Eichhörnchen; das - Gudrun Neldner - E-Book

Eichhörnchen; das E-Book

Gudrun Neldner

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Beschreibung

In diesem ersten Band "übersetzt" die Autorin die mit Fachbegriffen gespickten Kriterien der Bundesärztekammer, beschäftigt sich mit der Kritik "Modediagnose" und anderen, "von keinerlei Sachkenntnis getrübten Ansichten", wettert gegen ein Schulsystem, "das Kinder mit einer ADHS und deren Eltern immer noch stigmatisiert" und bricht eine Lanze für die Stärken von Menschen mit ADHS. Als Mutter von drei Kindern, von denen mindestens zwei ADHS haben/hatten, ist sie in der Lage, auch über die Herausforderungen von Eltern zu sprechen, die Kinder mit einer ADHS haben, vor allem, wenn ein oder beide Elternteile wegen der genetischen Komponente selbst betroffen sind. Herausgekommen ist ein mutmachendes Buch, das humorvoll und mit einer gehörigen Portion Selbstironie die möglichen Auswirkungen auf Familie, Beziehung, Schule und Beruf schildert.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Meinem Sohn Felix, meiner Schwester Sigi und meiner Freundin Simone gewidmet. Trinkt, wo immer ihr auch seid, einen Kaffee auf uns.

INHALTSVERZEICHNIS

A

HA

D

IESE VERFLIXTEN

E

ICHHÖRNCHEN

!

Der Vollständigkeit und Form halber

W

AS

ADHS

NICHT IST

Modediagnose

Erfindung von Eisenberg

Erfindung der Pharmaindustrie

Ausrede

Krankheit

Folge schlechter Erziehung, zu wenig Sport, zu viel Medienkonsum

Völlig normal bei Kindern

Vorwand, um Drogen zu bekommen

Folge verminderter Intelligenz

Abhängig vom sozialen Status

„Kulturstörung“

W

AS

ADHS

IST

Kein gelungener Ausdruck für das, was sie wirklich ist.

Aufmerksamkeitsinkonsistenz

„Ist das normal?“ oder: „Ich bin nicht normal.“

ADHS ist, wenn man zum Beispiel …

Noch ‘n Spruch

Neurologische Störung

Zahlen

V

ON JETZT AN GEHT

S BERGAUF

!

Pustekuchen.

M

ERKMALE VON

ADHS

Die offiziellen Kriterien der Bundesärztekammer, frei übersetzt und interpretiert

Aufmerksamkeitsstörung.

Affektkontrolle

Impulsivität.

Prokrastination und Perseveration

Emotionale Überreagibilität.

Funktionseinschränkungen

S

O GING ES MIR MIT

ADHS –

GESAMMELTE

E

INFÄLLE

Lustig?

Hat Gott ADHS?

„Ich bin dann mal weg“ – Die Kunst des Hyperfokussierens

Für was tauge ich eigentlich noch? Die berufliche Arbeits- und Belastungserprobung

Das bisschen Haushalt

Das bisschen Büro

Weihnachten kommt immer so plötzlich

Ich wäre nicht zu bremsen– wenn ich mich nur aufraffen könnte!

Ablenkbarkeit

Endlich einmal beschränkt!

Einsachtzig tiefer gelegt oder: Selig die Armen im Geiste

Restless legs, PMS, Schmerzen und mehr

Liebe ADHS-Nur-Hausfrauen

Erschöpfung

Fremdgesteuert – Die Unfähigkeit, Reize zu filtern

Äquilibristik oder die Kunst des Gleichgewichthaltens

„Und wer fährt?“ – Ri-si-ko!

Mein Universum kollabiert

Fluch und Segen des Andersseins

V

ORTEILE VON

ADHS

Es geht auch anders.

