Dr. Stefan Frank 2606 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2606 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Lars Erlacher hat alles genau geplant: Während einer Heißluftballonfahrt möchte er seiner geliebten Mila einen Heiratsantrag machen. Es soll der romantischste Tag ihres Lebens werden - mit Champagner, einem weißgoldenen Ring und blühenden Sommerwiesen unter ihnen. Vor dem Start hat Mila Bedenken, weil der Wetterbericht vor möglichen Gewittern warnt, aber der Himmel ist blau, und der Ballonführer beruhigt sie, dass das Unwetter weit an ihnen vorüberziehen wird. Glücklich steigen die beiden in den Ballon - und damit nimmt das Unheil seinen Lauf ...

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Inhalt

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Der Himmel über uns

Vorschau

Impressum

Der Himmel über uns

Arztroman um eine schicksalhafte Ballonfahrt

Lars Erlacher hat alles genau geplant: Während einer Heißluftballonfahrt möchte er seiner Mila einen Heiratsantrag machen. Es soll der romantischste Tag ihres Lebens werden – mit Champagner, einem weißgoldenen Ring und blühenden Sommerwiesen unter ihnen. Vor dem Start hat Mila Bedenken, weil der Wetterbericht vor möglichen Gewittern warnt, aber der Himmel ist blau, und der Ballonführer beruhigt sie, dass das Unwetter weit an ihnen vorüberziehen wird. Glücklich steigen die beiden in den Ballon – und damit nimmt das Unheil seinen Lauf ...

»Spatzl?« Jemand rüttelte Mila an der Schulter.

»Hm-mm?« Verschlafen blinzelte sie und sah das sonnengebräunte Gesicht ihres Freundes über sich. Sie wollte hochfahren – und knallte prompt mit dem Kopf an die Kleiderstange! Ein leiser Wehlaut entfuhr ihr.

»Vorsichtig! Das hier ist nicht unser Bett. Du bist anscheinend heute Nacht wieder umhergewandelt.«

»Nicht schon wieder!« Mila schaute sich um und seufzte, als sie sich in ihrem Kleiderschrank wiederfand.

Schon zum zweiten Mal in dieser Woche! Sie hatte keine Erinnerung mehr daran, aufgestanden zu sein und die Schranktür geöffnet zu haben. Geschweige denn, dass sie sich hier zusammengerollt und weitergeschlafen hatte.

»Da geben wir fast tausend Euro für ein neues Bett aus und du ziehst den Schrank vor«, neckte ihr Freund sie. »Was soll ich davon halten?«

»Freiwillig wäre ich da im Leben nicht reingekrochen.« Mila rutschte vor und stand auf. Dabei raste ein scharfer Schmerz in ihre untere Rückenmitte. »Oh! Autsch!«

Lars legte ihr einen Arm in den Rücken. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja. Mein Rücken ist nur nicht dafür gemacht, wie eine Luftmatratze zusammengerollt und in einem Schrank verstaut zu werden.« Sie lächelte schief.

Daraufhin drückte er ihr einen Kuss auf den Mund.

»Besser so?«, fragte er dann.

»Viel besser«, bestätigte sie und schmiegte sich an ihn.

Er trug Shorts und ein weißes T-Shirt, das sich um seinen muskulösen Oberkörper spannte. Seine braunen Haare waren noch vom Schlaf zerzaust, und er war noch warm vom Bett. Anscheinend war er auch eben erst aufgewacht.

Mila spähte aus dem Fenster. Draußen wurde es gerade erst hell. Munteres Vogelzwitschern drang aus dem Garten herein. Das Fenster stand offen und ließ den milden Wind herein, der die luftigen zartgrünen Vorhänge blähte.

Der Wecker auf dem Nachttisch sprang von 5.29 Uhr auf 5.30 Uhr und begann zu piepen. Mila streckte einen Arm aus, schaltete ihn ab und zuckte zusammen, denn bei der Bewegung machte sich eine schmerzhafte Verspannung in ihrem Nacken bemerkbar. Himmel, wie lange hatte sie im Schrank geschlafen? Ein paar Stunden?

Schon als Kind war sie im Schlaf umhergelaufen, hatte sich manchmal in der kalten Badewanne und manchmal im Treppenhaus wiedergefunden. Ihre Mutter war davon überzeugt, dass sie unbewusst nach ihrem Vater suchte, weil das Schlafwandeln begonnen hatte, kurz nachdem er bei ihnen ausgezogen war.

Lars strich ihr eine braune Locke aus der Stirn.

»Schau nicht so traurig. Es gibt auch etwas Gutes daran. Mit deinen nächtlichen Touren kommst du spielend auf die zehntausend Schritte, die man am Tag laufen soll, um sich fit zu halten.«

Sie verzog das Gesicht, als wäre er ihr auf den großen Zeh getreten.

