Feuerwind - Chris Svartbeck - E-Book

Feuerwind E-Book

Chris Svartbeck

0,0

Beschreibung

Alte Sünden rächen sich. In den Bergen kämpfen die Menschen um ihr Überleben. Die Zauberer könnten das Zünglein an der Waage sein, aber außer zwei noch nicht einmal fertig ausgebildeten Jungzauberern weigern sie sich zu helfen. Sirit fürchtet das Schlimmste für ihre alte Heimat. Und ihr Sohn Inagoro, König von Karapak, fürchtet um das Leben seiner Schwester Taephe, die mitten in diesem Schlamassel steckt. Dabei hätte Inagoro jeden Grund, sich nicht um seine Schwester, sondern um sein eigenes Leben zu sorgen. Immerhin gibt es genügend Konkurrenten, die ihm den Thron neiden, und schon Karapaks letzte zwei Könige hatten kein besonders langes Leben. Es gibt nur eine winzige Kleinigkeit, die Inagoro retten könnte: Er hat Zaubererblut. Das nützt ihm natürlich nur, wenn die Götter mitspielen. Und wie es scheint, sind sie genau dazu entschlossen. Oder sind es überhaupt nicht die Götter, sondern nur die Eigeninteressen der Priester, die hier zum Tragen kommen? Die Seiten sind unklar. Die Mitspieler sind unbekannt. Die Mittel sind mörderisch. Und mittendrin sind die alten Herrscher der Drachenberge damit beschäftigt, ihre Berge wieder in Besitz zu nehmen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 391

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Spiegelmagie

Band 5

Feuerwind

C. Svartbeck

Hinweis:

Am Ende des Buches finden Sie einen Anhang mit einer Landkarte sowie Erläuterungen zum Land Karapak und seinen Bewohnern.

C. Svartbeck

Machandel Verlag
Neustadtstr.7, 49740 Haselünne

Bildquelle cover: Tithi Luadthong /  www.shutterstock. com

Vignette: Fernando Cortez /shutterstock.comp

2019

Was bisher geschah

Band 1-3

Anmerkung: Sie können das Buch direkt zu lesen beginnen, ohne dass Sie deswegen die ganze Vorgeschichte kennen müssen. Falls es Sie aber doch interessiert oder Sie die ersten Bände nicht mehr so ganz im Gedächtnis haben: Die Grundlagen-Fakten sind in diesem Kurz-Kapitel aufgeführt.

Was gibt es in den ersten drei Bänden zu lesen?

Band 1 - Königsfalke

Ioro, ältester Sohn einer Konkubine König Kanatas (und daher nicht Erbe), ist zum obersten Feldherren bestimmt, sein jüngerer Bruder Tolioro als Sohn der Ersten Gemahlin ist Thronerbe.

Wie das Schicksal so spielt, scheint Ioro mehr Intelligenz und Ehre zu besitzen als Tolioro, was Vater Kanata wohlwollend vermerkt. Ebenso wohlwollend (da er es in seiner Jugend ebenso gehandhabt hat) sieht er allerdings zu, wie Söhnchen Tolioro einen potenziellen Konkurrenten nach dem nächsten aus dem Weg räumt. Und Mutter Iragana beseitigt unauffällig einige Leichen, die Tolioro bei seinen sexuellen Eskapaden produziert.

Da Tolioro auf Ioro eifersüchtig ist, wäre Ioro dem Weg aller Königssöhne in ein frühes Grab gefolgt sein, hätte er nicht in dem angehenden Zauberer Jokon einen tatkräftigen Freund gefunden. Dumm ist halt nur, dass auch Jokon sozusagen auf Messers Schneide lebt.

Band 2 - Falkenkrieger

Sowohl König Kanatas Ehe als auch die seines Sohnes Tolioro, aus Gründen der Staatsraison mit Sirit, der Tochter eines Nachbarkönigs geschlossen, sind unglücklich. Zudem versucht sich die halbe Familie und Schwiegerfamilie gegenseitig zu meucheln.

Am Ende stirbt der König von der Hand seines Sohnes, und Ioro, der jetzt keine Zukunft mehr für sich sieht im Reich, flieht zu den Wüstenkriegern, gegen die das Reich gerade Krieg führt.

Zauberer Jokon, der sich jetzt Jo nennt, hat derweilen einen kapitalen Fehler begangen, ist einer fremden, feindlichen Zauberer-Fraktion auf den Leim gegangen und sitzt im Körper eines Falken fest.

Band 3 - Wüstenkrieger

Ioro kämpft unter seinem neuen Namen Nior mit den Wüstenkriegern gegen seine alte Heimat Karapak. Hauptziel: Vernichtung seines Bruders Tolioro.