Vom Guten des Schlechten

Jäger und Bauern

Stärken und Schwächen

Eine ganz andere Sicht auf ADHS – ADHS als Kompetenzmodell

Nutzen aus ADHS ziehen

Liste von Vorteilen einer ADHS

D

IE

W

IEGE DER

„G

LAUBENSSÄTZE

“ – D

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U

NTERMINIERUNG DES

S

ELBSTWERTGEFÜHLS

Die „Warum?“-Frage

„N

UR

“ ADHS

IST DOCH LANGWEILIG

- B

EGLEITERKRANKUNGEN

Depressionen

Süchte

Affektstörungen

Angststörungen

Persönlichkeitsstörungen

Somatoforme Störungen

Was hat sich geändert?

Ordnung halten

Länger an einer Sache bleiben

Medikamente

Therapie

Kalender

M

EIN

G

OTT

,

DAS DAUERT

!

N

ACHWORT

D

ANKE

Ü

BER DIE

A

UTORIN

ADHS-H

ILFEN

L

ITERATUREMPFEHLUNGEN

L

ITERATURVERZEICHNIS

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.

AHA.

In den Sommerferien (Hochsaison) sprach ich auf dem Campingplatz, auf den ich mich zurückgezogen hatte, um in Ruhe endlich das Buch fertigzustellen, mit einem anderen Camper. Ich erzählte ihm, dass ich ein Buch schriebe. Über was und wie ich darauf gekommen sei, wüsste er gerne. Seine Reaktion auf meine Antwort: »Wenn du mir das nicht gesagt hättest, ich hätte dir ADHS nicht angesehen!«

Na Klasse. Woran er denn erkennen könne, ob jemand ADHS habe? »Na ja, wenn einer eine halbe Stunde lang Löcher in die Luft guckt und dabei mit den Beinen zappelt.«

Aha. Zeit, dass das Buch rauskommt, dachte ich und legte eine Nachtschicht ein.

Iiich? Ich habe doch kein ADH – oh, guck mal, ein Eichhörnchen!

DIESE VERFLIXTEN EICHHÖRNCHEN!

Den Verfasser des Spruchs konnte ich im Internet nicht ausfindig machen, aber ich finde beide genial.

Er beschreibt zum Beispiel das große Blickfeld, in dem bei Menschen mit einer ADHS unerwartet Sachen auftauchen, die ihr Gehirn ablenken.

Ich kenne mich damit aus. Ich kenne mich sogar sehr gut damit aus. Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben, und deshalb habe ich es auch so geschrieben, dass du das Buch lesen kannst, wie du willst. Von vorne nach hinten, umgekehrt oder kreuz und quer, zumal ich mir beim Schreiben auch die ADHS-typische Sprunghaftigkeit geleistet habe.

Schreib mir, was dir an diesem Buch gut gefällt, was nicht und was ich noch verbessern könnte/sollte/müsste. Wenn du ein »neurotypischer« Mensch bist, also einer ohne ADHS, dann legst du dir dazu am besten gleich Papier und Stift hin.

Wenn du »neurountypisch« bist, also eine ADHS hast, leg dir bloß nicht Papier und Stift hin, sondern schreib mir, wenn du a) am PC sitzt und b) noch ungefähr weißt, was du mir schreiben wolltest.

Der Vollständigkeit und Form halber

Ich verwende nur wegen der kürzeren Schreibweise meistens den Ausdruck „ADHSler“ statt „Menschen mit einer ADHS“. Hin und wieder lese ich die Kritik, dass ich damit ADHS mit dem Menschen gleichsetze, statt ADHS als Eigenschaft zu formulieren. Ich bin mir dessen sehr bewusst. Außerdem verwende ich ihn sowohl für Frauen als auch für Männer. Meine Zweitgeborene und alle, die Wert auf gendergerechte Schreibweise legen, mögen bitte darüber hinwegsehen. Zum einen meine ich selbstverständlich damit auch Männer, zum anderen hätte diese Unterscheidung Konzentration erfordert und meinen Flow gestört Nichts desto trotz übe ich mich ab und an in der neuen Schreibweise.

