Er liebt mich, er liebt mich nicht - Rachel Gibson - E-Book

Er liebt mich, er liebt mich nicht E-Book

Rachel Gibson

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6,99 €

Beschreibung

Nach dem Tod ihres Mannes kehrt die Fotografin Daisy in ihre verschlafene Heimatstadt Lovett zurück, um endlich ein lang gehütetes Geheimnis zu lüften und Frieden mit dem Mann zu schließen, der vor vielen Jahren als erster ihr Herz im Sturm eroberte. Doch Jack, notorischer Junggeselle und Draufgänger, hat sich geschworen, Daisy nie wieder in sein Leben zulassen, bis er sie nach fünfzehn Jahren doch wieder sieht …

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Seitenzahl: 446

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Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Daisy’s back in Town« bei Avon Books, Inc., Imprint of Harper Collins Publishers, New York.
Copyright © der Originalausgabe 2004 by Rachel Gibson
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: getty images Redaktion: Andrea Brandl AL · Herstellung: MW Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin
ISBN 978-3-641-06954-4V002
www.goldmann-verlag.dewww.penguinrandomhouse.de

Buch

Nach dem Tod ihres geliebten Ehemanns Steven kehrt Daisy in ihre kleine texanische Heimatstadt Lovett zurück. Erstaunt stellt sie fest, dass sich dort in den letzten fünfzehn Jahren nicht viel verändert hat. Ihre Schwester Lily ist noch genauso verrückt wie zu Schulzeiten, ihre Mutter sammelt immer noch rosafarbene Plastikflamingos, die ihren Vorgarten schmücken, und auch Jack, Daisys große High-School-Liebe, ist noch derselbe Draufgänger wie damals. Aber Daisy ist nicht zum Vergnügen da, sie muss Jack endlich ein lang gehütetes Geheimnis anvertrauen. Seit sie ihn damals überstürzt verlassen hatte, um seinen besten Freund Steven zu heiraten, ist sie ihm mehr als eine Erklärung schuldig geblieben. Als die beiden sich dann zufällig in Lovett treffen, lässt Jack sie eiskalt abblitzen. Doch bei jeder Begegnung holt sie die Vergangenheit ein Stück mehr ein …

Autorin

Seit sie sechzehn ist, erfindet Rachel Gibson mit Begeisterung Geschichten. Damals allerdings brauchte sie ihre Ideen vor allem dazu, um sich alle möglichen Ausreden einfallen zu lassen, wenn sie wieder etwas ausgefressen hatte. Ihre Karriere als Autorin begann viel später, und mittlerweile hat sie nicht nur die Herzen ihrer Leserinnen erobert, sie wurde auch mit dem Golden Heart Award und dem National Readers Choice Award ausgezeichnet. Rachel Gibson lebt mit ihrem Ehemann, drei Kindern, zwei Katzen und einem Hund in Boise, Idaho. Weitere Titel der Autorin sind bei Goldmann in Vorbereitung.

Außerdem von Rachel Gibson bei Goldmann lieferbar:

Das muss Liebe sein. Roman Frühstück im Kornfeld. Roman Traumfrau ahoi. Roman Sie kam, sah und siegte. Roman

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinAußerdem von Rachel Gibson bei Goldmann lieferbar:KAPITEL 1KAPITEL 2KAPITEL 3KAPITEL 4KAPITEL 5KAPITEL 6KAPITEL 7KAPITEL 8KAPITEL 9KAPITEL 10KAPITEL 11KAPITEL 12KAPITEL 13KAPITEL 14KAPITEL 15KAPITEL 16KAPITEL 17KAPITEL 18KAPITEL 19KAPITEL 20DanksagungCopyright

Dieses Buch ist dem Original-Tyrannosaurus Tex gewidmet, Mary Reed, meiner Inspirationsquelle für alles, was Texas betrifft.

KAPITEL 1

Der Asphalt glühte in der Hitze, als der 63er Thunderbird aus der Garage glitt. Der Zwei-Zylinder-V8-Motor schnurrte wie ein zufriedenes Kätzchen, warm und kehlig. Die heiße texanische Sonne ließ die Speichen an den Rädern aufblitzen, fing sich in den verchromten Kühlerrippen und breitete sich über die glänzend schwarze Lackierung aus. Der Besitzer sah zu, wie der Wagen auf ihn zukam, und lächelte wohlwollend. Noch vor ein paar Monaten war der Sportwagen kaum mehr gewesen als ein Unterschlupf für Mäuse. Doch nun, wieder auferstanden in all seiner früheren Pracht und Herrlichkeit, war er bildschön – eine Erinnerung an jene Zeit, als Detroit die Beschleunigung wichtiger gewesen war als der Benzinverbrauch, die Fahrsicherheit oder Details wie die Position des Getränkehalters.

Jackson Lamott Parrish saß auf dem roten ledernen Fahrersitz des großen Thunderbird, eine Hand lässig über das Steuer gelegt. Das Sonnenlicht fing sich in seinem dichten braunen Haar, und in seinen Augenwinkeln bildeten sich feine Knitterfältchen, als er die Augen gegen das gleißende Licht zusammenkniff. Er ließ den Motor noch einmal röhren, nahm die Hand vom Steuer und legte den Ganghebel in die Parkposition, ehe er die Tür öffnete. Die Sohle seines Cowboystiefels traf aufs Pflaster. Mit einer geschmeidigen Bewegung stieg er aus, worauf der Besitzer des Sportwagens vortrat und ihm einen Scheck reichte. Jack warf einen Blick darauf, stellte fest, dass sämtliche Nullen an der richtigen Stelle waren, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Brusttasche seines weißen Hemds.

»Viel Spaß damit«, sagte er, wandte sich um und ging in die Werkstatt, vorbei an einem 1970er ’Cuda 440-6, dessen mächtiger Hemi-Motor ausgebaut war. Über das Geräusch von Kettenstoppern und Werkzeugmaschinen hinweg rief Jacks jüngerer Bruder Billy einem Mechaniker, der unter einem 59er Dodge Custom Royal Lancer lag, etwas zu.

Den Platz des Thunderbird sollte am nächsten Tag eine 54er Corvette einnehmen. Der Klassiker hatte in einer heruntergekommenen Garage in Südkalifornien gestanden, und vor drei Tagen war Jack hingeflogen, um ihn in Augenschein zu nehmen. Als er feststellte, dass er gerade mal vierzigtausend Meilen auf dem Tacho hatte und sämtliche Fahrgestellnummern übereinstimmten, hatte er ihn auf der Stelle für achttausend gekauft. Im restaurierten Zustand würde die Corvette das Zehnfache einbringen. In der Restaurierung von Oldtimern war Parrish American Classics die Nummer eins. Das wusste jeder.

Die Arbeit mit röhrenden Motoren lag den Parrish-Brüdern im Blut. Seit sie laufen konnten, arbeiteten Jack und Billy in der Werkstatt ihres Vaters. Sie hatten ihren ersten Motor ausgebaut, noch bevor ihnen die Schambehaarung spross, konnten mit geschlossenen Augen einen 260 V8 von einem 289 unterscheiden und Einspritzmotoren im Schlaf reparieren. Als stolze Bürger von Lovett, Texas, mit seinen 19 003 Einwohnern waren die Parrish-Jungs mit einer Vorliebe für Fußball, kaltes Bier und Autorennen auf den weiten, ebenen Straßen aufgewachsen – gewöhnlich mit einer langhaarigen Braut auf dem Beifahrersitz, die sich im Rückspiegel die Lippen nachzog.

Die Jungen waren in einem kleinen Haus mit drei Schlafzimmern hinter der Werkstatt groß geworden. Die ursprüngliche Werkstatt existierte mittlerweile nicht mehr. Sie war abgerissen und durch eine größere, modernere mit acht Stellplätzen ersetzt worden. Sie hatten den Hof hinter der Werkstatt aufgeräumt und die alten Autos und schrottreifen Ersatzteile schon vor langer Zeit wegschaffen lassen.

Das Haus hingegen war noch dasselbe. Die Rosen, die ihre Mutter gepflanzt hatte, die Grasflächen unter der mächtigen Ulme waren geblieben, ebenso die gemauerte Veranda und die Fliegentür, die dringend einmal sauber gemacht werden sollte. Das Haus hatte lediglich innen und außen denselben weißen Anstrich bekommen, den es immer gehabt hatte. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Jack es jetzt allein bewohnte.

