Ein Kleiner wird groß - Lothar Binz - E-Book

Ein Kleiner wird groß E-Book

Lothar Binz

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Beschreibung

Ein Kleiner wird groß - Lebensaufzeichnungen von Lothar Binz, einem württembergischen Unternehmer, der die kleine Zimmerei seines Vaters in ein modernes mittelständisches Unternehmen umwandelt. Die Biografie zeichnet das Leben Lothars nach, der 1943 in den Krieg hineingeboren wird. Sein Vater ist an der Front und kommt 1947 krank von dort zurück. Schon mit dreizehn Jahren steigt der großgewachsene Lothar als Auszubildender in den elterlichen Betrieb ein und wird Zimmermann. Doch bald erkrankt der Vater so schwer, dass er das Bett nicht mehr verlassen kann. Lothar ist Auszubildender und Chef zugleich. Trotz der Zwänge, in denen Lothar steckt, und der schweren Arbeit, die er leisten muss, schafft er es, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Nicht zuletzt dank Gertrud, seiner großen Liebe.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Vorwort

Kindheit

Einmarsch

Mein Vater, ein Unbekannter

Der Umsturz

Schulzeit

Lehrzeit

Der Unfall

Erste Maschinenschuppen

Neue Maschinen

Meisterprüfung

Gertrud

Hausbau

Hilfen für andere

Abbildungsverzeichnis

Anhang:

Lothars Erfindungen

Unser Gatter - Wiederauflage des Erstdrucks von 1955

Vorwort

„Tradition bedeutet nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ (Thomas Morus)

Als ich dieses Zitat zum ersten Mal gehört habe, dachte ich sofort an meinen Vater! Wohlwissend, wie wichtig ihm die Weitergabe seines Feuers war, habe ich ihm zu seinem 74. Geburtstag ein leeres Buch geschenkt, mit dem Angebot, alles, was er dort als seine Memoiren aufschreiben würde, abzutippen und binden zu lassen. Damals ahnte keiner von uns (außer wahrscheinlich er selbst), dass die ihm geschenkte Lebenszeit nicht reichen würde, dieses Projekt zu vollenden. Schon krank nutzte er die ersten Monate nach diesem Geburtstag, der sein letzter sein sollte, noch zum Schreiben, hatte aber nicht mehr die Kraft und die Zeit, das Ganze mit mir zu redigieren. Nach seinem Tod am Heiligabend 2017 nahm ich das Manuskript und verschriftlichte es mit Hilfe meiner Mutter Gertrud Binz und meines Onkels Karl Binz, der uns darin bestätigte, den Wortlaut Lothars genauso zu übernehmen, wie er es aufgeschrieben hat. Entstanden ist ein kleines Büchlein, das – wie ich hoffe – Lothars Feuer weitergeben kann, auch wenn es „nur“ die Zeit von seiner Geburt bis zur Verlobung mit Gertrud lebendig werden lässt.

Mein Vater hatte zeit seines Lebens ein Feuer in sich, dessen Energie er für uns, seine Familie, eingesetzt hat; aber ganz besonders auch für den Betrieb, der – so hat es mein Bruder Ingbert ausgedrückt - sein viertes oder wohl vielmehr sein erstes Kind war. Ihm hat er viel geopfert, wie es in „Ein Kleiner wird groß“ deutlich wird. Doch mein Vater hat das nicht als Opfer verstanden, denn aus seinem Betrieb und dessen sichtbarem Wachsen hat er auch Freude und Kraft gezogen.

Ab der Zeit, in der das Büchlein endet, hatte mein Vater dann eine Kraft im Hintergrund, die für ihn wichtiger als alles andere war:

Seine Gertrud. Diese Liebe hat uns Kinder geprägt und wird uns immer stützen. Sein Feuer brennt in unseren Herzen und in seinem Betrieb weiter, dessen Führung Lothar schon zu Lebzeiten meinen Brüdern übertragen hat,– ebenso wie in seinen eigenen Worten in „Ein Kleiner wird groß“.