Dieses Buch ist kein Fachbuch. Es gibt weitaus kompetentere Autoren. Mein Anliegen ist es – auch „subeuphorisch“1 - zu erzählen, wie sich ADHS im Allgemeinen auswirken kann und sich im Besonderen auf mich auswirkt und ausgewirkt hat. Literaturangaben findest du im Verzeichnis am Schluss.

An einigen Stellen werde ich (sehr (sehr)) ironisch, ohne es gesondert zu kennzeichnen; wenn du also empört reagierst, sagt der Text mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit das Gegenteil von dem, was ich meine.

Aus rechtlichen Gründen sind die Namen von Personen, die nicht namentlich erwähnt werden wollten, geändert; Ähnlichkeiten mit realen Personen und Gegebenheiten sind allerdings weder zufällig noch unbeabsichtigt.

An einigen Stellen habe ich QR-Codes eingefügt, die dich sofort zur Quelle führen (siehe insbesondere in den Literaturempfehlungen). Bei Einkauf über diese Links erhalte ich einen kleinen Obolus, der in die ADHS-Arbeit einfließt.

Ich habe das Buch radikal gekürzt, sonst wäre es eine Enzyklopädie geworden und nicht fertig . Die Fortsetzung ist in Arbeit; u.a. werde ich Therapieformen vorstellen, auf die Medikamente und deren Wirkung genauer eingehen, Forschungsergebnisse vorstellen und einiges mehr. Es erscheint im September 2019, ebenso wie eine Hörbuchausgabe. Das E-Book müsste es ab sofort im Handel geben.

Ich gebrauche hier im Buch die Bezeichnung ADHS. Es gibt noch andere Bezeichnungen wie ADS oder ADD oder Hyperkinetisches Syndrom.

Das „H“ in ADHS darin kann z. B. für hyperaktiv – Zappelphilipp –, oder hypoaktiv– Hans Guck-in-die-Luft – stehen.

Beiden gemeinsam ist die Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Es gibt auch noch die „Mischtypen“. Zu ihnen gehören die meisten Erwachsenen, unter anderem Herr Dr. Eckart von Hirschhausen (Hirschhausen, 2012) - und ich.

Wenn wir früher ADHS hatten, kriegten wir eine geknallt und waren wieder gesund!

1 Dem Ernst der Lage entsprechend unangemessen fröhlich – freie Interpretation des Begriffs; er stand so im Bericht des Arztes, der mich getestet hat.

WAS ADHS NICHT IST

Modediagnose

Das klingt so, als ob es heutzutage chic sei, eine ADHS zu haben und, als ob ADHS ein Phänomen der heutigen Zeit sei.

Ein Phänomen der heutigen Zeit ist sie keineswegs. Die „Diagnose“ ist sogar älter als der Struwwelpeter, der gerne als erste Erwähnung über ADHS hergenommen wird. Der Struwwelpeter erschien 1845.

Bereits 1775 beschrieb aber schon der deutsche Arzt Melchior Adam Weikard in einem eigenen Kapitel „Attentio Volubilis“ (Der Mangel an Aufmerksamkeit) Symptome, die heute zur Diagnose einer ADHS herangezogen werden.

„Weikard beschrieb die "unaufmerksame Person" als oberflächlich wahrnehmend und ungeduldig, und wenig sorgfältig. Es mangele ihr an der Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören. Meist könne sie sich nur an die Hälfte des Gehörten erinnern. Im Allgemeinen bestehe ihr Wissen aus "ein wenig von allem, aber nichts vom Ganzen". Typisch für den von Weikards beschriebenen unaufmerksamen Menschen sei im Weiteren eine ausgeprägte Motivation, Dinge anzugehen, dies aber nur mit mangelhaftem Durchhaltevermögen.“ (adhspedia.de, 2016)

Nach ihm kamen noch einige andere: 1798 Sir Alexander Crichton, der den eher „unaufmerksamen“, ablenkbaren Typ von ADHS und meines Erachtens auch Asperger beschrieb. Es folgte 1890 William James. Lt. ADHSpedia „Geschichte der ADHS“ (adhspedia.de, 2019) beobachtete er Menschen, die Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle zu haben schienen.

