Eine für alle - Ruth Häckh - E-Book

Eine für alle E-Book

Ruth Häckh

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Beschreibung

Unterwegs mit 400 Schafen

Wer mehr als 400 Schafe hütet, darf nie den Überblick verlieren: Ruth Häckh, Schäferin in vierter Generation, weiß, wovon sie spricht. Das ganze Jahr über ist sie mit ihren Tieren unterwegs, im Sommer auf den Wacholderweiden der Schwäbischen Alb – einer uralten Schäferlandschaft von außerordentlicher Schönheit –, in der kalten Jahreszeit zog sie früher bis an den Bodensee auf die Winterweide.

Authentisch und voller Leidenschaft erzählt sie vom Rhythmus der Jahreszeiten, vom Glück, tagtäglich im Einklang mit der Natur zu leben, von Verantwortung, Freiheit und Tradition. Sie spricht aber auch vom Überlebenskampf der Schäfer in einer Welt, in der sie zwar wie liebenswerte Relikte einer fernen Vergangenheit wirken, ihre Existenz jedoch durch die Hektik der modernen Zeit zunehmend bedroht ist.

Ein außergewöhnlicher Einblick in uraltes Schäferwissen – und ein Tribut an das einfache Leben auf dem Lande.

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EPUB

Seitenzahl: 417

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Vom Glück, mit der Natur zu leben

Wer mehr als 400 Schafe hütet, darf nie den Überblick verlieren: Ruth Häckh, Schäferin in vierter Generation, weiß, wovon sie spricht. Das ganze Jahr über ist sie mit ihren Tieren unterwegs, im Sommer auf den Wacholderweiden der Schwäbischen Alb, in der kalten Jahreszeit zog sie früher bis an den Bodensee auf die Winterweide.

Authentisch und voller Leidenschaft erzählt sie vom Rhythmus der Jahreszeiten, vom Glück, tagtäglich im Einklang mit der Natur zu leben, von Verantwortung, Freiheit und Tradition. Sie spricht aber auch vom Überlebenskampf der Schäfer in einer Welt, in der sie zwar wie liebenswerte Relikte einer fernen Vergangenheit wirken, ihre Existenz jedoch durch die Hektik der modernen Zeit zunehmend bedroht ist.

Ein außergewöhnlicher Einblick in uraltes Schäferwissen – und ein Tribut an das einfache Leben auf dem Lande.

Ruth Häckh

Eine für alle

Mein Leben als Schäferin

In einigen Kapiteln wurden Namen beteiligter Personen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2018 by Ludwig Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

http://www.ludwig-verlag.de

Konzept und Realisierung: Leo Linder, Düsseldorf

Redaktion: Anja Freckmann, Bernried

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München

Umschlagsfotos: Verena Müller, Rottenburg am Neckar

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-22120-1V001

Für meine beiden wunderbaren Kinder,

David und Felix

Inhalt

Teil 1 – Unter Wanderschäfern

Liebeserklärung

Eine Schäferin?

Mein erstes Leistungshüten

Heimat

Bauer oder Schäfer?

Die Wanderung

Auf der Höri

Die zweite Heimat

Kleine Schäferkunde

Das Schäferstündchen

Der raue Schäferalltag

Mit Erwin auf der Reise

Letztes Frühstück bei Frau Bohner

Die letzte Reise – vom Bodensee nach Sontheim

Teil 2 – Wie alles begann

Ich bin ein Bodenseekind

Kochlöffelpädagogik

Familienbande

Auf der Suche

Zurück zur Natur

Komplikationen

Bertrand

Von Männern und Pferden

Francesco

Teil 3 – Die Kunst des Hütens und andere Schäfergeschichten

Wintereinbruch

Ein Sonntag im Sommer

Überlebenskünstler

Ganz oder gar nicht

Die Kunst des Hütens

Das liebe Wetter

Die drei Musketiere

Lammzeit im Winter

Der Lämmerich

Muss ein Bock schön sein?

Esel Franz

Meine Hunde Sammy und Joey

Mit Hunden reden

Die große Merino-Expedition

Der Schafscherer kommt

Kurban Bayrami

Tiere essen?

Weihnachtsgeschichten

Teil 4 – Es geht ums Überleben

Der Triebwagen

Hunde, die nicht die eigenen sind

Hat der Schäfer immer das Nachsehen?

Das Veterinäramt kommt

Ich werde reich!

Reise nach Luxemburg

Hirten aller Länder, vereinigt euch!

Kamele in Rajasthan

Kein schöneres Leben gibt’s nicht auf der Welt

Anhang

Warum ich Bio(land)-Schäferin bin

Meine Lamm-Rezepte

Glossar

Quellen

Dank

Teil 1

Unter Wanderschäfern

© Privatarchiv Ruth Häckh

Liebeserklärung

Allein sein, draußen in der Natur mit den Tieren – was gibt es Schöneres! Ich war schon immer gern für mich allein, von Anfang an, aber einsam habe ich mich dabei nie gefühlt. Ich fühle mich auch ohne andere Menschen wohl.

Schon im Kindergarten … In der Bauecke war immer etwas los, da tummelten sich viele, da war ein Gewühl und Geschrei, mir war das zu laut und zu viel. Lieber hockte ich ungestört in sicherer Entfernung stundenlang still für mich, völlig zufrieden damit, Bilder von Kleidungsstücken und Spielsachen aus dem Otto-Katalog auszuschneiden, um dann Leim aus Mehl und Wasser anzurühren und meine Kunstwerke irgendwo anders wieder aufzukleben. Auch eine Freundin hatte ich nicht. Ich hätte gar nicht gewusst, wofür eine Freundin gut sein sollte. Ich vermisste ja nichts.

Es hat mich deshalb auch nie gestört, dass sich mein Vater so selten zu Hause blicken ließ. Er war ja Schäfer, er war bei seinen Tieren, mal in der Nähe, mal weit weg am Bodensee, jedenfalls in seiner eigenen Welt, und immer nur kurz daheim bei Frau und Kindern. Dass er auch am Wochenende mal was mit seinen Kindern unternehmen könnte, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, das kannte ich nicht.

Und heute, wenn ich gefragt werde, wie ich die Einsamkeit aushalte, die langen Stunden draußen auf der Weide, das unmerkliche Verstreichen der Tageszeit, ohne Ablenkung, ohne Musik auf den Ohren, ohne jemanden zum Reden zu haben und ganz ohne Klamauk, dann sage ich: Ich liebe die Einsamkeit, und ich liebe sie umso mehr, wenn ich sie mit den Schafen teile. Denn in Wirklichkeit bin ich dort draußen nie allein. Ich habe meine Hunde, ich habe meine Herde, ich bin in bester Gesellschaft. Meine Herde, lauter schöne, stattliche Schafe, erfüllen mich mit Stolz. Das Herz geht mir auf, wenn sich meine Lämmer nicht zu lassen wissen vor Lebenslust, wenn sie aus lauter Lebensfreude Wettrennen veranstalten, ihre Bocksprünge machen, mit allen vieren senkrecht in die Luft schießen und selbst ihre Mütter zu Bocksprüngen animieren. Und ich sehe zufrieden, wie meine Hunde mit unbändiger Freude ihre Arbeit machen, auf den kleinsten Wink reagieren und nach jedem Einsatz zu erkennen geben: Schon gut – wir wissen, was wir können. Kurz mal gestreichelt werden wollen wir trotzdem.

