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Ein Gastwirt, sein Leben und der Alkohol. Autobiografische Erzählung in Geschichten und Liedern Authentisch, bewegend und treffend schildert Joschi Meyer die Hölle seiner Sucht mit ihren brutalen Tiefen, den Abschied vom Alkohol und die Zeit danach. Die innere Zerrissenheit und Verzweiflung, sowie der meist hoffnungslose Kampf des Süchtigen erfordert das Eingeständnis, ich bin Alkoholiker. Erst dann wird das Licht am Ende des Tunnels greifbar und bietet einen Weg aus der Misere. Den Weg vom Alkoholismus zur Abstinenz, von der Sucht zur Suchthilfe, vom Verlierer zum Sieger.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Authentisch, bewegend und treffend schildert Joschi Meyer die Hölle seiner Sucht mit ihren brutalen Tiefen, den Abschied vom Alkohol und die Zeit danach.
Die innere Zerrissenheit und Verzweiflung, sowie der meist hoffnungslose Kampf des Süchtigen erfordert das Eingeständnis, ich bin Alkoholiker.
Erst dann wird das Licht am Ende des Tunnels greifbar und bietet einen Weg aus der Misere. Den Weg vom Alkoholismus zur Abstinenz, von der Sucht zur Suchthilfe, vom Verlierer zum Sieger.
Gastronom, Veranstalter, Initiator der Dinner-Show, "Magie & Menue", Varietékenner, Moderator, Sänger, Sprecher, prämierter Komponist, einfühlsamer Autor und als trockener Alkoholiker aktiv im Blauen Kreuz Lippstadt in der ev. Kirche.
Er liebt die Menschen, die Musik, sowie die typisch westfälische Ehrlichkeit, Klarheit und Treue. Mit diesem Buch geht ein Lebenswunsch in Erfüllung.
Ich rannte dem Alkohol entgegen, warf mich stürmisch in seine Arme und erlag seinen Reizen.
Du duldest fast alles. Nur die rote Linie darf niemand überschreiten. Wer dein Trinkverhalten kritisiert, ist dein Feind.
Widerspruch ist zwecklos: Kapitulation oder Trennung! „Das ist Nötigung“, meine Frau nannte es „Abmachung.“
Würde es mir doch nur gelingen:
Sich-ein-Stück-weit-in-die-Abstinenz-zu-verlieben.
Ich konnte sie mir doch nicht schön saufen.
Wie lange hätte ich den inneren Kampf noch ertragen?
Aufstehen
Wie ein Gift schleicht sie ins Herz,
zitternd flieht die Zuversicht.
Deine Seele fühlt den Schmerz,
wenn die Angst ins Leben tritt.
Zur Talfahrt abgebogen,
die Nerven fast zerfetzt.
Mit Dir liegt am kalten Boden,
Deine Chance Dich zu wehren: Hier und Jetzt!
Für das Lektorat des vorliegenden Buches gilt mein Dank Christel Schriek und Friedhelm Musga.
Das wertschätzende Vorwort von Dr. phil. Dipl. Psych. Hans-Ulrich Dombrowski freut mich sehr. Herzlichen Dank.
Für Buchgestaltung, Satz und Cover bedanke ich mich bei Rolf Stracke.
Vor allem bin ich dankbar für die Liebe meiner Frau Sigrid.
Vorwort
Einleitung
Die Abmachung
Lösungswege bei Alkoholproblemen
Der Rückfall
Aufstehen - Wieder Aufstehen
Es ist nicht leicht, ein Alkoholiker zu sein
Warum habe ich getrunken?