Im Jahr 1902 dann beschrieb George Frederick Still:

[…] Kinder, die Probleme mit der Daueraufmerksamkeit und außerdem Schwierigkeiten mit der Selbstregulation hatten, während ihre Intelligenz normal ausgeprägt war. Still beschrieb außerdem das Verhalten von Kindern, die erhebliche Schulprobleme und Schwierigkeiten beim Rechnen haben. Außerdem seien sie extrem erregbar und empfänglich für kleinste Provokationen, auch gegenüber Fremden.

Die heutigen Diagnosekriterien für eine ADHS orientieren sich an den Beobachtungen von Still.

Erfindung von Eisenberg

Leon Eisenberg ist nicht der „Erfinder“ von ADHS; dazu hat ihn ein Journalist gemacht. Eisenberg kritisierte 2009, dass bei der Diagnosestellung das Umfeld nicht genügend mit einbezogen werde und viele Ärzte zu schnell Medikamente verschreiben würden. Deshalb sei ADHS eine „fabrizierte Krankheit“. (adhspedia.de, 2018)

Wo er recht hatte, hatte er recht. Die psychosozialen Bedingungen spielen eine große Rolle für den Verlauf einer ADHS – sind aber nicht deren Ursachen –, und werden heute bei Diagnose und Therapie berücksichtigt.

Erfindung der Pharmaindustrie

Unbestreitbar machen Pharmakonzerne Kasse mit der Verschreibung von Ritalin. Aber das machen sie auch mit Ibuprofen, Digitalis, Insulin und anderen Medikamenten, die sie auf den Markt werfen. Aber ADHS gab es schon, bevor 1937 das erste Mal Medikamente (Benzedrin) eingesetzt wurden (adhspedia.de, 2019).

Ausrede

Nein. Es ist eine Erklärung. Benutzt ein Rollifahrer seine Gehbehinderung, um darauf hinzuweisen, dass er nicht gehen kann? Nein – das ist offensichtlich. Eine Alkohol- oder Zuckererkrankung ist nicht für jeden sichtbar, und sowohl „trockene“ Alkoholiker als auch Diabetiker müssen oft genug erklären, warum sie keinen Alkohol trinken wollen oder auf die Torte verzichten. Ich kann mir gut vorstellen, dass beiden Gruppen die das Erklären und Rechtfertigen nach einiger Zeit reicht. Aber sie haben den Vorteil, dass beide Erkrankungen in der Gesellschaft „anerkannt“ sind; sie werden in der Regel nicht bedrängt („Ach komm, ein Schlückchen/Stückchen wird schon nicht schaden.“).

Und was ist mit Menschen mit ADHS/Asperger? Es steht niemandem von uns auf der Stirn geschrieben, und bei Ignoranten nutzt es auch nichts, darauf hinzuweisen, weil viel zu wenige wissen, was es damit auf sich hat. Das führt dann zu solchen entmutigenden Aussagen wie:

„Wenn du ja dumm wärst, könnte ich verstehen, dass du das nicht schaffst/falsch gemacht hast, aber du bist nicht dumm!“ „Du könntest, wenn du wolltest, aber du willst nur nicht, bist stur, bockig und ärgerst mich also mit Absicht.“

Krankheit

Was ist überhaupt eine Krankheit? Auf der Seite des Bundesverbands der Allgemeinen Ortskrankenkassen (BV-AOK) habe ich folgenden, mich sehr zufriedenstellenden Artikel gefunden, in dem es heißt:

Die Sozialgerichte definieren Krankheit im Sinne der GKV als einen regelwidrigen Körper- oder Geisteszustand, der Behandlungsbedürftigkeit und/oder Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat. (Ortskrankenkassen, 2016)

ADHS ist ein „regelwidriger Körper- und Geisteszustand“, hat aber nicht zwangsläufig Behandlungsbedürftigkeit und/oder Arbeitsunfähigkeit zur Folge!