Bei diesem speziellen Ziel unterstützt ihn Tolioros Gattin Sirit aus ganzem Herzen.

Und Jo, der ihn im Körper eines Falken begleitet, bekommt dabei kaum mit, dass auch Karapaks Zauberer um ihr Überleben kämpfen, gegen einen Feind, den sie seit 500 Jahren vernichtet wähnten.

Am Ende verbleiben nur 3 der bekannten Akteure auf dem Schachbrett:

Sirit, jetzt Witwe Tolioros und Regentin Karapaks. Ihr Gatte hatte sie geblendet. Da sie einer Zauberin half, hat diese ihr Ersatz-Augen aus Spiegelscherben geschenkt, mit denen Sirit jetzt mehr sehen kann als vorher mit ihren natürlichen Augen. Zum Beispiel Geheimgänge in Mauern.

Weiter verbleiben noch:

Inagoro, ihr minderjähriger Sohn

Jo, der seinen Falkenkörper verloren hat und jetzt in einem Spiegel gefangen ist.

Und es beginnt eine neue Geschichte. Sozusagen „The next Generation“, die

Trilogie Blut der Drachenberge

1. Band: Hornstachler

Die großen Umwälzungen in Karapak haben nur drei Mitglieder der königlichen Familie überlebt: Sirit, ihr Sohn Inagoro, inzwischen König, und ihre Adoptivtochter Taephe. Die allerdings hat der Kronrat eiligst verheiratet mit Shioge, dem Herrn einer entlegenen Grenzburg im Norden.

Und genau dort, im Norden, im benachbarten Kirsitan, taucht eine uralte Bedrohung wieder auf, die Frostgeister. Horden vermehrungsfreudiger, fleischfressender kleiner Ungeheuer, denen zu allem Überfluss noch etwas Magie innewohnt. Sie fressen sich quer durch Kirsitan, entvölkern Meelas und bedrohen inzwischen auch Tolor massiv.

Wären nicht inzwischen die Drachenherrn und ihre ziemlich unheimlichen Nachkommen wieder aufgetaucht, hätten die Menschen überhaupt keine Chance.

Auch so ist sie gering genug. Shioge stirbt durch die Frostgeister. Taephe flieht mit ihren kleinen Söhnen vor dem Zugriff habgieriger Verwandter nach Kirsitan, das wiederum wegen der Frostgeister weitgehend nach Nord-Tolor evakuiert wird.

Inagoro, Karapaks junger König, befürchtet das Schlimmste für seine Schwester, kann aber den Thronrat nicht dazu bewegen, dem Norden zu Hilfe zu kommen.

Und Sirit macht sich Sorgen, ob der neue tolorische König Patta dieser Ausnahmesituation in seinem Land, ihrer alten Heimat, gewachsen ist.

Unerwünschte Verpflichtungen

1022

Draußen fiel eine wahre Sintflut vom Himmel herab. Das Wasser gurgelte über das Dach und platschte dann in einem dicken Strahl aus dem Wasserspeier an den sechs Ecken ihres Pavillons. Sirit zog fröstelnd den Schal enger um ihren Oberkörper. Mit jeder Regenzeit schien es schlimmer zu werden. Mehr Regen, dazu eine klamme, nasse Kühle, die schlimmer war als jede Winterkälte in den Bergen. Ihre Gelenke schmerzten, ihre Narben zogen und ihre Augen stachen. Sie seufzte. Es war nicht einfach, älter zu werden. Einen Moment wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrer Mutter. Die hatte in Sirits Alter deutlich jünger gewirkt. Wie hatte Mirsken das bloß gemacht?

Sirit lauschte wieder auf den Regen. Dachte daran, dass das, was hier als Wasser herunterkam, in den Bergen als Schnee fiel. Es würde sehr viel Schnee geben. Und das, wo ohnehin schon so viel lag, wie sie gehört hatte. Ideale Voraussetzungen für die Frostgeister.

Botschafter Timpko war noch nicht zurückgekehrt. Hielt ihn der Schnee dort oben fest? Oder … Schlimmeres? Sirit fürchtete um ihre Heimat. Ob es richtig gewesen war, dass sie den politisch unerfahrenen Patta als König vorgeschlagen hatte? Aber Patta war ein Praktiker. Wenn er ein Problem sah, analysierte er es und versuchte dann, es zu lösen. So jemanden brauchte Tolor jetzt. Nein, es war richtig gewesen. es musste richtig gewesen sein.