»Darauf könnte ich gern verzichten. Nach der unbequemen Lage fühle ich mich wie gerädert.«

»Wie wäre es, wenn du rasch unter die Dusche springst? Und ich bereite derweil das Frühstück für uns vor?«

»Das wäre himmlisch.«

»Dann machen wir es so.« Er entließ sie mit einem Kuss ins Badezimmer.

Mila duschte, bürstete ihre Haare und nahm sie im Nacken mit einer silbernen Spange zusammen. Danach putzte sie ihre Zähne und legte einen Hauch Puder und Wimperntusche auf.

»Fertig!«, rief sie auf dem Weg ins Schlafzimmer.

Als sie wenig später angezogen war und in die Küche ging, weiteten sich ihre Augen verblüfft, denn der Ecktisch war so liebevoll gedeckt wie an einem Feiertag. Es gab Toast, Rührei, selbst gemachten Fruchtjoghurt und reichlich Kaffee.

Neben ihrem Teller lag ein bunt bedruckter Karton.

»Was ist denn das? Ich habe doch gar nicht Geburtstag.«

»Schau ruhig hinein«, ermutigte Lars sie. Seine Haare waren noch feucht von der Dusche. Er hatte seine Schlafsachen mit Jeans und einem hellblauen Hemd vertauscht. »Alles Gute zu unserem Jahrestag!«

»Unser Jahrestag?« Verblüfft schaute sie auf. »Ist der nicht erst in einer Woche?«

»Das stimmt schon, aber heute vor einem Jahr sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Damals hat sich für mich alles zum Guten gewendet, weil du in mein Leben gekommen bist.«

Er sah sie liebevoll an.

Mila reckte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn, ehe sie herumwirbelte und den Deckel des Kartons lüftete.

Darin lag ein Seeotter aus flauschigem hellbraunem Plüsch. Er hielt einen Zettel mit einer Nachricht in seiner Pfote: Hiermit lade ich dich zu einer Überraschung ein. Heute Abend, 19 Uhr. In Liebe, dein Lars

»Eine Überraschung? Was hast du denn mit mir vor?«

»Wenn ich das verrate, ist es ja keine Überraschung mehr. Schau nur bitte zu, dass du pünktlich von der Arbeit wegkommst. Das wäre wirklich wichtig.«

»Ich werde es versuchen.« Mila nahm den Seeotter aus dem Karton und strich sacht über seinen kuscheligen Bauch. »Wie weich er ist. Ich verstehe, warum du ihn ausgesucht hast.«

»Das weiche Fell war nur einer meiner Gründe für den Kauf. Der andere ist etwas, das ich über Seeotter gelesen habe. Wusstest du, dass sie sich beim Schlafen an den Pfoten halten? Das tun sie, damit sie nicht abdriften und sich verlieren. Sie lassen sich nämlich zum Schlafen auf dem Wasser treiben.« Lars strich ihr zärtlich über die Wange. »Ich möchte für den Rest meines Lebens mit dir Hand in Hand schlafen, Spatzl. Genauso wie die Seeotter.«

»Ich auch mit dir«, erwiderte sie, und ihre Kehle war mit einem Mal eng.

Himmel, wie sehr sie diesen Mann liebte! Sie kannten einander so gut, aber er überraschte sie trotzdem immer wieder aufs Neue.

»Wollen wir essen?«, schlug er vor, und sie setzten sich zum Frühstück nieder.

Während sie frühstückten, unterhielten sie sich über den Tag, der vor ihnen lag. Lars blieb nicht viel Zeit zum Essen, weil er eine Lieferung in seinem Antiquitätenladen erwartete und pünktlich aufschließen musste, sonst würde der Fahrer die Waren wieder mitnehmen. Der Laden hatte sie einst zusammengeführt.

Verträumt wanderten Milas Gedanken ein Jahr zurück. Damals hatte sie in dem behaglichen Eckladen ein Geschenk für ihre Mutter gesucht. Ihr Augenmerk war auf ein Schmuckkästchen im Schaufenster gefallen. Lars hatte es ihr aus der Nähe gezeigt und darüber waren sie ins Gespräch gekommen. Er liebte Antiquitäten. Ihr Wert bestand für ihn jedoch weder in ihrem Alter noch in ihrem finanziellen Wert, sondern in den Geschichten, die sie erzählten. Das Schmuckkästchen beispielsweise hatte ein Geheimfach besessen. Darin war ein Fläschchen mit unbekanntem Inhalt versteckt gewesen. Ein Gift vielleicht? Wer mochte es dort verborgen haben? Und der Schal, der hinter der Schublade eines Schreibtisch gesteckt hatte. Aus Versehen? Oder war damit womöglich jemand erdrosselt worden?

