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Der Lebenslauf eines Mannes vor dem Hintergrund von Ost und West im Deutschland des 20.ten Jahrhunderts wird mit all seinen Höhen und Tiefen wiedergegeben.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2015
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ein Vorwort
der Stammhalter
das Kriegskind
Pubertät
die Lehrzeit
das Studium
der Erbe
der Projektingenieur
der Alleineigentümer
Karriere
Rückschlag
berufliches Ende in den Diensten der Treuhandanstalt und der Familientradition
das Leben geht weiter
Die Tagesmeldungen stammen mit deren Erlaubnis aus „Chronik des 20. Jahrhunderts“, ISBN 3-570-11006-0 Elektronische Ausgabe der Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh. München 1993
Die von mir genannten Personen sind als Personen des Zeitgeschehens oder literarischer Darstellungen bekannt. Sollten sie oder ihre Nachkommen im Kontext der Erwähnung von mir unbeabsichtigt Persönlichkeitsrechte berührt sehen, so geschah dies unbeabsichtigt und ich entschuldige mich dafür.
Jeder kann, wenn er will, seine Biografie schreiben. Als Titel bietet sich an „Über mein Leben“. Diese Überschrift können sich aber nur Prominente leisten, wie Marcel Reich-Ranicki oder deutsche Bundeskanzler seit Konrad Adenauer.
Sie schrieben über die Zeit, die auch ich erlebte, und fanden viele Leser. Was sie zu erzählen hatten, hatte aber wenig mit den Abläufen und Zwängen des Alltags zu tun, die das Leben der Mehrzahl ihrer Mitbürger bestimmten. Politiker reden heute von der Nähe zum Menschen. Es gehört zum guten Ton der Journalisten in allen Medien, den Themen, über die sie berichten oder schreiben ein Gesicht zu geben. Wohlan, hier ist meines und es steht für einen Lebenslauf in Deutschland im 20ten Jahrhundert. Ich habe wie viele andere auch beginnend im 18. Lebensjahr in Taschenkalendern notiert, was ich erlebt hatte. Für tiefer gehende Betrachtungen war da kein Platz. Manchmal wundere ich mich darüber, was ich wert fand, notiert zu werden und was nicht. Ich hatte auch kein besonderes Bedürfnis, mich mit mir selber und mit der Welt auseinandersetzen zu müssen. Es war der Wunsch, das Erlebte festhalten zu wollen, die Zeit nicht ganz so spurlos entwischen zu lassen.
So können auch Briefe die Vergangenheit wieder aufleben lassen. Manchmal ist die Zeit dann noch zu spüren, in der sie geschrieben worden sind.
Meine erste abrufbare Erinnerung stammt aus dem dritten Lebensjahr. Die ältere Schwester meiner Mutter war zu Besuch gekommen. Ich spielte unbeobachtet mit ihrem Koffer, der auf einer Couch lag, Autobus. Dabei fiel der Koffer von der Couch und die unter anderem darin mitgebrachten Königsberger Hühnereier waren hin. Eine Standpauke der Eltern und ein Vorwurf meiner Tante war die Folge und ich wehrte mich mit „Du hast hier gar nischt zu sagen.“
Die eigene Biografie im Ablauf des 20.ten Jahrhunderts, die eines von Millionen Bürgern der Bundesrepublik vor dem Hintergrund von Ost und West in Deutschland, möchte ich festhalten. Vielleicht für die Enkel und Urenkel, oder für Zeitgenossen, oder auch nur für mich.
Beim Schreiben schimmert das Ich hinter den Rollen, die man mit mehr oder weniger Geschick gespielt hat, hervor. Es ging stürmisch voran und bergauf, bis ich an meine Grenzen stieß. Am Ende habe ich eine Bruchlandung zu hoch fliegender Pläne hingelegt und sitze mit zum Teil bitteren Erkenntnissen, auch über mich selbst, auf dem Boden der Tatsachen.
Eintrag im Elterntagebuch von meinem Vater Kurt Klamroth am 11.11.1933
„Groß war die Freude, als Du nach einer langen Nacht bangen Wartens und einem Morgen voller Schmerzen endlich 20 min vor 11 Uhr gesund und kräftig Dein Dasein auf dieser Erde begannst. Ein strammer Junge bist Du, wogst beinahe 7 1/2 Pfund und hast einen großen runden Dickkopf mit energisch ausgeprägter Nase.
Eine ernste Zeit ist es, in die Du hinein geboren wirst. Am 12. November ruft uns der Führer des deutschen Volkes, unser Reichskanzler Adolf Hitler zu der gewaltigsten Kundgebung, die je ein Volk in einen einheitlichem Willen zusammen schloss und die wohl auf Jahre hinaus unsere Politik bestimmen wird, wenn Du, zum Manne gereift, an all den Fragen selbst teilnimmst, die uns jetzt bewegen."
Damit beginnt meine dokumentarische Biographie. Sexualität lasse ich darin nicht vorkommen, obwohl sie mich in diesem Leben hin und her geworfen hat.
Darüber zu schreiben fehlen mir der Mut, die Schamlosigkeit und die literarischen Ausdrucksmöglichkeiten.
Ich schreibe so, wie ich ein Leben lang gearbeitet habe, mit möglichst wenig Schnörkeln.
Ich bin Linkshänder. Das Verhältnis von Rechts- und Linkshändern in der Normalbevölkerung ist etwa 9 zu 1. Das soll seit zwei Millionen Jahren so sein und hat demnach der Evolution widerstanden, scheint aber trotz aller neurologischen Erkenntnisse nicht einfach zu erklären zu sein.
Ein möglicher Vorteil, den die Linkshändigkeit bringen könnte, wird auf Linkshänderseiten im Internet betont. Dort hält sich das Gerücht, Linkshänder seien intelligenter als Rechtshänder, aber Wissenschaftler schütteln die Köpfe darüber.
Meine Mutter Ilse, geborene Loesener schreibt auf als sie 70 wird:
Schwiegermutter Gertrud hatte uns eine Wohnung in Halberstadt eingerichtet, Möbel aus den Elternhäusern waren zusammen gestellt, ein funkelnagelneues Esszimmer, sehr schön in Mahagoni, war unser ganzer Stolz. Wir hatten als junges Ehepaar vier Zimmer und einen Nebenraum in der schönsten Strasse Halberstadts, mit ein paar Schritten im Grünen und in den Spiegelsbergen, nah am Bismarckplatz und nicht weit von der Innenstadt.
