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Hajo Seppelt

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Beschreibung

Er ist der Enthüller im internationalen Spitzensport: Hajo Seppelt deckt seit Jahren Korruption und Doping auf. Während der Fußball-WM 2018 verweigerte ihm Gastgeber Russland die Einreise. Seppelt hatte dessen systematisches Staatsdoping offengelegt. Erstmals erzählt Seppelt von seinen brisanten Recherchen rund um den Globus. In seinem großen Hintergrundbericht geht es um zwielichtige deutsche Sportärzte, Doping in der britischen Premier League und im europäischen Radsport, Stammzell-Behandlungen in China und um Kenianer, die sich auf lebensgefährliche Behandlungen einlassen. Seppelt schildert die Angriffe seiner Gegner und nimmt den Leser mit zu geheimen Treffen mit Whistleblowern. Hajo Seppelt ist es ernst mit seinem Kampf gegen die Feinde des Sports, das zeigt auch sein Forderungskatalog: Ohne Transparenz, supranationale Kontrollen und Abschaffung von Subventionen wird der Spitzensport seine Glaubwürdigkeit verlieren.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Das Buch

Mit versteckter Kamera in Untergrundlaboren der Doper und in Hinterzimmern zwielichtiger Sportfunktionäre. Undercover bei Dopingdealern. Unterwegs mit amerikanischen Hintermännern und russischen Whistleblowern. Auf der Spur deutscher Dopingärzte und im Fokus nordkoreanischer Agenten. Willkommen in der Welt von Hajo Seppelt!

Die Recherchen des bekannten ARD-Reporters haben den internationalen Sport immer wieder erschüttert. In diesem Buch nimmt Seppelt, einer der renommiertesten Sportjournalisten der Welt, den Leser mit in die Unterwelt des Sports. Dabei richtet Seppelt seinen Blick auf die Täter und die Opfer des Dopings. Er beschreibt auch, welche Reformen es braucht, um den Sport nicht seinen Feinden zu überlassen. Seine Gegner wollen die investigativen Recherchen verhindern, doch der Berliner Journalist und sein Team machen weiter.

»Feinde des Sports« ist ein seltener Blick behind the scenes und zugleich ein Beleg dafür, wie wichtig investigativer Journalismus ist.

Die Autoren

Hajo Seppelt, geb. 1963, begann als Kinderreporter beim West-Berliner Sender RIAS. Seit Jahrzehnten arbeitet er für die Sender der ARD, zunächst als Sportreporter, dann als Rechercheur, Autor und Experte. Seine Themen sind Doping und Korruption im Spitzensport. Viele von Seppelts Filmen enthüllten illegale Machenschaften, führten zu Ermittlungen von Strafverfolgern und Rücktritten hoher Funktionäre. Der Journalist wurde für seine Recherchen vielfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet. 2018 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Wigbert Löer, geb. 1972, Co-Autor dieses Buches, arbeitete viele Jahre als investigativer Reporter beim STERN. Er veröffentliche mehrere Sachbücher über Korruption in Politik und Sport.

Hajo Seppelt

Wigbert Löer

Feinde des Sports

Undercover in der Unterwelt des Spitzensports

Econ

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ISBN 978-3-8437-2163-9

© der deutschsprachigen Ausgabe

Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019

Umschlaggestaltung: FHCM® Designagentur, Berlin

Umschlagfoto: © Jasmin Impertro

© Fotos: Hajo Seppelt

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt
Über das Buch/ Über die Autoren
Titel
Impressum
Vorab
Russland I: Volles Risiko
Berlin: Anfänge
Doping-Reportagen: Mein Thema
Tour de France: Der überführte Champion
Russland II: Verraten und verkauft
Russland III: Im Visier
Medienanwälte: Gegenwind
Kenia: Kein Wunder
Olympia-Legende: Nicht überführt
China: Im Reich der Mittel
DDR: Im Auftrag des Staates
Fußball: Abwehrlücken
Nordkorea: Herr Kim und Herr O
Fakes: Falsche Fährten
Dopingnetzwerk I: Mit der Nadel im Arm
Dopingnetzwerk II: Wahrheit und Lüge
Sport, Doping, Korruption: Was sich ändern muss
Dank
Zitatnachweis
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Vorab

Der Mann, den ich im Sommer 2018 an einem sonnigen Tag in Berlin traf, war bester Laune. Gerade lief die Fußballweltmeisterschaft in Russland, Deutschland hatte mit 0:1 gegen Mexiko verloren. Der Mann ist Mexikaner. Er heißt Angel Heredia.

Heredia war für ein Interview nach Deutschland gereist. Eigentlich hätte ich für das Treffen gar keine Zeit gehabt – ich hatte selbst nach Russland fahren wollen. Doch der WM-Gastgeber hatte mich zur unerwünschten Person erklärt, nachdem die ARD-Dopingredaktion in mehreren Filmen das russische Staatsdoping enthüllt hatte.

Kennengelernt hatte ich Angel Heredia schon 2009. Damals war er erst vierunddreißig Jahre alt, hatte sich aber bereits den Ruf eines Global Players erworben. Seine Branche: Doping.

Als Läufer hatte Heredia sich einst selbst gedopt, danach Chemie studiert und angefangen, andere Athleten mit verbotenen Substanzen zu versorgen. Er hielt Kontakt zu Sportlern und ihren Managern, verschickte Medikationspläne, reiste auch selbst durch die Welt. Im Gepäck: Steroide, Wachstumshormon und EPO, Insulin, Testosteron und andere Dopingmittel. Manche Substanzen hatte er selbst hergestellt. Im Frühjahr 2009 gab er der ARD sein erstes großes Fernsehinterview.

Leistungssport ohne Doping sei aus seiner Sicht völlig unrealistisch und Ehrlichkeit nicht allzu weit verbreitet, erzählte Heredia uns. »Neun von zehn Athleten nehmen wahrscheinlich Wachstums­hormon.« Er habe seinen Sportlern immer beigebracht, wie die Mittel anzuwenden seien, damit man nicht auffalle. Das sei ihm wichtig gewesen.

In den zehn Jahren zuvor hatte er fünfundvierzig Athleten betreut, unter anderem die amerikanischen Sprinter Dennis Mitchell und Marion Jones. Zweiunddreißig seiner Kunden, sagte Heredia, hätten zur Weltspitze gezählt. Der Mann, der die Schnellsten der Welt noch schneller gemacht hatte, war dann in vielen Passagen unserer Fernsehdokumentation im August 2009 zu sehen. Es war der Auftakt der ARD-Sendereihe »Geheimsache Doping«. Damals sagte Heredia, er habe sich aus dem Geschäft mit den verbotenen Substanzen zurückgezogen. 2018 in Berlin erzählte er mir, er sei jetzt als wissenschaftlicher Berater im Profiboxen tätig.

Ein Sport, der auch nicht gerade frei von Doping ist.

In meinen Jahren als Reporter mit dem Schwerpunkt Doping war ich stets in zwei Welten unterwegs. Ich besuchte schillernde Events, Weltmeisterschaften und Olympische Spiele, habe aber auch jenseits der großen Bühnen recherchiert, dort, wo Betrug und Korruption stattfinden und kein Scheinwerfer hinleuchtet. Dort habe ich Leute wie Angel Heredia kennengelernt, Trainer und Funktionäre, Ärzte, Manager und etliche Sportler. Sie haben betrogen, den Betrug ermöglicht oder ihn gefördert. Man kann sie deshalb als Feinde des Sports bezeichnen. Von ihnen erzähle ich in diesem Buch.

Ich erzähle auch von mutigen Menschen, die gegen kriminelle Machenschaften im Weltsport ankämpfen. Einige dieser Whistle­blower waren Protagonisten unserer Filme. Andere trauten sich nur im Schutz der Anonymität, ihre Erlebnisse zu schildern. Und manche unserer Gesprächspartner mussten wir schützen und ihren Beitrag außen vor lassen. Eine Berichterstattung im Fernsehen hätte sie in Gefahr gebracht.

Ich habe immer versucht, bei meinen Recherchen auch mit denen zu reden, die dem Sport schaden. Die sich an ihm bereichern, bewusst betrügen und den Fair-Play-Gedanken mit Füßen treten. Mit manchen dieser Leute stehe ich bis heute in Verbindung. Andere habe ich niemals wiedergesehen. Auf einige treffe ich hin und wieder, doch zu einem Gespräch kommt es nicht. Es stört sie, wenn Journalisten ans Licht bringen, was verborgen bleiben soll. Sie empfinden das als unangemessen. Den Sport banalisieren sie, stellen ihn als schönste Nebensache der Welt dar.

In Wahrheit ist der Spitzensport ein Milliardengeschäft, das wirtschaftlichen und auch politischen Einflüssen ausgeliefert ist. Er zieht weltweit Menschen in seinen Bann. Konzerne und Staatslenker wollen ihn für ihre eigenen Interessen nutzen. Nebensache? Nicht für Visa, Samsung und Coca-Cola. Nicht für Putin. Und genauso wenig für die Spitzenathleten, die so viel hineingeben in den Sport und für die längst nicht immer so viel dabei herauskommt.

Allein schon ihretwegen hat der Sport es verdient, dass man sich seiner Feinde bewusst wird und versucht, ihr Treiben aufzudecken.

Russland I

Volles Risiko

Am 31. Oktober 2018 hielt im Weißen Haus in Washington eine russische Läuferin eine Rede. Die Drogenkontrollbehörde der USA, die direkt dem Büro des Präsidenten unterstellt ist, hatte sie eingeladen. Der Rahmen war prachtvoll: Flaggen, Wandgemälde, viel Marmor und Stuck, hohe Decken.