Ich liebe auch das Leben draußen und die Langsamkeit, mit der die Zeit vergeht. Wie sich das Licht allmählich verändert und die Landschaft nach und nach die Färbung wechselt, von den klaren Blau- und Grüntönen des Nachmittags zu immer wärmeren Tönen, bis Bäume, Wiesen und Felder um mich herum im abendlichen Braun und Grau verschwimmen. Natürlich gilt meine Aufmerksamkeit den Hunden und den Schafen, aber ein Schäfer hat auch einen Blick für die Schönheit der Natur, die ihm ja näher und vertrauter ist als den meisten Menschen. Und die liebste Tageszeit ist mir der Abend, wenn im abnehmenden Licht nur noch das unermüdliche, genüssliche Rupfen meiner Schafe zu hören ist und sich tatsächlich so etwas wie Frieden über die Welt senkt; dann weiß ich: Es schmeckt ihnen, bald werden sie satt sein, bald werde ich sie für die Nacht in den Pferch sperren können und am Ende eines langen Tages selbst heimfahren dürfen.

Eine Arbeit in geschlossenen Räumen käme für mich niemals in Frage. Ich möchte den Wechsel der Jahreszeiten hautnah erleben und dabei sein, wenn im Frühling die frischgeschorenen Schafe, weiß wie die Blüten der Obstbäume, das erste junge Gras rupfen, wenn sie an einem warmen Sommertag im Schatten großer Bäume eine ausgiebige Mittagspause einlegen, wenn im Herbststurm das bunte Laub fällt und sich die Schafe auf eine frische Wiese freuen und wenn sie an einem sonnigen Wintertag unter der glitzernden Schneedecke nach Gras scharren, zufrieden, auch jetzt noch genug Futter zu finden.

Jeder Tag ist anders, jeder Tag ist einzigartig.

Naturverbundenheit und die Liebe zu den Tieren gibt immer den Ausschlag für die Wahl des Schäferberufs, und wer sie nicht besitzt, der vergreift sich und wird der Schäferei bald überdrüssig sein. Wobei ich von einer unerschütterlichen, extrem strapazierfähigen Naturverbundenheit spreche, einer, die jahrein, jahraus hundertmal auf die Probe gestellt wird. Bei schönem Wetter naturverbunden zu sein fällt den wenigsten schwer. Doch wie weit die Naturverbundenheit reicht, das zeigt sich erst, wenn es in Strömen regnet, wenn es den ganzen Tag durch Matsch und Pfützen geht, wenn einem der Wind um die Ohren pfeift und der Regen ins Gesicht peitscht, wenn das Thermometer unter null fällt und die Nase rot anläuft und die Zehen abzufrieren drohen. Ja, das Schäferleben hat seine schönen, durchaus auch seine romantischen Seiten, aber es ist nicht umsonst zu haben. Es hat seinen Preis. Es erfordert ein besonderes Durchhaltevermögen, es ist mit enormem Einsatz und körperlicher Anstrengung verbunden, es setzt unendlich viel Wissen und Erfahrung voraus, denn Schäfer haben es mit lebendigen Wesen zu tun, und zwar einer ganzen Menge davon. Der schönste Beruf der Welt ist auch ein mühsamer, kräftezehrender und bisweilen nervenaufreibender.

Verstehen Sie dieses Buch also ruhig als Liebeserklärung an die Schäferei. Aber wie jede Liebeserklärung wäre auch diese nicht ernst zu nehmen, wenn sie die Wirklichkeit verklären und verkennen würde. Auch mir wäre es gar nicht unangenehm, wenn meine Welt im Wesentlichen aus Sonnenuntergängen und hüpfenden Lämmern bestände, aber so ist es nicht. Es ist eine ganz eigene, eine weitgehend unbekannte Welt, in die ich Sie jetzt mitnehmen möchte. Einen Vorgeschmack darauf kann Ihnen dieses alte Lied geben. Es heißt Der alte Schäfer und ist mir von allen Schäferliedern das liebste:

Steht überm Dorf der erste Stern

und wird es langsam Nacht,

dann hält der alte Schäfer noch

bei seiner Herde Wacht.

Geht dann der runde Vollmond auf,

wird’s still nun weit und breit,

da singt der Alte leis sein Lied

aus seiner Jungendzeit:

Der alte Schäfer auf einsamem Feld

kennt seine Herde und auch die Welt,

er lächelt leise,

weil er es versteht,

das Glück der Erde,

es kommt und geht.

Eine Schäferin?

»Das ist ja eine Frau!« Der Ausruf dringt mir von Weitem ans Ohr. Als die Spaziergänger näher kommen, finden sie ihre Vermutung bestätigt: Vor ihnen steht eine leibhaftige Schäferin – Verblüffung und Freude sind in ihren Gesichtern zu lesen. Was hatten sie erwartet? Einen alten Mann mit struppigem Vollbart, Schlapphut und langem Mantel, der, auf seinen Stab gestützt, seelenruhig seine Blicke schweifen lässt und dabei Pfeife raucht? Vermutlich. Die Zeiten haben sich geändert, aber die Macht der alten Bilder ist ungebrochen. Ich kenne das natürlich. Ob Zeitung, Radio oder Fernsehen, wenn es um Interviews geht, bin ich als Frau wesentlich begehrter als meine männlichen Kollegen.

Dabei war es für mich nie etwas Besonderes, ich bin ja mit den Schafen aufgewachsen. Die Schäferei wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt – nein andersherum, die Wiege stand im Stall, und sobald ich mich auf den Beinen halten konnte, fand ich mich im Lämmerschlupf wieder. Schon früh durfte ich kleine Gruppen von Schafen mit ihren Lämmern auf eine andere Weide treiben, als Arbeitsgerät drückte mir mein Vater einen Stock in die Hand. Und kaum erreichten meine Füße das Gaspedal, brachte er mir das Traktorfahren bei – meine eigenen Kinder würden das als Kinderarbeit bezeichnen.

Ich muss zugeben: dass aus Schäfertöchtern Schäferinnen werden, dass junge Frauen diesen Beruf ergreifen, auch ohne einer Schäferfamilie zu entstammen, ist tatsächlich neu. Während meiner Lehrzeit waren Frauen noch in der Minderheit. Mittlerweile hat sich das Verhältnis allerdings umgekehrt; ich kenne sogar einen Ausbilder, der lieber Mädchen nimmt, weil sie, wie er meint, ein besseres Gefühl für Schafe haben, sich besser in die Tiere hineinversetzen können – während Jungs wiederum der Umgang mit Maschinen leichter fällt. Und ein Betriebsleiter mit vielen Angestellten erzählte mir: »Wenn ich eine Frau bei meinen Schafen habe, weiß ich, dass die Tiere in Ordnung sind, bei einem Mann kontrolliere ich lieber nochmal nach.«

Doch nach wie vor löse ich als Schäferin freudiges Erstaunen aus. Traut man dem schwachen Geschlecht die schwere körperliche Arbeit vielleicht nicht zu? Es ist ja wahr: Schafe sind keine Leichtgewichte, meine Merinos jedenfalls nicht. Da kann ein Mutterschaf locker neunzig Kilo wiegen, und ein Bock bringt schnell seine 150 kg auf die Waage – wenn ein solches Kraftpaket nicht so will wie ich, habe ich als Frau schon zu kämpfen.

Was mich angeht, habe ich nach meiner Scheidung den Schäfereibetrieb allein geführt. Ein Zuckerschlecken war das nicht.

Eine Frau, die Schafe hütet und obendrein den ganzen Betrieb leitet? Bisweilen sorgte das zunächst einmal für Verwirrung. Vor allem mit meinen türkischen Kunden gab es amüsante Szenen, wenn sie zu mir kamen und den Chef sprechen wollten und dann kaum davon zu überzeugen waren, dass sie bereits mit dem Chef sprachen. Genauso gab es anfangs großes Getuschel unter meinen männlichen Schäferkollegen, wenn ich einen neu erworbenen Bock aus der Auktionshalle zum meinem Hänger führte – dass eine Frau auf dem Bockmarkt einen Schafbock ersteigert, war damals noch eine mittlere Sensation.

