Ein blendender Spion - John le Carré - E-Book

Ein blendender Spion E-Book

John Le Carré

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Beschreibung

Alle Romane von John le Carré jetzt als E-Book! - Magnus Pym, Angehöriger der britischen Botschaft in Wien und dort für Geheimaufträge zuständig, ist spurlos verschwunden. Seine Frau, sein Vorgesetzter und die Londoner Geheimdienststellen werden zunehmend unruhig. Und auch andernorts beginnt man, sich Sorgen zu machen.

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Das Buch

Ein verschwundener Spion, der versucht, das Leben seines Vaters zu rekonstruieren. Der sich unter falschem Namen in England niederläßt. Der zum Doppelagenten wird. Und ein Geheimdienst, der alles unternimmt, um dem vermißten Agenten auf die Spur zu kommen und Geheimnisverrat zu verhindern – in Ein blendender Spion geht John le Carré weit über das Genre des Spionageromans hinaus und entwirft mit dieser Geschichte um den britischen Geheimagenten Magnus Pym die vielgelobte Psychologie eines Verräters: »Liebe ist, was man noch verraten kann … Verrat üben kann man nur, wenn man liebt.«

Gleichzeitig hat sich John le Carré darin mit der eigenen außergewöhnlichen Kindheit und der schillernden Figur seines Vaters auseinandergesetzt. Für Ein blendender Spion, bekennt der Autor im Vorwort zu dieser Ausgabe, habe er »Blut und Wasser geschwitzt«. Es wurde sein persönlichstes Buch, das ihm »aus diesem Grund letztlich am meisten bedeutet«.

Der Autor

John le Carré, am 19. Oktober 1931 in Poole, Dorset, geboren, war nach seinem Studium in Bern und Oxford in den sechziger Jahren in diplomatischen Diensten u. a. in Bonn und Hamburg tätig. Sein Roman Der Spion, der aus der Kälte kam machte ihn 1963 weltbekannt. Zahlreiche seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Der Autor lebt mit seiner Frau in Cornwall.

Von John le Carré sind in unserem Hause bereits erschienen:

Absolute Freunde · Agent in eigener Sache · Dame, König, As, Spion · Das Rußlandhaus · Der ewige Gärtner · Der heimliche Gefährte · Der Nachtmanager · Der Spion, der aus der Kälte kam · Der Schneider von Panama · Der wachsame Träumer · Die Libelle · Ein blendender Spion · Ein guter Soldat · Ein Mord erster Klasse · Eine Art Held · Eine kleine Stadt in Deutschland · Empfindliche Wahrheit · Geheime Melodie · Krieg im Spiegel · Marionetten · Schatten von gestern · Single & Single · Unser Spiel · Verräter wie wir

John le Carré

Ein blendender Spion

Roman

Aus dem Englischenvon Rolf und Hedda Soellner

List Taschenbuch

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www.ullstein-buchverlage.de

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ISBN 978-3-8437-0856-2

1. Auflage Dezember 2003

2. Auflage 2004

© 2004 für die deutsche Ausgabe by Ullstein Buchverlage GmbH, München

© 2003 für die deutsche Ausgabe by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG

© 2002 für die deutsche Ausgabe by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München

© 1986 by Authors Workshop

Titel der englischen Originalausgabe: A Perfect Spy

(Hodder and Stoughton, London)

Übersetzung: Rolf und Hedda Soellner

mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Köln

Umschlaggestaltung: Sabine Wimmer, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

E-Book: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Für R.,den Weggefährten, der mir seinenHund und ein paar Happenaus seinem Leben überließ.

Ein Mann mit zwei Frauen verliert seineSeele. Aber ein Mann mit zwei Häusern

Der Eigenname »Poppy«, der in diesem Buch eine wichtige Rolle spielt, bezeichnet im Englischen auch die Mohnblume. Der »Poppy Day« ist der Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918, zu dessen Andenken eine künstliche rote Mohnblume (Flanders poppy) im Knopfloch getragen wird.

Die Übersetzer

Der Dank des Autors für sachkundigen Rat gilt Al Alvarez, der das Manuskript im Vorbereitungsstadium zweimal durchlas; Susan Dawson, Philip Durban und Moritz Macazek für ihre Hilfe bei Fachrecherchen; Peter Braestrup und seinen Mitarbeitern beim Wilson Quarterly

1

In einer Küstenstadt in Süd-Devon, die von ihren Bewohnern aufgegeben schien, entstieg am frühen Morgen eines stürmischen Oktobertags Magnus Pym dem bejahrten Taxi, bezahlte den Fahrer, wartete, bis der Wagen wieder abgefahren war, und überquerte den Kirchplatz. Sein Ziel war eine schlecht beleuchtete Zeile viktorianischer Pensionen mit Namen wie Bel-a-Vista, The Commodore und Eureka. Er war kräftig von Gestalt, aber vornehm, der typische Repräsentant von irgend etwas. Sein Schritt war zügig, der Oberkörper leicht vorgeneigt in der besten Tradition angelsächsischer Staatsdiener. In eben dieser Haltung, statisch oder in Bewegung, haben Engländer über fernen Kolonien Flaggen gehißt, die Quellen großer Ströme entdeckt, auf der Kommandobrücke sinkender Schiffe gestanden. Er war seit sechzehn Stunden auf die eine oder andere Weise unterwegs, trug aber weder Mantel noch Hut. In der einen Hand hielt er eine dicke schwarze Aktentasche amtlichen Aussehens, in der anderen eine grüne Tüte von Harrods. Ein kräftiger Seewind klatschte gegen seinen Stadtanzug, Salzregen brannte ihm in den Augen, Gischtbälle trudelten ihm über den Weg. Pym nahm das alles nicht zur Kenntnis. Unter dem Vordach eines Hauses mit dem Schild »Alles besetzt« drückte er auf den Klingelknopf und wartete, zuerst, daß außen das Licht angehen, dann, daß drinnen die Kette ausgehakt werde. Während er wartete, fing eine Kirchenuhr an fünf zu schlagen. Als folgte er ihrem Ruf, drehte Pym sich auf dem Absatz um und musterte nochmals den Platz. Den plumpen Turm der Baptistenkirche, der vor den jagenden Wolken posierte. Die windgepeitschten Araukarien, den Stolz der Ziergärten. Den leeren Musikpavillon. Das Bushäuschen. Die dunklen Öffnungen der Seitenstraßen. Die Haustüren, eine nach der anderen.

»Ach, Mr. Canterbury, Sie sind’s!« schalt die Stimme einer alten Dame, als die Tür hinter ihm aufging. »Sie Schlimmer, wieder mit dem Nachtzug gefahren, das sieht man. Warum haben Sie denn nicht angerufen?«

»Hallo, Miss Dubber«, sagte Pym. »Wie geht’s?«

»Fragen Sie nicht, wie’s mir geht, Mr. Canterbury. Kommen Sie schnell rein. Sie holen sich den Tod.«

Aber der häßliche zugige Kirchplatz hatte es Pym offenbar angetan. »Ich dachte, Haus Sea View stehe zum Verkauf, Miss D.«, bemerkte er, während sie versuchte, ihn ins Haus zu zerren. »Sie sagten, Mr. Cook sei weggezogen, als seine Frau starb. Wollte keinen Fuß mehr in das Haus setzen, sagten Sie.«

»Natürlich nicht. War ihm verleidet. Kommen Sie sofort rein, Mr. Canterbury, und trocknen Sie sich die Füße, bis ich Ihnen Tee mache.«

»Wieso brennt dann Licht oben in seinem Schlafzimmer?« fragte Pym, während er sich von ihr die Treppe hinaufziehen ließ.

Miss Dubber war klein, wie viele Tyrannen. Sie war auch alt und morsch und schief, der Rücken so gebeugt, daß ihr Morgenrock Falten warf und alles rings um sie ebenfalls schief wirkte. »Mr. Cook hat das obere Stockwerk vermietet, Celia Venn hat sich zum Malen einlogiert. Das sieht Ihnen wieder mal ähnlich.« Sie schob einen Riegel vor. »Drei Monate lang verschwunden, mitten in der Nacht wieder auftauchen und wissen wollen, warum irgendwo Licht brennt.« Zweiter Riegel. »Sie werden sich nie ändern, Mr. Canterbury. Ich weiß gar nicht, warum ich mich aufrege.«

»Und wer ist diese Celia Venn?«

»Die Tochter von Doktor Venn, Sie Dummer. Will das Meer sehen und es malen.« Ihre Stimme veränderte sich abrupt. »Aber, Mr. Canterbury, was soll das? Nehmen Sie das Ding augenblicklich ab.«

Als der letzte Riegel vorgeschoben war, hatte Miß Dubber sich nach bestem Vermögen gereckt und bereitete sich auf eine zögernde Umarmung vor. Aber statt die übliche grimmige Miene zu zeigen, die kein Mensch auch nur eine Sekunde lang ernst nahm, war ihr winziges Gesicht angstverzerrt.

