Eduard F. Pulvermann 1882-1944 - Joachim Winkelmann - E-Book

Eduard F. Pulvermann 1882-1944 E-Book

Joachim Winkelmann

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Beschreibung

Eduard F. Pulvermann, 1882 in Hamburg geboren, war ein international tätiger Kaufmann und der Gründer des Deutschen Springderbys. Er wurde ein Opfer des Nationalsozialismus. Sein Leben lässt sich ohne Kenntnis seiner Familiengeschichte und der Zeitenläufe der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso wenig verstehen, wie sein leidvolles Sterben 1944. Die erste Auflage der biographischen Notizen ist vergriffen. Aufgrund von Akten und Dokumenten, die dem Verfasser inzwischen zur Verfügung stehen, können in der zweiten, gründlich überarbeiteten und erweiterten Auflage einige Lebensabschnitte klarer dargestellt werden, insbesondere die Umstände der Verhaftung durch die Gestapo und die Zeiten im Untersuchungsgefängnis und im KZ-Lager.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Im Gedenken an meinen Onkel Robbie,

den Hamburger Tabakkaufmann

Robert H. Pohl (1896 – 1960).

Ihm verdanke ich meinen ersten Besuch

beim Deutschen Springderby.

INHALT

Vorbemerkung

Vorwort zur ersten Auflage

Vorwort zur zweiten Auflage

Familiengeschichte

Der Vater

Die Mutter

Uhlenhorst

Lebensbilder

Die Choleraepidemie und andere Ereignisse

Sport, Schule und Ausbildung

Naturalisation und Einjährig-Freiwilliger

Berufsleben

Heirat und Familiengründung

Die Loge

Dockenhuden

Tod der Eltern

Der Erste Weltkrieg und die Folgen

Nationalklub von 1919

Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch

Geschäftlicher Erfolg

Der Reiter

Deutsches Springderby und Pulvermanns Grab

Reitpreise

Gut und Gestüt Westensee

Der Kirchenpatron

Zweite Ehe und Familie

Die Brüder

Die Kinder

Stammbaum

Finanzen, Devisen, Kredite

Denunziation

Anklage wegen »Heimtücke«

Verkauf des HERO-Werkes

Der Heimtücke-Prozeß

Urteil im Heimtücke-Prozeß

Der Devisen-Prozeß

Urteil im Devisen-Prozeß

KZ-Lager Fuhlsbüttel / Neuengamme

Nachgeschichte

Erinnerung

Würdigung

Rehabilitation

Anhang

Danksagung für die erste Auflage

Die Fehler der ersten Auflage

Danksagung für die zweite Auflage

Bildnachweis

Namensindex

Endnoten

VORBEMERKUNG

Gedenktafel für Eduard F. Pulvermann auf dem Derbyplatz in Klein Flottbek

Vorwort zur ersten Auflage

Als ich vor 50 Jahren zum ersten Mal auf dem Derbyplatz in Klein Flottbek stand, wußte ich nichts über die Geschichte des Deutschen Springderbys und den Namensgeber für das bekannteste Hindernis des Parcours: Pulvermanns Grab. Erst in jüngster Zeit habe ich mich für den Gründer dieses Wettbewerbs interessiert, dem eine Bronzetafel auf dem Turnierplatz gewidmet ist. Meinem Vorschlag folgend wurde der Wanderweg, der vom Bahnhof Klein Flottbek am Derbyplatz entlang zum Quellental führt, anläßlich des 60. Todestages nach Pulvermann benannt. Zur 125. Wiederkehr des Geburtstages von Eduard Pulvermann am 2. September 2007 sollen diese biographischen Notizen an ihn erinnern.

Joachim Winkelmann

Hamburg, im Mai 2007

Vorwort zur zweiten Auflage

Seit meinen ersten Recherchen über Eduard F. Pulvermann sind zehn Jahre vergangen. Die erste Auflage ist vergriffen.