Kurt hatte ein kleines Anwaltsbüro und sollte hauptsächlich die Familien-Firma J.G. Klamroth juristisch vertreten. Seine Arbeit im Büro füllte Kurt nicht ganz aus, so konnte er die Kultur in Halberstadt mit seiner Musik beeinflussen. Er leitete das collegium musicum, spielte oft Streichquartett und sang im Chor. Leider übersah er oft die Mitmenschen, die ihn freundlich auf der Strasse grüßen wollten, er war immer in Gedanken. Da er seinem älteren Bruder Hans Georg sehr ähnlich sah, bekam dieser oft von Bekannten zu hören, er grüsse sie wohl nicht mehr. Für eine Familie, die von allen Seiten beobachtet wird, war diese Eigenschaft von Kurt nicht gerade förderlich. Kurt nahm eine Stelle als Regierungsrat im Kultusministerium in Berlin an, das neu gegründet worden war.
Inzwischen war unser Klaus erschienen, und ein Junge, das war etwas für die Familie Klamroth.
Mein Vater hatte schon als Student begonnen Gedichte zu schreiben. Meine Mutter lernte ihn kennen bei einem Chorbruder der Freiburger Rhenanen, mit dessen Schwester in Berlin sie befreundet war. Kurts musische Vorzüge haben sie beeindruckt, denn ein Tänzer war er zu ihrem Kummer nicht. Und beim Scherz der Freunde „Ilse, was stöhn´sten, Du hast doch den schön´sten, war ein Fünkchen Ironie nicht zu überhören.
1934 schrieb er für mich: „Meinem Jungen“
Lerne Lachen, mein Junge!
Die Höhen des Lebens sind steil.
Lachend gewinnst Du im Sprunge,
was keinem Seufzer zuteil.
Lerne Singen, mein Junge!
Singen macht frei und weit,
trägt Dich mit Flügelschwunge
über der Erde Leid.
Lerne Beten, mein Junge!
Über der Erde Weh
rühmt die eherne Zunge
der Glocken Gott in der Höh.
Und lernest Du leiden, Knabe,
erdulde den Ritterschlag!
Über dem offenen Grabe,
ruft Dich der kommende Tag.
Reife zum Manne in Kämpfen,
dem keine Not und kein Schlag
Freude und Sieglust zu dämpfen
oder zu töten vermag.
Mein Vater ist 1927 an der Universität Göttingen promoviert worden mit einer Dissertation über „Staat und Nation bei Paul de Lagarde“, der, 1891 verstorben, Kulturphilosoph und Mitglied der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften war, und veröffentlichte die Arbeit als Beitrag zur Geschichte der politischen Ideenlehre im 19. Jahrhundert.
Drei Monate vor mir war eine Cousine zur Welt gekommen und wuchs in der oberen Etage des Großelternhauses in der Familie des älteren Bruders meines Vaters auf. Das war eine andere Welt im gleichen Hause am Bismarckplatz. Unten und oben hielten Abstand von einander, man traf sich gelegentlich in der ersten Etage, die sich die Jungen oben und die Akten unten geteilt hatten. Die breite und sehr schön getäfelte Treppe, die von dort nach unten zu den Wohnräumen meiner Großeltern führte, durften die Enkel nur an Sonnund Feiertagen benutzen. Ob man als Mädchen an vierter Stelle mit zwei großen Schwestern und einem sieben Jahre älteren Bruder oder als erstgeborener Junge seinen Lebensweg beginnt, macht einen Unterschied. Ich hatte deshalb nicht mit dem Schicksal zu hadern.
An dieser Stelle ist schon alles beisammen, was mich, vielleicht auch pränatal, am Anfang geprägt haben kann. Am zweiten Weihnachtstag wurde ich in der Liebfrauenkirche in Halberstadt getauft. In dieser Kirche sind viele meiner Vorfahren konfirmiert und getraut worden.
Großvater Kurt Klamroth am Brunnen im Garten seines Hauses am Bismarckplatz in Halberstadt mit den Enkeln des Jahres 1933
Mein Vater sprach nach der Taufe von dem Ringwall der Paten, die mich behüten möchten. Da sind die beiden Großmütter dicht bei mir, die beiden Onkel etwas weiter entfernt, Hans
Georg und Walter, der ältere Bruder meiner Mutter, vorgesehen, mich später in das Arbeits- und Berufsleben einzuführen. Die Brücke zu anderen nahe stehenden Menschen sollten zwei Freunde der Eltern schlagen.
Meine Eltern hatten im Jahr darauf in Berlin - Lankwitz in der Gluckstrasse ein Reihenhaus gefunden. Es hatte drei Stockwerke und eine Wendeltreppe, die meine Mutter erst etwas ängstlich machte, weil ich nun ein Krabbelkind war. Jenseits der Strasse vor dem Haus fuhren die Züge der Deutschen Reichsbahn.
Das muss unüberhörbar gewesen sein, aber im zweiten Lebensjahr eines Jungen macht das den Wohnort interessanter. In der ersten Zeit nach dem Umzug blieb ich noch bei den Großeltern in Halberstadt am Bismarckplatz, denen ich mit „meinem lieben, schelmischen Wesen viel Freude gemacht haben soll“.... Aber ich sei ein kleiner Quirl und nicht lange bei einer Sache zu halten, schreibt mir mein Vater Weihnachten 1934 ins Kindertagebuch. Bis zum 12. Lebensjahr hatte ich häufig und ab 1943 für längere Zeit dieses Privileg unter allen Enkeln, direkt bei meinen Großeltern zu wohnen und durfte dort auch täglich die Sonntagstreppe herunter gehen.
Im Sommer 1935 kam gesund und kräftig mein Bruder Lutz dazu. Die Eltern hatten nun Anna Prause, die als Hausmädchen bei uns lebte, zur Hilfe. Sie liebte uns Jungens abgöttisch und wir sie auch.
Mein Vater Kurt schreibt am 26.10.1935 in das Kindertagebuch:
unser Klausemann hat sich zu einem strammen, gesunden Bengel entwickelt. In Haus und Küche weiß er ganz genau Bescheid, am liebsten fegt er mit dem Besen, wischt Staub oder rührt mit dem Löffel im Topf. Dagegen ist er körperlich ein kleiner Tollpatsch, er wird wohl noch manches lernen müssen, bis er so ist, wie unser Führer Adolf Hitler sich die deutschen Jungens wünscht: flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl. Da müssen Vater und Mutter aufpassen, dass er nicht allzu sehr verwöhnt wird, sondern bald lernt, hart mit sich zu sein, und Mut und körperliche Gewandtheit zu entwickeln. Aber wir müssen bedenken, dass unser Großer ja einstweilen man noch ein recht kleiner Kleiner ist, der zwar einen gewaltigen Dickkopf hat, aber auch einen recht lieben, goldigen Kindskopf.