Gründe am Trinken festzuhalten
Mein Klavier
Verlierer können Sieger sein
Geburtstage, Feste und Feiern
Vereinsarbeit
Davongekommen kaum vernarbt
Die Suche hat ein Ende
Epilog
Liedertexte
zu Kapitel 2 38 Stufen
zu Kapitel 4 Der Rückfall
zu Kapitel 5 Aufstehen
zu Kapitel 6 Es ist nicht leicht, ein Alkoholiker zu sein
zu Kapitel 7 Gefangen fast wie hinter Gitterstäben
zu Kapitel 8 Edel geht die Welt zu Grunde
zu Kapitel 9 Mein Klavier
zu Kapitel 9 Der Schmied
zu Kapitel 10 Verlierer können Sieger sein
zu Kapitel 11 50 Jahre volles Leben
zu Kapitel 12 Das Apfelbäumchen
zu Kapitel 13 Davongekommen kaum vernarbt
zu Kapitel 14 Jesus Christus - Brot des Lebens
Als junger Psychologie-Student absolvierte ich ein Praktikum in einer Suchtklinik. Unter Anleitung einer erfahrenen Kollegin konnte ich einen guten Einblick in die Arbeit eines Psychologen mit Alkoholikern gewinnen. Was mich darüber hinaus jedoch interessierte, waren die Menschen selbst, die offensichtlich Probleme damit hatten, ihren Alkoholkonsum zu steuern und sich vielfach an den Rand ihrer Existenz brachten. Mit betroffen waren dabei insbesondere auch immer ihre Partner und Kinder. Ich lernte innerhalb eines kurzen Zeitraums viele Schicksale kennen. In zahlreichen Gesprächen mit den Betroffenen versuchte ich, eine Alkoholerkrankung zu verstehen und ein Gefühl für die davon betroffenen Menschen zu entwickeln.
An eine Unterhaltung mit einem Patienten, der bereits wiederholt stationär behandelt wurde, erinnere ich mich sehr gut. Mich interessierte, worin er die Destruktivität seiner Erkrankung sah und fragte ihn, was aus seiner Sicht das Schlimmste an einer Alkoholerkrankung sei. Er überlegte kurz und antwortete dann: „Das Schlimmste war für mich, dass ich saufen musste, obwohl ich es gar nicht wollte!“
Dieser Satz ging mir lange Zeit nicht mehr aus dem Kopf. Sollte dies der Kern der Erkrankung sein? Erschütterlich! Menschen müssen etwas tun, was sie eigentlich nicht wollen, und das, was sie tun müssen, ist zudem zu ihrem Schaden. Wie schlimm muss dies für die Betroffenen sein, die keine eigene Kontrolle mehr haben und somit auch gleichzeitig der Sklave des Alkohols geworden sind? Ein kaum erfassbares Leid muss damit verbunden sein. Und umgekehrt stellte ich mir vor, wie schwierig es sein müsste, sich von dieser Sucht zu lösen, diese selbst zu kontrollieren und eine Abstinenz zu entwickeln. Menschen, denen dies gelingt, sollte man ein hohes Maß an Bewunderung entgegenbringen. Sie standen vor dem Abgrund und haben mit viel Kraftanstrengung noch einmal die Kurve bekommen.
Einem, dem man diese Hochachtung entgegenbringen muss, ist Herr Joschi Meyer, dessen Buch „Es ist nicht leicht, ein Alkoholiker zu sein“ Sie gerade in den Händen halten. Mir kommt die Ehre zuteil, das Vorwort zu schreiben.
Herr Meyer und ich kennen uns seit Jahren aus zahlreichen Gesprächen. Als er mir mitteilte, dass er dabei sei, ein Buch über die Geschichte seiner Alkoholerkrankung zu schreiben, war ich sehr gespannt. Ein Buch stellt oftmals das Ende einer Entwicklungsperiode dar und öffnet gleichzeitig die Tür für einen nächsten Schritt. Lange, lange Jahre der Abstinenz lagen hinter ihm. Das Thema „Alkohol“ ist und bleibt jedoch ein fortlaufendes Thema.
Als ich anfing, das Manuskript zu lesen, war ich schnell eingenommen von der Art der Darstellung und dem Schreibstil des Autors. Ich habe den Text in einem Rutsch gelesen und mich schon auf die nächsten Kapitel gefreut. Das Buch von Herrn Meyer ist ein offenes und ehrliches Buch. Es beschreibt die Facetten des Alkoholismus ohne Schnörkel und ohne Bagatellisierungen.
Die Prozesse der Erkrankung und vor allem die der jahrelang andauernden Lösung, werden auf plastische und nachvollziehbare Weise geschildert. Es entwickelt sich für den Leser sehr schnell ein Gefühl für die Erkrankung und deren Destruktivität. Das ständige Verhandeln mit dem Alkohol und die fortwährend erforderliche Achtsamkeit machen den Stress deutlich, dem selbst der trockene Alkoholiker dauerhaft ausgesetzt ist.
Es ist nicht nur nicht einfach, ein Alkoholiker zu sein, sondern gleichzeitig nicht nur nicht einfach, sich in der Öffentlichkeit zu offenbaren, quasi die Hose runter zu lassen und sein Innerstes heraus zu kehren. Man macht sich angreifbar und geht das Risiko ein, abgelehnt oder im günstigeren Fall auch nur belächelt zu werden. Es gehört Mut dazu, dies zu tun und es setzt ein gewachsenes Selbstbewusstsein voraus. Joschi Meyer geht diesen Weg. Chapeau!