Ihre Gedanken wanderten zu ihrem letzten Kind. Drachenbrut. Grau.

Würde dieser Drachenherr aussehen wie sein Vater? Oder würde er auch etwas von ihr haben?

Vermutlich würde sie es nie erfahren. Sie kam nicht weg von hier, und der junge Drachenherr würde ganz sicher nicht nach Sawateenatari kommen. Er wurde zu dringend in den Bergen gebraucht. Abgesehen davon war Sirit sich keineswegs sicher, wie Grau bei einer Begegnung reagieren würde. Immerhin hatte sie ihn als Larve in den Bergen ausgesetzt.

Sirit seufzte erneut. Wo bloß Inagoro blieb? Er hatte angekündigt, dass er etwas mit ihr besprechen wollte.

Sie rückte ein wenig dichter an das Kohlebecken und lauschte weiter auf den Regen.

>

Endlich tauchte ihr Sohn hinten in dem überdachten Gang auf. Schnellen Schrittes näherte er sich ihrem Pavillon. Sirit zwang sich zu einem freundlichen Lächeln.

Inagoro kannte sie gut genug, um sie zu durchschauen. „Hast du schlimme Schmerzen, Mutter?“ Ungefragt setzte er sich auf den Schemel ihr gegenüber und sah sie an.

Es gab Sirit einen Stich, wie immer, wenn sie die Mehme-Nase sah, die Ähnlichkeit, die er mit Tolioro hatte. Wie immer versuchte sie, stattdessen seinen Großvater Kanata in ihm zu erkennen. Oft gelang es ihr. Aber nicht immer. Auch Tolioro hatte seinem Vater sehr ähnlich gesehen.

„Es ist das Wetter. Du weißt doch, dass mir der Regen nicht bekommt.“

Inagoro zuckte mit den Schultern. „Wir brauchen ihn. Ohne Regen gibt es keine Ernte.“

Sirit nickte stumm.

Inagoros Finger trommelten auf das Holz des Schemels. Überrascht stellt Sirit fest, dass ihr Sohn nervös war. Was, bei der Göttin, gab es Wichtiges, das er sich nicht traute, ihr zu erzählen? „Gibt es Neues aus den Bergen?“, fragte sie beklommen.

„Nein, nichts.“

Inagoro wirkte irgendwie geistesabwesend.

„Aus Tolor?“

„Da scheinen sie mit den Frostgeistern klarzukommen. Haben wohl jetzt ausreichend Zauberer-Unterstützung.“

Soviel hatten Botschafter Timpkos Briefe ihr bereits angedeutet.

„Was ist es dann, was dich so bedrückt?“

„Ich bin seit der Sonnenwende König.“ Inagoro sah überall hin, bloß nicht zu ihr. „Der Thronrat will, dass ich umgehend heirate. Sie sagen, die Erbfolge muss sichergestellt werden.“

Sirit hätte um ein Haar aufgelacht. Das war es also, was ihren sonst so mutigen Sohn so verschreckte. Die Aussicht, dass er eine Königin bekommen würde. Und in der Folge Kinder, natürlich. „Wen haben sie dir denn vorgeschlagen?“

Inagoro hob den Kopf und sah sie endlich wieder an. „Da wir durch mich jetzt ohnehin Zaubererblut auf dem Thron haben, sind eine Menge Restriktionen weggefallen. Jetzt sind praktisch alle Adelshäuser mit im Spiel.“

„Und?“

„Sie haben mir Ketere vorgeschlagen. Die Familie hat mindestens vier Töchter, die für mich infrage kämen. Oder Phukai. Die Enkelin des Herzogs ist zwar erst elf, aber mir wurde versichert, dass die Frauen der Phukai früh fruchtbar werden.“

Sirit zog zischend die Luft ein. Das roch zehn Tagesritte gegen den Wind nach Schwierigkeiten. Die Ketere waren durch Heiraten mit Herzog Komato verbunden. Und damit mit Mauro, der seinerzeit so plötzlich verstorben war, und der über seine väterliche Linie einen zwar schwachen, aber unbestreitbaren Thronanspruch gehabt hatte. Sirit spürte noch immer, wie ihr Blut kochte, wenn sie nur an Mauro dachte. Jemand aus dieser Familie mit freiem Zugang zu Inagoro? Dann würde sie keine ruhige Nacht mehr haben.

Phukai war auch nicht viel besser. Skadene, der alte Herzog, hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mehr Macht wollte. Und mehr Land. Am besten in Narkassia, an das Phukai angrenzte. Wenn Inagoro eine Frau aus dieser Familie bekam, dann konnte Skadene in aller Ruhe einen Krieg vom Zaun brechen. Egal, wie berechtigt oder unberechtigt dieser Krieg war, Inagoro würde dem Großvater seiner Gemahlin Waffenhilfe nicht verweigern können. Ihr Sohn wusste das so gut wie sie.