Ich kenne etliche Menschen mit einer ADHS, die sich ihren „regelwidrigen Geisteszustand“ hervorragend und erfolgreich zunutze machen. Vergleiche das Kapitel über die Stärken. Ihre ADHS ist weder behandlungsbedürftig, noch hat sie eine Arbeitsunfähigkeit zur Folge, im Gegenteil.

Bei mir war die ADHS wegen der begleitenden (durch sie verursachten?) Depression behandlungsbedürftig, führte zu Arbeitsunfähigkeit und sogar vorzeitiger Berentung. Mithilfe von Medikamenten und guter Therapie kann ein Mensch mit einer ADHS trotz des „regelwidrigen Körper- oder Geisteszustands“ wieder ein erfülltes – nicht „normales“! – Leben führen.

Folge schlechter Erziehung, zu wenig Sport, zu viel Medienkonsum

Dann dürfte ich gar keine ADHS haben:

Zu viel Medienkonsum? Samstags fernsehen mit den Eltern, ansonsten nur bei ganz besonderen Ereignissen wie der Mondlandung halte ich nicht für zu viel Medienkonsum.

Zu wenig Sport? Mitnichten! Trotz eines Herzfehlers, der erst 1992 entdeckt wurde, habe ich Sport gemacht. Weil ich kollabierte, wenn die Anstrengung zu lange dauerte, habe ich nicht ein einziges Mal an Bundesjugendspielen teilnehmen müssen. Ballsportarten, die kurze Sprints erfordern, Radfahren, Geräte- oder Bodenturnen, Klettern und dergleichen konnte ich sehr gut, und ich hatte den – aus heutiger Sicht – Luxus, in einer Umwelt aufzuwachsen, in der es Kühe, Stacheldraht- und elektrische Zäune gab, in der es brachliegende Flächen und den richtigen Boden gab zum Höhlenbauen, Bäche noch nicht „gesichert“ waren und es Bäume gab mit genügend Baumaterial in der Nähe.

Insgesamt „schlechte Erziehung?“ Meine Mutter hieß mit zweitem Vornamen „Struktur“, mein Vater „Konsequenz“, die besten Voraussetzungen für ein Kind mit einer ADHS.

Damit bin ich der beste und Gott sei Dank noch lebende Beweis, dass die Behauptung Bullshit ist, ADHS sei nur eine Folge „schlechter“ Erziehung.

Bei denjenigen, die keinen blassen Schimmer von ADHS haben, bleibe ich noch einigermaßen geduldig. Das einzige, was ich den angeblichen ADHS-Fachleuten (Hüther, Wenke, Precht u.a.) zugutehalte, sind ihre Ansätze zur Veränderung von Gesellschaft, Erziehung und Schule – nicht aber, dass es in ihren Augen viel seltener ADHS gibt, als in der Realität.

Völlig normal bei Kindern

Jipp. So lange das Kind mit Aufmerksamkeit und Ausdauer an seine Hausaufgaben gehen kann, meistens zuhört, solange das Kind nicht darunter leidet, dass es ausgegrenzt wird, weil es überall aneckt, weil es in der Schule seinen Möglichkeiten hinterherhinkt, weil es depressiv wird, sind Toben und Zappeln normales und erwünschtes Verhalten.

