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Tanja Szewczenko war mehrfach deutsche Meisterin im Eiskunstlauf und später als Schauspielerin in Serien wie »Unter uns« und »Alles was zählt« zu sehen. Nach außen hin wirkte sie immer positiv, das Glück schien ihr zu Füßen zu liegen. Doch was viele nicht wissen: Im Leben der jungen Frau gab es sehr dunkle Zeiten, die bis heute in ihr nachwirken. Tanja Szewczenko erlitt mehrere Fehlgeburten, die sie und ihre Familie an die Grenzen ihrer Kräfte brachten. In ihrem Buch schreibt die heute dreifache Mutter offen und schonungslos über die härteste Prüfung ihres Lebens. Über ihren Kinderwunsch, künstliche Befruchtungen, ihren Körper, der mehrmals fast aufgegeben hätte. Über Selbstzweifel, schwere Verluste und tiefe Trauer, die sie fast ihren Lebensmut gekostet hätte. Und sie gibt anderen Betroffenen Halt, denn jede dritte Frau erleidet in ihrem Leben eine Fehlgeburt. Ein Buch, das aufklärt und Mut macht!
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2022
Der nachfolgende Text enthält Erwähnungen und explizite Beschreibungen von künstlicher Befruchtung, Schwangerschaft und Fehlgeburt, die möglicherweise sehr nahe gehen können.
Warum ich dieses Buch geschrieben habe
Ich und Kinder?
Meine erste (unbemerkte) Fehlgeburt
Und dann kam Jona
Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht
Ein ganzes langes Jahr
Die Welt der künstlichen Befruchtung
Die erste ICSI oder: alles versucht und noch mehr verloren
Wenn der Traum zum Albtraum wird
Hoffen und bangen
Einer kommt, einer geht
Danke, dass du da warst
Glück im Unglück
Einmal Hölle und zurück
Ich bin nicht die Alte, nur alt
Das Unglaubliche geschieht
Glossar
Danksagung
Ich hatte nie eine Vorstellung davon, wie das mit dem Kinderkriegen bei mir laufen würde.
Natürlich kannte ich schon als junger Mensch die Begriffe »Fehlgeburt« und »künstliche Befruchtung«, aber was das für eine Frau physisch und psychisch bedeutet, war mir nicht im Entferntesten klar.
Dass diese Probleme mich betreffen könnten? Nein, das habe ich nicht unbedingt erwartet, weil ich auch hier zu den Unwissenden gehörte. Mir war überhaupt nicht bewusst, wie viele Frauen Fehlgeburten erleiden, und noch weniger wusste ich, wie viele Frauen und Paare sich Unterstützung in den sogenannten Kinderwunschzentren suchen müssen, um überhaupt eine Chance auf ein Kind zu haben.
Aber warum wusste ich von alldem nichts? War ich zu oberflächlich, hatte ich nicht richtig zugehört?
Nein. Das war es nicht. Es gibt in dieser Hinsicht nicht viel zum Zuhören, weil nur wenige darüber sprechen. Das Tabuthema Fehlgeburt findet in unserer Gesellschaft zwar mittlerweile Gehör, aber schlussendlich immer noch zu wenig. Die sozialen Medien, in denen ich mich seit geraumer Zeit intensiv bewege, bieten heutzutage eine gute Plattform, um zu berichten, was einem aktuell im Leben passiert oder passiert ist. Aber dieses Medium ist viel zu schnelllebig und hat unter den Fotos, die natürlich im Vordergrund stehen sollen, einfach zu wenig Textfläche, um beispielsweise die Bedeutung einer Fehlgeburt auch nur im Ansatz erklären zu können. Trotzdem bin ich genau dort auf viele Leidensgenossinnen gestoßen und habe unzählige Nachrichten zum Thema erhalten. Schnell wurde mir klar, dass nicht nur ich das Bedürfnis habe, mich mitzuteilen, sondern auch ganz viele andere Frauen.
Außerdem standen unzählige Fragen im Raum, von Frauen, die gerade ihre Kinderwunschreise antraten oder vor Kurzem angetreten hatten. Hier rutschte auch das zweite Thema, die künstliche Befruchtung, in den Fokus. Ich persönlich finde, dass dies ein noch größeres Tabu ist. Bis ich mich selbst damit auseinandersetzen musste, wusste ich wenig bis gar nichts darüber. Die Welt der künstlichen Befruchtung ist facettenreich, genau wie die Erkrankungen der Menschen, die auf diese Unterstützung angewiesen sind.
Ich spreche bewusst von »Erkrankungen«, denn sich bei einem unerfüllten Kinderwunsch Hilfe zu holen, hat nichts mit Versagen oder Unfähigkeit zu tun. In fast allen Fällen liegt ein gesundheitlicher Defekt vor, für den jeder Einzelne nichts kann – egal ob Frau oder Mann. Die Reproduktionsmedizin ermöglicht es Paaren, über einen kleinen oder größeren Umweg, ein Kind zu bekommen. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich kann auch hier niemand Wunder vollbringen, denn am Ende entscheidet – so hart das klingen mag – immer die Natur.
Das hat sie übrigens auch bei mir getan. Im Positiven wie im Negativen. Meine Reise dauerte mehr als fünf Jahre, und ich hätte mir all das, was geschah, niemals so ausmalen können. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt, über mich, über das Leben, über die Themen Fehlgeburt und künstliche Befruchtung, und deswegen möchte ich meine Geschichte jetzt gern mit euch teilen. Egal ob ihr euch gerade selbst auf der Reise befindet, sie hinter euch habt, jemanden kennt oder einfach nur wissbegierig seid. Ich hoffe, dass meine Geschichte aufklärt, eine Stütze für Leidensgenossinnen ist und dazu beiträgt, die Gesellschaft ein wenig mehr für beide Themen zu sensibilisieren.
