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Sie wachsen auf als beste Freunde – und werden zu Todfeinden
Biloxi, Mississippi: Die Einwanderersöhne Keith und Hugh wachsen in den Sechzigerjahren gemeinsam auf, verbunden durch eine scheinbar unverbrüchliche Freundschaft. Bis sie sich auf den verschiedenen Seiten des Gesetzes wiederfinden: Keith hat Jura studiert und ist Staatsanwalt geworden. Hugh dagegen arbeitet für seinen Vater, einen Boss der Dixie-Mafia. Eine tödliche Feindschaft entsteht, die vor Gericht ein dramatisches Finale findet.
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Seitenzahl: 711
Veröffentlichungsjahr: 2023
DASBUCH
Die Stadt Biloxi in Mississippi, ursprünglich bekannt für ihre schönen Strände und feinen Meeresfrüchte, entwickelt sich in der Prohibitionszeit immer mehr zu einem Zentrum des Lasters: Alkohol fließt in Strömen, Prostitution, Glücksspiel, Drogenhandel, Korruption stehen auf der Tagesordnung. In diese Welt hinein werden 1948 Keith und Hugh, Enkel kroatischer Einwandererfamilien, geboren. Sie wachsen als enge Freunde auf.
Aber als sie älter werden, treten sie in die Fußstapfen ihrer Väter – mit verhängnisvollen Folgen. Denn Hughs Vater Lance Malco ist der Unterweltboss von Biloxi. Keiths Vater dagegen will als Staatsanwalt mit dem Verbrechen aufräumen. Schnell schafft er sich mächtige Feinde, allen voran den Malco-Clan, in dem Hugh mittlerweile nach oben strebt. Als Keith ebenfalls Jura studiert, um auf der Seite von Recht und Gesetz zu kämpfen, tut sich zwischen ihm und Hugh ein tödlicher Abgrund der Feindschaft auf.
»Ein Gerichtsthriller mit großartigem Showdown … und unvergesslichen Figuren« Booklist
DERAUTOR
John Grisham ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Seine Romane sind ausnahmslos Bestseller. Zudem hat er ein Sachbuch, einen Erzählband und Jugendbücher veröffentlicht. Seine Werke werden in fünfundvierzig Sprachen übersetzt. Er lebt in Virginia.
JOHN GRISHAM
ROMAN
Aus dem Amerikanischen von Bea Reiter und Imke Walsh-Araya
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel The Boys From Biloxi bei Doubleday, New York
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Copyright © 2023 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Oliver Neumann
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Alamy Stock Foto/Tom Stack
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-30527-7V001
www.heyne.de
Vor hundert Jahren war Biloxi ein geschäftiger Urlaubs- und Fischerort an der Golfküste. Einige der zwölftausend Einwohner arbeiteten im Schiffbau, andere in den Hotels und Restaurants, doch die meisten verdienten sich ihren Lebensunterhalt mit den Meeresfrüchten, die dort aus dem Wasser geholt wurden. Es waren Einwanderer aus Osteuropa, meist aus Kroatien, wo ihre Vorfahren seit Jahrhunderten in der Adria gefischt hatten. Die Männer heuerten auf den Schonern und Kuttern an und ernteten die Meeresfrüchte aus dem Golf, während die Frauen und Kinder für zehn Cent die Stunde Austern öffneten und Garnelen verpackten. In einer als Back Bay bekannten Gegend standen dicht an dicht vierzig Konservenfabriken. 1925 verschickte Biloxi zwanzig Millionen Tonnen Meeresfrüchte in den Rest des Landes. Die Nachfrage war so groß, das Angebot so gewaltig, dass die Stadt als »Meeresfrüchte-Hauptstadt der Welt« galt.
Die Einwanderer lebten in Baracken oder kleinen, ärmlichen Häusern auf dem Point Cadet, einer Halbinsel am östlichen Stadtrand von Biloxi, nur ein paar Schritte von den Stränden des Golfs entfernt. Ihre Eltern und Großeltern waren Polen, Ungarn, Tschechen und Kroaten, die sich innerhalb kurzer Zeit an die Gepflogenheiten ihrer neuen Heimat angepasst hatten. Die Kinder lernten Englisch, brachten es ihren Eltern bei und benutzten zu Hause nur noch selten ihre Muttersprache. Die meisten Nachnamen waren für die Beamten der Einwanderungsbehörde unaussprechbar gewesen und im Hafen von New Orleans und auf Ellis Island geändert und amerikanisiert worden. Auf den Friedhöfen in Biloxi gab es Grabsteine mit Namen wie Jurkovich, Horvat, Conovich, Kasich, Rodak, Babbich und Peranich, die verstreut zwischen denen von Smith, Brown, O’Keefe, Mattina und Bellande standen. Am Anfang blieben die Einwanderer für sich und unterstützten sich gegenseitig, doch ab der zweiten Generation heirateten sie in die ansässigen französischen und angloamerikanischen Familien ein.
Es war die Zeit der Prohibition, und im tiefen Süden der Vereinigten Staaten versagten sich die meisten der rechtschaffenen Baptisten und Methodisten den Genuss von Alkohol. Doch die Menschen europäischer Abstammung und katholischen Glaubens an der Küste hielten nicht viel davon, enthaltsam zu leben. Genau genommen war Biloxi nie trocken, trotz des Achtzehnten Zusatzartikels zur Verfassung. Obwohl 1920 Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol landesweit verboten waren, bekam man dort kaum etwas davon mit. Die Bars, Spelunken, Pubs und exklusiven Clubs der Stadt blieben nicht nur offen, sie florierten sogar. Illegale Kneipen waren nicht notwendig, schließlich gab es Bier und Schnaps an jeder Ecke, und niemand, vor allem nicht die Polizei, interessierte sich für das Alkoholverbot. Biloxi entwickelte sich zu einem beliebten Ziel für Südstaatler mit ausgedörrten Kehlen. Dazu kamen noch der Reiz der Strände, delikate Meeresfrüchte, ein gemäßigtes Klima und gute Hotels, und der Tourismus entwickelte sich prächtig. Vor hundert Jahren wurde die Golfküste auch »Riviera des armen Mannes« genannt.
Wie immer erwies sich unkontrolliertes Laster als ansteckend. Zur Trinkerei gesellte sich Glücksspiel. In Bars und Clubs wurden behelfsmäßige Casinos eingerichtet. Poker, Blackjack und Würfel wurden vor aller Augen gespielt und waren überall zu finden. Im Eingangsbereich der schicken Hotels standen lange Reihen von Spielautomaten, die in eklatanter Missachtung des Gesetzes betrieben wurden.
Bordelle hatte es schon immer gegeben, doch sie wurden diskret geführt. In Biloxi war das anders. Dort kamen sie in Massen vor, und zu den Stammgästen zählten auch Polizisten und Politiker. Viele dieser Etablissements waren im selben Gebäude wie Bars und Spielhöllen untergebracht, sodass ein junger Mann, der sich amüsieren wollte, alles unter einem Dach vorfand.
Drogen wie Marihuana und Heroin waren problemlos zu bekommen, vor allem in den Bars und Clubs, wurden allerdings nicht ganz so offen angepriesen wie Sex und Alkohol.
Viele Journalisten konnten kaum glauben, dass man in einem derart konservativen Bundesstaat einfach über diese illegalen Aktivitäten hinwegsah. Sie schrieben Artikel um Artikel über die lockeren Sitten in Biloxi, aber nichts änderte sich. Niemand, der etwas zu sagen hatte, schien sich dafür zu interessieren. »In Biloxi ist das eben so«, hieß es einfach. Politiker begannen Feldzüge und schimpften über das Verbrechen, Prediger wetterten von ihren Kanzeln, doch es gab nie einen ernsthaften Versuch, an der Küste »aufzuräumen«.
Das größte Hindernis für jegliche Versuche zur Eindämmung der kriminellen Geschäfte war die langjährige Korruption unter Polizisten und gewählten Beamten. Cops und Deputys bekamen nur ein dürftiges Gehalt und waren mehr als gewillt, sich bestechen zu lassen und wegzuschauen. Die örtlichen Politiker waren leicht zu kaufen und wurden immer wohlhabender. Alle verdienten gut, alle amüsierten sich prächtig, warum sollte man etwas dagegen unternehmen? Die Leute, die zum Trinken und Spielen nach Biloxi kamen, wurden nicht dazu gezwungen. Wenn einem das lasterhafte Leben dort nicht gefiel, konnte man zu Hause bleiben oder nach New Orleans fahren. Aber wenn sich jemand dafür entschied, sein Geld in Biloxi auszugeben, konnte er sicher sein, nicht von der Polizei behelligt zu werden.
Die Kriminalität stieg erheblich, als 1941 ein großer Militärstützpunkt errichtet wurde, auf Land, das vorher dem Country Club von Biloxi gehört hatte. Er wurde Keesler Army Airfield genannt, nach einem Fliegerhelden aus dem Ersten Weltkrieg, der aus Mississippi stammte, und entwickelte sich bald zu einem Synonym für schlechtes Benehmen von mehreren Zehntausend Soldaten, die sich dort für den Krieg bereitmachten. Immer mehr Bars, Casinos, Bordelle und Stripteaselokale schossen aus dem Boden. Auch das Verbrechen florierte. Die Polizei wurde mit Beschwerden von Soldaten überhäuft: manipulierte Spielautomaten, betrügerische Kartengeber, mit Drogen versetzte Drinks und Prostituierte mit langen Fingern. Die Besitzer der Lokale machten ein Vermögen und beklagten sich nur selten, aber es gab jede Menge Schlägereien, Übergriffe gegen die Mädchen und zerbrochene Fensterscheiben und Whiskeyflaschen. Wie immer beschützte die Polizei diejenigen, von denen sie bezahlt wurde, und in den Gefängnissen wimmelte es von Soldaten. Über eine halbe Million von ihnen durchlief Keesler auf dem Weg nach Europa und in den Pazifikraum, und danach Korea und Vietnam.