Meine persönliche Sternstunde aber schlug 1987 in der Schäferhochburg Heidenheim. Vielleicht habe ich der Emanzipation in Schäferkreisen in jenem Jahr sogar zum Durchbruch verholfen, denn nie zuvor hatte eine Frau an einem Leistungshüten teilgenommen, ich machte den Anfang. Bis zu jenem Tag nämlich waren die Männer der Überzeugung, dass Frauen gegen die männliche Konkurrenz grundsätzlich chancenlos wären …

© Privatarchiv Ruth Häckh

Mein erstes Leistungshüten

Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen … Einige Jahre zuvor hatte sich eine Nachbarschäferin für ein Leistungshüten beworben und war abgewiesen worden mit der Begründung, Frauen fehle das Talent zum Schäfer. Dabei hütete sie täglich ihre Schafe, hatte auch gute Hunde – warum sollte sie nicht das Zeug für einen solchen Wettbewerb haben?

Mir konnte man mit diesem Argument schlecht kommen. Ich hatte bereits am Lehrlingshüten teilgenommen und meine männlichen Kollegen in den Schatten gestellt. Nie werde ich das Gesicht unseres größten Machos vergessen, das plötzlich sehr lang wurde, als er sich geschlagen geben musste, besiegt von einer kleinen, zierlichen, unscheinbaren Frau. Auch ich war überrascht – nicht, weil ich so gut abgeschnitten hatte, sondern weil die anderen schlechter gewesen waren als ich. Für mich jedenfalls war das, was beim Lehrlingshüten verlangt wurde, mein Alltag und keine besondere Herausforderung gewesen.

Schon als Kind musste ich, wie gesagt, Grüppchen von Schafen mit Lämmern von einer Weide zur anderen treiben. An guten Tagen konnte ich sie dazu bringen, mir zu folgen, das gelang aber längst nicht immer, und oft musste ich mich damit begnügen, sie vor mir herzutreiben. Später wurden die Gruppen größer und die Strecken länger, und zusätzlich zu meinem Stock erhielt ich einen Hund. Nie jedoch eine Anweisung, wie man mit einem Hund arbeitet! Es kam zu unschönen Szenen, wie man sie erlebt, wenn Hund und Herde eigene Wege gehen, aber ich hatte schlichtweg keine Ahnung, wie man einen Hütehund dirigiert. Mein Vater wusste es natürlich, half mir aber nicht auf die Sprünge. Eine leichte Kopfbewegung genüge, sagte er. Oder: Schon ein kleiner Wink mit den Augen reiche meistens aus. Anschließend war ich so schlau wie zuvor, aber mehr war aus ihm nicht herauszuholen. Mit Erklärungen war mein Vater immer eher zurückhaltend, und vielleicht konnte er es einfach nicht, da für ihn alles so selbstverständlich war.

Im Laufe der Jahre verstand ich mich mit meinen Hunden besser und lernte, sie zu lenken. Im Sommer hütete ich mittags nach der Schule, auch während der Sommerferien war ich für eine kleine Herde zuständig, aber so etwas wie eine richtige Schafweide kannte ich nicht. Ich hütete Wegränder, Böschungen und Brachflächen, die von den Landwirten nicht genutzt werden konnten – schwierige Bedingungen, von denen ich später ungemein profitiert habe, denn durch das Hüten kleiner Flächen wurde das exakte Arbeiten mit den Hunden zu meinem täglichen Brot. Als Lehrling später hatte ich mit Lux dann einen ganz hervorragenden Hund an meiner Seite, einen Altdeutschen Hütehund aus einer Linie bewährter Arbeitshunde vom Schlag der Gelbbacken.

Somit war ich eigentlich gewappnet. Aber ein Leistungshüten vor Preisrichtern und fachkundigem Publikum? Ein unangenehmer Gedanke. Ich war jung, ich war schüchtern, und das Leistungshüten wohl doch eine Nummer zu groß für mich. Doch mein Ausbildungsleiter ließ nichts davon gelten, redete auf mich ein, ermutigte mich, und schließlich traute ich’s mir zu.

Also auf nach Heidenheim und es den Männern gezeigt. Leistungshüten … Schon das Wort flößt Respekt ein. Preishüten, so hatte man es früher genannt, das klang etwas entspannter. Aber ernst genommen wurde es schon immer, denn Schäfer haben nicht nur ihre Traditionen, ihren Stolz, sie verfügen auch über ein enormes Wissen, gepaart mit Intuition: Wie dirigiere ich eine Herde, wie bringe ich sie in eine Formation, die den Geländegegebenheiten angepasst ist, wie erwerbe ich das Vertrauen der fremden Schafe, und wie stimme ich mich mit meinen Hunden ab, wann schicke ich sie, wie exakt führen sie meine – oft unausgesprochenen – Befehle aus?

Schon 1901 war ein erstes Preishüten in Brenz ausgetragen worden, gewissermaßen vor meiner Haustür, denn Brenz ist heute ein Ortsteil von Sontheim, wo ich zur Welt kam und seither lebe. Ursprünglich ging es beim Preishüten hauptsächlich um die Leistung des Hundes, weshalb sich auch die Hundezüchter auf diesen Schäfertreffen ein Stelldichein gaben. Mit der Zeit entwickelte sich daraus die moderne Form des Leistungshütens, bei der die Leistungen von Hund und Hüter nach einer festgelegten Hüteordnung beurteilt werden. Wer daran teilnimmt, macht es nicht zum Spaß, und was mich anging: Ich habe auch meinen Ehrgeiz.

Ich bin aufgeregt. Da es von Sontheim nicht weit bis Heidenheim ist, fahre ich einen Tag vorher schon hin, um mir das Hütegelände anzuschauen. Ich muss wissen, was mich erwartet.

Da also steht der Pferch. Ein traditioneller Holzpferch, aus Hurden zusammengesetzt, Querlatten mit Verstrebungen und Stützen. Auf welcher Seite werde ich die Hurde öffnen? Der rechten? Nach rechts steigt das Gelände leicht an, und Schafe laufen gern bergauf, das könnte das Auspferchen erleichtern. Aber – schaffe ich es überhaupt, den Pferch zu öffnen? Bei diesen schweren Holzhurden sind die Männer wahrlich im Vorteil.

Dann kommt der Engweg, eine schmale Passage, da soll es zügig durchgehen, ohne Abschweifungen, ohne Umwege. Wo soll ich meinen Lux hinstellen – rechts? Aber links ist eine Böschung, da werden mir die Schafe hochlaufen wollen … Und dann – auf einer Seite steht Getreide und auf der anderen hohes Gras. Ins hohe Gras werden sie mir wohl nicht gehen, aber ich sollte den Hund sicherheitshalber auf beiden Seiten einmal auf der ganzen Länge durchschicken, erst am Getreide, dann am hohen Gras, und wenn nötig nochmals am Getreide.

Die Brücke erscheint mir relativ einfach; kein Schaf wird freiwillig durch den Graben laufen. Der Hund soll seitlich vor der Brücke stehen bleiben, bis die ganze Herde durch ist, und dann selbst drüberlaufen. Dahinter liegen zwei Weiden; eine, wo beengte Verhältnisse herrschen und die Schafe dicht beieinander bleiben müssen, und eine andere, wo sie Platz haben und ausschwärmen können – wir nennen es das enge und das weite Gehüt. Dort verläuft auch ein geteerter Weg zur Simulation einer Straßensituation mit Autoverkehr – nun ja, da wird man sehen, das werde ich spontan entscheiden. So, jetzt weiß ich, was auf mich zukommt. Finde in der folgenden Nacht aber trotzdem kaum Schlaf.

Sieben Uhr morgens. Der große Tag, es geht los. Standesgemäß erscheine ich in süddeutscher Tracht, neues schwarzes Schäferhemd, Hut, geputzte Schaftstiefel und genagelte Schäferschippe, wie man sie nur bei festlichen Anlässen benutzt; an meiner Seite Lux, gebürstet und gestriegelt. Heutzutage werden auch Auftreten und Erscheinungsbild des Hüters bewertet; früher wäre keiner darauf gekommen, da war ordentliches, standesgemäßes Auftreten selbstverständlich.

