Ewigleben: Das Geheimnis des Anton A. - Rosa Cronach - E-Book

Ewigleben: Das Geheimnis des Anton A. E-Book

Rosa Cronach

0,0

Beschreibung

1822, also vor 200 Jahren, verstarb ein Trödler bei Berchtesgaden. Er wurde erstaunliche 117 Jahre alt. Sein Name war Anton Adner. In historisch unruhigen Zeiten musste er seinen Weg machen. Wie gelang ihm dies? Hatte er ein Geheimnis? Gibt es einen Schlüssel für sein Ewigleben? Diese Geschichte nähert sich ihm romanhaft an, versucht episodenhaft zu ergründen, wie er dieses hohe Alter erreichen konnte. Kommen Sie mit auf eine faszinierende Reise in das Leben eines außergewöhnlichen Menschen. Vielleicht können wir von ihm lernen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Lebensrückblick

Anton und der König

Schicksalsschlag

Ein neues Zuhause

Erwachsenwerden

Auf dem Weg nach Salzburg

Aufbruch zurück nach Berchtesgaden

Beobachtungen der Natur

Im Herbst in St. Bartholomä

Das Wunderkind

Spannender Heimweg

Marie

Wanderungen und Geschäftstätigkeiten

Überraschende Wendung

Sonntag

Der Zimmermann

Gefährliche Wanderung

Methusalem

Politische Wirren

Die letzten Jahre

Lebensrückblick: Freuden und Leiden des Alters.

Zarte Sonnenstrahlen glitten über seine geschlossenen Augen. Anton hatte keine Kraft diese zu öffnen. Er war müde und erschöpft. Schon wieder ein neuer Morgen. Warum konnte er nicht endlich gehen? Wann endlich würde ihn sein Herrgott abrufen? Er hatte genug, genug von seinem „Ewigleben“.

Ständig wiederkehrende Jahresspiralen, der Ablauf der vier Jahreszeiten, immer der gleiche Kreislauf…so oft schon erlebt und so oft durchwandert. Es sollte fertig sein. Er wollte seinen letzten Weg gehen!

Niemand, den er aus Kindheit und Jugend kannte, war mehr da, immer wieder musste er Menschen gehen sehen. Immer wieder in der ewig vertrauten Umgebung neu anfangen. Alle waren sie schon drüben, auf der anderen Seite, beim lieben Gott, in der Ewigkeit. Er drehte den Kopf zur Seite, lag dösend im Halbschlaf.

Ja, es war ein gutes, ein rundes Leben gewesen, oft einsam und doch schön. Eingelöst hatte er alle seine Gelöbnisse. Mehr ging nicht. Nun wollte er einfach loslassen.

Leise knarrend öffnete sich die kleine Dachkammertür.

„Grüß Sie, Herr Anton, will Ihnen Ihre Morgen-Brezn´ bringen“, hörte er Frau Zechmeister sagen. Er konnte auch den duftenden Milchweißen riechen, den sie geschickt in einem Becher hereintrug.

Dennoch, trotz aller Altersschmerzen, wie ging es ihm gut, auf seine letzten Tage! Der Kini sorgte so fürsorglich für ihn… König Maximilian hatte die letzten Jahre veranlasst, dass er jetzt alles hatte, was er zum Lebensunterhalt brauchte. Eine gewisse Dankbarkeit stieg jetzt in ihm auf.

„Ist schon recht“, murmelte er in seinem Bettlager.

Ein wenig richtete er sich auf, die Haushälterin schob ihm ein Kissen in den Rücken.

„Die Brezn kommt frisch aus dem Ofen, Herr Anton“. Sie rückte auf seinem Lager alles zurecht, damit er besser mit seinen fahrigen, dünnen Fingern das Gebäck in den Kaffee tauchen konnte. Aufgeweicht ging es am besten, beißen musste er nicht. Er spürte, dass ihm die kleinen Bissen guttaten, der herrliche Duft und die Weichheit der Brezel gaben ihm die kleinen Lebensgeister zurück.

Es war wohl noch nicht so weit. Ein wenig wollte er doch noch bleiben, zumal die Menschen um ihn herum so freundlich waren. Auch er hatte sich zeit seines Lebens um Freundlichkeit bemüht. Er wollte es immer im Guten probieren, keinen Streit mit niemandem haben. Meistens war er damit richtig gefahren. Nur manchmal … er verdrängte einige ungute Situationen, die es auch in seinen vielen Tagen gegeben hatte.

