Elefanten? Gibt es hier nicht - Harald Bollermann - E-Book

Elefanten? Gibt es hier nicht E-Book

Harald Bollermann

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Beschreibung

Vier Jahre leben und arbeiten im ländlichen Süden Tansanias - für Birgit Pötzsch und Harald Bollermann geht ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Anschaulich und ehrlich erzählen sie von ihren Versuchen, den Alltag der Menschen zu teilen, in einer fremden Sprache zu unterrichten und mit den gegenseitigen Erwartungen und Vorurteilen zurechtzukommen. Von fröhlichen Nachbarinnen, überschwemmten Straßen, furchterregenden Busfahrten und verhexten Kindern wird berichtet, aber auch von den eigenen Grenzen, den blinden Flecken, die uns immer wieder die offene Sicht auf andere Kulturen versperren. Ein Buch für alle, deren Afrika- Bild nicht fertig ist, die genau hinsehen wollen und über sich selbst schmunzeln können.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Grüße aus Daressalam : 16. 12. 2010

Mein Dienstbeginn: 18. 12. 2010

Angekommen: 21. 12. 2010

Mama Afrika: 27. 12. 2010

Missionars-Leben: 30. 12. 2010 (Harald)

Neujahr: 1. 1. 2011

Mit-Esser: 3. 1. 2011

Hinter-Gründe: 11. 1. 2011 (Harald)

Erster Schulbesuch: 12. 1. 2011

Abenteuer Reisen: 14. 1. 2011

Schöner Wohnen: 25. 1. 2011

Schule hat begonnen: 31. 1. 2011

Verbuscht?: 7. 2. 2011

Mein erster (Sprach-) Schultag: 10. 2. 2011

Schuljubiläum: 28. 2. 2010

Lebens-Fragen: 1. 3. 2011

Die Unaussprechlichen: 24. 3. 2011 (Harald)

Stromrationierung: 26. 3. 2011

Wie gefällt mir Tansania?: 2. 4. 2011

Auf kolonialen Spuren: 8. 4. 2011

Nichts Besonderes: 17.4.2011 (Harald)

Osterurlaub: 30. 4. 2011

Never ending Story: 5. 5. 2011

Die berühmteste Tasse des Landes: 11. 5. 2011

Habari gani?: 15. 5. 2011

Zwergenschule: 20. 5. 2011

… und sie ist schwarz: 27. 5. 2011

Ende gut, alles gut: 30. 6. 2011

Wir kommen: 10. 6. 2011

Schönes Leben?: 30. 6. 2011

Pole!: 14. 7. 2011

Von wegen Mission: 15. 7. 2011

Umzug in Sicht: 20. 7. 2011

Der Nyassa-See: 21. 7. 2011

Interkurelle Kommunikation: 1. 8. 2011

Trautes Heim! Glück!: 5. 8. 2011

Tagelöhnerarbeit: 8. 8. 2011

Arbeitgeber: 17. 8. 2011

Die Seekisten sind da: 30. 8. 2011

Was ist guter Unterricht?: 5. 9. 2011

Böse Geister: 10. 9. 2011

Kleine Schritte: 11. 9. 2011

Taufe: 13. 9.2011

Umzug bei Nacht: 17. 9. 2011

Nomen est Omen: 20. 9. 2011

Ich bin die Neue: 24. 9. 2011

Komplimente: 30. 9. 2012

Wohin?: 3. 10. 2011

Grundschule: 10. 10. 2011

Große Beerdigung: 19. 10. 2011

Eine Hochzeit nach drei Todesfällen: 1. 11. 2011

Kein Problem: 15. 11. 2011

Umstrittenes Thema: 20. 11. 2011

Ehrlich jetzt: 15. 12. 2011

Weißer, gib mir Süßes: 2. 1. 2012 (Harald)

Neues Jahr, neues Glück: 25. 1. 2012

Wir helfen Afrika: 30. 1. 2012

Bücherzimmer: 14. 2. 2012

Erziehungsmaßnahmen: 15. 2. 2012 (Harald)

Konfliktgespräch: 19. 2. 2012

Kinderreichtum: 25. 2. 2012

Der erste Freitag im März: 2. 3. 2012

Sie können auch anders: 5. 3. 2012

Eine andere Art Respekt: 16. 3. 2012

Besuch aus Deutschland: 18. 3. 2012 (Harald)

With a little help from my friends: 21. 3. 2012

Das Leben der anderen: 26. 3. 2012

Geld her: 3. 4. 2012

Auf der Eisenbahn: 20. 4. 2012

Es regnet: 21. 4. 2012

Die Innovation des Jahres: 25. 4. 2012

Wer die Gemeinschaft stört: 26. 4. 2012

Heilungserfolg: 29.4.2012

Ey, Alter: 5. 5. 2012

Zwischenfall: 8. 5. 2012

Women’s Lib: 13. 5. 2012

Fleisch ist mein Gemüse: 17. 5. 2012

Statt Aufklärung: 19. 5. 2012

Gäste sind ein Segen: 30. 5. 2012

So nah und doch so fern: 15. 6. 2012

Sprache und Zugehörigkeit: 22. 6. 2012

Wir sind wieder hier …: 4. 8. 2012

Kahlschlag: 6. 8. 2012

Wahlverwandtschaften: 23. 8. 2012

Schwierige Partnerschaft: 30. 8. 2012

Hängengeblieben: 13. 9. 2012

Bürgerbeteiligung: 21. 9. 2012

Lieber Gott, gib mir Geduld: 4. 10. 2012

Erst der Spaß und dann die Arbeit: 15. 10. 2012

Give me money: 31. 10. 2012

Noch zehn Tage bis zum Examen: 12. 11. 2012

Augsburger Puppenkiste: 15. 11. 2012

Freundinnen: 17. 11. 2012

Das Glück der Maurerkelle: 20. 11. 2012

Malarone: 29. 11. 2012

Amts-Zebra: 30. 11. 2012 (Harald)