Eure Tanja
Kaum zu glauben, aber es gab eine Zeit, in der ich mir gut vorstellen konnte, ein Leben ohne eigene Kinder zu führen. Ich hatte nicht diesen typischen Fortpflanzungsplan wie die meisten Frauen. Viele wünschen sich bereits in jungen Jahren eine Familie mit zwei bis drei Kindern, vielleicht noch einen Hund dazu, nebst Haus und Garten. Für einen großen Teil der Menschen das Ziel ihres Lebens, der Sinn des Lebens. Die Krönung. Eine Familie gründen. Mama sein.
Ich fand Kinder immer schon niedlich und arbeitete zeitweise auf dem Eis als Trainerin mit den Kleinen, was mir auch unheimlich viel Spaß bereitete. Wo immer ich auf Kinder traf, wurde ich schnell ihre beste Freundin. Sie vertrauten mir und wollten mir unbedingt ihre Welt zeigen. Ich war eine gute Spielgefährtin und hatte Spaß dabei, selbst noch mal »Kind« zu sein, ging aber aus diesen Begegnungen nie mit Wehmut oder der Sehnsucht nach eigenen Kindern heraus. Mein Lebensplan war karriereorientiert. Das war lange Zeit meine Vorstellung von Glück.
Ich wollte hoch hinaus: Eiskunstlaufen, Schauspiel, Fernsehpräsenz. Mein Terminkalender war jahrelang randvoll. Es gab kaum bis gar kein Privatleben. Ich lechzte nach positivem Stress und war definitiv ein Workaholic. Wer rastet, der rostet. Von nichts kommt nichts. Meine Motto-Liste für eine erfolgreiche Karriere war lang. Ich hatte kein Problem damit, auf Urlaub, soziale Kontakte oder Freizeit zu verzichten, da es keinen Verzicht für mich bedeutete. Ich lebte meinen Traum und war erfüllt von allen Erlebnissen und Erfahrungen, die dieser mit sich brachte.
Schon als Jugendliche war ich ständig unterwegs, bereiste die ganze Welt, um mich in meinem Sport zu messen, und nahm zig Einladungen im In- und Ausland an. Mit 23 Jahren allerdings zwangen mich anhaltende Verletzungen in die Knie, und es war an der Zeit, sich neu zu orientieren. Das Kapitel Eiskunstlaufen wurde geschlossen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar eine Partnerschaft, aber wir bastelten in keiner Weise an einer gemeinsamen Zukunft oder zogen es in Erwägung, uns zu vermehren. Es wäre mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen.
Auch in den folgenden Jahren schraubte ich weiter an meiner Karriere, wechselte zum Schauspiel und lernte einen neuen Partner kennen. Die Einstellung blieb allerdings die alte. Kein Interesse an Familienplanung oder Nestbau. Ich hatte genug mit mir selbst zu tun, war erfolgreich in meinem Tun und vermisste nichts. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mich um ein Kind kümmern sollte, und war auch der Überzeugung, dass mir dazu wahrscheinlich die Fähigkeiten fehlten. Kinder waren toll, solang man sie wieder abgeben konnte.
Während ich das gerade einhändig aufschreibe – im anderen Arm liegt mein zehn Monate alter Sohn Leo, und sein Zwillingsbruder Luis schläft im Kinderwagen –, bekomme ich das Gefühl, ich würde über einen gänzlich anderen Menschen schreiben. Bin das wirklich ich? Oder besser, war das wirklich ich? Hatte ich damals mein Herz für eine eigene Familie verschlossen, weil es in der unseren nicht ganz so glattgelaufen war, oder war ich schlicht und ergreifend einfach noch nicht so weit gewesen? Mit Mitte bis Ende zwanzig setzen schließlich viele junge Frauen ihren Fortpflanzungsplan in die Tat um.
Das Thema Kinderkriegen rückte unfreiwillig in meinen Fokus, als ich mit dreißig Jahren gynäkologisch erkrankte. Ein Abstrich beim Frauenarzt war auffällig. Ich hatte eine HPV-Infektion (Humane Papillomviren) mit der Diagnose Pap IIID. Das bedeutet, man hatte an meinem Gebärmutterhals, direkt auf dem Muttermund, anormale Zellveränderungen (Dysplasien) entdeckt. Der Anruf meiner damaligen Frauenärztin erreichte mich in der Garderobe eines Theaters, ziemlich genau fünf Minuten, bevor ich als ein schräges, leicht verrücktes dänisches Au-pair-Mädchen voller Lebensfreude auf die Bühne stürmen sollte.
»Das ist noch kein Grund zur Sorge. In den meisten Fällen bildet es sich von selbst zurück, aber wir müssen das im Auge behalten«, schallte es aus meinem Handy.
Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was diese Diagnose bedeutete und was das überhaupt für eine Infektion sein sollte. »Welche Folgen kann denn diese Infektion haben?«, hörte ich mich fragen.
»Im schlimmsten Fall kann Gebärmutterhalskrebs entstehen. Aber wie gesagt, momentan gibt es noch keinen Grund zur Sorge.«
Dieser Abend auf der Bühne war schwierig. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Meine Oma hatte wegen Krebs ihre Gebärmutter verloren. Zum Glück erst nach Abschluss der Familienplanung. Was, wenn das nicht von selbst wieder weggehen würde?
