Eine Handvoll Leben - Monika Dahlhoff - E-Book

Eine Handvoll Leben E-Book

Monika Dahlhoff

4,7
7,99 €

oder
Beschreibung

Im Winter 1944 wird die kleine Monika von russischen Soldaten verschleppt. Zusammen mit anderen Kindern wird sie in einem abgelegenen Gulag völlig sich selbst überlassen. Durch ständigen Hunger, beißende Kälte und fehlende Fürsorge verwahrlost sie immer mehr. Als das Mädchen nach Jahren befreit wird, bleibt ihr ein normales Leben versagt. In einer Pflegefamilie versucht man der traumatisierten Monika mit Strenge und Gewalt beizukommen, doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und hofft noch immer auf ein Wiedersehen mit ihrer Mutter.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 356




Inhalt

CoverInhaltÜber die AutorinTitelImpressumWidmungDie Erinnerungen kommen wie die Wellen des Meeres1940 bis 1944 Frühe Kindheit in Ostpreußen1944 bis 1948 Nach Russland verschleppt1948 Kinderheim und Krankenhaus in der sowjetischen Besatzungszone1948 bis 1955 Bei Pflegeeltern in Zuchau1955 bis 1958 Jugend in Oberstdorf und WinterbergDas Schweigen brechen

Über die Autorin

Monika Dahlhoff wird 1940 in Königsberg geboren. An ihrem 18. Geburtstag verlässt sie ihre Familie und baut sich in Düsseldorf ein eigenes Leben auf. Viele Jahre lang muss sie hart arbeiten, um eine glückliche und sorgenfreie Existenz führen zu können. Doch es gelingt. Heute ist Monika Dahlhoff Mutter zweier erwachsener Töchter und lebt mit ihrem Mann in Hamm.

Monika Dahlhoffmit Sylvia Gredig

EineHandvoll Leben

Meine Kindheit im Gulag

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2013/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Ulrike Strerath-Bolz

Titelbild: © getty-images/Jerry Cooke

Umschlaggestaltung: Pauline Schimmelpenninck

Büro für Gestaltung, Berlin

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-1969-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meine Töchter Katharina und Aylin

Die Erinnerungen kommen wie die Wellen des Meeres

Am Strand entlang spazieren wir Hand in Hand durch den warmen Sand bis zu unserem Lieblingsrestaurant mit Blick zum Jachthafen Puerto Banús. Die frühe Abendsonne taucht die Küste in ein hellgelbes Licht; wir freuen uns schon darauf, gleich in dem Lokal einzukehren und bei einem Glas Vino tinto den Sonnenuntergang zu beobachten, während wir uns eine Paella schmecken lassen.

Klaus und ich verbringen den dritten Winter in Marbella an der Costa del Sol. Es ist Anfang Dezember und zu Hause regnet es aus einem grau verhangenen Himmel, wie mir Aylin, meine Tochter aus zweiter Ehe, heute am Telefon erzählte. Während ich beim Gehen die Muscheln im Sand betrachte – zum Sammeln habe ich in den nächsten Wochen noch genügend Zeit –, sehe ich Aylin vor mir, ihr braunes Haar, das hübsche schmale Gesicht, die dunklen Augen. Darüber die Brauen, zornig zusammengezogen. »Du bist so egozentrisch. Nie hast du Zeit für mich, wenn es mal wichtig ist!« Aylin ahnt nicht, wie hart ihre Worte mich getroffen haben. Meine Töchter sind mein Ein und Alles. Ich wollte immer für sie da sein, ihnen den Weg ebnen, sie mit einem guten Polster an Mutterliebe und Kraft ausstatten, damit sie als starke junge Frauen ihren Weg finden. Katharina, die Ältere, hat inzwischen ihre eigene kleine Familie. Sie und ihr Mann teilen sich das Geldverdienen und die Versorgung der Kinder: eine moderne Ehe. Ich habe zwar auch immer gearbeitet, aber ich spürte die Verantwortung doch oft allein auf meinen Schultern. Erst mit Klaus habe ich einen Partner gefunden, der mir Sicherheit und Geborgenheit schenkt. Immerhin seit mehr als zwanzig Jahren. Er und Aylin sind in der Vergangenheit oft aneinandergeraten, zuletzt bei unserem Zusammentreffen im November, als Aylin uns in Hamm besuchte. Klaus hat sich immer eine Tochter gewünscht und hätte Aylin gern in seiner Firma gesehen. Doch sie fühlte sich mit der Büroarbeit nicht wohl und ist auch heute mit Anfang dreißig noch beruflich auf der Suche. Ich selbst mache mir Vorwürfe, dass ich ihr nicht zum Abitur verhelfen, sie in schulischen Dingen nicht besser unterstützen konnte. Heute weiß ich nicht, was ich noch tun soll. Zum einen mag sie schon lange keine Ratschläge mehr von mir annehmen, zum anderen wirft sie mir plötzlich vor, nicht für sie da zu sein. Unser kurzes Telefonat eben, in dem sie mir mitteilte, dass sie ihren Job gekündigt habe, endete abrupt, weil ich Aylin bat, lieber am nächsten Tag in Ruhe zu telefonieren; wir hatten einen Tisch reserviert. Ohne ein Tschüs legte sie auf.