Ein bisschen schwanger: 5. 12. 2012

Zeitreise: 8. 12. 2012

Volkskunst: 9. 12. 2012

Die » Goetzen« alias »Liemba«: 20. 12. 2012

Auf Heu und auf Stroh: 27. 12. 2012 (Harald)

Der Spagat der Frauen: 10. 1. 2013

Tue Gutes und zeig es vor: 15. 1. 2013 (Harald)

Hau weg: 18. 1. 2013

Stromsperre: 5. 2. 2013

Moral und Anstand: 9. 2.2013

Interreligiöse Übergriffe: 13. 2. 2013

Du gehörst miiiir!: 19. 2. 2012

Wasser im Haus: 21. 2. 2013

Nachhilfe: 27. 2. 2013

Reisanbau: 18. 3. 2013

Die Bilder im Kopf: 24. 3. 2013

Er ist auferstanden!: 31. 3. 2013

Jagdsaison: 3. 4. 2013

Geldwäsche: 8. 4. 2013

Karneval der Küken: 12. 4. 2013

Extended family: 20. 4. 2013

Stammessprache: Latein: 1. 5. 2013 (Harald)

Kindheitsmuster: 6. 5. 2013

Wer bestimmt unser Leben?: 13. 5. 2013

Wie im Schlaf: 17. 5. 2013

Family First: 20. 5. 2013

Kein Platz für Rumpelstilzchen: 15. 6. 2013

Interkulturelle Kleiderfragen: 21. 6. 2013

Machtspielchen: 5. 9. 2013

Gerne groß: 9. 9. 2013

Der Herr hat‘s gegeben ...: 12. 9. 2013

Erfahrungswissen: 17. 9. 2013

Status und Symbole: 20. 9. 2013

Kuckuckskinder: 27. 9. 2013

Selbsthilfe: 12. 10. 2013

Korrekte Kleidung: 26. 10. 2013

Sponti-Fete: 28. 10. 2013

Pflegende Angehörige: 4. 11. 2013

Die Sache mit dem Fisch: 17. 11. 2013

Entscheidungsfindung: 30. 11. 2013

Ein Brief vom König: 4. 12. 2013

Paroles paroles: 7. 12. 2013

Gast sein: 10. 12. 2013

Männerträume: 11. 12. 2013

Eine Seefahrt: 14. 12. 2013

Keeeksä: 17. 12. 2013

Es begab sich aber zu der Zeit ...: 26. 12. 2013 (Harald)

Nachwort

Vorwort

»Normalerweise gehen die Kinder weit weg und die Eltern müssen sich Sorgen machen. Bei uns ist das andersrum – da stimmt doch was nicht.« So etwa fasste eines unserer erwachsenen Kinder seine Sicht der Dinge zusammen. Und drängte auf regelmäßige Lebenszeichen und Berichte aus Tansania, damit die Familie die Sache aus der Ferne beobachten könne.

Ende 2010 sind wir in Daressalam gelandet, mit der Absicht, mindestens vier Jahre in Tansania zu bleiben. Im Auftrag des Leipziger Missionswerks (LMW) sollte Birgit Pötzsch als »Dozentin an der Bibel- und Handwerkerschule Matema« arbeiten. Harald Bollermann war die interessante Funktion eines »MAP«, eines »Mitausreisenden Partners« zugefallen. Wir waren gut vorbereitet auf unseren Einsatz, unser Missionswerk hatte uns gründlich mit Informationen über die Arbeitsbedingungen an der Schule, die Geschichte der Beziehungen zu Tansania, die Erwartungen an uns versorgt. Als wir uns Anfang Dezember »plötzlich« bei 35° am Flughafen von Daressalam unter dem berühmten Betondach mit den stilisierten Schirmakazien wiederfanden, hatten wir trotzdem alle einschlägigen Zweifel und Befürchtungen im Herzen, die zu so einer Unternehmung gehören.

Unsere Berichte haben wir von Anfang an ordentlich abgeliefert, wie es sich für brave Eltern gehört. Aus den kurzen Schilderungen, zu denen später auch Freundinnen und Kollegen Zugang hatten, ist dieses Buch entstanden. Es ist kein Reisebericht mit spektakulären Abenteuern, sondern eine Reihe von Momentaufnahmen aus unserem Alltag in einem kleinen Dorf im Südwesten Tansanias. Wir erzählen und beschreiben, wie es uns ergangen ist bei unseren Versuchen, mit den Menschen in guten Kontakt zu kommen, uns den Gepflogenheiten des Landes anzupassen und kulturelle Hintergründe zu verstehen. Natürlich ist unsere Sicht beschränkt durch unsere mitgebrachten Einstellungen, eigene kulturellen Prägungen und unsere blinden Flecken. Afrika kann man weder verstehen noch erklären, alle einschlägigen Versuche sind Konstruktionen. Die Form der Kurzberichte ohne inhaltliche Verknüpfung haben wir beibehalten, um deutlich zu machen, dass es sich um subjektive Wahrnehmungen, kleine Bruchstücke handelt, die sich beim Lesen zu einem Bild fügen mögen.

Wer wir sind? Harald Bollermann hat viele Jahre als Gemeindepfarrer und Superintendent gearbeitet und ist seit einigen Jahren pensioniert. Birgit Pötzsch ist ebenfalls Pfarrerin und war zuletzt als Dozentin am Pädagogisch-Theologischen Institut (PTI) der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) tätig. Beide hatten wir Erfahrungen in der kirchlichen Partnerschaftsarbeit und in Gremien der Missionswerke gesammelt und wollten nun die Chance ergreifen, längere Zeit in Afrika zu leben und zu arbeiten und damit die Perspektive zu wechseln. Weiter aufschieben konnten wir unseren Traum nicht mehr, mit neunundfünfzig bzw. siebenundsechzig Jahren gibt es kein »vielleicht später«.

Als einige Freundinnen drängten: »Ihr solltet eure Berichte als Buch herausgeben, das ist auch für andere interessant!«, haben wir zunächst abgewinkt. Zu kompliziert, zu riskant, zu privat. Nun haben wir uns doch dazu entschlossen, alles nochmal durchgesehen, allzu Persönliches, Vorläufiges, Ironisches gestrichen. Alle Namen wurden verändert, garstige Aussagen über Menschen und Gegebenheiten abgemildert. Niemand soll bloßgestellt werden, auch nicht diejenigen, die das Buch gar nicht lesen können.