Leider musste ich diese bittere Erfahrung dann einige Zeit später tatsächlich machen. Es wollte nicht ausheilen. Ich wurde zur Dysplasiesprechstunde eines Experten geschickt, wo die Dysplasien – die Zellveränderungen am Muttermund – mittels eines Kolposkops, also eines gynäkologischen Mikroskops, genauer unter die Lupe genommen wurden. Nach der Gebärmutterhalsspiegelung stand fest, dass sich die anormale Zellveränderung sogar weiter verschlechtert hatte. Pap IV, Krebsvorstufe.
Es wurde mir zu einer Konisation geraten. Dabei wird ein kleiner Gewebezylinder aus dem Muttermund geschnitten, um das anormal veränderte Gewebe zu entfernen. Der Arzt war zuversichtlich, dass wir das in den Griff bekommen würden. Außerdem erwähnte er, dass es danach auch weiterhin möglich sei, Kinder zu kriegen.
Kinder? Ich dachte eigentlich gerade vorrangig an mich. Ich wollte gesund sein. Zu diesem Zeitpunkt spielte ich die Hauptrolle in einer täglichen Fernsehserie. Ausfälle konnte ich mir nicht leisten. Ich hatte keine Zeit zum Kranksein oder gar für eine OP.
Offiziell ging ich also in Urlaub und wurde erfolgreich operiert. Danach sollte ich mich einige Tage lang erholen. Tage, in denen ich das erste Mal seit Langem Zeit zum Nachdenken hatte. Mir wurde bewusst, dass der Krebs bei mir angeklopft hatte. Bislang hatte mein Körper die Tür für ihn zwar nicht geöffnet, aber das konnte jederzeit passieren. Zwar kann man diese Art Krebs, wenn man ihn früh entdeckt, gut behandeln, indem man zur Not die Gebärmutter entfernt. Aber damit wird einem natürlich ein für alle Mal die Möglichkeit, Kinder zu bekommen, genommen. Dieser Gedanke machte mich traurig. Ich spürte das erste Mal, dass mir das Thema »eigene Kinder« nicht vollends egal war.
Beim Nachsorgetermin und den Kontrolluntersuchungen in den folgenden Monaten begegnete ich in der Frauenarztpraxis immer wieder schwangeren Frauen, die glücklich mit ihren kugelrunden Bäuchen im Wartezimmer saßen, während ich angespannt hoffte, dass an meinem Muttermund alles wieder in Ordnung wäre. Ich hatte mich entschieden, weiterhin Patientin des Arztes zu bleiben, der mich operiert hatte. Bei einem Termin ertappte ich mich dabei, wie ich eine Schwangere, die im Wartezimmer an mir vorbeilief, beobachtete und dabei dachte, dass ich auch gern mal wegen »so was« zum Frauenarzt gehen würde anstatt mit einer Krankengeschichte. Das war im Sommer 2008.
Nur braucht es ja für »so was« auch einen Partner, der »so was« im besten Fall auch möchte. An diesem Punkt war ich nicht. Aber: Ich war im Sommer 2008 gerade dabei, mich zu verlieben. In Norman. Wir arbeiteten seit geraumer Zeit gemeinsam auf dem Eis als Paarläufer und drehten zusammen für die tägliche Serie. Schon seit Jahren kannten wir uns flüchtig durch diverse Wettkämpfe und von Trainingsstätten, hatten uns aber nie füreinander interessiert. Da mussten wir wohl erst mal jeder für sich erwachsen werden. Außerdem hatte ich nie vorgehabt, in einem Eiskunstläufer den Partner fürs Leben zu finden. Ich wünschte mir eigentlich einen Mann, der mein Leben mit anderen Themen bereichert, ich wollte immer schon über den Tellerrand hinausschauen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Wenn ich von meinem Schreibplatz aufschaue, sehe ich, wie der Eiskunstläufer gerade einen weinenden Leo ins Bett trägt.
Zu meinem Glück beruhte das Paarungsinteresse auf Gegenseitigkeit, und wir schlitterten in eine anfänglich turbulente Beziehung. Wir standen gemeinsam vor der Kamera, trainierten zusammen, liefen für eine große Eis-Show und wurden europaweit zu Eiskunstlauf-Events eingeladen. Ein Leben auf der Überholspur. Dafür stieg ich sogar bei der Serie aus. Ich hatte mit Norman nun einen Seelenverwandten an meiner Seite, mit dem ich meine Passion, das Eiskunstlaufen, noch mal völlig neu entdecken konnte, in der Liebe wie auch als Paarlaufpaar!
Wir verlagerten unseren Wohnsitz nach Dortmund, um zwischen den Shows optimal trainieren zu können. Im Spätsommer 2009 hatte ich außerdem ein ziemlich tolles Projekt nebenbei in Arbeit: Ich schrieb an einem Kinderbuch, die Idee dazu war aus einer Karikatur meiner Wenigkeit entstanden. Es war mir ein persönlicher Herzenswunsch, der kleinen Buchheldin Kiki Kufenflitzer eine Plattform in der Bücherwelt zu geben. Hierzu planten Norman und ich viele kleine Auftritte auf den Eisflächen der deutschen Weihnachtsmärkte und in Buchhandlungen. Unsere Zielgruppe, natürlich, waren Kinder. Und diese Kinder erreichten wir auch. Sie bestaunten unser Können, wir spielten mit ihnen auf dem Eis, und ich las ihnen aus meinem Buch vor. Dabei konnte ich immer wieder aus dem Augenwinkel beobachten, wie toll Norman mit Kindern umgehen kann.
Und dann hatte ich eines Tages diesen Blitzgedanken während eines Trainings in Dortmund, als Norman bei einer Vorübung für einen Wurfsprung die Hand auf meinen Bauch legte:
»DER WIRD DER VATER MEINES BABYS«
Ich war in dem Moment so überrumpelt von meinem Gedankenblitz, dass ich bei der Übung ordentlich stolperte. Erzählt habe ich Norman das erst viel später, als ich wusste, dass mein Bauchgefühl dem Kopf die richtige Information gesendet hatte.