Die Sportlerin kam gleich zur Sache. Als Athletin sei sie Teil des russischen Dopingsystems gewesen. Sie habe betrogen. Und jetzt spreche sie darüber. Als Whistleblowerin versuche sie seit sechs Jahren zu zeigen, dass sie sich geändert habe und dabei helfen wolle, dass der Sport sauber werde.

»Ich begann mit siebzehn, auf Wettkampfniveau zu laufen«, ­erzählte die Sportlerin. »Mit zwanzig begann mein Trainer, mir ­Testosteron zu geben. Da hat es angefangen. Bald bekam ich Epo-­Spritzen, nahm Steroide und mehr. Nachdem ich all die Doping­substanzen genommen habe, habe ich heute gesundheitliche Probleme. Mein Ferritin-Wert ist zwanzigmal höher, als er sein sollte. Ärzte sagen mir, durch mein Training werde das Extra-Ferritin in meinem Körper verbraucht. Wenn ich aber aufhöre zu trainieren, muss ich eine andere Lösung finden – oder ich sterbe an einer ­Eisenvergiftung.«

Die Sportlerin, damals zweiunddreißig Jahre alt, heißt Julia Stepanowa. Ihre Rede war nicht die einzige bei der Tagung, aber aus meiner Sicht die eindringlichste. Ihre Worte hallten bedeutungsschwer durch den Raum. Die Teilnehmer wirkten gebannt.

Mein Respekt konnte durch den eindrucksvollen Auftritt von ­Julia Stepanowa tatsächlich nicht mehr wachsen. Ohne die Entschlossenheit und den Mut dieser früheren Spitzenläuferin und ihres Mannes Witali hätte die ARD das systematische Doping in der Sportnation Russland nicht aufdecken können. Es hätte keine unabhängige Kommission ermittelt. Der russische Leichtathletikverband wäre nicht aus dem Internationalen Leichtathletikverband IAAF verbannt worden. Die Welt hätte nicht erfahren, in welchem Ausmaß russische Sportler gedopt wurden. Und wie auch hohe Funktionäre außerhalb Russlands davon profitierten. Ohne Julia und Witali Stepanow wäre auch nicht ein anderer Russe in die USA geflüchtet und dort zum Kronzeugen des russischen Staatsdopings geworden. Niemand hätte erfahren, wie viele Sportarten in Russland von dem staatlich unterstützten Dopingsystem betroffen waren.

Auch für mich wäre manches anders gelaufen, wenn die Stepanows sich nicht entschieden hätten, mit dem russischen Dopingsystem zu brechen und es mit ihrem Insiderwissen von außen zu bekämpfen. Mit ihrer Bereitschaft auszupacken, begann für mich eine Russlandrecherche, die so schnell nicht enden sollte. Journalistisch habe ich viel aufdecken können, unsere Arbeit hat hohe Anerkennung erfahren. Persönlich brachte mir die Beschäftigung mit der Sportmacht Russland manches Mal auch Unannehmlichkeiten.

Was hat mein Interesse an Russland geweckt? Zunächst ein Kongress von Sportmedizinern in Wien 2010, an dem ich selbst gar nicht teilgenommen habe. Dort trat ein Forscher aus Russland auf, ein renommierter Mann, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Ein Teilnehmer des Symposiums wandte sich später an mich. Was der Russe vorgetragen hatte, empörte ihn. Der Forscher habe von einem neuen Mittel geschwärmt, das Muskeln wie aus dem Nichts wachsen lasse. Es sei für medizinische Zwecke entwickelt worden, habe aber bei gesunden Menschen Nebeneffekte, die man doch mal ausprobieren solle, bei sich selbst etwa. Oder man könne es gern auch mal der Gattin mitbringen. So hatte sich der Russe dem Kongressteilnehmer zufolge geäußert.

Wir hatten damals überlegt, dieser Spur nachzugehen, und der Mann trat dann auch in Hannover bei einem weiteren Fachkongress auf. Wirklich verfolgt haben wir die Sache aber nicht. Bis mir der Wissenschaftler Ende des Jahres 2013 wieder einfiel. Er war ja aus Russland. Und im Februar empfing sein Heimatland die Sportwelt zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi.

Ich schickte dem Forscher eine Mail und fragte, ob er mir etwas zu seiner Arbeit erzählen könne. Dabei gab ich mich als Manager von Olympiateilnehmern aus. Der Fisch biss an, sofort. Wir verabredeten uns für Januar 2014 in Moskau.

Völlig unbekannt war ich als Journalist zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Doch in Russland dürfte mich damals kaum jemand gekannt haben. Trotzdem tarnte ich mich. Ich habe das danach nie wieder getan, würde es wohl auch nicht wieder machen, aber damals, in diesem Fall, schien es mir hilfreich. Vor meinem Abflug besorgte ich mir bei einem Maskenbildner vom Theater einen künstlichen Vollbart. Zudem wechselte ich meine Brille, trug nun ein Modell mit dicken dunkelbraunen Rändern und breiten Bügeln.

An einem weißen Wintertag im Januar 2014, einem Samstag, saß ich dem Wissenschaftler in einer Gaststätte in Moskau gegenüber. Wir waren fast die einzigen Gäste. Ich hatte eigentlich mit einer längeren Gesprächsanbahnung gerechnet. Doch er vermittelte mir den Eindruck, dass er schnell zur Sache kommen wolle. Der Mann, zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt, berichtete von seiner Forschung und dem Wundermittel, das er »Fullsize MGF« nannte. »Es wirkt im Muskel doppelt so stark wie ein herkömmlicher Wachstumsfaktor«, erklärte er mir. Bisher werde es nur in geringen Mengen hergestellt und sei sehr teuer, aber eben nicht nachzuweisen. Zwei bis drei Tage vor dem Wettkampf sei der beste Zeitpunkt für eine Injektion.

Ich ahnte, dass hieraus eine interessante Geschichte werden könnte, und wollte keine Zeit verlieren. Also fragte ich ihn ohne Umschweife, ob ich eine Probe des Mittels nach Deutschland mitnehmen könne. Ich würde es dort in einem geheimen Labor auf Echtheit untersuchen lassen, danach könnten meine Sportler es testen. Das war für ihn in Ordnung, nur: Er hatte keine Probe dabei.

Nun musste ich überlegen. Ich wollte an diesem Samstag noch weiter nach Sotschi fliegen, um dort Sonntag früh zum Hintergrundgespräch Grigori Rodtschenkow zu treffen, den Chef des Dopingkontrolllabors der bevorstehenden Olympischen Winterspiele. Am Sonntagabend sollte mein Flieger von Moskau zurück nach Berlin gehen.

Ich fragte den Wissenschaftler in der Gaststätte, ob er mir die Probe vielleicht schon morgen am späten Nachmittag übergeben könne. Dann wäre ich wieder in Moskau.

Kein Problem, antwortete er.

Ein anderes Problem konnte der unkomplizierte Forscher hingegen nicht lösen. Als wir uns verabschiedeten, war mir das noch nicht klar. Aber bald danach: Im Laufe des Nachmittags löste sich nämlich langsam mein falscher Bart. Den hatte ich mir vor dem Treffen morgens im Hotel sorgfältig angeklebt. Einen Ersatzbart hatte ich aber nicht mitgenommen, ausreichend Theaterkleber, um ihn erneut zu befestigen, ebenfalls nicht. Dass ich den Forscher gleich zweimal kurz hintereinander treffen würde, hatte ich nicht in Betracht gezogen.

Ich flog ans Schwarze Meer und traf am Sonntagmorgen auf dem Olympiagelände Grigori Rodtschenkow. Der Leiter des Moskauer Dopinglabors dachte wahrscheinlich, ich hätte einen Tick: Während unseres Gesprächs umschloss eine meiner Handflächen unentwegt meine Kinnpartie.

Allzu lang sprachen Rodtschenkow und ich nicht miteinander. Ich fragte mich später, ob sein Staat ihm schon damals misstraute und ihn von Agenten beobachten ließ. Ich selbst erfuhr jedenfalls zwei Jahre danach, dass mein Trip ans Schwarze Meer wahrgenommen worden war. Russische Medien berichteten, 2014 sei Seppelt in einem Flugzeug auf dem Weg von oder nach Sotschi gesehen worden, ein Passagier habe ihn trotz falschen Bartes erkannt.

Für den Moment war ich froh, wieder im Flugzeug zurück nach Moskau zu sitzen, eine Hand am falschen Bart. Als Treffpunkt hatte der Wissenschaftler nur »belarus station« angegeben, den Weißrussischen Bahnhof im Nordosten Moskaus. Es dämmerte bereits, als ich auf dem verschneiten Vorplatz ankam. Als würde hier gleich eine Szene für einen Agentenkrimi gedreht, standen Grüppchen von Soldaten herum, vielleicht waren es auch Polizisten. Auf mich wartete ein Mann in hoch geschlossenem Mantel, der eine landestypische Fellmütze trug. Ich selbst hatte mich ebenfalls eingemummelt. Aus gegebenem Anlass verbarg ein dicker roter Schal das untere Drittel meines Gesichts.

Der Mann deutete auf ein Auto. Ich stieg ein und erkannte dort den Wissenschaftler. Mit meinem Smartphone nahm ich das Treffen unauffällig auf.

Zum Glück war dem Russen auch diesmal nicht an ausufernder Kommunikation gelegen. »Sie bekommen ein Milligramm erst mal so, damit Sie prüfen können, dass es rein ist«, teilte er mir mit. »Ich kann Ihnen dann später mehr anbieten. Sie erhalten hier die optimalen Dosierungstipps, können das noch vor Sotschi nehmen. Wem Sie es dann geben, interessiert mich nicht.« Für eine Hundert-Gramm-Lieferung seien hunderttausend Dollar zu zahlen, sagte er.

Ich verabschiedete mich. Dann schritt ich zügig in ein Restaurant im Bahnhofsgebäude und dort auf die Toilette. Der Bart ließ sich leicht lösen. Weg damit, dachte ich nur. Erleichtert flog ich noch am Abend zurück nach Berlin.