„Dir ist so klar wie mir, Mutter, dass ich die Vorschläge des Thronrates nicht einfach ablehnen kann. Ich müsste schon einen verdammt guten Grund dafür haben. Und den habe ich leider nicht.“

„Lass mich überlegen.“

Sirit starrte in die Flammen des Kohlebeckens. Der Regen prasselte noch immer. In der Ferne hörte sie Donnergrollen. Hätten die Götter nicht noch etwas warten können, bevor sie ihr neue Steine in den Lebensweg legten?

Moment mal. Genau das war doch die Lösung!

„Ich habe auch keinen Rat anzubieten. Aber vielleicht jemand anderes. Diejenige, die bereits bei deiner Krönung eingegriffen hat.“

Inagoro zuckte zusammen. „Die Priesterin? Warum sollte sie?“

„Weil“, sagte Sirit sanft, „ganz offensichtlich den Götter von Anfang an etwas an dir gelegen war.“

*

Sirit betrat den Tempel der Flussgöttin mit sehr gemischten Gefühlen. Hier hatte sie mit ihrem Kind Zuflucht gefunden, damals. Ganz geheuer war er ihr deswegen trotzdem nicht.

Die Priesterin stand mitten im Tempel, als ob sie Sirit erwartet hatte, und breitete einladend die Hände aus. „Willkommen im Haus der Flussgöttin, Tochter der Drachenberge.“

Sirit neigte zum Gruß den Kopf. „Ich danke dir für das Willkommen. Es scheint, du hast mich bereits erwartet?“

Die Priesterin lächelte. „Diene ich nicht derjenigen, die durch die Zeiten sieht?“

Sirit lief es kalt über den Rücken. Die Priesterin hatte soeben ihren Verdacht bestätigt. Sie und Inagoro waren nichts weiter als Figuren in einem Spiel, dessen Dimensionen sie nicht einmal ahnen konnte. Aber Göttin oder nicht, Sirit war nicht bereit, sich einfach als Figur gebrauchen zu lassen. Und ihren Sohn schon gar nicht. „Dann weißt du auch, warum ich gekommen bin.“

Die Priesterin lächelte noch breiter. „Du suchst eine passende Frau für deinen Sohn.“

„Solltest du eine kennen? Oder muss ich fragen, ob die Göttin eine bestimmte Kandidatin befürwortet?“

„Ist das nicht dasselbe?“

Sirit antwortete nicht.

Das Lächeln verschwand vom Gesicht der Priesterin. „Komm mit mir, Tochter der Drachenberge. Wir werden uns ein wenig unterhalten müssen.“

Die Gemächer der Priesterin hatten sich nicht verändert. Was das anging, hatte sich auch die Priesterin nicht verändert, trotz der Jahre, die seitdem vergangen waren und die schwer auf Sirit lasteten. Warum war ihr das nicht schon früher aufgefallen?

Sirit beantwortete sich diese Frage selbst. Weil sie wenig mit den Priestern zu tun hatte, und sie nur selten den öffentlichen Zeremonien beiwohnte. Es gab eine weitere Bevölkerungsgruppe, die ähnlich alterlos war. Die Zauberer. Aber die Priester waren keine Zauberer. Oder etwa doch?

Die Priesterin ließ ihr Zeit.

Ihre Augen. Das Geschenk einer Zauberin. Sirit fiel ein, dass die Priesterin nie auch nur im Geringsten vor ihren Spiegelaugen zurückgeschreckt war.

„Welches Interesse haben die Tempel an der zukünftigen Frau meines Sohnes?“, fragte sie bedächtig.

„Keines. Die Frau interessiert uns nicht. Im Grunde interessiert uns auch dein Sohn nicht.“

„Aber ...?“

„Die Generation, die nach ihm kommt. Eine Generation, die nirgendwo in Karapak überleben wird, wenn das Blut der Drachenberge nicht wieder den Thron beherrscht.“

„Das kannst du auch einfacher sagen. Entweder ein Zaubererkönig kommt auf den Thron, oder Karapak wird ausgelöscht.“

Die Priesterin lächelte schmallippig. „Meine Version klingt besser.“

Dieser Tempel war der Flussgöttin geweiht. Und die Flussgöttin sah den Zeitenstrom. Die Priesterin hatte damals auch gewusst, was Sirit viele Monde später brauchen würde, um Inagoros Anspruch auf den Thron zu beweisen. „Du hast die Zukunft gesehen.“