Dass mein Vater schon als Kind gerne geschrieben und sich Gedanken um sich und die Welt gemacht hat, belegen zahlreiche Hefte und Aufsätze von ihm, die er zum Teil auch abgetippt hat, nachdem der das Maschinenschreiben gelernt hatte. Besonders eindrücklich beschreibt sein erstes im „Selbstverlag“ herausgegebenes Werk „Unser Gatter“ die Entstehung des Sägewerks in Pfahlheim und die Bedeutung, die diese Investition für meinen Vater und seine Familie hatte. In dieser Auflage finden Sie in einem Anhang ab Seite → das Werk des zwölfjährigen Lothar Binz nochmals abgedruckt. Ebenso habe ich handschriftliche Aufzeichnungen über Lothars „Erfindungen“ eingefügt. Meinem Vater war es immer ein wichtiges Anliegen, Betriebsabläufe zu optimieren, Technik einzusetzen, um Arbeit zu erleichtern. Er selbst hat dafür viel Zeit, viele Gedanken, aber auch Geld investiert. Einige Ideen, die ihm wichtig waren, stehen auf den Seiten → und →.

Aalen, an Lothars 76. Geburtstag, dem 03. Mai 2019

Verena Stoll

Kindheit

Am 3. Mai 1943 wurde ich als zweiter Sohn meiner verehelichten Eltern geboren. Mein Vater wurde, ob er wollte oder nicht, 1939 „eingezogen“ und tat seine „Pflicht“ bei der Wehrmacht. Neun Monate vor meiner Geburt hatte er Heimaturlaub und diesem Umstand verdanke ich mein Leben. Die Patin bei meiner Taufe, die ohne Eltern direkt nach der Geburt vollzogen wurde, war die Schwester meiner Mutter, meine „Dote“, Tante Agnes. Das geschah direkt nach der Geburt in der Klinik, im sogenannten „Annaheim“, das von Ordensschwestern geführt wurde. Bei einem Tod gleich nach der Geburt wäre ich nicht in die Hölle, sondern ins Paradies gekommen, ich war durch die Taufe von der „Erbsünde“ befreit.

Mein älterer Bruder war bald nach der Geburt verstorben und so hatte man zur schnellen Taufe in meinem Fall vielleicht allen Grund.

Bild 1: Mutter und Dote

Bild 2: Lothar und Marga Wehowsky

Ich wuchs bei meiner Mutter im neuen Haus auf, das Vater noch vor seiner Einberufung fertig gestellt hatte. Heute hat es die Adresse Am Limes 20. Bei uns wohnte noch Frau Lappe aus Duisburg. Sie war „evakuiert“ und bei meiner Mutter eingewiesen worden. Frau Lappe entwickelte zu meiner Mutter ein gutes Verhältnis und veränderte unsere schwäbischen Essgewohnheiten. Der grüne Salat wurde zum Beispiel mit Zucker angemacht, es gab Schwarzbrot mit Zucker.

Mit mir wuchs ein um ein paar Jahre älteres Mädchen auf: Die Marga war wie eine große Schwester für mich und meine Mutter war für sie wie eine Ersatzmutter.

Auch Marga Wehowsky, wie sie hieß, war, wie ich später erfuhr, aus dem Ruhrgebiet „verschickt“ worden.

Drei Frauen und ein ganz Kleiner, aber ein Mann, so sah die verbliebene Familie aus. Dementsprechend wurde ich behandelt und wahrscheinlich genoss ich diesen Umstand. Meine Mutter war Damenschneidermeisterin. Sie war in Konstanz am Bodensee in einer Klosterschule zur Ausbildung gewesen. Gewohnt hatte sie bei ihrem ältesten Bruder Josef Feil in Allensbach. Dieser war Karosseriebaumeister bei Maybach. Josef Feil muss bei dem Autobauer eine ganz gute Position gehabt haben, weil er in Allensbach am Bodensee in einem Haus der Firma Maybach wohnte.

Bild 3: Haus des Onkels Josef Feil in Allensbach

Das Kinderbett für mich bekam Mutter von ihrer Schwester, Tante Resi. Die Tante Resi war in „Stellung“ bei der Familie Helmle. Herr Helmle war Chef von BASF Ludwigshafen. Dessen Tochter wurde die dritte Frau des Ölmilliardärs Getty (Texaco). Das in der kurzen Ehe von 1928 bis 1932 1929 geborene Kind von Adolfine, geb.