Sie wurde aufgrund der damals verfügbaren Quellen erstellt. Die vorliegende zweite, gründlich überarbeitete und erweiterte Auflage korrigiert nicht nur die Fehler der ersten, sondern berücksichtigt Anregungen, Akten und Verweise, die der Verfasser nach Erscheinen der ersten Auflage von vielen Seiten erhalten hat und der sich bei allen Ratgebern dafür bedankt. Zusätzlich konnten einige verloren geglaubte Bilder, Briefe und Postkarten im Antiquariatshandel erworben werden. Mehrere Bilder aus der ersten Auflage werden nicht wieder gezeigt. Dafür sind andere Bilder und Dokumente aufgenommen worden. Pulvermanns handschriftliche Aufzeichnungen »Was ich über Markt & Co. weiß«, die während der Drucklegung der ersten Auflagen gefunden wurden, können wegen des Umfanges und des eng gefaßten Themas im Rahmen dieser biographischen Notizen nur teilweise berücksichtigt werden. Sie werden transkribiert und kommentiert in einer eigenen Edition erscheinen.

Die Umstände der Verhaftung Pulvermanns und die Haftbedingungen im Untersuchungsgefängnis und im sogenannten Polizeigefängnis Fuhlsbüttel lassen sich jetzt deutlicher darstellen.

Um den Lesefluß nicht unnötig zu unterbrechen, erscheinen Originalzitate von Eduard F. Pulvermann und seiner Ehefrau Sibylla im Text kursiv und ohne Anführungszeichen.

Weil aber weiterhin wichtige Dokumente verschollen sind, verweise ich auch für diese Auflage auf Eduard Zeis, der 1863 geschrieben hat:

»Bei jeder Arbeit dieser Art ist es unmöglich, zu sagen, daß man nun fertig sei, und nichts übersehen habe«1.

Joachim Winkelmann

Hamburg, am 29. März 2016

Die preußische Provinz Posen im Jahr 1845

FAMILIENGESCHICHTE

Der Urgroßvater Abraham Pulvermann, Repräsentant der israelitischen Gemeinde zu Ostrowo, 1845

Eduard F. Pulvermann wurde 1882 als Sohn christlicher Eltern in Hamburg geboren und evangelisch-lutherisch erzogen. Die väterlichen jüdischen Großeltern lebten in der preußischen Provinz Posen, die mütterlichen katholischen stammten aus Österreich. Er war Offizier im Ersten Weltkrieg, Verteidiger nationalkonservativer Werte, passionierter Reiter und Pferdezüchter, Gutsherr und Kirchenpatron, Rinder- und Schweinezüchter, Fabrikant, internationaler Kaufmann, liebevoller Familienvater und Opa Pu.

Eduard Pulvermann wurde ein Opfer des Nationalsozialismus. Sein Leben läßt sich ohne Kenntnis seiner Familiengeschichte und der Zeitenläufte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso wenig verstehen wie sein leidvolles Sterben 1944.

Der Vater

Das Hamburger Fremdenblatt berichtet am 30. November 1912 über die Trauerfeier für Herrn Albert Pulvermann auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg.

»Herr Hauptpastor Dr. Rode [hielt] eine warmherzige Gedächtnisrede, der er den Text unterlegte: ›Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet‹. Redner führte dabei aus, daß der Name des Entschlafenen genannt und treu befunden sei diesseits und jenseits des Weltmeeres. Unermüdlich und mit großer Pflichttreue habe er in dem erwähnten Berufe des Kaufmanns gewirkt und reiche Erfolge geerntet. Redner wandte sich dann mit Trostworten an die Familie und sprach Gebet und Segen. Mit dem Vortrage des Chorals: ›Ach bleib mit Deiner Gnade‹ schloß die Feier«.