Nach einem wundervollen Event auf einem der zahlreichen Weihnachtsmärkte schwärmten wir beide bei einem Glas Wein von den supersüßen Kindern, mit denen wir an diesem Tag auf dem Eis in Kontakt gekommen waren. Jeder von uns gab kleine Anekdoten zum Besten, und wir merkten beide irgendwann, dass wir durch diese Geschichten eigentlich etwas ganz anderes sagen wollten. Ich erinnere mich an Satzfetzen: »… wäre schon schön«; »… möchtest du?« Das zweite Glas Wein führte dann endgültig dazu, dass wir mit der Sprache herausrückten: Wir beide wünschten uns ein Kind.
Am nächsten Morgen griff ich wie gewohnt zur Pillenpackung im Bad, während Norman sich die Zähne putzte. Mit ordentlich Schaum vor dem Mund nuschelte er: »Du wolltest die gestern doch noch absetzen!«
Ich starrte ihn an: »Ja, nach dem zweiten Glas Wein! Soll ich das jetzt wirklich machen? Willst du auch heute Morgen noch Papa werden?«
Er nahm mir wortlos die Blisterpackung aus der Hand und warf sie in den kleinen Mülleimer neben sich.
Es war besiegelt. Wir wollten Eltern werden.
Die Entscheidung für ein gemeinsames Kind fiel im Dezember 2009. Ich war praktisch über Nacht bereit dazu geworden, mit meinen 32 Jahren Mama zu werden, und hatte plötzlich, o Wunder, selbst einen Fortpflanzungsplan!
Schon im Januar 2010, im ersten Monat nach dem Absetzen der Pille, muss ich schwanger geworden sein, das ist mir im Nachhinein klar. Allerdings kam meine Periode Anfang Februar wie erwartet, hörte dann aber komischerweise nicht auf. Wir waren in München und liefen dort zwei Wochen für eine große Eisrevue. Ich war erkältet, nahm Medikamente und hatte immer wieder Blutungen. Mal mehr, mal weniger. Hatte das mit dem Absetzen der Pille zu tun? Ich war verwirrt und nahm mir vor, meinen Frauenarzt aufzusuchen, sobald wir wieder zu Hause wären. Allerdings bekamen wir dann ziemlich spontan eine Einladung aus Rumänien. Wir sollten im Anschluss der Münchner Shows bei einer Eishalleneröffnung in Braşov auftreten. Ich hatte, warum auch immer, kein gutes Gefühl. Ich wollte eigentlich lieber nach Hause.
Trotzdem entschieden wir uns dafür. Es war kurz vor Ende der Showsaison. Im Sommer würden wir nicht viel zu tun haben, also wäre es klug, dieses Angebot anzunehmen. Da die Blutungen aufgehört hatten und die Erkältung langsam besser wurde, gab ich mir einen Ruck.
Wegen meiner Flugangst fuhren wir mit dem Auto von München nach Rumänien, unterwegs war ein Zwischenstopp in Budapest geplant. Auf der Fahrt fingen die Blutungen wieder an, was mich vollends verwunderte und langsam auch nervös machte. In Budapest fanden wir am späten Abend noch eine Bar, in der man auch essen konnte. Während ich die ersten Bissen zu mir nahm, versagte plötzlich mein Kreislauf, und ich kippte fast vom Barhocker. Ich brauchte frische Luft. Wir liefen die Donau entlang, und ich überzeugte einen besorgten Norman, dass alles einfach ein bisschen viel gewesen sei: die Erkältung, die Shows, die hinter uns lagen, der Zyklus, der irgendwie völlig durcheinander zu sein schien, die andauernde Müdigkeit. Da versagt vielleicht schon mal der Kreislauf.
Im Hotelzimmer wollte ich unter die Dusche, vielleicht würde ich mich danach besser fühlen. Jetzt hatte ich auch leichte Bauchkrämpfe, und die Blutungen wurden immer stärker. Zitternd beobachtete ich in der Dusche, wie mir das Blut die Beine hinunterlief.
Was war los?
Als Jugendliche war meine Periode immer sehr stark gewesen, deswegen hatte ich auch früh mit der Pille begonnen. Und auch um den Zyklus für Wettkämpfe steuern zu können. Jetzt, wo ich die Pille zum ersten Mal seit Jahren abgesetzt hatte, ging ich davon aus, dass die Periode vielleicht deswegen so exorbitant stark ausfiel.
Ich fand ein paar Stunden Schlaf, bevor mich ein starker Schmerz auf Höhe des linken Eierstockes weckte, der über die Leiste bis in den Oberschenkel ausstrahlte. Wenn ich schreibe »starker Schmerz«, dann bekomme ich in diesem Moment ähnlich feuchte Handflächen wie damals. Dieser Schmerz trieb mir den kalten Schweiß auf die Stirn. Es tat höllisch weh. Ich schleppte mich auf die Toilette und hielt mit meinen Armen den Unterleib umschlungen, während ich mich leise wimmernd hin- und herwiegte. Norman hatte nichts bemerkt und schlief. Ich wollte ihn auch erst mal nicht weiter beunruhigen. Dann blickte ich einige Male zwischen meinen Beinen in die Toilettenschüssel. Das Wasser war schnell dunkelrot gefärbt, sodass ich mehrmals spülen musste. Irgendwann kam eine Art Höhepunkt des Schmerzes, und ich sah im Wasser der Toilette etwas Kirschkerngroßes liegen. Was war das? Was kam denn da aus mir raus?