Mögen unsere Aufzeichnungen dazu beitragen, das Land Tansania und seine Menschen besser zu verstehen und weiter zu lieben.

Birgit Pötzsch und Harald Bollermann

Grüße aus Daressalam

16. 12. 2010

MELDET EUCH! Ich hab's genau im Ohr. Aber es hat nun doch fast zwei Wochen gedauert, bis wir die Sache angehen. Zuerst mussten wir mal schlafen, denn ich war bei der Abreise ein bisschen krank und wir beide total erschöpft. Und dann wollte die Internetverbindung nicht klappen. Man muss ein Modem kaufen und mit einer Telefonkarte bestücken und der PC muss auch noch mitspielen. Das macht dann auch wieder müde.

Unsere letzten Wochen in Deutschland waren richtig hart. Banken und Behörden, Ersatzbrille, Internationaler Führerschein, Zahnarzt, Visum. Computer, Medikamente und Bücher einkaufen. Wohnung auflösen, Auto verkaufen, Arbeit an die Nachfolgerin übergeben, Büro räumen, Seekisten packen. Und dann die ganzen Abschiede. Ooooh.

Das Gefühl, nun endlich hier zu sein, ist unbeschreiblich. Seit über einem halben Jahr begleiten uns jeden Tag Fragen: Wollen wir das wirklich? Sind wir nicht ein bisschen oder ziemlich alt für so was? Was kommt da auf uns zu? Einsamkeit, Ungeziefer, Hitze, Feindseligkeit, Krankheiten? Und halten wir das aus? »Ihr seid aber mutig«, war wohl der häufigste Kommentar unserer deutschen Kollegen und Freundinnen. Häufig klang es eher nach »Ihr seid wohl total bescheuert«. Vielleicht liegt mutig und bescheuert ja unmittelbar nebeneinander in diesem Fall. Aber jetzt sind wir hier. Die Fragen sind noch da, aber die Entscheidung ist gefallen, darum haben sie kein großes Gewicht mehr. Wir sind in Tansania! Und nicht nur mal auf Urlaub, sondern um hier für einige Jahre zu leben und zu arbeiten. Das ist jedenfalls unser Plan.

Wenn wir mal gerade nicht irgendwo rumliegen und dösen, lesen oder Vokabeln lernen, rollen wir Daressalam auf. Ganz langsam natürlich, denn es ist wirklich heiß. Ziemlich selten dudelt irgendwo ein Weihnachtslied. Melodie deutsch, Text kiswahili, Schmelz amerikanisch. Das ist immer etwas befremdlich, denn sonst ist hier gar nichts weihnachtlich. Ich erinnere mich an die Klagen einiger Leute in den zurückliegenden Jahren, es käme ja gar keine Weihnachtsstimmung auf. Was auch immer das ist–hier ist es nicht.

Mein Dienstbeginn

18. 12. 2010

Der Programmpunkt für die ersten Tage im Land hieß: »Akklimatisieren«. Damit ist jetzt genug, wir haben uns endlich auf die Reise nach Matema gemacht. Rund tausend Kilometer mit dem Bus bis weit in den Süden des Landes. Gleich beim Einsteigen wurde Haralds Handy gestohlen. Ein Trick – und wir sind darauf reingefallen. Ein Mann hat Harald in eine unsinnige Diskussion verwickelt und er war so darauf konzentriert, sich zu wehren, dass er das Handy nicht festgehalten hat. Zitat: »Ich wusste ja, dass es irgendwann geklaut wird. Aber dass es gleich am ersten Tag passiert …« Schon sind wir um eine Erfahrung reicher.

Die Busfahrt konnten wir auch nicht recht genießen, denn der Fahrer ist geheizt wie verrückt und hat so halsbrecherisch überholt, dass ich mehrfach dachte, unser Tansaniaaufenthalt könnte sehr frühzeitig enden. Zwischendurch hatte ich solche Angst, dass ich vorschlug, wir sollten lieber aussteigen. Aber was hätten wir dann machen sollen, mitten in der Pampa, ohne Sprach- und Ortskenntnisse? Es fahren ja nur diese Busse und es ist bekannt, dass die Fahrer meistens zu schnell fahren und die Unfallzahlen steigen, weil Busse und Straßen in schlechtem Zustand sind. Es scheint eine Art Wettrennen zwischen den Bussen der verschiedenen Gesellschaften zu geben. Die vielen Wracks am Straßenrand erzählen von den Verlierern.

Zwischendurch gab es zwei Pausen, je zehn Minuten für Klo und Essen kaufen. Am Frauenklo eine lange Schlange von Wartenden. Da kann man sich nur noch Pommes und ein Stück Huhn in einer Plastetüte schnappen und wieder zum Bus rennen. Eine Frau fehlt noch, der Busfahrer hupt durchdringend und fährt dann ohne sie ab. Später, an einer der Haltestellen wäre das fast wieder passiert, Harald war leichtsinnigerweise ausgestiegen. Zehn, zwanzig Busse stehen hintereinander, wenn man sich die Farbe nicht merkt, hat man verloren. Und unser Bus war langsam immer weiter vorgerückt, statt stehenzubleiben. Ich musste meine geballte Autorität und Gestik aufbringen, damit der Fahrer freundlicherweise ein paar Minuten wartete und ich meinen Liebsten einfangen konnte. Bei aller Erschöpfung nach fünfzehn Stunden Fahrt bzw. Raserei waren wir am Ende froh, dass wir überhaupt in Tukuyu angekommen waren.