»Die gräßliche schwarze Krawatte, Mr. Canterbury. Ich lasse mir nicht den Tod ins Haus tragen, auch nicht von Ihnen. Für wen ist sie?«

Pym war ein gutaussehender Mann, jungenhaft aber distinguiert. Anfang Fünfzig, also im besten Alter, voll Eifer und Eile bei einer Sache, die niemand kannte. Aber das Beste an ihm war in Miss Dubbers Augen sein reizendes Lächeln, das so viel Wärme und Wahrheit ausstrahlte und ihr wohltat.

»Nur ein alter Kollege aus Whitehall, Miss D. Kein herber Verlust. Kein Nahestehender.«

»In meinem Alter ist jeder nahestehend, Mr. Canterbury. Wie heißt er?«

»Hab ihn kaum gekannt«, sagte Pym entschieden, band die Krawatte ab und steckte sie ein. »Und auf keinen Fall sag ich Ihnen, wie er heißt, Sie würden dann doch nur die Todesanzeigen durchfilzen, basta.« Während er das sagte, ruhte sein Blick auf dem Gästebuch, das offen auf dem Dielentisch lag, unter dem orangefarbenen Nachtlicht, das er ihr bei seinem letzten Aufenthalt an die Decke montiert hatte. »Irgendwelche Laufkunden, Miß D.?« fragte er, während er die Liste inspizierte. »Durchgebrannte Paare, geheimnisvolle Prinzessinnen? Was ist mit diesen zwei Lover-Boys, die zu Ostern da waren?«

»Das waren keine Lover-Boys«, berichtigte Miss Dubber ihn streng, als sie zur Küche humpelte. »Sie hatten Einzelzimmer, und abends haben sie die Fußballspiele im Fernsehen angeschaut. Was haben Sie gesagt, Mr. Canterbury?«

Aber Pym hatte nichts gesagt. Manchmal glichen seine Ausbrüche von Gesprächigkeit Telefonanrufen, die von einer inneren Zensurstelle jäh unterbrochen wurden. Er blätterte eine Seite zurück, dann noch eine.

»Ich glaube, ich nehme überhaupt keine Laufkunden mehr«, sagte Miss Dubber durch die offene Küchentür, während sie das Gas anzündete. »Manchmal, wenn es klingelt, sitze ich mit Toby hier und sage: ›Mach du auf, Toby.‹ Tut er natürlich nicht, ein Schildpattkater kann nicht die Tür aufmachen. Also bleiben wir einfach sitzen und warten und hören die Schritte wieder weggehen.« Sie warf ihm einen listigen Blick zu. »Du findest unseren Mister Canterbury auch nicht gerade geknickt, was, Toby?« fragte sie den Kater verschmitzt. »Wir sind sehr heiter heute morgen. Wir strahlen. Zehn Jahre jünger, so, wie unser Fell glänzt, ist er, unser Mr. Canterbury.« Da sie von dem Kater keine hilfreiche Antwort bekam, wandte sie sich an den Kanarienvogel: »Nicht, daß er es uns je sagen würde, wie, Dickie? Wir würden es als Letzte erfahren. Ts, ts, ts.«

»John und Sylvia Unlesbar aus Wimbledon«, sagte Pym, der noch immer das Gästebuch studierte.

»John macht Computer, Sylvia programmiert sie, und morgen reisen die beiden ab«, erklärte sie ihm mürrisch. Denn Miss Dubber räumte nur höchst ungern ein, daß es noch andere Menschen in ihrer Welt gab außer ihrem lieben Mr. Canterbury. »Was soll denn das wieder?« rief sie ärgerlich. »Ich will ihn nicht haben, nehmen Sie ihn zurück.«

Aber Miss Dubber war nicht ärgerlich, sie wollte ihn haben und Pym nahm ihn nicht zurück: einen dick gestrickten Kaschmirschal in weiß und gold, immer noch im Harrods-Karton und im echten Harrods-Seidenpapier, was sie beides fast noch mehr zu schätzen schien als den Inhalt. Denn nachdem sie den Schal ausgewickelt hatte, glättete sie das Papier und faltete es entlang den Kniffen, ehe sie es wieder in den Karton legte und den Karton in das Fach im Küchenschrank stellte, wo sie ihre größten Schätze aufbewahrte. Erst dann durfte er ihr den Schal um die Schultern legen und sie darin umarmen, während sie ihn wegen der Verschwendung auszankte.

Pym trank Miss Dubbers Tee. Pym besänftigte sie, Pym aß ein Stück selbstgebackenen Kuchen und lobte ihn in den Himmel, obwohl sie behauptete, er sei angebrannt. Pym versprach, ihr den Ablauf im Spülbecken zu dichten und das Ablußrohr zu reinigen und sich, wenn er schon mal dabei sei, den Wasserkasten im ersten Stock anzusehen. Pym war zu allem bereit und in allem gefällig, und die Heiterkeit, auf die sie boshaft angespielt hatte, wich nicht von ihm. Er nahm Toby auf die Knie und steichelte ihn, was er noch nie getan hatte und was Toby keine merklichen Wonnen bereitete. Er hörte sich die neuesten Berichte über Miss Dubbers uralte Tante Al an, obwohl er sich normalerweise bei der bloßen Erwähnung von Tante Al schleunigst ins Bett verzog. Er fragte sie wie immer, was sich seit seinem letzen Aufenthalt im Städtchen getan habe, und lauschte verständnisvoll dem Katalog von Miss Dubbers Klagen. Und während er zu ihren Ausführungen zustimmend nickte, lächelte er des öfteren ohne ersichtlichen Grund in sich hinein oder wurde schläfrig und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Bis er plötzlich die Teetasse absetzte und aufsprang, als müsse er den nächsten Zug erreichen.

»Ich bleibe diesmal ein bißchen länger, wenn’s Ihnen recht ist, Miss D. Ich muß eine größere Sache schreiben.«

»Das sagen Sie immer. Letztesmal wollten Sie ewig und drei Tage bleiben. Und dann geht’s in aller Frühe los und zurück nach Whitehall, ohne Ihr Ei.«

»Vielleicht sogar zwei Wochen. Ich hab Urlaub genommen, damit ich in Ruhe arbeiten kann.«

Miss Dubber tat entsetzt. »Aber wer sorgt dann für Englands Sicherheit? Was soll aus Toby und mir werden, ohne einen Mr. Canterbury, der das Schiff steuert?«

»Und was sind Miss D.s Pläne?« fragte er schmeichelnd und griff nach seiner Aktenmappe, die, nach dem Kraftaufwand zu schließen, mit dem er sie hochhob, so schwer sein mußte wie ein Bleiklotz.

»Pläne?« echote Miss Dubber und lächelte in ihrer Verwirrung ganz entzückend. »In meinen Alter macht man keine Pläne mehr, Mr. Canterbury. Das überlasse ich Gott. Der macht sie besser als ich, wie, Toby? Zuverlässiger.«

»Was ist mit dieser Kreuzfahrt, von der Sie dauernd reden? Zeit, daß Sie sich mal was Besonderes gönnen.«

»Seien Sie nicht albern. Das war einmal. Ich hab die Lust verloren.«

»Ich zahle nach wie vor.«

»Das weiß ich, zum Kuckuck.«

»Ich rufe für Sie an, wenn Sie wollen. Wir gehen zusammen zum Reisebüro. Ich habe sogar schon etwas für Sie gefunden. Die Orient Explorer sticht in genau einer Woche von Southampton aus in See. Eine Buchung ist annulliert worden. Ich habe mich erkundigt.«

»Wollen Sie mich vielleicht loswerden, Mr. Canterbury?«

Pym lachte eine ganze Weile. »Gott und ich gemeinsam könnten Sie nicht von der Stelle kriegen, Miss D.«, sagte er.

Von der Diele sah Miss Dubber ihm bewundernd nach, wie er trotz der schweren Aktentasche mit jugendlichem Schwung die enge Treppe hinaufstieg. Er geht zu einer Konferenz auf sehr hoher Ebene. Und einer hochwichtigen. Sie hörte ihn leichtfüßig den Korridor entlanggehen bis zu Nummer acht, mit Blick auf den Platz, das Zimmer, das sie in ihrem langen Leben am längsten vermietet hatte. Der Todesfall ist ihm nicht nahgegangen, entschied sie erleichtert, hörte ihn die Tür aufsperren und leise wieder schließen. Nur ein alter Kollege aus dem Ministerium, kein Nahestehender. Sie wollte nicht, daß ihn etwas behelligte. Er sollte derselbe perfekte Gentleman bleiben, der vor Jahren auf ihrer Schwelle erschienen war und eine, wie er sich ausdrückte, Freistatt ohne Telefon suchte, und der ihr seitdem das Zimmer alle sechs Monate im Voraus bezahlte, bar auf die Hand, keine Quittungen. Und ihr an einem einzigen Nachmittag als Geburtstagsüberraschung das Steinmäuerchen neben dem Gartenweg bauen ließ, dem Maurer und dem Ziegelleger die Hölle heiß machte. Und nach dem Unwetter im März eigenhändig die Dachplatten wieder auflegte. Und ihr Blumen und Obst und Süßigkeiten und Souvenirs aus aller Herren Länder schickte, ohne genau zu erklären, was er dort zu schaffen hatte. Und ihr mit dem Frühstück half, wenn zuviele Laufkunden im Haus waren, und sich von ihrem Neffen erzählen ließ, der voller Pläne steckte, wie er zu Geld kommen könnte, es aber nie schaffte: der letzte Plan war eine Bingo-Halle in Exeter, sobald er das Kapital zum Ausgleich seines überzogenen Kontos aufgetrieben hätte. Und der weder Post noch Besucher bekam und kein Instrument spielte, nur ausländische Sender im Radio, und nie das Telefon in der Küche benutzte, außer für Bestellungen in der Stadt. Und ihr nie etwas über sich selber erzählte, außer daß er in London wohne und in Whitehall arbeite, aber viel auf Reisen sei, und daß er Canterbury heiße wie die Stadt. Kinder, Ehefrauen, Eltern, Freundinnen – keine Menschenseele hatte er je sein Eigen genannt, nur seine einzige Miss D.

