Dr. Stefan Frank - Folge 2338 - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank - Folge 2338 E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Katrin und Chris Stachelhaus führen eine glückliche Ehe. Die erfolgreiche Inhaberin einer Modelagentur und der berühmte Starfriseur stehen auf der Sonnenseite des Lebens und bewegen sich in der Welt der Schönen und Reichen. Nach einigen Jahren des vergeblichen Wartens geht dann endlich auch ihr größter Wunsch in Erfüllung: Katrin ist schwanger! Die beiden sind vor Freude selig. Verträumt planen sie die Zukunft ihres Kindes und schwelgen in schönen Vorstellungen. Eine weitere Untersuchung ändert jedoch schlagartig alles: Katrin erfährt, dass ihr Baby eine Chromosomenstörung hat. Es wird behindert auf die Welt kommen. Mit allem hat die junge Frau gerechnet, aber nicht mit einer solchen Hiobsbotschaft. Wie soll sie diese Nachricht ihrem Mann beibringen? Der interessiert sich doch nur für Schönheit und Perfektion, der wird wohl kaum ein behindertes Kind großziehen wollen! Und sie selbst kann sich das beim besten Willen auch nicht vorstellen. In ihrer Verzweiflung beschließt Katrin, die Sache mit sich allein auszumachen. Sie wird einfach abtreiben und Chris erzählen, sie habe eine Fehlgeburt erlitten. Oder soll sie es doch behalten? Rat holt sie sich bei ihrem Hausarzt Dr. Frank, der eine ganz eigene Idee hat, wie er seiner verzweifelten Patientin bei ihrer schwierigen Entscheidung helfen kann ...

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Seitenzahl: 120

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Inhalt

Cover

Impressum

Gemeinsam können wir das schaffen!

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: iStockphoto/kupicoo

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-2817-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Gemeinsam können wir das schaffen!

Wenn Liebe Berge versetzt

Katrin und Chris Stachelhaus führen eine glückliche Ehe. Die erfolgreiche Inhaberin einer Modelagentur und der berühmte Starfriseur stehen auf der Sonnenseite des Lebens und bewegen sich in der Welt der Schönen und Reichen. Nach einigen Jahren des vergeblichen Wartens geht dann endlich auch ihr größter Wunsch in Erfüllung: Katrin ist schwanger! Die beiden sind vor Freude selig. Verträumt planen sie die Zukunft ihres Kindes und schwelgen in schönen Vorstellungen.

Eine weitere Untersuchung ändert jedoch schlagartig alles: Katrin erfährt, dass ihr Baby eine Chromosomenstörung hat. Es wird behindert auf die Welt kommen. Mit allem hat die junge Frau gerechnet, aber nicht mit einer solchen Hiobsbotschaft. Wie soll sie diese Nachricht ihrem Mann beibringen? Der interessiert sich doch nur für Schönheit und Perfektion, der wird wohl kaum ein behindertes Kind großziehen wollen! Und sie selbst kann sich das beim besten Willen auch nicht vorstellen. In ihrer Verzweiflung beschließt Katrin, die Sache mit sich allein auszumachen. Sie wird einfach abtreiben und Chris erzählen, sie habe eine Fehlgeburt erlitten. Oder soll sie es doch behalten?

Rat holt sie sich bei ihrem Hausarzt Dr. Frank, der eine ganz eigene Idee hat, wie er seiner verzweifelten Patientin bei ihrer schwierigen Entscheidung helfen kann …

Katrin Stachelhaus saß in dem liebevoll eingerichteten Sprechzimmer ihrer Frauenärztin und lehnte sich entspannt zurück. Die Decke war zitronengelb gestrichen, an den Wänden hingen hübsch gerahmte Fotografien. Es waren Bilder von Babys, die im Lauf der Jahre geboren worden waren, Dankespost und Kinderzeichnungen von überglücklichen Eltern und ihrem Nachwuchs.

Ja, in diesem Kinderwunschzentrum wurden Träume wahr – und schon bald würde auch ein Foto von Katrins Baby neben all den anderen hängen.

Ihr Blick fiel auf das üppig bestückte Bücherregal. Dicke Wälzer über Frauenheilkunde, Geburtsvorbereitung und Schwangerschaft standen darin.