Eduard Pulvermanns Vater wurde am 27. Oktober 1850 als Sohn des jüdischen Kaufmanns und Destillateurs Moritz Pulvermann und seiner Frau Sophie, geb. Jaffe, in Ostrowo geboren. Die Ackerbürgerstadt im südlichen Zipfel der preußischen Provinz Posen ist eine preußische Vorzeigestadt, eine geographische Meile, 7,5 km, westlich von Kalisch im russischen Kongreßpolen. Von den damals 6 000 Einwohnern sind je ein Drittel Deutsche, Polen und Juden. Die Provinz Posen ist Heimat für etwa die Hälfte aller Juden in Preußen. »Zwischen den Bauern und dem Edelmann stehen in Polen die Juden und können füglich der Dritte Stand Polens genannt werden«2. Aufgrund der königlichen »Verordnung wegen des Judenwesens im Großherzogthum Posen«3 erhalten 1834 etwa 5 000 der 80 000 hier lebenden Juden die preußische Staatsbürgerschaft. Zu den Erfordernissen für die Naturalisation zählen u.a. »die Verpflichtung, sich in allen öffentlichen Angelegenheiten der deutschen Sprache zu bedienen, ein ständiger Wohnsitz seit 1815 und ein namhaftes stehendes Gewerbe, um sich und der Familie den hinreichenden Unterhalt zu sichern«4. Zu den »154 jüdischen Hausvätern«, die in Ostrowo naturalisiert werden, gehört auch der Kaufmann Abraham Pulvermann, Eduard Pulvermanns Urgroßvater. Während auch Jahrzehnte später »der größere Teil der Bevölkerung noch immer keine Lust bezeigt, etwas anderes zu sein als polnisch«, sind Kultur und Sprache der wohlhabenden Posener Juden deutsch. Zu den wohlhabenden und gut etablierten Juden zählen die Familien Pulvermann, Jaffe und Landé. In seiner Kulturgeschichte der Posener Juden schreibt Jacob Jacobsen, daß »die Juden Südpreußens wirkliches kaufmännisches und gewerbliches Bürgertum repräsentieren – in den kleinen Ackerstädten sogar mit Ausschließlichkeit. Waren sie doch die Pächter der adligen Brennereien und Brauereien und der Wirtshäuser«5.

Abrahams Sohn Moritz, Eduard Pulvermanns Großvater, übt in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwei typische Berufe der Juden in der Provinz Posen aus: Er ist Kaufmann und Destillateur. Trotz der Einbürgerung der wohlhabenden Juden und der Erleichterungen durch die allgemeine preußische Gewerbeordnung von 1845 verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage der Juden in der Provinz Posen in den folgenden Jahren. Hohe Steuern auf beispielsweise koscheres Fleisch und Sabbatkerzen belasten die jüdische Bevölkerung ebenso wie pogromartige Ausschreitungen nach den Mißernten in den Jahren 1847/48 und der gescheiterten 1848er Revolution. Ungeachtet dessen baut die jüdische Gemeinde nach den Plänen des aus Ostrowo stammenden Moritz Landé6 eine neue Synagoge im byzantinisch-maurischen Stil, die 1860 eingeweiht wird. Für die Einrichtung stiften u.a. die Familien Landé und Pulvermann. Anläßlich der Grundsteinlegung schreibt das Jüdische Volksblatt Nr. 27/1857 »Wir können nicht unterlassen, die Bemerkung zu knüpfen, daß Ostrowo zu den größten und intelligentesten Gemeinden der Provinz gehört, fünf Wohltätigkeitsvereine aufzuweisen hat und in eigenem Gebäude eine vierklassige Elementarschule«. Diese Schule besuchen auch Albert und Martin, Söhne des Destillateurs Moritz Pulvermann.

Synagoge in Ostrowo

Bis 1870 verlassen über 30 000 Juden die Provinz in Richtung Westen. Viele wandern über die Häfen in Hamburg oder Bremen im Zwischendeck nach Übersee aus7. Nach Beendigung seiner Lehrzeit verläßt auch Albert Pulvermann seine Heimat. Es handelt sich wohl um eine gut überlegte Auswanderung im Hinblick auf die wirtschaftliche Zukunft des jungen Mannes. Durch die enorme Produktion von Kartoffelspiritus ist es in Preußen zu einem dramatischen Verfall der Preise gekommen, auch der Preise für den höherwertigen Kornbranntwein8. Die Geschäfte des Vaters werden dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Moritz Pulvermann und seine Frau Sophie, geb. Jaffe, sind vor 1880 gestorben.