An der Bushaltestelle in Tukuyu hatte ein Empfangskomitee aus zwei Mitgliedern der Kirchenleitung tapfer auf uns gewartet und geleitete uns nun im Dunkeln zum Hotel. Damit war auch gleich klar: Dies ist mein offizieller Dienstbeginn und mein künftiger Arbeitsort. Wir sind also nicht zum Spaß hier. Das ist schon ziemlich aufregend. Am nächsten Tag eine kleine Führung und eine Vorstellungsrun-de im Verwaltungsgebäude der Diözese (die Konde Diözese ist eine der zweiundzwanzig lutherischen Landeskirchen in Tansania, die zusammen die Evangelisch Lutherische Kirche in Tansania / ELCT bilden). Insgesamt war unser Empfang so freundlich und herzlich, dass wir uns gleich wieder ein bisschen entspannen konnten. »Karibuni-Willkommen«, sagten alle Mitarbeitenden, denen wir vorgestellt wurden. Anschließend wurden wir mit unserem Gepäck in ein Auto verfrachtet. Auf Nebenwegen würden wir nach Matema fahren, erklärte uns unser Begleiter, denn das Auto habe keine Versicherung und man wolle der Polizei nicht auffallen. Die Nebenwege sind ungeteert und voller Steine und Löcher. Die Straße schlängelt sich durch Hügel und Felder und die Landschaft ist einfach ein Traum. Alles ist grün und der Boden offenbar fruchtbar. Die Dörfer zwischen den Feldern wirken gepflegt und einladend, kleine Häuser aus Ziegelsteinen oder Bambusrohren und Lehm, Gärten, Felder, Teeplantagen. Ab und zu weist ein Schild auf eine nahe Grundschule hin. Hier werden wir leben, es ist unglaublich.

Angekommen

21. 12. 2010

Wir sind in Matema! Das könnt ihr euch nicht vorstellen. Ein kleines Dorf direkt am See. Also wirklich klein. Wir sind am ersten Tag weit gelaufen und haben Matema gesucht, weil es auf der Karte aussieht, als läge es weiter links. Und hier ist ja eigentlich nur ein Markt, ein Krankenhaus und ein paar Häuser. Aber da kommt weiter nichts, das IST Matema.

Der Markt besteht aus etwa fünfzehn »Läden«, teils Bretterbuden, teils Tische mit einer Plane gegen die Sonne. Sie verkaufen Gemüse, Kleidung oder Haushaltskram. Stapelweise bunte Plasteschüsseln, Leinen mit Stoffen, Kanister mit Öl. Es gibt auch Frisöre und Getränkehändler. Und leider auch Kneipen. Leider, denn der Tansanier an sich liebt es offenbar laut. Das hatten wir schon auf der Busfahrt festgestellt. Die Anlagen bis zum Anschlag aufgedreht, völlig übersteuert und gern stundenlang die immer gleiche Kassette. Dabei ist die hiesige Popmusik für unsere Ohren keineswegs gut anzuhören. Kurze Melodiesequenzen mit wenigen Harmonien, die sich ständig wiederholen, und das Ganze immer aus voller Kehle gebrüllt. Keine Rede von Trommelmusik und Afri-Folklore. Im Moment bekümmert uns vor allem, dass unser zukünftiges Wohnhaus direkt gegenüber einer solchen Krachmaschine steht. Wir werden da ganz bestimmt verrückt.

Der See ist klar und kühl und es gibt keine Bilharziose, wie sonst in fast allen afrikanischen Binnengewässern. Wir werden jeden Tag baden und die Hitze kann uns nichts anhaben. Und der Krach auch nicht, das wär doch gelacht. Bisher sind wir fest entschlossen, alles gut zu finden, oder zumindest so hinzunehmen, wie es kommt. Wir haben vorläufig eine Wohnung im alten Missionshaus von 1911 bezogen mit zwei Zimmerchen – was für ein Luxus! Frühstück gibt es unten auf der Terrasse des kirchlichen Hostels, Mittagessen in einer der Marktbuden, abends Salat und manchmal auch Brot, je nach Angebot. Morgens lernen wir Vokabeln, mittags spazieren wir durchs Dorf und probieren sie aus. Da gibt es viel zu lachen, was ja nicht die schlechteste Form der Kontaktaufnahme ist. »Ihr werdet das schnell lernen, macht euch keine Sorgen!«, sagt Rehema, die uns jeden Tag das Frühstück macht und sich geduldig für unsere Sprachübungen zur Verfügung stellt. Das möchten wir schon gern glauben, aber ... Andererseits müssten die Leute es wissen, wir sind ja nicht die ersten Weißen, die sich hier einfinden. Freiwillige, also Jugendliche, die nach dem Abi die Welt sehen wollen, Ärztinnen, Ärzte, Krankenschwestern, die dem Krankenhaus helfen, alle möglichen Praktikanten, Helfer und Abenteurer waren vor uns hier und werden nach uns kommen. Für uns ist es ein aufregender Anfang, ein Start ins Unbekannte, für die Bewohner des Dorfes eine eingespielte Sache. Leute wie wir kommen und gehen. Wir wissen nicht recht, was uns hier erwartet – die anderen aber scheinen zu wissen, was sie von uns zu erwarten haben. Gib mir einen Stift, sagt ein kleiner Junge, der an uns vorbeiläuft. Offenbar sind Weiße auch dafür bekannt, dass sie zu viele Kulis haben.

Mama Afrika

27. 12. 2010

Ich brauche dringend was zum Anziehen. Wirklich. Ein paar T-Shirts habe ich mitgebracht, zwei Röcke. Natürlich ist alles schnell gewaschen und ebenso schnell wieder trocken. Aber trotzdem. Nur – wo kauft man hier ein? Es kommt gelegentlich ein junger Mann mit einem Sack voll Altkleider durchs Dorf. Er schüttet seinen Sack einfach vor einem Haus aus und die Nachbarinnen laufen zusammen und gucken, ob etwas Brauchbares dabei ist. Die Männer und die Kinder tragen fast ausschließlich abgelegte Kleidung aus Europa oder den USA. Die Aufdrucke auf den T-Shirts sind manchmal verblüffend, wenn sie einem hier in Ostafrika über den Weg laufen. Da wirbt ein Sanitätshaus aus Bayern um Kunden, eine Abiklasse schickt ihr Motto in die Welt und sogar irgendein längst vergangener Kirchentag ist noch präsent. Ein deutscher Fußballverein nennt sich »Elf kleine Arschlöcher«. Gewiss hat der junge Mann mit dem Hemd keine Ahnung, was auf seiner Brust steht.