Vor sieben Jahren hatte Billy Rhonda Valencia geheiratet und sein wildes Leben bereitwillig für häusliches Glück aufgegeben. Soweit man sich in der Stadt erinnerte, war Jack nie in Versuchung geraten, seinem wilden Leben den Rücken zu kehren. Allem Anschein nach war er nie einer Frau begegnet, die den Wunsch in ihm geweckt hätte, alle anderen für diese eine aufzugeben. Und zwar für immer.

Aber die Leute wussten eben nicht alles. Jack ging weiter in sein Büro im hinteren Teil der Werkstatt und schloss die Tür. Er legte den Scheck in eine Schreibtischschublade und rückte sich den Stuhl zurecht. Vor dem Kauf der 54er Corvette hatte er deren Geschichte nachverfolgt, ehe er nach Kalifornien geflogen war, um sich zu vergewissern, dass der Wagen keine ernsten Schäden an Fahrgestell und Innenleben aufwies. Die Geschichte eines Fahrzeugs zu überprüfen, Ersatzteile aufzustöbern und es zu restaurieren war wie ein Zwang, der ihn erst dann wieder losließ, wenn der Wagen perfekt war. Repariert. Besser. Heil.

Penny Kribs, Jacks Sekretärin, kam herein und brachte die Post. »Ich gehe jetzt zum Friseur«, erklärte sie.

Jacks Blick wanderte zu Pennys dünnem schwarzem Haar, das sie hochgesteckt trug. Er und Penny hatten zwölf Jahre lang zusammen die Schulbank gedrückt, und mit ihrem Mann, Leon, hatte er im Footballteam gespielt.

Er stand auf und legte die Post auf den Schreibtisch. »Willst du dich schön machen für mich?«

Sie trug Ringe an fast jedem Finger und lange rosa Nägel, die wie Krallen gebogen waren. Jack fragte sich oft, wie sie tippen konnte, ohne mehrere Tasten auf einmal zu drücken. Und wie sie so viel Wimperntusche auftragen konnte, ohne sich ein Auge auszustechen. Wie sie die Hand um Leons bestes Stück schloss, wollte er sich lieber nicht vorstellen. Allein der Gedanke jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.

»Natürlich«, erwiderte sie lächelnd. »Du weißt doch, dass du meine erste große Liebe bist.«

Ja, das wusste er. In der dritten Klasse hatte Penny ihm gestanden, dass sie ihn liebte, ehe sie ihm mit ihren schwarzen Lackschuhen gegen das Schienbein getreten hatte. Schon damals war ihm klar gewesen, dass er diese Art von Liebe nicht wollte. »Erzähl das ja nicht Leon.«

»Oh, er weiß es.« Sie hob kurz die Hand und ging zur Tür, wobei sie eine Spur Parfum hinter sich herzog. »Und er weiß auch, dass ich mich nie im Leben mit dir einlassen würde.«

Jack verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Schreibtischkante. »Warum nicht?«

»Weil du Frauen behandelst wie ein Magersüchtiger ein Regal voller Schokoriegel. Du knabberst hier mal, dann knabberst du dort. Vielleicht beißt du auch ein paar Mal ab, aber du isst niemals auf.«

Jack lachte. »Ich glaube, es gibt ein paar Frauen, die dir etwas anderes erzählen könnten.«

Penny fand das nicht lustig. »Du weißt schon, wie ich das meine«, sagte sie über die Schulter hinweg und ging zur Tür hinaus.

Ja, das tat er. Wie die meisten Frauen war auch Penny der Meinung, er sollte längst verheiratet sein, Kinder in die Welt setzen und einen familientauglichen Geländewagen fahren. Doch Jack fand, dass sein jüngerer Bruder diesem Anspruch für sie beide Genüge getan hatte. Billy hatte drei Töchter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. Sie wohnten in einer ruhigen Sackgasse mit einer Schaukel im Garten, und Rhonda fuhr einen Tahoe, die erste Wahl jeder Mutter. Angesichts all dieser Nichten verspürte Jack keinerlei Drang, noch einen Parrish in die Welt zu setzen. Er war ›Onkel Jack‹, und damit war er durchaus zufrieden.

Er setzte sich wieder, knöpfte seine Manschetten auf, krempelte die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit. Es war Freitag, und er hatte noch Berge von Arbeit vor sich, ehe er ins Wochenende starten konnte. Um fünf öffnete Billy die Tür, um sich abzumelden. Jack warf einen Blick auf die Buick-Riviera-Uhr neben seinem Computermonitor. Er arbeitete seit drei Stunden und fünfzehn Minuten.

»Ich muss zu Amy Lynns T-Ball-Spiel«, sagte Billy. »Kommst du auch?«

Amy Lynn war Billys Älteste, und Jack ging zu ihren Spielen, wann immer es seine Zeit erlaubte. »Heute nicht«, antwortete er und warf seinen Stift auf den Schreibtisch. »Heute feiert Jimmy Calhoun im ›Road Kill‹ seinen Junggesellenabschied«, erklärte er. Bis vor kurzem war Jimmy ein wilder Zecher gewesen, doch nun gab er seine Freiheit für ein Paar goldener Ringe auf. »Ich habe versprochen, auf ein paar Drinks reinzuschauen.«

Billy lächelte. »Treten da auch Stripperinnen auf?«

»Kann sein.«

»Erzähl mir bloß nicht, du siehst dir lieber eine Hand voll nackter Frauen als ein T-Ball-Spiel an.«

Jack grinste so breit wie sein Bruder. »Na ja, die Entscheidung ist mir ziemlich schwer gefallen. Zuzusehen, wie Frauen sich ausziehen oder wie eine Horde Fünfjähriger auf dem Platz herumläuft und die Helme verkehrt herum auf dem Kopf hat.«

Billy lachte auf seine typische Art – er warf den Kopf in den Nacken und stieß kurze, meckernde Laute aus. Das Lachen erinnerte so stark an ihren Vater Ray, dass Jack vermutete, er hätte es von ihm geerbt. »Du Glückspilz«, erklärte Billy, wenn auch halbherzig. Sie wussten beide, dass Billy lieber Amy Lynn mit umgekehrt aufgesetztem Helm herumlaufen sah. »Wenn du jemanden brauchst, der dich danach nach Hause fährt, ruf mich an«, fügte er auf dem Weg zur Tür hinzu.

»Klar.« Ein betrunkener Autofahrer war schuld am Tod ihrer Eltern gewesen, als Jack gerade achtzehn Jahre alt war. Die Brüder fuhren grundsätzlich nie, wenn sie getrunken hatten.

Jack arbeitete noch eine Stunde, bevor er den Computer abschaltete und zwischen den Stellplätzen hindurch aus der Werkstatt ging. Alle anderen hatten bereits Feierabend gemacht, so dass das Geräusch seiner Absätze in der Stille widerhallte. Er verschloss das Tor und stellte die Alarmanlage ein, dann sprang er in seinen Shelby Mustang. Auf dem Weg in die Vororte von Lovett fing es an zu regnen. Nur ein paar Tropfen, vermischt mit Staub und Wind, die den glänzenden schwarzen Lack des Wagens mit einer grauen Schicht überzogen.

Das »Road Kill« unterschied sich nicht sonderlich von den vielen anderen Bars in der Gegend. Countrymusic dröhnte aus der Musikbox, und die Gäste tranken Lone-Star-Bier vom Fass. Ein großes rot-weiß-blaues Schild mit der Aufschrift DON’T MESS WITH TEXAS hing über dem Spiegel hinter der Theke, die Wände waren mit alten Straßenschildern, ausgestopften Gürteltieren und Klapperschlangen dekoriert. Der Barbesitzer war Tierpräparator, und wenn ein Gast Lust hatte oder betrunken genug war, konnte derjenige einen Klapperschlangengürtel oder eine schicke Handtasche aus Gürteltierhaut zum Sonderpreis erstehen.

Als Jack die Bar betrat, schob er die Krempe seines Stetsons hoch und blieb lange genug am Eingang stehen, so dass sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnen konnten, bevor er zum Tresen ging. Er begrüßte ein paar Stammkunden. Über Clint Blacks Stimme aus der Musikbox hinweg hörte er den Lärm von Jimmys Junggesellenabschiedsparty, die im Hinterzimmer in vollem Gange war.