Mit illegalen Aktivitäten wurde in Biloxi so viel Geld verdient, dass die übliche Palette an zwielichtigen Charakteren angelockt wurde: Berufsverbrecher, Gesetzlose, Schwarzbrenner, Alkoholschmuggler, Trickbetrüger, Auftragsmörder, Zuhälter, Schläger und die ehrgeizigere Kategorie der Gangsterbosse. Ende der 1950er ließen sich Mitglieder einer lose verbundenen Bande aus gewalttätigen Gangstern in Biloxi nieder, die als »Dixie-Mafia« bekannt war und sich vorgenommen hatte, einen Teil der illegalen Geschäfte an sich zu reißen. Davor hatte es immer wieder kleinere Streitigkeiten zwischen den Clubbesitzern gegeben, doch sie verdienten gutes Geld und führten ein angenehmes Leben. Hin und wieder gab es einen Mord, dazu kamen die üblichen Einschüchterungsversuche, doch niemand versuchte ernsthaft, die Führung zu übernehmen.
Bis auf den Ehrgeiz und die Brutalität hatte die Dixie-Mafia nur wenig mit der amerikanischen Cosa Nostra gemein. Sie war keine Familie, daher gab es wenig Loyalität. Die Mitglieder – das FBI wusste nie so genau, wer Mitglied war und wer nicht und wer nur behauptete, Mitglied zu sein – waren ein zusammengewürfelter Haufen aus Ganoven und gesellschaftlichen Außenseitern, die statt ehrlicher Arbeit das Verbrechen bevorzugten. Eine festgelegte Organisation oder Hierarchie gab es nicht. Kein Don an der Spitze, keine Schläger am unteren Ende, keine Gangster auf der Ebene dazwischen. Mit der Zeit gelang es einem der Clubbesitzer, seinen Anteil am Geschäft zu vergrößern und mehr Einfluss zu gewinnen. Er wurde »der Boss«.
Die Dixie-Mafia hatte einen Hang zur Gewalt, der das FBI oft überraschte. Mit der Zeit wurde sie immer größer, wobei sie eine erstaunliche Anzahl an Leichen hinter sich ließ. So gut wie keiner der Morde wurde je aufgeklärt. Es gab nur eine Regel, einen absolut bindenden, in Stein gemeißelten Blutschwur: »Du sollst niemanden an die Cops verpfeifen.« Wenn es doch einmal vorkam, wurde der Informant entweder im Straßengraben oder überhaupt nicht gefunden. Angeblich gab es Garnelenkutter, die dreißig Kilometer vor der Küste mit Gewichten beschwerte Leichen im tiefen, warmen Wasser des Mississippi Sound versenkten.
Biloxi war zwar für seine Gesetzlosigkeit bekannt, doch das Verbrechen in der Stadt wurde von den Clubbesitzern kontrolliert und mit Argusaugen von der Polizei beobachtet. Mit der Zeit konzentrierten sich die illegalen Geschäfte fast ganz auf einen bestimmten Teil der Stadt, einen knapp zwei Kilometer langen Abschnitt des Highway 90 am Strand. »Der Strip«, wie er genannt wurde, war gesäumt von Casinos, Bars und Bordellen und ließ sich von den gesetzestreuen Bürgern leicht ignorieren. Abseits davon gestaltete sich das Leben normal und sicher. Suchte jemand Ärger, war er problemlos zu finden. Ansonsten konnte man ihm aus dem Weg gehen. Biloxi florierte aufgrund von Meeresfrüchten, Schiffbau, Tourismus, Baumaßnahmen und der beeindruckenden Arbeitsmoral der Einwanderer, die von einer besseren Zukunft träumten. Die Stadt sorgte für Schulen, Krankenhäuser, Kirchen, Highways, Brücken, Uferdämme, Parks, Freizeiteinrichtungen und alles andere, was notwendig war, um der Bevölkerung das Leben so angenehm wie möglich zu machen.
Die Rivalität begann als Freundschaft zwischen zwei Jungen, die vieles miteinander gemein hatten. Beide waren Enkel kroatischer Einwanderer in dritter Generation, beide waren auf dem »Point« geboren, wie Point Cadet genannt wurde. Ihre Familien wohnten zwei Straßen voneinander entfernt. Die Eltern und Großeltern kannten sich gut. Sie gingen in dieselbe katholische Kirche, dieselben Schulen, spielten auf denselben Straßen, Grünflächen und Stränden und gingen an den Wochenenden mit ihren Vätern angeln. Sie wurden beide 1948 geboren, im Abstand von einem Monat, und waren beide Söhne junger Kriegsveteranen, die ihre Jugendlieben geheiratet und Familien gegründet hatten.
Die Spiele ihrer Vorfahren aus der Alten Welt hatten in Biloxi wenig Bedeutung. Die Grünflächen und Sportanlagen waren für Baseball gedacht, etwas anderes kam nicht infrage. Kurz nachdem sie laufen gelernt hatten, begannen die zwei mit dem Werfen und Schlagen von Bällen, wie alle Jungen auf dem Point, und mit acht Jahren zogen sie voller Stolz ihr erstes Mannschaftstrikot an. Als sie zehn waren, wurde man auf sie aufmerksam.
Keith Rudy, der um achtundzwanzig Tage ältere der beiden, warf mit links, harte, unberechenbare Bälle, mit denen er die Schlagmänner zur Verzweiflung brachte. Er schlug auch von links, und wenn er nicht auf dem Hügel stand, war er überall dort, wo seine Trainer ihn haben wollten, im Außenfeld, auf der ersten oder der zweiten Base. Da es keine Baseballhandschuhe für Linkshänder gab, brachte er sich selbst bei, mit rechts zu fangen und zu werfen.
Hugh Malco warf mit rechts, und das noch härter und präziser als Keith. Von der 45-Fuß-Linie aus war er ein furchteinflößender Gegner, und die meisten zehnjährigen Schlagmänner zogen es vor, sich auf die Reservebank zu retten. Ein Trainer überredete ihn, von links zu schlagen, mit der üblichen Begründung, dass die meisten Pitcher in diesem Alter Rechtshänder seien. Babe Ruth habe mit links geschlagen, genau wie Lou Gehrig, und das gelte auch für Stan Musial. Mickey Mantle könne natürlich links- und rechtshändig schlagen, aber er sei ja leider ein Yankee. Hugh hörte aufmerksam zu, da er ein folgsamer Spieler war und gewinnen wollte.
Baseball war alles für sie, und das warme Wetter an der Küste ermöglichte es ihnen, fast das ganze Jahr zu spielen. Die Teams der Little League wurden Ende Februar zusammengestellt, die Spiele begannen Mitte März; zwei Matches pro Woche für mindestens zwölf Wochen. Wenn die reguläre Saison mit der Stadtmeisterschaft endete, begann mit den Auswahlspielen der ernst zu nehmende Baseball. Biloxi dominierte die Play-offs in Mississippi und hatte berechtigte Chancen auf eine Teilnahme an den Spielen auf regionaler Ebene. Bis jetzt hatte es noch kein Team zu dem großen Turnier nach Williamsport geschafft, doch jedes Jahr wurde aufs Neue gehofft.
Der Glaube war wichtig, zumindest für ihre Eltern und Großeltern, doch für die Jungen waren die St. Louis Cardinals das Maß aller Dinge. Im tiefen Süden gab es keine Teams, die in einer Profiliga spielten. Der Sender KMOX in St. Louis übertrug jedes Match der Cardinals, mit Harry Caray und Jack Buck als Kommentatoren, und die beiden Jungen kannten alle Spieler, deren Positionen, Statistiken, Heimatstädte und ihre Stärken und Schwächen. Sie verfolgten jedes Spiel, schnitten sämtliche Spielberichte in der Gulf Coast Register aus und verbrachten Stunden damit, jedes Inning nachzuspielen. Jeder Penny wurde gespart, um Baseballkarten zu kaufen, und das Tauschen mit den anderen Jungen war eine bitterernste Angelegenheit. Ihre Lieblingsmarke war Topps, vor allem, weil der Kaugummi besser war.