Die junge Patientin fühlte sich in der Frauenarztpraxis von Dr. Judith Bach bestens aufgehoben – nicht nur, weil der Gynäkologin ein guter Ruf vorauseilte, sondern auch, weil die Münchner Ärztin eine gute Freundin von ihr war.

Es lagen zwar zehn Jahre Altersabstand zwischen ihnen, aber als sie sich damals im Yoga-Kurs kennengelernt hatten, war sofort ein enges und vertrautes Band zwischen den zwei Frauen entstanden. Vermutlich lag es daran, dass sie beide früh selbstständig geworden waren und schon in jungen Jahren Verantwortung hatten übernehmen müssen.

Während Dr. Judith Bach direkt nach der Facharztprüfung die Frauenarztpraxis ihres Vaters übernommen hatte, hatte Katrin Stachelhaus zeitgleich eine kleine Agentur für Fotomodelle gegründet. Sie selbst stand seit ihrem sechzehnten Geburtstag als Model für Werbeanzeigen vor der Kamera und hatte irgendwann beschlossen, sich mit einer eigenen Agentur für Kinder-Models selbstständig zu machen.

Schon seit Längerem hatte die Modebranche Kinder als anspruchsvolle und stilbewusste Kunden entdeckt – und entsprechend investierten die Modelabels und Kaufhäuser zunehmend in Werbekampagnen für diese minderjährige Zielgruppe.

Dafür brauchte es hübsche, adrette und fotogene Kinder, und Katrin hatte es sich zur Aufgabe gemacht, zwischen den jungen Fotomodellen und den gut bezahlenden Kunden aus der Mode- und Kosmetikbranche zu vermitteln.

Katrins Blick fiel auf das Wandtattoo neben dem Bücherregal.

„Das Glanzstück des Himmels ist die Sonne. Das des Hauses ist das Kind!“

Wie wahr dieser Spruch war! Seit Katrin wusste, dass sie tatsächlich schwanger war, war in ihrem Inneren die Sonne aufgegangen! So lange hatten ihr Mann Chris und sie erfolglos versucht, eine Familie zu gründen. Und nun hatte es doch noch geklappt. Die gut aussehende Achtundzwanzigjährige seufzte wohlig.

Die Tür wurde zaghaft aufgeschoben, und das nette, aber bedrückte Gesicht von Dr. Judith Bach war zu sehen.

„Ach, da bist du ja, Katrin!“ Die Ärztin setzte sich ihrer befreundeten Patientin gegenüber. „Wie geht es dir?“

Katrin Stachelhaus richtete sich in ihrem Stuhl auf und strahlte.

„Sieht man das nicht?“, fragte sie. „Es geht mir blendend. Die Morgenübelkeit ist wie von Zauberhand verschwunden, und die Schwangerschaftshormone wirken wie ein Jungbrunnen auf mich. So eine reine und strahlende Haut habe ich sonst nur, wenn ich frisch verliebt bin. Aber im Grunde bin ich das ja auch. Verliebt in unser wachsendes Baby!“

Dr. Bach lächelte zaghaft. Irgendetwas war heute anders mit ihr. Normalerweise war die Ärztin ein wahrer Wirbelwind. Riss Witze, redete in einem fort und sprudelte nur so über vor Energie. Aber heute wirkte sie seltsam zurückhaltend und zögernd.

„Katrin, heute Vormittag sind die Ergebnisse des nichtinvasiven Pränataltests eingetroffen“, sagte sie völlig unvermittelt. An der Art, wie sie die Nachricht aussprach, erkannte Katrin sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Ein leichtes Unwohlsein kam über sie, aber sie ließ es sich nicht anmerken.

„War das der Bluttest, den wir gemacht haben?“, fragte sie betont beiläufig. „Den Chris und ich privat bezahlt haben?“

Ihre Frauenärztin nickte. „Ja. Der neuartige Test, der es ohne Risiko für das Kind ermöglicht, bestimmte chromosomale Abweichungen im Erbgut nachzuweisen.“

Nun konnte Katrin die aufkeimende Angst doch nicht mehr verbergen.