Meine Mutter schreibt am Montag, 28. April 1941 in mein Tagebuch :
Du schreibst, mein Klaus, Du kannst schon eigene Karten und Briefe schreiben und tust das auch ganz gern. Wir leben noch immer im Krieg, und Du bist auch gar nicht dafür, dass er bald beendet sein möge, Deine Splitterkiste ist Dir noch nicht voll genug, trotz Deiner 150 Granatsplitter. Selbst ein echt englischer Bombensplitter ist dabei. Im Radio hörst Du abends mit Begeisterung die Frontberichte, auch alle Sondermeldungen begeistern Dich mit uns. Ich denke daher, Du wirst Die großen Heldentaten unserer Wehrmacht immer im Gedächtnis behalten. Unser Großer liest sogar schon Zeitung. Eines Tages, als ich mit den beiden Kleinen in Wernigerode war, unterhält sich Klaus mit seinem Vater am Frühstückstisch:
Klaus: „Vati, bald werden die Engländer wohl kaputt sein.“ Vati, „wieso“?
Klaus: „Na, mit unserem neuen Bomber Focke Wulf.“
Vati: „Woher weißt Du das“ ?
Klaus: „Mensch, hast Du das denn nicht in der Zeitung gelesen“?
Nach den Erinnerungen meiner Muter hatte mein Vater oft Ärger im Ministerium. Dort hatten die Parteigenossen mehr und mehr das Sagen und verlangten von den Juristen, Erlasse zu schreiben, die nicht zu vertreten waren. Sein oberster Vorgesetzter und Minister Bernhard Rust trat bereits 1922 der NSDAP bei.
Am 2. Februar 1933 wurde er kommissarischer preußischer Kultusminister und 1934, als das Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung gebildet wurde, in Personalunion Reichsminister. Er war damit völlig überfordert, verfiel dem Alkohol und überließ den Funktionären das Feld. Die machten den Beamten preußischer Prägung in seinem Ministerium die Arbeit zur Qual.
Die Eltern bekamen die Miete für das Einfamilienhaus von den Großeltern Klamroth bezahlt, sonst wäre der Haushaltsetat überfordert gewesen. Da es keine Luxusartikel mehr gab, man hausbacken kochte und die Grundnahrungsmittel sehr billig waren, kamen wir über die Runden. Für die Kleinkinder wurde alles selbst gekocht. Möhrensaft und jedes Breichen mühselig selber hergestellt, Windeln gewaschen und nicht so oft die Wäsche gewechselt, das sparte einiges.
Im Februar 1939 kam mein Bruder Hans Gottfried auf die Welt. Nun war die Mutter reichlich ausgefüllt mit drei kleinen Jungen, alle gesund und lebhaft.
Für die größer gewordene Familie wünschte sich mein Vater ein eigenes Haus. Er bat seinen Vater um sein Erbteil und fand in Berlin Lichterfelde Ost eine Siedlung, in der gerade mehrere Einfamilienhäuser gebaut wurden. Dort kaufte er eines davon am Resselsteig 18 mit kleinem Garten. Es waren unten in dem Haus drei Räume, Terrasse, Küche und Gästeklo, darüber eine Etage mit vier Schlafzimmern, eins für die Eltern, zwei für die Kinder und eins für Anna, das Hausmädchen. Dazu ein Badezimmer und im Keller war ein Luftschutzraum für Fliegerangriffe eingerichtet. Die Diele war so geräumig, dass ein Esstisch hinein passte.
Dort hing auch das Bild des Führers Adolf Hitler.
Ich sehe noch den Patenonkel Hans Georg im Garten dieses Hauses in Offiziersuniform vor mir stehen. Daneben meinen Vater, der zu seinem Bruder aufblickte, wie er das immer getan hatte, obwohl er doch hier der Hausherr war. „Kannst Du schon eine Decke richtig zusammenlegen“, fragte er und ich ärgerte mich über diese herabsetzende Frage an einen Achtjährigen. Es ist das die einzige persönliche Erinnerung an ihn, den ich später aus den Spuren, die er im Unternehmen J.G. Klamroth hinterlassen hat, als tüchtigen Kaufmann und investitionsfreudigen Unternehmer wahrnahm, bevor alles zu Grunde ging.
Ich sehe aber auch noch heute ein älteres Ehepaar vor mir, auf dem Wege zur Bushaltestelle in unserem Viertel, beide unübersehbar gezeichnet mit dem knallgelben Judenstern. Die sahen mich freundlich an, was mit der grellen Warnung so gar nicht zusammen passte.
Mein Vater schreibt am 19. April 1942 in mein Kindertagebuch:
Ein recht gewaltiges Jahr war es wieder, an dem Du in Deinem Jungensleben auf Deine Weise Anteil nehmen konntest. Etwa vor einem Jahr erlebten wir den Einmarsch unserer Truppen in Griechenland und Jugoslawien, es folgten die Tage, in denen Kreta durch unsere tapferen Fallschirmjäger genommen wurde. Und dann kam der schicksalhafte Tag, an dem die Nachricht kam, dass der Krieg nunmehr auch über die russische Grenze hinweg in das weite Russland getragen wurde. Wieder hast Du oft mit uns am Radio die gewaltigen Siegesmeldungen gehört, die von den großen Umfassungsschlachten berichteten. Du hast Dir sogar ein Formular für Sondermeldungen entworfen, in dem Du die Zahl der Gefangenen, der vernichteten Panzer, erbeuteten Geschütze auf führtest. Allerdings glaubten wir wohl alle nicht, dass der Krieg im Osten so furchtbar schwer und blutig sein würde und uns diesen schweren Winter bereiten würde.
In Deinem eigenen Kinderleben trat durch die Geburt unserer lieben Annegert eine wichtige Veränderung ein. Da kam der Augenblick, wo Lutz und Du in Wernigerode zum ersten Mal Euer Schwesterchen besehen konntet. Als die Sommerferien um waren, kamst Du zu mir nach Berlin und dort in die Schule zurück, während Mutti, Friedel und Annegert noch in Wernigerode blieben.
Meine Mutter schreibt im Juni 1943 in mein Tagebuch :
Nun habe ich doch schon manchmal einen vernünftigen, verständigen Sohn, der recht helfen kann. Er bastelt sehr geschickt. Schiffe und Tanks, Flugzeuge aus Papierbogen hast Du geklebt.
Wenn etwas entzwei ist, kann man Klaus schon anstellen, es wieder ganz zu machen.