Im Buch beschreibt er sein Leben als Alkoholiker in einer ländlichen Region Westfalens mit ihrer eigenen Lebensart und ihren spezifischen Strukturen. Alkohol gehört zum Leben, entweder vor oder hinter der Theke. Aber nicht nur die belastenden Momente schildert der Autor, sondern auch den Zusammenhalt innerhalb der Selbsthilfegruppe vom Blauen Kreuz sowie die Solidarität und Unterstützung ihrer Mitglieder untereinander.
Die Liebe zur Musik, das Wiederentdecken von Klavier und Gesang stellen eine wichtige Ressource für die Bewältigung der Alkoholerkrankung dar - ebenso die Rückkehr des beruflichen Erfolgs im gastwirtschaftlichen Betrieb mit Gaststätte, Restaurant, Saalbetrieb und eigenen Kreationen wie der Dinner-Show „Magie & Menue“.
Nicht zuletzt hat das Fortbestehen der Partnerschaft trotz aller Schmerzen und Widrigkeiten dazu geführt, dass die Liebe neu entdeckt wurde. „Es war der Mühe wert“, betont die Ehefrau, Sigrid Meyer im Epilog.
„Es ist nicht leicht, ein Alkoholiker zu sein“ ist eine autobiografische Erzählung in Geschichten und Liedern. Als Leser spürt man mit jeder Zeile, dass der Autor mit Herz, aber auch Verstand dabei ist.
Es ist ihm eine Herzensangelegenheit, dieses Buch geschrieben zu haben. Ich wünsche dem Projekt alles erdenklich Gute. Es stellt eine Bereicherung der bisherigen Publikationen zum Thema dar.
Dr. Hans-Ulrich Dombrowski Lippstadt, im Dezember 2020
Liebe Leserin, lieber Leser!
Es ist nicht leicht, ein Alkoholiker zu sein. Unabhängig vom Blickwinkel erlebt der Alkoholiker in allen Phasen arteigene Schwierigkeiten. Gleichgültig, ob Trinker nass oder trocken leben, der Ritt auf der scharfen Kante einer Rasierklinge beinhaltet neben hohen Absturzrisiken zusätzliche Gefahrenstellen.
Den nassen Alkoholiker interessiert vorwiegend sein Stoff. Am Ende sucht er oft hilflos nach Auswegen. Abstinente Trinker erleben das Ringen gegen die anhaltende Gefahr eines Rückfalls zumindest als Lebensabschnittsbegleitung. Das engere Umfeld der Alkoholiker leidet in allen Zeitabschnitten mit.
Während einer der ersten Entgiftungen im Krankenhaus fiel mir eine Broschüre zum Thema Alkoholismus auf.
„Denken Sie häufig an Alkohol?“ Ich bejahte und dachte: „So ein Blödsinn. Wen interessiert denn Alkohol nicht? Für mich als Gastwirt eine Frage der Ehre.“ Ausreden zu diesem Thema suchte ich nie. Sie fielen mir zu. „Trinken Sie unbeschwert“ lautete eine andere Frage. „Natürlich! Es schmeckt und hebt die Stimmung.“
Vergessen:
Wie oft ich mich beobachtet fühlte.
Vergessen:
Der Ärger beim Umgang mit Alkohol.
Vergessen:
Wie schlecht ich mich oftmals fühlte.
Vielleicht nur Fragen für „richtige Alkoholiker.
Jahre später sollten mich diese und weitergehende Fragen wieder einholen und mehr beschäftigen denn je. In einem verzweifelten Kampf suchte ich Auswege aus der Sucht. Konfuzius kannte drei Wege zu klugem Handeln:
Nachdenken
Das Edelste
Nachahmen
Das Leichteste
Erfahrung
Das Bitterste
Ich neigte zur dritten Methode wie die meisten Menschen. In der Schulzeit ermöglichte eine vertraute Sonderform des zweiten Systems ungewöhnliche Leistungsspitzen. In der Therapie und Gruppenarbeit war diese gewisse Sonderform durchaus erlaubt. Die ersten zwei Handlungsweisen konnten bekanntlich die dritte Strategie entlasten. Alle Wege offenbarten die gleiche Erkenntnis:
„Es ist nicht leicht, ein Alkoholiker zu sein.“
Einen Ratgeber habe ich nie geplant. Die autobiografische Erzählung schildert, ebenso wie meine Lieder, wahre Begebenheiten, Augenblicke meines Lebens mit und ohne Alkohol. Meine Offenheit gewährt tiefe Einblicke. Das vertrauensvolle Du erlaubt uns die angemessene Nähe.