»Ein Lone Star«, sagte er. Wenige Sekunden später stand die Flasche auf dem Tresen, und er reichte dem Barmann einen Fünfer. Er spürte eine weiche Hand auf seinem Arm und blickte über die Schulter hinweg direkt in Gina Browns Gesicht.

»Hey, Jack.«

»Hey, Gina.« Gina, ein großes, schlankes Cowgirl, das gern den mechanischen Stier bei Slim Clem am Highway 70 ritt, war etwa so alt wie Jack und zweimal geschieden. Sie trug hautenge Wrangler-Jeans, spitze Stiefel und besaß rotes Haar. Jack wusste aus sicherer Quelle, dass ihr Haar gefärbt war, da sie nicht nur den Bullen gern ritt. In letzter Zeit verriet sie häufiger mit irgendwelchen Bemerkungen, dass sie ihn zum Ehemann Nummer drei auserkoren hatte. Deshalb war es ratsam, ihre Affäre ein bisschen abkühlen zu lassen, damit sie sich die Idee schnell wieder aus dem Kopf schlug.

»Kommst du wegen der Junggesellenparty im Hinterzimmer? « Sie blickte zu ihm auf. Er hätte blind sein müssen, um die Einladung in ihrem Lächeln nicht zu verstehen.

»Ja.« Jack hob die Flasche an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck. Er hatte keine Lust, das Ganze wieder aufzuwärmen. Er mochte Gina, aber zum Ehemann war er nicht geschaffen. Er nahm sein Wechselgeld vom Tresen und schob es in seine Jeanstasche. »Man sieht sich«, sagte er und wandte sich zum Gehen.

Ginas nächste Frage ließ ihn wie angewurzelt stehen bleiben. »Hast du Daisy Lee schon gesehen?«

Jack hätte sich um ein Haar an seinem Bier verschluckt. Er drehte sich noch einmal zu Gina um.

»Ich habe sie heute Morgen an der Tankstelle gesehen. Sie hat den Cadillac ihrer Mutter voll getankt.« Gina schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es ist … keine Ahnung, zehn oder zwölf Jahre her, dass sie in der Stadt war.«

Es waren fünfzehn Jahre.

»Ich habe sie sofort erkannt. Daisy Lee Brooks hat sich nicht sehr verändert.«

Abgesehen davon, dass Daisy Brooks inzwischen Daisy Monroe hieß, und zwar schon seit fünfzehn Jahren. Und dadurch hatte sich alles verändert.

Gina trat einen Schritt näher heran und spielte mit einem seiner Hemdknöpfe. »Ich habe das von Steven gehört. Es tut mir Leid. Ich weiß, er war dein bester Freund.«

Er und Steven Monroe waren unzertrennlich gewesen, seit sie im Alter von fünf Jahren in der Lovett Baptist Church nebeneinander gesessen und aus Leibeskräften »Jesus liebt mich« gesungen hatten. Aber auch das hatte sich geändert. Das letzte Mal, dass er Steven sah, war an jenem Abend gewesen, als sie einander vor Daisys entsetzten Augen blutig geschlagen hatten. Das war auch der Tag gewesen, an dem er Daisy zum letzten Mal gesehen hatte.

»Ich kann mir nicht vorstellen, in unserem Alter schon zu sterben. Das ist grauenhaft«, plapperte Gina weiter, als bemerke sie nicht, dass Jack sich nicht an ihrer Unterhaltung beteiligte.

»Entschuldige, Gina«, sagte er und ging weiter. Längst begraben geglaubter Zorn wallte in ihm auf, doch er kämpfte mit all seiner Kraft dagegen an und verschloss ihn tief in seinem Inneren.

Dann fühlte er gar nichts mehr.

Mit dem Bier in der Hand schob er sich durch die sich rasch füllende Bar und betrat das Hinterzimmer, in dem sich die Gäste drängten. Er lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen und richtete seine Aufmerksamkeit auf Jimmy Calhoun. Der Ehrengast saß mitten im Raum auf einem Stuhl, umgeben von etwa einem Dutzend Männern. Aller Augen waren auf die beiden wie Rodeoköniginnen gekleideten Frauen gerichtet, die sich zu den Klängen der Dixie Chicks bewegten. Sie hatten sich bis auf glitzernde String-Tangas ausgezogen und machten sich nun an den Knöpfen ihrer Seidenblusen zu schaffen. Völlig synchron ließen sie den Stoff von ihren wohl geformten Schultern und an ihren perfekten Körpern hinuntergleiten und gaben den Blick auf ihre großen, in mit Pailletten besetzte Bikinitops gezwängten Brüste frei. Jack ließ den Blick von ihren vollen Brüsten zu ihren Tangas wandern.

Marvin Ferrell trat neben ihn und verfolgte die Show. »Was meinst du, sind ihre Brüste echt?«, fragte er.

Jack zuckte die Achseln und setzte die Bierflasche an die Lippen. Marvin war offenbar schon zu lange verheiratet, sonst würde er nicht wie eine Frau daherreden. »Wen interessiert das?«

»Stimmt.« Marvin lachte. »Hast du schon gehört, dass Daisy Brooks wieder hier ist?«

Über die Flasche hinweg sah er Marvin an, ehe er sie sinken ließ. »Ja, hab’s gehört.« Wieder verspürte er den alten Zorn, und wieder drängte er ihn zurück, bis er nichts mehr empfand. Er wandte sich wieder den Stripperinnen zu und beobachtete, wie sie Jimmy zwischen ihre halbnackten Körper nahmen und einander über seinen Kopf hinweg küssten. Beim Anblick der nassen, aufreizenden Zungenküsse mit weit offenen Mündern verlangten die Jungs johlend eine Zugabe. Jack legte den Kopf schief und lächelte. Die Show war gut.

»Ich habe Daisy im Supermarkt gesehen!«, fuhr Marvin fort. »Verdammt, sie sieht noch genauso scharf aus wie damals auf der Highschool.«

Jacks Lächeln verschwand, als ihn eine Erinnerung an große braune Augen und weiche rosa Lippen in den schwarzen Schlund der Vergangenheit zu ziehen drohte.

»Weißt du noch, wie toll sie in ihrer kleinen Cheerleader-Uniform ausgesehen hat?«

Jack löste sich von der Tür und trat vollends in den Raum, doch es gab kein Entrinnen. Offenbar schwelgten alle, denen er begegnete, nur zu gern in Erinnerungen. Alle außer ihm.

Während die Stripperinnen sich gegenseitig die winzigen Bikinitops auszogen, war Daisy das einzige Gesprächsthema. Zwischen Pfiffen und Zungeschnalzen wollten Cal Turner, Lester Crandall und Eddy Dean Jones wissen, ob er sie schon gesehen hatte.

Angewidert verließ Jack das Hinterzimmer und ging zurück an den Tresen. Was für eine Gemeinheit, wenn ein Mann nicht genießen konnte, wie zwei beinahe nackte Frauen es nur wenige Schritte von ihm entfernt miteinander trieben. Er hatte keine Ahnung, wie lange Daisy in der Stadt bleiben wollte, hoffte jedoch von Herzen, dass es nur ein kurzer Besuch sein würde. Vielleicht hatten die Leute dann etwas Besseres, worüber sie reden konnten. In erster Linie aber hoffte er, dass sie so viel Verstand hatte, ihm tunlichst nicht über den Weg zu laufen.

Er stellte die Flasche auf den Tresen und verließ das Lokal, ließ das Gerede und die Spekulationen über Daisy Monroe hinter sich. Regen prasselte auf seinen Hut und seine Schultern, als er den Parkplatz überquerte. Doch die Erinnerungen folgten ihm auf Schritt und Tritt. Erinnerungen daran, wie er in wunderschöne braune Augen geblickt und weiche Lippen geküsst hatte. Wie seine Hand an ihrem glatten Schenkel hinaufglitt und sich unter ihr blaugoldenes Cheerleader-Röckchen schob. Erinnerungen an Daisy Lee in ihren roten Cowboystiefeln mit den weißen Herzen auf den Seiten, sonst nichts.

»Gehst du schon?«, fragte Gina und kam auf ihn zu.