»Er könnte inzwischen geadelt worden sein, nach allem, was wir wissen«, erklärte sie Toby laut, während sie den Schal an die Nase hielt und den wolligen Geruch einsog. »Er könnte Premierminister sein, und wir würden es nur durch das Fernsehen erfahren.«

Sehr schwach hörte Miss Dubber durch das Rattern des Winds eine singende Stimme. Eine Männerstimme, nicht schön, aber angenehm. Zuerst glaubte sie, es sei »Greensleeves« und komme aus dem Garten, dann, es sei »Jerusalem« vom Platz her, und sie war schon halbwegs am Fenster, um hinauszuzetern. Erst dann wurde ihr klar, daß es Mr. Canterbury von oben war, und darüber war sie so erstaunt, daß sie in der Tür, die sie schon geöffnet hatte, um ihn zu schelten, stehenblieb und lauschte. Der Gesang hörte von selber auf. Miss Dubber lächelte. Jetzt lauscht er auf mich, dachte sie. Typisch für meinen Mr. Canterbury.

***

Drei Stunden vorher stand Mary Pym, Ehefrau von Magnus, an ihrem Schlafzimmerfenster in Wien und starrte auf eine Welt hinaus, die im Gegensatz zu jener, die ihr Mann gewählt hatte, ein Wunder an Beschaulichkeit war. Sie hatte weder die Vorhänge zugezogen noch Licht gemacht. Sie war so gekleidet, daß jeder kommen konnte, wie ihre Mutter gesagt hätte, und sie stand seit einer Stunde in ihrem blauen Twinset am Fenster und wartete auf den Wagen, wartete auf die Türklingel, wartete auf das leise Drehen von Magnus’ Schlüssel im Türschloß. Und jetzt, dachte sie, ist es zum unfairen Wettlauf zwischen ihm und Jack Brotherhood geworden, welcher von beiden als erster zu mir kommt. Früher Herbstschnee bedeckte noch den Hügelkamm, der Vollmond zog darüber hin und warf schwarze und weiße Streifen ins Zimmer. In den eleganten Villen zu beiden Seiten der Allee erloschen eines nach dem anderen die Lagerfeuer diplomatischer Gastlichkeit. Bei Frau Minister Meierhof fand anläßlich der Truppenreduzierungsgespräche ein Ball mit einer Vier-Mann-Kapelle statt. Mary hätte hingehen sollen. Die van Leymans hatten ein Buffet-Dinner für alte Prager gegeben, beide Geschlechter willkommen und ganz zwanglos. Sie hätte hingehen sollen, beide hätten sie hingehen und anschließend die Unentwegten zu einem Whisky-Soda abschleppen sollen, Wodka für Magnus. Und Platten auflegen und tanzen sollen, bis jetzt oder noch länger – die hinreißenden Pyms vom CD – wie bei ihren berühmten Einladungen in Washington, als Magnus Stellvertretender Residenturchef und alles in Butter gewesen war. Und Mary hätte Eier mit Speck gebraten, während Magnus scherzte und den Leuten die Würmer aus der Nase zog und neue Freunde gewann, worin er so unschlagbar war. Denn jetzt war in Wien Hochsaison, und Leute, die das ganze Jahr den Mund nicht aufbrachten, schwärmten enthusiastisch von Weihnachten und der Oper und verteilten Dienstgeheimnisse wie alte Kleider.

Aber das alles war tausend Jahre her. All das war bis letzten Mittwoch gewesen. Jetzt zählte nur noch eines: daß Magnus in seinem Metro, den er am Flughafen geparkt hatte, die Straße entlanggefahren kommen und vor Jack Brotherhood die Haustür erreichen würde.

Das Telefon klingelte. Neben dem Bett. Auf seiner Seite. Nicht laufen, dummes Ding, sonst fällst du. Nicht zu langsam, sonst legt er auf. Magnus, Darling, lieber Gott, mach, daß es du bist, du hast einen Anfall von Gedächtnisschwund gehabt und jetzt geht’s wieder, ich will niemals fragen, was passiert ist, ich will nie wieder an dir zweifeln. Sie nahm den Hörer ab und ließ sich, aus einem Grund, den sie nicht erklären konnte, auf die Daunendecke plumpsen, tastete mit der freien Hand nach Block und Bleistift, falls sie Telefonnummern notieren müßte, Adressen, Zeiten, Anweisungen. Sie platzte nicht heraus »Magnus?« denn das würde zeigen, daß sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte. Sie sagte nicht »hallo«, denn sie konnte sich nicht darauf verlassen, daß ihre Stimme nicht aufgeregt klingen würde. Sie sagte ihre vollständige Nummer auf Deutsch her, so daß Magnus wußte, daß sie am Apparat war, hören konnte, daß sie normal und in Ordnung und ihm nicht böse war und daß er zuhause alles nach Wunsch finden würde. Kein Getue, keine Probleme, ich bin da und warte auf dich, wie immer.

»Ich bin’s«, sagte eine Männerstimme.

Aber es war nicht ich. Es war Jack Brotherhood.

»Nichts von diesem Paket gehört, wie?« fragte Brotherhood im vollen, sicheren Tonfall des englischen Militärs.

»Nichts von niemand. Wo bist du?«

»In einer halben Stunde dort, früher, wenn’s geht. Warte auf mich, ja?«

Das Feuer, dachte sie plötzlich. Mein Gott, das Feuer. Sie hastete hinunter, sie war nicht mehr fähig, zwischen kleinen und großen Katastrophen zu unterscheiden. Sie hatte dem Hausmädchen über Nacht freigegeben und vergessen, das Kaminfeuer im Salon mit Asche abzudecken. Es war bestimmt ausgegangen. Nein, es brannte munter vor sich hin, und sie mußte nur einen Klotz nachlegen, damit die frühe Morgenstunde weniger trist war. Sie legte das Holz auf, dann irrte sie im Zimmer umher und traf Vorbereitungen – die Blumen, die Aschenbecher, Jacks Whisky-Tablett –, brachte äußerlich alles in Ordnung, weil nichts in ihrem Inneren in Ordnung war. Sie zündete sich eine Zigarette an und paffte, ohne zu inhalieren, in zornigen Küssen. Dann goß sie sich einen sehr großen Whisky ein, der tiefere Grund, warum sie heruntergekommen war. Schließlich, wenn wir immer noch tanzen würden, hätte ich schon mehrere getrunken.

Mary war wie Pym unverkennbar englischer Abstammung. Sie hatte blondes Haar, kräftige Kiefer und eine freimütige Art. Ihre einzige Manieriertheit, ein mütterliches Erbe, war die leicht komische schräge Haltung, in der sie zur Welt im allgemeinen und zu Ausländern im besonderen sprach. Marys Geschichte war eine Registerarie auf den Heldentod. Ihr Großvater war in Passchendaele gefallen, ihr einziger Bruder Sam viel später in Belfast, und einen Monat oder länger hatte Mary geglaubt, die Bombe, die Sams Jeep in die Luft gejagt hatte, habe auch ihre Seele getötet, aber nicht Mary, sondern ihr Vater war an gebrochenem Herzen gestorben. Alle ihre männlichen Angehörigen waren Soldaten gewesen. Alle zusammen hatten sie ihr eine anständige Erbschaft hinterlassen, eine glühende patriotische Gesinnung und ein kleines Herrenhaus in Dorset. Mary war ebenso ehrgeizig wie intelligent, sie konnte träumen und trachten und begehren. Aber ihre Lebensregeln waren schon vor ihrer Geburt aufgestellt und mit jedem Todesfall untermauert worden. In Marys Familie zogen die Männer in den Kampf, die Frauen gaben ihnen Rückendeckung, trauerten und machten weiter. Marys Ideale, ihre Dinnerparties, ihr Leben mit Pym waren von diesem eisernen Grundsatz bestimmt.

Bis zum letzten Juli. Bis zu unserem Urlaub auf Lesbos. Magnus, komm heim. Tut mir leid, daß ich am Flugplatz Stunk gemacht habe, als du nicht ankamst. Tut mir leid, daß ich den Angestellten von British Airways mit meiner Kommandostimme wie du es nennst, angebellt und mit meinem Diplomatenpaß herumgefuchtelt habe. Und es tut mit leid – schrecklich leid –, daß ich Jack angerufen und gesagt habe, wo zum Teufel ist mein Mann. Also, bitte – komm bloß heim und sag mir, was ich tun soll. Nichts ist wichtig. Nur daß du kommst. Jetzt.