»Na, immer noch in Gedanken bei Aylin?« Klaus drückt meine Hand in seiner.

»Irgendwann müssen die Kinder doch mal groß werden …«, sage ich und versuche unbekümmert zu lachen. Ich will diesmal keine endlose Diskussion mit Klaus, möchte uns unseren Ankunftsabend nicht verderben. Wir haben uns so auf den ersten Spaziergang an der Küste entlang und auf das Abendessen unter Palmen gefreut. »Lass uns über die nächsten Tage reden, was wollen wir unternehmen?«, frage ich. »Morgen erst mal im Meer baden?«

Klaus und ich lieben beide das Schwimmen, bummeln gern durch die spanischen Altstädte und genießen die Sonne und die Natur.

Nach einer Weile tauchen vor uns die beigefarbenen Sonnenschirme des Ana del mar zwischen den Palmenkronen auf.

»Buenas tardes, señora y señor Dahlhoff, qué tal?« Pablo strahlt übers ganze Gesicht vor Freude, uns zu sehen. Er ruft seine Frau Ana, die uns ebenfalls sogleich begrüßt, führt uns zu einem eingedeckten Tisch und lässt uns vom Kellner frischen Orangensaft für mich und einen Sherry für Klaus servieren. Pablo hat also nicht vergessen, dass ich nur selten Alkohol trinke, und wenn, dann nur wenig.

Wir fühlen uns wie immer willkommen und prosten uns zu. Aylins Vorwurf, der mir jetzt wieder durch den Kopf geistert, schiebe ich mit aller Macht zur Seite, Grübeleien helfen nicht. Diesen ersten Abend in Spanien werde ich unbeschwert genießen und mich nicht schlecht fühlen. Klaus hat unsere Paella schon vorbestellt, sodass wir aus der Karte nur noch eine kleine Vorspeise wählen, etwas Iberico-Schinken, Käse und Oliven aus der Region sowie Brot, außerdem Wein zur Paella. Leise beginnt im Hintergrund eine Gitarre zu spielen.

»Die Paella mit Fleisch«, sagt der Kellner und legt erst mir, dann Klaus davon auf. Wie lange hatte ich diesen verlockenden bitter-würzigen Safranduft nicht mehr in der Nase? Während wir das Essen und den herrlichen Ausblick aufs Meer genießen, füllt sich das Lokal; bald ist kein einziger Tisch mehr frei. Die Gäste, vor allem die Spanier, unterhalten sich laut. Klaus und ich sind auch sonst kein Paar, das sich im Restaurant schweigend gegenübersitzt, aber das Lachen um uns herum und das Klingen der Gläser hebt unsere Stimmung. Es ist schon dunkel, die weißen Jachten und gekalkten Häuser von Puerto Banús, vor einer Weile noch von blauem Meer und graubraunem Berghang eingerahmt, strahlen nun hell erleuchtet im nächtlichen Schwarz.

»Bin gleich wieder da«, sage ich nach dem Essen, um mich kurz frisch zu machen und die Lippen nachzuziehen. Beschwingt erhebe ich mich aus dem Korbstuhl, greife nach meiner hellroten Lederhandtasche, die den gleichen Farbton wie mein Kleid hat, und wende mich zum hinteren Teil des Restaurants, als einer der Kellner wie aus dem Nichts vor mir steht. Im letzten Moment halten wir beide inne, sodass Schlimmeres ausbleibt. Schlimmeres für den Kellner, für andere Gäste. Nicht einmal ein Schreckensruf stört das fröhliche Lärmen.

Für mich jedoch könnte es nicht grausamer sein. Mein Blick haftet auf der schwankenden Silberplatte in der Hand des Kellners. Die weißen Augen eines großen Fisches starren mich an. Ich kann mich nicht bewegen, das Blut weicht mir rauschend aus dem Kopf. Mir wird kalt, winterkalt. Um mich herum ist augenblicklich Schnee, meterhoch. Ich stapfe mit Lumpen um die Füße, so schnell ich kann, hinter den anderen Kindern her. Mit meinen dünnen Beinchen klettere ich auf den Misthaufen an der Baracke vor uns. Hier gibt es jede Menge Abfälle. Gierig nagen wir Fleischreste von Knochen, stecken Kartoffelschalen und Brotenden ein. Dann der Blick durch das hell erleuchtete Fenster. Soldaten lachen, singen und tanzen zur russischen Musik. Keiner von ihnen entdeckt uns, sie sind viel zu sehr mit den Mädchen beschäftigt, die sie sich geholt haben. Ich recke den Kopf und sehe in einer Ecke einen nackten Mädchenkörper auf einem Tisch, das Gesicht hebt sich und angstgeweitete Augen blicken mich an, der Mund ist zum Schrei geöffnet. Im nächsten Moment stopft ein Soldat ihn mit einem Fischkopf, der Fischkörper mit dem Schwanz fegt hin und her, so sehr windet sich das Mädchen. Der Soldat steht ohne Hose vor dem Kind, hält es fest und stößt in es hinein.