„Ohne Risiko … Willst du mir durch die Blume sagen, dass der Test mein Baby doch geschädigt hat? Du hast heute doch noch gar keine Untersuchung gemacht, und bei meinem letzten Termin schien noch alles in Ordnung zu sein!“

Dr. Bach nickte beruhigend.

„Keine Sorge. Dem Fötus geht es gut. Im Gegensatz zur Fruchtwasseruntersuchung, die bei einem Prozent der Frauen zu einem Abgang führt, ist der Bluttest wirklich absolut sicher. Dem Kind wird kein Leid zugefügt. Aber über das Ergebnis des Tests müssen wir reden. Es spricht alles dafür, dass euer Kind Trisomie 21 hat. Weißt du, was das bedeutet?“

Katrin wurde es schwindelig. Nein, sie wusste nicht, was das bedeutete. Irgendwann hatte sie sicherlich schon einmal von Trisomie 21 gehört, aber im Moment war sie so aufgewühlt, dass sie den Befund nicht einordnen konnte.

„Es ist eine chromosomale Abweichung“, erklärte Dr. Judith Bach mit sanften Worten. „Normalerweise kommt jedes Chromosom im menschlichen Körper zweimal vor. Wenn das Chromosom 21 dreifach vorhanden ist, spricht man von einer Trisomie 21. Geläufiger ist dir vielleicht das Wort Down-Syndrom.“

Schlagartig wich alle Farbe aus Katrins Gesicht. Sie bekam Herzrasen, und es fühlte sich an, als hätte sich unter ihr eine unsichtbare Falltür geöffnet. Als befände sie sich im freien Fall, mit rasender Geschwindigkeit nach unten. Das sonnige Gesicht ihres Babys entfernte sich Meter um Meter, je tiefer sie fiel.

„Katrin?“ Besorgt hatte die befreundete Ärztin sich erhoben. „Für die meisten Mütter ist die Diagnose erst mal ein Schock. Aber lass mich dir alles in Ruhe erklären.“ Sie legte beruhigend ihre warmen Hände auf die Schultern ihrer Patientin.

Katrin versuchte, sich zusammenzureißen. Die Tränen brannten in ihren Augen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach aus dem Sprechzimmer gerannt. So lange hatten sie und Chris sich auf ein Kind gefreut. Und jetzt wurde ihr eröffnet, dass es behindert sein würde?

Ja, behindert, so viel stand fest. Denn waren Kinder mit Down-Syndrom nicht diese sonderbaren Wesen mit den auffälligen, mandelförmigen Augen? Ab und zu hatte Katrin diese bemitleidenswerten Menschen in der Stadt gesehen – und sich jedes Mal gefragt, warum es solche Behinderungen in der heutigen Zeit überhaupt noch geben musste. Dafür wurden doch Vorsorgeuntersuchungen gemacht! Um den Kindern das Leid zu ersparen, ein freudloses und eingeschränktes Leben führen zu müssen.

Sie schluckte schwer. Die Worte von Judith drangen überhaupt nicht mehr zu ihr vor. Die Ärztin redete in fast heiterem Tonfall davon, dass es inzwischen wunderbare Fördermöglichkeiten für Kinder mit Down-Syndrom gab und sich die Lebenserwartung auf sechzig, manchmal sogar siebzig Jahre gesteigert hätte. Siebzig Jahre mit einer Behinderung? Sollte diese Aussicht Katrin etwa beruhigen?

„Ich …“ Katrin stand abrupt auf. „Ich glaube, mir wird das momentan alles zu viel. Ich muss die Neuigkeit erst einmal verdauen. Kann ich in den nächsten Tagen noch mal vorbeischauen?“

Dr. Bach nickte.

Katrin zögerte. Dann sprach sie aus, was ihr sofort in den Sinn gekommen war – nur Sekunden, nachdem die Ärztin das Wort „Down-Syndrom“ ausgesprochen hatte.

„Wenn ich abtreiben möchte … wie lange habe ich dafür Zeit? Und wie entscheiden sich die anderen Frauen?“

Dr. Judith Bach räusperte sich.