Sie war inzwischen vor der Flügeltür zum Eßzimmer angelangt, stieß sie auf, knipste die Wandleuchter an und inspizierte, Whisky in der Hand, den langen leeren Tisch, der wie ein See glänzte. Mahagoni. Imitation 18. Jahrhundert. Für Botschaftsräte, für niemandens Geschmack. Vierzehn haben bequem Platz, sechzehn, wenn man die ovalen Enden auszieht. Dieser verdammte Brandfleck, ich habe alles versucht. Denk nach, befahl sie sich. Besinn dich. Du mußt die ganze Geschichte in deinem dummen kleinen Kopf parat haben, wenn Jack Brotherhood an der Tür klingelt. Stell dich neben dich und schau rein. Jetzt. Es ist ein Abend wie gestern, frisch und anregend. Es ist Mittwoch, unser Gästeabend. Und der Mond ist so wie heute, nur an einer Seite angebissen. Im Schlafzimmer steht breitbeinig diese blöde Mary Pym, die das Abitur mit Auszeichnung bestanden hat und nie auf die Universität gegangen ist, und legt ihre Familienperlen an, während das Wunderkind Magnus, ihr Ehemann, Einser in Oxford und schon im Abendanzug, sie auf den Nacken küßt und seine balkanesische Gigolonummer abzieht, um sie in Stimmung zu bringen. Magnus ist selbstverständlich immer in der erforderlichen Stimmung.

»Herrgottnochmal«, fährt Mary ihn ruppiger an, als sie beabsichtigt hatte. »Hör auf mit dem Unsinn und mach mir die verdammte Schließe zu.«

Und Magnus ist zu Diensten. Magnus ist stets zu Diensten. Magnus richtet und repariert und apportiert besser als jeder Butler. Und nachdem er zu Diensten war, legt er mir beide Hände auf die Brüste und atmet heiß in meinen bloßen Nacken: »Bitte, Dallink, wir haben nicht Zeit für göttlichen köstlichsten Moment? Nein? Ja?«

Aber Mary ist wie üblich zu nervös, um auch nur zu lächeln, und schickt ihn hinunter, er soll nachsehen, ob Herr Wenzel, der Aushilfsdiener, Eis aus dem Fischgeschäft Weber besorgt hat. Und Magnus geht. Magnus geht immer. Auch wenn er besser daran täte, Mary eine runterzuhauen, Magnus geht.

Mary unterbrach sich, hob den Kopf und lauschte. Ein Auto. Bei diesem Schnee sind sie plötzlich da, wie leidige Erinnerungen. Aber anders als eine leidige Erinnerung glitt es vorbei.

***

Es ist beim Dinner, es ist die Diplomaten-Sternstunde, es ist so gut wie damals in Georgetown, als Magnus noch ein aufstrebender stellvertretender Residenturchef war und der Posten des Dienststellenleiters in greifbarer Nähe, und alles ist wieder zwischen Magnus und Mary in Ordnung bis auf eine schwarze Wolke, die Tag und Nacht über Mary hängt, auch wenn sie nicht daran denkt, und diese Wolke heißt Lesbos, eine griechische Insel in der Ägäis, rings umgeben von monströsen Erinnerungen. Mary Pym, Ehefrau von Magnus, Botschaftsrat für Gewisse Unaussprechliche Angelegenheiten an der britischen Botschaft in Wien und in Wahrheit der hiesige Residenturchef, wie jeder Unaussprechliche weiß, blickt stolz über Marys silbernen Leuchter hinweg auf ihren Mann, während das Dienerpaar Marys nach dem Rezept ihrer Mutter geschmorten Wildbraten bei den zwölf unaussprechlich distinguierten Mitgliedern der Wiener Geheimdienst-Gemeinde herumreicht.

»Sie haben doch auch eine Tochter«, erinnert Mary tapfer einen Oberregierungsrat Dinkel vom österreichischen Verteidigungsministerium in ihrem schönsten Deutsch. »Namens Ursula – stimmt’s? Studierte seinerzeit Klavier am Konservatorium. Erzählen Sie mir von ihr.« Und leise zu der Aufwärterin, die gerade vorbeikommt: »Frau Wenzel, Herr Lederer am übernächsten Platz hat keine Johannisbeersauce mehr. Fix.«

Es war ein netter Abend, hatte Mary befunden, als sie einer Aufzählung der oberregierungsrätlichen Familiensorgen lauschte. Es war genau die Art Abend, für die sie sich anstrengte, sich während ihrer ganzen Ehe angestrengt hatte, in Prag und Washington, während sie und Magnus vorwärtskamen, und jetzt hier, wo sie auf der Stelle traten. Sie war glücklich, sie war ganz obenauf, die schwarze Wolke von Lesbos war so gut wie weggeblasen. Tom machte sich gut im Internat und würde bald für die Weihnachtsferien heimkommen, Magnus hatte zum Skifahren in Lech ein Chalet gemietet, die Lederers hatten gesagt, sie würden sich anschließen. Magnus war jetzt immer so zuvorkommend, so aufmerksam ihr gegenüber, trotz der Krankheit seines Vaters. Und vor Lech würde er in Salzburg mit ihr in den Parzifal gehen und, wenn sie ihn drängte, zum Opernball, weil, wie man in Marys Familie sagte, ein Mädel gern das Tanzbein schwingt. Und die Lederers könnten sich vielleicht auch hier anschließen – die Kinder würden die Nacht gemeinsam verbringen und nur einen Babysitter brauchen –, und irgendwie lebte es sich mit Magnus in letzter Zeit leichter, wenn noch jemand dabei war. Sie spähte durch das Kerzenlicht zu Pym hinüber und warf ihm ein Lächeln zu, gerade, als er sich abwandte, um eine Taubstumme zu seiner Linken ins Gespräch zu ziehen. Entschuldige, daß ich vorhin so gereizt war, sagte sie. Alles vergessen, erwiderte er. Und wenn alle weg sind, schlafen wir miteinander, sagte sie, wir wollen nüchtern bleiben und ins Bett gehen und alles wird gut sein.

In diesem Augenblick hatte sie das Telefon klingeln hören. Genau dann. Während sie diese liebenden Gedanken an Magnus funkte und verzweifelt glücklich dabei war. Sie hörte es zweimal klingeln, dreimal, wollte schon ärgerlich werden, bemerkte aber zu ihrer Erleichterung, daß Herr Wenzel abnahm. Herr Pym wird Sie später zurückrufen, wenn es nichts Dringendes ist, rezitierte sie im Stillen, Herr Pym darf nicht gestört werden, wenn es nicht sehr wichtig ist. Herr Pym ist viel zu sehr damit beschäftigt, in seinem perfekten Deutsch, das die Botschaft so beunruhigt und die Österreicher erstaunt, eine lustige Geschichte zum Besten zu geben. Herr Pym kann auf Wunsch auch mit einem österreichischen Akzent aufwarten oder, noch komischer, mit einem schweizerischen aus seiner Studentenzeit. Herr Pym kann Ihnen eine Reihe Flaschen aufstellen und so mit einem Tafelmesser dagegen tippen, daß sie bimmeln wie die alte helvetische Eisenbahn, und dazu singt er die Stationen zwischen Interlaken und dem Jungfraujoch wie ein einheimischer Bahnhofsvorstand, und sein Publikum lacht Tränen nostalgischen Entzückens.

Mary hob den Blick zum entfernten Ende des leeren Tisches. Und Magnus – was hatte er damals getan, außer mit Mary geflirtet?

Die große Schau abgezogen, lautete die Antwort. Rechts von ihm saß die schreckliche Frau Oberregierungsrat Dinkel, ein weiblicher Dragoner und so rauhbeinig, daß vor ihr selbst kampferprobte Recken der Botschaft in gelähmtes Schweigen verfielen. Doch Magnus hatte sie angezogen wie die Sonne eine Blume, und sie konnte nicht genug von ihm kriegen. Wenn Mary ihn bei seinen Darbietungen beobachtete, überkam sie manchmal unwillkürlich Mitleid ob der Absolutheit seiner Hingabe. Sie wünschte ihm mehr Lässigkeit, wenn auch nur für einen Augenblick. Er sollte wissen, daß er seinen Frieden verdient hatte, wann immer er ihn haben wollte, anstatt nur zu geben, immer zu geben. Wenn er wirklich Diplomat wäre, dachte sie, hätte er mit Leichtigkeit Botschafter werden können. In Washington hatte Grant Lederer ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit versichert, Magnus habe größeren Einfluß ausgeübt als sein Residenturchef oder der absolut unmögliche Botschafter. Wien – wo er allerdings gleichfalls enormes Ansehen genoß und enorm einflußreich war – stellte scheinbar einen Abstieg dar. Jedenfalls war es so gedacht, aber wenn der Staub sich gelegt hatte, würde Magnus wieder im Rennen sein, und inzwischen hieß es, Geduld üben. Mary wünschte sich, sie wäre nicht so viel jünger als er. Manchmal versucht er, sich auf mein Niveau herunterzuschwingen, dachte sie. Zu seiner Linken saß, ebenso hypnotisiert, Frau Oberst Mohr, deren deutscher Ehemann dem Funk- und Chiffrierdienst in Wiener Neustadt zugeteilt war. Aber Magnus’ wahre Eroberung war, wie immer, Grant Lederer der Dritte, »der mit dem kleinen schwarzen Bart und den kleinen schwarzen Augen und den kleinen schwarzen Gedanken«, wie Magnus ihn nannte, der Mann, der vor einem halben Jahr an der U. S. Botschaft die Rechtsabteilung übernommen hatte, was natürlich das Gegenteil bedeutete, denn Grant, der alte Freund aus Washington, war der neue Mann der CIA.