Ob gute oder schlechte Zeiten, ob Freundschaft oder Feindschaft – dies alles war nun nicht mehr wichtig. Er hatte nichts zu gewinnen, nichts wirklich zu verlieren. Es zählte nur der Moment.

Dass er noch vor drei Jahren auf den Turm der Frauenkirche gestiegen war, konnte er jetzt kaum glauben. Wie ein Uhrwerk war er gewesen, stets akribisch am Laufen, stets in Bewegung. So hatte es bei ihm mit dem Leben geklappt, dem Überleben durch alle Zeiten: Er musste und wollte einfach immer weitermachen. Das Leben war schön und bot in jedem Moment so viel Wunderbares.

Diese magischen und besonderen Momente würden ihn überdauern - bis in alle Ewigkeit. Was hatte er alles Aufregendes erlebt und gesehen!

Versonnen biss er wieder in die warme Brezel, schlürfte genüsslich an seinem Milchkaffee. Diese kostbaren Momente genoss er … Doch bald schon schweiften seine Gedanken wieder in vergangene Zeiten. Er hatte so viele Jahre, Jahrzehnte leben dürfen. Besonders die letzten waren Höhepunkte, etwas ganz Besonderes in seinem Leben gewesen. Intensive Bilder tauchten jetzt wieder vor seinem inneren Auge auf:

Anton und der König

Vor fünf Jahren hatte ein feiner Herr ihn, den unscheinbaren Anton mit der weißen Kappe und der abgetragenen Jacke, in seinem Berchtesgaden angesprochen. Der elegante Herr stellte sich als Beamter des Königs heraus, der sich in der Gegend umgehört hatte. Einwohner hatten den Bediensteten des Monarchen auf das schmale Männchen aufmerksam gemacht, das sichtlich hochbetagt, aber ohne Stock, am Wegesrand stand und ihn freundlich anlächelte. Der Beamte hatte erfahren, dass der alte Mann auch jetzt noch Waren und Kinderspielzeug im Tragekorb in weit entfernte Dörfer trug. Bis nach Österreich und sogar in die Schweiz sei er gelaufen, über die Alpen hinweg. Er war sehr beeindruckt von den außergewöhnlichen Leistungen dieses unscheinbaren Mannes, seinen Berichten, und gleichzeitig war er von dessen Emsigkeit gerührt.

Eigentlich hatte der Bedienstete die Vorbereitungen für den Besuch des Königs zu treffen und alles im Vorfeld für das Ereignis zu organisieren. Die Soleleitung des Ortes sollte bald, am Dezember 1817, eröffnet werden und seine Hoheit, König Maximilian, wollte persönlich bei der Einweihung und dem anschließend Fest dabei sein. Dies erforderte großes organisatorisches und diplomatisches Geschick des Beamten, damit das besondere Ereignis würdig begangen und erfolgreich in die Geschichte von Berchtesgaden Eingang finden konnte. Die 29 km lange Soleleitung vom Salzbergwerk Berchtesgaden bis hin nach Ramsau war ein gigantisches Bauprojekt gewesen, das vielen hundert Arbeitern Unterhalt gab. Die Beschäftigten waren nicht nur aus der Region rund um Berchtesgaden herangezogen worden, sondern man hatte auch viele Bergbauspezialisten aus Italien und der Schweiz eingestellt. Nach zwei Jahren endlos schwerster Arbeit war das Bauwerk vollendet. Nun war der Tag der öffentlichen Einweihung gekommen. An diesen großen Moment wollte der König nun selber teilnehmen.

Er war im Volk sehr beliebt; galt als äußerst großzügig und menschenfreundlich. Gerne sprach seine Hoheit mit den Einheimischen und ging oft auf ihre persönlichen Lebenslagen ein. Daher dachte sich der Beamte, dass der sonderbare, ja außergewöhnlich vitale und hochbetagte Einwohner des Ortes der Richtige war, um ihn dem König vorzustellen.