Nur eines ist lästig, seine große Ungeduld, dann geht es mit ihm durch und das Gebrüll durch das Haus ist schlimm.
Vati hat Freude an Dir, da Du vor einem Jahr Klavierspielen gelernt hast. Du spielst leicht und mit geschickten Händen.
Deine größte Sehnsucht ist jetzt, Pimpf zu werden und Fanfare zu blasen. Dein großer Freundeskreis hier ist Dir treu geblieben, immer ist der Garten bevölkert mit Jungen jeden Alters, die mit Dir spielen wollen.
Leider haben Dir die schweren Fliegerangriffe geschadet. Du bist nervös und ängstlich und sobald die Sirene ertönt hellwach. Auch in Halberstadt, wo Du zwei Monate wieder bei den Großeltern warst, brauchtest Du lange Zeit, heimisch zu werden, alles Wirkungen der bösen Zeit, in der wir leben.
Eine Freundin meiner Mutter beschreibt im August 1943 einen Bombenangriff auf Berlin:
„Kurz vor Mitternacht holte mich die Sirene aus abgrundtiefem Schlaf, dass ich mit wankenden Knien in die Kleider fuhr. Wir gingen in unseren Luftschutzkeller. Vorläufig war kaum etwas los. So ging es eine halbe Stunde und wir dachten alle schon beruhigt, es sei wieder ein Alarm wie die letzten in Berlin, wo kaum ein Schuss fiel. Dann aber tobte die Hölle los. Pausenlos war die Luft vom Geheul der herab sausenden Bomben und Phosphorkanister erfüllt. Bei jedem Einschlag bebte das Haus. Man hatte ununterbrochen das Gefühl, dass sich das alles unmittelbar über dem eigenen Keller abspielte und erwartete ständig den Volltreffer. Während der ganzen Zeit wurde kaum ein Wort gesprochen, weil alle nur dem infernalischen Brausen in der Luft lauschten. Ich hatte eine barbarische Angst. Endlich, endlich, ließ es etwas nach und die Luftschutzwarte meldeten uns, dass der Seitenflügel unserer Schule in hellen Flammen stünde. Beim Löschen kamen sie nicht weit. Die Phosphorkanister schlagen bis zum Boden durch und sind nicht zu bekämpfen.
Zudem gab es kein Wasser mehr. Auch das Licht war nach den ersten Angriffsminuten ausgegangen und wir saßen bei Kerzenstümpfen. Um halb drei Uhr war der Höllenzauber vorbei und wir konnten wieder zurück in unsere Wohnung. Von den vielen Bränden war es taghell. Ruß und Funken zogen in dichten Schwaden durch die Luft. Das Haus war wie durch ein Wunder unversehrt.“
Ich erinnere mich:
In der Nähe unseres Hauses in Berlin Lichterfelde Ost stand ein großer Luftschutzbunker, einer der Klötze, die man vereinzelt noch wie Fossilien in unseren Städten stehen sieht. Da hinein rannten wir fast jede Nacht, wenn die Sirenen wieder heulten und brauchten etwa Fünf Minuten für den Weg dorthin. Dieses schauderhafte Geräusch und die damit aufkommende Angst habe ich noch heute in den Ohren und im Magen.
Die Zuflucht war bitter nötig, ganze Bombenteppiche fielen ab 1943 auch auf die Vororte von Berlin. Oft verlor unser Hausdach durch den Luftdruck Ziegel und hatte große Lücken. Fensterscheiben waren zersprungen und wir waren trotz allem erleichtert, dass das Haus keinen Treffer erwischt hatte. Beim Aufräumen und Ausbessern der Schäden konnte ich schon mithelfen, was mich dann wieder stolz machte.
Und das war ich auch, wenn ich einen besonders großen Bombensplitter gefunden hatte und meinen Schulkameraden zeigen konnte.
Bald sprach man öffentlich von „Evakuierung“, Frauen und Kinder sollten Berlin und die gefährdeten Großstädte verlassen, jedem war klar geworden, dass die deutsche Luftwaffe die Hoheit über dem Heimatland verloren hatte. Die Eltern entschlossen sich zur Trennung. Mein Vater blieb in Berlin, meine Mutter zog mit den drei Geschwistern im August 1943 nach Wernigerode am Harz zu ihren Eltern und ich zu den Großeltern nach Halberstadt. Dort absolvierte ich die vierte Grundschulklasse und kam dann auf das ehrwürdige Halberstädter Domgymnasium, das schon der Vater und der Großvater besucht hatten. Den Klavierunterricht wollte ich aber nicht wieder aufnehmen. Ich lernte nun das Geigenspielen, das mein Vater so gut beherrschte, war aber weit davon entfernt, es ihm jemals nachtun zu können. Dann bekam ich einen Geburtstagswunsch erfüllt und das erste kleine Akkordeon. Das war ein Instrument, mit dem ich mich schnell befreunden und bald mit Volksliedern glänzen konnte.
Daneben hatten es mir die Fanfarenbläser des Jungvolks angetan, aber dafür war ich noch zu jung.
Am 6. März 1943 bekam mein Vater einen Brief des Gaupersonalamtes der NASDAP Berlin in der Herman-Göring-Str.14, Hauptstelle „Führernachwuchs“:
„von der zuständigen Volksschule erhalten wir die Mitteilung, dass Ihr Sohn gegebenenfalls für die Oberschule der Reichsschule Feldafing der NSDAP in Frage kommt. Bevor wir hierzu eingehend Stellung nehmen, bitten wir Sie, Ihren Sohn mit den letzten drei Schulzeugnissen zu einer Vormusterung zur Gauleitung der NSDAP zu schicken.“ Mein Vater vermerkt auf dem Schreiben drei Tage später „ablehnend beantwortet“. Auch in Halberstadt hatten zwei Abgesandte der Partei wenig später mit dem gleichen Anliegen den Großvater aufgesucht und sich eine Abfuhr abgeholt.
Den 20. Juli 1944, der für die große Familie nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Adolf Hitler zum Schicksalstag wurde, erlebte ich in Wernigerode bei der Mutter, ihren Eltern, die wir Opa und Oma nannten, und den Geschwistern. Mein Bruder Lutz hatte Geburtstag. Weil ich schon als Kind gerne die Nachrichten verfolgte, hörte ich die Sondermeldung vom Sprengstoffanschlag im Führerhauptquartier. Mir fuhr der Schrecken durch Mark und Bein. Ich war ja ein Schüler, der bis dahin im so genannten gesunden deutschen Volksempfinden aufgewachsen war. Vom Opa bekam ich einen Rüffel, als ich Näheres zu den Umständen des Attentats wissen wollte, Kinder hatten sich da heraus zu halten.