Albert Pulvermann reist am 7. November 1871 als »Kaufmann aus Ostrowo«9 in der ersten Kajüte des Postdampfschiffs Humboldt der Stettin-Amerikanischen-Dampfschiff-fahrts-Actien-Gesellschaft (Baltischer Lloyd) von Stettin über Kopenhagen nach New York, wo das Schiff am 2. Dezember eintrifft10. Er tritt als »office boy« in die Firma des John Markt ein. Dieser Schritt markiert den Beginn einer drei Generationen währenden Verbindung der Pulvermanns mit dem Handelshaus Markt & Co.

Die Mutter

Am 5. Februar 1860 wird in der Old St. Mary’s Church in Milwaukee die »legitime Tochter des Joannis Markt et Louisa Vintschka«11 auf den Namen Anna Franziska getauft. Patin und Namensgeberin ist Anna Vintschger, wohl eine Schwester der Mutter. Die Eltern, der 1824 in Ried im Innkreis geborene Johann Xaver Markt und sein Frau Louise, die Tochter des Freiherrn Eduard von Vintschger, sind 1857 von Wien nach Milwaukee ausgewandert. Besonders durch deutsche Einwanderer verdoppelt sich die Einwohnerzahl der 1846 gegründeten Stadt im Staat Wisconsin von 1850 bis 1860 auf 45 000. Milwaukee ist katholischer Bischofssitz, hat eine Beethovengesellschaft und Sängerbundfeste. 1857 ist Johann, der sich jetzt John Markt nennt, beim Milwaukee Count District als »book keeper« bei dem Juwelier A. B. van Cott registriert. Der United States Census 1860 führt ihn als »Cigar Dealer«12 mit seiner 25jährigen Ehefrau Louise, dem zweijährigen Edward und der am 15. Januar 1860 geborenen Tochter Anna Franziska unter der Adresse 7 Milwaukee Ward. Nach mündlicher Überlieferung hat John Markt in Milwaukee die Firma Markt & Richards gegründet, deren Existenz nicht schriftlich belegt ist. 1860 zieht Markt mit seiner Familie nach Hoboken, in die 1855 zur Stadt erhobene Siedlung am Westufer des Hudson River, gegenüber von New York. Wie Milwaukee ist Hoboken bis zum Ersten Weltkrieg eine überwiegend deutsche Stadt. Die Piers, an denen die Schiffe des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Americanischen-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) anlegen, sind die Eintrittspforte für deutsche Einwanderer.

In Hoboken gründet John Markt die Firma Markt & Co., eine Importfirma für deutsche Haushalts- und Eisenwaren. Sein Partner wird Gustav Vintschger, der jüngere Bruder seiner Frau, der sich auf Empfehlung des Schwagers mit seiner Frau Caroline ebenfalls in Hoboken niederläßt. Gustav hatte seine Ausbildung in der Eisenwarenhandlung Schöller & Co. in Wien erhalten und wollte in die freie Welt hinaus13. Das Importhaus Markt & Co. besitzt Büro- und Lagerräume in Manhattan in der Warren Street Ecke West Street. Im »Hardware Club« in der Warren Street treffen sich die Eisenwarenhändler, um beim Lunch ihre Geschäfte abzuwickeln.