»Grant ist ein Schaumschläger«, beklagte Magnus sich häufig, wie er sich über alle seine Freunde beklagte. »Einmal pro Woche müssen wir uns alle um einen großen Tisch versammeln und Wörter für Dinge erfinden, die wir seit zwanzig Jahren erfolgreich ohne sie erledigen.«

»Aber er ist amüsant, Darling«, gab Mary dann zu bedenken. »Und Bee ist einfach Klasse.«

»Grant ist ein großer Bergsteiger«, sagte Magnus ein andermal. »Er stapelt uns alle säuberlich aufeinander, und klettert über unseren Buckel hoch. Du wirst schon sehen.«

»Aber wenigstens ist er nicht dumm, Darling. Wenigstens kann er mit dir Schritt halten.«

Denn es war natürlich wahr, daß die Pyms und die Lederers im begrenzten Rahmen jeder Diplomatenfreundschaft eines der großen Quartette bildeten, und es gehörte eben zu Magnus’ perverser Art, daß er Leute, die er mochte, ans Schienbein trat und ihnen am Zeug flickte und schwor, er werde nie wieder ein Wort mit ihnen sprechen. Die Tochter der Lederers, Becky, war im gleichen Alter wie Tom, und die beiden waren praktisch schon ein Liebespaar; Bee und Mary kamen großartig miteinander aus. Was Bee und Magnus betraf – ehrlich gesagt fragte Mary sich manchmal sogar, ob die beiden nicht ein kleines bißchen zu gute Freunde seien. Aber andererseits hatte sie festgestellt, daß es bei Quartetten immer eine starke diagonale Verbindung gab, auch wenn nie etwas passierte. Und sollte jemals doch etwas zwischen den beiden passieren, dann, nun ja, um absolut ehrlich zu sein, wäre Mary durchaus willens, sich mit Grant schadlos zu halten, dessen abwartend gespannte Haltung sie zunehmend eher als Aufforderung empfand.

»Mary, cheers, okay? Großartige Party. Uns gefällt’s hier.«

Es war Bee, die wie immer jedem zutrank. Sie trug Brillant-Ohrringe und ein Dekolleté, das Mary schon den ganzen Abend beäugte. Drei Kinder und solche Brüste: es war verdammt unfair. Mary hob dankend ihr Glas. Bee hat Schreibmaschinenfinger, bemerkte sie, an den Spitzen aufgebogen.

»Hör mal, Grant, alter Junge«, sagte Magnus halb ernst, halb scherzend, »verrate uns doch fairerweise eins: Wenn alles stimmt, was euer famoser Präsident uns über die kommunistischen Staaten erzählt, wie zum Teufel können wir dann mit ihnen Verträge schließen?«

Aus den Augenwinkeln sah Mary, wie Grants spaßiges Grinsen breiter wurde, bis es aussah, als wolle es vor Bewunderung für Pyms Witz bersten.

»Magnus, wenn’s nach mir ginge, würden wir dich mit einem Shaker voll trockenem Martini und einem amerikanischen Paß auf einen großen Botschaftsteppich setzen und direkt nach Washington zurückzaubern und für die Demokraten kandidieren lassen. Nie hat jemand eine subversive Sache so überzeugend formuliert.«

»Magnus als Präsidentschaftskandidat?« schnurrte Bee, setzte sich kerzengerade und drückte die Brust heraus, als habe ihr jemand ein Praliné abgeboten. »Lecker.«

In welchem Augenblick der übertrieben unterwürfige Herr Wenzel sich besorgt zu Magnus beugte und ihm ins linke Ohr flüsterte, er werde dringend – um Vergebung, Exzellenz – aus London am Telefon verlangt – verzeihen der Herr Botschaftsrat.

Magnus verzieh. Magnus verzeiht jedem. Magnus suchte sich zwischen imaginären Hindernissen behutsam einen Weg zur Tür, lächelnd und ausdrücklich verzeihend, während Mary noch lebhafter plauderte, um ihm Feuerdeckung zu geben. Doch als die Tür sich hinter ihm schloß, geschah etwas Unvorhergesehenes. Grant Lederer warf Bee einen Blick zu, und Bee erwiderte den Blick. Und Mary ertappte die beiden dabei, und ihr Blut erstarrte zu Eis.

Warum? Was war zwischen den beiden in diesem einzigen unbedachten Blick vorgegangen? Schlief Magnus wirklich mit Bee, und hatte Bee es Grant mitgeteilt? Waren die beiden sekundenlang in sprachloser Bewunderung für ihren enteilten Gastgeber vereint? Auch nach all dem Aufruhr hatte sich Marys Antwort auf diese Fragen nicht einen Deut verändert. Es war nicht Sex, es war nicht Liebe, es war nicht Neid, und es war nicht Freundschaft. Es war Verschwörung. Mary hatte nicht viel Phantasie. Aber Mary hatte gesehen und begriffen. Die beiden waren Mordgesellen, die einander mitteilten »bald«, und das bald galt Magnus. Bald werden wir ihn haben. Bald wird seine Hybris bestraft und unsere Ehre wiederhergestellt sein. Ich habe gesehen, wie sie ihn hassen, dachte Mary. Sie hatte es damals gedacht, sie dachte es jetzt.

»Grant ist ein Cassius, der einen Caesar sucht«, hatte Magnus gesagt. »Wenn er nicht bald einen Rücken findet für seinen Dolch, dann gibt die CIA seinen Dolch einem anderen.«

Aber in der Diplomatie ist nichts von Dauer, nichts absolut, ein Mordkomplott ist kein Grund, den Fluß der Unterhaltung zu gefährden. Während sie emsig plauderte, über Kinder und Shopping – frenetisch nach einer Erklärung für den tückischen Blick der Lederers suchte – vor allem darauf wartete, daß Magnus zu der Gesellschaft zurückkehrte und sein Tischende aufs neue in zwei Sprachen gleichzeitig behexte –, fand Mary noch Zeit, sich zu fragen, ob dieses dringende Gespräch aus London wohl der Anruf sei, auf den ihr Mann seit Wochen wartete. Sie wußte schon länger, daß etwas Wichtiges im Busch war, und sie betete, es möge die versprochene Wiedereinsetzung sein.

Und es war genau in diesem Moment, wie Mary sich erinnerte, und während sie weiterplauderte und weiter um eine günstige Wendung von Magnus’ Geschick betete, daß sie seine Fingerspitzen gekonnt über ihre nackten Schultern huschen fühlte, als er wieder zu seinem Platz am Kopfende des Tisches ging. Sie hatte nicht einmal die Tür gehört, obwohl sie ständig gelauscht hatte.

»Alles in Ordnung, Darling?« rief sie ihm über die Leuchter hinweg zu, in aller Offenheit, weil die Pyms so furchtbar glücklich verheiratet waren.

»Ihre Majestät gut in Form, Magnus?« hörte sie Grant in seinem einschmeichelnden, schleppenden Tonfall fragen. »Keine Englische Krankheit? Kein Krupp?«

Pyms Lächeln war strahlend und entspannt, aber das hatte nicht immer etwas zu bedeuten, wie Mary wußte. »Nur ein kleiner Kontrollanruf aus Whitehall, wie üblich, Grant«, erwiderte er mit meisterhafter Beiläufigkeit. »Ich glaube, sie halten sich hier einen Spion, der ihnen immer sagt, wenn ich eine Dinnerparty gebe. Darling, ist der Rote ausgegangen? Hübsch karge Rationen, offengesagt.«

O Magnus, hatte sie aufgeregt gedacht, du Hasardeur.

Es war Zeit, die Damen vor dem Kaffee zum Pipimachen nach oben zu lotsen. Die Frau Oberregierungsrat, die sich für modern hielt, machte Anstalten, zurückzubleiben. Ein Stirnrunzeln des Gatten setzte sie in Bewegung. Auch Bee Lederer, die um diese Zeit des Abends dazu neigte, die große amerikanische Feministin zu spielen – Bee folgte lammfromm dem gebieterischen Wink ihres kleinen Herrn und Sexmeisters.

***

»Jetzt kommt der Hammer«, sagt Jack Brotherhood in Marys Phantasie.

»Da gibt’s keinen Hammer.«

»Warum zittern wir dann, meine Liebe?« sagt Brotherhood.

»Ich zittere nicht. Ich gieße mir einen kleinen Whisky ein, während ich auf dich warte. Du weißt, daß ich immer zittere.«

»Meinen bitte pur, so wie deinen. Ich will’s unverschnitten, so, wie’s gewesen ist. Kein Wasser, kein Eis, kein Scheiß.«

***

Also gut, hol dich der Teufel, da hast du’s.