Zu Beginn der folgenden Woche lag die Probe schon auf dem Tisch des Dopingkontrolllabors der Kölner Sporthochschule. Dorthin hatte ich sie sofort nach meiner Rückkehr per Kurier geschickt. Die Biochemiker vor Ort hatten ein solches Mittel vorher noch nie auf dem Tisch gehabt und analysierten die Substanz sofort. »Wir haben festgestellt, dass es authentisches MGF ist«, sagte uns Professor Mario Thevis. Diese bei Dopingtests nicht nachweisbare neuartige Substanz sei als »hochwirksam« in puncto Muskelwachstum einzustufen. In Kanada zeigte sich der WADA-Generaldirektor David Howman schockiert darüber, dass Menschen zu »Versuchstieren« würden bei der Einnahme solcher Mittel.

Unser Bericht lief in der »Sportschau« und in längerer Fassung in der WDR-Sendung »Sport inside«. Er erregte Aufmerksamkeit. Die ARD-Dopingredaktion hatte kurz vor Beginn der Winterspiele in Sotschi gezeigt, dass sie sich auch mit Russland beschäftigte. Erfolgreiche Recherchen sind die beste Visitenkarte für weitere poten­zielle Hinweisgeber. Wir legten zum Ende der Olympischen Spiele noch eine nach.

Die britische Zeitschrift »Economist« hatte berichtet, dass ein Edelgas mit dem Namen Xenon in Russland eingesetzt worden sei. Ich bat meine Kölner Kollegin Olga Sviridenko zu recherchieren, was die Grundlage des Artikels war. Und tatsächlich: Russischen Publikationen entnahmen wir, dass im zurückliegenden Jahrzehnt die Verabreichung von Xenon zur Leistungssteigerung zumindest untersucht worden war.

Eine Studie des Verteidigungsministeriums bezeichnete Xenon auch als Sauerstoffcocktail und empfahl einen breitflächigen Einsatz, denn: »Xenon steht nicht auf der Verbotsliste und wird nicht von der WADA beobachtet.«

In deutschen Krankenhäusern setzten Anästhesisten das Gas manchmal zur Narkose ein. Das Einatmen von Xenon löst einen Vorgang im Körper aus, bei dem die Neubildung verschiedener Proteine wie zum Beispiel EPO angeregt wird, sodass deren Konzen­tration im Körper steigt, erklärte uns der Wissenschaftler Andreas Götzenich. Er hatte an der Uniklinik Aachen dazu geforscht. EPO ist das am häufigsten missbrauchte Mittel im Ausdauersport. Durch Inhalation von Xenon-Gas wird es vom Körper verstärkt ausgeschüttet. Und mehr EPO bedeutet mehr Sauerstoff im Blut, bedeutet mehr Ausdauer. Gut für Sportbetrüger war außerdem: Die Doping­analytiker konnten Xenon noch nicht bei ihren Labortests aufspüren. Obwohl inzwischen ein Nachweisverfahren existiert, erteilen Sport- oder Antidopingorganisationen den Dopingkontrolllaboren auch heute nur selten den Auftrag, nach Xenon-Spuren im Körper zu suchen.

An Tieren war das Gas schon getestet worden, mit erstaunlichem Ergebnis: »Innerhalb von vierundzwanzig Stunden war die EPO-Produktion um den Faktor 1,6, also um 160 Prozent, gesteigert worden«, erklärte uns Mario Thevis von der Kölner Sporthochschule. Es sei »sehr wahrscheinlich«, so der Biochemiker, »dass es auch im Menschen dieselbe Wirkung erzielen wird«.

In Russland hat sich ebenfalls eine Forschungseinrichtung mit der Wirkung von Xenon beschäftigt, mit der Wirkung am Menschen allerdings. Das Institut am Rande Moskaus hieß Atom-Med-Zentrum und arbeitete mit Skilangläufern, Biathleten und ­Eisschnellläufern zusammen – aber keineswegs allein mit Aus­dauersportlern. Nach Atom-Med-Angaben half das Edelgas auch Basketballern, Volleyballern. Es half auch Eishockey- und Fußballspielern. Das Zentrum bot außerdem passende Inhalationsgeräte für Xenon an, als tragbare Apparate für unterwegs und damit ideal für Reisen zu Wettkämpfen. Fünf bis sechs Stunden vor extremen körperlichen Anstrengungen und dreißig Minuten danach sei Xenon einzuatmen, hieß es in der Anwendungsempfehlung. Nur von EPO war in den Veröffentlichungen des Atom-Med-Zentrums nichts zu lesen.

Mehr als siebzig Prozent aller Russen, die bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen (Sommer) und 2006 in Turin (Winter) an den Start gingen, hatten nach Angaben des Forschungsinstituts Xenon eingeatmet. Das war in meinen Augen nichts anderes als eine massenhafte Manipulation. Der Chef des Atom-Med-Zentrums allerdings sah das anders. »Sie wissen doch, was Doping ist«, sagte er meiner Kollegin Olga Sviridenko. »Das ist doch dann, wenn Spuren von biochemischen Reaktionen bleiben. Wenn es nicht so ist, wie kann es ein Dopingmittel sein?« Russlands Nationales Olympisches Komitee äußerte sich gar nicht.

Zwei besondere Whistleblower

Mit den Beiträgen über Xenon und »Fullsize MGF« stiegen wir also in die russische Dopingproblematik ein. Schon bald darauf schien es, als hätte in diesem autokratisch regierten Staat manch einer nur auf Journalisten gewartet, die hinter die Kulissen des Sportsystems schauen wollten. Bereits damals spürten wir, dass unsere Berichte in Russland wahrgenommen wurden. Und die Rezeption nahm zu. Im Verborgenen spannen sich erste Verbindungsfäden von Bürgern des größten Landes der Welt zur Dopingredaktion der ARD.

Dabei half ein Amerikaner, Jack Robertson, der damalige Chef­ermittler der WADA. Im März 2014 schrieb Robertson eine E-Mail, die er zugleich an Witali Stepanow und an mich schickte. Vorher hatte ich mit Robertson am Telefon gesprochen. Wir kannten uns schon länger, und ich vertraute ihm. Nun also schrieb uns der WADA-­Mann:

»Witali und Julia,

ich möchte Euch Hajo Seppelt vorstellen, einen respektierten Anti-Doping-­Journalisten, der Erfahrung hat mit Dopingvorwürfen in Russland. Ich kenne ihn, habe ihn getroffen und höchsten Respekt für seine Arbeit. Er sucht die Wahrheit und, wenn nötig, enthüllt er sie auch. Wenn Ihr anonym bleiben wollt, wird er das berücksichtigen. Das könnt Ihr ja alles selbst besprechen. Zu einem Treffen kann ich gern hinzustoßen.

Hajo, ich habe die beiden kürzlich in den USA und in der Türkei getroffen und bewundere ihren Mut, aus dem Schatten zu treten.

Witali, Julia und Hajo, passt auf Euch auf

Jack«

Robertsons Mail war mit einer Prise Pathos verfasst, zumindest wirkt das auf uns Deutsche so, die wir im Zweifel ja eher nüchtern formulieren. Die Stepanows mailten umgehend zurück:

»Herr Seppelt,

schön, Sie zu treffen. Wir haben Teile Ihrer Reportagen aus der Vergangenheit wahrgenommen, uns aber niemals gemeldet, um mit Ihnen in Kontakt zu kommen.

Beste Grüße

Witali und Julia«

Das war der Anfang. Gesehen habe ich Witali dann einige Tage später in einem Café in Moskau. Wir hatten uns verabredet, er kam nachmittags um vier Uhr, und wir – zum allergrößten Teil er – sprachen bis weit in den Abend hinein. Witali Stepanow war damals einunddreißig Jahre alt.

Er hatte sich einige Jahre zuvor auf eine Zeitungsanzeige hin bei der RUSADA beworben, der Anti-Doping-Agentur Russlands, den Job bekommen und dann in der Zentrale in Moskau schnell Karriere gemacht. Stepanow kümmerte sich um das Ausbildungsprogramm, beriet aber auch den Generaldirektor der RUSADA und gab selbst Fortbildungen.

Englisch sprach er sehr gut, weil er einst in einer Gastfamilie in den USA gelebt hatte. Die terroristische Attacke auf das World Trade Center in New York hatte er aus der Nähe erlebt. Stepanow wohnte damals direkt neben den Twin Towers und konnte seine Wohnung zwei Wochen lang nicht betreten. Er sagte, er habe erlebt, wie schnell Leben enden könne. Daraus habe er für sich die Konsequenz gezogen, dass er in so einem Fall in Erinnerung behalten werden wolle als Mensch, der ehrlich gewesen sei.

Ohne Zweifel am System vergingen Stepanows Jahre als Mit­arbeiter der RUSADA nicht. Wenn er als Kontrolleur ein Trainingslager besuchte, erzählte er uns, sei schon mal ein Funktionär vorbeigekommen und habe ihm erklärt, welche Athleten auf jeden Fall sauber und deshalb nicht zu testen seien. Stepanow wurde misstrauisch. Doch wenn er seine Skepsis ausdrückte, zögerte wiederum der Funktionär mitunter nicht, sich bei der RUSADA über den Tester Stepanow zu beschweren. Auch Bargeld nahm Stepanow von den Funktionären nicht an, wenn er Athleten aufsuchte, um eine Dopingprobe zu nehmen. Anfangs habe man ihm etwas angeboten, sagte er, mal umgerechnet dreißig Dollar, manchmal auch hundert.