Wenn der Sommer kam und die Schulferien begannen, wimmelte es in den Straßen auf dem Point von Kindern, die Corkball, Kickball, Wiffleball und ein Dutzend andere Variationen von Baseball spielten. Die älteren Jungen beanspruchten sämtliche Grünflächen und die Felder der Little League für sich, dort stellten sie ihre Teams zusammen und spielten stundenlang. War der große Tag gekommen, gingen sie nach Hause, wuschen sich kurz, aßen eine Kleinigkeit und ruhten ihre strapazierten Arme und Beine aus. Dann zogen sie ihre Trikots an und rannten zu den Feldern zurück, für die richtigen Spiele, bei denen sämtliche Familienmitglieder und Freunde zusahen. An Spätnachmittagen und frühen Abenden – unter Flutlicht – gaben die Jungen ihr Bestes und riefen sich gegenseitig kleine Sticheleien über das Feld zu. Sie genossen den Beifall der Fans und kritisierten einander erbarmungslos. Ein Fehler wurde mit lauten Buhrufen quittiert. Ein Homerun ließ die Anhänger des Gegners verstummen. Ein guter Pitcher auf dem Hügel verdarb dem anderen Team die Stimmung. Eine umstrittene Entscheidung des Schiedsrichters durfte nicht kommentiert werden, zumindest nicht von den Spielern, doch die Zuschauer nahmen darauf keine Rücksicht. Und überall, auf der Tribüne, den Parkplätzen, sogar in den Unterständen plärrten Transistorradios, auf denen die Liveübertragung von KMOX aus St. Louis lief. Jeder wusste ganz genau, wie viele Punkte die Cardinals gerade gemacht hatten.
Als sie zwölf waren, hatten Keith und Hugh eine Traumsaison. Keith spielte für ein Team, das von DeJean Packing gesponsert wurde, Hugh für eines, das Shorty’s Shell unterstützte. Sie dominierten die Saison, und jedes Team verlor nur ein einziges Mal, gegeneinander, mit einem Run Unterschied. Nach einem Münzwurf kam das Team von DeJean Packing weiter und trat bei den Stadtmeisterschaften an, wo es einer Mannschaft aus dem Westen von Biloxi eine vernichtende Niederlage bereitete. Keith warf in allen sechs Innings, musste zwei Hits und vier Walks abgeben und erzielte zwei Homeruns. Er und Hugh wurden einstimmig in die Auswahlmannschaft von Biloxi aufgenommen, und zum ersten Mal waren sie ganz offiziell im selben Team, nachdem sie unzählige Male in ihrer Freizeit miteinander Baseball gespielt hatten.
Hugh als rechtshändiger und Keith als linkshändiger Pitcher versetzten die Schlagmänner in Angst und Schrecken, und Biloxi war auf dem besten Weg, die Meisterschaft von Mississippi zu gewinnen. Nach einer Woche Vorbereitung verfrachteten die Trainer ihr Team in drei Pick-ups und fuhren über den Highway 90 zwanzig Minuten nach Westen zum Turnier in Gulfport, Hunderte Fans in einem langen, lärmenden Autokorso hinter sich herziehend.
Das Turnier wurde von Teams aus dem südlichen Teil Mississippis dominiert: Biloxi, Gulfport, Pascagoula, Pass Christian und Hattiesburg. Im ersten Match gegen Vicksburg warf Keith einen One-Hitter, und Hugh schlug einen Grand Slam. Im zweiten Match warf Hugh einen One-Hitter, und Keith revanchierte sich mit zwei Homeruns. In fünf Spielen erzielte Biloxi sechsunddreißig Runs, musste nur vier abgeben und gewann die Meisterschaft. Die ganze Stadt feierte und verabschiedete die Mannschaft mit einer großen Party, als das Turnier in Pensacola anstand. In der nächsten Runde mussten sie gegen eine stärkere Konkurrenz antreten, denn jetzt waren auch die Teams aus Florida dabei.
Die Jungen waren begeistert von Auswärtsspielen, denn das bedeutete Motels, Swimmingpools und Mahlzeiten im Restaurant. Hugh und Keith teilten sich ein Zimmer und waren die unumstrittenen Anführer des Teams, nachdem sie von ihren Trainern zu Co-Kapitänen ernannt worden waren. Die beiden waren unzertrennlich, auf dem Feld und abseits davon, und sämtliche Aktivitäten der Mannschaft drehten sich um sie. Auf dem Feld waren sie starke Gegner, feuerten ihre Mitspieler an und ermunterten sie, fair zu spielen, auf die Trainer zu hören und sich von Fehlern nicht entmutigen zu lassen. Abseits des Feldes hielten sie Teambesprechungen ab, machten bei sämtlichen Streichen mit, genehmigten Spitznamen, entschieden, welche Filme im Kino angesehen wurden und in welchen Restaurants gegessen wurde, und munterten die Pechvögel auf, die auf der Reservebank sitzen mussten.
Im ersten Match gab Hugh vier Hits ab, und Biloxi gewann gegen das Team aus Mobile, das die Meisterschaft von Alabama geholt hatte. Im zweiten warf Keith so ungenau wie noch nie, leistete sich acht Walks und wurde im vierten Inning aus dem Spiel genommen. Gegen ein Team aus Jacksonville verlor Biloxi mit drei Runs im Rückstand. Zwei Tage später konnte Tampa in der zweiten Hälfte des sechsten Innings vier Runs durch einen Fehler von Hugh erzielen und ging mit einem Sieg nach Hause.
Für Biloxi war die Saison vorbei. Der Traum von einer Teilnahme an der Little League World Series in Williamsport war wieder einmal von einem Team aus Florida zerstört worden. Die Jungen kehrten in ihr Motel zurück, um ihre Wunden zu lecken, doch es dauerte nicht lange, bis alle im Pool planschten und versuchten, die Aufmerksamkeit einiger älterer Mädchen in Bikinis auf sich zu ziehen.
Ihre Eltern, die unter Sonnenschirmen am Pool saßen, sahen zu und nippten an ihren Cocktails. Eine lange Saison war endlich zu Ende, und sie freuten sich schon darauf, nach Hause zu fahren und den Sommer zu genießen, ohne sich jeden Tag um die Baseballkarriere ihre Söhne kümmern zu müssen. Fast alle Eltern waren mitgekommen, dazu noch viele Verwandte und ein paar eingefleischte Fans aus Biloxi. Einige von ihnen waren enge Freunde, andere nur flüchtige Bekannte. Die meisten lebten auf dem Point und kannten sich gut, und in dieser Gruppe hatte der Zusammenhalt Risse bekommen.
Hughs Eltern, Lance und Carmen Malco, hatten das Gefühl, von den anderen gemieden zu werden. Dafür gab es einen guten Grund.
Als Hughs Großvater 1912 in New Orleans von Bord eines Schiffes ging, war er sechzehn Jahre alt und hatte so gut wie keine Englischkenntnisse. Er konnte »Biloxi« aussprechen, das war alles, was die Beamten der Einwanderungsbehörde brauchten. Die Schiffe waren mit Osteuropäern gefüllt, von denen viele Verwandte entlang der Küste von Mississippi hatten, und die Beamten wollten möglichst viele Neuankömmlinge aus der Stadt bekommen und irgendwo anders hinschicken. Biloxi war ein beliebter Zielort.
In Kroatien hieß der junge Mann Oron Maloković, was den Einwanderungsbeamten nicht leicht über die Lippen ging. Einige von ihnen waren geduldig und bemühten sich gewissenhaft darum, die richtige Schreibweise in die Akten aufzunehmen. Andere wiederum waren überarbeitet, ungeduldig oder desinteressiert oder vielleicht der Meinung, dem Einwanderer einen Gefallen zu tun, wenn sie ihm einen neuen Namen gaben, der besser in die neue Heimat passte. Fairnesshalber muss man sagen, dass manche der Namen von »dort drüben« für Englischsprachige schwierig wiederzugeben waren. Die wechselhafte Geschichte von New Orleans und der Golfküste wurde von Franzosen und Spaniern dominiert, und bis zum 19. Jahrhundert hatten beide Sprachen ihre Spuren im Englischen hinterlassen. Doch die slawischen Sprachen mit ihren vielen Konsonanten waren etwas ganz anderes.
Aus Oron Maloković wurde jedenfalls Aaron Malco, der seine neue Identität widerstrebend annahm, weil er keine andere Wahl hatte. Ausgestattet mit neuen Papieren, machte er sich auf den Weg nach Biloxi, wo ihm ein Verwandter ein Zimmer in einer der Baracken und einen Job in einem »Austernhaus« vermittelte. Wie seine Landsleute musste er sich mühsam durchschlagen, arbeitete so viel und so lang wie möglich und sparte ein paar Dollar. Nach zwei Jahren fand er eine bessere Stelle bei einer Werft in Biloxis Back Bay, auf der Schoner gebaut wurden. Der Lohn war besser, doch die Arbeit war körperlich anstrengend. Aaron war inzwischen ausgewachsen und über eins achtzig groß. Er hatte breite, muskulöse Schultern und trug Holzbalken, für die normalerweise zwei oder drei Männer gebraucht wurden. Bei seinen Vorgesetzten war er beliebt, und nach einiger Zeit bekam er seine eigene Crew und mehr Geld. Mit neunzehn Jahren verdiente er fünfzig Cent die Stunde, ein Spitzenlohn, und arbeitete so viele Stunden, wie er konnte.
Als Aaron zwanzig war, heiratete er Lida Simonovich, eine siebzehnjährige Kroatin, die das Glück hatte, in den Vereinigten Staaten geboren worden zu sein. Sie war zwei Monate nach der Ankunft ihrer Eltern mit einem Schiff aus Europa auf die Welt gekommen. Lida arbeitete in einer Konservenfabrik und half in ihrer Freizeit ihrer Mutter, die Schneiderin war. Das junge Paar mietete eines der ärmlichen Häuser auf dem Point, wo es von Familie und Freunden umgeben war, die alle aus der alten Heimat stammten.