„Ich will offen reden. Es ist tatsächlich so, dass sich neun von zehn betroffenen Paaren für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Du bist erst in der elften Woche, und im Fall von Trisomie 21 sind Spätabtreibungen vom Gesetzgeber erlaubt. So oder so solltest du erst einmal darüber schlafen.“

Die werdende Mutter nickte verstört.

„Ist es möglich, dass sich der Test irrt?“, fragte sie mit leiser Hoffnung in der Stimme.

Dr. Bach schüttelte den Kopf.

„Nein. Der Test ist mit einer Wahrscheinlichkeit von über neunundneunzig Prozent sicher. Beim sogenannten Nackenfaltentest, der ebenfalls auf Trisomie 21 verweisen kann, sieht es anders aus. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit nur bei fünfzig Prozent, dass ein positives Ergebnis auch tatsächlich den Befund Down-Syndrom bedeutet.“

Die Ärztin blickte ihre Freundin mitfühlend an.

„Es tut mir leid, aber es ist gesichert, dass euer Kind eine entsprechende chromosomale Abweichung hat. Ich rate dir, in aller Ruhe mit Chris darüber zu sprechen.“

***

Fröhlich pfeifend schloss Simone Korn die Tür zu ihrer Wohnung auf.

„Werner?“ Ihr fragender Ruf verklang in den leeren Räumen. Werner hatte also tatsächlich Ernst gemacht und war nach ihrem heftigen Streit in die Kneipe gegangen.

Es war in letzter Zeit aber auch wirklich zu kompliziert zwischen ihnen geworden. Alle zwei waren sie Scheidungsopfer und hätten wohl beide nicht gedacht, dass sie mit Mitte sechzig noch einmal das Abenteuer Liebe erleben würden. Sie hatten sich bei einem Busausflug kennengelernt, und danach hatten sie sich ein paar Mal privat getroffen.

Es war sicherlich nicht die ganz große Liebe, die im Laufe weniger Wochen zwischen ihnen entstanden war, aber sie hatten viele Überschneidungen in ihrem Freizeitverhalten. Sie hatten einen ähnlichen Humor, die gleiche Weltanschauung und fühlten sich beide häufig allein. Grund genug, es miteinander zu versuchen.

Außerdem gefiel Werner Simone. Ohne Einschränkungen konnte sie ihren neuen Partner als gut aussehend bezeichnen. Umgekehrt galt das bedauerlicherweise nicht. Simone wusste wohl, dass ihren neuen Freund einiges an ihrem Aussehen störte. Nichtsdestotrotz waren sie vor nicht allzu langer Zeit tatsächlich ein Paar geworden, und seit zwei Wochen lebte Werner probeweise bei ihr.

Sie wollten ausprobieren, ob der gemeinsame Alltag funktionierte. Falls ja, konnte Werner seine Wohnung im lauten Münchner Bahnhofsviertel kündigen und zu Simone ins beschauliche Grünwald ziehen.

Simone schleppte den schweren Einkaufskorb in die Küche und fing an, ihre Schätze auszupacken: eine Schachtel frische Eier vom Markt, ein riesiges Glas Aprikosen-Marmelade, Butter, Zucker, Vanillemark – und natürlich jede Menge Schokolade.

Werner liebte Sachertorte über alles, und nach ihrer Auseinandersetzung hatte sie spontan beschlossen, ihm eine kleine, süße Überraschung zu bereiten. Die Wut über Werners verletzende Worte war bei Simone längst verraucht. Noch während sie aus der Wohnung gegangen war, hatte sie ihm verziehen.

Ihr Blick fiel auf einen scheinbar achtlos auf der Eckbank vergessenen Werbeprospekt. Ein neues Kosmetikstudio hatte in der Parallelstraße aufgemacht, und es gab zur Eröffnung Sonderpreise. Mit gelbem Leuchtstift hatte jemand das Angebot „Intensiv-Behandlung Falten“ markiert. Nicht jemand, sondern Werner. Eine seiner zahlreichen unterschwelligen Botschaften an sie.

Simone trat im Flur vor den Spiegel. Mit den Fingerspitzen straffte sie die dünne Haut um ihre Augen. So schlimm stand es um ihr Aussehen nun auch wieder nicht. Gut, sie hatte die ein oder andere Falte. Aber das war mit Mitte sechzig völlig normal. Werner hatte doch selbst zahlreiche ausgeprägte Krähenfüße!

