Art von Kuchen mitgebracht, mit einer Schicht Pudding obendrauf, und mit Obst natürlich, der Farbe nach ... hm ... Erdbeeren vielleicht? Für Kirschen ist es ja noch ein bisschen früh.«

»Sie haben wie immer recht«, meinte Martha, während sie jetzt mit großer Geste die Kühlschranktür aufschwingen ließ und die Torte wieder hinausbeförderte. »Schauen Sie mal, ist det nicht eine Augenweide? Wollen Sie vielleicht schon mal ein kleines Stück probieren? Eigentlich war die Torte ja für die Mittagspause gedacht, aber ...«