Albert Pulvermann wohnt ebenfalls im südlichen Manhattan, 139 Center Street. Nach kaum drei Jahren erhält er den amerikanischen Bürgerbrief: »Date of Naturalization: June-2-1874«. Als Bürge fungiert der deutschstämmige New Yorker Stephen Kratzenberg14, der seinerseits fünfzehn Jahre zuvor amerikanischer Bürger geworden ist. Der Firmengründer kann nicht selbst für seinen Angestellten bürgen: John Markt lebt seit einem Jahr mit seiner Familie in Wien. Von dort zieht er 1874 nach Hamburg, wo er per Adresse Alsterterrasse polizeilich gemeldet ist. Im Jahr nach der Wirtschaftsdepression, die 1873 der Überhitzung des Kapitalmarkts in den ersten Gründerjahren folgt, etabliert John Markt in der Jordanstraße in Hamburg-Hamm eine Niederlassung seiner Firma Markt & Co., als zweite europäische Filiale nach London. Fünfzehn Jahre nach Gründung von Markt & Co. hat sich die wirtschaftliche Situation geändert. John Markt entscheidet sich für den Export innovativer Werkzeuge und Maschinen nach Europa. Das Zeitalter der Automatisierung beginnt. Den Aufbau des Exportgeschäfts aus Amerika nach Europa überträgt John Markt an Albert Pulvermann, der nun als Firmenvertreter Europa bereist. Auch nach Rußland, vor allem St. Petersburg und Moskau, begab sich mein Vater, wo er die wichtige Verbindung mit dem Haus St. Galli [richtig: San Galli] in St. Petersburg anbahnte und mit Brüggemann & Co. in Moskau. In dem bekannten Palais St. Galli in St. Petersburg hat mein Vater als Junggeselle viel getanzt. Er erzählte gern von dieser Zeit15. Im August 1875 fährt Albert Pulvermann auf dem Motorsegler Cimbria von Hamburg zur Firmenzentrale nach New York.

John Markt führt die Hamburger Niederlassung nur wenige Jahre. Er zieht sich weitgehend aus dem Geschäft zurück und übersiedelt wegen des Klimas nach Baden-Baden.

Im Frühjahr 1880 besucht Albert Pulvermann dort die Familie Markt in ihrer Villa. Diesmal handelt es sich nicht um eine Geschäftsreise. Am 5. April heiraten Albert Pulvermann und Anna Markt in Basel. Dort ist das nächstgelegene Nordamerikanische Consulat16. Über eine kirchliche Trauung ist nichts bekannt. Albert Pulvermann ist an einem nicht bekannten Datum zum christlichen, zum evangelisch-lutherischen Glauben konvertiert, Anna ist katholisch. Nach einigen Monaten kehrt das junge Paar nach Baden-Baden zurück, wo im Februar 1881 der Sohn John Albert geboren wird. Im Herbst 1881 zieht die Familie nach Hamburg. Albert Pulvermann übernimmt von seinem Schwiegervater die Geschäfte der Firma Markt & Co.

Uhlenhorst

Am 2. September 1882 wird dem Ehepaar Albert und Anna Pulvermann der zweite Sohn geboren. Er wird am 9. Januar 1883 in der Kirche St. Georg auf den Namen Moritz Franz Eduard getauft. Moritz hieß der väterliche Großvater, der Rufname Eduard stammt aus der mütterlichen Familie. Die Taufpaten sind Hamburger Kaufleute.

Architekturzeichnung Geffckenstraße 15

LEBENSBILDER

Straße auf der Uhlenhorst ca. 1890

Die Fährstraße, in der Eduard geboren wird, liegt auf der Uhlenhorst links der Alster. In diesem Wohngebiet, das nach dem großen Brand von Hamburg 1842 entstanden ist, stehen »ansehnliche bürgerliche Geschoßwohnungsbauten«17. Im Norden grenzt das Wohngebiet der bürgerlichen Mittelschicht an die Arbeiterviertel von Barmbek. Zur Alster hin besteht die Bebauung aus Stadthäusern und Villen. Aufgrund der von August Abendroth18 festgelegten »Uhlenhorster Bedingungen« durften westlich des Hofwegs weder Mehrfamilienhäuser noch Gewerbetriebe errichtet und keine Dampfmaschinen betrieben werden. Als Eduard vier Jahre alt ist, zieht die Familie in die Adolphstraße 15. Von hier aus begleiten die Söhne oft den Vater am Sonntagmorgen in das Kontor in der Catharinenstraße, wo dieser die Post durchsieht. Später wohnt Familie Pulvermann Schöne Aussicht 33 im eigenen Haus mit Blick über das Wasser auf die Silhouette der Altstadt.