Vorwand, um Drogen zu bekommen

Es gibt Leute, die sich Methylphenidathydrochlorid (MPH) „reinpfeifen“, um länger durchmachen zu können, zum Beispiel vor Klausuren. Bei Menschen mit einer ADHS wirken die ADHS-Medikamente ganz anders. Wenn sie richtig eingestellt sind, machen ADHS-Medikamente weder apathisch, noch verändern sie die Persönlichkeit, und sie machen vor allen Dingen nicht süchtig. Wenn jemand nach der Einnahme von MPH „wie ruhiggestellt“ oder „wie ein Zombie“ wirkt, sollten so oft wie nötig Wirkstoff und Dosis überprüft werden.

Zu den „Drogen“ gehören die Urteile über ADHS-Medikamente:

Sie machen abhängig.

Das sind doch Drogen.

Damit sollen Kinder doch nur ruhiggestellt werden, weil die Eltern zu faul sind.

Sie verändern die Persönlichkeit und machen aus Kindern Zombies.

Kein Medikament ist per se schlecht. Die Dosierung macht’s. Mich haben die Medikamente nicht abhängig gemacht, die Persönlichkeit haben sie auch nicht geändert – sehr zum Leidwesen meines Mannes, der sich ganz feste wünschte, ich würde eine Haus-Frau werden – und die einzige Nebenwirkung ist nach dem Wechsel auf ein Medikament mit anderer Wirkstofffreisetzung verduftet.

Folge verminderter Intelligenz

Mir sagte einmal eine Kollegin: „Du hast Abitur gemacht, du hast studiert, du hast drei Kinder bekommen – du kannst kein ADHS haben.“

Im Umkehrschluss heißt das also, dass nur Menschen ohne Kinder, Studium und Abitur ADHS haben können?

Drastischer ausgedrückt: Nur Dümmere haben ADHS? Dazu fällt mir nichts mehr ein.

Abhängig vom sozialen Status

In allen gesellschaftlichen Schichten gibt es Menschen mit einer ADHS. Punkt.

„Kulturstörung“

Das zumindest behauptet Prof. Dr. Christoph Türcke (Türcke, 2012). Der Titel lässt vermuten, dass er ADHS für eine Erscheinung des 21. Jahrhunderts hält. Aber: Störung welcher Kultur? Machen wir uns nichts vor: es stimmt, dass sich die Welt zwischen 1960 und 2019 verändert hat. Selbst „auf dem Land“ sind die natürlichen „Spielplätze“ nicht mehr, was sie mal waren, selbst auf dem Land gibt es Helikoptereltern oder Glucken. Vorbei die Zeiten, in denen man sich auf Baustellen schleichen konnte, Höhlen in lehmigen Boden oder Baumhäuser bauen, über Stacheldrahtzäune und Kuhweiden hechten konnte. Der natürliche Lebensraum des Menschen, insbesondere der Kinder, ist radikal geschrumpft. Nur: 1960 und viel früher, also in anderen Kulturzeiten, gab es auch ADHS. Der Medienkonsum, die stetige Reizüberflutung rufen auch bei Menschen ohne ADHS Symptome hervor, die einer ADHS ähneln. Umso gravierender sind die Auswirkungen auf ADHSler.

WAS ADHS IST

Kein gelungener Ausdruck für das, was sie wirklich ist.

Mich stört der Begriff „Defizit“ in „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“, aber bevor sich bei diversen Ärztekammern und den daran hängenden Rattenschwänzen etwas ändert, gibt es intelligentes Leben auf dem Mond. Der Ausdruck ist schlichtweg falsch. Denn Menschen mit einer ADHS leiden nicht an einem Aufmerksamkeitsdefizit. Au contraire, im Gegenteil: Sie sind zu aufmerksam im Sinne von: sie bekommen im Vergleich zu anderen viel zu viel mit und wirken daher häufig zerstreut.

Konrad Zuse2 wird folgende Aussage zugeschrieben: „Ich bin nicht zerstreut. Es handelt sich lediglich um eine diffundierende (von lat. diffundere: durchdringen, vermischen, zerstreuen) Aufmerksamkeit“ - was aufs Gleiche hinausläuft, aber vornehmer klingt und Humor beweist.