Der Abend endet so perfekt, wie er begann. In der Diele helfen Mary und Magnus den Gästen in die Mäntel, und Mary konstatiert unwillkürlich, wie Magnus, dessen Leben dienen ist, nach jedem erfolgreich gemeisterten Ärmel die Arme reckt und die Fingerspitzen einrollt. Magnus hat die Lederers noch zum Bleiben aufgefordert, aber Mary ist ihm insgeheim zuvorgekommen, indem sie kichernd zu Bee sagt, Magnus müsse zeitig ins Bett. Die Diele leert sich. Die Pyms vom CD stehen, der Kälte trotzend – schließlich sind sie Engländer –, tapfer auf der Türschwelle und winken den Gästen nach. Mary hat Pym einen Arm um die Taille gelegt, sie bohrt heimlich den Daumen unter seinen Hosenbund und fährt ihm das Rückgrat hinunter bis zum Steiß. Magnus wehrt sich nicht dagegen. Magnus wehrt sich nie. Ihr Kopf ruht liebevoll an seiner Schulter, während sie ihm süße Nichtigkeiten in dasselbe Ohr flüstert, das Herr Wenzel benutzt hatte, um ihn ans Telefon zu holen, und sie hofft, daß Bee diese holde Zweisamkeit nicht entgeht. Unter der Eingangslampe – Mary blendend jugendlich in ihrem langen blauen Kleid, Magnus so elegant in seinem Abendanzug – müssen wir das Idealbild eines harmonischen Ehelebens abgegeben haben. Die Lederers verabschieden sich als letzte und zeigen sich am überschwenglichsten. »Verdammt noch mal, Magnus, ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so wohl gefühlt habe«, sagt Grant mit drolliger, ziemlich matter Entrüstung.

Der Leibwächter folgt ihnen in einem zweiten Wagen. Seite an Seite genießen die durch und durch englischen Pyms einen Augenblick gemeinsamer Verachtung für die amerikanischen Praktiken.

»Bee und Grant sind schrecklich nett, wirklich«, sagt Mary. »Aber würdest du einen Leibwächter haben wollen, wenn Jack dir einen anböte?« Hinter ihrer Frage steckt mehr als bloße Neugier. Sie macht sich seit einiger Zeit Gedanken über die seltsamen Gestalten, die müßig vor dem Haus herumzulungern scheinen.

»Kommt nicht in die Tüte«, erwidert Magnus schaudernd, »es sei denn, um mich vor Grant Lederer zu beschützen.«

Mary zieht ihren Daumen heraus, sie machen kehrt und gehen Arm in Arm hinein. »Ist alles in Ordnung?« fragt sie und denkt an den Telefonanruf. Alles sei in schönster Ordnung, antwortet er. »Komm ins Bett«, flüstert Mary kühn und läßt ihre Hand über seine Schenkel gleiten. Lächelnd nickt Pym und zerrt an der Krawatte, lockert sie offenbar vorsorglich. In der Küche warten die Wenzels, daß sie gehen können. Mary riecht den Zigarettenrauch, beschließt jedoch, nichts zu sagen, weil die beiden so hart gearbeitet haben. Noch auf dem Totenbett wird sie sich erinnern, daß sie bewußt die Entscheidung traf, den Zigarettenrauch zu ignorieren: ihr Leben war in diesem Moment so entspannt, Lesbos so weit entfernt, sie mit der Bedienung so vollkommen zufrieden, daß sie imstande war, selbst Dinge von so massiver Trivialität zu bedenken. Pym hat ein Kuvert mit dem Lohn für die Wenzels plus einem netten Trinkgeld schon bereit. Magnus wird seinen letzten Fünfer als Trinkgeld geben, denkt Mary nachsichtig. Sie hat seine Großzügigkeit lieben gelernt, obgleich ihre sparsamere Oberklassen-Denkart ihr sagt, daß er übertreibt: Magnus ist so selten vulgär. Auch wenn sie sich manchmal fragt, ob er nicht zuviel ausgibt und sie ihm etwas von ihrem privaten Einkommen anbieten sollte. Die Wenzels gehen. Morgen abend werden sie bei einer anderen Party in einem anderen Haus bedienen. In schöner Eintracht begeben die Pyms sich in den Salon, Händchen haltend und wieder loslassend und zwangslos Platz nehmend zum rituellen Vorspiel – einem Schlummertrunk und einem rückschauenden Schwatz. Pym gießt Mary einen Scotch und sich selber einen Wodka ein, legt jedoch nicht, wie sonst, sein Jackett ab. Mary liebkost ihn gezielt. Manchmal haben sie in solchen Fällen keine Zeit mehr, nach oben zu gehen.

»Super, dein Wildbraten, Mabs«, sagt Pym. Das tut er immer als erstes: ihr gratulieren. Magnus gratuliert jedem jederzeit.

»Alle dachten, Frau Wenzel habe ihn gemacht«, sagt Mary und tastet nach seinem Reißverschluß.

»Diese Armleuchter«, sagt Pym ritterlich und fegt ihr zuliebe mit einer Armbewegung die ganze schwachsinnige Diplomatenwelt vom Tisch. Einen Augenblick lang fürchtet Mary, Magnus habe ein Glas zuviel getrunken. Hoffentlich nicht, denn sie spielt ihm nichts vor: nach den Ängsten und Albernheiten des Abends braucht sie ihn wirklich. Magnus reicht Mary ein Glas, hebt das seine und trinkt ihr schweigend zu: gut gemacht, altes Mädchen. Er lächelt direkt auf sie hinunter, und seine Knie stoßen fast an die ihren, sind ganz ruhig. Gerührt durch die Spannung in ihm möchte Mary ihn unbedingt hier und jetzt haben und macht es ihm durch Handzeichen noch deutlicher.

»Wenn Grant Lederer der Dritte ist«, fragt sie, denn sie muß noch einmal an jenen mörderischen Blick denken, »wie um alles waren dann die ersten zwei!«

»Ich bin frei«, sagt Pym.

Mary begreift nicht. Sie glaubt, er wolle auf ihren Witz noch einen draufsetzen.

»Ich hab’s nicht mitgekriegt«, sagt sie ein bißchen beschämt. Ich bin viel zu langsam für ihn, der Ärmste. Plötzlich ein bestürzender Gedanke. »Du willst doch nicht sagen, sie haben dich geschaßt?« sagt sie.

Magnus schüttelt den Kopf. »Rick ist tot«, erklärt er.

»Wer?« Welchen Rick meint er? Rick aus Berlin? Rick aus Langley? Welcher Rick kann durch seinen Tod Magnus frei und, wer weiß, Platz für seine Beförderung machen?

Magnus beginnt noch einmal. Absolut verständlich. Klar, das arme Ding hat nicht begriffen. Sie ist müde von dem langen Abend. Sie hat ein paar zuviel gekippt. »Rick, mein Vater, ist tot. An einem Herzanfall gestorben, heute abend um sechs, während wir uns umzogen. Nach dem letzten Anfall glaubte man, er sei okay, war er aber nicht, wie sich herausstellte. Jack Brotherhood hat aus London angerufen. Warum zum Kuckuck die Personalstelle Jack eingeschaltet hat, anstatt mir die Nachricht direkt durchzugeben, ist eine Frage, die zu stellen uns nicht zusteht. Aber sie haben’s getan.«

Und Mary bekommt es auch jetzt noch nicht ganz mit.

»Was meinst du – frei?« ruft sie ungestüm, alle Beherrschung hat sie verlassen. »Frei wovon?« Dann bricht sie vernünftigerweise in Schluchzen aus, laut genug für sie beide. Laut genug, um alle ihre eigenen quälenden Fragen von Lesbos bis hierher zu übertönen.

Und jetzt möchte sie am liebsten wieder weinen, um Jack Brotherhood, als die Türklingel wie ein Hornsignal durchs Haus tönt, dreimal kurz, wie immer.