Seufzend ging sie zurück in die Küche. Auf der Kommode lag das Anmeldeformular eines Fitness-Studios und daneben ein aus der Zeitung ausgeschnittener Artikel über neuartige Diätprogramme. Simone verspürte einen Anflug von Ärger.

Dass es aber auch immer um die gleichen Themen gehen musste! Seit Werner bei Simone eingezogen war, ließ er keine Gelegenheit aus, sie auf schmerzhafte Weise zu kritisieren. Ihre Haut war ihm zu faltig, ihr Körper zu wenig gestählt.

Am meisten aber konnte er sich über ihren Umfang ereifern. Simone wog mit fünfundachtzig Kilo natürlich zu viel, aber es war ja nicht so, dass sie in der Vergangenheit nicht immer wieder Versuche unternommen hätte, abzunehmen.

Im Lauf der Zeit hatte sie sich mit ihren runden Hüften, den großen Brüsten und dem weichen Bauch ausgesöhnt. Sie mochte sich, wenn sie in den Spiegel blickte. Erst Werner hatte die alten Komplexe zurückgebracht. Auf einmal fühlte sie sich wieder unsicher und hässlich – so wie früher.

Verärgert stopfte sie das Anmeldeformular samt dem Zeitungsartikel in den Papierkorb und machte sich daran, die Torte zuzubereiten. Sie war eine geübte Köchin und Bäckerin – über Jahre hatte sie für ihren Exmann den Haushalt gemacht.

Als sie knapp zweieinhalb Stunden später mit dem Pinsel die letzte Schicht Schokolade auf die Torte auftrug, entstand wieder tiefe Zufriedenheit in ihrem Gesicht. Werner würde Augen machen! Eine Sachertorte hatte bestimmt noch keine für ihn gemacht.

Tatsächlich ging in diesem Moment der Schlüssel im Schloss, und wenige Minuten darauf betrat Werner die Küche.

Als er die freudestrahlende Simone neben ihrem schokoladigen Kunstwerk stehen sah, verfinsterte sich seine Miene.

„Was ist das?“, fragte er schroff, und sie erkannte, dass er getrunken hatte.

„Eine Sachertorte“, erwiderte sie unsicher. „Die magst du doch so gern!“

Werner schwankte leicht, ging dann zum Becken hinüber und nahm sich ein Glas Wasser. Er trank es in einem Zug aus, den Blick starr und ungnädig auf Simone gerichtet. Noch während er das Glas absetzte, schüttelte er den Kopf.

„Für mich!“, spottete er bösartig. „Natürlich!“

„Aber selbstverständlich für dich!“, verfiel Simone in eine unnötige Verteidigungshaltung. „Wer sonst in dieser Wohnung ist verrückt nach Schokoladentorte?“

„Denk mal scharf nach!“, zischte Werner mit einem streitlustigen Unterton in der Stimme. „Wer von uns beiden hortet denn Schokoladentafeln, Tüten mit Gummibärchen und Kartons mit Keksen? Es widert mich inzwischen regelrecht an, wie du ständig diesen Süßkram in dich stopfst und auseinandergehst wie eine Dampfnudel. Denkst du etwa, uns Männern gefällt so etwas?“

Er lachte höhnisch auf.

„Und nimm nicht mich als Ausrede dafür, dir selbst eine riesige Sachertorte zu backen! Es wird darauf hinauslaufen, dass ich mir ein kleines Stück zum Kaffee genehmige, während du den Rest auffrisst, als wärst du am verhungern.“

Simone stand wie vom Donner gerührt da. Alle Vorfreude war aus ihrem Gesicht gewichen, sie fühlte sich unendlich allein. Warum hatte sie nicht früher erkannt, wie verletzend Werner sein konnte? Am Anfang hatte er lediglich kleine, spitze Bemerkungen über ihr Aussehen gemacht. Aber inzwischen nahm er kein Blatt mehr vor den Mund und drangsalierte und demütigte sie mit seinen vernichtenden Worten.