Ich habe das Zitat natürlich abgeschrieben und vergessen, wo es steht, und selbst stundenlanges Recherchieren brachte die Quelle nicht zurück. Auch eine Nachfrage bei der Konrad-Zuse-Gesellschaft blieb erfolglos:

Hallo Frau Neldner, das Zitat hört sich sehr gut an. Leider kann ich Ihnen nicht weiterhelfen bei Ihrer Frage, ob es sich um ein Zitat von Konrad Zuse handelt. […] Viel Erfolg wünsche ich Ihnen bei der Recherche. Das Ergebnis würde mich auch mal interessieren, würde mich über eine kurze Mail freuen. Mit freundlichen Grüßen aus Hünfeld …

Wusstet Ihr, dass es Museologen gibt? Ich bis zu dieser Mail auch nicht.

Das war wie mit Telefonnummern. Die schrieb ich auf, ohne hinterher noch zu wissen, wem die Nummer gehörte. Häufig wird schon von „Aufmerksamkeitsinkonsistenz“ gesprochen, und das trifft es viel eher:

Aufmerksamkeitsinkonsistenz

Aufmerksamkeitsunbeständigkeit oder zusammenhanglose Aufmerksamkeit, aber kein Defizit!

Außerdem impliziert das Wort „Störung“ Krankheit. Auch, wenn mich manche wohlmeinenden Menschen just seit der Diagnose so behandeln, als ob ich krankheitsbedingt „geschont“ werden müsse: „Halse dir nicht so viel auf, mach lieber einfache Dinge, aber die richtig“ – ich bin nicht krank, sondern funktioniere neurologisch anders als andere. Oft genug besser. Oft genug auch schlechter.

Vielleicht wird ja aus „ADHS“ eines Tages deutsch „AI“ (Aufmerksamkeitsinkonsistenz), wenn es diese Abkürzung auch schon gibt. Meine „AI“ ist nicht zu verwechseln mit der künstlichen Intelligenz. Eine Definition besagt, dass einem Computer die rechte Gehirnhälfte fehle, die beim Menschen für Kreativität, Intuition und instinktmäßiges richtiges Handeln zuständig sei. (Antoni, http://www.o-bizz.de, 2004)

Menschen mit einer ADHS zeichnen sich ja gerade unter anderem durch diese Fähigkeiten aus.

„Ist das normal?“ oder: „Ich bin nicht normal.“

Inzwischen haben wir drei Selbsthilfegruppen hier in Osthessen, einem weiteren weißen Fleck auf der bundesweiten Landkarte der Versorgungsmöglichkeiten von Menschen mit einer ADHS.

Vor ihrem ersten Besuch der Gruppe werde ich oft angerufen von Menschen, die einen ähnlichen Leidensweg wie so viele hinter sich haben. Dabei tauchen immer wieder die „Ist das normal?“-Fragen auf.

Beispiel:

„Ich bin nicht normal. Ich schaffe es einfach nicht, Prioritäten zu setzen. Ist das normal (für Menschen mit einer ADHS, Anm. d. Verf.)?“

„Ich fange dauernd Sachen an, die ich dann nicht zu Ende bringe. Ist das normal? Andere schaffen das doch, wieso ich nicht? Ich glaub, ich bin nicht normal.“

„Ich fange gleichzeitig mehrere Sachen an. Ist das normal?“

„Suchen ist das allerschlimmste für mich. Ich muss dauernd suchen. Schlüssel, Geldbeutel, Schuhe. Ist das normal?“

„Ich lasse niemanden mehr in die Wohnung rein, weil ich mich schäme. Ich weiß einfach nicht, wo ich mit dem Aufräumen anfangen soll. Ist das normal?“

„Ich kann überhaupt nicht an einer Sache dranbleiben. Ach, außer, wenn mich etwas wahnsinnig interessiert. Ist das normal?“

„Ich mache immer alles auf den letzten Drücker, manchmal schaffe ich aber selbst das nicht. Ist das normal?“

„Wenn ich Spiele auf dem Handy oder am PC mache oder mich mit Leuten unterhalte, merke ich oft gar nicht, wie die Zeit vergeht, und dann ist der Tag vorbei. Ist das normal?“

Jipp. Für ADHS ist das „normal“. Die Erleichterung darüber bricht sich manchmal schon am Telefon Bahn. „Oh Gott, ich dachte bis jetzt immer, ich sei die einzige, der es so geht!“.