„Eine Zukunft von vielen möglichen.“

„Reicht es nicht, dass bereits mein Sohn Zaubererblut hat?“

„Das Drachenblut fließt nur als winziges Rinnsal in Inagoro. Er braucht die passende Frau, dass es in seinen Nachkommen zu einem Strom wird, der Karapak tragen kann.“

„Wen schlagen die Tempel also vor?“

„Nur dieser Tempel. Die anderen sähen es lieber, wenn der Palast schwach bliebe. Aber sie sehen nicht, was ich sehe, und sie wissen es. Sie werden mich nicht unterstützen, aber sie werden sich auch nicht gegen den Rat meiner Göttin stellen. Ich schlage vor, dein Sohn sucht sich seine Frau in den Grauen Schluchten.“

Sirit zuckte zusammen. „Das ist nicht dein Ernst! Die Vorschläge des Thronrates waren schlecht. Aber deiner ist tödlich.“

„Nicht für Inagoro. Auch für dich nicht. Nur für die Frau, die dein Sohn in sein Bett holen wird.“

Sirit holte zittrig Luft. „Und du … bist sicher? Ganz sicher? Es gibt keine andere Möglichkeit?“

Die Priesterin beugte sich vor und legte Sirit zwei Finger auf die Stirn. Ihre Finger waren kalt wie das Flusswasser der Berge. Um sie herum waberte die Luft. „Es gibt tausend andere Möglichkeiten, Tochter der Drachenberge. Aber bei jeder dieser anderen Möglichkeiten stirbt entweder dein Sohn sehr bald, oder Karapak wird vernichtet, oder beides.“

Einen Moment rebellierte Sirits tolorisches Herz. Was wäre schon dabei, wenn die Feinde ihres Heimatlandes vom Antlitz der Welt verschwänden? Aber dann fiel ihr Rainas herzliche Umarmung ein. Und Taephes Lächeln, wenn sie wieder etwas ausgeheckt hatte und glaubte, ihre Ziehmutter hätte es nicht gemerkt. Und … und Inagoro, der ihr, nachdem sie ihm von den Bergen erzählt hatte, Berge an die Wand ihres Schlafzimmers gemalt hatte. Unbeholfene Berge, von einem Sechsjährigen gemalt, der in seinem ganzen Leben noch keinen richtigen Berg gesehen hatte.

Dieses Spiel musste sie mitspielen.

Sie sah die Priesterin mit festem Blick an. „Dann sei es, wie du sagt. Eine Frau aus den Grauen Schluchten. Allerdings befürchte ich, um das durchzusetzen, wird die Priesterschaft sich offen äußern müssen. Denn mich wird der Thronrat in dieser Entscheidung ganz sicher nicht hören wollen.”

Die Priesterin lächelte. „Gibt es irgendeinen Mann im Thronrat, der sich dem Orakel der Flussgöttin widersetzen würde?”

Sirit lächelte zurück, trotz jener Ahnung in ihr, die von bösen Folgen schrie. „Vermutlich nicht.”

*

Es gab in der Tat keinen, auch wenn mehr als ein Mitglied des Thronrates aussah, als ob es dem Schlaganfall nahe war. Selbst von ihrem Beobachtungsplatz oben auf der versteckten Galerie konnte Sirit genau sehen, wie die Männer die Lippen zusammenkniffen und die Fäuste ballten, wie sie, je nach Gemütslage, rot anliefen oder blass wurden, als die Priesterin im Namen der Göttin ihre Empfehlung gab.

Ausgerechnet die Grauen Schluchten! Das Land am Meer von Narkassia. Ein Land, das nur nominell zu Karapak gehörte. In dem, allen Berichten nach, die hinterlistigsten Halsabschneider den Abschaum des Reiches um sich gesammelt hatten. Ein Land, das in erster Linie von der Seeräuberei lebte. Und ein Land, dessen Fürsten dem Haus Mehme seit zwei Generationen Blutfehde geschworen hatten.

Keine Frage, die Grauen Schluchten würden einem offiziellen Antrag des Thronrates nachkommen und dem Haus Mehme eine Prinzessin liefern. Immerhin gehörten sie nach Recht und Gesetz zum Reich. Aber Inagoro würde von da ab gut daran tun, niemals wieder im Sommerharem zu schlafen, dort weder zu essen noch zu trinken und seine Gattin vor jedem Beischlaf nach versteckten Waffen zu durchsuchen.