»Monika, alles ist gut, setz dich.« Klaus hat mir seine Jacke umgelegt und hält mich im Arm, der Kellner mit der Fischplatte ist nicht mehr zu sehen. »Du zitterst ja am ganzen Leib, komm, trink erst mal einen Schnaps. Der wärmt.«

Doch der Alkohol kann weder die Kälte in mir noch die Übelkeit und das Unbehagen lindern. Ich erhole mich mühsam, möchte nur fort von hier, fort von den anderen Menschen. Ich schäme mich jedes Mal, wenn ich die Kontrolle verliere, und befürchte, man sieht mir an, welche Bilder sich meiner bemächtigen. Mit leerem Blick schaue ich über das dunkle Meer vor uns und lausche angestrengt auf das Rauschen, um all die Stimmen, das Lachen und die Musik endgültig zu vertreiben. Ich sehne mich danach, allein zu sein, und zugleich habe ich Angst davor. Die Erinnerungen werden wie das Wasser des Meeres in Wellen angespült, mal nähern sie sich langsam, dann türmen sie sich ohne Vorwarnung auf; sie reißen kraftvoll und unbarmherzig allen Grund mit sich, ziehen sich zurück in die Tiefe und sammeln sich noch mächtiger, um mit der nächsten Wallung erneut emporzusteigen, immer wieder so, als würden sie mir das allererste Mal ins Bewusstsein dringen.

Klaus begleicht die Rechnung. »Lass uns noch ein wenig durch die Altstadt bummeln, dann kommst du auf andere Gedanken.«

1940 bis 1944Frühe Kindheit in Ostpreußen

Ich bin ein Kriegskind, im Krieg in Königsberg geboren und die ersten vier Jahre dort aufgewachsen. Meine Eltern wohnten in der Kneiphöfischen Langgasse, der prächtigen Hauptstraße im Stadtteil Kneiphof, wie eine Insel von zwei Flussarmen umgeben. Vor allem angesehene Kaufleute hatten nahe am Pregelufer mit seinen Schiffsanlegestellen und Speichern ihre Wohnungen und Geschäfte. Am gegenüberliegenden östlichen Ende des Kneiphofs überragte der Dom die Dächer. Erinnerungen an die Stadt habe ich kaum. Überhaupt weiß ich über meine ersten vier Lebensjahre nicht viel und besitze auch nur eine Handvoll inzwischen verblasster Schwarz-Weiß-Fotografien. Aber einige Bilder, Erlebnisse und Gefühle haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt, und sie scheinen mir echt zu sein.

Als ich zur Welt kam, war mein Vater vierundzwanzig Jahre alt und Soldat bei der Luftwaffe; er wird nicht oft bei uns gewesen sein, ich werde ihn nicht oft gesehen haben. Trotzdem habe ich eine starke Erinnerung an ihn. Wenn ich in den Nachthimmel blicke, sehe ich noch heute meinen Vater vor mir, der liebevoll zu mir herunterschaut und dem ich alles sagen kann. Er ist mein Herzensmensch, meine Kraftquelle. Meine Mutter hatte mich mit nur achtzehn Jahren zur Welt gebracht; fast selbst noch ein Kind, sorgte sie für mich, während ihr Mann immer wieder in den Krieg zog. Wenn ich an sie als junge Frau denke, sehe ich eigentlich nur die alten Fotografien von ihr vor meinem inneren Auge. Sie war eine wunderschöne Frau, aber sie wird in meiner Vorstellung nie so lebendig wie der Vater. Ihn sehe ich nach Hause kommen, auf Heimaturlaub. Ein schlanker junger Mann in blaugrauer Uniform. »Monika, Engelchen!«, rief er jedes Mal und hob mich zur Begrüßung hoch in die Luft. Ich war vielleicht zwei Jahre alt, als er fragte: »Würdest du dich freuen, ein Brüderchen zu bekommen? Dann hast du immer jemanden zum Spielen.« – »Ja, Papa!«, höre ich mich noch heute begeistert antworten. »Hast du mir eins mitgebracht?« Mein Vater und meine Mutter lachten, und Papa nahm mich auf den Arm. »Du weißt doch, dass Mama und ich uns sehr lieb haben, und wenn wir uns fest in den Arm nehmen, wirst du einen Bruder bekommen.« – »Oh, Papa, dann halt die Mama ganz, ganz fest!« Wieder lachten die beiden und Papa zwinkerte mir zu. »Da muss ich heute Abend mit deiner Mama noch mal allein drüber sprechen …« Er gab mir einen Kuss und ließ mich von seinem Arm hinunter. »Bitte, bitte, Mama, sag Ja!«, rief ich und hüpfte durch die Wohnstube. Dann rannte ich in mein Zimmer und rief: »Ein Brüderchen, ein Brüderchen!«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!