Ich freue mich, wenn wieder jemand zu uns findet und das Glück erlebt, nicht allein mit seiner ADHS zu sein; gleichzeitig bin ich manchmal unbeschreiblich wütend über die arrogante Haltung mancher Medizinmänner, die ADHS bei Erwachsenen mit den allzu üblichen Sprüchen abtun, verpackt in vermeintlich schlauen Medizinerjargon.

Allein diese Fragen nach dem „Ist das normal?“ zeugen von Selbstunsicherheit, von Zweifeln, von verzweifelter Suche nach Lösungen, nach Hilfe, nach „Normalität“ im meist gebrauchten Sinn. ADHS ist manchmal wirklich nicht lustig.

ADHS ist, wenn man zum Beispiel …

seinen Geldbeutel oder den Glasreiniger im Kühlschrank wiederfindet;

schon während der Schulzeit mit allem außer der Schule beschäftigt war;

AVS für langweilige Routineaufgaben entwickelt (Arbeitsvermeidungsstrategien);

bei faszinierenden Aufgaben oder enormem Außendruck 72 Stunden ohne Pause schuften kann wie ein Maultier;

beim Fernsehen oder Lesen allerhöchstens ein Brummen herausbekommt, wenn man angesprochen wird, weil man gerade mitten im Fernseher oder im Buch, also im Hyperfokus „steckt“;

sich oft zu verspäten droht, weil einem ständig etwas dazwischenkommt, das unbedingt noch vorher erledigt werden will oder gar muss;

sich für etwas Neues begeistert und es, sobald es den Reiz des Neuen verloren hat, wieder aufgibt (also spätestens nach zwei Wochen);

sich während der Hausarbeit begeistert auf jedes rappelnde Telefon stürzt oder die klingelnde Nachbarin („nur ganz kurz, weil, ich habe keine Zeit, mir ist der Fingernagel abgebrochen, ich muss zu Nadine“);

überproportional viele Schutzengel im Dreischicht-System verschleißt;

gerne viel, viel Kaffee trinkt;

vor dem Schreiben mal eben eine rauchen möchte, die Zigaretten sucht …

Dabei finde ich den lange vermissten Essigreiniger.

Mit dem Essigreiniger gehe ich in die Küche, um den Edelstahlhundefressnapf zu entkalken, den ich mangels ästhetischerer Gegenstände als Luftbefeuchter eingesetzt habe.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Plastikverpackungen auf der Theke liegen und entscheide mich, die „später“ wegzuräumen und mich stattdessen wieder an den Computer zu setzen.

Am Computer angekommen, stelle ich fest, dass ich meinen obligatorischen Kaffee samt Tasse in der Küche stehengelassen habe. Also tappe ich wieder in die Küche, um die Tasse zu holen. Schon wieder sehe ich den Verpackungsmüll und beschließe dieses Mal, ihn sofort wegzuräumen.

Der Müll liegt natürlich auf der Theke, weil der Wertstoffsammelbehälter unter der Spüle voll ist. Also suche ich einen gelben Sack und finde nach 30 Minuten eine ganze Rolle – in einem meiner Aktenkoffer in der Abstellkammer.

Um den Koffer zu öffnen, brauche ich beide Hände, stelle also die Kaffeetasse auf einem Regal ab und lasse sie vorsichtshalber nicht aus den Augen.