Acht Monate nach der Hochzeit fanden ihre Träume ein jähes Ende: Aaron stürzte von einem Gerüst. Ein gebrochener Arm und ein gebrochenes Bein würden heilen, doch der zerquetschte Wirbel in seinem unteren Rücken machte ihn fast zum Krüppel. Viele Monate lag er zu Hause im Bett, und es dauerte lange, bis er wieder gehen konnte. Die beiden hatten kein regelmäßiges Einkommen mehr und überlebten nur dank der Unterstützung von Familie und Nachbarn. Essen wurde vorbeigebracht, die Miete bezahlt, und der Gemeindepfarrer, Pater Herbert, kam jeden Tag und betete mit ihnen, auf Englisch und Kroatisch. Mithilfe eines Stocks, auf den er trotz aller Bemühungen zeitlebens angewiesen sein würde, machte sich Aaron schließlich an die schwierige Aufgabe, Arbeit zu suchen.
Ein entfernter Cousin besaß einen von drei kleinen Lebensmittelläden auf dem Point. Er hatte Mitleid mit Aaron und bot ihm einen Job an – den Boden fegen, Regale auffüllen und später auch die Kasse bedienen. Nach kurzer Zeit hatte Aaron die Leitung des Ladens übernommen, der immer besser lief. Er kannte alle Kunden und deren Kinder und Großeltern und tat alles, um jemandem zu helfen, der etwas brauchte. Er verbesserte das Angebot, nahm Artikel, die sich schlecht verkauften, aus dem Bestand, und vergrößerte den Laden. Auch außerhalb der Öffnungszeiten holte er für Kunden Waren aus dem Geschäft und lieferte sie ihnen mit einem alten Fahrrad nach Hause. Da sich Aaron so gut um den Lebensmittelladen kümmerte, beschloss sein Chef, zwei Straßen weiter eine Kurzwarenhandlung zu eröffnen.
Aaron sah eine Möglichkeit für eine weitere Expansion. Er überredete seinen Chef, das Gebäude nebenan zu mieten und eine Bar einzurichten. 1920 war das Land fest im Griff der Prohibition, und die katholischen Einwanderer in Biloxi hatten so viel Durst wie noch nie. Aaron traf eine Vereinbarung mit einem örtlichen Alkoholschmuggler und bestückte seine Bar mit einem beeindruckenden Sortiment an Bieren, von denen einige sogar aus Europa kamen, und einem guten Dutzend beliebter irischer Whiskeys.
Jeden Morgen bei Sonnenaufgang schloss er den Lebensmittelladen auf und bot den Fischern und Arbeitern der Konservenfabriken starken Kaffee und kroatisches Gebäck an. Spätabends bereitete Lida stets ein Blech mit Kroštule zu, in Öl frittierte und mit Puderzucker bestäubte Küchlein, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Vormittags arbeitete Aaron auf seinen Stock gestützt im Geschäft, er stand am Ladentisch, zerlegte Fleisch, füllte Regale auf, fegte den Boden und kümmerte sich um die Wünsche seiner Kunden. Am späten Nachmittag öffnete er die Bar und begrüßte seine Stammgäste. Wenn er nicht gerade Drinks servierte, eilte er zurück in den Laden, den er nach dem letzten Kunden zusperrte, für gewöhnlich gegen neunzehn Uhr. Von da an stand er hinter der Theke, wo er Getränke ausschenkte, sich mit Freunden unterhielt, Witze erzählte und Gerüchte in Umlauf brachte. Meist machte er gegen elf zu, wenn die letzte Schicht von Arbeitern aus den Konservenfabriken endlich nach Hause ging.
1922 bekamen Lida und Aaron ihr erstes Kind, dem sie den schönen amerikanischen Namen Lance gaben. Eine Tochter und ein weiterer Sohn folgten bald darauf. In ihrem kleinen Haus wurde es eng, und Aaron überredete seinen Chef, das nicht ausgebaute Stockwerk über der Bar und dem Lebensmittelladen an ihn zu vermieten. Die Familie zog ein, während ein Trupp Zimmerleute Trennwände errichtete und eine Küche montierte. Aarons Sechzehn-Stunden-Tage wurden noch länger. Lida kündigte in der Konservenfabrik, damit sie die Kinder großziehen und im Laden mithelfen konnte.
1925 starb sein Chef ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Aaron konnte die Witwe nicht leiden und sah keine Zukunft unter ihrer Fuchtel. Er überredete sie, die Bar und den Lebensmittelladen an ihn zu verkaufen, und gegen tausend Dollar in bar und einen Schuldschein wurde er der neue Besitzer. Der Schuldschein war nach zwei Jahren beglichen, und Aaron eröffnete ein weiteres Lokal auf der Westseite des Point. Mit zwei beliebten Bars und einem gut gehenden Lebensmittelgeschäft waren die Malcos wohlhabender geworden als die meisten Einwandererfamilien, protzten jedoch nicht mit ihrem Reichtum. Sie arbeiteten so hart wie immer, legten Geld zurück, lebten nach wie vor in der Wohnung über dem Laden und gingen ihren Weg als einfache, bescheidene Einwanderer. Sie waren immer bereit, anderen zu helfen, und häufig griff Aaron Freunden mit kleineren Krediten unter die Arme, wenn Banken Nein gesagt hatten. Sie spendeten großzügig für ihre Kirchengemeinde und versäumten keine einzige Sonntagsmesse.
Ihre Kinder arbeiteten im Laden mit, sobald sie alt genug dafür waren. Lance war bereits mit sieben Jahren fester Bestandteil des Lebens auf dem Point und lieferte Lebensmittel mit dem Rad aus. Mit zehn schob er Bierflaschen über die Theke und führte Buch über die Gäste, die anschreiben ließen.
Aaron hatte zu Beginn seiner Karriere als Laden- und Barbesitzer die dunkleren Seiten des Glücksspiels miterlebt und wollte nichts damit zu tun haben. Abgesehen davon, dass es illegal war, beschloss er, keine Karten- und Würfelspiele im Hinterzimmer zu erlauben. Die Versuchung war groß, und einige seiner Gäste beschwerten sich, doch er blieb standhaft. Pater Herbert begrüßte die Entscheidung.
Die Weltwirtschaftskrise ließ den Handel mit Meeresfrüchten einbrechen, doch Biloxi kam damit besser zurecht als der Rest des Landes. Garnelen und Austern gab es immer noch im Überfluss, und die Leute mussten schließlich essen. Der Tourismus kam zum Erliegen, doch die Konservenfabriken waren weiterhin in Betrieb, wenn auch in geringerem Umfang. Auf dem Point wurden viele Arbeiter entlassen und gerieten mit ihren Mieten in Rückstand. Ohne viel Aufhebens übernahm Aaron die Hypotheken für Dutzende der ärmlichen Behausungen und wurde Vermieter. Er nahm Schuldscheine für überfällige Mietzahlungen und vergaß sie in der Regel sofort wieder. Kein einziger von seinen Mietern wurde je aus seinem Haus geworfen.
Als Lance mit der Highschool fertig war, spielte er mit dem Gedanken, aufs College zu gehen. Aaron war nicht begeistert davon, weil er seinen Sohn im Familienbetrieb brauchte. Lance belegte ein paar Kurse an einem Community College in der Nähe, wobei sich – wenig überraschend – herausstellte, dass er eine Begabung für Wirtschaft und Finanzen hatte. Seine Lehrer rieten ihm zu einem Studium am College im nahe gelegenen Hattiesburg, an dem Lehrer ausgebildet wurden, doch er hatte Angst, seinem Vater davon zu erzählen.
Als der Krieg ausbrach, gab Lance seinen Traum von einem Studium auf. Am Tag nach dem Angriff auf Pearl Harbor verpflichtete er sich bei der US Army und verließ zum ersten Mal in seinem Leben seine Heimatstadt. Er wurde mit der First Infantry Division verschifft und erlebte schwere Kämpfe in Nordafrika. 1944 landete er bei der Invasion der alliierten Streitkräfte in Italien mit der ersten Welle in Anzio. Da Lance Kroatisch sprach, wurde er mit Hunderten anderer Soldaten nach Osteuropa geschickt, wo die Deutschen auf der Flucht waren. Anfang 1945 kam er in die alte Heimat seines Vaters und seiner Großväter und schrieb Aaron einen langen Brief, in dem er das vom Krieg zerstörte Land beschrieb. Er endete mit: Danke, Vater, dass du den Mut hattest, dein Zuhause zu verlassen und ein besseres Leben in Amerika zu suchen. Aaron weinte, als er den Brief las, dann erzählte er seinen Freunden und Lidas Familie davon.
Während die Alliierten die Deutschen zurückdrängten, wurde Lance in Kampfhandlungen verwickelt. Zwei Tage nach der Befreiung von Buchenwald ging er mit seinem Zug zusammen durch die schmutzigen Straßen des Konzentrationslagers und sah ungläubig zu, wie zahllose ausgemergelte Leichen in Massengräbern bestattet wurden. Drei Monate nach der Kapitulation der Deutschen kehrte Lance nach Biloxi zurück, unverletzt, aber mit Erinnerungen, die so grauenhaft waren, dass er sie möglichst schnell vergessen wollte.
1947 heiratete er Carmen Coscia, eine Italienerin, die er seit der Highschool kannte. Zur Hochzeit schenkte ihnen Aaron ein Haus auf dem Point, in einem Neubaugebiet für Veteranen. Lance arbeitete natürlich wieder im Betrieb seines Vaters und schloss mit dem Krieg ab. Doch der Lebensmittelladen und die Bars langweilten ihn. Er war ehrgeizig und wollte mit Glücksspiel das große Geld verdienen. Aaron war immer noch strikt dagegen, was zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen führte.