Heute weiß ich, dass das ein Embryo gewesen sein muss. Damals drückte ich recht schnell wieder auf die Spülung. Die Schmerzen ließen langsam nach. Schweißgebadet kroch ich ins Bett, weckte Norman und erzählte ihm von den Schmerzen und dem Blut.
»Was, wenn du doch schwanger bist? Es gibt auch Eileiterschwangerschaften. Wir kennen uns damit überhaupt nicht aus. Das ist doch nicht normal, so wie du jetzt geblutet hast.« Er bat mich, meinen Frauenarzt zu kontaktieren, was ich am nächsten Morgen auch tat.
Der Frauenarzt riet mir, zur Not ins ortsansässige Krankenhaus zu fahren, versuchte uns aber gleichzeitig auch ein wenig zu beruhigen. Die Schmerzen hatten deutlich nachgelassen, was ein gutes Zeichen sein sollte.
Ich war platt und fühlte mich komplett leer, ohne zu wissen, dass ich gerade ein Kind verloren hatte. Wir fuhren weiter nach Rumänien. Die Probe in Braşov musste ich an diesem Tag abbrechen, denn auf dem Eis versagten meine Beine. Ich fieberte auch ein bisschen, und mir war sehr schlecht. Schmerzen hatte ich allerdings keine mehr. Also legte ich mich im Hotelzimmer ins Bett und nahm ein Medikament, um die hohe Temperatur in den Griff zu bekommen.
Währenddessen tigerte Norman nervös im Zimmer rum. Er merkte, dass ich längst am Limit war, die Show am Abend aber unbedingt laufen wollte. »Kleene…«, so hatte mich Norman als Ur-Berliner liebevoll getauft, da ich mit meinen knapp 160 Zentimetern nicht die Größte bin, »… ich mache mir langsam wirklich Sorgen. Ich sehe doch, dass es dir überhaupt nicht gut geht. Du kannst doch nichts dafür, wenn du jetzt krank bist«, sagte Norman mit gerunzelter Stirn.
Ich wiegelte ab: »Mit ein paar Medikamenten geht das schon. Das ist der letzte Auftritt für die Saison. Wir sagen hier doch jetzt nicht ab. Wir sind das Highlight des Abends!« Nicht aufzutreten, kam für mich nicht infrage, solang ich noch stehen konnte. Ich wollte die Veranstalter nicht enttäuschen, hatte Angst, danach nie wieder gebucht zu werden. Nein, wir mussten das irgendwie durchziehen.
Norman hielt an diesem Abend meine Hand fester als sonst, und ich kämpfte mich durch unsere beiden Auftritte. Wir ließen eine sehr komplizierte Hebung aus, und er zog mich mehr durch die Programme, als dass ich lief. Als wir danach zurück in der Garderobe waren, war allerdings der letzte Rest Energie aus mir gewichen. Ich bekam keine Luft mehr. Ich konnte mich nur noch auf die Bank fallen lassen, atmete schwer, alle Farbe war aus meinem Gesicht gewichen, und mein ganzer Körper zitterte. Selten habe ich mich so schlecht und krank gefühlt.
Wenn ich mir heute überlege, dass ich während einer Fehlgeburt ein Showprogramm absolvierte, bekomme ich ein ganz mulmiges Gefühl im Magen. Mittlerweile weiß ich auch, dass ich wahnsinniges Glück hatte, dass mein Körper es schaffte, den Embryo nebst Fruchthülle komplett auszustoßen. Zurückbleibende Reste können massive Blutungen auslösen. Was das für Auswirkungen haben kann, sollte ich viele Jahre später erfahren. Eigentlich war es ziemlich fahrlässig von mir gewesen, vor Ort keinen Arzt aufzusuchen.
Wie erfuhr ich aber am Ende, dass es sich um eine Schwangerschaft und Fehlgeburt gehandelt hatte?
Zurück aus Rumänien machte ich sofort einen digitalen Schwangerschaftstest, weil Norman bereits in Budapest geäußert hatte, dass es eine Fehlgeburt gewesen sein könnte. Ich fiel aus allen Wolken: Der Schwangerschaftstest war tatsächlich positiv! Es gibt einen Test mit einer digitalen Wochenanzeige, und dieser zeigte Schwangerschaftswoche 1 bis 2 an. Wie war das möglich?
Noch am selben Tag, es war der 2. März 2010, und Norman hatte zu allem Überfluss auch noch Geburtstag, fuhren wir zu meinem Frauenarzt nach Düsseldorf.
Dr. Küppers machte einen vaginalen Ultraschall, wobei er eine leere Gebärmutterhöhle vorfand. Er vermutete, dass der Körper sich der Schwangerschaft selbst entledigt hatte und es zu einem Frühabort, also einer Fehlgeburt innerhalb der ersten Schwangerschaftswochen, gekommen war. Wir errechneten anhand des Zeitfensters vom Absetzen der Pille bis zu den massiven Blutungen in Budapest, dass ich wahrscheinlich in der siebten bis neunten Schwangerschaftswoche (SSW) gewesen sein musste, als ich die Fehlgeburt erlitt. Mir wurde Blut abgenommen, um zu schauen, wie hoch die Konzentration des Schwangerschaftshormons Beta-hCG in meinem Körper noch war. Sehr viel konnte es eigentlich nicht mehr sein, da der digitale Test nur »Schwanger 1–2« angezeigt hatte.
Der digitale Test misst den hCG-Wert im Urin. Mit fortschreitender Schwangerschaft steigt das hCG, und der digitale Test zeigt dies zuverlässig mit »Schwanger 2–3« und noch später mit »Schwanger 3+« an. Bei einer intakten Schwangerschaft würde dieser Test in den Schwangerschaftswochen sieben bis neun schon längst ein dickes »Schwanger 3+« aufweisen. Der Bluttest beim Arzt gibt aber am besten Aufschluss und bestimmt den hCG-Wert sehr genau. Mit diesen Werten habe ich mich später während meiner Kinderwunschzeit phasenweise sehr viel beschäftigen müssen.