Zu wahren Begebenheiten gehören lebensechte Menschen mit ihren Namen. Personen, die anonym bleiben wollen, insbesondere Gruppenmitglieder, werden im Alias genannt.
Die geschilderten Ereignisse werden manches Verhalten spiegeln, ohne Ratschläge erteilen zu wollen. Angehörige und Betroffene sollen dennoch zum Nachdenken angeregt werden.
Manche*r Leser*in*nen wird/werden sich oder eine*n Angehörige*n teilweise in den Ereignissen wiederfinden. Der Verzicht auf gendergerechte Schreibweise soll das Lesen erleichtern und mindert nicht die Wertschätzung.
Ich heiße alle Interessierten herzlich willkommen. Wahrscheinlich finden gerade die Frauen leichter einen Zugang zum Thema und dem Buch. Mancher Mann muss eventuell erst überzeugt werden. Bei mir war das so ...
Einige Kapitel stehen im Zusammenhang mit einem Lied oder mehreren. Wahre Erlebnisse und Gefühle werden in den Erzählungen und Liedern geschildert. Im Anhang befinden sich die Liedertexte mit Angabe des zugehörigen Kapitels.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website zu diesem Buch. Ich freue mich über jeden Kontakt.
https://www.joschimeyer.de
Der letzte Frühling des ausgehenden Jahrtausends präsentierte die Natur in harmonischer Fülle. Neues Leben erwachte und schenkte uns ein Meer aus Farben, Düften und Klängen. Die ersten Jahrmärkte und Volksfeste begeisterten ihr Publikum mit vergnüglichen Attraktionen bei milden Temperaturen. Die Leichtigkeit des Seins war fast überall zu spüren.
Zur gleichen Zeit quälte sich ein menschliches Wrack in einem kalten Entzug. Der Anblick zeigte die körperlichen und seelischen Nöte des Quartalssäufers. Gezeichnet von der Sucht, bemitleidete ich mein Elend. Schwitzend und zitternd litt ich unter ständigem Brechreiz. Nichts schien den Körper vom Schmutz des letzten Exzesses zu befreien. Niemand tröstete mich. Rücksichtslos wurde mir offenbart:
„Dein Lebens-Konzept ist gescheitert!“
Meine Frau erweiterte die Ansage gnadenlos: „Deine Trinkerlaufbahn wird umgehend beendet, als erste Maßnahme besuchen wir am kommenden Mittwoch eine Selbsthilfegruppe. Kontakte für eine stationäre Therapie sind geknüpft. Widerspruch ist zwecklos! Kapitulation oder Trennung!“ Ich erwiderte: „Das ist Nötigung!“, meine Frau nannte es „Abmachung.“
Sie kannte das Spiel. Der erste Schluck war der mächtigste Gegner. Wenn nach vier bis sechs Wochen Pause König Alkohol brutal die Macht ergriff, konnte ich schlagartig nichts mehr essen. Für ungefähr zehn Tage wurde fast nur getrunken. Schlaf fand auf irgendeiner Couch statt oder dort, wo ich beim Saufen absackte und liegen blieb; vorwiegend in einem der Lagerräume von Gaststätte, Restaurant, Küche und Saal.
Ich musste allein trinken. Wenn ich öffentlich trank, suchten andere mittlerweile das Weite. Es war nicht mehr angenehm, mit mir zu trinken. Konsumiert wurde alles, was der Ort hergab. Bier steigerte eher die Übelkeit als Linderung zu verschaffen. Am besten half Wein als Durstlöscher, wenn überhaupt, dann nur geringfügig mit Wasser verdünnt. Schnaps besorgte die erhoffte Wirkung. Mein Tagesablauf verlangte drei Schichten Dauerbelastung, die zwanghaft in Vier-Stunden-Takte zum Schlafen und Trinken unterteilt waren. Eine Plage für alle Beteiligten.