Seine morbide Fantasie hatte Mila sowohl erschreckt als auch angezogen.

Ich lese und gern reichlich Krimis, hatte er gestanden und zerknirscht die Arme gehoben. Davon bleibt wohl doch etwas hängen ...

»Mila?«, drang seine Stimme nun zu ihr durch. »Wo bist du mit deinen Gedanken?«

»Bei unserem Kennenlernen und dem Giftfläschchen.«

»O weh! Es ist ein Wunder, dass mein Hang zu wilden Spekulationen dich damals nicht dazu gebracht hat, fluchtartig meinen Laden zu verlassen.« Er beugte sich vor und tupfte einen Kuss auf ihre Schläfe. »Gruselt es dich vor mir?«

»Niemals.« Sie schmiegte sich an ihn.

Es stimmte ja: Bei ihm fühlte sich so geborgen wie noch niemals zuvor in ihrem Leben. Sie vertraute ihm völlig. Lars war ihr bester Freund, ihr Partner, ihr Geliebter. Er war ihr Ein und Alles.

Seit einem halben Jahr bewohnten sie zusammen eine hübsche, moderne Drei-Zimmer-Wohnung im Süden von Grünwald. Der Wohnraum hier war nicht nur bezahlbar, sondern lag auch wunderschön im Grünen. Dafür nahm Mila die längere Fahrt bis nach München hinein gern in Kauf.

Die offene Küchentür bot einen freien Blick in das Wohnzimmer. Unter dem Fernseher reihten sich DVDs in einem Regal aneinander. Es waren überwiegend Naturdokumentationen. Mila liebte Reportagen. Dokus über die Tierwelt vom Yellowstone, Sibirien und Alaska standen neben Berichten über Vulkanausbrüche, Pharaonen und verschollene Schätze.

Die Einrichtung ihrer Wohnung war ganz in Weiß und Grün gehalten. Zusammen mit den hellen Holzmöbeln ergab das ein harmonisches Bild. Haustiere hatten sie keine, dabei hatte Mila früher immer Katzen gehabt, aber Lars reagierte allergisch auf Tierhaare, deshalb verzichtete sie auf ein eigenes Tier. Das war ein Opfer, aber ihre Liebe zu Tieren konnte sie als Tierarzthelferin zum Glück auch anders zeigen.

Lars hatte kaum seine Tasse geleert, als er auch schon los musste.

»Tut mir leid wegen der Eile. Heute Abend habe ich mehr Zeit. Versprochen.« Er machte Anstalten, sein Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, aber Mila winkte ab.

»Lass nur. Das erledige ich. Du hast uns so ein leckeres Frühstück gemacht. Jetzt bin ich dran.«

»Danke. Und warte nur ab, was ich für den Abend geplant habe.« Er beugte sich zu ihr, zwinkerte und dann küsste er sie liebevoll. »Wir sehen uns nachher.«

»Bis später. Fahr vorsichtig, ja?«

»Versprochen.« Er nickte ihr zu – und wenig später schlug die Tür hinter ihm zu.

Mila leerte ihre Kaffeetasse. Dann hielt sie sich nicht lange auf, sondern räumte die Spülmaschine ein und machte sich gerade bereit für den Aufbruch, als unerwartet das Telefon klingelte. Sie nahm den Apparat aus der Ladestation.

»Mila Winter hier, hallo?«

»Mila, Liebes, du musst mich vom Flughafen abholen.«

»Mama?« Verblüfft drückte sie das Telefon fester an ihr Ohr. »Seit wann bist du denn wieder in München?«

»Seit zehn Minuten ungefähr. Gerade gelandet.«

»Wolltest du nicht erst morgen zurückkommen?«

»Das war der Plan, aber ich bin einen Tag vor der Zeit abgereist. Der Baulärm in meinem Hotel war unerträglich. Du kannst dir nicht vorstellen, wie lästig es ist, frühmorgens vom Knattern und Bohren der Maschinen geweckt zu werden. Ganz zu schweigen von den Bauarbeitern, die dreist genug waren, von ihrem Gerüst in mein Schlafzimmer zu spähen.«

Ellen Winter gestattete sich ein entrüstetes Schnauben.

Sie hatte zwei Urlaubswochen auf Mallorca verbracht und Mila jeden Tag Fotonachrichten vom Strand und dem idyllischen Hinterland geschickt.

Mila wechselte das Telefon von einer Hand in die andere.