Ich habe vier Konkurrenten, männliche natürlich, gestandene Schäfer. Die Reihenfolge wird durchs Los bestimmt. Ein spannender Augenblick, denn die Startfolge hat oft Einfluss auf den Ausgang des Wettbewerbs. Der Erste hat meist mit den größten Widrigkeiten zu kämpfen, denn die frühe Morgenstunde ist für die Schafe eine ungewohnte Zeit, das feuchte Gras nicht grade nach ihrem Geschmack und die ganz Herde wegen der fremden Hunde nervös – da ist es schwer, ein ordentliches Gehüt zu zeigen. Der Letzte hat aber ebenfalls Pech, weil die Tiere jetzt satt und müde sind, lustlos fressen und lustlos laufen und sich in der Mittagszeit ohnehin lieber hinlegen würden. Ich ziehe die Nummer 3, das ist ideal; wahnsinnig aufgeregt bin ich trotzdem.

Als der zweite Kandidat den Parcours zur Hälfte durchlaufen hat, steigt meine Nervosität ins Unermessliche. Nein, interviewen lasse ich mich jetzt nicht, ganz bestimmt nicht, da kann die Zeitungsreporterin noch so betteln. Und jetzt bin ich an der Reihe. Ich trete vor, begrüße die beiden Preisrichter, sage meinen Namen, erteile die wichtigsten Auskünfte über meinen Hund, und nun wird’s ernst.

Ich wende mich dem Pferch zu, schaue mir die Schafe an und rede mit ihnen, damit sie meine Stimme kennenlernen, die aber haben nur Augen für meinen Hund – schon wieder ein neuer! Ist der gefährlich? Oder ist das einer von den Harmlosen, mit denen wir unsere Spielchen machen können? Was Schafen eben so durch den Kopf geht … Ich betrete den Pferch, um mich mit der Herde vertraut zu machen und zu sehen, wie sie reagieren; Lux wartet derweil geduldig außerhalb des Pferchs neben der Schippe. Jetzt nehmen mich die Schafe doch zur Kenntnis, also kann ich darangehen, sie rauszulassen.

Jeder Schritt, jeder Handgriff geschieht unter tausend Augen, also nichts überstürzen. Überflüssige Ermahnung! Schon das Öffnen des Pferchs, das Versetzen einer vier Meter langen Hurde, geht beinahe über meine Kräfte. Um zu verhindern, dass sie umkippt, muss als Nächstes ein Eisenstab am freien Ende in den Boden geschlagen werden, aber der hölzerne Pferchschlegel ist mir zu groß und vor allem zu schwer. Irgendwie wuchte ich ihn hoch, müsste jetzt aber noch Schwung holen – und wie hält man unterdessen den Pfahl fest, wenn man keine drei Hände hat? Mir bricht der Schweiß aus.

»Der Zimmermann hat den Griff länger gemacht. Du kannst ihn ruhig am hinteren Ende anfassen!« Werner Wiedenmann hat gut lachen. Er ist der Stadtschäfer von Heidenheim, er hat Schafe und Pferch zur Verfügung gestellt, er kann den Pferchschlegel mit links hochheben, er boxt aber auch in einer anderen Gewichtsklasse als ich, er wiegt dreimal so viel.

»Homm, homm, homm.« Ich locke die Schafe. Vergebens, nichts rührt sich.

»Homm, homm, homm!«

»Deine Stimme ist zu hoch. Du musst sie mit tieferer Stimme locken.«

Soll ich meine Stimme verstellen, weil seine Schafe keine Frauenstimme kennen? Das geht zu weit! Nun kommt Lux zum Einsatz. Er zeigt einen perfekten Hürdensprung, steht jetzt im Pferch; behutsam dirigiere ich ihn auf die Schafe zu, lasse ihn wieder haltmachen, damit sie mir nicht aus dem Pferch ausbrechen, das gäbe kein schönes Bild. Ein heikler Augenblick. Agiert der Hund zu heftig, kann es geschehen, dass die ganze Herde gleichzeitig raus will, mich überholt und ich sozusagen von Anfang an das Nachsehen habe, von den umgerissenen Hurden gar nicht zu reden – der Schlamassel wäre perfekt.

Aber nein, alles geht gut. Die Leitschafe setzen sich an die Spitze, die anderen folgen, das Auspferchen ist geschafft. Jetzt der Engweg. Beim ersten Hüter sind sie links die Böschung hoch gelaufen, wie ich es befürchtet hatte, und dann kann es dauern, bis sämtliche Tiere wieder in Formation sind. Also lasse ich Lux lange auf der linken Seite laufen und hole ihn erst rüber, als ich sicher bin, dass alle mir folgen. Der Engweg klappt sehr gut, auch weil Lux den Trödlern und Naschern ihre Denkzettel vorschriftsmäßig verpasst – mit einem Kniff in die Rippen, nicht zu derb, aber auch nicht zu zaghaft.

An der Brücke setzt er sich hin, statt stehen zu bleiben; das gibt Punktabzug.

Beim Einziehen ins enge Gehüt stelle ich Lux an die Ecke, die Schafe laufen brav um ihn herum. Im Idealfall geht der Schäfer beim engen Gehüt im letzten Drittel der Herde, ein Hund bewacht die rechte, der andere die linke Flanke. Hütet man mit nur einem Hund, übernimmt der Schäfer die Aufgabe des zweiten Hundes. Macht der Hund jedoch zu viel Druck, laufen sie trotzdem über die Grenze, und der Hund muss auf die andere Seite wechseln. Dabei soll er die Herde im großem Bogen umgehen, also ohne die Schafe zu stören. Wiederholt sich diese Situation mehrmals, tritt Unruhe auf, die Schafe kommen nicht zum Fressen, und das Hüten wirkt unharmonisch. Mit zwei Hunden funktioniert es grundsätzlich besser; es kann aber genauso geschehen, dass der zweite Hund durch seinen Übereifer das Hüten stört und Punkte abgezogen werden.

Es folgt die Straße. Ich beschleunige meine Schritte, um die Herde in die Länge zu ziehen und das Auto vorbeizulassen. Es nähert sich zunächst von vorn, also schicke ich Lux nach hinten, um die Tiere auf Abstand zu halten, das geht sehr gut. Anschließend wendet das Auto und kommt von hinten, das ist schwieriger. Wieder schicke ich Lux, er soll mindestens einmal zwischen Auto und Schafen durchlaufen und Abweichler zurückdrängen. Ganz wichtig: dass der Hund sich am Ende seines Kontrollgangs zu den Schafen hinwendet. Dreht er sich von den Schafen weg, besteht die Gefahr, dass er zu weit auf die Fahrbahn gerät und vom Auto erfasst wird. Eine typische Alltagssituation, die ich mit Lux hundertmal geübt habe.

Normalerweise ist das weite Gehüt das einfachste. Für mich aber ist es das schwerste, weil ich zu Hause so gut wie keine großflächigen Weiden habe. Die Herde soll sich möglichst locker über die ganze Fläche verteilen und ruhig und ungestört fressen, der Hund soll nur die Grenzen bewachen. Oft ist das leichter gesagt als getan, so auch jetzt – denn plötzlich ist Lux verschwunden.

Was tun? Aller Augen sehen auf mich, jede meiner Bewegungen wird kommentiert. Soll ich laut nach dem Hund rufen? Dann merkt auch der Letzte, dass mein Hund nicht mehr da ist. Wäre es klüger, die peinliche Situation zu überspielen? Vielleicht fällt es ja gar nicht weiter auf, dass Lux kurz untergetaucht ist. Und wenn er länger wegbleibt? Mir kommt es jedenfalls unendlich lange vor. Die Zeit scheint stillzustehen. Wie viele Punkte werden mir die Preisrichter abziehen?