Hin und wieder hatten sich meine Eltern gestritten über die politische Einordnung von Geschehnissen und manchmal übersehen, dass ich dabei war.
Die Mutter äußerst skeptisch und abschätzig über die braune Gesinnungsflut, die bald alles überspült hatte, der Vater idealistisch und immer noch an Blut und Boden glaubend. Mit zehn Jahren konnte ich nicht Partei ergreifen. Nach dem 20. Juli 1944 sprach in meiner Gegenwart dann niemand mehr über Politik.
Heute weiß ich, dass sich unter den Offizieren im Besprechungsraum, in dem Graf von Stauffenberg den Sprengstoff explodieren ließ, mit Generalfeldmarschall Keitel ein angeheirateter Nachkomme der Familie Tölke aus Halberstadt befand. Seine Frau Lisa Keitel, war Enkelin von Carl Tölke, dessen jüngste Schwester Bertha mein viermaliger Urgroßvater Ludwig Klamroth am 30. Juni 1835 geheiratet hatte. Generaloberst Schmundt, der Adjutant des Führers war ein Vetter meiner Mutter, der Sohn der Schwester ihrer Mutter. Keitel überlebte und unterschrieb danach die Todesurteile der Militärgerichtsbarkeit. Schmundt starb Tage später und erhielt ein Staatsbegräbnis.
Mein Patenonkel Hans Georg, dem Mitwisserschaft an der Verschwörung vorgeworfen wurde, wurde vor das Freislersche Volksgericht gestellt und im August 1944 hingerichtet. Mein Vater wurde in das berüchtigte Strafbataillon Dirlewanger gesteckt, eine Truppe, die ursprünglich aus Kriminellen zusammengestellt, dann mit Insassen aus Konzentrationslagern aufgefüllt und hauptsächlich als Kanonenfutter gedacht war. Mein Großvater versank nach dem 20. Juli 1944 in Demenz. Meine Cousine Wibke Bruhns hat in „Meines Vaters Land“, herausgegeben im Econ Verlag 2004, beschrieben, wie unser Land und unsere Familie dieses Schicksal mit heraufbeschworen hat.
Wieder zurück bei den Großeltern in Halberstadt gab es nur Schweigen über das, was geschehen war.
In das Domgymnasiums von Halberstadt ging der ein Jahr ältere Alexander Kluge, aber 1945 war er Pennäler wie alle anderen auch und erlebte den Schulalltag in der Vorharzstadt wie Generationen vor uns, trotz des Krieges, bis am Sonntag, am 8. April 1945 eine britische Bomberflotte Halberstadt am helllichten Tag in Schutt und Asche legte. Er hat 1977 darüber geschrieben und seinen Bericht im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 veröffentlicht. Es war ein Terrorangriff im Sinne des Wortes, ausgeführt, als der Krieg längst entschieden war. Er löschte die Stadt zu über zwei Dritteln aus. Dieses Ereignis hat die Menschen weit über die Stadt hinaus erschüttert und bewegt, so abgestumpft und fatalistisch sie auch nach dem über zwei jährigen Bombardement auf die deutsche Zivilbevölkerung schon waren.
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Es war ein Sonntag, ein strahlender Frühlingstag, ich war wie häufig am Wochenende bei meiner Mutter und meinen Geschwistern in Wernigerode.
Plötzlich erschienen am Himmel Geschwader von feindlichen Bombern, die über uns hinweg flogen. Wir liefen voller Angst aus dem Haus in den nahen Wald. Dann begann ein unaufhörliches Donnern und schwarze Wolken standen in nordöstlicher Richtung am Himmel, das konnte nur ein Angriff auf Halberstadt sein.
Eine Rückkehr dorthin war bis auf weiteres unmöglich. Die Schulen waren geschlossen. Das Großelternhaus am Bismarckplatz im Süden Halberstadts war nicht getroffen worden, füllte sich aber bald mit Ausgebombten und Flüchtlingen vom Keller bis unter das Dach.
Fast 100 Personen haben im April des Jahres 1945 zunächst in dem Haus Zuflucht gefunden, das von seinem Architekten Hermann Muthesius 1910 als Einfamilienhaus konzipiert worden war.
Es war auch für uns in der Nachbarstadt Wernigerode eine entbehrungsreiche Zeit, in der die Aufrechterhaltung des Lebensunterhaltes für die Kinder und die alten Eltern meiner Mutter übermenschliche Kräfte abverlangten. Wir Kinder waren trotz allem schnell dabei, den Durchmarsch der amerikanischen Streitkräfte durch die Stadt zu bestaunen. Mit ungewohnter Lässigkeit saßen die Soldaten auf ihren Fahrzeugen, nicht einer marschierte zu Fuß. Sie warfen uns Kaugummis zu, um die wir uns balgten.
1945, 8. Mai, Dienstag:
In einer Rundfunkansprache über den Sender Flensburg gibt der Reichspräsident, Großadmiral Karl Dönitz, sämtlichen deutschen Streitkräften den Befehl zur Kapitulation.
Mein Vater kam im Mai 1945 zu Pfingsten aus dem Krieg zurück und erschien unverhofft in Wernigerode, als im Garten der Großeltern dort der feiertägliche Kaffeetisch gedeckt werden sollte.
Als meine Mutter die Stühle abzählte, schallte es über den Zaun: „und noch einen mehr für mich !“
Er löste eine unbeschreibliche Freude und Erleichterung bei uns aus. Über seine Odyssee zurück aus dem Krieg hat er unter dem Titel „vom Roten zum Weißen Stern“ berichtet.
Für seine Heimatstadt schrieb er unter dem Eindruck der Verwüstungen, die er vorfand, das folgende Gedicht:
Halb Zwölf Uhr zeigt das starre Ziffernblatt
am Stumpf der Türme der zerstörten Stadt
Halb Zwölf – o helle lebensvolle Stunde
im Sonnenglanz des knospenden April.
Halb Zwölf – o dunkler Ruf aus Todesgrunde,
der uns mit jähen Ängsten schrecken will.
Halb Zwölf – wie Grabeshauch rührt es uns an,
die Zeit steht still, der Tod schlug sie in Bann.
Halb Zwölf – in Ehrfurcht wir die Blicke senken
und harren still in trauerndem Gedenken.
Halb Zwölf, des Lebens lichte Mittagszeit
sie finde über Trümmern und Verwesung
zu neuem Leben gläubig uns bereit
in frühlingsstarkem Willen zur Genesung.
Halb Zwölf- und schlug der Tod die Zeit in Bann,
das Leben löst ihn, blicket auf ! Packt an !