Er sah sie an. »Die Party ist öde.«

»Wir könnten doch selber eine kleine Party veranstalten. « Typisch Gina – sie wartete nicht darauf, dass er die Initiative ergriff. Gewöhnlich störte ihn so etwas, aber nicht an diesem Abend. Sie hob ihm ihren Mund entgegen, und sie schmeckte nach warmem Bier und nach Begehren. Jack erwiderte ihren Kuss. Als er ihre festen Brüste an seinem Oberkörper spürte, regte sich tief in ihm erstes Verlangen. Er zog sie an sich und schürte die Glut, bis er nichts als Lust verspürte und den Regen, der durch sein Hemd bis auf die Haut drang. Er schob jeden Gedanken an braune Augen und Cheerleader-Röckchen beiseite, ersetzte ihn durch die Frau, die sich gegen seinen Unterleib presste. Daisy Monroe hob die Hand, um sie auf die Fliegentür zu legen, ehe sie sie wieder sinken ließ. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihr Magen verkrampfte sich. Um sie herum prasselte der Regen auf die Veranda nieder, Wasser ergoss sich aus der Regenrinne auf die Blumenbeete. Die Werkstatt hinter ihr war hell erleuchtet, nur an der Stelle, wo sie stand, war es stockdunkel, als ob das Licht sich nicht traute, noch weiter über den Hof zu kriechen.

Die Werkstatt war umgebaut und sah ganz anders aus als damals. Der Hof war aufgeräumt worden, die alten Autos abgeschleppt. Soweit sie es sehen konnte, war das Haus unverändert und weckte die Erinnerung an eine warme, von Rosenduft erfüllte Sommerbrise, die mit ihrem Haar spielte. An die vielen Abende, wenn sie zwischen Steven und Jack auf der Veranda gesessen hatte, auf der sie nun stand, und über ihre albernen Witze lachte.

Donner grollte, und Blitze zuckten über den Nachthimmel und rissen sie aus ihren Erinnerungen – ein Omen, das ihr riet, lieber zu gehen und ein anderes Mal wiederzukommen.

Konfrontationen waren nicht ihre Stärke. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die Probleme in Angriff nahmen, sobald sie sich stellten. Sie hatte sich zwar gebessert, aber … vielleicht hätte sie doch vorher anrufen sollen. Es widersprach den Regeln der Höflichkeit, um zehn Uhr abends unangemeldet bei jemandem aufzukreuzen, außerdem sah sie wahrscheinlich aus wie eine nasse Katze.

Bevor sie das Haus ihrer Mutter verließ, hatte sie sich vergewissert, dass ihr bis über die Schultern reichendes Haar gebürstet war und glänzte. Ihr Make-up war perfekt, die weiße Bluse und die Khakihose waren frisch gebügelt. Doch inzwischen kräuselte sich bestimmt ihr Haar, die Wimperntusche war zerlaufen und ihre Hose mit Schlamm aus der Pfütze bespritzt, in die sie versehentlich getappt war. Sie wandte sich zum Gehen, zwang sich jedoch, sich noch einmal umzudrehen. Im Grunde spielte es keine Rolle, wie sie aussah, außerdem gäbe es ohnehin nie einen günstigen Zeitpunkt für das, was sie vor sich hatte. Sie war nun schon seit drei Tagen in der Stadt. Sie musste mit Jack reden. Heute Abend. Sie hatte es lange genug vor sich hergeschoben. Sie musste ihm sagen, was sie ihm fünfzehn Jahre lang verschwiegen hatte.

Wieder hob sie die Hand und fuhr vor Schreck zusammen, als die Holztür aufgestoßen wurde, bevor sie klopfen konnte. Durch das Fliegengitter konnte sie im dunklen Hausinneren die Gestalt eines Mannes ausmachen. Er trug kein Hemd. Von irgendwoher im Haus drang ein warmer Lichtschein, der sich über seine Arme und Schultern und halb über seinen nackten Brustkorb ergoss. Sie hätte eindeutig vorher anrufen sollen.

»Hallo«, setzte sie an, ehe sie der Mut verlassen konnte. »Ich möchte Jack Parrish sprechen.«

»Wow«, höhnte seine Stimme in der Dunkelheit. »Wenn das nicht Daisy Lee Brooks ist.«

Seine Stimme hatte sich in den vergangenen fünfzehn Jahren verändert. Sie war tiefer als die des Jungen, den sie gekannt hatte, doch den boshaften Unterton hätte sie überall wiedererkannt. Kein Mensch konnte so viel Spott in seine Stimme legen wie Jack. Früher einmal hatte sie Verständnis dafür gehabt. Hatte gewusst, was dahintersteckte. Doch nun versuchte sie gar nicht, sich einzureden, dass es noch so war.

»Hallo, Jack.«

»Was willst du, Daisy?«

Sie blickte ihn durchs Fliegengitter im Dämmerlicht an, betrachtete den Umriss des Mannes, den sie einmal so gut gekannt hatte. Ihr Magen zog sich noch mehr zusammen. »Ich möchte … ich muss mit dir sprechen. Und ich … habe gedacht …« Sie atmete tief durch und zwang sich, nicht zu stottern. Sie war dreiunddreißig Jahre alt. Ebenso wie er. »Ich wollte dir sagen, dass ich in der Stadt bin, bevor du es von anderen erfährst.«

»Zu spät.« Der Regen prasselte aufs Dach, und das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich aus. Sie spürte seinen Blick. Er berührte ihr Gesicht und glitt an ihrer gelben Öljacke herab, und als sie schon glaubte, er würde überhaupt nichts mehr sagen, fuhr er fort. »Wenn das alles war, was du zu sagen hast, kannst du ja jetzt gehen.«

Sie hatte noch mehr zu sagen. Eine ganze Menge sogar. Sie hatte Steven versprochen, Jack einen Brief zu geben, den er einige Monate vor seinem Tod geschrieben hatte. Der Brief steckte in ihrer Manteltasche. Sie musste Jack die Wahrheit über das erzählen, was vor fünfzehn Jahren vorgefallen war, und ihm den Brief geben. »Es ist wichtig, dass wir miteinander reden. Bitte.«

Er musterte sie einige Augenblicke lang, ehe er sich umwandte und im Haus verschwand. Er öffnete ihr zwar nicht die Fliegentür, schlug ihr aber auch nicht die Haustür vor der Nase zu. Allerdings bestand kein Zweifel daran, dass er es ihr nicht leicht machen würde. Andererseits – hatte er das je getan?

Die Fliegenschutztür gab das gewohnte Quietschen von sich, als Daisy sie öffnete. Sie folgte Jack durchs Wohnzimmer in die Küche. Seine Silhouette verschwand um eine Ecke, doch Daisy kannte den Weg.

Im Haus roch es nach frischer Farbe. Daisy nahm dunkle Möbel und einen Großbildfernseher wahr, den Umriss von Mrs. Parrishs Klavier an der einen Wand und fragte sich flüchtig, wie viel sich verändert haben mochte, seit sie das letzte Mal dieses Haus betreten hatte. Als sie in die Küche trat, flammte das Licht auf, und es war, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht. Beinahe rechnete sie damit, Mrs. Parrish vor dem Herd stehen zu sehen, wo sie Brot oder Daisys Lieblings-Erdnuss-Kekse backte. Das grüne Linoleum vor der Spüle war noch immer abgenutzt, die Arbeitsflächen nach wie vor blau-türkis gesprenkelt.

Jack hatte den Kühlschrank geöffnet, so dass sein Oberkörper hinter der geöffneten Tür verborgen war und sie nur seine langen Beine und sein Hinterteil sehen konnte. Seine braun gebrannten Finger umfassten den Chromgriff. Eine Gesäßtasche seiner engen Levi’s hatte einen dreieckigen Riss, und die Nähte waren so abgeschabt, dass sie aussahen, als wollten sie jeden Moment nachgeben.