Es herrschte sprichwörtliches Kaiserwetter, als seine Hoheit an diesem kalten, aber freundlichen Tag in Berchtesgaden eintraf. Der Himmel war strahlend blau und die Wintersonne gab dem buntgeschmückten Ort einen feierlichen Glanz. Die meisten Einwohner der stolzen Alpenstadt hatten sich fein gemacht, sich in ihren schönsten Festtagsstaat geworfen. Alle Arbeiter hatten heute frei und freuten sich auf Freibier, dass von der Verwaltung der Soleleitung gespendet wurde. Die Brauereipferde hatten schon heftig schnaubend die großen Bierfässer herantransportiert und der Aufbau des Ausschankes war im vollen Gange.

Bei Ankunft der prachtvollen Kutsche fing die Menge an zu jubeln. Der König stieg zufrieden aus und genoss die gute Stimmung. Er liebte Berchtesgaden, denn dort war er auch öfters zur Jagd eingeladen. Der feierliche Tag wurde mit einem musikalischen Beitrag der Bergschützen eröffnet. In der Luft lag schon der herrliche Duft von heißer, deftiger Suppe und frisch Gebratenem.

Zunächst hielten der Bürgermeister und der Direktor ihre Reden und alle Anwesenden hofften, dass diese möglichst knackig kurz ausfallen mögen.

Sogar dem König schien es lieber zu sein, dass die Veranstaltung zügig voranging und er das offizielle Band der Eröffnung endlich zerschneiden konnte. Schließlich freute auch er sich auf den rustikalen Schweinsbraten, der ihm bald serviert werden würde.

Doch zuvor verlangte die Pflicht ihren Tribut. Frohgelaunt wollte er sich nach der feierlichen Eröffnung schon vom Platz begeben, als ihn sein Beamte noch zu den Menschen führte. Der König gab einigen Einwohnern die Hand und bekräftigte seine Sympathie auch mit dem ein oder anderen Schulterklopfen. Besonders seine geliebten Bergschützen erhielten den Großteil seiner Aufmerksamkeit. Doch sein Beamter leitete ihn dann noch zu einem alten Mann, der gleich vornean bei den Zuschauern stand. Dieser hatte schlohweißes Haar und ein wettergegerbtes Gesicht. Der König sah ihm sofort an, dass er trotz seiner geraden Haltung und obwohl er keinen Stock bei sich hatte, uralt sein musste. Nun war der besondere Moment gekommen.

„Seine Majestät, darf ich Sie um etwas bitten?“, beeilte der schmale Greis den König zu fragen. Da der begleitende Hofbedienstete dem König zunickte, ging Maximilian auf die Bitte ein.

„Was gibt es denn, mein lieber Herr?“, fragte der König seinen Untertanen. Anton nahm seinen ganzen Mut zusammen, denn er spürte, dass dieser Moment eine einzigartige Möglichkeit für ihn war, seine aktuelle Not kund zu tun.

„Mein König, ich bewundere Ihre Großherzigkeit zutiefst und ich habe mein Leben auch immer redlich und gewissenhaft geführt. Doch nun, im hohen Alter von 115 Jahren kann ich, Anton, meiner Arbeit nicht mehr nachgehen. Ich möchte niemandem zur Last fallen, doch es geht einfach nicht mehr!“ Anton spürte, dass er schlucken musste, ihm drohte die Stimme zu versagen. Doch die Reaktion des Königs war rücksichtsvoll, ja wohlwollend.

„Womit hast Du denn bis hierher Dein Geld verdient, lieber Mann?“, wurde Anton gefragt.

„Holzwar habe ich mein Leben lang produziert und ausgeliefert, meine Majestät. Bis nach Tirol und in die Schweiz bin ich gekommen. Doch nun kann ich nach all´ den Jahrzehnten nicht mehr…“ Verzweiflung stieg plötzlich in ihm auf. Anton wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Das war ihm jetzt peinlich.

Doch der Landesherr blieb geduldig und freundlich. Sein Herz war in diesen Tagen besonders sentimental gestimmt, denn es war ja schon kurz vor Heiligabend.

König Maximilian kam daher spontan eine Idee: „Lieber Herr Anton, Dein Leben soll sich von nun ab zum Besseren wenden. Du sollst in Deinem hohen Alter keine Not mehr leiden. Als erstes erhältst Du von mir eine Rolle Kronenthaler, damit Du siehst, dass ich es ernst mit meiner Fürsorge meine! Außerdem verfüge ich, dass Du von nun an mit wärmender Kleidung, guter Nahrung und Pflege versorgt werden sollst. Ein Untertan wie Du, der so lange brav und treu seine Pflicht erfüllt hat, soll von nun an nicht mehr arbeiten müssen!“

„Sie haben´s gehört, Herr Hofmeister, bitte kümmern Sie sich um meinen Schützling!“, erteilte der König sogleich seinem Beamten die Anweisung.