Da das hCG nach einer Fehlgeburt nicht immer gleich auf null abfällt, sondern manchmal erst langsam zurückgeht, hatte mein Schwangerschaftstest also noch ein positives Ergebnis angezeigt. Soweit hatte ich bis hierhin alles verstanden. Der Doktor erklärte mir im Anschluss, dass der hCG-Wert auf null sinken sollte. Würde er das nicht tun oder sogar wieder ansteigen, müsste man nachträglich eine Ausschabung vornehmen, um eventuelle Gewebereste der Schwangerschaft zu entfernen und eine mögliche Infektion zu verhindern. Es ist leider tatsächlich möglich, dass das Schwangerschaftsgewebe weiter hCG produziert, obwohl man nicht mehr von einer wirklichen Schwangerschaft sprechen kann. Normalerweise laufen die Vorgänge im Körper eher andersherum ab: Wenn ein Embryo nicht mehr lebt, sinkt der hCG-Wert ab, der Rückgang des Hormons signalisiert dem Körper, dass die Schwangerschaft nicht intakt ist. Das ist der Startschuss für den Körper, die Fehlgeburt einzuleiten.
Damals habe ich das alles einfach nur aufgenommen, später half mir dieses Wissen allerdings dabei zu begreifen, dass man eine Fehlgeburt nicht aufhalten kann. Sie passiert, wenn etwas nicht stimmt und der Körper das Zeichen bekommt »aufzuräumen«. Die Fehlgeburt geschieht meistens, bevor wir es merken, mit dem Tod des Embryos. Natürlich macht man sich immer seine Gedanken, wenn so etwas passiert. Hätte man etwas anders machen und den Abgang verhindern können? Mir half das Wissen um die Vorgänge in meinem Körper enorm, um Schuldgefühle im Zaum zu halten. Dadurch wurde mir bewusst: Ich habe keinen Einfluss darauf, ob der Embryo lebt oder nicht. Und im Grunde genommen macht unser Körper das ja auch sehr gut. Er beendet die Schwangerschaft, wenn sie keine Zukunft hat.
Und so war es auch bei mir: Während mein Arzt Norman und mir alles erklärte, kamen so langsam die ersten Emotionen hoch, die ich gar nicht alle definieren konnte. Ich war also tatsächlich schwanger gewesen. Gleichzeitig erfuhr ich aber auch, dass es nun keine Schwangerschaft mehr gab, und ich begriff langsam, was in Budapest passiert war. Da hatte etwas leben wollen, und ich hatte keine Ahnung gehabt! Vielleicht hatte ich was falsch gemacht? Ich war erkältet und hatte Medikamente genommen! Ich hatte vor der Erkältung ein Glas Wein getrunken! Ich war bei den Proben auf dem Eis gestürzt! Ich hatte auf nichts Rücksicht genommen! Mir muss doch bewusst gewesen sein, dass ich schwanger werden könnte ohne die Pille! Ich hatte das ja schließlich auch gewollt! Warum hatte ich mich nicht angemessen verhalten? Nur so für den Fall der Fälle.
Ich tat das, was die meisten Frauen in dieser Situation tun, ich machte mir Vorwürfe und suchte nach Fehlern und Gründen. Mir stiegen Tränen in die Augen, was Dr. Küppers veranlasste, ein paar tröstende Worte fallen zu lassen: »Sehen Sie es so, Sie können schwanger werden. Das ist schon mal eine gute und wichtige Voraussetzung …«
Ich schaute ihn an. Ja – und? Natürlich kann ich schwanger werden! Kann doch jede Frau. Was sollte diese Information mir nützen? Mir kam überhaupt nicht in den Sinn, wie viele Frauen genau nicht einfach so schwanger werden können. Erst viel später erfuhr ich: 15 Prozent der deutschen Paare sind ungewollt kinderlos. Die Dunkelziffer wird um einiges höher geschätzt.
Der Doktor tröstete indes weiter: »Jede sechste Frau macht in ihrem Leben eine oder mehrere Fehlgeburten durch.«
Fehlgeburten gehören zum Kinderkriegen dazu? Auch das tröstete mich nicht. Nein, ich hatte das sicher kaputt gemacht. Ich ganz allein. Und so was will Mama werden. Wut auf mich selbst stieg in mir hoch, ich war jetzt kurz davor loszuheulen. Verschämt wischte ich mir die Tränen weg.
»Machen Sie sich keine Vorwürfe, Frau Szewczenko, Sie haben nichts falsch gemacht.«
Ich blickte meinen Frauenarzt verwirrt an. Konnte er Gedanken lesen? Nein, das konnte er wahrscheinlich nicht. Aber er wusste offensichtlich aus langjähriger Erfahrung, was Frauen in diesen Momenten durch den Kopf geht.
Schuldgefühle, Wut, Trauer, Leere: Alles ist erlaubt, und jede von euch, die schon mal einen Abgang hatte, weiß, wie ohnmächtig man sich fühlt und was man in dieser Zeit durchmacht. Ich glaube, wir alle haben uns schon die Frage gestellt, wie man am besten mit einer Fehlgeburt umgeht.
Verdrängen und den Alltag weiterleben? Innehalten und darüber sprechen? Beides ist eine Option. Wir können und dürfen unterschiedlich mit dem Verlust umgehen, denn ein Richtig oder Falsch gibt es hier nicht.