Helmle, und Paul Getty, Ronald Getty, war als Kind in das Bett gelegt worden, in dem auch ich der Ruhe pflegte. Das Bett und andere Artikel kamen aus den USA über Tante Resi nach Deutschland und wurden in der Verwandtschaft verteilt. So kann ich behaupten, dass ich im gleichen Kinderbett wie der reichste Mann der Welt gelegen habe.

Den Zweiten Weltkrieg habe ich nicht bewusst erlebt. Auch meinen Vater vermisste ich nicht; ich habe ihn ja gar nicht gekannt. Auch die täglichen Feldpostbriefe habe ich nie gesehen, das war Mutters Geheimnis. Ich war immer gut gekleidet. Mutter schneiderte für mich und auch für Marga aus alten Sachen neue.

Nur beim „grauen Flanell“ sah vielleicht der Kennerblick, dass dieser verwendete Stoff in seinem ersten Leben ein Soldatenmantel war. Vieles, was ich berichte, weiß ich nur durch Fotos und durch Berichte.

Im Kindergarten - es gab nur den katholischen im unteren Stock des Schwesternhauses - war ich bei Schwester Maria Cleta (oder war es doch ihre Mitschwester?) eingeschult. Kindergarten war mit fünf Jahren bis sechs Jahren angesagt. Bei der Kindergärtnerin Paula Stengel war ich gerne. Sie war weltoffener und man musste wahrscheinlich bei ihr auch nicht so viel beten. Am liebsten war ich jedoch nicht in der „Kinderschule“, sondern zu Hause im Betrieb. Ich durfte dann den Zimmermännern zuschauen, etwas helfen oder so tun als ob. Im Werkstattboden durfte ich im Eingangsbereich auch 70 mm lange Nägel einschlagen, natürlich mit zwei Händen.

Mein jüngerer Bruder erblickte das Licht der Welt 1947. Zeugung und Schwangerschaft interessierten mich nicht, auch nicht die Zusammenhänge. Mir war es auch egal, ob die Kinder vom Storch gebracht wurden oder vom heiligen Christopherus.

Bild 4: Brüder im Frühling

Vater sagte: „Da kommt dein Bruder,“ obwohl er freilich nicht wissen konnte, ob das kommende Kind männlich oder weiblich war. Er war in Vorfreude auf das neue Familienmitglied, das da kommen sollte. Ich war gekränkt und entwickelte sowas wie Futterneid, als er sagte: „Der Bub, der kommt, bekommt alles, sogar den Schleifstein.“ Zwanzig Jahre später wollte Karl-Josef nicht mal den Schleifstein, sondern suchte seinen Weg außerhalb des Betriebs. Also war diese kindliche Aufregung umsonst.

Einmarsch

In Pfahlheim waren alle wehrfähigen Männer „eingezogen“, sprich beim Militär und somit in die Kriegsmaschinerie eingebunden.

Ausnahme waren nur einige, die „uk“ gestellt waren, das bedeutete „unabkömmlich“. Circa 1943 wurde die Nikolauskirche in Pfahlheim renoviert; der Dachstuhl, der statische Mängel aufwies, wurde verstärkt beziehungsweise verändert. Mein Vater hoffte deshalb auf eine zeitlich begrenzte „uk“-Stellung. Der Ortsgruppenleiter versagte diese und es wurde ein anderer damit beauftragt. Ich glaube, das hat Vater nie vergessen.

Bild Bild 3 5Abschied : Abschied Marie - und Karl Fronturlaub

Beim Einmarsch der Amerikaner war ich zwei Jahre alt. Deshalb weiß ich die Geschichten nur vom späteren Erzählen. In Pfahlheim im Schwesternhaus waren junge Soldaten der SS untergebracht.