Die Mutter, Anna Pulvermann, ist Mitglied der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde. Im Turmzimmer hat sie ein Atelier für Porzellanmalerei eingerichtet. Die von ihr bemalten Eßservice für ihre beiden Söhne sind nicht mehr im Familienbesitz. Im Februar 2009 wird in Hamburg eine »außergewöhnliche Amphorenvase im Wiener Stil« versteigert, »am Lippenrand gezeichnet Anna F. Pulvermann 1921«. Pulvermann erwähnt in einer Inventaraufstellung die von meiner Mutter geerbte große Vase, von meiner Mutter gemalt, Napoleon I. darstellend.

Die Schauseite zeigt Napoleon im hellblauen Rock auf einem Schimmel mit zwei Begleitern bei einer Truppeninspektion. Im Sockel eine Kavallerie Eskadron auf braunen Pferden19.

Ihre Söhne hat Anna Pulvermann offenbar nicht gemalt.

Auszug aus dem Taufregister St. Georg

Der Garten reicht über die Straße hinweg bis an das Alsterufer. Die damalige Bebauung des Viertels läßt sich am ehesten noch in der Adolphstraße, heute Herbert-Weichmann-Straße, an einzelnen Häusern erkennen. Das Geburtshaus in der Fährstraße, heute Fährhausstraße, muß zu Beginn des 20. Jahrhunderts einem Jugendstilhaus weichen. Die beiden anderen Wohnadressen sind durch Neubauten ersetzt oder stark verändert worden. Eduard verbringt die Kindheit in der noch fast ländlichen Umgebung des Alsterufers.

Im Geburtsjahr Eduards wird mit dem Bau einer Kirche für den wachsenden Stadtteil begonnen. Kirchenbaumeister Otzen errichtet das Gotteshaus im neugotischen Stil. Geweiht wird St. Gertrud 1886, als Nachfolgerin der beim großen Brand vernichteten St. Gertruden-Kapelle in der Altstadt. Am Palmsonntag 1898 wird Moritz Franz Eduard hier von Pastor Dr. Carl Hermann Manchot konfirmiert20.

Die Choleraepidemie und andere Ereignisse

Als zehnjähriger Junge erlebt Eduard 1892 zwei Ereignisse, die nicht nur das Leben in der Hansestadt erschüttern, sondern die Geschäfte der väterlichen Firma ganz direkt treffen. Es sind die verheerende Choleraepidemie und der Großbrand im HAPAG-Lagerhaus.

Nach mehreren sehr trockenen Monaten zu Beginn des Jahres 1892 und einem kühlen Juli setzt Mitte August große Hitze und Schwüle ein. Bei niedrigstem Wasserstand der Elbe seit 50 Jahren laufen an mehreren Tagen ungewöhnlich hohe Flutwellen auf, die das mit Cholerabakterien verseuchte Wasser aus dem Hafen bis in die Schöpfstelle »Kalte Hof« spülen, wo das Trinkwasser ungefiltert aus der Elbe entnommen wird. Die Krankheit breitet sich vor allem in den Armenquartieren der Altstadt und in Hafennähe rasant aus. Bei den folgenden zahlreichen Todesfällen zeigt sich deutlich die soziale Teilung der Uhlenhorst in den alsternahen, gutbürgerlichen Bereich, in dem die Pulvermanns wohnen, und das Gebiet östlich davon. Doch auch die besseren Wohngebiete beiderseits der Alster verschont die Seuche nicht, und nach wenigen Tagen ist auch auf der Uhlenhorst ein Opfer zu beklagen.