Aber egal für welchen Weg wir uns entschieden haben, wir fühlen uns erst einmal schuldig, weil wir uns wie Versager fühlen. Doch das sollten wir nicht. Denn gerade in den ersten Wochen gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip. Um genau zu sein, bis zur fünften Schwangerschaftswoche. Die befruchtete Eizelle besitzt die Fähigkeit, geschädigte Zellen durch neue zu ersetzen. Die Eizelle ist in diesem Stadium noch recht unempfindlich gegen äußere Einflüsse, und der Embryo kann sich gegebenenfalls regenerieren, wenn keine anderen schweren Schäden vorliegen. Das ändert sich aber schlagartig, sobald der Embryo mit der Anlage seiner Organe beginnt. Dies geschieht zusammen mit der Einnistung. Erst ab diesem Punkt sind auch beide Organismen – von Mutter und Kind – miteinander verbunden.
Auch darüber klärte mich Dr. Küppers in seiner angenehm ruhigen Art auf. Die meisten Fehlgeburten passieren in der Frühschwangerschaft, also in den ersten zwölf Wochen. Oft seien genetische oder chromosomale Defekte der Grund für den Frühabort, meinte er. Da würde im »Bauplan« einfach etwas nicht passen.
Natürlich gibt es weitere Risikofaktoren und Ursachen, die Probleme bereiten können, schwanger zu werden oder schwanger zu bleiben. Mein Arzt sah aber zu diesem Zeitpunkt keinen Grund, um auf Ursachenforschung zu gehen. Dies geschieht meistens erst nach sich wiederholenden Fehlgeburten oder wenn nach einem Jahr ohne Verhütung noch keine Schwangerschaft eingetreten ist.
Norman nahm meine Hand, während er den Doktor fragte, wie es denn jetzt weitergehe.
Dr. Küppers legte uns nahe, zwei bis drei Zyklen zu verhüten und erst danach wieder zu versuchen, aktiv schwanger zu werden. Voraussetzung sei natürlich auch, dass das Beta-hCG auf null gesunken sein müsste. So könnten sich Zyklus, Körper und Seele erst einmal wieder einpendeln.
Diese Aussagen wurden wohlgemerkt im Jahr 2010 getroffen. Heute sagen viele Fachleute, dass man nicht zu warten braucht. Entweder es klappt oder eben nicht. Wenn der Körper und die Gebärmutter noch nicht wieder bereit sind, wird auch keine Schwangerschaft eintreten.
Das Blut, das mir an diesem Tag abgenommen worden war, wies nur noch einen sehr geringen Beta-hCG-Wert im zweistelligen Bereich auf und sank dann auch brav bis zur nächsten Kontrolle auf null. Mein Körper hatte es also ganz allein geschafft, und eine nachträgliche Ausschabung blieb mir erspart.
Was mir nicht erspart blieb, war eine kleine Achterbahnfahrt der Gefühle, die im Arztzimmer ihren Anfang nahm. Sicher spielten auch die Hormone eine Rolle, aber meine Fehlgeburt beschäftigte mich sehr, und ich wollte einfach verstehen, was da passiert war. Ich fühlte mich total allein mit der Situation, weshalb ich versuchte, in den anonymen Foren des Internets Halt zu finden. Ich kannte in meinem direkten Umfeld niemanden, der eine Fehlgeburt erlitten hatte. Allerdings fragte ich auch niemanden danach. Ein Tabuthema. Etwas, mit dem man nicht hausieren geht. Haben wir nicht schließlich alle gelernt, dass man in den ersten zwölf Wochen nicht verkündet, dass man schwanger ist, weil ja noch so viel passieren kann?
Ich muss einmal kurz innehalten, während ich das schreibe. Eigentlich spiegelt dieser Satz die gesamte Problematik des Tabuthemas Fehlgeburt wider. Man spricht im ersten Schwangerschaftsdrittel nicht über sein Glück, weil ja noch so viel passieren kann … Diesen Satz kannte schon meine Oma, die 1928 geboren wurde und ihre Kinder in den Fünfzigern zur Welt gebracht hatte. »…, weil ja noch so viel passieren kann!«
Dieser Satz zeigt auch, dass es ein grundlegendes weibliches Wissen über Fehlgeburten gibt, weitergegeben über die Generationen hinweg. Damit wäre schon mal geklärt, dass es nichts Ungewöhnliches zu sein scheint, eine Fehlgeburt zu erleiden, da es zum Kinderkriegen dazugehört, wie es auch mein Frauenarzt beschrieb. Die Natur siebt aus. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.
Aber wenn es da schon ein gewisses Hintergrundwissen gibt, warum fühlen wir uns dann so allein mit dem Thema Fehlgeburt? Dafür ist meiner Meinung nach der erste Teil des allseits bekannten und tief in unserer Auffassung als »richtig« verankerten Satzes verantwortlich. Man spricht nicht über die frisch eingetretene Schwangerschaft, und zwar für mindestens zwölf Wochen. Isoliere dich mit dem Thema, und behalte es für dich! Bleib damit allein! Und dieser Aufforderung folgen wir Frauen brav. Weil es besser ist. Aber ist es das wirklich?
Man soll nicht über das große Glück sprechen und kann in Folge noch weniger darüber sprechen, wenn dieses unglücklich endet. Wir haben durch diesen Satz gelernt, Glück und Unglück für uns zu behalten. Das wurde uns damit suggeriert. Wir sollen nicht über den wunderbaren Aspekt reden, dass gerade neues Leben entsteht, weil diesem leider von der Natur wieder ein Ende gesetzt werden kann, bevor es für andere überhaupt sichtbar begonnen hat. Für uns Frauen beginnt dieses neue Leben aber, sobald wir von der Schwangerschaft erfahren. Wir spüren plötzlich, dass wir nicht mehr allein sind. Sehen schon ein ganzes Leben, eine Zukunft mit diesem neuen Lebewesen vor uns. Wenn wir das dann verlieren, ist das schmerzhaft. Auch in den ersten Wochen. Nun müssen wir dies mit uns selbst ausmachen, weil es laut altem Leitsatz nichts ist, über das man spricht.