Bei einer Fortbildung lernte Stepanow 2009 seine spätere Frau kennen. Julia stammt aus Kursk, einer mittelgroßen Stadt fünfhundert Kilometer südlich von Moskau. Ihr Vater war Trinker, hatte ihre Mutter und auch sie selbst immer wieder geschlagen. Mit Talent und starkem Willen schaffte Julia es in den Leistungssport. Auf der Mittelstrecke zählte sie zu den besten Läuferinnen ihres Landes.

Als Witali mit Julia zusammenkam, konnte sie manches von ihm lernen, dem studierten und weltgewandten Mitarbeiter der Anti-Doping-­Agentur. Aber er, der sich in seinem Job für das Wohl der Sportler einsetzen wollte, lernte auch von der Athletin: dass in der Spitze der russischen Leichtathletik ohne Doping gar nichts gehe.

Das hatten ihr die Trainer gesagt, hemmungslos und direkt ins Gesicht. Wenn sie ganz nach vorn wolle, müsse sie sich helfen lassen. Die anderen täten das auch.

Julia nahm Testosteron und EPO. Und holte im März 2011 Bronze bei der Hallen-Europameisterschaft in Paris.

Ihr Mann – Julia und Witali hatten inzwischen geheiratet – begriff mit der Zeit noch eine zweite Sache, die sein künftiges Handeln prägen sollte und die er auch schon geahnt hatte: Sein Arbeitgeber, die RUSADA, diente weniger dem Schutz des sauberen Sports. Russlands Anti-Doping-Agentur verstand ihre Aufgabe vor allem darin, Doping zu vertuschen.

Witali Stepanow nahm den Kampf gegen das System auf. Zu Hause, in der Fünfzig-Quadratmeter-Wohnung, wo seine Frau verbotene und gesundheitsgefährdende Mittel einnahm, um in ihrem Sport eine Chance zu haben, führte er diesen Kampf im Kleinen. Im Job wurde aus dem ursprünglich loyalen RUSADA-Mitarbeiter Stepanow ein Kollege, der vor allem versuchte, möglichst tiefe Einblicke zu erhalten und Interna zu erfahren. Lange ging das nicht gut.

Später im Jahr 2011 trennte sich die RUSADA von Witali Stepanow. Erklärt wurde die Kündigung mit der Einführung neuer Strukturen. Der wahre Grund dürfte gewesen sein, dass Stepanows Vorgesetzte ihm nicht mehr trauten. Um weiter zu funktionieren als wichtiges Rädchen der Betrugsmaschine, brauchte die RUSADA verlässliche Fachleute, die ihr Wissen zielgerichtet einsetzten. Der Plan war nun mal nicht, saubere Athleten zu haben.

Zu Unrecht misstrauten die RUSADA-Chefs ihrem Mitarbeiter nicht. Schon im November 2010 hatte Witali Stepanow erste Erkenntnisse an die WADA weitergegeben – in E-Mails, die er mir im Frühjahr 2014 vertraulich übergab.

»Ich habe beschlossen, dass ich auf Ihrer, auf der Seite des WADA-Codes bleibe und Ihnen sagen werde, was ich weiß. Und ich hoffe, dass es Ihnen bei Ihren Entscheidungen helfen wird. Ich werde keine Namen oder Informationen vor Ihnen verbergen, obwohl mir klar ist, dass sich meine Meinung von den anderen Meinungen, die Sie aus Russland bekommen, unterscheidet.«

So begann seine E-Mail an einen WADA-Mitarbeiter. Stepanow beschrieb darin den Fall von Julia, die damals noch seine Freundin war und ihren Mädchennamen trug.

»Meine Frau RUSANOWA Julia ist nicht im registrierten Testpool der IAAF. Es gibt derzeit keinen nationalen registrierten Testpool. Daher wird sie wie die meisten anderen russischen Athleten nur nach großen nationalen Wettkämpfen oder während des Trainingslagers mit der russischen Na­tionalmannschaft getestet. Wie jeder andere Athlet hat sie den Traum, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, und genau wie jede andere Sportlerin, die an Leichtathletik-Wettkämpfen in Russland teilnimmt, erkennt sie, dass es nur durch Doping möglich ist, zu den Olympischen Spielen zu gelangen.

Um es in Zeiten auszudrücken – ohne Doping läuft sie 2:05, mit Doping 1:59. Um sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, müsste sie in zwei Tagen wahrscheinlich zweimal 1:57 laufen. Ich versuche nicht, Entschuldigungen für die Art und Weise zu finden, wie sie denkt und handelt, aber ich hoffe, dass nicht ich derjenige bin, der ihre Träume zerstört.«

Der RUSADA-Mitarbeiter Stepanow nannte in diesem Zusammenhang noch einen weiteren Namen. Er belastete Grigori Rodtschenkow, den Leiter des Moskauer Anti-Doping-Zentrums, den ich ja auch kannte. Rodtschenkow war bereits Jahre zuvor in einem Film der ARD-Dopingredaktion zu Wort gekommen. Er hatte damals geschildert, wie große Nationen, denen der Erfolg ihrer Sportler lieb und teuer ist, über Doping denken. »Wenn die Dopingkontrollen zu hundert Prozent funktionieren«, hatte Rodtschenkow gesagt, »dann funktionieren sie natürlich auch bei einigen der Weltklasseathleten. Und einen Weltklasseathleten aufzubauen, kostet über fünf bis sechs Jahre etwa eine Million Dollar. Und wenn der dann kurz vor den Olympischen Spielen positiv getestet wird, dann ist das ein großes, großes Desaster.«

Zuletzt hatte ich Rodtschenkow im Januar 2014 mit falschem Bart in Sotschi getroffen, das war Anfang des Jahres gewesen und gar nicht lange her. Dieser Grigori Rodtschenkow, zweifellos ein Fachmann in Dopingangelegenheiten, spielte also offenbar in seinem Metier eine größere und keineswegs erfreuliche Rolle, wie Witali Stepanow in seinem Brief an die WADA mit Blick auf seine Freundin weiter ausführte.

»Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ihre Sommersaison verlief und wie sie diese Ergebnisse erzielte. Ihr Trainer kauft Dopingmittel von einer Person, die Grigori Rodtschenkow sehr gut kennt. Ein Teil des Geldes, das für Doping bezahlt wird, geht also an Grigori. Daher planen alle Trainer die Vorbereitung der Athleten auf die Ereignisse anhand von Informationen, die von Grigori bereitgestellt werden. Die Informationen enthalten die Dosierungen, die verwendet werden können, und wie lange der Abbau der Sub­stanzen im Körper dauert (damit sie nicht in Urinproben angezeigt werden). Die meisten Trainer erzählen den Athleten nicht, was sie ihnen geben.

Es gibt auch einen anderen Weg, wie Grigori sein Geld verdient. Einige Trainer (nicht alle), die ihn persönlich kennen, können ihn direkt nach Abgabe der Probe anrufen und ihm die Nummer der unsauberen Probe mitteilen. Für dreihundert US-Dollar würde er sicherstellen, dass die positive Probe nicht rauskommt. Wäre die Probe bereits analysiert, die offiziellen Ergebnisse jedoch noch nicht abgeschickt, kann er die Probe trotzdem verbergen. Der Preis nur dafür liegt bei tausend US-Dollar.

Meiner Frau ging es nicht so gut, wie sie im Winter gehofft hatte. Ihr Trainer musste also während der Vorbereitung auf die Sommersaison einiges ändern. Ein paar Monate vor den Hauptwettbewerben wird die Kur mit Steroiden durchgeführt, danach EPO, Testosteron und menschliches Wachstumshormon. Grigori sagt den Trainern, dass die letzte EPO-Dosis acht bis zehn Tage vor dem Start gegeben werden muss.«

Es waren zahlreiche Mails, in denen Witali Stepanow sich der WADA anvertraut hatte, erzählte er mir nun in dem Café in Moskau. Der WADA-Mitarbeiter, den er ins Vertrauen gezogen hatte, habe aber offenbar nicht die Kraft gehabt oder vielleicht auch keine Möglichkeit gesehen, gegen die aufgezeigten Zustände vorzugehen. Witali sagte mir auch, dass man ihm mitgeteilt habe, es gebe auch keine ausreichende rechtliche Handhabe, in Russland einzuschreiten. Jedenfalls sei in der Sache weiter nichts passiert.

Die Situation erschien schon etwas absurd. Da bot sich ein Kronzeuge der WADA an, einer Organisation, die 1999 mit dem Anspruch angetreten war, sich dem weltweiten Medikamentenmissbrauch im Sport entgegenzustellen. Und die WADA nutzte diese Chance nicht. Dabei erhielt sie sogar noch eine weitere Gelegenheit: Ein Brief von Julia Stepanowa an die »Liebe WADA« stieß die Dopingbekämpfer Anfang 2013 geradezu mit der Nase in den Russland-Sumpf. Die Läuferin schrieb:

»Ich liebe das Laufen, ich liebe den Wettkampf, und ich hoffe, dass meine Einlassung zum Doping (ich weiß nicht, ob Geständnis in meinem Fall das richtige Wort ist) beim Kampf gegen Doping helfen und die Leichtathletik zu einem besseren Sport machen kann. Nach drei Jahren des Trainings und der Niederlagen bat ich meinen Trainer um diese Tabletten. Er sagte, es sei zu früh für mich. (…) In meinem dritten Jahr begann ich, Ergänzungsmittel zu nehmen.«

Die Leichtathletin nahm Eisen und Vitamine, Kalbsblutextrakt und Glukose, all das war nicht verboten. Sie nahm außerdem das Sexual­hormon Testosteron, die Steroide Oxanabol, Parabolan und Oral-­Turinabol und außerdem EPO. All das war verboten.

»Je mehr ich trainierte, desto mehr Pharmazeutika brauchte mein Körper zur Leistungssteigerung. Manchmal bekam ich Muskelkrämpfe und konnte einfach nicht laufen. Manchmal wurde mein Blut sehr dick. Ich musste selbst mit diesen Problemen durchtrainieren und dachte, alle Athleten bekämen die Mittel.«

Julia Stepanowa erhielt 2013 eine Dopingsperre. Schon 2010, schrieb sie in ihrem Brief, sei sie beinahe bestraft worden.