Frauen bevorzugen die traditionelle Kleidung, also Rock und Oberteil aus dem gleichen Stoff. Diese Sachen gibt es nicht fertig zu kaufen, sie werden maßgeschneidert. Vor etlichen Häusern stehen Nähmaschinen, da wird sich wohl was machen lassen. Am Tag vor Heiligabend war es so weit. Mary sitzt mit ihrer Tretnähmaschine gleich neben den Tomaten auf dem Markt.

Sie kann kein Wort Englisch, ist aber sehr fröhlich und hat vor allem Geduld. Ich habe mir die Bestellung im Wörterbuch zusammengesucht. »Kannst-du-nähen-Kleid-ich?« frage ich. Sie kann. »Wann?«, will Mary wissen. Die einzige Zeitangabe, die ich kenne, heißt morgen. Aber morgen ist Weihnachten. Ich probiere es also mit »morgen-morgen-morgen«. Wir verstehen uns prima.

Ich setze meinen gesamten Wortschatz ein, um das Kleid zu beschreiben. Entscheidende Begriffe wie weit und eng verwechsele ich offenbar im Eifer des Gefechts, denn Mary kann es nicht glauben. Die anderen Marktfrauen beteiligen sich interessiert an der Beratung und amüsieren sich offenbar köstlich. Mary misst an mir herum und schreibt Zahlen in ein Buch. Derweil sitzt Harald auf einem Schemel und erinnert mich entfernt an die bräsigen Männer, die in Deutschland auf den Sofas vor den Umkleidekabinen abgesetzt werden.

Heute konnten wir das Kunstwerk abholen. Es kneift etwas unter den Armen, aber Mary ist von ihrer Arbeit begeistert. »Mama Afrika! Du siehst gut aus!«, lacht sie. »Kleid-sehr-schön-danke«, stammele ich.

Missionars-Leben

30. 12. 2010 (Harald)

In einer Ecke des alten Missionarshauses, dessen Veranda uns als eine Art Ersatzwohnzimmer dient (hier sitzen wir, um zu lesen, zu schreiben oder wenn wir Gäste haben), befindet sich das »Museum«. Außer dem einschlägigen Schild gibt es ein paar fast leere Vitrinen mit zerbrochenen Scheiben und zwei gerahmte Bilder an der Wand. Ein Foto zeigt die Ankunft der ersten Missionare der »Berliner Missionsgesellschaft« im September 1891. Sie waren von Südafrika her über den Sambesi, dann den Schire und den Nyassa See hier bei Matema an Land gegangen. Zehn Männer präsentieren sich dem Fotografen mit würdevollen Gesichtern im vollen Bewusstsein ihres wichtigen Auftrages. Sie tragen die typischen Reisekleidung der Zeit, auf dem Kopf den Tropenhelm und (man staunt!) Gewehre auf den Knien bzw. in militärischer Manier seitlich abgestellt.

Dieses koloniale Gehabe scheint nun wirklich so viele verbreitete Vorurteile zum Thema Mission zu bestätigen, dass ich beschließe, mich genauer mit unseren Vorvorvorvorvorgängern, ihren Beweggründen und ihrer Arbeit zu befassen. Aber wie immer, wenn es um geschichtliche »Wirklichkeit« geht, ist alles nicht so einfach. Über die Beweggründe der frühen Missionare und der dahinterstehenden Unterstützerkreise kann man spekulieren. Sicher waren sie von ihrem Auftrag erfüllt, den christlichen Glauben zu den »Heiden« nach Afrika zu tragen. Die Arbeit der Missionare verlief vielerorts parallel mit den Versuchen der deutschen Kolonialherren, ihren Einfluss zu etablieren und auszuweiten. In den Augen der einheimischen Bevölkerung waren sie sicher schwer zu unterscheiden, die Missionare und die neuen Machthaber. Fremde, die die gleiche Sprache sprechen und miteinander kooperieren. Und die Missionare selbst waren offenbar in einem ständigen Loyalitätskonflikt. Einerseits waren sie angewiesen auf den Schutz der Militärs und naturgemäß froh über deren Hilfe, andererseits waren sie offenbar häufig empört über deren brutales und menschenverachtendes Vorgehen. Und viele Konflikte sind dokumentiert, wie Missionare hier im Konde-Land unter Aufbietung aller Autorität versuchten, die Bevölkerung vor Zumutungen und Übergriffen der Kolonialmacht zu schützen und die Folgen gewalttätiger Aktionen zu lindern. Aber die Erkenntnis, dass das ganze Unterfangen der Machtübernahme durch Deutsche in einem fremden Land von Übel war und die gewaltsamen Übergriffe Einzelner nur Symptome eines großen Unrechts, war wohl nicht verbreitet. Es wird damals so wie heute gewesen sein: Die kritische Distanz zum Zeitgeschehen ist oft erst mit zeitlichem Abstand möglich.

Nach aller Forscherei lautet das Fazit: Wir müssen uns für unsere Vorfahren keineswegs schämen. Sie haben als Kinder ihrer Zeit versucht, in den politischen Gegebenheiten als Christen zu leben und zu handeln. Briefe, Berichte, Beschlüsse machen deutlich, dass sie sich um die Bewohner des Landes, deren Wohlergehen und Unversehrtheit ehrlich bemühten, vor allem, dass sie sie als Individuen ansahen, denen Rechte, Respekt und Würde zusteht. Allein das verdient unsere Hochachtung, es war nämlich alles andere als selbstverständlich in jener Zeit.

Und heute finden ausgerechnet wir beide uns im Haus jener tollkühnen Männer wieder, die (anders als wir!) ohne »Netz und doppelten Boden« ausgereist sind. In ein Land ohne motorisierte Transportmittel, medizinische Infrastruktur und elektronische Kommunikation. Und vor allem ohne Rückflugticket. Wir sitzen auf »unserer« Terrasse und sonnen uns ein bisschen im Licht einer langen Tradition, zu der wir als die neuen »Missionare« nun gehören. Und zu der wir noch rein gar nichts beigetragen haben.