Sirit war sich nicht sicher, was schlimmer war: Ihre eigene Ehe mit Tolioro, oder das, was Inagoro als Ehe aufgezwungen wurde. Selbst die Kandidatinnen des Thronrates wirkten gegen diese Alternative wie harmlose Vergnügungsdamen.

Ein unerwarteter Besuch

Marle erwachte von einem ungewohnten Geräusch. Sie lauschte irritiert? Was war das für ein regelmäßiges Klopfen? Dann begriff sie und schoss förmlich von ihrem Lager hoch. Es taute! Sie griff hastig nach einem Schal und lief zur Tür. Ungewohnt warme Luft und ein strahlend blauer Himmel empfingen sie. Und es tropfte. Von allen Dächern.

Marle holte tief Luft. Auf zittrigen Beinen ging sie ein paar Schritte, drehte sich, sah sich um. Überall standen die Menschen und sahen in den Himmel. Allen stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Der Winter war endlich, endlich vorbei. Auch wenn es noch einen halben Mond brauchen mochte, bis die Gefahr endgültig gebannt war und die Frostgeister sich für den Sommer zurückgezogen hatten, sie konnten jetzt wieder Hoffnung schöpfen.

Marle dachte an das, was sie würde tun müssen. Aber nicht heute. Zuerst gab es andere Dinge zu regeln.

Nachher.

Marle blieb reglos stehen, schloss die Augen und bot ihr Gesicht den warmen Sonnenstrahlen und dem sanften Talwind dar.

Es gab Widerstand gegen ihre Anweisungen. Nicht, dass Marle mit etwas anderem gerechnet hätte. Die Sippenfrauen weigerten sich rundweg, Ganen als letztes Ort Kirsitans zu verlassen und das Land damit endgültig aufzugeben.

„Die Hornstachler sind alle fort“, sagte Marle nur. „Wir wissen, dass wir uns ohne sie nicht ausreichend gegen die Frostgeister wehren können.“

„Wir werden neue bekommen diesen Sommer. Die Schwangeren sind fast so weit.“

„Aber sie werden keinen Grund haben, den Winter über bei uns zu bleiben. Und es wird keine neuen Drachenbruten bei uns geben.“

„Deine Schuld!“, zischte die Frau.

„Meine Schuld“, stimmte Marle mit gesenktem Kopf zu. Dann sah sie hoch, sah die Frau an. „Aber hättest du anders entschieden als ich? Ich wusste es nicht besser. Keiner von uns wusste es besser. Nur, dass ich die Verantwortung trage und du nicht.“

„Vielleicht bleiben die neuen Hornstachler ja doch. Jedenfalls weigere ich mich, ohne zwingende Notwendigkeit von hier fortzugehen.“

„Ein Kompromiss, Duka“, warf die alte Betha ein. „Lass uns bis zur Sommersonnenwende warten. Bis die Kinder Graus geboren wurden. Bis wir wissen, ob sie bei uns bleiben werden.“

„Gut“, sagte Marle nach kurzem Nachdenken. „Wir warten solange. Aber sollte auch nur ein einziges dieser Wesen vorher verschwinden, tun wir, was ich gesagt habe. Und wir tun es dann sofort. Wir können es uns einfach nicht leisten, allzu lange zu warten.“

Sie hoffte, dass sie sich irrte. Oh, wie sehr sie das hoffte! Aber Marle war sich ziemlich sicher, dass ihre Hoffnung sich nicht erfüllen würde. Und so sandte sie Botschaft an die nach Karapak evakuierten Mitglieder ihres Volkes, vorerst – und vielleicht auch für immer – in jenem fremden Land zu bleiben.

Als Antwort kam unerwarteter Besuch.

Zu sagen, dass Marle erstaunt war, wäre eine Untertreibung gewesen. Die karapakische Burgherrin, allein, ohne ihren Gatten, in Ganen? Noch dazu mit ihren beiden Söhnen?

Reglos hörte sie zu, was Taephe ihr zu erzählen hatte. Und mit jedem Wort der karapakischen Frau spürte Marle ihre Schuld schwerer lasten.

„Grau hätte dich beschützt“, sagte sie. „Dich und deine Kinder. Wenn er noch bei euch gewesen wäre. Du hättest nicht hierher fliehen müssen.“ Sie senkte den Kopf. „Es ist meine Schuld, dass Grau euch verlassen hat.“ Und sie erzählte ihrerseits Taephe, was in diesem Winter in Kirsitan geschehen war.