»Nach der russischen Meisterschaft sagte einer der Trainer, als er betrunken war, dass ich positiv getestet worden sei und sanktioniert werden würde. Natürlich begann mein Trainer, die Leute anzurufen, von denen er die verbotenen Mittel kaufte, die Rodtschenkow kannten, den Direktor des Labors, um herauszufinden, ob die Information stimmte. Diese Leute und Rodtschenkow entschieden, Kasse zu machen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es geschah, (…) aber ich habe persönlich rund tausend Dollar zu einem Freund von Rodtschenkow gebracht, und er garantierte, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Am selben Tag rief Rodtschenkow meinen Trainer an und erklärte, was passiert sei, aber da wir Geld gezahlt hätten, würde nichts herauskommen.«

Die Sportlerin nannte der WADA gegenüber auch den Namen des Nationaltrainers Walentin Maslakow. Und sie belastete den Cheftrainer der russischen Leichtathleten, Alexei Melnikow.

»Nun erzähle ich Ihnen ein wenig über die Vorbereitung der Sportler in Russland. Normalerweise entscheiden Herr Maslakow und Herr Melnikow vor jeder Saison, wer für die großen Meisterschaften vorbereitet wird, und diese Sportler dürfen gedopt bei den Landesmeisterschaften starten. Normalerweise sind das fünf oder sechs Sportler. (…) Einige russische Sportler sagen, in Dopingfällen von Olympiasiegern und Weltmeistern würde Geld direkt an den IAAF-Präsidenten gezahlt. So wie ich es verstehe, ist es ein großes Geschäft mit politischen Bezügen.«

Von alldem erzählte mir an diesem Nachmittag in Moskau Witali Stepanow bereits in Ansätzen. Es schien ihm ein Bedürfnis zu sein, all das loszuwerden. Als ich später las, was die Stepanows aufgeschrieben hatten, war ich trotzdem noch überrascht: So eindrücklich hatte noch kein Sportler oder ein Vertrauter eines Sportlers über seine Erfahrungen mit Doping und Vertuschung berichtet. Vor­sichtig musste ich dennoch sein. Witali Stepanows Worte, seine E-Mails, der Brief von Julia Stepanowa, all das waren Behauptungen, die ich nicht so schnell überprüfen konnte.

Klar war mir, dass Witali mit dem Kontakt zu mir eine Hoffnung verband. Er glaubte, dass nur über die Öffentlichkeit das nötige Bewusstsein geschaffen werden könne. Er baute darauf, dass die ARD dafür das richtige Medium sein würde. Witali fasste Vertrauen und leitete an mich dann auch seine gesamte Korrespondenz mit der WADA weiter.

Wer bei der WADA wann welche Aussagen von Witali und Julia Stepanow zu lesen bekommen hatte, weiß ich nicht. Sicher ist, dass die WADA als Ganzes versagt hat, wenn solchen Hinweisen keine Taten folgten. Ihr Chefermittler Jack Robertson jedoch war immerhin so umtriebig gewesen, dass er die Whistleblower aus Russland getroffen hatte.

Witali Stepanow wiederum hatte sich nicht unbedarft in das Café in Moskau aufgemacht. Soweit das möglich war, ahnte er, was auf ihn zukäme, wenn seine und die Erlebnisse seiner Frau publik würden. Und er wusste, dass allein Behauptungen im Journalismus nicht weiterhelfen. Einige Beweise, in Gestalt von Ton- und Bild­dateien, hatte er deshalb bereits gesammelt.

Der frühere Mitarbeiter der Anti-Doping-Agentur ging davon aus, dass die Verantwortlichen in seiner Heimat alles oder zumindest viele Vorwürfe abstreiten würden. Und noch einer Sache war Witali Stepanow sich bewusst: Seine Frau und er würden Russland verlassen müssen, selbst wenn sie nicht mit offenem Visier vor der Kamera agieren würden. Das Risiko war zu groß, dass Insider ihren Beitrag an der Recherche erkennen würden. Wir sprachen bei unserem ersten Treffen nicht darüber, aber das mussten wir auch überhaupt nicht. Mir war klar, dass es für russische Staatsbürger schlichtweg gefährlich werden konnte, eine zentrale Rolle bei der Enthüllung des Staatsdopings durch ein westliches Medium zu spielen.

Staatsdoping? Ja. Der Begriff brachte auf den Punkt, was Stepanow mir erzählt hatte. Als wir uns verabschiedeten, dachte ich, dass aus diesem Nachmittag etwas Großes werden könnte.

Ein Präsident, der von nichts wissen will

Nach einem längeren Mailwechsel mit Stepanow flog ich gemeinsam mit meinem langjährigen Kameramann Manfred Pelz wieder nach Moskau. Erste Dateien hatte Witali mir geschickt, darunter Ton- und Video-Aufnahmen sowie andere Belege. Nun lud er mich zu sich nach Hause ein. Ich sollte seine Frau kennenlernen. Sein Bruder, der die Wohnung in dem Plattenbau mitten in Moskau ebenfalls bewohnte, hielt sich gerade nicht zu Hause auf. Witali wollte niemanden einweihen, nicht mal die eigene Familie. Nur einer war noch zugegen: Robert Stepanow, kein halbes Jahr alt.

Inzwischen hatte sich auch Jack Robertson noch einmal gemeldet. Der WADA-Ermittler nannte weitere Insider des russischen Leistungssports, die vielleicht bereit wären, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ich reiste in den kommenden Wochen kreuz und quer durch das große Land. Traf Sportler und Trainer, allesamt aus der Leichtathletik. Was sie erzählten, schockierte mich.

»Die meisten aus dem Nationalteam dopen«, sagte in Krasnodar, nicht weit vom Schwarzen Meer, die Diskuswerferin Jewgenija Pecherina in unsere Kamera. »99 Prozent. Je schwerer etwas nachzuweisen ist, desto teurer das Präparat.« Pecherina, damals gerade fünfundzwanzig Jahre alt, sprach offen und mit vollem Namen. Leute, die sagten, sie meinten es gut mit ihr, rieten ihr später, kein zweites Mal mit ausländischen Journalisten in Kontakt zu treten.

Auch Oleg Popow, Trainer russischer Diskus- und Speerwerfer, äußerte sich offen. »Entweder bereitest du dich im Nationalteam mit verbotenen Substanzen vor, oder du machst nicht mit, und dann kann es ganz schnell gehen, und du bist wieder draußen«, sagte er. Als Sportler habe man »keine Wahl«.

Ein Kollege Popows verbarg seine Identität, weil es »sehr gefährlich« werden könne, über Doping zu sprechen. »Es kann ein Unglück geschehen. Es kann alles passieren. Manche Leute haben versucht, sich umzubringen. Bei einem hat man es nicht geschafft, ihn zu retten.«

Was auffiel bei unserer Reise durchs Unterholz der russischen Leichtathletik: Fast überall wurde der Name Grigori Rodtschenkow ins Spiel gebracht. Die Diskuswerferin Jewgenija Pecherina etwa hielt den Leiter des Moskauer Dopinglabors für »über alles informiert«. Er wisse, »wie lange welches Präparat braucht, um aus dem Körper zu verschwinden. Er weiß darüber Bescheid, und er gibt Anweisungen. Er ist der wichtigste Spezialist.«

Ich hätte Rodtschenkow ohnehin noch einmal besucht. Aber nach all den Informationen über seine Rolle, offenbar eine Hauptrolle, konnte und musste ich ihn nun mit einigen Erkenntnissen konfrontieren. Er empfing mich in seinem Labor. Dass wir ein Interview vor der Kamera wollten, störte ihn nicht. Das war schon mal gut. Mit seinen Antworten ließ er sich Zeit.

»Haben Sie jemals Geld angenommen, um Doping zu vertuschen?«, fragte ich ihn.

Rodtschenkow stand an einem Tisch. Kurz straffte er seinen Oberkörper. Er überlegte.

»Habe ich jemals Geld genommen, um Doping zu vertuschen?« Er zögerte noch einmal, schaute dabei irritiert. Dann sagte er: »Die Antwort ist Nein, bis heute.«

Das »bis heute« verstand keiner von uns. Aber ungeachtet dessen: So wie Rodtschenkow geantwortet hatte, war es das vielleicht am wenigsten überzeugende Dementi, das ich jemals gehört habe. Er wirkte, als meinte er das Gegenteil.

Ich reiste in diesen Monaten stets mit kleinem Team herum, meistens mit Manfred Pelz als Kameramann und einem Übersetzer. Dass wir in Russland Athleten und Trainer trafen, bekam anscheinend niemand mit. Die Olympischen Spiele in Sotschi waren vorbei, Russland hatte die Krim besetzt – da interessierte das Thema Sport wenig. Unsere Reisegruppe war offenbar in jenen Monaten nicht auf dem Radar der Behörden. Wir konnten daher in Russland ungestört unserer Arbeit nachgehen. Das sollte sich ändern, als aus unserer Recherche ein Film entstanden und dieser gesendet worden war.

So weit war es noch nicht, als die Stepanows im Sommer 2014 nach Berlin kamen. Ich hatte sie eingeladen. Die junge Familie wollte schauen, ob sie in Deutschland Zuflucht finden könnte. Denn in ihrer Heimat würden sie nicht bleiben können, wenn der gigantische Betrug erst einmal aufgedeckt wäre.

Um Möglichkeiten zu sondieren, brauchte es stille Helfer. Ich hatte einige im Hinterkopf, bei denen ich sicher war, dass sie die beiden russischen Whistleblower unterstützen würden. Aber es war noch zu früh, diese Leute aus der Sportszene und Politik anzusprechen oder gar handfeste Abmachungen zu treffen.