Neujahr

1. 1. 2011

Silvester-Abend am See. In der Ferne die Lampen der Fischerboote, aufgereiht wie eine Lichterkette am Horizont. Über uns ein fantastischer Sternenhimmel mit deutlich sichtbarer Milchstraße. Leider können wir uns nicht einigen, wo das Kreuz des Südens ist. Um Mitternacht hole ich die letzten fünf Riesenwunderkerzen vom vorigen Silvester aus dem Koffer. Natürlich knallt hier nichts und sogar auf dem Markt ist es ruhig, denn der Strom ist abgestellt. Wir erzählen ein bisschen vom vergangenen Jahr. Fazit: So aufregend muss das neue nicht unbedingt werden! »Heri ya mwaka mpya – Ein glückliches neues Jahr euch allen!«

Mit-Esser

3. 1. 2011

Aus der Küche ertönen dumpfe Schläge. Vielleicht macht der Liebste Gymnastik. Nach einer Weile siegt meine Neugier und ich öffne die Tür. WAS machst du da? Ich rette das Brot, antwortet Harald und haut mit der flachen Hand auf das frische Brot. Alles voll Ameisen. So ist das hier immer. Die winzig kleinen Tierchen scheinen irgendwo im Verborgenen zu lauern und sobald ihre Kundschafter irgendein Leckerchen ausgemacht haben, kommen sie in Massen auf bald sichtbaren Straßen und tragen ihre stecknadelspitzengroße Beute nachhause –, wo auch immer das ist. Bis sie erwischt werden. Und dann werden sie aus dem Brot geklopft oder mitsamt der Tüte rausgeschmissen oder einfach weggeputzt. Es ist ein ständiger Kampf und wir haben ihn schon ein paarmal verloren. Da mussten wir mit spitzen Fingern Kekse oder Mangos mitsamt den räuberischen Viechern entsorgen. Dabei heißen die kleinen Ameisen so hübsch: Sisimizi.

Wir teilen die Wohnung übrigens auch noch mit ein paar kleinen Geckos, aber die interessieren sich nicht für uns oder unser Essen. Lästiger sind die Kakerlaken. Sie pflegen plötzlich und unerwartet aus der Klopapier-Rolle, aus den Schuhen oder dem Wäschefach gerannt zu kommen, was mir schon ein paarmal peinliche Quiekser entlockt hat. Ich will ja cool bleiben, denn dies ist sicher kein Ort für Prinzessinnen. Im Internet ist nachzulesen, dass Kakerlaken in den Tropen nichts mit Unsauberkeit zu tun haben, sondern einfach nur mal da sind. Also keine Panik. Hinter dem Spülkasten im Bad wohnt auch noch eine große Spinne, die aussieht, als sei sie bereits breitgeklopft. Solange sie nicht rumläuft, mag sie da bleiben.

Hinter-Gründe

11. 1. 2011 (Harald)

Ich habe letztens geschrieben, dass Matema aus nur zwei Straßen besteht. Das wissen wir jetzt besser. Heute haben wir uns gegen Abend aufgemacht, um den Weg zur Schule zu erkunden. Schließlich will Birgit sich nicht gleich verlaufen, wenn das Semester anfängt. Nachdem wir zum ersten Mal einen der Trampelpfade eingeschlagen hatten, die hier und da von der Straße abgehen, fanden wir uns im versteckten Teil Matemas wieder. Die Pfade schlängeln und verzweigen sich, führen vorbei an Kassava-, Mais- und Erdnussfeldern, durch Bananen- und Kakao-Pflanzungen, über kleine Gehöfte und noch einen Markt und ziemlich viel Wildnis mit hohen Bäumen. Außer Matema-Beach gibt es noch Matema-Bush! Hier leben offenbar die meisten Menschen, viele in traditionellen Häusern. Die werden aus Bambusstangen gebaut, mit Lehm verschmiert und mit Gras gedeckt. Und stehen der Tradition folgend meistens in einem kleinen Bananen-Hain. Unter den Bananen haben viele Leute junge Kakaobüsche angepflanzt. Die brauchen zunächst mal Schatten und gehören – wenn sie denn nach einigen Jahren Früchte tragen – zu den cashcrops, den Feldfrüchten, die sich zu Geld machen lassen. Es sind unglaublich viele Kinder unterwegs, staubige kleine Gestalten, viele mit Triefnasen. Sie starren uns an, rufen begeistert »Mzungu! Weißer!« oder rennen schreiend weg, wenn sie unsere unheimliche weiße Farbe sehen. Eine andere Welt tut sich auf nach immerhin drei Wochen in Matema.

Der Gedanke drängt sich auf, wenn wir rein zufällig und erst nach etlichen Tagen die verborgenen Häuser des Dorfes entdeckt haben: was verbirgt sich wohl noch hinter dem freundlichen Klischee aus Bananen und Marktbuden? Der kleine Ort präsentiert sich dem flüchtigen Besucher so paradiesisch und zauberhaft schön. Aber das Bild bekommt Risse. Ein Mann, der offenbar eine Kleinigkeit auf dem Markt gestohlen hatte, wurde dieser Tage mit Fußtritten und Prügeln bestraft. Nach unseren Informationen aus der Vorbereitungszeit haben wir mit allerhand krassen Formen von Aberglauben und Zauberei zu rechnen. Die Infektionsrate mit HIV / AIDS ist hier sehr hoch. Dass Kinder ziemlich brutal – nach unseren Maßstäben – geschlagen werden, haben wir schon mehrfach gesehen. Ebenfalls bei näherem Hinsehen muss man sich eingestehen, dass das Leben in den Bambushäusern durchaus nicht romantisch ist und die dicken Bäuche der Kleinkinder kein niedlicher Babyspeck. Dass viele Dinge nicht so sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen, erfährt jeder Afrikareisende, der genauer hinsieht. Und so weitet sich unsere Perspektive mit jedem Abzweig von der Straße.