Als sie fertig war, seufzte Taephe. „Vielleicht hätte ich nicht fliehen müssen. Aber mein Gatte wäre dennoch tot. Und bei allem, was du getan oder nicht getan hast, war es Unwissenheit und nicht Absicht, die dich dazu gebracht hat. Wie soll ich dir zürnen? Die Götter haben es so gewollt.“

„Das sehen die Drachenherren anders.“

„Die Drachenherren sind keine Menschen. Sie denken nicht so wie wir. Sie können sie wahrscheinlich nicht einmal vorstellen, was es bedeutet, ein so kurzes Leben wie das unsere zu haben. Ich jedenfalls werde dir keinen Vorwurf machen.“

Marle nickte müde. „Ich selbst mache mir Vorwürfe. Viele der Sippenfrauen tun es ebenfalls. Aber ändern können wir nichts mehr. Und ich fürchte, wir werden Ganen tatsächlich ebenfalls evakuieren müssen. Bis dahin kannst du natürlich als mein Gast bleiben. Und danach – ich denke, wenn Tolor uns aufnimmt, kommt es auf eine Frau und zwei Kinder mehr auch nicht an, selbst wenn diese aus Karapak stammen.“

„Und wenn Tolor euch nicht aufnimmt?“

„Dann gehen wir über die Berge in die Wüste. Die Wüstenkrieger können auch nicht unerbittlicher sein als die Drachenherren. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit mein Volk überlebt.“

„Und ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, dass meine Söhne überleben.“

Die beiden Frauen sahen sich an und erkannten verwandte Geister.

*

Taephe erschloss sich eine neue Welt. Eine Welt, in der Frauen nicht nur gleichberechtigt waren, sondern hochangesehene Führerinnen ihrer Sippen. Eine Welt, in der Frauen wie selbstverständlich Waffen trugen und kämpften. Und in der es die Frauen, und alleine die Frauen, waren, die entschieden, mit welchem Mann sie das Lager teilen wollten. Die kirsitanischen Exilfrauen in der Burg hatten ihr davon erzählt. Aber es erzählt zu bekommen und es selbst zu erleben, das war zweierlei.

Taephe begann zu begreifen, warum die Mutter des Königs so war, wie sie war.

Und sie lernte, dass es in den Bergen keinen Platz für adelige Frauen oder untätig, nur Vorräte vertilgende Gäste gab. Damit die Sippen überleben konnten, musste jeder mit anpacken. Die karapakischen Soldaten, die sie begleitet hatten, reparierten die von den Frostgeistern beschädigten Häuser. Sie waren nicht traurig darüber, dass bei der Gelegenheit die eine oder andere Frau an ihnen Gefallen fand und sie unter ihre Decke lockte. Taephe, die Organisieren von Shioges Burg gewohnt war, bereitete derweilen mit Marle die anstehende Evakuierung Ganens vor.

Sie war auch dabei, als die ersten Hornstachler dieses Jahres geboren wurden. Sie sah, wie die Mütter dieser Wesen sie zusammen mit Marle hinaus brachten zu einem offenen, nur von niedrigen Mauern umgebenen Platz. Es war immer das Gleiche. Drei, vier Tage blieben die jungen Hornstachler auf diesem Platz. Dann setzten sie sich in Bewegung, fort aus Ganen, auf schnurgeradem Weg über Steine, Hügel, Berge und Schluchten, als ob etwas sie gepackt hatte und zu sich zog. Den ersten folgten sie noch, solange, bis das Gelände für Menschen zu unwegsam wurde. Bei den Folgenden standen die Frauen und Männer nur noch am Stadtrand und sahen ihnen wortlos nach.

Marle sandte erneut Boten nach Tolor. Sie hatte noch keine Antwort bekommen.

Inana

„Du verwöhnst deine Söhne!“

Taephe drehte sich um. „Ist das schlimm?“ Die Frau vor ihr war mindestens doppelt so alt wie sie und unübersehbar schwanger. Vermutlich im letzten Mond.

„In Karapak vielleicht nicht. Aber die Männer sind schwach und zerbrechlich. Wenn du deine Söhne derart verwöhnst, werden sie in den Bergen nicht lange leben, sobald sie deinen Schutz verlassen.“ Die Frau lächelte, um die Schärfe ihrer Worte zu mildern. „Ich bin übrigens Inana, vom Steinweidenclan.“

Taephe erwiderte das Lächeln. „Dann zeige mir, wie ich meine Söhne behandeln muss, damit sie auch in den Bergen überlegen.“

Inanas Lächeln wurde breiter. „Gerne – wenn du mir dafür etwas über die Ebenen erzählst. Ich wollte immer einmal dorthin reisen, habe es aber nie geschafft, Und jetzt sind meine zwei Schwestern nach Karapak gegangen. Erzähl mir, wie sie dort leben werden.“

Inana war lustig. Ihr Lachen steckte an. Taephe fand, dass ihr diese Gesellschaft gut tat. Sie kam auf andere Gedanken, wenn sie mit Inana zusammen war.