***

Pym zog flugs die Vorhänge zu und machte Licht. Er hatte zu singen aufgehört. Er fühlte sich beschwingt. Er stellte mit einem kleinen Ächzen die Aktentasche ab und blickte dankbar um sich, ließ jedem Gegenstand Zeit, ihn zu begrüßen. Die Messingbettstelle. Guten Morgen. Das gestickte Bild darüber, das ihn hieß, Jesus zu lieben: ich hab’s versucht, aber Rick kam immer dazwischen. Den Zylinderschreibtisch. Das Bakelit-Radio, das schon dem lieben alten Winston Churchill gelauscht hatte. Pym hatte diesem Zimmer nichts von sich aufgedrängt. Er war hier Gast, nicht Eroberer. Was hatte ihn hierher gezogen, damals in dunklen Zeitaltern, vor so vielen Leben? Sogar jetzt, da ihm soviel mehr klargeworden war, überfiel ihn Schläfrigkeit, wenn er sich zu erinnern suchte. So viele einsame Reisen und ziellose Wanderungen durch fremde Städte führten mich hierher, so viel fruchtlose, freundlose Zeit. Er hatte Züge im letzten Moment erreicht, auf der Flucht von irgendwoher nach irgendwohin. Mary war in Berlin – nein, sie war in Prag –, ein paar Monate zuvor waren sie versetzt worden, und man hatte ihm damals klargemacht, wenn er in Prag keine Dummheiten machte, würde der Ruf nach Washington die nächste Station sein. Tom war – guter Gott –, Tom war kaum aus den Windeln. Und Pym war in London bei einer Besprechung – nein, stimmt nicht, er besuchte einen dreitägigen Kurs über die neuesten Methoden geheimer Nachrichtenübermittlung in einem ekelhaften kleinen Schulungshaus in der Nähe des Smith Square. Nach Beendigung des Kurses war er im Taxi nach Paddington gefahren. Ohne Überlegung, rein instinktiv. Den Kopf noch zum Bersten voll von nutzlosem Wissen über Anoden und komprimierte Funkübertragungen. Er sprang auf einen abfahrenden Zug, überquerte in Exeter den Bahnsteig und stieg in einen anderen Zug. Gibt es größere Freiheit, als nicht zu wissen, wohin man fährt oder warum? Er landete im Nirgendwo, endeckte einen Bus mit vage vertrautem Ziel und stieg ein.

Es war Omi-Land. Es war Sonntag, der Tag, an dem Tanten zur Kirche fuhren, die Münzen für den Sammelteller im Handschuh. Von seinem Raumschiff auf dem Oberdeck blickte Pym liebevoll auf Kamine, Kirchen, Dünen und Schieferdächer, die aussahen, als warteten sie darauf, am Schopf in den Himmel gelüpft zu werden. Der Bus hielt, der Schaffner sagte: »Endstation, Sir«, und Pym sprang mit einem höchst kuriosen Gefühl vollbrachter Leistung hinaus. Ich bin da, dachte er. Ich hab’s endlich gefunden, und ich hab nicht einmal danach gesucht. Die gleiche Stadt, der gleiche Strand, genau wie ich sie vor so vielen Jahren verließ. Der Tag war sonnig und die Welt leer. Vermutlich alle beim Lunch. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Gewiß war indessen, daß man Miss Dubbers strahlend weiß geschrubbte Vortreppe kaum zu betreten wagte, und daß aus dem Haus zusammen mit dem Geruch von Brathuhn, Waschblau, Karbolseife und Frömmigkeit die Klänge eines Psalms drangen.

»Gehen Sie!« zeterte eine dünne Stimme. »Ich stehe auf der obersten Sprosse und komme nicht an die Sicherung ran, und wenn ich mich noch mehr recke, kippe ich um.«

Fünf Minuten später hatte er sein Zimmer. Seine Freistatt. Sein sicheres Haus, fern von all den anderen sicheren Häusern. »Canterbury. Mein Name ist Canterbury«, hörte er sich sagen, als er ihr, nachdem die Sicherung ausgewechselt war, eine Anzahlung aufdrängte. Eine Stadt hatte ihr Zuhause gefunden.

Jetzt trat Pym an den Schreibtisch, schob den Rolldeckel hoch und fing an, den Inhalt seiner Taschen auf die Kunstlederplatte umzuräumen. Inventur vor einem Wechsel von Identität und Wohnsitz. Rückblick auf die bisherigen Ereignisse des Tages. Ein Paß, ausgestellt auf Mr. Magnus Richard Pym, Augenfarbe grün, Haarfarbe hellbraun, tätig im Auswärtigen Dienst Ihrer Majestät, geboren vor allzu langer Zeit. Es war immer ein ziemlicher Schock nach einem Leben voller Chiffren und Decknamen den eigenen Namen nackt und unmaskiert vor sich zu sehen, groß und deutlich auf einem Reisedokument. Eine Brieftasche aus Kalbleder, ein Weihnachtsgeschenk von Mary. Im linken Fach Kreditkarten, im rechten zweitausend österreichische Schilling und dreihundert englische Pfund in verschiedenen und gebrauchten Banknoten, sein vorsichtig gesammeltes Fluchtgeld, mehr bereits im Schreibtisch. Die Wagenschlüssel des Metro. Mary hatte die Zweitschlüssel. Familienfoto aus Lesbos, alle wohlauf. Zettel mit der Adresse eines Mädchens, das er irgendwo kennengelernt und vergessen hatte. Er legte die Brieftasche weg und setzte seine Bestandsaufnahme fort: eine grüne Bordkarte von British Airways für den gestrigen Abendflug nach Wien, nicht entwertet. Fasziniert betrachtete und befühlte er die Karte. Hier hat Pym seine Wahl mit den Füßen getroffen, dachte er. Vielleicht die erste völlig eigennützige Handlung seines ganzen bisherigen Lebens, mit der edlen Ausnahme des Zimmers, in dem er jetzt saß. Das erstemal, daß er gesagt hatte »Ich will« und nicht »Ich muß«.

Bei der Feuerbestattung in einem stillen Vorort war ihm der Verdacht gekommen, die geringe Zahl der Trauergäste sei unnatürlich angeschwollen durch irgend jemandens Observanten. Er konnte sich als Hauptleidtragender nicht gut an die Tür der Kapelle stellen und jeden der neun Gäste auffordern, seine Anwesenheit zu begründen. Sicher, Ricks verschlungene Lebenspfade hatten eine Schar von Menschen einbezogen, die Pym nie zu sehen bekommen und auch nie zu sehen gewünscht hatte. Dennoch verließ ihn der Argwohn nicht und wuchs noch auf der Fahrt zum Londoner Flughafen und wurde fast zur Gewißheit, als er seinen Wagen zur Verleihfirma zurückbrachte, wo zwei graue Herren viel zu lang brauchten, um ihre Mietformulare auszufüllen. Gleichwohl gab er seinen Koffer nach Wien auf, ging mit eben dieser Bordkarte in der Hand durch die Paßkontrolle und ließ sich in der schmuddeligen Wartehalle hinter seiner Times nieder. Als für seinen Flug Verspätung gemeldet wurde, hätte er beinah seinen Ärger unterdrückt, brachte es aber fertig, ihn durchblicken zu lassen. Als der Flug aufgerufen wurde, eilte er folgsam zu der drängelnden Menge vor dem Abflugsteig, das Bild eines braven Konformisten. Dabei konnte er fast fühlen, wenn auch nicht sehen, wie die beiden Männer sich zu Tee und Tischtennis ins Hauptquartier verkrümelten: ab mit Schaden, sagten sie zueinander, sollen die Burschen in Wien sich mit ihm herumärgern. Er bog um eine Ecke und ging in Richtung eines Rollsteigs, betrat ihn aber nicht. Statt dessen zögerte er, sah sich um, wie nach einem verspäteten Reisegefährten, dann ließ er sich unmerklich vom entgegengesetzten Passagierstrom zurücktragen. Sekunden später zeigte er seinen Paß am Ankunftsschalter vor und empfing das ruhige »Willkommen zu Hause, Sir«, das Leuten mit bestimmten Paßnummern vorbehalten ist. Als letzte und spontane Vorsichtsmaßnahme war er zum Inlandsschalter gegangen und hatte den vielbeschäftigten Angestellten mit absichtlich wirren und allgemeinen Fragen nach Flügen nach Schottland geärgert. »Nicht Glasgow, vielen Dank, nur Edinburgh. Moment, geben Sie mir doch auch die Zeiten für Glasgow. Ah, ein gedruckter Flugplan, phantastisch. Danke, vielen Dank. Und Sie können mir das Ticket ausstellen, wenn ich eins kaufen will? Ah, verstehe. Dort drüben. Prima.«

Pym riß die Bordkarte in kleine Stückchen und legte sie in den Aschenbecher. Wieviel habe ich geplant, wieviel war spontan? Es spielte kaum eine Rolle. Ich bin hier, um zu handeln, nicht, um zu grübeln. Eine Buskarte Heathrow-Reading. Unterwegs hatte es geregnet. Eine einfache Fahrkarte Reading-London, ungenützt, nur zur Tarnung gekauft. Ein Schlafwagenbillet Reading-Exter, im Zug ausgestellt. Er hatte eine Baskenmütze getragen und das Gesicht im Schatten gehalten, während er es bei dem betrunkenen Schaffner kaufte. Pym riß auch diese Karten in kleine Stücke, legte sie auf das Häufchen im Aschenbecher, hielt, ob aus Gewohnheit oder einem hitzigeren Impuls, ein Zündholz daran und blickte starr in die Flammen. Er war versucht, auch seinen Paß zu verbrennen, aber ein Rest von Pingeligkeit hielt ihn zurück; weshalb er sich selber kurios fand und ganz reizend. Ich hab es geplant bis ins kleinste – ich, der ich nie im Leben eine bewußte Entscheidung getroffen habe. Ich hab es am Tag meines Eintritts in die Firma geplant, in einem Teil meines Kopfes, von dem ich nichts wußte, bis Rick starb. Ich plante alles, außer Miss Dubbers Kreuzfahrt.

Die Flammen erstarben, er zerrieb die Asche, zog die Jacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. Aus einer Schublade holte er die alte Wollweste, die Miss Dubber selbst gestrickt hatte, und zog sie an.