Immer habe ich es gehasst, vor Publikum nach dem Hund zu schreien, das sieht nach Ungehorsam aus. Aber Lux ist ein Guter, er nutzt die Gutmütigkeit, die ich mir auferlege, nicht aus. Andere Hunde hatten später sehr schnell heraus, dass ich beim Leistungshüten weniger streng bin als zu Hause, und die Sache auf die leichte Schulter genommen. Schon wenn ich sie morgens am Veranstaltungsort aus dem Auto ließ, wussten sie Bescheid: Aha, ungewöhnliche Uhrzeit … fremde Umgebung … fremde Hunde … viele fremde Menschen – also Leistungshüten: easy going. Ich hätte sie umbringen können. Doch nie konnte ich mich vor größerem Publikum zu lautstarken Rügen durchringen, auch wenn sie noch so angebracht gewesen wären. Ein Schäfer blamiert seinen Hund doch nicht.

Gut, zurück zum weiten Gehüt. Lux ist zwar wieder da, aber die Schafe fressen inzwischen nicht mehr richtig, jetzt stehen sie nur noch herum, jetzt laufen sie sogar im Kreis, und das gibt sich auch nicht mehr; am liebsten würde ich mich unsichtbar machen.

Ich bin froh, dass das Ende naht. Ich darf das weite Gehüt verlassen, die Herde läuft zügig in den Pferch, und mit einem letzten Kraftakt hebe ich die schwere Hurde an und schließe den Pferch. Natürlich bekomme ich auch diesmal den Eisenpfahl nicht ordentlich in den Boden gerammt, lehne die Hurde aber so geschickt an die andere, dass sie wenigstens nicht gleich wieder umfällt. Zum Schluss kontrolliere ich den Pferch, zumindest tue ich so.

Das war’s.

Den Rest des Programms muss Lux allein absolvieren. Noch steht nämlich der Wesenstest aus, in dem ein Hund seine Charakterfestigkeit unter Beweis stellen soll. Zu diesem Zweck simuliert der Preisrichter einen Angriff mit einem Stock oder Ast auf den Hüter, und der Hund soll seinen Herrn verteidigen – was Lux früher in einen Gewissenskonflikt gebracht hätte. Nicht, dass er ängstlich wäre. Aber er ist ein extrem gutmütiger Hund, er würde einem Menschen nie etwas zu Leide tun, also mussten wir diese Situation wieder und wieder üben, und tatsächlich – wie von ihm erwartet, verbellt er den angreifenden Preisrichter und hat bestanden. Bei späteren Wettbewerben übrigens hat er den Preisrichter immer gleich wiedererkannt und wollte ihn schon vor dem Hüten verbellen.

Ich verabschiede mich von der Jury. Nun bin ich bereit für das Interview. Vorher versorge ich meinen treuen Lux, nachdem er ausgiebig gelobt und gestreichelt worden ist. Und als das Ergebnis verkündet wird, da entfallen auf mich 91 von hundert möglichen Punkten, das ist Platz drei, und Lux bekommt für Fleiß, Gehorsam und Selbstständigkeit sogar die volle Punktzahl.

So fing es an. Es gab viel Anerkennung, viel Beifall für mich. Man gratulierte mir zu meinem Mut. Und ich war glücklich. Das war mein erstes Leistungshüten, es folgten viele weitere, zwanzig Jahre lang, doch es sollte mein bestes bleiben. Später fand sogar ein Frauenleistungshüten auf dem Heuberg statt, der liegt auf der Schwäbischen Alb, und selbst ich war erstaunt, wie viele Schäferinnen sich dem Wettkampf stellten und wie gut sie waren.

Damit gehörten wir Frauen endlich dazu. Werden ernst genommen seither in dieser Welt der Schäfer mit ihrer langen Geschichte, mit ihrer stolzen Tradition, denn Württemberg, ganz besonders aber die Schwäbische Alb, ist klassisches Schäferland. Und jetzt ist es an der Zeit, weiter auszuholen: Meinen Vater hinzuzuziehen, der Schäfer war und mit seinen 83 Jahren im Herzen auch heute noch Schäfer ist, auch seine Kollegen hinzuzuziehen, die wie mein Vater auf den Schafwanderrouten unterwegs waren, als Erstes aber dieses Land und seine Menschen vorzustellen.

© Gerhard Freitag, Nerenstetten

Heimat

Hier im Süden Deutschlands, zwischen Donauried und Schwäbischer Alb, werden die Tage und auch die Nächte durch Glockenschläge in volle Stunden, halbe Stunden und Viertelstunden geteilt. In Sontheim wird diese Arbeit von evangelischen Glocken erledigt, in Bächingen, das gleich um die Ecke liegt, von katholischen. Die Ortschaften reichen sich beinahe die Hände, so dicht sind sie gesät; in wenigen Minuten ist man von Sontheim mit dem Auto im bayerischen Gundelfingen, fast genauso schnell in Giengen, wo Margarete Steiff im letzten Jahrhundert der Eingebung folgte, Stofftiere aus Filz zu machen. Was es an älteren Häusern gibt – es sind nicht wenige –, ist von massiver Bauart, weitgehend schmucklos, Zeugnisse eines nüchternen, soliden Geistes, und ihre Dächer sind rot, hoch und steil – so machen sie doch etwas her, die Bauernhöfe, Gasthöfe und Stadthäuser der Gegend. Scheunen und Ställe sind keine Seltenheit; Traktoren sind davor abgestellt, darunter betagte Modelle, Veteranen der Feldarbeit, aber auch riesige Monster, größer als LKWs, voll elektronisch.

Doch solche Prunkstücke einer industrialisierten, intensiven Landwirtschaft können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in unserer Gegend noch Refugien gibt, in denen die moderne Zeit es nicht besonders eilig hat. Die Wirtshäuser heißen wie eh und je »Zum Lamm«, »Zur Sonne«, »Zum Hirschen« und »Zum Ochsen«, und in den Gaststuben geht es mit einer sympathischen Behäbigkeit zu – man ist hier schwer aus der Ruhe zu bringen, man lässt einander ausreden, auch längere Denkpausen werden eingelegt, und geräuschvoll wird diese Kundschaft selten, es sei denn … Ja, sie singen hier gern. Mittwochabends in Sontheim im »Ochsen« zum Beispiel, zum Akkordeon; alles ältere Herrschaften, wohl wahr, aber sie gehen mit Inbrunst zu Werk. Zur gleichen Zeit treffen sich die Frauen zum Tanz.

Man muss nicht weit fahren, um die ersten Ausläufer der Schwäbischen Alb zu erreichen. Die Landschaft der Alb ist abwechslungsreich, es gibt kahle Anhöhen und liebliche Täler und gelegentlich auch schroffe Hänge, aus denen der nackte Fels tritt – sie waren bei meinen Ziegen beliebt, als ich meine Weiden noch auf der Alb hatte; es braucht ja nicht viel Überredungskunst, um Ziegen zu halsbrecherischen Kletterabenteuern zu verleiten. Schafen hat die Alb aber nicht weniger zu bieten. Überall dort, wo Mähmaschine und Pflug nicht hingelangen, wo die landwirtschaftliche Nutzung immer schon zu mühselig gewesen wäre, erstrecken sich nämlich Wacholderheiden, offene Graslandschaften, die mit Wacholderbüschen locker durchsetzt sind – das Wahrzeichen der Schwäbischen Alb.

Die Wacholderheiden sind das Reich der Schafe, sie sind aber auch das Werk der Schafe. Diese Hügel und Hänge wurden im Mittelalter gerodet, und seither haben Tausende von hungrigen Schafen verhindert, dass der Wald zurückkehrt. Normalerweise würde es nicht länger als eine Generation dauern, bis diese offenen Graslandschaften wieder zugewuchert sind, Schafe aber fressen so ziemlich alles, nur den stacheligen Wacholder rühren sie nicht an, und so ist die einzigartige Landschaft der Wacholderheide auf der Schwäbischen Alb entstanden. Ohne Schafherden lässt sich eine Wacholderheide kaum vorstellen, ohne Schafe gäbe es sie auch gar nicht.