Dreizehn Monate nach der Hochzeit brachte Carmen ihren Sohn Hugh zur Welt, und die Familie feierte den Beginn einer neuen Generation. Überall auf dem Point wurden Babys geboren, und Pater Herbert wurde mit unzähligen Taufen auf Trab gehalten. Die jungen Familien wurden immer größer, und die älteren Leute feierten. Das Leben auf dem Point war nie besser gewesen.
Biloxi boomte wieder, und der Handel mit Meerestieren stieg sprunghaft an. Als sich der Tourismus erholte, wurden Luxushotels an den Stränden gebaut. Die Armee beschloss, Keesler als Stützpunkt beizubehalten, was für ständigen Nachschub an jungen Soldaten auf der Suche nach Zerstreuung sorgte. Immer mehr Bars, Casinos und Bordelle schossen aus dem Boden, und auf dem Strip war noch mehr los als früher. Polizei und Politiker kassierten ihre Bestechungsgelder und schauten weg, wie es Tradition war. Als das im Art-déco-Stil gebaute Broadwater Beach Hotel eröffnete, standen lange Reihen brandneuer Spielautomaten in der Lobby, die von einem Zwischenhändler in Las Vegas stammten und immer noch höchst illegal waren.
Als frischgebackener Vater gab Lance seine Ambitionen auf, tiefer ins Glücksspiel einzusteigen. Außerdem hatte Aaron immer noch das Sagen und war sehr um seinen guten Ruf besorgt. 1950 starb er mit vierundfünfzig Jahren an einer Lungenentzündung, und vieles im Familienbetrieb der Malcos änderte sich. Da er kein Testament hinterlassen hatte, ging sein Vermögen zu gleichen Teilen an Lida und die drei Kinder. Lida war untröstlich über seinen Tod und verfiel in eine tiefe Depression. Lance und die beiden Geschwister gerieten wegen des Erbes in Streit, was ein schweres Zerwürfnis zur Folge hatte. Sie zankten sich jahrelang miteinander, sehr zum Missfallen ihrer Mutter. Als sich ihr Gesundheitszustand zusehends verschlechterte, wurde sie von Lance, ihrem Erstgeborenen, der immer ihr Liebling gewesen war, dazu überredet, ein Testament zu verfassen, in dem sie ihm die Kontrolle über den Nachlass übertrug. Als seine Schwester und sein Bruder davon erfuhren, drohten sie, ihn zu verklagen, doch Lance legte den Disput bei, indem er jedem seiner Geschwister fünftausend Dollar in bar anbot. Sie nahmen an. Sein Bruder verließ die Küste. Seine Schwester heiratete einen Arzt und zog nach New Orleans.
Trotz des Familiendramas und der weit verbreiteten Meinung, dass es Lance gelungen sei, seine Geschwister auszutricksen, waren er und Carmen nach wie vor hoch angesehen auf dem Point. Sie lebten bescheiden, obwohl sie sich etwas Besseres hätten leisten können, und waren sehr großzügig. Die beiden waren die größten Spender für St. Michael’s und die sozialen Projekte der Kirchengemeinde und zögerten nie, Bedürftigen zu helfen. Von einigen wurde Lance sogar für den klügeren Malco gehalten, der nichts dagegen hatte, sein Geld mit undurchsichtigen Geschäften zu verdienen.
Abseits des Point machte er sich jedoch daran, seine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen. Er beteiligte sich als stiller Partner an einem Nachtclub und baute eine Hälfte davon zu einem Casino um. Die andere Hälfte war eine Bar mit verwässerten, überteuerten Drinks, die von den GIs bereitwillig bezahlt wurden, vor allem, wenn sie von hübschen Kellnerinnen in freizügiger Kleidung serviert wurden. Das Geschäft lief so gut, dass Lance und sein Partner einen zweiten Club eröffneten, der größer und schöner war. Sie nannten ihn Red Velvet und ließen eine grellbunte Neonreklame davor errichten, die hellste am Highway 90. Der Strip war geboren.
Carmen hörte im Lebensmittelladen auf und wurde Vollzeitmutter. Lance arbeitete lange, tagsüber und nachts, und war häufig unterwegs, doch Carmen hielt die Familie zusammen und war ganz vernarrt in ihre drei Kinder. Sie missbilligte die illegalen Unternehmungen ihres Mannes, doch seine Clubs waren nur selten Gesprächsthema. Die Lokale brachten gutes Geld, und die Malcos hatten mehr davon als die meisten anderen auf dem Point. Sich zu beklagen würde nichts bringen. Lance war altmodisch, sein Vater stammte aus der Alten Welt, in der galt, dass der Mann mit eiserner Faust im Haus regierte und die Frau die Kinder großzog. Carmen fügte sich mit stiller Beharrlichkeit in ihre Rolle.
Die vielleicht glücklichsten Momente erlebte die Familie auf dem Baseballfeld. Der kleine Hugh war bereits mit acht ein herausragender Spieler und verbesserte sich mit jedem Jahr. Jeder Trainer wollte ihn in seinem Team haben. Als er zehn war, wurde er für die Liga ausgewählt, in der die Zwölfjährigen spielten. Nur ein anderer Junge war so gut wie er – sein Freund Keith Rudy.
Die Rudys lebten schon fast so lange auf dem Point wie die Malcos. Irgendwann hatte jemand bei der Einwanderungsbehörde von New Orleans aus »Rudić« einfach »Rudy« gemacht. Kein üblicher amerikanischer Name, aber immer noch leichter auszusprechen als alles andere aus Kroatien.
Keiths Vater, Jesse Rudy, wurde 1924 geboren und wuchs wie alle Kinder in seinem Alter zwischen den Konservenfabriken und den Garnelenkuttern auf. Einen Tag nach seinem achtzehnten Geburtstag ging er zur Navy und wurde in den Pazifik geschickt. Hunderte junger Männer vom Point waren in den Krieg gezogen, und die Kirchengemeinde betete fast ununterbrochen. Die tägliche Messe war stets bis auf den letzten Platz besetzt. Die Briefe der Soldaten wurden Freunden laut vorgelesen, von den Vätern bei einem Bier und von den Müttern bei ihren Strickzirkeln besprochen. Im November 1943 erreichte der Krieg die Familie Bonovich, als jemand von der Truppe an ihre Tür klopfte. Harry, der bei den Marines diente, war auf Guadalcanal gefallen. Es war der erste Todesfall auf dem Point und erst der vierte aus Harrison County. Die Nachbarn trauerten und halfen, wo sie konnten, während die dunkle Wolke des Krieges über allem hing. Zwei Monate später verlor der zweite junge Mann sein Leben.
Jesse diente auf einem Zerstörer der Pazifikflotte. Im Oktober 1944 wurde er verwundet, bei der Schlacht im Golf von Leyte, als sein Schiff durch den Volltreffer eines Kamikazefliegers zerstört wurde. Er wurde mit schweren Verbrennungen an den Beinen aus dem Meer gefischt. Zwei Monate später kam er im Marinehospital von San Francisco an, wo er von guten Ärzten und einer ganzen Armada hübscher junger Krankenschwestern behandelt wurde.
Jesse verliebte sich in eine der Krankenschwestern, und als er im Frühjahr 1945 entlassen wurde, kehrte er auf zwei wackligen Beinen mit einem Seesack, der seinen gesamten Besitz enthielt, und einer neunzehnjährigen Braut an die Küste zurück. Agnes kam von einer Farm in Kansas und war Jesse mit großen Bedenken gefolgt. Sie war noch nie in den Südstaaten gewesen und hegte die üblichen Vorurteile: Farmpächter mit nackten Füßen, zahnlose Hinterwäldler, Grausamkeiten gegenüber Schwarzen und so weiter, doch sie hatte sich bis über beide Ohren in Jesse verliebt. Das junge Paar mietete ein Haus auf dem Point und begann zu arbeiten. Agnes fand eine Stelle als Krankenschwester beim Stützpunkt, während sich Jesse von einem aussichtslosen Job zum anderen hangelte. Aufgrund seiner körperlichen Beeinträchtigung konnte er nicht einmal in Teilzeit auf einem Garnelenboot arbeiten, worüber er sehr erleichtert war.
Agnes lebte sich zu ihrer Überraschung schnell an der Küste ein. Der Zusammenhalt in den Einwanderergemeinden gefiel ihr, und sie wurde ohne Vorbehalte und Vorurteile willkommen geheißen. Ihre anglo-protestantische Herkunft wurde ignoriert. Nach achtzig Jahren in den Vereinigten Staaten waren Eheschließungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen an der Tagesordnung und wurden akzeptiert. Agnes genoss die Tanzveranstaltungen und Partys, hin und wieder einen Drink und die großen Familienfeiern. Das Leben auf dem Land in Kansas war ruhiger und trockener gewesen.
1946 stellte der Kongress die Mittel für die GI Bill bereit. Plötzlich konnten sich Tausende junger Veteranen ein Studium leisten. Jesse schrieb sich an einem Community College ein und belegte jede Geschichtsvorlesung, die angeboten wurde. Er wollte Geschichtslehrer an einer Highschool werden. Doch insgeheim träumte er davon, als Professor an einer Universität zu unterrichten.