Julia Stepanowa hatte sich mir gegenüber bisher zurückgehalten, sicher auch aufgrund der Sprachbarriere: Sie sprach kein Englisch, ich kein Russisch. Stets bedurfte es eines Dolmetschers und zudem Geduld, um Vertrauen und eine persönliche Gesprächsebene zu schaffen. Mit der Zeit aber gelang das. Sie erzählte mir, was ihr widerfahren war, schilderte ihren Alltag in einem betrügerischen System, und das auch vor der Kamera. Es sprudelte geradezu aus ihr heraus.

»In einem Trainingslager in Portugal haben unsere Athleten einfach unter falschem Namen gewohnt«, berichtete sie. »Sie haben verbotene Substanzen eingenommen. Damit die ausländischen Kontrolleure nicht kommen, haben sie falsche Namen angegeben. Als wir in Kirgisistan im Trainingslager waren, sollte ich am 15. Dezember eine Kur mit Tabletten anfangen. Da hat mein Trainer mich gefragt: ›Hast du sauberen Urin? Füll hier schon mal was ab, damit du welchen hast, wenn die Kontrolleure kommen.‹ Ich habe das so gemacht, wie er gesagt hat, und im Gefrierfach hatte ich ein Dös­chen mit sauberem Urin.«

Julia Stepanowa, die einst Doping für normal gehalten, die es akzeptiert hatte, weil esdoch alle machten: Sie hatte nun endgültig durchschaut, dass Sportlerinnen wie sie im Zweifel von den Trainern und Funktionären verfeuert werden. »Sie nehmen ein beliebiges Mädchen und füttern es mit verbotenen Substanzen. Und wenn eines erwischt wird, dann schmeißen sie es weg und nehmen ein anderes und füttern es ebenfalls.«

Wer steuert so ein System, das dem einzelnen Athleten statt Respekt Missachtung entgegenbringt? Diese Frage bewegte uns. Klar war, dass der einzelne Trainer nicht autonom agierte, nicht ohne Rückendeckung, nicht ohne die Ansage von Menschen, die in der Hierarchie über ihm standen.

Fürs Erste versuchten wir es beim Präsidenten des russischen Leichtathletikverbandes. Er hieß Walentin Balachnitschew.

Balachnitschew, ein großer, hagerer, damals vierundsechzigjähriger Mann, hatte sich über die Jahre gut vernetzt. In der IAAF, dem Weltverband der Leichtathletik, wachte er als Schatzmeister über die Kasse. Er konnte sich zu Recht als ein Großer in der Funktionärsriege seiner Sportart fühlen. Einem deutschen Reporter Fragen zu beantworten, sah er allerdings offenbar nicht als Teil seiner Aufgabe an. Ein Interview mit der ARD ließ er ablehnen.

Weil sich aber langsam herausstellte, dass Balachnitschew als Präsident nicht passiv über dem Dopingthema schwebte, sondern eifrig an der Vertuschung mitarbeitete, entschlossen Manfred und ich uns, ihn abzupassen. Im August 2014 würde er zur Europameisterschaft nach Zürich reisen, dort konnten wir ihn vielleicht erwischen. Englisch sprach der Spitzenfunktionär, aber für alle Fälle nahmen wir auch noch einen russischsprachigen Kameraassistenten mit.

Im Stadion Letzigrund gelang uns dann allerdings nichts. Wir waren als Journalisten akkreditiert, der Präsident saß im VIP-Bereich der Tribüne. Wir sahen ihn – von Weitem.

Im Hotel, in dem die russische Delegation untergebracht war, versprachen wir uns später eine zweite Chance. Es hieß, Balachni­tschew halte sich auf seinem Zimmer auf. Die Nummer kannten wir nicht. Wir lungerten in der Lobby herum. Dort tauchte er am Abend tatsächlich auf. Als der Präsident unsere Kamera sah, wirkte er überrascht.

»Ich bin nicht involviert«, beantwortete er unsere Fragen zum Doping in Russland. »Das ist Ihr Job, lassen Sie mich da raus. Ich will nicht darüber reden. Ich bin nicht involviert. Sie haben Ihre Ansicht, ich meine. Und die ist: Ich bin nicht involviert. Ich bin der Präsident und nie in irgendwas involviert. Ich weise Ihre Fragen darüber zurück. Ich bin nicht involviert. Ihre Fragen sind seltsam.« Das waren, durch kurze Nachfragen von mir unterbrochen, Walentin Balachnitschews Aussagen gegenüber der ARD. Sie bezeugten seine Verweigerung, sich auf das Thema einzulassen. Ein bisschen empfand der Präsident die Tatsache, dass wir ihm Fragen zum Doping stellten, wohl auch als unbotmäßig oder gar als Zumutung.

Die IAAF sperrte Balachnitschew später lebenslang. Als er davon erfuhr, war er noch so frech zu fragen, was er denn hätte tun sollen. »Ich konnte die Athleten ja nicht an der Hand halten.« In Wirklichkeit steht sein Name nicht nur für die Vertuschung. Der Präsident war mutmaßlich auch an Erpressungen und der Forderung von Schmiergeldzahlungen beteiligt. Aber das wusste ich an diesem Tag in dem Hotel in der Schweiz noch nicht. Die Recherche dieser Angelegenheit sollte sich erst noch entwickeln.

Den eigenen Trainer überführt

Dass man im Moskauer Dopinglabor gegen Geld positive Dopingproben verschwinden lassen konnte, hatte schon Julia Stepanowa erlebt. Tausend Dollar hatte man dort von ihr verlangt. Von der Marathonläuferin Lilija Schobuchowa erfuhr ich, dass eine kleine vierstellige Summe fast schon ein Schnäppchen war. Schobuchowas Fall konnte ich in diesen Monaten zu einem guten Teil recherchieren. Er ließ sich erzählen, allerdings noch nicht bis zum Ende. Das gelang erst zwei Jahre später in der Dokumentation »Geheimsache Doping: Die Schutzgelderpresser«.

Beim Westdeutschen Rundfunk in Köln habe ich im Jahr 2014 eine enorme Unterstützung für die Russlandrecherchen erfahren. Das begann damit, dass ich nicht argwöhnisch gefragt wurde, warum ich so lange an einem Film arbeitete. Zu der Zeit erschien ich für gewöhnlich etwa alle zwei oder drei Wochen in der Redaktion. Jetzt ließ ich mich kaum mehr blicken.

Wenige Kollegen im Sender wussten, woran ich recherchierte. Als ich erzählt hatte, dass Witali und Julia Stepanow vor der Kamera aussagen würden, reagierten sie begeistert. Im Haus entstand die Idee, einen Beitrag für »Monitor« zu machen, das politisch-investigative Magazin des WDR. Die renommierte Sendung läuft in der ARD, donnerstags, 21.45 Uhr, also auf einem äußerst attraktiven Sendeplatz.

Doch zu dem Zeitpunkt reichte meine Recherche schon zu weit. Sie franste zuweilen aus, manchmal ergaben sich aus einem Gespräch zwei neue Pfade, die zu verfolgen mir lohnend erschien. Die Stepanows allerdings, das war früh abzusehen, waren zentral für die Story. Einbauen in einen »Monitor«-Beitrag konnte ich sie aber nicht, weil sie so schnell nicht das Land verlassen konnten. Und ohne die beiden Whistleblower hätte ein Film kaum die Kraft entfalten können, die er wenige Monate später bekommen sollte. Der WDR sah das letztlich auch so.

Viele Filme habe ich gemeinsam mit Co-Autoren gemacht, mit Jo Goll, Robert Kempe und manch anderem. Russland ging ich zunächst allein und nur mit meinem Kameramann Manfred Pelz an. Wobei das Wort allein hier nicht wirklich passt. Ein Film braucht immer auch Unterstützer, ortsansässige Helfer etwa, sogenannte Stringer, dazu Cutter, Grafiker, Ton-Assistenten und natürlich Redakteure und Juristen. Bei mir kam in der letzten Phase der Recherchen noch Olga Sviridenko hinzu. Olga kannte ich von den Film­arbeiten über das Gas Xenon im russischen Sport. Sie ist in Russland geboren, lebt aber schon viele Jahre in Deutschland, eine neugierige und leidenschaftliche Journalistin und dabei auch noch eine akribische Rechercheurin. Das passte also.

Im September 2014 vernahm ich dann aus Köln doch erste vorsichtige Fragen, woran ich denn nun eigentlich so lange schrauben würde. Ich bat um weitere Zeit und versprach gleichzeitig, dass der Film ein besonderer werde.

Im Oktober saßen wir zum ersten Mal im Schneideraum, mit einer Rohfassung. Der zuständige WDR-Redakteur Jochen Leufgens kam dazu, schaute und sagte, so etwas habe er noch nie gesehen. Danach sagte er allerdings auch: »Und jetzt müssen wir da einen Film draus machen.« Ich fand, wir hatten schon viele gute Elemente. Aber die Episoden klug und dramaturgisch geschickt zu verbinden – dafür mussten wir noch einiges tun.