Adrenalin schoss durch ihre Adern, und sie ballte die Fäuste, damit ihre Hände zu zittern aufhörten. Schließlich richtete sich Jack zu seiner vollen Größe auf, und mit einem Mal schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen, als hätte plötzlich jemand einen Schalter am Filmprojektor umgelegt. Er drehte sich mit einer Tüte Milch in der Hand um und schloss die Kühlschranktür. Für den Bruchteil einer Sekunde blieben ihre Augen an der schmalen Spur dunklen Haars hängen, die aus seinem Hosenbund wuchs und sich um seinen Nabel kräuselte. Sie ließ den Blick über das Haar auf seinem flachen Bauch und die wohl definierte Brustmuskulatur wandern. Falls sie noch Zweifel gehegt haben sollte, wären sie durch diesen Anblick endgültig ausgeräumt. Er war nicht mehr der Junge, den sie einmal gekannt hatte. Er war eindeutig ein Mann.

Sie zwang sich, ihm ins Gesicht zu sehen, das kräftige Kinn, die geschwungenen Lippen, seine Augen, und spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Jack Parrish war immer ein gut aussehender Junge gewesen, doch nun besaß er eine geradezu gefährliche Attraktivität. Eine Locke seines dichten Haars war ihm in die Stirn gefallen. Diese hellgrünen Augen, an die sie sich so gut erinnerte, die sie einmal so besitzergreifend und voller Leidenschaft angesehen hatten, musterten sie jetzt, als bedeutete ihm ihr Anblick kaum mehr als der eines streunenden Hundes.

»Bist du gekommen, um mich anzustarren?«

Sie trat weiter in die Küche und schob die Hände in die Taschen ihres Regenmantels. »Nein, ich wollte dir sagen, dass ich in der Stadt bin und meine Mutter und Schwester besuche.«

Er hob den Milchkarton an die Lippen, trank und wartete auf eine weitere Erklärung.

»Ich dachte, du solltest das wissen.«

Über den Karton hinweg sah er sie an, ehe er den Blick senkte. Manche Dinge hatten sich doch nicht geändert. Jack Parrish, ein übler Bursche und Hansdampf in allen Gassen, war schon immer Milchtrinker gewesen. »Wie kommst du darauf, dass mich das auch nur die Bohne interessiert? «, fragte er und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Ich dachte, es könnte ja sein. Ich meine, natürlich habe ich mich gefragt, wie du darüber denkst, und war mir nicht sicher.« Es war schwerer, als sie angenommen hatte. Und was sie angenommen hatte, war weiß Gott schon schwer genug gewesen.

»Jetzt brauchst du dich nicht mehr zu fragen.« Er deutete mit dem Milchkarton in Richtung Tür. »Wenn das alles war – da ist die Tür.«

»Nein, das ist noch nicht alles.« Sie blickte auf ihre Stiefelspitzen hinunter. Das schwarze Leder war fleckig vom Regen. »Steven hat mich gebeten, dir etwas auszurichten. Ich soll dir sagen, dass es ihm Leid tut wegen … allem.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein …, dass es ihm Leid getan hat. Er ist seit sieben Monaten nicht mehr da, und es fällt mir immer noch schwer, in der Vergangenheitsform an ihn zu denken. Es kommt mir irgendwie falsch vor, als hätte er nie existiert, wenn ich das tue.« Sie sah Jack wieder an, dessen Miene sich nicht verändert hatte. »Danke für die schönen Blumen, die du geschickt hast.«

Er zuckte die Achseln und stellte den Milchkarton auf den Küchentresen. »Penny hat das getan.«

»Penny?«

»Penny Colton. Verheiratet mit Leon Kribs. Sie arbeitet jetzt für mich.«

»Dann richte ihr bitte meinen Dank aus.« Doch Penny hatte die Blumen nicht geschickt und ohne sein Wissen mit seinem Namen unterzeichnet.

»Halb so wild.«

Sie wusste, wie viel Steven ihm früher bedeutet hatte. »Tu nicht so, als wäre es dir egal, dass er nicht mehr da ist.«

Er zog eine Braue hoch. »Du vergisst, dass ich versucht habe, ihn umzubringen.«

»Du hättest ihn niemals umgebracht, Jack.«

»Nein, da hast du Recht. Ich schätze, ihr wart es einfach nicht wert.«

Das Gespräch lief in die falsche Richtung; sie musste es wieder ins rechte Gleis bringen. »Sei doch nicht so gemein. «

»Das nennst du gemein?« Er lachte freudlos. »Das war noch gar nichts, Butterblümchen. Wenn du noch eine Weile hier bleibst, zeige ich dir gern, wie gemein ich werden kann.«

Sie wusste längst, wie Jack sein konnte, aber selbst wenn sie ein Feigling sein mochte, war sie doch auch stur wie ein Ochse. Wie Jack nicht mehr derselbe Junge war wie früher, war auch sie nicht mehr das Mädchen aus seiner Erinnerung. Sie war gekommen, um ihm die Wahrheit zu sagen. Endlich. Bevor sie den Rest ihres Lebens in Angriff nahm, musste sie ihn über Nathan aufklären. Sie hatte fünfzehn Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen, und Jack konnte so gemein werden, wie er wollte, er würde ihr zuhören müssen.

Aus den Augenwinkeln sah Daisy etwas aufblitzen, und im nächsten Moment trat eine Frau in einem weißen Männerhemd in die Küche.

»Hallo«, sagte sie und stellte sich neben Jack.

Er blickte zu ihr hinunter. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst im Bett bleiben.«

»Ohne dich ist mir aber langweilig geworden.«

Heiße Röte breitete sich von Daisys Hals bis zu ihren Wangen aus, doch sie schien die Einzige im Zimmer zu sein, der die Situation peinlich war. Jack hatte eine Freundin. Natürlich. Er hatte immer eine Freundin gehabt, manchmal auch zwei auf einmal. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der sie diese Tatsache schmerzte.

»Hallo, Daisy. Ich weiß nicht, ob du dich an mich erinnerst. Ich bin Gina Brown.«

Es schmerzte nicht mehr, und Daisy schämte sich ein wenig, sich einzugestehen, dass sie außer überwältigender Erleichterung im Grunde gar nichts empfand. Sie war den ganze Weg von Seattle hierher gekommen, um ihm von Nathan zu berichten, und alles, was sie jetzt spürte, war Erleichterung. Als wäre sie der Guillotine entkommen. Offenbar war sie noch feiger, als sie angenommen hatte. Daisy lächelte und streckte die Hand aus. »Natürlich erinnere ich mich. Wir waren im letzten Jahr auf der Highschool im selben Kurs in Amerikanischer Politik.«

»Bei Mr. Simmons.«

»Genau.«

»Weißt du noch, wie er über einen Radiergummi auf dem Boden gestolpert ist?«, fragte Gina, als wäre es völlig normal, dass sie nur mit Jacks Hemd bekleidet vor Daisy stand.

»Das war so lustig. Ich hätte mir beinahe …«

»Was zum Teufel soll das werden?«, unterbrach Jack. »Ein verdammtes Klassentreffen?«

Die beiden Frauen sahen ihn an. »Ich wollte nur höflich zu deinem Gast sein«, erklärte Gina.

»Sie ist nicht mein Gast, außerdem will sie jetzt gehen.« Er warf Daisy einen Blick zu, der ebenso kalt und unnachgiebig war wie vorhin an der Haustür.

»War nett, dich zu sehen, Gina«, sagte sie.

»Ganz meinerseits.«

»Guten Abend, Jack.«

Er stand gegen den Küchentresen gelehnt da und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Man sieht sich.« Daisy ging durch das dunkle Haus zurück zur Tür und nach draußen. Der Regen hatte aufgehört. Auf dem Weg zum Cadillac ihrer Mutter, den sie neben der Werkstatt abgestellt hatte, wich Daisy den Pfützen aus. Vor ihrem nächsten Besuch würde sie auf jeden Fall anrufen.

Gerade als sie die Wagentür öffnen wollte, spürte sie eine Hand auf ihrem Arm, ehe sie herumgerissen wurde. Sie sah in Jacks Gesicht. Das Licht des Bewegungsmelders erhellte seine verkniffenen Züge. Sein Blick bohrte sich förmlich in sie hinein – nicht mehr kalt, sondern erfüllt von glühendem Zorn.

»Ich habe keine Ahnung, was du hier gesucht hast, Absolution oder Vergebung«, sagte er, wobei sein texanischer Akzent noch deutlicher zu hören war als zuvor. »Aber das bekommst du hier nicht.« Er ließ ihren Arm los, als könnte er die Berührung nicht ertragen.