Die Gründung einer Familie war nicht geplant, doch Nachkriegsamerika erwies sich als fruchtbares Land. Keith wurde im April 1948 geboren, auf dem Keesler-Stützpunkt, wo es für Veteranen und ihre Familien eine kostenlose medizinische Versorgung gab.
Achtundzwanzig Tage später wurde im gleichen Teil des Krankenhauses Hugh Malco geboren. Ihre Familien kannten sich aus der Einwanderergemeinde auf dem Point, und ihre Väter waren befreundet, allerdings nicht sehr eng.
Fünf Monate nach Keiths Geburt überraschten Jesse und Agnes seine Familie mit der Neuigkeit, dass sie wegziehen würden, um zu studieren. Oder besser gesagt, Jesse würde studieren. Das nächstgelegene College mit einem vierjährigen Studiengang für Lehrer lag im einhundertzwanzig Kilometer entfernten Hattiesburg. In ein paar Jahren würden sie wiederkommen. Jesse würde der Erste mit einem College-Abschluss in der Familie Rudić/Rudy sein, und seine Eltern waren zu Recht stolz. Er und Agnes packten Keith und ihr gesamtes Hab und Gut in ihren klapprigen Mercury und fuhren auf dem Highway 49 nach Norden. Sie mieteten eine winzige Studentenwohnung auf dem Campus, und innerhalb von zwei Tagen hatte Agnes eine Stelle als Krankenschwester für einige Ärzte. Sie stimmten ihren Dienstplan auf seine Vorlesungen und Seminare ab und konnten sich auf diese Weise das Geld für einen Babysitter sparen. Jesse belegte so viele Kurse wie möglich und schaffte seine Prüfungen ohne Mühe.
Nach zwei Jahren war er fertig. Die beiden überlegten, ob sie bleiben und ein Masterstudium anhängen sollten, da schlug der Storch wieder zu. Als Agnes feststellte, dass sie ihr zweites Kind erwartete, war klar, dass die Collegezeiten vorbei waren und Jesse sich Arbeit suchen musste. Sie kehrten nach Biloxi zurück und mieteten ein Haus auf dem Point. An der Highschool von Biloxi war gerade keine Stelle als Geschichtslehrer frei, daher unterrichtete Jesse Neuntklässler in Gulfport in Staatsbürgerkunde. Sein erstes Gehalt betrug zweitausendsiebenhundert Dollar im Jahr. Agnes nahm wieder ihren alten Job als Krankenschwester auf dem Stützpunkt an, musste ihn aber gleich wieder aufgeben, da sie mit einer schwierigen Schwangerschaft zu kämpfen hatte.
Beverly wurde 1950 geboren. Jesse und Agnes waren beide der Meinung, dass zwei Kinder für eine Weile genug waren, und kümmerten sich gewissenhaft um die Familienplanung. Schließlich gelang es ihm, eine Stelle als Geschichtslehrer an der Gulfport High zu ergattern, die mit einer leichten Gehaltserhöhung verbunden war. Agnes arbeitete Teilzeit, und wie die meisten jungen Paare im Nachkriegsamerika konnten sie sich gerade so über Wasser halten und träumten von einer besseren Zukunft. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ging etwas schief, und Agnes wurde zum dritten Mal schwanger. Laura kam vierzehn Monate nach Beverly zur Welt, und von einem Tag zum anderen war das Haus viel zu klein geworden. Doch Jesses Eltern wohnten nur vier Türen weiter, und quasi direkt gegenüber gab es Tanten und Onkel. Wenn Agnes Hilfe benötigte oder sich hin und wieder eine Pause gönnen wollte, brauchte sie nur zu rufen, und schon machte sich jemand auf den Weg. Die Mütter und Großmütter in ihrem Viertel waren sehr stolz darauf, dass sie sich bei der Erziehung der Kinder gegenseitig unterstützten.
Ein Lieblingsthema von Jesse und Agnes, das in den seltenen ruhigen Momenten aber nur im Flüsterton zur Sprache kam, war der Plan, vom Point wegzuziehen. Sie brauchten die Unterstützung der anderen und waren auch sehr dankbar dafür, doch manchmal hatten sie das Gefühl, erdrückt zu werden. Alle wussten alles über sie. Es gab nur wenig Privatsphäre. Wenn sie aus welchem Grund auch immer die Sonntagsmesse versäumten, konnten sie davon ausgehen, dass am Nachmittag Familie und Freunde vor der Tür standen und wissen wollten, wer krank sei. Wenn eines der Kinder Fieber hatte, war das für die gesamte Straße eine Angelegenheit auf Leben und Tod. Privatsphäre war ein Problem, Platz ein noch größeres. Das Haus war zu eng für sie, und es würde noch enger werden, wenn die drei Kinder größer wurden. Doch ein Umzug würde schwierig sein. Mit drei kleinen Kindern am Rockzipfel konnte Agnes nicht arbeiten, was ein schwerer Schlag für sie war, denn in Vollzeit verdiente sie mehr als ihr Mann. Jesse bekam nicht einmal dreitausend Dollar im Jahr, und Gehaltserhöhungen für Lehrer hatten keine Priorität.
Deshalb träumten sie weiter. Und auch wenn es ihnen schwer fiel, versuchten sie, so weit wie möglich auf Sex zu verzichten. Ein viertes Kind war völlig ausgeschlossen.
Es kam trotzdem. Am 14. Mai 1953 brachten sie Timothy nach Hause, wo er von zahlreichen Nachbarn begrüßt wurde. Die meisten waren insgeheim der Meinung, dass nach vier Kindern Schluss sein sollte. Sie hatten genug von Ballons und Torte.
Während seines kurzen Intermezzos als Student – wenn auch als verheirateter – schloss Jesse nur mit einem seiner Kommilitonen enger Freundschaft. Felix Perry studierte ebenfalls Geschichte im Hauptfach, wechselte dann aber kurz nach dem Abschluss seinen Berufswunsch und beschloss, Anwalt zu werden. Als herausragender Student war es für ihn kein Problem, einen Platz an der juristischen Fakultät der Ole Miss zu bekommen, und nach drei Jahren beendete er das Studium als Bester seines Jahrgangs. Er ergatterte einen Job bei einer guten Kanzlei in Jackson und bezog ein beneidenswert hohes Gehalt.
Felix rief an und sagte, er werde geschäftlich nach Biloxi kommen. Wie es denn mit einem Treffen zum Abendessen wäre? Mit vier Kindern unter fünf Jahren wagte Jesse nicht einmal davon zu träumen, abends auszugehen, doch Agnes bestand darauf. »Aber komm mir nicht betrunken nach Hause«, sagte sie lachend.
»Wann ist das zum letzten Mal passiert?«
»Noch nie. Und jetzt geh endlich.«
Als Single auf Geschäftsreise wollte Felix sich amüsieren. Sie aßen Gumbo, rohe Austern und gegrillten Schnapper im Mary Mahoney’s, dazu gab es eine Flasche französischen Wein. Felix machte deutlich, dass der Abend auf ihn ging, und sagte, er werde alles einem Mandanten in Rechnung stellen. Jesse fühlte sich geschmeichelt. Doch im Laufe des Abendessens ging ihm die Wichtigtuerei seines alten Freundes auf die Nerven. Felix verdiente gut, trug teure Anzüge und fuhr einen nagelneuen Ford. Er stand erst am Anfang seiner Karriere, bei der er es weit bringen würde. In sieben, vielleicht auch acht Jahren würde er Partner sein, und das war in etwa so, als würde er den Jackpot gewinnen.
»Hast du schon mal darüber nachgedacht, Anwalt zu werden?«, fragte er. »Du kannst doch nicht bis in alle Ewigkeit an der Highschool unterrichten.«
Völlig richtig, doch Jesse wollte es nicht zugeben. »Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht«, erwiderte er. »Aber ich liebe meine Arbeit.«
»Das ist auch wichtig, Jesse. Schön für dich, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Lehrer in Mississippi finanziell über die Runden kommt. Die Gehälter sind ein Witz. Sie sind immer noch die niedrigsten im Land, stimmt’s?«
Allerdings, aber Felix hätte sich die Bemerkung sparen können.
Sie verbrachten die Hälfte des Abendessens damit, über Anwälte und Klagen zu sprechen, und für Jesse erwies sich die Unterhaltung als sehr aufschlussreich. Zum einen ärgerte er sich darüber, daran erinnert zu werden, dass Unterrichten an einer Highschool immer eine finanzielle Belastung sein würde, vor allem, wenn man damit den Lebensunterhalt für eine sechsköpfige Familie verdienen musste. Und zum anderen fand er die Vorstellung, Anwalt zu werden, immer reizvoller, je länger ihr Gespräch andauerte. Angesichts der Tatsache, dass er schon fast dreißig war, schien es ein unmögliches Unterfangen zu sein, doch vielleicht war es genau das Richtige für ihn.
Felix bezahlte die Rechnung, dann zogen sie los, um »Ärger« zu suchen, wie er es nannte. Er stammte aus einem kleinen County, in dem Alkohol verboten war – 1954 waren noch alle zweiundachtzig Countys Mississippis trocken – und kannte die liederlichen Sitten in Biloxi nur vom Hörensagen. Er wollte trinken, Würfel spielen, nackte Haut sehen und vielleicht mit einem Mädchen aufs Zimmer gehen.