1945 1. Juli, Sonntag
Sowjetisches Militär marschiert nach dem Abzug britischer und US-amerikanischer Truppen in die mitteldeutschen Städte ein. Danach richtet die Sowjetische Militäradministration in Deutschland in der sowjetischen Besatzungszone fünf Länder ein: Mecklenburg, Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen.
Mein Vater hatte keine andere Wahl. Er musste jetzt das Familienunternehmen, von dem die Existenz vieler Menschen abhing, weiterführen. Er wollte dabei seine eigene Familie um sich haben und in der zerstörten Stadt gab es zunächst keinen Wohnraum. Also zogen wir in das Haus der Großeltern ein. Zwei aus Köln evakuierte und oben im Haus einquartierte Familien hatten vor dem Einmarsch der Russen rechtzeitig ihre Sachen gepackt und kehrten wieder zurück ins Rheinland. In diese Räume zogen meine Eltern und Geschwister, während ich in meiner kleinen Kammer in der mittleren Etage in der Nähe der Großeltern blieb. Aber nun kamen auch noch russische Einquartierungen hinzu.
Russische Offiziere übernahmen eine Zeit lang den Schlaftrakt der Großeltern, die sich nur noch in ihren Wohnräumen aufhalten konnten.
Meine Mutter hatte ihre alten Eltern, die sich in Wernigerode nicht mehr alleine versorgen konnten, mit nach Halberstadt gebracht und für sie zwei Zimmer im zweiten Stock in dem Eckhaus gefunden, das der Villa von Kluges in der Harmoniestrasse gegenüber stand. Ihr Vater ist dort kurze Zeit später gestorben, ihre Mutter lebte noch ein Jahr länger, dann bei der älteren Schwester in Derenburg.
Es war eine Zeit, die jedem unsägliche Anstrengungen für das Weiterleben abverlangte. Und doch blühte in den Halberstädter Ruinen bald wieder kulturelles Leben auf.
Mein Vater ließ sein Collegium musicum wieder auftreten und das konnte sich mit manchem Kammerorchester dieser Zeit messen.
Hans Herrmann Kurig brachte den Halberstädtern Erstaufführungen mit einer eigenen Symphonie und eigenen Chorwerken. Die Sänger und Sängerinnen des Theaters gaben Solodarbietungen.
Heinrich Heine wurde Vorsitzender des Halberstädter Kulturbundes. Ein Kreis von Menschen, die neue Werte suchten und geistige Lichtblicke im Grau des Alltags erleben wollten, hatte sich damals gefunden. Viele von denen sagten später, dass sie nie wieder eine so geistreiche und anregende Freundesrunde um sich scharen konnten wie damals.“
Der Vater schreibt mir am 20. April 1946 ins Tagebuch:
Nun haben wir den schweren Winter überstanden. Ihr habt Gott sei Dank nicht viel von seinen Schwierigkeiten gemerkt. Als wir in Kohlennot waren, hast Du eifrig mit Kohlen geklaut aus dem großen Vorrat, den die Russen in unserem Tennishäuschen für sich aufgestapelt hatten. Als der Schnee fiel, seid ihr auf Euren Skiern draußen in den Spiegelsbergen herumgefahren. Wie schön war trotz allem das Weihnachtsfest im frohen Beisammensein mit den Vettern und Cousinen. Damals waren Tante Annie und ihre Kinder zum letzten Mal bei uns.
Heimburg, euer schönes Ferienparadies, ist nun für sie und uns alle verloren. Ich konnte ihnen im letzten Augenblick über die Grenze verhelfen, ehe sie von den Russen geschnappt wurden.
Nicht immer gefiel Euch der Unterricht von unserem Hausgenossen, Herrn Studienrat Frost, aber später werdet ihr sicher mal dafür dankbar sein, dass ihr hier etwas lernen konntet, was Euch die heutige Schule nicht mehr bieten kann.
Mein Bruder Lutz und ich haben beide dank des Privatunterrichts durch „Knackus Frost“, der nach dem Bombenangriff eine Weile in der leer geräumten Speisekammer hinter der Küche im Großelternhaus lebte, bei der Wiedereröffnung der Schule im Herbst 1945 je eine Klasse nach oben springen können. Unsere Schule hieß jetzt Dom- und Ratsschule und vereinigte das alte Halberstädter Martineum und das Domgymnasium in dem wie durch ein Wunder unversehrt gebliebenen Gebäude am Johannisbrunnen unterhalb des Domplatzes. Ich folgte der vom Vater vorgegebenen Linie weiter und durchlief dort das noch unveränderte Curriculum des humanistischen Gymnasiums mit den Schwerpunktfächern Latein und Griechisch in einem kleinen Schülerkreis. Deutsch, Mathematik und Nebenfächer erlebten wir in der dreizügigen Oberstufe zusammen mit den Kameraden, die den neusprachlichen Zweig gewählt hatten. Die Klasse hieß dann „ac“. Unser Klassenleben kann man sich am besten vorstellen, wenn man an den Heinz Rühmann Film „die Feuerzangenbowle“ denkt. Aber die politischen Einflüsse machten sich schnell bemerkbar.
1946, 8. September, Sonntag
Bei den Gemeindewahlen in Sachsen-Anhalt und in Thüringen kann jeweils die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands die meisten Stimmen auf sich vereinigen.
Man trug als Jugendlicher, wenn man mitmachen wollte, jetzt blaue statt der früher braunen Hemden.
Die Turnerriege, bei der ich vor dem Kriegsende schon regelmäßig geübt hatte, hatte die gleichen Übungsleiter. Auch der Fanfarenzug, bei dem mitzumachen immer schon mein sehnlichster Wunsch gewesen war, marschierte jetzt als Einheit der Freien Deutschen Jugend.
Bis heute wundere ich mich über die Kaltschnäuzigkeit der Ulbricht-Kader, die im Interesse der eigenen Machtfestigung den deutschen Militarismus fast übergangslos und kaum verändert fortleben ließen. Wie bei den Nationalsozialisten zehn Jahre vorher bedurfte es dazu einer vor geschalteten Jugendorganisation, vorher HJ, jetzt FDJ. Es gab kleine Änderungen am äußeren Bild, die Farbe der Hemden wie gesagt, und semantische Unterschiede in der Kommunikation.
Man hat sich wohl auf das angeblich unwiderstehliche Fundament der Marxistisch-Leninistischen Ideologie und auf die staatliche Sicherheitspolizei verlassen, die schon bald anfing, wie die geheime Staatspolizei im vergangenen „!000-jährigen Reich ein Klima der Einund Unterordnung herzustellen.