Ich muß nochmals mit ihr reden, dachte er. Mir etwas ausdenken, was ihr mehr Spaß macht. Einen günstigeren Augenblick wählen. Wichtig für sie ist ein Ortswechsel. Irgendwohin, wo sie sich nicht aufregen muß.

Plötzlich überkam ihn Tatendrang, er löschte das Licht, lief zum Fenster, zog die Vorhänge auf und machte sich daran, den kleinen Platz abzusuchen, Leben um Leben und Fenster um Fenster, so, wie der Morgen sie weckte, und nach verräterischen Anzeichen von Observanten Ausschau zu halten. Die Frau des Baptistenpfarrers, noch im Morgenrock, nimmt den Fußballdreß ihres Sohnes für das heutige Match von der Wäscheleine. Pym zieht sich hastig zurück. In der dunklen Zufahrt zum Pfarrhaus hat er ein stählernes Blinken erspäht, aber es ist nur das Fahrrad des Pfarrers, das zum Schutz vor unchristlichen Wünschen noch immer an den Stamm einer Araukarie gekettet ist. Hinter dem Mattglasfenster des Badezimmers von Haus Sea View beugt sich eine Frau im grauen Slip über ein Waschbecken und schäumt ihr Haar ein. Celia Venn, die Arzttochter, die das Meer malen will, erwartet heute offenbar Besuch. Nebenan in Nummer acht sitzen Mr. Barlow, der Bauunternehmer, und seine Frau beim Frühstücksfernsehen. Pyms Auge wandert methodisch weiter, bis ein geparkter Lieferwagen seine Aufmerksamkeit erregt. Die Beifahrertür geht auf, eine Mädchengestalt flitzt durch den Pfarrgarten und verschwindet in Nummer 28. Ella, die Tochter des Leichenbestatters, entdeckt das Leben.

Pym zog die Gardinen zu und knipste das Licht wieder an. Ich will selber bestimmen, wann für mich Tag und wann Nacht ist. Die Aktentasche stand, seltsam steif durch ihr Stahlfutter, dort, wo er sie abgestellt hatte. Jeder trug irgendein Gepäckstück mit sich herum, erinnerte er sich, als er die Tasche anstarrte. Rick eins aus Schweinsleder, Lippsie den Pappkarton, Poppy diese schrumpeligen grauen Dinger mit aufgedruckten Narben, damit sie wie Leder ausahen. Und Jack – lieber Jack – du hast dein sagenhaftes altes Diplomatenköfferchen, treu wie der Hund, den du erschießen mußtest.

Manche Leute, weißt du, Tom, vermachen ihre Leichen einem Lehrkrankenhaus. Die Hände bekommt diese Klasse, das Herz jene, die Augen wieder eine andere, jeder bekommt etwas, jeder ist dankbar. Aber dein Vater hat nur seine Geheimnisse. Sie sind sein Ursprung und sein Fluch.

Mit einem Plumps setzte Pym sich an den Schreibtisch.

Um es richtig zu sagen, repetierte er. Wort für Wort die Wahrheit, keine Ausflüchte, keine Erfindungen, keine Tricks. Nur mein allzu vielen versprochenes Ich, auf freien Fuß gesetzt.

Es niemand im besonderen und jedem erzählen. Es auch euch allen erzählen, die ihr mich besitzt, denen ich mich mit bedenkenloser Freigiebigkeit zu Eigen gab. Meinen Lenkern und Lohnherren. Mary und allen den anderen Marys. Jedem, der ein Stück von mir hatte, dem mehr versprochen war und der prompt enttäuscht wurde. Und dem, was immer nach der großen Pym-Verteilung von mir selber übrigblieb.

Allen meinen Gläubigern und beschränkt haftenden Miteigentümern hier ein für allemal die Begleichung der Rückstände, von der Rick so häufig träumte und die jetzt in seinem einzigen anerkannten Sohn getätigt werden soll. Wer immer Pym für euch war, wer immer ihr seid oder wart, hier ist die letzte von den vielen Versionen jenes Pym, den ihr zu kennen glaubtet.

***

Pym holte tief Luft und atmete wieder aus.

Du machst es nur einmal. Ein einziges Mal im Leben, kein Überarbeiten, kein Aufpolieren, keine Ausflüchte. Kein Obes-so-wohl-besser-wäre. Du bist der Bienenmann. Du machst es einmal, dann stirbst du.

Er nahm einen Stift zur Hand, dann ein einzelnes Blatt Papier. Er kritzelte ein paar Zeilen, was ihm gerade in den Sinn kam. Immer Arbeit und kein Lohn, macht aus Jack einen dummen Spion. Poppy, Poppy an der Wand. Miss Dubber muß auf Reisen gehn. Seine Hand lief leicht, strich nichts durch. Manchmal, Tom, müssen wir etwas tun, um den Grund dafür zu entdecken. Manchmal sind unsere Handlungen Fragen, nicht Antworten.

2

Ein schwarzer und düsterer Tag war das damals Tom, wie fast jeder Sabbat in dieser Gegend. Ich hab als Kind meinen Teil davon gesehen, und an einen sonnigen Sabbat erinnere ich mich nicht. Ich erinnere mich auch kaum an die freie Natur, außer wenn ich wie ein kindlicher Verbrecher zur Kirche geschleppt wurde. Aber ich greife vor, denn an diesem Tag war Pym noch nicht geboren. Die Zeit der Handlung liegt das ganze Leben deines Vaters plus ein halbes Dutzend Monate zurück, der Ort eine Küstenstadt, nicht sehr weit von dieser hier, nur an einem steileren Hang gelegen und mit einem dickeren Kirchturm – aber der hier tut’s auch. Ein zugiger, nasser, schicksalhafter Vormittag, wie ich wohl behaupten darf, und ich, wie gesagt, ein noch ungeborener Geist, nicht bestellt, nicht ausgetragen und gewiß nicht bezahlt: ein taubes Mikrophon, sozusagen, gepflanzt aber inaktiv in jedem außer im biologischen Sinn. Altes Laub, alte Tannennadeln und altes Konfetti kleben auf den nassen Kirchenstufen, als die bescheidene Prozession von Betern einzieht, um ihre wöchentliche Dosis von Verdammnis oder Erlösung zu empfangen, obwohl ich zwischen beidem nie besonders viel zu wählen sah. Und ich selber, ein stummer und herankeimender Spion, der unbewußt seinen ersten Auftrag erfüllt, an einem Ort, der normalerweise keine Ziele bietet.

Außer, daß heute irgend etwas in der Luft liegt. Eine Unruhe geht um, und ihr Name ist Rick. Ein unheiliger Funke, den die frommen Beter nicht ersticken können, und er kommt aus ihrem Inneren, aus dem schwelenden Zentrum ihrer dunklen kleinen Welt, und Rick ist sein Herr und sein Ursprung und sein Anstifter. Man kann es überall ablesen: am drohenden, gewichtigen Schritt des braungekleideten Diakons, am Flattern und Schnaufen der behüteten Damen, die atemlos hereinstürzen, weil sie glauben, zu spät zu kommen, und dann dasitzen und unter dem weißen Puder erröten, weil sie zu früh gekommen sind. Alles gespannt, alles auf Zehenspitzen, und eine erstklassige Sitzauslastung, wie Rick voll Stolz gesagt hätte, vermutlich sogar hat, denn er liebte ein volles Haus, was immer auf dem Programm stand, und wäre es seine eigene Hinrichtung. Ein paar von ihnen kamen im Auto – in den Wundern jener Zeit wie Lanchesters und Singers –, andere mit dem Bus und ein paar zu Fuß; und Gottes Seeregen hat ihnen in ihren billigen Fuchsstolen Frostbärte wachsen lassen, und Gottes Seewind schneidet durch den abgetragenen Stoff ihres Sonntagsstaats. Dennoch ist keiner unter ihnen, wie immer er hierher kam, der dem Wetter nicht noch eine Sekunde länger trotze, um vor dem Anschlagbrett stehenzubleiben und zu glotzen und mit eigenen Augen bestätigt zu sehen, was ihm der Buschtelegraf schon seit Tagen mitteilt. Zwei Plakate sind angeschlagen, beide vom Regen verwaschen, beide für die Passanten so fad wie kalter Tee. Doch denen, die den Code kennen, übermitteln sie ein elektrisierendes Signal. Das erste, orangerote, ist der Fünftausend Pfund Spendenaufruf des Baptistischen Frauenbundes zur Einrichtung eines Lesesaals – obwohl alle wissen, daß dort niemand je ein Buch lesen wird, daß es dort nur selbstgebackene Kuchen und Fotos von aussätzigen Kindern im Kongo geben wird. Ein Sperrholz-Thermometer, von Ricks besten Künstlern gefertigt, und am Geländer befestigt, zeigt an, daß der erste Tausender schon erreicht ist. Die zweite Bekanntmachung in grün besagt, die heutige Ansprache werde vom Gemeindepfarrer gehalten, jedermann sei willkommen. Aber diese Information war berichtigt worden. Eine förmliche Verlautbarung ist darübergeklebt, ganz in unheilverkündenden Großbuchstaben getippt, wie ein amtlicher Aushang:

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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