Der Beamte verbeugte sich kurz und gab sogleich die Anweisungen des Königs zum Vollzug an weitere pflichteifrige Bedienstete weiter.

Anton wusste gar nicht, wie ihm geschah. Von Rührung erfasst, vergaß er sich und schüttelte heftig die Hand des Königs.

„Vergelts Gott, mein König! Jeden Abend werde ich für Sie und Ihre Regentschaft beten“, flüsterte er gerührt.

Dem König fiel jetzt noch etwas Wichtiges ein:

„Ach ja, lieber Herr Anton, ehe ich´s vergesse: Du sollst auch einer meiner Apostel sein! Das dürfen nur die Ehrwürdigsten und Ältesten meines Landes! Komm´ bitte nächstes Frühjahr, am Gründonnerstag, zur Fußwaschung in meine Residenz, nach München“.

Anton nahm die Einladung gerührt an und der König ging mit seinem Gefolge weiter. Zurück blieb ein überwältigter Anton. Er verstand gar nicht, wie ihm plötzlich geschehen war. Das alles kam ihm wie ein seltsamer Traum vor - womöglich war dies aber eines der größten Erlebnisse seines Lebens, eher ein Wunder. Und er hatte schon viele Wunder erlebt! Was für eine wunderbare, fast märchenhafte Wandlung in seinem zuletzt doch recht mühsamen Leben!

Schicksalsschlag

November 1714, Hanauer Schmiede, Schönau.

Der neunjährige Anton rieb sich verzweifelt die kalten Hände. Sie waren bläulich angelaufen. Es war einer dieser bitterkalten Winternächte, die den Atem im Raum gefrieren ließ. Die hölzernen Fensterrahmen waren mit Tierhäuten bespannt und ließen nur wenig Licht von draußen in den Raum eindringen. Leider waren die dünnen Häute nicht besonders dicht, so dass sie im Inneren der Hütte nicht wirklich vor Kälte und Frost schützten. Die Holzscheite waren noch ein wenig am Glühen, aber bis in die hinteren Ecken des Raumes reichte deren Wärme nicht.

Die ehemals kinderreiche Familie des Holzschnitzers mit fünf Kindern war im letzten Jahr auf tragische Weise kleiner geworden. Hier, an diesem einsamen, etwas abgelegenen Ort ganz In der Nähe des Königssees, waren nur noch zwei Kinder der Familie übriggeblieben. Die Blattern mit ihren schlimmen Hautausschlägen und dem hohen Fieber, Schwindsucht und Schwäche bei ewigem Hunger hatten ihren Tribut gefordert.

Anton schaute von seinem Platz in der Nähe der glimmenden Feuerstelle direkt auf das Lager der Mutter. Heute war es arg still um sie. Sie gab keinen Laut von sich. Mit klammen Fingern zog er die dünne Decke fort und kroch zu ihr heran. Sie lag so seltsam ruhig da. Trotz der Kälte wurde ihm sehr heiß, das Herz schlug heftig. Was war mit ihr? Er legte seinen Kopf an Ihren Brustkorb, wollte Ihre Wärme und den Herzschlag spüren. Doch da war nur Kühle und Stille, kein Leben fühlbar. Sein Aufschrei weckte den Vater, der sich müde und unwillig vom wenigen Schlaf aus dem grauen, stark verschlissenen Leinentuch wickelte.

„Was ist denn bloß los, Toni?“ rief er ungehalten.

„Die Mutter…!“ Anton verschlug es die Sprache. „Sie ist so still! Schau´ doch selbst mal!

Der Vater blieb mürrisch und verschlafen.

„Anton, deswegen weckst du mich…?“ „Weiß nicht“… verzweifelt krallten sich Antons Hände in den Schemel neben dem Lager, bis sie weiß wurden. Seine aufgerissenen Augen schauten hilflos zum Vater hinüber. Blindlings stolperte dieser nun doch heran, schüttelte, rüttelte heftig an seiner Frau. Sie blieb jedoch weiterhin ohne Regung. Alle spürten, dass dies nicht normal war.