Erster Schulbesuch

12. 1. 2011

Hier werde ich also arbeiten, wie aufregend! Um eine Art Hof stehen drei längliche Gebäude: Klassenräume, Nähwerkstatt und Bürotrakt. Dazwischen hohes Gras und ein paar Wege. Das ist die Bibel-und Handwerkerschule, sie liegt direkt am Fuß der Berge. Etwa fünfundsiebzig Studierende machen hier eine dreijährige Ausbildung als Evangelisten. Sie werden später in ihren Dörfern Gottesdienste, Konfirmandenunterricht und Frauenarbeit leiten. Weil ihre Arbeit nicht oder nur geringfügig bezahlt wird, werden sie zusätzlich in einem Handwerk ausgebildet. »Tentmaking Ministry« heißt diese Konstruktion bis heute nach dem Vorbild des Apostels Paulus. Auch er musste sich seinen Lebensunterhalt mit einem Handwerk, der Zeltmacherei, verdienen. Weiter hinten und möglichst weit voneinander entfernt die Häuser mit den Schlafräumen der Frauen und der Männer. Eine Küche ist auch da, aber alles wirkt verlassen und ein bisschen traurig, denn die Studierenden sind noch in den Weihnachtsferien. Heute ist nur eine Art Konferenz, ich werde vorgestellt, willkommen geheißen und herumgeführt. Die Kollegen und der Schulleiter sind freundlich und bemühen sich, mir auf Englisch meine Fragen zu beantworten. Sie loben mich für meine Kiswahili-Versuche Marke Eigenbau. »Warum willst du noch in den Sprachkurs, du kannst es doch schon!«

Abenteuer Reisen

14. 1. 2011

Wir sind mal wieder Bus gefahren. Da hier keiner einen Wecker hat, fängt der Bus eine halbe Stunde vor der Abfahrt an zu hupen, um 4.30 Uhr. Der Liebste stößt sich beim Einsteigen den Kopf blutig an den messerscharfen Resten einer Gepäckablage. Überhaupt scheinen auf der Matema (Schotter) Strecke die allerschrottigsten Busse zu fahren, alle japanischer oder chinesischer Herkunft. Schließlich geht es los. Der »Conductor«, bekleidet mit ölverschmierter Hose und Hut, hängt aus der offenen Tür, um weitere Mitfahr-Interessenten auszumachen. Gar nicht einfach, denn in der Dunkelheit ist dunkle Haut wirklich schlecht zu sehen. Im Scheinwerferlicht gibt’s den Geisterbahneffekt: Ein gelbes Kleid oder ein weißes Hemd, darüber in einiger Entfernung ein schwebender Eimer oder ein wanderndes Tuch. Haltestellen gibt es nicht, Fahrgäste stellen sich an den Rand der Straße und warten, bis es losgeht. Irgendwann ist das klappernde Gefährt dann voll mit der üblichen Fracht: Menschen, Kartons, Säcke, Hühner, Koffer, Körbe. Langsam wird es auch hell, wir fahren durch Dörfer, in denen das Leben erwacht, über kleine Flüsse, von denen die Leute allerlei Krokodilgeschichten erzählen. Es ist schön, so in den Tag hineinzufahren und wir können uns nicht sattsehen an Menschen und Farben.

Die Reisen mit den »Dalladallas« sind ja schon oft beschrieben worden. Aber sie sind immer wieder voller Eindrücke und Bilder, es ist einfach wunderbar. Harald in eine Ecke gestaut neben einer Frau, die auf dem Schoß einen großen Sack mit aromatischem Trockenfisch und dazu eine Gittertasche mit fettigem Räucherfisch hält. Keine Chance, die Nase von dem Gepäck fernzuhalten. Eine alte Dame hat sich einen Hahn im Tragetuch auf den Rücken gebunden. Zwei Kinder in Sonntagskleidern starren uns ängstlich an, weil wir so nah kommen. Meine Tasche hat keinen Platz in meiner Nähe und wird nirgendwohin nach vorne durchgereicht. Dafür wird mir ein schlafendes Baby in den Arm gelegt. Auch wenn wir sicher sind, nun geht nichts mehr, steigt noch eine Mutter mit Kind ein. Niemand wird stehengelassen, egal, wie es im Bus aussieht! Hinter uns stehen Leute und beugen sich von hinten über uns, weil der Bus zu niedrig ist. In den Kleinbussen, die bei uns für neun zugelassen sind, fahren locker zwanzig Leute – mit eng verzahnten Knien und Rippen. Die Fahrgäste ertragen jede weitere Einengung mit Gleichmut, niemand beklagt sich laut.

Für uns und die vielen Rucksackreisenden in Tansania ist Dalladallafahren ein fröhliches Abenteuer, auf das wir uns gern mal einlassen. Schließlich sind wir nicht in jeder Situation und ein Leben lang auf diese Transportmöglichkeit angewiesen. Wer notwendige Einkäufe (dazu gehören Matratzen oder Fahrräder), sehr alte oder kranke Angehörige oder auch Handelswaren (riesige Körbe mit Tomaten, Stoffballen, Ölkanister u.ä.) alternativlos mit einem überfüllten Kleinbus transportieren muss, für den sind diese Fahrten kein Abenteuer, sondern harte Arbeit. Kein Wunder, dass viele Tansanier nicht verstehen, wieso die Weißen einfach so, ohne triftigen Grund, in der Weltgeschichte herumreisen.