In der Endphase gab es keine Rücksicht mehr auf Termine und Veranstaltungen usw. Ich ließ meine Frau allein mit der Arbeit, Last und Sorge. Darüber hinaus ereigneten sich Situationen, die jeden Gegenüber angewidert haben müssen. Immer wenn der Stoff nicht reichte, gleichgültig, ob Gäste im Haus waren oder nicht, besorgte ich mir respektlos Nachschub an der nächsten Quelle. Erst wenn Körper, Geist und Seele vor Erschöpfung aufgeben mussten, fanden die Exzesse ein Ende.
Ohne Kenntnis der gesundheitlichen Gefahren eines kalten Entzugs setzte ich mich zunehmend dieser Tortur aus, weil die Krankenkasse sich zurecht weigerte, für die Launen eines Säufers aufzukommen. Medizinische Entgiftungen erfolgten dementsprechend seltener. Die kalten Entzüge waren allerdings grausam. Bitterste Qualen begleiteten die erste Woche. An feste Nahrung war kaum zu denken; nur Kamillentee und Wasser, manchmal kam ein eingestippter Zwieback hinzu. Gedanken an Alkohol bedrängten mich in diesem geschwächten Zustand ständig zur Flucht aus der Misere. Drei abstinente Tage in Folge kündigten normalerweise das Ende der Sauftour an.
Am Mittwoch, den 28. April 1999, war alles anders. Es war der wichtige dritte Tag ohne Alkohol, aber es galt, einen Teil der sogenannten Abmachung zu erfüllen. Ich litt immer noch und sollte schoooon in die Pflicht genommen werden? Klagen und Proteste verfehlten ihr Ziel und meine Frau besuchte den ersten Gruppenabend allein. Sie betonte den Ernst der Lage mit vorsorglich gepackten Koffern. Voller Selbstmitleid saß ich im Wohnzimmer, verzweifelt und ängstlich. Jahrelange falsche Versprechungen hatten das letzte Vertrauen meiner Frau verspielt. Ich konnte froh sein, dass sie überhaupt noch bei mir war.
Auf der anderen Seite tobte eine gewaltige Unruhe in mir. Riskante Spannung befeuerte die inneren Konflikte. Aus allen Poren trat Angstschweiß und flutete den Körper wie ein Wolkenbruch. Hoffen und Bangen steigerten den Kummer zur Unerträglichkeit.
Unbändiger Saufdruck drängte mich immer wieder ins Untergeschoß. Am unteren Ende der Treppe mahnten die gepackten Koffer meiner Frau wie unüberwindliche Panzersperren. Schockiert traute ich mich nicht mal, die Klinke der Gaststättentür zu berühren. Wie barbarische Peitschenhiebe trieben die drohenden Blockaden mich zurück und ich verfluchte mein Schicksal. Odysseus war zu beneiden. Ihn hatte man vorsorglich mit Fesseln vor den Rufen der Circe geschützt.
Seit gut zwei Jahren war die Stimmung gekippt. Meine Frau sprach offen über die Sucht: „Mein Mann ist Alkoholiker.“ Ausreden wurden nicht mehr gewährt. Das Fass war voll. Während einer Sauftour beschwichtigte ich mich fortwährend: „Diesmal wird es nicht so schlimm. Ich höre vorher auf. Sonst wird mir der Hahn bald zugedreht.“ Jedes Mal versagte ich. Nur totale Erschöpfung ließ den Spuk enden. Nicht mal die Aussicht auf künftige Gelegenheiten konnte mich bremsen.
Trotzdem hatte ich noch ausschweifende Pläne.
Unverzichtbare Höhepunkte des Jahres 1999 wie Schützenfest, Vereinsfeste, Jubiläen, unsere Kegeltour, dazu Silvester und Neujahr zum Jahrtausendwechsel, ließen Gelage erster Klasse erwarten. Weiterungen konnten das Programm nur bereichern.
Plötzlich hörte ich Geräusche im Treppenhaus. Vorsichtig, fast unsicher, öffnete meine Frau die Tür zum Wohnzimmer. Ihr Blick erfasste mich auf der Couch und ich bemerkte, dass sie geweint hatte. Ihr verhaltenes Lächeln verriet einen winzigen Funken längst verloren geglaubter Hoffnung. Sigrid registrierte erleichtert, dass ich ihre Abwesenheit nicht zum Trinken genutzt hatte.