»Was bedeuten denn all diese mit Koffern beladenen Fuhrwerke, die uns begegnen? Es sind Hamburger Flüchtlinge, die nach Altona, nach Blankenese, Nienstedten fliehen. Dazwischen riesengroße Möbelwagen, deren Ladung aber nicht aus Möbeln bestand, sondern aus Särgen« heißt es bei Charlotte Niese21.

Pastor Manchot

Carl Manchot, stehend, aufgestützt, mit den Hamburger Cholera-Ärzten

Besonders verdient um die Eindämmung der Epidemie und die Versorgung der Kranken macht sich der Sohn des Pastors von St. Gertrud, der junge Arzt Dr. Carl Manchot22. Im elbabwärts gelegenen Klein Flottbek sucht Dr. Georg Bonne verzweifelt nach einem wirksamen Heilmittel. »Geradezu peinlich war dieses Tasten am Krankenbette. Ich habe auch in meinen paar schweren Fällen die Kochsalzinfusion versucht, allein ehe die Kranken von ihrem Schiffe in unsere auf luftiger Höhe erbaute Cholerabaracke geschafft waren, war es gewöhnlich zu spät«23.

Die Familie Pulvermann übersteht die Choleraepidemie ohne persönlichen Schaden, obwohl mit dem ungefilterten Wasser auch in ihre Wohnung gelegentlich kleine Fische in die Küche oder in die Badewanne gespült wurden, wie Pulvermann seinen Töchtern später gerne erzählte. Seit der erfolgreichen Anwendung in Hamburg während der Choleraepidemie wird der von Wilhelm Berkefeld entwickelte, aus Kieselgur hergestellte Berkefeld-Wasserfilter auch heute noch weltweit angewendet. Für Handel und Wirtschaft, wohl auch für Markt & Co., ist der Boykott des Hamburger Hafens in den Tagen der Cholera eine Katastrophe. Vor allem Schiffe von und nach Amerika sind betroffen. »Unsere Haupterwerbsquelle, die Schiffahrt, ist lahmgelegt« schreibt das Hamburger Fremdenblatt am 13. September 1892. Bei Blohm & Voss sind zwei Drittel der dreitausend Beschäftigten ohne Arbeit und ohne Lohn.

Die ersten Internationalen Tennismeisterschaften von Deutschland24, ein zunächst binationales deutsch-österreichisches Turnier auf dem Gelände des »Eisenbahnvereins auf der Uhlenhorst« (heute Klipper THC), wird wegen der Choleraepidemie für vier Wochen unterbrochen.

Im Oktober desselben Jahres zerstört ein Großfeuer das Lagerhaus der HAPAG in der Arningstraße. Beim Einsturz einer Mauer werden mehrere Feuerwehrleute verschüttet, Oberbranddirektor Kipping erliegt im Hafenkrankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Ein weiteres Ereignis, das sich auf die Geschäfte des Handelshauses Markt & Co. auswirkt und das der nun vierzehnjährige Eduard sicher verfolgt, ist der große Streik von 16 000 Hafenarbeitern in den sehr kalten Wintermonaten von November 1896 bis Februar 1897. Der durch den Streik fast völlig stillgelegte Hafen wird im Januar 1897 zusätzlich durch Eis und niedrigen Wasserstand blockiert25.

Eduard erlebt auch die technischen Fortschritte in seiner Heimatstadt. 1890 betreibt die Große Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft zwar schon einige Dampfwagen, für etwa fünfhundert Bahnen und Busse werden aber weiterhin 3 600 Pferde benötigt. Eines der Pferdedepots, Schürbeck, befindet sich dort, wo heute der 1912 im Jugend- und Reformstil gebaute Hochbahnhof Mundsburg steht. Vier Jahre später wird die elektrische Ringbahn der Innenstadt eröffnet, deren Wagen mit den Rollenstromabnehmern des amerikanischen Ingenieurs