Wie alle Einheimischen war Jesse in einer Kultur und einer Stadt aufgewachsen, in der einige Männer Spaß an Ausschweifungen hatten – Glücksspiel, Prostituierte, Stripperinnen, Whiskey –, die zwar alle illegal waren, aber dennoch akzeptiert wurden. Als Teenager hatte er Zigaretten aus den Billardsalons und Bier aus einigen Bars mitgehen lassen, doch kaum war der Reiz des Neuen vorbei, waren diese verbotenen Aktivitäten uninteressant für ihn. In jeder Familie gab es Geschichten über junge Männer mit Spielschulden oder Alkoholproblemen, und jede Mutter klärte ihre Söhne über die in der Stadt lauernden Gefahren auf. Am Abend bevor Jesse ins Trainingslager für Rekruten gegangen war, waren er und einige Freunde durch die Bars gezogen und hatten ihr letztes Geld für Prostituierte ausgegeben. Beim Frühstück am nächsten Morgen hatte seine Mutter die Sauftour mit keinem Wort erwähnt. Er war nicht der einzige Soldat gewesen, der sich mit einem Kater in den Krieg verabschiedet hatte. Bei seiner Rückkehr drei Jahre später hatte er sich eine Frau mitgebracht, und damit war sein kurzes Gastspiel als Partylöwe vorbei gewesen. Hin und wieder, höchstens einmal im Monat, traf er sich mit ein paar Freunden nach der Arbeit auf ein Bier. Seine Lieblingsbar war Malco’s Grocery, und häufig stand dort Lance hinter der Theke und mixte Drinks.
Er wusste nicht genau, welche Art von »Ärger« Felix im Sinn hatte, doch der sicherste Ort, um sein Geld loszuwerden, war Jerry’s Truck Stop, eine Institution am Highway 90, der Hauptstraße entlang der Küste. Früher hatte Jerry dort tatsächlich Diesel verkauft und vorbeikommende Sattelschlepper repariert. Dann baute er hinter seinem Coffee-Shop eine Bar an, in der es die billigsten Drinks an der Küste gab. Die Trucker waren begeistert und erzählten überall herum, dass man sich zu seinen Rühreiern mit Speck ein eiskaltes Bier bestellen konnte. Jerry vergrößerte die Bar und zählte Geldscheine, bis der Sheriff ihm mitteilte, dass Alkohol am Steuer nicht das Wahre sei. Es habe einige Unfälle gegeben, die von betrunkenen Truckern verursacht worden seien, dabei seien mehrere Leute umgekommen. Jerry hatte die Wahl – Diesel oder Alkohol. Er entschied sich für Letzteres, riss die Zapfsäulen heraus, machte aus seinem Laden ein Casino und fing an, Soldaten anstelle von Truckern zu bedienen. Aus dem »Truck Stop« wurde die bekannteste Bar von Biloxi.
Felix zahlte den Eintritt in Höhe von einem Dollar, dann gingen sie zu der langen, glänzenden Theke. Beim Anblick von zwei hübschen Tänzerinnen, die sich mit Bewegungen, die Felix noch nie gesehen hatte, um eine Stange wickelten, fiel ihm die Kinnlade herunter. Im Club war es laut, dunkel und verraucht; bunte Lichter strichen über die Tanzfläche. Sie fanden zwei freie Plätze und wurden sofort von zwei jungen Damen mit dick aufgetragenem Make-up, tief ausgeschnittenen Blusen und kurzen Röcken angesprochen.
»Wie wär’s mit einem Drink, Jungs?«, fragte die eine, während sie sich zwischen die beiden drängte und Felix ihre Brüste an den Oberkörper presste. Die andere machte Jesse an, der wusste, was jetzt kam.
»Na klar«, meinte Felix, der endlich Geld ausgeben wollte. »Was darf’s denn sein?«
Jesse winkte einem der vier Barkeeper zu. Innerhalb von Sekunden standen zwei große, grünlich schimmernde Cocktails für die Mädchen und zwei Bourbons für die Jungs auf der Theke.
»Und nicht vergessen – jeder vierte Drink geht aufs Haus«, sagte der freundliche Barkeeper laut.
»Wow!«, kreischte Felix fast. Ein Gast brauchte also mindestens acht Drinks, wenn es sich für ihn lohnen sollte.
Die grünen Drinks waren lediglich Zuckerwasser und mit einem bunten Rührstäbchen aus Plastik dekoriert, auf dem eine Kirsche steckte. Nach einer Weile würden die Mädchen die Stäbchen verschwinden lassen und in ihrer Kleidung verstecken. Wenn ihre Schicht zu Ende war und abgerechnet wurde, bekamen sie fünfzig Cent pro Stäbchen, aber nichts pro Stunde. Je mehr Drinks die Gäste für sie bestellten, desto mehr Geld verdienten sie. Die Einheimischen kannten das Spiel. Die Touristen und Soldaten nicht, und sie orderten munter weiter.
Die Mädchen waren hübsch, und je jünger, desto besser. Der Verdienst war gut, Jobs für Frauen waren in den kleinen Städten kaum zu finden, und so kamen sie an die Küste, wo die Sitten lockerer waren. Es gab unzählige Geschichten über Mädchen vom Land, die für ein paar Jahre in den Clubs arbeiteten, ihr Geld sparten und dann nach Hause zurückkehrten, wo niemand wusste, was sie getrieben hatten. Sie heirateten ihre Jugendliebe aus der Highschool und gründeten eine Familie.
Felix war von Debbie angesprochen worden, die schon länger in der Bar arbeitete und ein williges Opfer auf den ersten Blick ausmachen konnte, was bei ihm allerdings nicht sonderlich schwierig war. »Wir gehen tanzen. Pass auf unsere Drinks auf«, sagte Felix zu Jesse.
Die beiden verschwanden in der Menge. Sherry Ann, das andere Mädchen, schmiegte sich an Jesse. Er lächelte und sagte: »Kein Interesse. Ich bin glücklich verheiratet und habe vier Kinder. Tut mir leid.«
Sherry Ann seufzte, schmollte und verstand. »Danke für den Drink«, hauchte sie. Innerhalb von Sekunden war sie weg und versuchte ihr Glück am anderen Ende der Theke. Nach ein paar Minuten, in denen sie eng umschlungen getanzt hatten, kamen Felix und Debbie wieder und schnappten sich ihre Drinks. »Wir gehen nach oben. Gib mir dreißig Minuten, okay?«, raunte er Jesse zu.
»Klar.«
Jesse, der jetzt allein an der Theke saß und einen weiteren Annäherungsversuch vermeiden wollte, stand auf und ging ins Casino hinüber. Er hatte Gerüchte über die wachsende Beliebtheit des Truck Stop gehört, doch die Anzahl der Tische überraschte ihn. Entlang der Wände waren Spielautomaten aufgereiht. Roulette- und Craps-Tische standen auf einer Seite, die für Poker und Blackjack auf der anderen. Um sie herum scharten sich Dutzende Spieler – fast alle Männer, viele in Uniform –, die rauchten, tranken und wild durch den Raum brüllten. Cocktailkellnerinnen huschten vorbei und versuchten, die vielen Getränkewünsche zu erfüllen. Und das an einem Dienstagabend, mitten in der Woche.
Jesse wusste, dass er um Roulette und Craps einen großen Bogen machen musste, denn diese Tische wurden manipuliert. Es war bestens bekannt, dass Blackjack das einzige ehrliche Spiel in der Stadt war. Er entdeckte einen freien Platz an einem gut besuchten 25-Cent-Tisch und holte zwei Dollar aus der Tasche, sein persönliches Limit. Eine Stunde später hatte er zwei Dollar fünfzig gewonnen. Felix war immer noch nicht aufgetaucht.
Um elf Uhr rief er seinen Bruder an und überredete ihn, herzukommen und ihn nach Hause zu fahren.
Im darauffolgenden Jahr, 1955, schrieb sich Jesse für die Abendkurse der juristischen Fakultät an der Loyola University in New Orleans ein. Seit dem Abend mit Felix war er geradezu besessen von der Idee, Anwalt zu werden, und redete von kaum etwas anderem, zumindest nicht mit Agnes. Irgendwann war sie es leid, immer die gleichen Gespräche zu führen, und gab ihren Widerwillen auf. Mit vier kleinen Kindern kam selbst eine Teilzeitstelle als Krankenschwester nicht infrage, doch sie wollte ihn nach Kräften unterstützen. Zusammen würden sie es schon schaffen. Beiden war es zuwider, Schulden zu machen, doch als Jesses Vater sich bereit erklärte, ihnen zweitausend Dollar zu leihen, hatten sie keine andere Wahl und nahmen das Angebot an.
Jeden Dienstag fuhr Jesse nach dem Unterricht an der Highschool ins zwei Stunden entfernte New Orleans und kam fast immer fünfzehn Minuten zu spät zur ersten Lehrveranstaltung um achtzehn Uhr. Die Dozenten hatten viel Verständnis für ihre zeitlich sehr beanspruchten Studenten, die alle irgendwo in Vollzeit arbeiteten. Ihr Studium absolvierten sie abends, was eine zusätzliche Belastung für sie bedeutete, und die meisten Regeln waren nicht in Stein gemeißelt. Vier Stunden lang, in zwei Vorlesungen oder Seminaren, machte sich Jesse gewissenhaft Notizen, beteiligte sich an Diskussionen und las, wenn möglich, Texte, die demnächst besprochen wurden. Er sog Jura geradezu in sich auf und war fasziniert von der Thematik. Spätabends, wenn die zweite Lehrveranstaltung zu Ende ging, war er häufig der einzige Student, der noch hellwach war und etwas mit dem Dozenten durchnehmen konnte. Punkt 21.50 Uhr eilte er aus dem Hörsaal und fuhr nach Hause. Um Mitternacht wartete stets Agnes auf ihn, mit einem aufgewärmten Abendessen und Fragen zu seinem Studium.