»Ja, ich weiß.«

»Gut. Dann lass mich in Ruhe, Daisy Lee«, sagte er und betonte jede Silbe ihres Namens. »Bleib mir vom Leib, sonst mache ich dir das Leben zur Hölle.«

Sie blickte in sein finsteres Gesicht, sah den leidenschaftlichen Zorn, der auch nach fünfzehn Jahren noch nicht verebbt war.

»Halt dich einfach fern von mir«, sagte er noch ein letztes Mal, bevor er auf den bloßen Fersen kehrtmachte und in der Dunkelheit verschwand.

Ihr war klar, dass es das Klügste wäre, seine Warnung zu befolgen. Pech, dass es keinen anderen Ausweg gab.

Ebenso wenig wie für ihn, nur wusste er noch nichts davon.

KAPITEL 2

Daisy blies in ihren Becher mit heißem Kaffee, ehe sie ihn an die Lippen hob. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und ihre Mutter lag noch im Bett in ihrem Schlafzimmer am Ende des Flurs. In der Küche hatte sich, abgesehen von ein paar moderneren Geräten, kaum etwas geändert. Die Arbeitsflächen und Bodenfliesen waren blau wie immer, die weißen Schränke nach wie vor mit texanischen Glockenblumen bemalt.

So leise wie möglich zog Daisy ihren Regenmantel, den sie am Vorabend neben der Hintertür aufgehängt hatte, über ihren kurzen Pyjama. Sie schlüpfte in die Garten-Clogs ihrer Mutter und schlich hinaus in die tiefen Schatten des frühen Morgens. Kühle Luft streifte ihr Gesicht und um ihre bloßen Beine, und die leichte Brise löste ein paar Haarsträhnen aus der Spange an ihrem Hinterkopf. Die texanische Luft füllte ihre Lungen und zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie wusste nicht, warum, aber hier war die Luft anders. Sie strich flüsternd über ihre Haut und beantwortete ein geheimes Sehnen in ihrer Seele, von dessen Existenz Daisy nichts geahnt hatte.

Sie war zu Hause. Wenn auch nur für kurze Zeit.

Fünfzehn Jahre lang hatte sie in der Gegend um Seattle gelebt und das Land mit der Zeit lieben gelernt. Sie liebte die üppig grüne Landschaft, die Berge, den Himmel. Skifahren im Schnee. Wasserski. So viele Dinge.

Aber Daisy Lee war und blieb Texanerin. Mit Leib und Seele. Es lag ihr im Blut, in den Genen, genauso wie ihr blondes Haar. Wie ihr Muttermal auf dem linken Brustansatz, das wie ein kleiner Knutschfleck aussah. Lovett hatte sich in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht verändert. Die Bevölkerung war zwar um einige hundert Seelen angewachsen, es hatten ein paar neue Geschäfte eröffnet und eine neue Grundschule. Seit einiger Zeit gab es auch einen 18-Loch-Golfplatz und einen Country Club, aber im Gegensatz zum Rest des Landes, den urbanisierteren Gegenden von Texas, verlief das Leben in Lovett noch immer in seinem gewohnt entspannten Rhythmus.

Daisy spähte in den dämmerigen Garten ihrer Mutter, in dem sich die Umrisse der anderthalb Meter hohen Windmühle, einer Annie-Oakley-Skulptur und des runden Dutzends Flamingos gegen die Umgebung abhoben. Als Jugendliche war der Geschmack ihrer Mutter in Bezug auf Gartengestaltung für Daisy und ihre jüngere Schwester Lily eine stete Quelle der Beschämung gewesen. Nun jedoch entlockte ihr die Flamingo-Parade ein Lächeln.

Sie trank einen Schluck Kaffee und ließ sich auf die oberste Stufe neben einem steinernen Gürteltier mit einer Schar Jungen auf dem Rücken sinken. Daisy hatte nicht gut geschlafen. Ihre Augen fühlten sich verquollen an, und ihr Verstand wollte nicht auf Touren kommen. Fröstelnd stellte sie den Kaffeebecher auf ihrem Knie ab. Bevor sie sich am Vorabend auf den Weg zu Jack gemacht hatte, war ihr Plan so klar gewesen – sie würde nach Lovett fahren, um ihre Mutter und ihre Schwester für ein paar Tage zu besuchen, würde mit Jack reden und ihn über Nathan aufklären. Innerhalb von zwölf Tagen. Am Vorabend hatte sie noch geglaubt, dass sie reichlich Zeit dafür hätte.

Sie hatte gewusst, dass es schwierig werden würde, aber es war eine klare Sache gewesen. Sie und Steven hatten vor seinem Tod darüber geredet. In ihrer Manteltasche steckte immer noch der Brief, den Steven verfasst hatte, bevor er nicht mehr hatte lesen und schreiben können. Als er die Tatsache, dass er sterben würde, akzeptiert und eingesehen hatte, dass es keine Heilung für ihn gab, keine Experimente mit Medikamenten mehr, keine radikalen Operationen, hatte er das Bedürfnis gehabt, sich mit all den Menschen auszusöhnen, denen er seiner Meinung nach in seinem Leben Unrecht getan hatte. Einer dieser Menschen war Jack. Zuerst hatte er ihm den Brief schicken wollen, doch je länger er und Daisy darüber gesprochen hatten, desto fester war ihr Entschluss geworden, dass der Brief persönlich übergeben werden musste. Von ihr. Denn letztendlich war sie diejenige, die sich Jack Parrish stellen musste, und sie war auch diejenige, die ihm das größte Unrecht angetan hatte.

Im Grunde hatten sie nie geplant, Nathan vor Jack geheim zu halten. Ihre Mutter kannte die Wahrheit ebenso wie ihre Schwester. Selbst Nathan wusste Bescheid. Er hatte von Anfang an gewusst, dass er einen leiblichen Vater namens Jackson hatte, der in Lovett in Texas lebte. Sie hatten es ihm erklärt, sobald er alt genug gewesen war, es zu begreifen, doch Nathan hatte nie den Wunsch geäußert, Jack kennen zu lernen. Steven hatte ihm als Vater genügt.

Es war Zeit. Allerhöchste Zeit, Jack wissen zu lassen, dass er einen Sohn hatte. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, und sie nahm rasch einen Schluck Kaffee. Ein fünfzehnjähriger Sohn mit einem froschgrünen Irokesenschnitt, gepiercter Lippe und mit so vielen Hundeketten behängt, dass man glauben konnte, er wäre in ein Tierheim eingebrochen.

Nathan hatte es in den vergangenen zweieinhalb Jahren weiß Gott nicht leicht gehabt. Als Steven die tödliche Diagnose bekam, gab man ihm noch fünf Monate. Er lebte noch zwei Jahre, die jedoch nicht einfach gewesen waren. Es war schon für sie schwer gewesen zu sehen, wie Steven um sein Leben rang, für Nathan jedoch die reinste Hölle. Und so ungern sie es sich eingestand, hatte es doch auch Zeiten gegeben, in denen sie ihren Sohn vernachlässigte. An manchen Abenden hatte sie erst wenn er nach Hause kam überhaupt bemerkt, dass er ausgegangen war. Bei diesen Gelegenheiten kam er zur Tür herein, und sie schimpfte, weil er ihr nicht gesagt hatte, wohin er ging. Dann sah er sie mit seinen klaren blauen Augen an und antwortete: »Ich hab dir doch gesagt, dass ich zu Pete gehe. Du hast es erlaubt.« Und sie musste zugeben, dass das durchaus möglich war, sie aber nur Stevens nächste Medikamentengabe oder die nächste Operation im Sinn gehabt hatte – oder vielleicht war es gerade der Tag gewesen, an dem Steven die Fähigkeit verloren hatte, einen Taschenrechner zu bedienen, Auto zu fahren oder sich die Schuhe selbst zuzubinden. Zusehen zu müssen, wie Steven um seine Würde kämpfte, während er versuchte, sich an einfachste Dinge zu erinnern, die er seit seinem vierten Lebensjahr beherrscht hatte, brach ihr das Herz. Es kam vor, dass sie ganze Sequenzen ihrer Gespräche mit Nathan völlig vergaß.