Als der damalige Feind, die Amerikaner, näher kam, setzte sich die SS nach Lippach ab. Dort kam es, zum Teil bedingt durch die Wirkung des erbeuteten Schnapses, zu unmenschlichen Vorkommnissen der farbigen US-Soldaten. Man kann das Geschehene als normaler Mensch nicht begreifen und auch nicht aufschreiben.

Gegenüber unserem Haus in Häfners Garten hatte sich ein SS-Soldat „eingegraben“. Als ein Tiefflieger über ihn hinwegflog, schoss er in Richtung Flugzeug. Der Flieger flog zurück und tötete ihn. Auf dem Friedhof wurde er mit vier anderen Kriegstoten beerdigt. Die Gräber sind noch heute vorhanden und in einem gepflegten Zustand.

Bild 6: Soldatengräber auf dem Pfahlheimer Friedhof

Bild 7: Der "Wangersopa" (rechts)

Mein „Wangersopa“ hatte immer, auch später, wie ich mich erinnern kann, große Freude an seinem Holzvorrat für seine Wagnerei. Als der Amerikaner näher kam, wurden sogenannte Panzersperren aufgebaut. Am Ortseingang von Hirlbach kommend wurde diese mit seinem Holz bewerkstelligt. Die US-Fahrzeuge fuhren jedoch hinter der „Sperre“ über Häfners Garten ungehindert an dem „Bollwerk“ vorbei. Genauso sinnlos war kurz vor dem Einmarsch die Brücke über den Sonnenbach gesprengt worden.

Auch andere Geschichten passierten:

Wangers Opa stand an seiner Stalltüre – er hatte auch eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen. Es kamen zwei Soldaten auf ihn zu. Zu diesen sagte er: „Was tut ihr noch hier, schaut nach euren Amerikanern!“ Die zwei waren allerdings selbst Amerikaner und er dachte, die beiden gehörten zur SS.

Es gibt noch ein Ereignis, das festzuhalten ist. Andere US-Fahrzeuge kamen von Halheim auf das Dorf zu. Der Besitzer der Ziegelhütte, einem Gutshof, der dem Dorf vorgelagert ist, nahm ein weißes Betttuch und positionierte sich auf der Straße. Die US-Soldaten setzten ihn auf den ersten Panzer und fuhren mit ihm und seiner weißen Fahne ins Dorf ein. Für mich ist dieser Mann ein Held. Er hat durch seine Tat Schlimmes vom Dorf abgehalten und Pfahlheim wurde bis auf einen Scheunenbrand unbeschadet übergeben. Wäre noch ein SS-Soldat dagewesen, hätte der „Ziegeldone“ diese Tat mit seinem Leben bezahlt. Bis in die sechziger Jahre stand ein Feldkreuz an der damaligen Verkehrsinsel beim Friedhof, in dem ein Bild von diesem Ereignis hinter Glas zu sehen war. Ich würde mir heute noch wünschen, wenn an geeigneter Stelle eine Gedenktafel aufgestellt würde, um an diese Vergangenheit zu erinnern und zu mahnen.

Die Gewehre und die Munition wurden auf dem späteren Sportplatz deponiert. Bei der Suche oder beim Spielen kam es zu einer Explosion. Ein Junge, ein paar Jahre älter als ich, kam ums Leben. Ein anderer wurde verletzt. Meine Mutter und Frau Lappe waren im Haus und warteten. Man kann sich kaum vorstellen, wieviel Angst sie hatten: um ihre Männer, um sich und auch um mich. Der US-Offizier, der das Haus inspizierte, fragte: „Kein Buch ‚Mein Kampf‘?“ Mutter verneinte. Das besagte Buch war wie vieles andere im Garten irgendwo vergraben.

Die Zeiten in Pfahlheim wurden ruhiger. Der Zusammenhalt und die Anteilnahme in der Dorfgemeinschaft wurden nicht die Verlierer, sondern die Sieger. Für mich war es mit vier Jahren, als ob es keinen Krieg gegeben hätte. Nazis gab es auch keine; von diesen wurde gesprochen wie von den Römern, die früher hier gelebt hatten. Man kann sagen, sogar der Ortsgruppenleiter hatte vergessen, dass er mal Ortsgruppenleiter war.