Alternativ zu den Kleinbussen gibt es auch noch die kleinen Laster, die auf der offenen Ladefläche Türme aus Gepäck und Menschen transportieren. Sie sitzen fröhlich mit nach außen baumelnden Beinen, oft hoch oben und völlig ungesichert auf dem Fahrerhaus, auf den Säcken, stehen hinten auf der Stoßstange. Wir sind mit unserem Hintergrund von Kindersitzen und Airbags natürlich am anderen Ende der Skala von Sicherheitsstandards. Uns stockt regelmäßig der Atem, wenn wir das sehen. Gefragt, ob sie keine Angst vor Unfällen haben, zucken die Leute die Achseln. Was sollen wir machen, es geht doch nicht anders …

Schöner Wohnen

25. 1. 2011

Puh, das war eine schwierige Entscheidung! Das Haus, in dem meine Vorgänger gewohnt haben, liegt in einem großen Garten mitten im Dorf, zwischen See und Straße. Die Gartenmauer hält leider den Lärm aus den Kneipen nicht ab. Sicher ist es nicht den ganzen Tag laut und der Strom scheint ziemlich häufig auszufallen, dann ist auch Ruhe. Aber oft geht der Krach bis tief in die Nacht. Wie lärmempfindlich sind wir? Wie weit können wir uns drauf einstellen oder einlassen? Wie soll man das vorher wissen? Und was gibt das für ein Bild, wenn wir schon gleich am Anfang kundtun, dass nicht gut genug ist, was man für uns gedacht und vorgesehen hat?? Als wir wieder mal zu einer Besprechung in Tukuyu sind, teilen wir unsere Bedenken vorsichtig in der Diözese mit und – wer hätte das gedacht – das Problem ist bekannt und es gibt eine Alternative. Ein kleines Haus, das der kirchlichen Jugendarbeit gehört, es liegt etwas abseits, nicht direkt am See und hat den hier üblichen Standard. Kein Wasser, kein Strom, kein Zaun. Aber solide Mauern und ein Dach. Drumherum ist Sand und die nächsten Häuser sind zehn oder zwanzig Meter entfernt.

Die nächsten Fragen: Wie gefährdet sind wir mit unseren (vermuteten oder tatsächlichen) Reichtümern? Tut es eine verschlossene Garage? Brauchen wir eine Mauer? Einen hohen Zaun? Es fällt auf, dass auch die ärmsten Behausungen mit einem Vorhängeschloss gesichert sind, es scheint also durchaus Interesse am Eigentum anderer zu geben. Aber mit wie viel krimineller Energie muss man tatsächlich rechnen? Und – wie viel Privatsphäre hätten wir in dem Häuschen, das mitten in einer Siedlung liegt? Wie viel Privatsphäre brauchen wir überhaupt? Das soll man nun alles sofort entscheiden.

Die Wahl heißt: großes Haus mit Grundstück, ziemlich sicher, schattig, aber bärig laut. Oder kleines Haus im trockenen Sand, alles offen, aber ruhig. Unsere Entscheidung ist nach langem Hin und Her auf das Häuschen im Sand gefallen. Das soll nun renoviert und mit Strom und Wasser ausgestattet werden. Es wird auch ein eher symbolischer Zaun gebaut. Vielleicht wird es fertig, bis wir aus dem Sprachkurs kommen. Wenn nicht, ziehen wir eben wieder ins Oberstübchen vom Missionarshaus.

Schule hat begonnen

31. 1. 2011

Plötzlich sind alle Kinder blau-weiß oder braun-weiß angezogen – die Ferien sind zu Ende und die Schuluniformen kommen wieder zum Einsatz. Und der Koch hat noch mehr Sorgenfalten auf der Stirn als sonst. An ein paar Tagen gibt’s kein Essen, weil er auf einem Feld arbeitet, um was dazu zu verdienen. Hefte und Bücher für vier Kinder, die ein neues Schuljahr anfangen, kosten 12.000 Schillinge. Das sind 6 Euro und ein Vermögen, wenn man 80.000 Schillinge im Monat verdient. Meshacks Gesicht wird nicht glücklicher in den nächsten Tagen und schließlich spricht er mich an. Ob ich nicht auf der Stelle 6000 Schillinge im Voraus für die sechs Brote bezahlen könne, die er mir in den nächsten Wochen backen werde? Ich kann.

Wir werden ständig um Geld gebeten, manchmal höflich und vorsichtig, manchmal laut und dreist. Die weitaus meisten Leute, die uns ansprechen, kennen wir nicht. Da kommt als Grund eigentlich nur in Frage: Wir sind weiß. Es ist durchaus nicht angenehm und auch nicht einfach, darauf zu reagieren. Oft geht es um kleine Beträge, es würde uns praktisch nichts kosten, den Leuten aus einer Zwangslage zu helfen. Aber was ist eine Zwangslage? Wer ist wirklich in Not, wer probiert nur mal, ob die dummen Wazungu, die Weißen, was springen lassen? Sind wir wirklich die einzige Rettung oder sind wir nur die bequemste Lösung? Ist unser Geld eine Hilfe oder verstärkt es nur Abhängigkeit und Bequemlichkeit? Und außerdem – wenn wir jetzt anfangen, Geld zu verteilen, wie geht es dann weiter? Stehen die Leute irgendwann Schlange? Soll man überhaupt was verschenken oder lieber nur Geld verleihen?

Zufällig treffen wir einen Mann, der früher in Tansania gearbeitet hat. Lasst die Finger davon, sagt er. Fangt das gar nicht an, ihr seid hier, um eure Fachkompetenz einzutragen, nicht euer Geld. Ihr erzeugt nur weitere Abhängigkeiten und bestärkt die Leute in ihrer Meinung, dass sich eigene Arbeit nicht rentiert. Klare Ansage. Ja, aber. Vergleichsweise sind wir doch reich, sehr reich. Was ist mit der Verpflichtung, zu teilen und den Schwächeren zu helfen? Können wir einfach auf unserem Geld sitzen und zusehen, wie die Kinder der anderen in Lumpen gehen oder sogar aus der Schule fliegen? Das geht doch wohl auch nicht. Für heute bleiben wieder mal nur Fragezeichen.

Verbuscht?

7. 2. 2011

Zwölf Stunden Busfahrt nach Iringa. Auf dem Weg zum Sprachkurs in Morogoro wollen wir zwei Tage Station in der Stadt machen, die an der Wende zum 20. Jahrhundert von Deutschen gegründet wurde – als Bollwerk gegen das »feindselige« Hehe-Volk. Wir sind müde, als wir ankommen, und es ist richtig kalt, denn Iringa liegt eintausendsechshundert Meter hoch. Was für eine freudige Überraschung: in unserem Hostel gibt es WARMES Wasser! Ich fühle mich