Der Tag, an dem Nathan mit diesem Irokesenschnitt nach Hause kam, hatte sie jedoch wachgerüttelt. Plötzlich war er nicht mehr der kleine Junge gewesen, der Fußball spielte, American Football liebte und mit seiner Schmusedecke auf dem Sofa zusammengerollt Kindersendungen im Fernsehen ansah. Das Erschreckendste daran war nicht einmal die Haarfarbe gewesen, sondern der verlorene Ausdruck in seinen Augen. Sein leerer, haltloser Blick hatte sie aus der Depression und aus ihrem Kummer gerissen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie fast sieben Monate nach Stevens Tod noch immer fest im Griff hatten.

Steven lebte nicht mehr. Sie und Nathan würden seinen Verlust immer spüren, so als würde ein Stück ihrer Seele fehlen. Er war ihr bester Freund und ein guter Ehemann gewesen. Er war die starke Schulter, der Trost, jemand, der ihr Leben schöner gemacht hatte. Einfacher. Er war ein liebevoller Ehemann und Vater gewesen.

Sie und Nathan würden ihn nie vergessen, doch sie durfte nicht länger in der Vergangenheit leben, sondern musste in der Gegenwart zu Hause sein und in die Zukunft blicken. Für Nathan und für sich selbst. Aber um das zu tun, musste sie erst ihre Vergangenheit in Ordnung bringen und durfte sich nicht länger davor verstecken.

Die ersten Strahlen der Morgensonne schlichen sich in den Garten, ließen den taufeuchten Rasen glitzern und warfen lange Schatten über die Windmühle und die Figuren. Daisy wünschte, sie hätte ihre Nikon mit Weitwinkelobjektiv dabei, doch sie lag oben in ihrem Zimmer, und wenn sie jetzt nach oben lief, würde sie den Sonnenaufgang und den richtigen Augenblick für das Foto verpassen. Binnen Sekunden fiel der Sonnenschein über Daisys Füße, Beine und ihr Gesicht. Sie schloss die Augen und genoss die Wärme.

Während ihrer Zeit im Nordwesten des Landes hatte Daisy ihren Akzent weitgehend abgelegt, doch die Liebe für die weiten Ebenen und den strahlend blauen Himmel hatte sie nie verloren. Sie schlug die Augen auf und wünschte sich, Steven könnte diesen Sonnenaufgang mit ihr zusammen genießen. Er wäre ebenso begeistert davon wie sie.

Daisy sah auf die Garten-Clogs aus Gummi an ihren Füßen hinunter. Sie wünschte sich so viel. Zum Beispiel mehr Zeit, bevor sie Jack wieder gegenübertreten musste. Sie hatte keine Eile, den Zorn in seinen Augen erneut zu sehen. Ihr war klar gewesen, dass er sie nicht mit offenen Armen willkommen heißen würde, dennoch erstaunte es sie, dass er sie nach all diesen Jahren noch immer genauso hasste wie an dem Tag, als sie einander zum letzten Mal gesehen hatten.

Das nennst du gemein?, hatte er gesagt. Das ist noch gar nichts, Butterblümchen. Wenn du noch eine Weile hier bleibst, zeige ich dir gern, wie gemein ich werden kann.

Sie fragte sich, ob Jack bewusst gewesen war, dass er sie Butterblümchen genannt hatte – jener Name, mit dem er sie an ihrem ersten Tag an der Grundschule von Lovett angesprochen hatte.

Sie erinnerte sich noch, wie ängstlich und nervös sie damals gewesen war. Sie hatte Angst gehabt, dass niemand sie mögen würde und dass die große rote Schleife auf ihrem Kopf albern aussah. Ihre Mutter hatte sie vom Henkel eines mit Gutscheinen, einem Kochbuch und diversen Leckereien gefüllten Frühstückskorbs abgenommen. Daisy hatte die Schleife nicht tragen wollen, doch ihre Mutter bestand darauf, dass sie hübsch aussah und gut zu ihrem Kleid passte.

An diesem ersten Morgen hatte niemand mit ihr gesprochen. Gegen Mittag war sie so bekümmert gewesen, dass sie nicht einmal ihr Käsesandwich essen konnte. Während der großen Pause waren Jack und Steven auf sie zugekommen, als sie mit dem Rücken an den Maschendrahtzaun gelehnt dagestanden hatte.

»Wie heißt du?«, hatte Jack gefragt.

Sie hatte in seine großen grünen Augen mit den dichten Wimpern geblickt und gelächelt. Endlich redete jemand mit ihr, und ihr kleines Herz hatte vor Freude einen Satz gemacht. »Daisy Lee Brooks.«

Er hatte sie von oben bis unten gemustert. »Tja, Butterblümchen, das ist wohl die blödeste Haarschleife, die ich je gesehen habe«, hatte er gesagt, ehe er und Steven in brüllendes Gelächter ausgebrochen waren.

Zu hören, dass ihre Schleife blöd war, hatte sie in ihren schlimmsten Ängsten bestätigt, und sie hatte gespürt, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. »Ja, und ihr seid so blöd, dass ihr zum Zählen die Schuhe ausziehen müsst«, hatte sie voller Stolz entgegnet, dass sie es geschafft hatte, sich zu wehren. Nur um gleich danach alles zu verderben, indem sie in Tränen ausgebrochen war.

Die Erinnerung an diesen Tag rang ihr ein trauriges Lächeln ab. Sie hatte sich geschworen, diese beiden Jungen bis an ihr Lebensende zu hassen. Und diesem Vorsatz war sie treu geblieben, bis Jack sie aufgefordert hatte, in seinem Softball-Team mitzuspielen, was etwa drei Wochen später war. Steven hatte ihr gezeigt, wie sie verhindern konnte, dass der Ball sie ins Gesicht traf.

Anfangs hatte Jack sie Butterblümchen genannt, um sie zu necken, später hatte er den Kosenamen geflüstert, wenn er knapp unter dem Ohr ihren Hals küsste. Dann war seine Stimme ganz dunkel geworden, und er hatte ganz andere Möglichkeiten erfunden, um sie zu necken. Es hatte mal eine Zeit gegeben, als allein die Erinnerung an seinen Kuss wohlig warme Schauer in ihr ausgelöst hatte, doch nun hatte sie seit Jahren keine warmen und prickelnden Gedanken mehr an ihn verschwendet.

Sie sah ihn vor sich, wie er am Vorabend ausgesehen hatte, halb nackt und schrecklich wütend, die grünen Augen halb geschlossen, die Lippen höhnisch verzogen. Er sah noch besser aus als damals, als sie ihn zuletzt gesehen hatte, doch Daisy war älter und klüger geworden und ließ sich durch gutes Aussehen und schlechte Manieren nicht mehr in Versuchung bringen.

Nathan besaß nicht viel Ähnlichkeit mit Jack – höchstens vielleicht in Bezug auf seine Manieren. Er wohnte bei Stevens Schwester in Seattle, solange Daisy in Lovett war, doch er kannte den Grund ihrer Reise. Was Lügen betraf, selbst wenn die besten Absichten dahintersteckten, hatte sie ihre Lektion gelernt, und Nathan hatte sie noch nie belogen. Doch sie hatte diese letzte Schulwoche absichtlich für ihre Reise ausgesucht, damit er sie nicht begleiten konnte. Sie wusste nicht, wie Jack reagieren würde, wenn sie ihm von Nathan berichtete. Sie glaubte zwar nicht, dass er grausam sein würde, zumindest nicht Nathan gegenüber, aber man konnte nie wissen. Nathan sollte nicht dabei sein, falls Jack wirklich eklig wurde. Nathan hatte in seinem Leben schon genug Schmerz erdulden müssen.

Im Haus hörte sie ihre Mutter herumwerkeln. Sie stand auf und ging wieder hinein.

»Guten Morgen«, sagte sie und hängte ihren Mantel auf. Der Duft von frisch gebackenem Brot und selbst gemachten Leckereien hüllte sie ein wie eine lieb gewonnene Wolldecke. »Ich habe den Sonnenaufgang beobachtet. Er war einfach wunderschön.« Sie schlüpfte aus den Garten-Clogs und sah zu ihrer Mutter hinüber, die Sahne in ihren Kaffee rührte. Louella Brooks trug ein blaues Nylonnachthemd, und ihr blondes Haar war wie Zuckerwatte auf ihrem Kopf aufgetürmt.