„Joschi, es gibt gute Neuigkeiten“, eröffnete sie. „Ich habe einen Mann gesprochen, der gesoffen hat, wie du. Nach unzähligen Entzügen und Therapien ist er vor dreizehn Jahren endlich trocken geworden und heute ein Kerl wie ein Baum.“ Die unglaubliche Geschichte trieb mir Schauer über den Rücken. Mein Herz pochte, im Kopf tobte noch immer das quälende Gewitter. Doch ich wollte mehr über das Unvorstellbare erfahren. Sigrid hatte es nicht nötig, zu lügen. Ich folgte ihrem Bericht bis zum Einschlafen und bin mir fast sicher, ihre Hand gefühlt zu haben. War da sogar ein Kuss an meiner Wange?
Am nächsten Morgen erwachte ich früh. Sigrid lag auf der anderen Couch, nach langer Zeit mal wieder im gleichen Raum wie ich. Sie schlief noch immer und es schien als versuche sie einen Traum festzuhalten. Sonnenstrahlen fielen sanft auf ihr anmutiges Gesicht. Keine Sorgenfalte trübte den reizenden Anblick. Diesen Moment hatte ich nicht verdient, dennoch durfte ich ihn erleben und den Augenblick genießen.
Ab dem vierten Tag ging es zügiger aufwärts. Donnertags war Haupteinkaufstag. Sigrid bestand allerdings darauf, allein zu fahren. Das 65-jährige Jubiläum der Feuerwehr im Festzelt auf dem Schützenplatz würde am Wochenende den Takt im Dorf in allen Bereichen vorgeben. Daher benötigten wir kaum Ware. Entsprechend wenig hatte Sigrid gekauft, kehrte aber relativ spät zurück mit den Worten: „Ich habe unsere Schwägerin Susanne getroffen. Wir waren kurz bei ihr zu Hause. Sie hat mir dieses Buch mitgegeben. Ein bekannter Psychologe hat es geschrieben.“ Erst Jahre später sollte ich die wahre Geschichte erfahren.
Am Wochenende lud das Feuerwehrfest zur ersten Markierung meiner ursprünglichen Jahresplanung. Ich traute mich sonntags auf eine Bratwurst zum Festplatz und beobachtete den Trubel der Menge mit Unbehagen – verdammt zum Zuschauen. „Könnte ich jemals wieder so unbeschwert und fröhlich sein wie diese Menschen? So ausgelassen, so heiter?“
Die Leiden des letzten Exzesses kaum überwunden, ängstigte mich bereits die künftige Lebensqualität. Welch ein Wahnsinn! Unfassbar! Trotzdem war dauerhafte Abstinenz keine Lösung. Unvorstellbar! Unerträglich! Unmöglich! Niemals!
Das Feuerwehrjubiläum hatte ich mir selbst versaut, den Rest würde ich mir auf keinen Fall nehmen lassen. Innerlich keimte Widerspruch und Übermut, meine Situation verlangte gute Miene zu bösem Spiel. Eine Halbierung der Trinkphasen mit milderem Verlauf sollte bei cleveren Verhandlungen herausgeholt werden können. Das wäre ein Erfolg für alle Beteiligten. Im Takt von zwei, drei Monaten müsste eigentlich was gehen. Mit dieser Erkenntnis trat ich den Heimweg an, nur konnte ich niemandem meine „Erleuchtung“ mitteilen.
Die Fronten für die nahe Zukunft waren geklärt und ich betrat wohlgelaunt die Gaststätte. Sigrid hatte sogleich erkannt, dass mich etwas außerordentlich beschäftigte und empfahl, die Wohnung aufzusuchen: „Wegen des Feuerwehrfestes ist heute nur wenig Betrieb. Sollte sich mehr Arbeit ergeben, hole ich dich.“
Ich begab mich ins Wohnzimmer. Der Fernseher bot keine gefällige Unterhaltung. In dem erwähnten Buch hatte ich über das Wochenende kurz geblättert. Der Titel war ansprechend, doch ich konnte mich jetzt nicht damit befassen. Praktischer Umgang mit Alkohol wäre trotz der kurzen Pause leichter gefallen. Über „Lösungswege bei Alkoholproblemen“ nachzudenken, war an diesem Tag ausgeschlossen.
Plötzlich betrat Sigrid den Raum und informierte mich: „Die Gaststätte ist zu. Es war kein Gast mehr da. Die Kegler haben kurzfristig abgesagt. Wer jetzt noch Durst hat, kann zum Feuerwehrfest gehen.“ „Wie wahr“, dachte ich und wurde von Sigrid überrascht, dass der erste Gruppenbesuch am nächsten Abend stattfinden sollte. Mir ginge es ihrer Meinung nach besser und sie hätte längst Personal organisiert.