Es sind karge Weiden; die Humusschicht über dem felsigen Grund ist oft nur wenige Zentimeter dick. Es sind aber auch artenreiche Weiden, wo ganz verschiedene Gräser, Kräuter und Blumen wachsen, daher auch die Mengen von Insekten und Vögeln, wie sie auf einer normalen landwirtschaftlichen Fläche heute undenkbar sind. Die Wacholderheide wird eben nicht gedüngt, sie wurde es nie, und da sie obendrein dem Sonnenlicht und allen Witterungseinflüssen ausgesetzt ist, hat sie jene mattgrüne oder bräunliche Färbung angenommen, an der man sie schon aus der Ferne erkennt. Im Abendlicht aber schimmert sie wie mit Gold überzogen, vereinzelte Wacholderbüsche werfen lange Schatten, und die Schwäbische Alb zeigt sich von ihrer schönsten Seite.

Es lässt sich ohne Übertreibung sagen: Die landschaftliche Vielfalt der Alb, aber auch ihren Artenreichtum verdankt sie den Schafen. Den Schafen und den schwäbischen Wanderschäfern, deren Heimatweiden seit Jahrhunderten auf der Alb liegen. Ich allerdings habe mich vor etlichen Jahren aus der Alb zurückgezogen, aus Gründen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde; seither habe ich meine Weiden in Sontheim und im Donaumoos, und zwar auf beiden Seiten der Grenze, in Schwaben wie in Bayern. Und in der weiten, offenen Ebene des Donautals haben wir einen ganz anderen Boden – keinen felsigen Untergrund, keine Wacholderheiden, sondern Moorboden und feuchte Wiesen, nur hier und da wachsen vereinzelt Sträucher und Kopfweiden. Die einzige Wacholderheide auf Sontheimer Grund ist eine Besonderheit: Früher hat man bei uns mit dem Müll keine großen Umstände gemacht und die Abfälle einfach in den nächsten Wald gefahren, wo sie sich mit der Zeit auftürmten. Als die Epoche der Müllverbrennungsanlagen anbrach, wurde diese Halde geschlossen und mit Erde bedeckt; daraufhin nahmen die Schafe den Hügel in Besitz, und Sontheim kam zu seiner Wacholderweide.

Klimatisch aber ist der Unterschied nicht groß. Auf der Alb würde man vielleicht einen Kittel mehr brauchen als im Donautal, doch von der Sonne verwöhnt sind die Menschen hier ebenso wenig wie dort. Was man aber nur im Donaumoos kennt, ist der Nebel. Direkt bei uns durchs Dorf fließt die Brenz, etwas weiter drüben die Donau, dazu kommen die vielen Baggerseen im Ried, und im November, Dezember steigt dann Nebel auf, so dass man die Sonne tage- oder wochenlang nicht zu Gesicht bekommt. Oben auf der Alb stehen sie im strahlenden Sonnenschein, wir hier unten tasten uns durch eine Nebelsuppe, und die Braun- und Grüntöne des Rieds weichen einem hartnäckigen Grau.

Eins aber haben die Weideflächen in diesem Teil Deutschlands gemeinsam: Sie sind alle klein. Sie sind sogar winzig, wenn man sie mit den Weideflächen im Norden und Osten Deutschlands, in Frankreich und Spanien vergleicht. Und sie sind mikroskopisch klein, wenn man an die Weideflächen Australiens oder Neuseelands denkt. Auf meiner Weltreise vor beinahe dreißig Jahren habe ich Schafhalter in Australien wie auch in Neuseeland besucht, habe sogar einige Zeit bei ihnen gearbeitet, und die dortigen Dimensionen haben mir schier den Atem verschlagen: offenes Schafland, so weit das Auge reichte, bisweilen nur durch eine ferne Bergkette begrenzt. Natürlich sieht die Arbeit des Schafhalters dort, wie auch in Spanien oder England, ganz anders aus; Hüten erübrigt sich, die Schafe werden auf riesigen eingezäunten Flächen gehalten, in Neuseeland werden sie sogar nur einige Male im Jahr zusammengetrieben und sind ansonsten sich selbst überlassen. Unter den Bedingungen von Alb und Moos dagegen hat sich das Hüten zu einer Kunst entwickelt, oder einem Präzisionshandwerk, das Schäfern wie Hunden größtes Können abverlangt. Es ist eine besondere, vielleicht einzigartige Form der Schäferei.

So sieht sie aus, die Welt der schwäbischen Wanderschäfer. Und einer von ihnen war mein Vater Fritz Häckh, der 1950 als Sechzehnzehnjähriger mit einer Herde zu seiner ersten Wanderung auf die Winterweide am Bodensee aufbrach.

Bauer oder Schäfer?

Damals, in der Nachkriegszeit, war die Frage der Berufswahl ziemlich schnell geklärt. Jedenfalls in Sontheim. Der Großvater meines Vaters war Schäfer gewesen, sein eigener Vater war Bauer, und viel größer war die Auswahl damals auch nicht. Wenn mein Vater sich für die Schäferei entschied, war das aufgrund seiner Liebe zu den Tieren, aber auch seine Freiheitsliebe hat dabei bestimmt eine große Rolle gespielt.

So hat man ihn nie dazu bringen können, wie andere Kinder in den Kindergarten zu gehen. »Das hat mir nicht gefallen«, sagt er. »Da musste ich immer gehorchen.« Brav sitzen und tun, was man ihm sagt, das ging ihm von Anfang an gegen den Strich. Lieber trieb er sich draußen herum, und als sein Vater bei Kriegsende mit einem Pferd ankam, hat er gejubelt. »Das war ein richtiger Reitgaul von den Soldaten, kein Ackergaul. Der war verwundet, den konnten die Soldaten nicht mehr brauchen. Wir haben ihn gesund gepflegt, mein Vater hatte einen Sattel, und dann sind wir jeden Tage geritten« – er und seine ähnlich unternehmungslustigen Spielkameraden. Eines Tages aber war das Pferd verschwunden. Sein Vater hatte es kurzerhand verkauft, ohne ihm etwas davon zu sagen. Darüber ist er all die Jahre, sein ganzes Leben lang, nicht hinweggekommen. Übrig blieben die beiden Gäule für die Feldarbeit – ein Luxus in diesen Zeiten, damit gehörte man zu den wohlhabenden Bauern, die meisten Familien mussten mit ihren Kühen ackern. Aber zum Reiten waren die beiden Gäule nicht gedacht.

Was mein Opa aber auch besaß, waren Schafe. Nicht viele, etwa dreißig Tiere, immerhin eine kleine Herde, und zu denen fühlte sich der junge Fritz Häckh hingezogen. Jeden Tag nach der Schule lief er als Erstes in den Stall, die Schafe füttern; das hat er sehr gerne getan. Schon als kleiner Junge hatte er am liebsten mit seinen kleinen Holzschafen gespielt, und als er mit 15 die Schule verließ und sich die Frage der Berufswahl stellte …

Eigentlich war es gar keine Frage mehr. Damals war es nicht unüblich, Schäfer zu werden. Sie zogen mit ihren Herden im Spätherbst nach Süden, wenn im Moos und auf der Alb alles abgehütet war, die Nebel kamen und der Schnee einsetzte. Sie verbrachten den ganzen Winter in einem milderen Klima, bis im nächsten April auch hier im Norden das Gras zu sprießen anfing und alle sich auf den Rückweg in ihre Heimatdörfer machten. Drei Schäfer gab es allein in Sontheim, zwei im benachbarten Niederstotzingen, vier sogar im angrenzenden Gundelfingen, wo auch regelmäßig Schafmärkte abgehalten wurden, und der Verkauf eines Hammels war ein einträgliches Geschäft, denn von dem Geld konnte man einen Handwerker eine ganze Woche lang beschäftigen, nicht bloß für ein paar Stunden wie heute.