»Wie war die Party gestern Abend?«, erkundigte sich Daisy. Jeden zweiten Freitag veranstaltete der Single-Club von Lovett einen Tanzabend, den Louella seit ihrem Beitritt im Jahr 1992 nicht ein einziges Mal versäumt hatte. Sie zahlte fünfzig Dollar pro Jahr für die Mitgliedschaft und war der Meinung, diese Investition müsse sich auch lohnen.

»Verna Pearse war da, und ich schwöre, dass sie mindestens zehn Jahre älter aussieht, als sie in Wahrheit ist.« Louella legte ihren Löffel in die Spüle und hob den Becher an die Lippen, ehe sie Daisy mit ihren braunen Augen über den Rand hinweg musterte. »Schlaffe Haut, Tränensäcke, alles hängt.«

Daisy lächelte und schenkte sich ebenfalls Kaffee nach. Verna hatte früher zusammen mit Louella im Wild Coyote Diner gearbeitet. Sie waren einmal Freundinnen gewesen. Als Daisy auf die Highschool ging, hatte sie ebenfalls in dem Lokal gearbeitet, konnte sich aber nicht erinnern, woran die Freundschaft zerbrochen war. »Was ist damals eigentlich zwischen dir und Verna vorgefallen?«, fragte sie.

Louella stellte ihren Becher ab und holte einen Laib Brot aus dem Vorratsschrank. »Verna Pearse ist ein liederliches Weibsstück«, erklärte sie. »Jahrelang hat sie mir erzählt, sie bekäme zehn Cent pro Stunde mehr als ich, weil sie als Kellnerin besser wäre. Sie hat damit geprahlt und sich aufgespielt, bis sich herausgestellt hat, dass sie das Geld auf ganz andere Art verdient.«

»Wie denn?«

»Bei Big Bob Jenkins.«

Daisy erinnerte sich an den Besitzer des Lokals, der nicht umsonst Big Bob genannt wurde. »Sie hat mit Big Bob geschlafen?«

Louella schüttelte den Kopf und presste die Lippen zusammen. »Hat ihn im Lagerraum oral befriedigt.«

»Tatsächlich? Das ist doch verboten.«

»Ja. Es ist eine Form der Prostitution.«

»Eher eine Form von Sklaverei, würde ich sagen. Verna hat Big Bob einen geblasen und dafür … achtzig Cent pro Tag bekommen? Das ist nicht fair.«

»Daisy«, schimpfte ihre Mutter, während sie den Toaster holte. »Bitte nicht diese schmutzigen Wörter.«

»Du hast damit angefangen.« Daisy würde ihre Mutter nie verstehen. »Oral befriedigen« war in Ordnung, »einen blasen« aber nicht.

»Du warst zu lange im Norden.«

Vielleicht stimmte das, denn sie begriff den Unterschied beim besten Willen nicht. Aber es hatte tatsächlich eine Zeit gegeben, als sie das Wort nie in diesem Zusammenhang benutzt hätte.

Louella packte das Brot aus. »Möchtest du Toast?«

»Ich esse morgens nichts.« Sie nahm einen Schluck Kaffee und ging zur Frühstücksecke. Die helle Morgensonne ergoss sich durch die hauchdünnen Gardinen und auf den gelben Tisch.

»Warst du gestern Abend aus?«, erkundigte sich ihre Mutter und gab eine Scheibe Brot in den Toaster.

Was bedeuten sollte, ob sie den Mut aufgebracht hatte, zu Jack zu fahren. »Ja. Ich war gestern Abend bei ihm.«

»Hast du es ihm gesagt?«

Daisy setzte sich auf die Eckbank und starrte auf ihre Hände, die um den Becher lagen. An einem Fingernagel war der rote Lack abgeblättert. »Nein. Er war nicht allein. Seine Freundin war bei ihm. Das war wohl nicht der richtige Zeitpunkt.«

»Vielleicht solltest du das als Zeichen deuten und das Ganze auf sich beruhen lassen.«

Als Jugendliche hatte Daisys Mutter Steven lieber gemocht als Jack, obwohl sie auch Jack irgendwie gern gehabt hatte. Wenn das Trio in Schwierigkeiten steckte, bekam häufig Jack die Schuld dafür. Und auch wenn er häufig tatsächlich der Schuldige für den Ärger war, hatten Steven und Daisy sich doch immer freudig an irgendwelchem Unsinn beteiligt. »Das geht nicht«, wandte Daisy ein. »Ich muss es ihm sagen.«

»Ich verstehe immer noch nicht, warum.« Louellas Toast sprang aus dem Schlitz, und sie legte die Scheibe auf einen kleinen Teller.

»Ich habe es dir doch erklärt.« Daisy hatte keine Lust, schon wieder ihre Gründe zu erläutern. Sie schraubte das Fläschchen Nagellack auf, das sie tags zuvor auf dem Tisch stehen lassen hatte, und machte sich an ihrem Nagel zu schaffen.

»Tja, wenn du schon entschlossen bist, es zu tun, solltest du ihn nicht spätabends aufsuchen.« Louella hob den Deckel von der Butterdose und strich Butter auf ihren Toast. »Die Leute zerreißen sich gern die Mäuler über Witwen. Man wird sagen, du wärst auf der Suche nach einem Mann.«

Daisys Vater war gestorben, als sie fünf Jahre alt war, doch sie hatte nie irgendwelchen Klatsch darüber gehört, dass ihre Mutter einen Mann gesucht hätte. »Das ist mir egal.« Sie strich roten Lack auf den Nagel und schraubte das Fläschchen wieder zu.

»Das sollte es aber nicht.« Louella trug Teller und Becher zum Tisch und setzte sich gegenüber von Daisy hin. »Du willst doch nicht, dass die Leute denken, du würdest wegen gewisser Dinge zu ihm gehen.«

Daisy pustete auf den feuchten Fingernagel, um nicht lachen zu müssen. Es waren zwei Jahre vergangen, seit sie das letzte Mal gewisse Dinge gehabt hatte, und sie war nicht sicher, ob sie überhaupt noch wusste, wie das funktioniert. Nach Stevens Diagnose und der ersten Operation hatten sie sich um ein normales, gesundes Eheleben bemüht, doch nach ein paar Monaten war es einfach zu schwierig geworden. Anfangs hatte ihr der Sex mit ihrem Mann sehr gefehlt, doch je länger sie darauf verzichten musste, umso weniger vermisste sie ihn. Mittlerweile dachte sie eigentlich kaum noch daran.

»Wo kommen eigentlich all die Flamingos in deinem Garten her?«, wechselte Daisy das Thema.

»Ich finde sie hübsch«, antwortete ihre Mutter. Als Daisy heranwuchs, war ihre Mutter im Disney-Fieber gewesen, und ihr Garten war überfüllt mit Schneewittchen, den sieben Zwergen und irgendwelchen Figuren aus Alice im Wunderland gewesen. »Den großen Flamingo mit dem kleinen Taschenkalender im Schnabel habe ich von Kitty Fae Young bekommen. Ihre Enkelin Amanda stellt sie auf Bestellung selbst her. An Amanda erinnerst du dich doch bestimmt noch, oder?«

Daisys Blick wurde glasig. Ihre Mutter hatte schon immer dazu geneigt, endlos über Leute zu erzählen, die Daisy nicht kannte, nie gesehen hatte und die ihr im Grunde völlig egal waren. Als Mädchen waren Lily und sie ihre unfreiwilligen Opfer gewesen und hatten keine andere Wahl gehabt, als sich beim Abendbrot den neuesten Klatsch anzuhören, der gewöhnlich nicht einmal sonderlich interessant war. Wie oft sie ihr auch zu verstehen gegeben hatten, dass ihnen jemandes neuer Buick, Arthritis oder selbstgebackene Plätzchen absolut gleichgültig waren, Louella war wie die Nadel eines alten Plattenspielers, die in einer Rille hängen bleibt, und hörte erst auf, wenn sie ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte.

Daisy schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Aber natürlich«, widersprach ihre Mutter. »Sie hatte grauenhafte Hasenzähne. Sah aus wie ein kleiner Biber.«

»Ach, ja«, sagte sie, obwohl sie nicht die leiseste Ahnung hatte. In West-Texas gab es endlos viele Kinder mit Hasenzähnen.