Genug Stoff hatten wir. Da waren Dokumente, die mir zugespielt worden waren. Da gab es die Mitschnitte, die für sich sprachen, heimlich von den Stepanows aufgezeichnet. Marija Sawinowa, Weltmeisterin und Olympiasiegerin über achthundert Meter, äußerte sich in einem Handyvideo, das Julia Stepanowa während eines Gesprächs mit der Teamkollegin unbemerkt aufgenommen hatte. »Na ja, was sollen wir machen?«, fragte die damals neunundzwanzigjährige Sawinowa. »Das ist das System. In Russland funktioniert das nur mit Pharma. Mein Trainer arbeitet zum Glück mit Melnikow, und der hilft, die Tests zu vertuschen.« Alexei Melnikow, das war der Cheftrainer der russischen Leichtathleten. »Sie lassen ihn die Termine für die Kontrollen tauschen. Und Oxandrolon ist sehr schnell aus meinem Körper wieder raus. Dauert weniger als zwanzig Tage. Wir haben das testen lassen. Mein Mann hat nämlich sehr gute Verbindungen zum Dopingkontrolllabor.«

Julia Stepanowa und ihr Mann Witali schlugen noch im November vor, undercover im Trainingslager in Kirgisistan tätig zu werden. Kirgisistan ist eine frühere Sowjetrepublik, die südlich von Kasachstan, nahe China und damit in wärmeren Gefilden als Moskau liegt. Sie würde dort mit demselben Trainer arbeiten, der auch ihrer Läuferkollegin Marija Sawinowa zu Dopingmitteln verhelfe, berichtete Julia: mit Wladimir Kasarin, dem damals erfolgreichsten Achthundert-Meter-Trainer der Welt. Bei ihm wollte sie als Lockvogel agieren.

Das Ergebnis einer verdeckten Recherche zu erhalten, ist eine feine Sache. Nun allerdings musste ich einen solchen Undercover-Einsatz vorab gutheißen. Als Journalist würde ich Mitverantwortung für ein nicht ungefährliches Unterfangen übernehmen. Ich überlegte, ging gemeinsam mit den Stepanows die Risiken durch und nahm Julia schließlich das Versprechen ab, mit dem versteckten Aufnahmegerät sehr vorsichtig zu sein. Nicht zu weit gehen und im Zweifel abbrechen, darauf einigten wir uns.

Im kirgisischen Trainingslager lief es, wie Julia Stepanowa erwartet hatte. Nach der ersten Einheit rief der Trainer sie zu einem Gespräch in die Unterkunft. Die Sportlerin erschien, ausgerüstet mit einer sehr unauffälligen kleinen Kamera, die bereits lief, als sie das Zimmer betrat.

»Wir könnten auch mit Oxandrolon und mit Primobolan arbeiten und natürlich zu Anfang mit EPO. Aber wir müssen aufpassen, dass du im Rahmen bleibst, falls eine Kontrolle kommt«, sagte der Nationaltrainer. Er ging an eine Kommode, öffnete eine Schublade, holte Tabletten heraus. »So, hier hast du die Pillen.«

»Was ist das?«, fragte die Läuferin.

»Oxandrolon.«

Als der Trainer für einen Moment den Raum verließ, filmte sie die viereckigen, leicht abgerundeten weißen Tabletten. Sie enthielten, wie mir die Kölner Sporthochschule später nach Analyse bestätigte, ein anaboles Steroid. Das Medikament wurde eigentlich für Alkoholiker entwickelt, die an Hepatitis leiden, Ärzte verschreiben es auch HIV-Infizierten mit starkem Gewichtsverlust.

Der verdeckte Einsatz war geglückt. Die Aufnahmen aus dem Trainingslager dokumentierten auf geradezu intime Art, wie ein Trainer seine Sportlerin anleitet, Medikamente für Schwerkranke zu missbrauchen und die eigene Gesundheit zu gefährden.

Für Julia Stepanowa wurde es jetzt Zeit. Gemeinsam mit ihrem Mann Witali, ihrem Baby Robert und drei großen Koffern reiste sie nach ihrem Eintreffen in Moskau weiter nach Berlin. Ich konnte damals für einige Zeit woanders unterkommen und überließ ihnen fürs Erste meine Wohnung. Die drei haben ihr Heimatland seitdem nicht wieder betreten.

Wir hatten derweil, ebenfalls in Berlin, noch einige intensive Tage vor uns. Die Reihenfolge der Szenen musste endgültig festgelegt werden, ihre jeweilige Länge, das Erzähltempo, die Musik und auch die Art, wie wir die Zuschauer durch die Dokumentation führen würden. Der WDR-Redakteur Jochen Leufgens hatte angeregt, den Film aus der Ich-Perspektive zu erzählen: Ich solle die Leute mit zu den Recherchen nehmen, sie auch an meinen Gedanken teilhaben lassen. Die Zuschauer sollten mich quasi begleiten, wenigstens bei einem Teil der Reisen, die hinter mir lagen. Sie sollten nachvollziehen können, wie sich das Puzzle zusammensetzte. Manche Szenen mussten wir dafür neu drehen. Wir hatten ja während der Recherche nicht andauernd auch den Autor aufgenommen.

Witali Stepanow interessierte sich sehr für den allerletzten Teil der Filmproduktion, die ohne sein Engagement nie begonnen hätte. Es ist sehr ungewöhnlich, dass Whistleblower, Informanten oder auch Protagonisten den finalen Schnitt eines Dokumentarfilms miterleben und dabei auch noch ihre Einschätzung abgeben. Diesmal war es angemessen.

»Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht« lief am 3. Dezember 2014 von neunzehn bis zwanzig Uhr in der ARD. Nach diesem Film und weiteren Beiträgen der ARD-Dopingredaktion begannen Ermittlungen von Behörden und Sportorganisationen. Etliche hohe Funktionäre mussten in der Folge zurücktreten. Zahlreiche russische Athleten erhielten Sperren. Den russischen Leichtathletikverband traf es besonders hart: Infolge der Suspendierung durch die IAAF durfte nahezu seine gesamte Mannschaft nicht an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 teilnehmen. Die Suspendierung war auch 2019 noch in Kraft. Russische Leichtathleten durften bei internationalen Wettkämpfen weiterhin nur in neutralen Trikots, ohne Landesflagge und ohne Hymne antreten, und das auch nur, wenn der einzelne Sportler den Regeln entsprechend in das Dopingkontrollsystem eingebunden war und wenn bei ihm, so hieß es, nach sorgfältiger Prüfung keine Verdachtsmomente bestanden.

Bald nach der Sendung im Dezember 2014 meldete sich aus Kanada die WADA-Zentrale mit der Frage, ob es das Skript des Films auch in Englisch gebe. Professionelle Übersetzer arbeiteten bereits an einer sorgfältigen Übertragung ins Englische, weil ausländische Journalisten den juristisch wasserdichten Wortlaut der Dokumentation für ihre Berichterstattung benötigten. Und zwei Tage nach der Ausstrahlung waren unsere Russlandrecherchen auch in Moskau angekommen – in den Hauptnachrichten. Die Botschaft dort lautete, die ARD wolle mit dem Film über Doping in Russland offenbar vom vergleichsweise schlechten Abschneiden deutscher Sportler bei den Winterspielen in Sotschi ablenken. Der Propagandaapparat des Kreml tat, was seine Aufgabe war: Er steuerte dagegen. Aus etlichen Ländern meldeten sich Fernsehsender beim WDR, um den Film einzukaufen. Er wurde in mehrere Sprachen übersetzt und tatsächlich in etliche Länder lizenziert. In Russland allerdings wollte ihn kein TV-Sender ausstrahlen.

Die WADA schuf derweil eine Sonderkommission mit ihrem ehemaligen Präsidenten Richard Pound an der Spitze. Doch würde die WADA, die ja auch von der Olympischen Bewegung finanziert wird, wirklich unabhängig ermitteln? Viele waren skeptisch, auch weil immer mehr Monate ins Land gingen, ohne dass etwas passierte. Der Verdacht wuchs, dass die Dopingbekämpfer das Problem am Ende nur verschleppten und aussitzen wollten.

In Wirklichkeit dauerte es einfach sehr lange, bis die WADA-Sonderkommission das gesamte Beweismaterial ausgewertet hatte. Wir hatten bei den Aufnahmen der verdeckten Recherchen im Film nicht den Originalton mitgesendet, sondern Sprecherstimmen darübergelegt, die die russischen O-Töne exakt wiedergaben. Das hatte rechtliche Gründe. Russische Medien behaupteten hingegen lange Zeit, wir hätten uns die Zitate der Sportler, Ärzte und Trainer allesamt ausgedacht. Man höre ja schließlich niemanden im Original reden.

Die Stepanows legten der Kommission dann aber alle Originalaufnahmen vor, die sie erstellt hatten, und zwar in voller Länge und mit den Stimmen der Menschen, die gefilmt worden waren. Damit hatte die WADA die Nachweise, die sie benötigte, um tätig werden zu können.

Am 9. November 2015 lud die WADA in das Hotel Mandarin ­Oriental in Genf. Ein Sprecher führte in die Thematik ein. »Meine Damen und Herren, Vertreter der Medien, willkommen in Genf! Vor fast einem Jahr wurden auf dem deutschen Fernsehsender ARD erstmals sehr ernsthafte Dopingvorwürfe erhoben. Der WADA-Präsident Sir Craig Reedie kündigte eine umfassende Untersuchung an. Der Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, Herr Dick Pound, wurde zum Leiter dieser Untersuchung erklärt.«

Pounds Kommission hatte ihre Erkenntnisse in einem 350 Seiten starken Bericht festgehalten. Nun sagte der Kanadier: »Die unabhängige Kommission konnte die überwältigende Mehrheit der in der ARD-Doku erhobenen Vorwürfe bestätigen. (…) Es ist schlimmer als gedacht. Fakten wurden verschleiert, Proben wurden in den Laboren zerstört, Gelder wurden gezahlt, um Dopingtests zu verheimlichen. Unter anderem. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass all dies nicht passieren konnte und weiterhin passieren kann ohne das Wissen und die tatsächliche oder konkludente Zustimmung staatlicher Behörden.«

In dem Bericht war von »Korruption und Schmiergeld-Praktiken auf höchster Ebene in der Welt-Leichtathletik« die Rede, von »staatlich gestütztem Doping« und von »direkter Einschüchterung und Beeinflussung der Moskauer Laborprozesse durch den russischen Staates«. Auch eine Konsequenz schlugen die unabhängigen Ermittler vor: »Wir empfehlen der WADA, dass der russische Verband für 2016 suspendiert wird. Wir empfehlen der WADA zudem, dem Moskauer Labor die Akkreditierung zu entziehen.«

Das war im Herbst 2015. Im Dezember 2014, als der Film lief, wohnte bei mir erst einmal eine junge Familie. Die Stepanows blieben sechs Wochen.