»Es tut mir leid, dass du vor dem Lärm flüchten musstest. Allerdings habe ich wirklich noch nicht mit dir gerechnet. Ich muss gleich zur Arbeit fahren ...«

»Lässt du mich etwa mit meinem ganzen Gepäck hier am Flughafen stehen?«

Ihre Mutter zog hörbar den Atem ein. Ihr Schweigen war mehr als ein Vorwurf.

»Nein, natürlich nicht.« Mila seufzte leise. »Warte auf mich, ja? Ich komme zum Flughafen und hole dich ab.«

»Vielen Dank, Liebes. Wenn es dir wirklich nichts ausmacht?«

»Bin gleich da.« Mila legte das Telefon zurück, angelte ihre Tasche vom Boden und verließ mit langen Schritten ihre Wohnung.

Wenig später war sie unterwegs zum Flughafen.

Angespannt spähte Mila auf ihre Uhr. Selbst wenn alle Ampeln auf ihrer Seite und grün waren, würde sie es mit dem Umweg über den Flughafen und das Haus ihrer Mutter niemals rechtzeitig in die Praxis schaffen. Erst recht nicht, als sich der Verkehr vor ihr staute und es immer später und später wurde. Notgedrungen rief Mila ihren Chef von unterwegs aus an und sagte Bescheid, dass sie sich verspäten würde. Er beruhigte sie, dass das kein Problem war, aber sie wusste um den morgendlichen Betrieb in der Praxis und hoffte, es würde nicht allzu viel später werden.

Allerdings zog sich der Verkehr wie Kaugummi! Mila trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad, während sich die Autos vor ihr im Schneckentempo vorwärts bewegten.

Endlich erreichte sie den Flughafen, suchte einen Parkplatz und strebte zum Terminal, um ihre Mutter zu suchen. Ellen wartete bereits am Eingang auf sie – neben einem Rollwagen mit einem Stapel Koffer, Beutel und Taschen. Mit ihrer sonnengebräunten Haut, den modisch kurz geschnittenen, rötlich getönten Haaren und dem luftigen weißen Sommerkleid wirkte sie jünger als einundfünfzig Jahre. Ein duftiger roter Schal flatterte hinter ihr. An den Füßen trug sie weiße Sandalen mit hohen Absätzen, auf denen Mila nicht einmal dann hätte laufen können, wenn ihr Leben davon abgehangen hätte.

»Liebes, da bist du ja!« Sie herzte und drückte Mila und gab sie wieder frei. Ein Hauch ihres blumigen Parfums blieb an Mila hängen. »Grundgütiger! Siehst du blass aus! Gehst du überhaupt einmal vor die Tür?«

»Mehrmals in der Woche zum Joggen.«

»Abends, nehme ich an? So geht das aber nicht. Du brauchst dringend mehr Sonne! Du hättest mich begleiten sollen. Mallorca ist wirklich zauberhaft.«

»Leider habe ich nicht so viele freie Tage zum Verreisen. Lars und ich möchten im Herbst wieder an die Ostsee, dafür muss ich meinen Urlaub aufsparen. Du, sag mal, sind die Sachen etwa alle von dir?« Mila deutete auf den vollgepackten Rollwagen.

Ihre Mutter nickte. »Ich habe im Urlaub ein bisschen eingekauft. Kann ja nicht immer in denselben Fetzen herumlaufen. Weißt du, sie hatten in Porto Cristo so eine süße kleine Boutique. Dort gab es ganz zauberhafte Sachen. Ich habe auch ein Kleid für dich mitgebracht, das wird dir gefallen ...«

Ihre Mutter plauderte über die Insel, während Mila den Rollwagen zu ihrem Auto fuhr und das Gepäck verstaute. Etliche Sachen mussten auf die Rückbank, weil im Kofferraum keinen Platz mehr war.

Kurz darauf waren sie unterwegs zurück in die Stadt.

»Stell dir vor: Mir gehört jetzt ein Esel«, erzählte ihre Mutter.

»Ein Esel? Wie ist das denn gekommen?«

»Oh, eines Abends saß ich mit einem Glas Wein vor meinem Hotel, als plötzlich Bremsen quietschten. Etwas knirschte unschön, dann tat es einen ungeheuren Schlag. Ein Lieferfahrzeug hatte einen Zaun durchbrochen und Esel angefahren. Das arme Tier sollte eingeschläfert werden, weil der Besitzer nicht für die Behandlung aufkommen konnte. Oder wollte. So genau habe ich das nicht verstanden. Jedenfalls konnte ich nicht einfach wegschauen, also habe ich die Kosten übernommen. Und weil der Besitzer das nicht so recht wollte, habe ich ihm Grauohr einfach abgekauft.«

»Und wo steht Grauohr jetzt?«