Ich persönlich mag diesen Satz nicht. Er hat immer diesen negativen Beigeschmack. Und er fördert im Stillen die Schuldgefühle, denn wenn ich nicht über eine Fehlgeburt sprechen darf, dann habe ich sicher etwas falsch gemacht. Ich habe sehr viel über dieses Schweigegebot in der Frühschwangerschaft nachgedacht und nach und nach begonnen, mich davon zu lösen. Obwohl ich so viel Unschönes erlebt habe und die Schwangerschaften öfter schief- als gut ausgegangen sind, wollte ich dem Leben immer vertrauen und zuversichtlich sein. Ich wollte das auch anderen sagen können, um damit das entstehende Leben zu stützen. Wenn es dann nicht bleiben möchte, kann ich dem Verlust Raum und Zeit geben, weil ich mir durch meine Offenheit nicht die Möglichkeit verbaut habe, mich mit anderen auszutauschen.
Natürlich soll sich jetzt niemand gezwungen fühlen, den positiven Schwangerschaftstest überall vorzuzeigen oder ständig über seine Fehlgeburt zu sprechen. Aber ich finde: Das Tabu sollte der Vergangenheit angehören. Über etwas zu sprechen, hilft in vielen negativen Situationen im Leben. Zu dieser Erkenntnis bin ich leider erst heute gelangt. Die erste Fehlgeburt damals und auch die Jahre, in denen wir nach unserer Tochter Jona für ein zweites Kind kämpften, habe ich totgeschwiegen. Die Gründe: falsche Scham; das Gefühl, versagt zu haben; nicht Gesprächsmittelpunkt werden wollen und bloß nicht zu viele Emotionen teilen. Das könnte ein Zeichen von Schwäche sein. Schwäche. Allein durch die gesellschaftlichen Anforderungen und den allseits bekannten oben erwähnten Satz hatte ich Angst, Schwäche zu zeigen. Ich, die disziplinierte Leistungssportlerin, die damit auch während Dreharbeiten immer wieder punktete. Eine, die dafür bekannt war abzuliefern. Die keine Probleme machte. Die Power hatte und andere mitziehen konnte. Durch das Eiskunstlaufen hatte ich gelernt, immer weiter zu lächeln, auch nach einem Sturz. Lass dir nichts anmerken! Lass den Sturz hinter dir, richte den Fokus immer nur nach vorn!
Das funktioniert auch, wenn man ein- oder zweimal stürzt. Aber wenn man fünfmal stürzt – so ist es mir in einer Kür einmal passiert –, wird es von Sprung zu Sprung schwieriger, wieder aufzustehen. Das Lächeln verzerrt zu einer starren Grimasse, und nach dem letzten Sturz wäre ich damals am liebsten einfach auf dem Eis liegen geblieben. Es hat mich mehr Kraft gekostet, diese Kür zu Ende zu bringen, als eine fehlerfreie zweimal zu laufen. Aber ich habe sie zu Ende gebracht. Ich habe nicht aufgegeben. Ich hatte verloren und versagt und lag am Boden. Aber ich habe nicht aufgegeben. Das war keine Option. Genau wie später bei meiner Kinderwunsch-Odyssee. Aufgeben war keine Option, niemals. Eine Kür, die miserabel läuft, ist für das Publikum erkennbar. Man kann die Stürze zählen und mit ein bisschen vorhandener Empathie mitleiden. Vielleicht kann man sich sogar vorstellen, wie weh der ein oder andere Sturz getan hat.
Auf die Kinderwunsch-Odyssee geht man allerdings ohne Publikum. Dadurch, dass das Thema so stark tabuisiert wird, hat man niemanden, der einen stürzen sieht – und der einen auffangen könnte. Die physischen und psychischen Schmerzen sind für das gesamte Umfeld unsichtbar und bekommen dadurch nicht den Bruchteil der Aufmerksamkeit wie beispielsweise ein banaler blauer Fleck. »Oh! Das muss aber wehgetan haben!«
Ich hätte zwischenzeitlich tausend blaue Flecken in Kauf genommen, wenn mir das ein oder andere erspart geblieben wäre. Meine »Stürze« während der Kinderwunschjahre sollten so gewaltig werden, dass mir das Wiederaufstehen fast unmöglich wurde, ich mich selbst verlor und eine Weile nicht die sein konnte, die ich eigentlich war. Eine starke, lebensfrohe Person.
Nach dieser ersten Fehlgeburt mit dem natürlichen Abgang pendelte sich mein Zyklus glücklicherweise sofort wieder ein. Ich gehöre zu den Frauen mit einem regelmäßigen 28/29-Tage-Zyklus. Ein Bilderbuch-Zyklus sozusagen. Um die Zeit zu überbrücken, bis wir wieder aktiv versuchen durften, schwanger zu werden, studierte ich diverse Internetforen und las still den Austausch vieler Frauen mit Kinderwunsch. Wow. Da fand sich eine Menge Lesestoff. Gab ich ein Thema zum Kinderwunsch in der Suchleiste ein, hatte ich schnell genug Beiträge, um meine Wartezeit bis zum nächsten Versuch zu füllen. Mir half diese Lesephase emotional enorm. Ich lernte ganz nebenbei auch unheimlich viel, denn die Sprache in den Foren war für mich teilweise erst einmal ein Buch mit sieben Siegeln.