Der Vater schreibt mir zur Konfirmation:
Mein Ältester, Du stehst nun an der Schwelle,
den großen Schritt vom Kind zum Mann.
Ergreifen wird Dich Deines Lebens Welle,
und rings umher zieht Dich das Fremde an.
Wir können Dich nur mahnen: Sei bereit!
Bleib Deinem Ursprung treu zu jeder Zeit!
Du darfst und sollst Dein eignes Leben leben,
nicht fremder Regel brauchst Du Dich zu beugen.
Doch musst Du selbst Dir Maß und Richtung geben
Und durch Dein Tun von solcher Haltung zeugen.
Auch sollst Du selbst Dich zu gering nicht achten
Und alle Kräfte zu entfalten trachten.
Fern sei Dir Wankelmut und halbes Wollen.
Heil sei Dein Blick, Dein Urteil frei und klar!
So stürme hin und lebe aus dem Vollen,
wie es das Recht der Jugend war.
Doch lasse es Dich niemals je beschämen,
was recht und gut von andern anzunehmen.
Vielstimmig braust das Leben um Dich her.
Das seichte Wasser sei für Dich kein Ort.
Das aller schwerste sei Dir nicht zu schwer
Drum prüfe alles, doch wirf Dich nicht fort.
Die Wahl ist schwer, doch nur wer wählen kann,
lernt sich gehorchen und prägt sich zum Mann.
Den Sinnen traue, köstlichen Gewinn
wirst Du durch sie in Deinem Leben ernten.
Doch gib Dich ihnen nie zum Sklaven hin!
Verächtlich, die sich nicht beherrschen lernten!
Bei heißem Herzen kühlen Kopf behalten
heißt froh und frei sein Leben zu gestalten!
So geh! Der weisen Lehren sind genug.
Erfahrung sammelt keiner für den anderen.
Das Leben sei für Dich kein Weisheitsbuch,
es sei ein frohes und beschenktes Wandern.
Doch schenk uns, Deinen Eltern, das Vertrauen,
lass offen stets in Deine Welt uns schauen!
Ich wurde Klassensprecher und damit „FDJ-Funktionär“. Dazu brauchte ich das „Abzeichen für gutes Wissen“, das sich aber ausschließlich auf die Werke von Marx und Engels und die Schriften von Lenin und Stalin bezog. In dem Alter kann man alles lernen, aber nachdenklich wurde ich, als ich den Begriff des „Objektivismus“ aufnehmen sollte. Der bedeutete, die Partei hat immer recht, was objektiv auch dagegen stehen mag. Das war des Ideologischen zu viel, mir fielen die Schuppen von den Augen.
1948, 10. Mai, Montag
In der Ostzone wird der Abschluss der Bodenreform bekannt gegeben, die im Herbst 1945 eingeleitet wurde.
Alle Güter mit einer Größe von über 100 ha wurden enteignet, aufgeteilt und an landlose Bauern und Landarbeiter vergeben.
1948, 19. Juni, Samstag
Das Gesetz zur Neuordnung des Geldwesens der westlichen Besatzungszonen wird von den drei westlichen Militärregierungen veröffentlicht; mit Wirkung vom 21. Juni wird die Reichsmark von der Deutschen Mark (DM) als gesetzliches Zahlungsmittel abgelöst.
1948, 23. Juni, Mittwoch
Aufgrund des Befehls Nr. 111 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland wird in der Ostzone eine Währungsreform durchgeführt.
Brief an meine Cousine am 7. Juli 1948:
Ich habe nun endlich beschlossen, mein Wort einzulösen, und Dir einen Brief zu schreiben.
Bei uns ist noch alles beim Alten. Sind eigentlich drüben die Ferien zu Ende und hat Deine neue Schule begonnen? Hast Du wieder eine Serie von Freundinnen ?
Es muss doch ein schönes Gefühl sein zu wissen, dass man alles kaufen kann. Beim Turnen haben wir große Sachen vor. Wir werden eine Kreisriege aufstellen und auf die Dörfer fahren und Schauturnen veranstalten. Mitte August fahren wir Jungen nach Merseburg zum Turnfest. Ich übe und freue mich schon mächtig.
Ich erinnere mich :
Die Pubertät heranwachsender Kinder ist für Eltern zu allen Zeiten stressig. Ich war häufig aushäusig durch meine Aktivitäten im Sport, mit meiner Band, wie man heute sagen würde, und beim Fanfarenzug. Das mag es vielleicht für die Familie etwas erträglicher gemacht haben. Umgekehrt bekam ich von ihren Nöten im Kleinen und im Großen kaum etwas mit.
Eine gnädige Demenz entzog Großvater Kurt dem grausamen Alltag seiner letzten Lebensjahre. Er musste den Verfall seiner Ideale, seiner Firma und seines Hauses nicht bewusst erleben. Er hat es wohl gespürt. So wie ihn die aufopferungsvolle Liebe seiner Frau Gertrud, meiner Großmutter, trug. Ich war dabei und erlebte mit. Ich spielte chinesisches Domino mit den Alten im Damenzimmer.
Das Vertrauen ineinander und in den lieben Gott, das die Großeltern ausstrahlten, beeindruckte mich. Kurt starb ein Jahr vor seiner Frau.
Danach beratschlagten die vier Kinder, die vier „Zweige" des Erblassers, was mit dem viel zu großen und in der Unterhaltung viel zu teuren Haus geschehen sollte. Im Testament stand, dass alle Enkel die Erben des Hauses seien und ich die Gesellschaftsanteile meines Großvaters an der Firma übernehmen soll. Das teure Haus aber wurde in den Büchern der Firma hin- und her geschoben zwischen Firmenbesitz, was die Unterhaltungskosten abwälzte, und Familienvermögen, was die "Zweige" befriedigte. Am 1. Juni 1948 wurde es mit einer Hälfte des Grundstücks an die Enkel außer mir, der ich die Majorität der Firmenanteile geerbt hatte, übertragen. Die zweite Hälfte des Grundstücks, auf der der Tennisplatz mit seinem Umkleidehäuschen und ein Teil des Gartens lag, blieb im Besitz der Firma und damit bei mir.
Das Amtsgericht von Halberstadt veröffentlichte am 8. September des gleichen Jahres:
Der am 8. November 1933 geborene Klaus ist in die Gesellschaft J.G. als persönlich haftender Gesellschafter eingetreten, ist aber bis zur Vollendung seines 25. Lebensjahres zur Geschäftsführung nicht befugt und nicht verpflichtet.