Also – Bauer oder Schäfer? Für meinen Vater war es wohl keine Frage.

Aber Berufswahl ist in diesem Fall vielleicht überhaupt ein irreführendes Wort. Schäfer zu sein, das war und ist weit mehr als eine berufliche Tätigkeit, es ist eine Berufung, eine besondere Lebensweise, es prägt das Denken und das Fühlen eines Menschen zutiefst, es bringt ausgefallene Charaktere und originelle Köpfe hervor. Nicht allein, dass Schäfer gewohnt sind, frei zu entscheiden und selbständig zu handeln, nicht nur, dass sie äußerst scharfe Sinne haben, zumindest bessere Augen und bessere Ohren als die meisten ihrer Zeitgenossen. Es ist vor allem ein besonderer Schlag Mensch. Wenn ich an meinen Vater denke …

Heute erkenne ich ihn kaum wieder. Seit er in Rente und die Sorge um seine Schafe los ist, bringt er Interesse für die Familie auf und freut sich an seinen Enkelkindern, spielt sogar mit ihnen. Das hätten wir Geschwister uns gewünscht! Erlebt haben wir es nie. Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, dass seine Schafe ihm die Familie ersetzten, aber die Schafe gingen unbedingt vor. Sie waren sein Leben, und wenn sie nicht fraßen, wenn sie krank waren, dann aß auch er nichts, dann brachte er keinen Bissen herunter, dann ging’s auch ihm schlecht. Ich kann es nicht anders sagen: Solange er Schafe hatte, war er mit seinem Kopf und wohl auch mit seinem Herzen bei der Herde. Meiner Mutter fiel das Regiment daheim zu, auch in die Erziehung seiner Kinder griff er nicht ein, für diesen ganzen häuslichen Bereich fühlte er sich schlichtweg nicht zuständig. Nein, die Frau im Haus, er selbst aber draußen bei den Schafen – so war für ihn die Welt in Ordnung.

Kein Wunder. Ich weiß es ja aus eigener Erfahrung: In der Beziehung eines Schäfers zu seiner Herde gibt es Gefühle wie Hingabe, mütterliche Fürsorge und sogar Aufopferungsbereitschaft. Es mag etwas ungewöhnlich klingen, aber ein Schäfer fragt, kurz gesagt, nach dem Glück und dem Wohlergehen seiner Tiere. Und das ist schon etwas Außergewöhnliches – wer fragt nach dem Glück von Schweinen, Hühnern und Kühen? Doch ein Schäfer fragt tatsächlich nach dem Glück seiner Schafe, und wenn in mittelalterlichen Chroniken zu lesen ist, dass die Hirten der reichen Klöster ihren Schafen jeden Wunsch von den Augen ablasen, dann ist das keine Übertreibung.

Natürlich ist jedes Tier schon deshalb kostbar, weil es Fleisch, Wolle und auch Milch liefert. Aber dem Schäfer kommt darüber hinaus eine besondere Aufgabe zu – er garantiert dem Schaf sein freies und artgerechtes Leben, bietet ihm Pflege, Schutz und Nahrung und sucht ihm täglich einen geschützten Platz für die Nacht. Aus dieser Verantwortung entsteht zwischen Mensch und Tier ein Gefühl der Verbundenheit, das über jedes Nützlichkeitsdenken hinausgeht, mit anderen Worten: Schäfer ist man mit Leib und Seele und 24 Stunden am Tag. So wie mein Vater, der im Augenblick allerdings noch am Anfang seines Schäferlebens steht und sich gerade nach einem Lehrherrn umschaut. Zurück zu seiner Geschichte.

Das Landratsamt wollte ihn zur Ausbildung nach Heidenheim schicken. Da hätte er sicher was gelernt, nur dass sein dortiger Lehrherr, wie sich herausstellte, im Ruf stand, seine Lehrlinge bei sehr schmaler Kost zu halten. Wer sich bei diesem Mann verdinge, hieß es, der habe viel Arbeit und wenig zu essen. Fritz radelte daraufhin mit seinem Vater nach Heidenheim, sie fanden das böse Gerücht bestätigt, und so wurde stattdessen ein Vertrag mit dem Sontheimer Schäfer Casper abgeschlossen. Und im folgenden Jahr, nachdem die Feld- und Wegränder und Brachflächen abgegrast waren und auch die abgeernteten Äcker nichts mehr hergaben, brach Fritz mit Casper junior, dem Sohn seines Lehrherrn, zu seiner ersten Wanderung auf.

Es war der November 1950. Fritz war 16, der junge Casper nur vier Jahre älter, und vor ihnen lagen 200 Kilometer oder vier Wochen Reise. Zu Fuß.

Die Wanderung

Warum taten die Schäfer sich und ihren Schafen die Strapazen einer solchen Reise überhaupt an?

Die Wanderbewegungen unserer Schäfer wurden durch den Jahresrhythmus bestimmt. Im Spätherbst war in unserer Gegend ja alles abgehütet, man bekam die Schafe einfach nicht mehr satt – die Alb war sozusagen abgegrast, und die Schäfer sahen sich jetzt gezwungen, in andere Gebiete ausweichen. Was lag da näher, als sich in ein milderes Klima aufzumachen?

Dieses Klima bot der Bodensee. Schon die große Wasserfläche des Sees wirkt ja wie ein Wärmespeicher, außerdem setzen die milden Südwestwinde des Frühjahrs in der Bodenseeregion früher ein. Auch hier war man vor bösen Überraschungen nicht gefeit, und bei Ostwind fror man am Bodensee genauso wie am Rand der Alb, aber grundsätzlich war es dort eher auszuhalten, die Schafe fanden gute Weiden vor, und die Vegetation belebte sich im Frühling schneller.

Im Übrigen sind unsere Merinolandschafe zähe, ausdauernde Marschierer. Sie schaffen weit mehr als die fünf bis zehn Kilometer, die man gewöhnlich an einem Reisetag mit der Herde zurücklegt. Wenn es einmal nötig war, bin ich mit ihnen auch 15 oder 20 Kilometer am Tag gelaufen, doch schon um meinetwillen durfte so etwas nicht allzu häufig vorkommen – ein Tagespensum von zwanzig Kilometern haben die Schafe stets in besserer Verfassung überstanden als ich.

Doch unsere Merinos schaffen noch deutlich mehr, wie mein Vater einmal unfreiwillig herausfand.

Er war auf der Rückreise vom Bodensee, als etwas eintrat, mit dem man in früheren Zeiten jederzeit rechnen musste: In dem Bezirk, den er gerade durchwanderte, war die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. In solchen Fällen griffen die strengsten Regelungen. Hatte die Seuche einen Bauernhof heimgesucht, durften nicht einmal die Bewohner diesen Hof verlassen, geschweige denn die Tiere, genauso wenig aber durfte sich ein Wanderschäfer noch vom Fleck bewegen, wenn ein ganzer Bezirk betroffen war – alle Bewegungen von Mensch und Tier wurden dann sozusagen eingefroren, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern.

