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»Weißt du, ich glaube, lieben, das ist nicht bloß erwarten und ersehnen; es ist ein Ergreifen von etwas, das da ist, das lebendig ist und einen braucht. Lieben, das ist etwas Schweres. Man muss es, glaub' ich, lernen, ganz nach und nach. Ich weiß nicht, mir kommt es immer so vor, als wäre es das Allerschwerste von allem, was man lernen muss.« Die achtzehnjährige Anna lernt einen jungen Mann kennen und gerät mit seiner wachsenden Zuneigung in einen inneren Widerstreit. Woran erkennt man die Liebe? Sind Leidenschaft und Intuition wirklich die besten Ratgeber? Oder sollte man nicht manchmal auch auf die Vernunft hören? (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 59
Veröffentlichungsjahr: 2016
Luise Rinser
Erzählung
»Weißt du, ich glaube, lieben, das ist nicht bloß erwarten und ersehnen; es ist ein Ergreifen von etwas, das da ist, das lebendig ist und einen braucht. Lieben, das ist etwas Schweres. Man muss es, glaub’ ich, lernen, ganz nach und nach. Ich weiß nicht, mir kommt es immer so vor, als wäre es das Allerschwerste von allem, was man lernen muss.«
Die achtzehnjährige Anna lernt einen jungen Mann kennen und gerät mit seiner wachsenden Zuneigung in einen inneren Widerstreit. Woran erkennt man die Liebe? Sind Leidenschaft und Intuition wirklich die besten Ratgeber? Oder sollte man nicht manchmal auch auf die Vernunft hören?
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Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei FISCHER Digital
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Copyright © by Christoph Rinser
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Montasser Medienagentur, München
Covergestaltung: buxdesign, München
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ISBN 978-3-10-561240-8
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Erste Liebe
WENN Anna in spätem Jahren wieder nach M. kam, als ihre Eltern längst nicht mehr lebten, ging sie jedesmal den Weg, der einst ihr täglicher Schulweg gewesen war: die aus der Innenstadt kommende Straße führt über den Fluß und verzweigt sich in schmale Gassen, von denen eine, die über einen kleinen baumbestandenen Platz läuft, gerade auf die hohe ziegelrote Hofmauer trifft, hinter der das alte graue Gebäude des Gymnasiums liegt, das an eine gotische Abtei und zugleich an ein Staatsgefängnis erinnert. Der Anblick der alten Schule weckte in Anna eine Empfindung, die jener gleicht, mit der man am klaren Morgen eines Nachttraums sich erinnert, der trüb, beklemmend und voll spukhafter Wirren, aber auch wunderlich süß gewesen war und der, da er in der Tageshelle zerging, in uns eine selige Erleichterung wie nach einer überstandenen Gefahr zurückläßt. Diese Empfindung, die etwa eine große Schauspielerin dazu bewegen könnte, einmal wieder auf jener kleinen Schmierenbühne zu spielen, an der sie arm, gedemütigt und voller Glut begonnen hatte, verlockte Anna, die nun glücklich war, immer wieder zum Aufsuchen der alten Wege.
Eines Nachmittags im Spätherbst, als sie wieder vor der alten Schule stand, sah sie an einem der spitzbogigen, vergitterten Fenster das Gesicht eines Mädchens. Es blickte unverwandt mit dem Ausdruck verlorener Schwermut in die Zweige der fast entlaubten Kastanienbäume, von denen Blatt um Blatt sich knisternd löste. Der Anblick des einsamen, traurigen Mädchens, der trübe Tag und der Modergeruch des kupferfarbenen, feuchten Laubes riefen in Anna die Erinnerung an einen Nachmittag im Spätherbst wach, da sie selbst, achtzehnjährig, an jenem Bogenfenster stand, hinter dem der kleine Musiksaal lag, in dem sie an einem ausgespielten Flügel Etüden üben sollte. Sie erinnerte sich plötzlich heftig und deutlich der Stimmung, in der sie sich damals befand, und gleich Bildern eines Films, der auch Stimmen, Gerüche, Farben und Gefühle wiederzugeben vermöchte, rollte das ganze Erlebnis, das aus jener Stimmung entsprang, durch Annas Gedächtnis.
Sie entsann sich, daß jener Tag so grau war, daß das jenseits des Flusses liegende Museumsgebäude mit seinem ockergelben Verputz (das so aussah, als sei es von innen her durchsonnt), der einzige helle Farbfleck in dem Bilde war. Sie sog sich fest an ihm in der unbestimmten Hoffnung, aus ihm Trost zu schöpfen. Aber es schien, als sei ihr an diesem Tage nicht einmal der Anblick eines fernen Schönen gestattet: Nebel stiegen aus dem Wasser und verdeckten das gelbe Haus. Als sei damit auch aus ihrem Leben der letzte Glanz und Schimmer gewichen, versank Anna nun in eine uferlose Traurigkeit, die zugleich Pein und Genuß war, jenes dunkle Gefühl der Wachstumsschmerzen, das wir nicht verstehen, solange wir jung sind und wenn wir es empfinden.