Für das Haus gab es nur eine Lösung, es musste zum Hotel werden. Der Familienrat beschloss, dass einige knauserige Umbauten im Innern des Hauses noch von der Firma finanziert werden sollten.
Hochnotpeinlichste Veränderung war der Einbau eines Pissoires im Keller für die Gäste und die Metamorphose des Wintergartens hinter dem Speisezimmer zur Bar. Alles zusammen hatte 24.151,22 Mark gekostet, wovon die Hälfte die Pächterin tragen sollte.
Der Wohnbereich der Großeltern wurde zum Restaurantbezirk und die vielen Zimmer im Hause bekamen alle eine Nummer an die Tür gepappt und wenigstens ein Bett, manchmal aber auch gleich vier davon hineingestellt. Dann war man froh, der Betreiberin des Brockenhotels, die durch Heirat Baronin geworden war, die Pacht für das Haus andienen zu können. Die nannte das Haus „Weißes Roß" nach einem Hotel, das sie bis zur Kriegszerstörung viele Jahre lang mit ihrem Sohn in der Stadt bewirtschaftet hatte. Sie war vom Fach aber ohne Vermögen und bald auch ohne Geld.
Sinn, Zeit und Mittel für die Pflege des Hauses und seines Gartens hatte niemand mehr. Die Zeiten waren 1949 nicht danach. Im Tennishäuschen hatten Kohlen gelagert für die sowjetrussische Besatzungsmacht, mit denen unerlaubter Weise auch wir unsere Öfen heizten. Jeder nahm jetzt in Besitz, was er noch fand, als die Großeltern das Haus nicht mehr hüteten. Die Horde um mich herum und ich, wir turnten erst über die Pergola im Garten, übten dann auf dem Dach des Tennishäuschens das Balancieren und spazierten dann auf dem First des Hauses. Die unbarmherzige Gruppe von losgelassenen Halbwüchsigen hatte schnell ihre eigene Hackordnung. In den oberen Rängen konnte nur der sich behaupten, der am weitesten sprang, am kühnsten balancierte und die wenigsten Gefühle zeigte.
Damals begann die Verwahrlosung des Landhauses mit seiner weit in den Garten hinausreichenden Wohnstube. Die Pacht brachte zu wenig, die Firma schrumpfte, nachdem es nicht nur den Reichsnährstand nicht mehr gab, sondern eine sozialistische Administration, die mit Privatwirtschaft nichts mehr zu tun haben wollte.
Meine Familie und ich zogen dort ein. wo vorher die Eltern meiner Mutter gewohnt hatten, nicht weit entfernt vom Großelternhaus. Jetzt konnte ich manchmal nicht ausweichen, wenn meine Klassenkameraden auf ein Bier im Weißen Roß drängten. Ich musste dann anschreiben lassen bei der Baronin und hatte ein schlechtes Gewissen.
Im zurückgelassenen Haus gab es keine Bewohner mehr, nur noch Gäste einer ganz anderen Kategorie als früher. Auch die Baronin hielt es nur wenige Jahre aus im sich formierenden Staate der Arbeiter und Bauern. Die Handelsorganisation der deutschen demokratischen Republik übernahm das „weiße Roß" und zahlte eine symbolische Miete an die so genannte Gebäudewirtschaft, die in allen Kommunen den Wohnungsbestand und die Immobilien übernommen hatte, deren Eigentümer in den Westen gegangen waren.
Der Vater schreibt Weihnachten 1948 in mein Tagebuch :
Etwas Sorge macht mir manchmal, dass Du bei aller körperlicher Entwicklung und guter geistiger Begabung Dich etwas gehen lässt und noch nicht gelernt zu haben scheinst, was eigentlich Arbeit heißt und das Wort "Pflicht" bedeutet. Du folgst bei allem, was Du tust, sehr stark der Eingebung des Augenblicks und dem Gefühl, das Du noch nicht durch eine klare, vernünftige Zielssetzung zu kontrollieren gelernt hast. Aber das wirst Du hoffentlich noch lernen und es wäre sehr zu wünschen, dass Du dafür nicht zuviel Lehrgeld zu zahlen brauchst. Äußerlich ist Deine Lebensentwicklung trotz aller Not der Zeit bisher ganz gradlinig und harmonisch verlaufen. Deiner geselligen Natur kam das lebendige Leben im Hause am Bismarckplatz mit den vielen Kindern sehr entgegen. Deine erste Jugendliebe war manchmal zu Deinem Ärger ein Gegenstand des Spottes bei Eltern und Geschwistern, aber Du bist nun auch schon über diese Periode Deiner Entwicklung hinausgewachsen. Der große Kinderkreis ist durch die im letzten Jahr eingetretenen Veränderungen auseinander gerissen. Den äußeren Anlass gab der Tod von Großvater, den Du ja schon mit dem rechten Verständnis für den großen Verlust, der durch das Hinscheiden dieses bedeutenden Mannes für uns eintrat, miterlebt hast.
Noch wenige Wochen vorher hatten wir zusammen die goldene Hochzeit der Großeltern feiern können. Ein wunderschönes echt Klamroth´sches Familienfest mit Aufführungen und einem großen Kreis von Gästen im festlich geschmückten Haus.
Die Schule selbst macht Dir im allgemeinen keine Mühe aber auch keinen Spaß.
Oft stöhnst Du über den langweiligen Betrieb dort, sodass ich manchmal etwas bremsen muss. Denn wenn es auch Jungensart ist, mit der Schule unzufrieden zu sein, ganz so arg brauchtest Du es nicht zu treiben. Auf der anderen Seite habt ihr einen netten kameradschaftlichen Zusammenhalt. Schon öfter habt ihr "Klassenfest" gefeiert, wobei Du dann jedes mal den Hauptteil der Sorge um das Gelingen des Festes zu tragen hattest.
Im Mittelpunkt Deines Jungenlebens steht zur Zeit Deine "Kapelle". Du hast uns auch damit überrascht, wie schnell Du Tanzmusik auf dem Akkordeon zu spielen lerntest. Heute ist daraus eine Kapelle von 7 Mann geworden, mit der ihr bei Klassenfesten und anderen Gelegenheiten eine recht flotte Musik macht.
Auch hier muss allerdings der Vati wieder manchmal erheblich bremsen, denn Du kannst nun einmal schwer Maß halten. Das musst Du unbedingt noch lernen. Der Turnverein ist durch diese Sucht zur Tanzmusik fast etwas in den Hintergrund gedrängt. Deine Turnerei habe ich sonst sehr begrüßt, da du dort körperlich ordentlich ran genommen wirst, was dir recht gut tut, denn Du musst Dich unbedingt etwas in Zucht nehmen.