Nun war mein Vater glücklich bis Delmensingen vor Ulm gekommen, hatte die Donau bereits erreicht und rechnete damit, in drei Tagen wieder zu Hause zu sein, da hörte er jenseits des Flusses den Dorfbüttel schreien. Ja, wir befinden uns noch in der handylosen Zeit, da war es der Büttel, der mit seiner Glocke durchs Dorf lief und die Nachrichten ausrief, und wie mein Vater mit seiner Herde dort auf dem Feld steht, hört er, wie jenseits der Donau der Büttel die Seuche ausschreit – der Fluss ist an dieser Stelle nicht besonders breit. Eigentlich und streng genommen heißt das: Er darf sich mit seiner Herde nicht mehr bewegen, er muss auf diesem Feld wie angenagelt ausharren – und wer weiß, für wie lange? Was soll er tun? Die Bauern werden in den nächsten Tagen pflügen und sähen, es wird kein Durchkommen mehr geben, und was würde der Bauer sagen, auf dessen Wiese er sich gerade befindet? Vertreiben würde er ihn. Außerdem wird er daheim gebraucht, und da gibt es für ihn nur eins: mit seinen Schafen loslaufen. Raus aus dem Sperrbezirk und sich auf dem schnellsten Weg nach Sontheim durchschlagen.

Und er läuft und läuft. Den Nachmittag und die ganze Nacht läuft er, lässt am Morgen die Schafe kurz ausruhen, am Waldrand, wo sie keiner sieht, läuft dann weiter und kommt zur Mittagszeit tatsächlich in Sontheim an – Schäfer und Herde haben sage und schreibe 40 Kilometer zurückgelegt. Das war schon eine ziemliche Meisterleistung von ihm, wie er sich hinterher bei aller Zufriedenheit über sein Bravourstück selbst eingestehen musste – er hätte nicht gedacht, dass seine Schafe diese Tortur durchstehen würden, sagte er. Aber keins seiner Tiere hatte aufgegeben, und vielleicht hat mein Vater an diesem Tag ganz nebenbei einen schwäbischen Rekord aufgestellt.

Und wo wir bei den außerordentlichen Qualitäten unserer Merinos sind – die Gefahr, dass ein Tier unterwegs verloren geht, ist gering, denn Schafe haben einen fantastischen Orientierungssinn. Es kann passieren, dass welche den Anschluss an die Herde verpassen, und so geschah es mir, als ich bei Hörvelsingen auf der Alb hütete – ein Schaf war plötzlich weg. Natürlich sind mein Mann Francesco und ich ausgeschwärmt, haben es mit wachsender Unruhe gesucht, es erreichten uns auch Anrufe, unser Schaf sei da und dort gesichtet worden, aber wenn wir hinkamen, hatte es sich jedes Mal aufgelöst wie ein Phantom. Wiedergefunden haben wir es dennoch, und zwar daheim vor unserem Stall – es war die ganzen 25 Kilometer von Hörvelsingen bis Sontheim über Straßen und Bahngleise durchgelaufen und hatte heil zurückgefunden; eine tolle Leistung. Manchmal kennen die Schafe den Weg besser als der Schäfer denkt.

Was nun den jungen Fritz und den nur unwesentlich älteren Casper angeht, waren sie sich ihres Wegs zum Bodensee auf dieser ersten Reise durchaus nicht sicher. Fritz war völlig unkundig, und Casper hatte die Strecke bisher nur ein einziges Mal zurückgelegt, nämlich im Vorjahr mit seinem Vater, und immerhin galt es jetzt, vor Einbruch der Dunkelheit jeweils eine bestimmte Ortschaft und dort wiederum einen Bauernhof zu erreichen, wo sie für die Nacht eine Unterkunft zu finden hofften.

Wenigstens hielt sich die Zahl ihrer Schafe in Grenzen. Fritz hatte lediglich 30 Tiere dabei, nämlich jene kleine Herde, die seinem Vater gehörte; sie war ein Geschenk, sein Startkapital gewissermaßen und der Grundstock seiner späteren Herde. Dazu kamen die 400 Schafe von Casper, darunter zwanzig Mutterschafe mit ihren Lämmern.

Dafür, dass sich der Casper nur vage an den Weg erinnerte, ging es gut voran. Einmal kamen sie aber doch in die Bredouille. Es war vor Markdorf, als sie in dichten Nebel gerieten, die Orientierung verloren, im Kreis liefen, wie sie zu ihrem Schrecken irgendwann feststellen mussten, und erst nach stundenlanger Suche gegen Mitternacht bei ihrem Quartier anlangten. Was blieb ihnen anderes übrig, als den Bauern mit kräftigen Schlägen gegen die Haustür aus dem Schlaf zu reißen? Sie brauchten ja eine Kammer, ein Abendbrot, einen trockenen Platz für ihre zwei Hunde, und die Schafe mussten auch für die Nacht eingesperrt werden. Der Bauer ließ sie zwar ein, war aber so verärgert, dass mein Vater diesen Vorfall nie vergaß.

Im äußersten Notfall hätten sie draußen auf freiem Feld schlafen müssen. Meinem Vater ist das in all den Jahren nie passiert. Es kommt aber immer wieder mal vor, dass man aus irgendeinem Grund keine Unterkunft findet, und ich weiß von einem alten Schäfer, der sich, wenn es ihn im Winter erwischte, einen Baum suchte und sich daran festband, um im Schlaf nicht umzufallen. Solange das Wetter einigermaßen mitspielt, kann man sich natürlich überall hinlegen, aber im Winter nicht, im Schnee schon gar nicht, und so hat dieser Mann im Stehen geschlafen, an einen Baum gebunden. Von einem anderen Schäfer weiß ich, dass er sich lieber in einen Stacheldrahtzaun legte, als mit dem eisigen Boden in Berührung zu kommen.

Von jener peinlichen Verspätung abgesehen machte der 16-jährige Fritz eine erstaunliche Entdeckung: Als Schäfer waren sie den Bauern überall willkommen!

Man tat ihnen gern auf, man richtete ihnen oben die Kammer her, man stellte ihnen eine Schüssel mit Waschwasser hin, man lud sie unten an den Abendbrottisch – und alles, ohne einen Pfennig dafür zu verlangen. Weshalb so freundlich? Weil die Schafe unterdessen draußen in ihrer Umzäunung die Obstbaumwiese düngten? Gewiss, das war der Hauptgrund – aber auch, weil der Schäfer was zu erzählen hatte. Der Bauer saß ja auf seinem Hof und bekam wenig von der Welt mit, nennenswerte Städte fielen als Tauschbörse für Informationen ebenfalls aus, weil es im weiten Umkreis gar keine gab – der Schäfer aber war mobil, der kam herum und schnappte überall Neuigkeiten auf, der war auf jeden Fall besser unterrichtet als der Bauer auf seinem Hof.

Nun hatten die beiden jungen Männer, der Fritz und der Casper, viel von der Welt ja auch noch nicht gesehen. Aber in den vergangenen Tagen und Wochen war doch einiges an Erlebnissen zusammengekommen, sie hatten schon an etlichen Abendbrottischen gesessen und wussten nun zumindest, was die anderen Bauern wussten, die es vielleicht aus der Zeitung oder dem Radio hatten. Deshalb entließ der Bauer seine Gäste nach dem Abendbrot auch nicht, blieb vielmehr mit ihnen am Tisch in der Küche hocken, goss fleißig Most oder Wein nach und redete und lauschte bis in die Nacht., Kurzum: Der Schäfer, das war die große, weite Welt …

In späteren Jahren machte Fritz dann die Erfahrung, die er auch an mich weitergegeben hat: Wenn ein Schäfer sich gut benommen hatte, wenn er vor dem Eintreten den Staub, Kot und Schlamm eines langen Wandertages gründlich von seinen Stiefeln abgebürstet und sich von seiner leutseligen Seite gezeigt hatte, durfte er jederzeit wiederkommen und wurde dann wie ein alter Bekannter behandelt. Natürlich gab es auch Schäfer, die sich das Wohlwollen der Bauern verscherzten. Die sich nicht an die Spielregeln hielten, die mal eine Wiese ungefragt abweideten, mal einen Flurschaden anrichteten, und dann kannte der Bauer kein Pardon, dann konnte es auch geschehen, dass der nächste Schäfer das Pech hatte, im Stall bei den Kühen auf dem Stroh schlafen zu müssen – auch das sollte der Fritz noch erleben.