Er bekam selten mehr als fünf Stunden Schlaf und stand vor Morgengrauen auf, um seinen Geschichtsunterricht vorzubereiten oder Tests seiner Schüler zu benoten.
Donnerstagabends fuhr er wieder nach New Orleans und besuchte zwei weitere Lehrveranstaltungen. Er versäumte keine einzige von ihnen, und er fehlte auch kein einziges Mal bei seiner Arbeit an der Highschool, der Sonntagsmesse oder dem Abendessen mit der Familie. Als die Kinder größer wurden, nahm er sich immer Zeit, um mit ihnen im Garten zu spielen oder an den Strand zu gehen. Um Mitternacht fand Agnes ihn häufig auf dem Sofa, wo er mit einem aufgeschlagenen Fachbuch auf der Brust vor Müdigkeit eingenickt war. Als Jesse das erste Jahr mit herausragenden Noten überstanden hatte, öffneten sie spätabends eine Flasche billigen Champagner und feierten. Dann gingen sie zu Bett und schliefen sofort ein. Einen Vorteil hatte das Ganze: Die beiden waren so erschöpft, dass keine Energie für Sex mehr blieb. Vier Kinder waren genug.
Während seines Studiums, als Familie und Freunden immer mehr bewusst wurde, dass Jesse keinem verrückten Traum hinterherjagte, machte sich in seinem Umfeld ein gewisser Stolz breit. Er würde der erste Anwalt vom Point sein, der erste unter den vielen Kindern und Enkeln der Immigranten, die in der neuen Heimat so hart gearbeitet und so viel geopfert hatten. Es gab Gerüchte, nach denen er die Gegend verlassen wollte, und Gerüchte, nach denen er bleiben wollte. Würde er in einer Kanzlei in Biloxi arbeiten oder etwas Eigenes auf dem Point eröffnen und seinen Leuten helfen? War es richtig, dass er für eine Großkanzlei in New Orleans tätig sein wollte?
Die Neugierigen behielten ihre Fragen jedoch für sich. Jesse bekam von dem leisen Grummeln nichts mit. Er war viel zu beschäftigt, um sich Gedanken über seine Nachbarn zu machen. Er hatte nicht vor, von der Küste wegzuziehen, und versuchte, jeden Anwalt in der Stadt persönlich kennenzulernen. Außerdem verbrachte er viel Zeit in den Gerichtssälen und stellte sich den Richtern und ihren Stenografen vor.
Nachdem sich Jesse Rudy vier Jahre durch die Abendschule gequält und unzählige Stunden Schlaf verloren hatte, machte er an der Loyola University seinen Abschluss mit Auszeichnung, bestand die Zulassungsprüfung der Anwaltskammer von Mississippi und nahm eine Stelle bei einer Drei-Mann-Kanzlei in der Howard Avenue im Stadtzentrum von Biloxi an. Sein Anfangsgehalt war genauso hoch wie das eines Geschichtslehrers an einer Highschool, hatte aber den Vorteil, dass ein Bonus gezahlt wurde. Am Ende eines Jahres zählte die Kanzlei ihre Einnahmen zusammen und belohnte jeden Anwalt mit einem Bonus auf der Grundlage der geleisteten Stunden und neu gewonnenen Mandate. Jesse begann seine Karriere damit, dass er jeden Morgen um fünf Uhr zur Arbeit kam.
Was Geld anbelangte, war Jesses Abschluss in Jura zunächst nur wenig wert, doch die Bank war anderer Meinung. Der für die Vergabe von Hypotheken zuständige Mitarbeiter kannte die Kanzlei gut und hielt große Stücke auf deren Anwälte. Er genehmigte Jesses Antrag auf ein Darlehen, und die Familie zog in ein Haus mit drei Schlafzimmern im westlichen Teil von Biloxi.
Als erster einheimischer Anwalt mit kroatischen Wurzeln wurde Jesse sofort mit den diversen Rechtsangelegenheiten seiner Leute bombardiert. Er konnte nicht Nein sagen, daher verbrachte er unzählige Stunden damit, preiswerte Testamente, Urkunden und einfache Verträge aufzusetzen. Es langweilte ihn nie, und stets hieß er seine Mandanten in seinem repräsentativen Büro willkommen, als wären sie Millionäre. Jesse Rudys Erfolg wurde zum Gegenstand vieler schöner Geschichten auf dem Point.
Bei seinem ersten großen Fall ging es um ein kontroverses Geschäft, und einer der Partner bat ihn, Recherchen dazu anzustellen. Der Besitzer des Truck Stop hatte mündlich vereinbart, seine Bar an ein Konsortium zu verkaufen, von dem nur ein Strohmann bekannt war, ein Einheimischer namens Snead. Es gab auch einen schriftlichen Vertrag für das Grundstück und ein oder zwei Pachtverträge. Die Parteien verhandelten seit einem Jahr miteinander, ohne rechtlichen Beistand, und wie nicht anders zu erwarten, gab es Missverständnisse und Spannungen. Alle Beteiligten waren verärgert und wollten vor Gericht ziehen. Dem Besitzer des Truck Stop war sogar Prügel angedroht worden.
Die Mitglieder des Konsortiums zogen es vor, sich hinter Snead zu verstecken und anonym zu bleiben. Doch als es gelungen war, die komplizierte Struktur zu entwirren, wussten zumindest die Anwälte, dass der Hauptinvestor kein anderer war als Lance Malco.
Der Preiskrieg begann in einem Bordell. Ein Kleinkrimineller namens Cleveland kaufte einen alten Nachtclub auf dem Strip, der Foxy’s genannt wurde. Er ließ einen billigen Anbau für Glücksspiele errichten und einen zweiten, nur unwesentlich besser aussehenden für seine Prostituierten. Es gab zwar keinen festen Preis für eine halbe Stunde Spaß mit einem Mädchen, doch der allgemein anerkannte Satz, auf den sich die Besitzer der diversen Etablissements stillschweigend geeinigt hatten, lag bei zwanzig Dollar. Im Foxy’s wurde nur die Hälfte verlangt, und die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf dem Stützpunkt. Da die Soldaten vorher und hinterher Durst hatten, wurde auch der Preis für ein billiges Bier vom Fass gesenkt. Der Club war so gut besucht, dass die Parkplätze knapp wurden.
Um zu überleben, senkten auch einige der anderen Clubs am unteren Ende der Preisskala ihre Sätze. Dann fingen die Clubbesitzer an, sich gegenseitig die Mädchen abzuwerben. Die Ökonomie der illegalen Geschäfte in Biloxi, die schon immer ein fragiles Gleichgewicht hatte, geriet durcheinander. Im Bestreben, die Ordnung wiederherzustellen, statteten ein paar Schläger dem Foxy’s eines Abends einen Besuch ab, ohrfeigten einen Barkeeper, verprügelten zwei Türsteher und sprachen die Warnung aus, dass der Verkauf von Sex und Alkohol für weniger als den »Standardsatz« inakzeptabel sei. Die handfeste Mahnung erwies sich als ansteckend, und eine Welle der Gewalt erfasste den Strip. Ein Hinterhalt bei einem Club führte zu Vergeltungsmaßnahmen bei einem anderen. Die Besitzer beschwerten sich bei der Polizei, die aufmerksam zuhörte, aber nicht allzu beunruhigt war. Bis jetzt hatte es noch keinen Toten gegeben, und, na ja, Jungs sind nun mal so. Was war an ein paar Schlägereien schon gefährlich? Die Gangster sollten sich selbst um ihren Markt kümmern.
Mitten in den Auseinandersetzungen, die sich über ein ganzes Jahr hinzogen, betrat ein Neuling die Bildfläche. Sein Name war Nevin Noll, ein zwanzigjähriger Rekrut, der in die Air Force eingetreten war, um Scherereien in seiner Heimatstadt im Osten Kentuckys zu entgehen. Er stammte aus einer polizeibekannten Familie von Schwarzbrennern und Kriminellen und war dazu erzogen worden, wenig von Recht und Gesetz zu halten. Seit Jahrzehnten hatte kein einziger seiner männlichen Verwandten versucht, sein Geld mit redlicher Arbeit zu verdienen. Doch der junge Nevin träumte davon, alles hinter sich zu lassen und ein aufregenderes Leben als berühmter Gangster zu führen. Er ging früher als erwartet und in großer Eile.
Zurück ließ er zwei schwangere Mädchen – und deren wütende Väter – sowie einen Haftbefehl wegen Körperverletzung, nachdem er einen Deputy in dessen Freizeit übel zusammengeschlagen hatte. Handgreiflichkeiten waren bei ihm an der Tagesordnung; er prügelte sich lieber, als dass er ein Bier trank. Nevin, der fast eins neunzig groß war, hatte einen breiten Brustkorb und war stark wie ein Ochse. Seine Fäuste waren überraschend schnell und effektiv. Nach sechs Wochen Grundausbildung in Keesler hatte er bereits zwei Kiefer gebrochen, zahlreiche Zähne ausgeschlagen und einen Jungen mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus geschickt.
Noch eine Schlägerei, und Nevin würde unehrenhaft entlassen werden.