Als sie auszogen, sah meine Wohnung exakt so aus wie vorher. Korrekt, akkurat und bescheiden, so hatte ich Witali Stepanow in den zurückliegenden Monaten kennengelernt. So hatte ich ihn auch in der Zusammenarbeit erlebt. Ich schätze ihn und seine Frau bis heute als gutwillige und herzliche Menschen.

Im Stadtteil Marzahn fanden Unterstützer Anfang 2015 eine Wohnung für sie und statteten die Räume mit gebrauchten Möbeln aus. Es sollte nicht für immer sein. Aber in der nächsten Zeit konnte man nun weit draußen im Berliner Osten zuweilen eine Spitzensportlerin beim Lauftraining sehen. Wer dort seine Runden zog, sprach sich dann schnell herum.

Im Frühherbst 2015 siedelten die Stepanows über in die USA. Dort hatte Julia ihren Sohn während eines Aufenthalts zur Welt gebracht, Robert war deshalb US-Bürger. Aber auch seine Eltern durften erst mal bleiben.

Mehrfach wechselten sie in den USA den Wohnort, doch in dem Appartement, in dem sie zuletzt unterkamen, leben sie nun schon einige Zeit. Das Verhältnis zu ihren Nachbarn ist freundlich-distanziert. Sie achten aus alter Vorsicht weiter darauf, keine allzu engen Beziehungen zu Menschen in der Umgebung einzugehen.

Ich habe sie bereits mehrfach besucht. Die beiden haben sich der amerikanischen Esskultur angepasst, essen Burger, trinken Cola, bleiben aber schlank. Sport zu treiben, bedeutet ihnen weiterhin sehr viel. Witali läuft locker seine Runden, Julia trainiert ambitioniert. Sie würde sich gern noch einmal international beweisen. Für Russland wird sie nicht mehr antreten dürfen. Dort gelten Julia und Witali Stepanow weiterhin als Staatsfeinde.

Die Stepanows sind Menschen, vor denen ich großen Respekt habe. Sie getroffen zu haben, betrachte ich persönlich als großen Gewinn.

Whistleblower im Exil. Witali und Julia Stepanow habe ich auch immer wieder besucht, nachdem sie Russland verlassen hatten.

Berlin

Anfänge

Anfang der Achtzigerjahre war Schluss. Die Stimme im Bruch und viel zu tief – so könne ich keine Beiträge mehr sprechen, wurde mir in der Redaktion gesagt. Ich hatte gut zwei Jahre mitgemacht beim Jugendradio des West-Berliner »Rundfunk im amerikanischen Sektor«, den die US-Armee 1948 aufgebaut hatte und jeder Berliner nur als RIAS kannte. Die Sendung hieß »Flick-Flack«, es ging um Sport. So etwas hatte es bis dahin noch nicht gegeben.

»Schülerreporter gesucht«. Die Anzeige hatte in der Fernsehzeitschrift »HörZu« gestanden. Schnell hatte ich eine Probereportage eingeschickt, auf Band, aufgenommen mit meinem Kassettenrecorder, auf dem sonst Leonard Cohen und Cat Stevens liefen. Ich setzte mich dafür in mein Zimmer zu Hause, simulierte eine Hörfunk-Reportage eines Hertha-Spiels im Berliner Olympiastadion und versuchte dabei, wie ein echter Sportreporter rüberzukommen. Irgendwie musste das gut genug gewesen sein. Die jungen Redakteure im RIAS nahmen mich jedenfalls, genau wie Steffen Simon übrigens. Steffen sollte alsbald herausragen im Team der jungen Reporter, Stimme und Sprache hörten sich bei ihm schon wie die eines routinierten Sportreporters an. Heute kommentiert Steffen Fußballspiele für die ARD und gehört zum Führungsteam der WDR-Sportredaktion. Ende der Siebzigerjahre arbeiteten wir manchmal zusammen. Mit dem RIAS-Übertragungswagen, einem dunkelblauen Ford Transit, fuhren wir zu Hertha Zehlendorf, wo damals ein Jugendspieler namens Pierre Littbarski kickte, später ein Weltmeister. Auch viele andere Sportarten kamen in der Sendung »Flick-Flack« vor.

Spaß hatte es mir gemacht. Doch ich war oft unsicher, nicht sehr souverän am Mikrofon. Und das bemerkte nicht nur ich.

Die Wahrheit vertraute mir viele Jahre später der Hörfunkredakteur Hanns Ostermann an. »Hajo, mit der Stimme hatte das damals nichts zu tun. Du warst einfach nicht gut genug.«

Immerhin hatte ich den Großen eine ganze Weile nachgeeifert, den Jochen Sprentzels und Wolfgang Mönchs, Berliner Stimmen, die samstags bei der Bundesliga-Konferenz im Radio zu hören waren.

Sprentzel wohnte sogar in der Nähe meines Zuhauses. Im grünen Lankwitz im West-Berliner Süden lebten meine Eltern, mein jüngerer Bruder Alexander und ich in einem Einfamilienhaus mit großem Garten. Manchmal, wenn wir Fußball spielten, mit Freunden auf dem Aschenplatz an der Maximilian-Kaller-Straße, kam Sprentzel des Weges und kickte ein paar Spielzüge mit. Ich sehe ihn noch vor mir, in einem lilafarbenen Trainingsanzug von Tennis Borussia Berlin.

Ein paar andere Interessen hatte ich auch noch, war in der katholischen Pfarrjugend aktiv, Messdiener und Lektor in der Lankwitzer Gemeinde Mater Dolorosa. In der Theatergruppe der Kirchenjugend spielten wir den Eingebildeten Kranken von Molière und Stücke von Agatha Christie. Vor allem aber begeisterte mich das Schwimmen im Verein. Im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren hat mich dieser Sport in der SG Lichterfelde/Südwest geprägt. Hier trainierten Jungs mit Mädchen gemeinsam. Wir reisten zu Wettkämpfen oder in Trainingslager. Hier kam ich das erste Mal mit dem anderen Geschlecht näher in Kontakt, war ich zum ersten Mal ziemlich betrunken und habe zum ersten Mal geraucht. Im Schwimmen aktiv zu sein, erst als Sportler, dann auch als Trainer und Jugendwart, bereitete mir große Freude. Meine Zeit im Schwimmverein empfand ich nicht zuletzt auch als Freiheit und Abenteuer. Es entstanden viele Freundschaften, manche sind bis heute erhalten geblieben. Für mich, der aus eher konservativen Verhältnissen kam, bleibt diese Zeit meines Lebens unvergessen.

Das liegt auch an unserem damaligen Trainer Kurt, genannt Kutti. Ein Typ Freigeist, der gut in das West-Berlin der späten Siebzigerjahre passte. Kuttis lockere Art gefiel uns, er feierte wilde Partys und war zugleich Respektperson am Beckenrand. Er hatte immer einen lockeren Spruch auf den Lippen und ließ auch mal fünfe gerade sein. Beim Training und im Wettkampf war er fordernd und für uns Heranwachsende der beste Coach, den wir uns vorstellen konnten. Ich verbinde mit Kutti außerdem, dass ich mich erstmals mit Fairness im Sport auseinandersetzte.

Kutti trainierte damals auch die Wasserballmannschaft, und irgendwann wollte ich diese Sportart auch mal ausprobieren. Beim ersten oder zweiten Training scharte uns Kutti auf einem Podest aus gewärmten Kacheln zur Besprechung um sich. Er erklärte Kniffe und Tricks. Unter Wasser, riet er, könnten wir dem Gegner ruhig auch mal einen Tritt in die Weichteile verpassen, wenn es nicht anders gehe. Der Sport sei eben etwas härter.

Auch damals trug man beim Wasserball schon einen Genitalschutz in der Badehose. Aber dennoch, diese Ansage gefiel mir nicht. Vielleicht hatte Kutti uns locken wollen, reizen, uns Jugendliche, die natürlich gern zu den Harten zählen wollen. Für mich aber war in diesem Moment Schluss mit Wasserball. Eine Sportart, bei der der Trainer Fouls gutheißt und sogar dazu animiert, lehnte ich ab.

Meine Schwimmfreunde von damals mussten schmunzeln, als ich diese Erinnerung an die Zeit mit Kutti Anfang 2019 erzählte. Im Nachhinein passt es ja zu meinem weiteren Weg. Wir saßen in einem Restaurant in Berlin und gedachten unseres Trainers. Kutti war nur ein paar Jahre älter als wir und in den Achtzigerjahren auf die Philippinen ausgewandert. Dort ist er mit Anfang sechzig gestorben.

Ich hatte nach meiner Zeit als Jugendreporter beim RIAS vorerst keine Lust mehr auf Sportjournalismus. Die letzten Jahre am Gymnasium schleppten sich dahin, den Unterricht fand ich zäh und langweilig. Gewiss gehörte ich auch nicht zu den fleißigsten Schülern. Das Abitur schaffte ich 1981 aber ohne große Mühen, hatte immerhin eine Zwei vor dem Komma und wollte dann Lehrer werden. Sport stand als Studienfach fest, zuerst kombinierte ich es mit Französisch, dann mit Sozialkunde. Doch der Fachwechsel war im Grunde egal, weil ich eher orientierungslos durch die Vorlesungen und Seminare mäanderte und nicht gerade fleißig war. Manchmal schlief ich bis in die Puppen. Meine Mutter weckte mich dann in der Hoffnung, dass ich nicht alle Seminare an dem Tag verpasste.