Umgekehrt hörte die ältere Inana ihr zu, wenn Taephe von Zuhause erzählte. Zuhause, das war für sie, zu ihrem eigenen Erstaunen, immer noch der königliche Palast in Sawateenatari.

„Du vermisst deinen Bruder.” Es war eine Feststellung, keine Frage.

Taephe senkte bejahend die Hand. „Es ist … nicht üblich. Eine Frau verlässt bei ihrer Heirat die Sippe ihres Vaters und gehört von da an zur Sippe ihres Gatten.” Sie zögerte. „Es ist auch nicht üblich, dass Brüder und Schwestern miteinander reden. Nur, in unserem Falle war niemand sonst da. Alle unsere anderen Geschwister und Halbgeschwister waren tot.”

„Weil dein Vater sie getötet hat.”

Taephe nickte nur.

Inana schauderte sichtlich. „Ein Vater, der seine eigenen Kinder umbringt? Sogar die Töchter? Karapak muss ein fürchterliches Land sein.”

„Genau dasselbe sagen sie bei uns über Kirsitan. Wilde in den Bergen, die sich von Frauen regieren lassen und die Köpfe ihrer karapakischen Opfer am Wegrand stapeln, anstatt sie ehrenhaft zu verbrennen.”

„Oh, normalerweise verbrennen wir sie schon.” Inana nagte an ihrer Unterlippe. „Aber wir haben festgestellt, dass diese Totenköpfe ein besserer Schutz für unsere Grenzen sind als noch so viele Bewaffnete.”

„Ihr lasst euch von Geistern schützen?”

„Es gibt Schlimmeres als Geister. Geister versklaven keine Kinder. Geister vergewaltigen keine Frauen.” Inanas zögerliches Lächeln versuchte, ihren Worten die Schärfe zu nehmen.

Taephe seufzte. „Vermutlich hast du Recht.” Mit einer zornigen Geste wischte sie sich eine unbotmäßige Träne weg. „Aber ich vermisse meinen Bruder trotzdem.”

Inana rückte zu ihr und umarmte sie. „Du darfst ruhig weinen”, sagte sie. „Bei uns wird keiner dich wegen ein paar Tränen missachten.” Sie strich der jüngeren Frau sanft über das Haar. „Taephe, dein Bruder wird niemals hierher kommen können. Erlaube mir, stattdessen deine Schwester zu sein.”

So kam es, dass Taephe Marles Gästebank verließ und in Inanas Sippenhaus zog. Sehr zur Freude von Ortege, der sich sofort Inanas jüngstem Sohn Prui anschloss und ihm auf Schritt und Tritt folgte. Der elfjährige Prui ließ den Kleinen gutmütig gewähren.

Taephe lernte, dass eine karapakische Burgherrin und eine kirsitanische Sippenfrau tatsächlich engste Freundinnen werden konnten. Freundinnen genug, dass Inana ihr anvertraute, dass sie Drachenbrut in sich trug. Und dass sie Angst hatte vor der Geburt.

Taephe war zu betroffen, um darauf zu antworten.

Inana musste wohl ahnen, was Taephe bewegte, denn sie lächelte, wenn auch etwas verzerrt. „Ich weiß, dass längst nicht alle Frauen die Drachenbrut überleben. Und dass wir uns nicht mehr auf den Schutz der Hornstachler verlassen können. Es mag also durchaus sein, dass ich mein Leben umsonst opfere. Aber meine Mutter hat mir immer gesagt, wir Menschen hoffen, solange wir leben, und wir leben, solange wir hoffen. Was sonst könnte ich Besseres tun, um meinen Kindern eine Chance zu geben, dass die Drachenberge ihre Heimat bleiben können?“

Taephe schluckte. Dann dachte sie an ihre Söhne. Und sie stellte fest, dass sie an Inanas Stelle genauso gehandelt und gedacht hätte.

*

Beim Schafe füttern spürte Inana die ersten Wehen. Sie redete erst darüber, als die Arbeit getan war. Taephe sorgte umgehend dafür, dass eine der Hebammen kam, die Erfahrung mit Drachenbrut hatte. Sie hielt Inanas Hand, als diese trotz des betäubenden Tranks ihre Schmerzen hinausbrüllte. Und sie sah mit fasziniertem Grauen das merkwürdige Raupenwesen, das aus Inana geschlüpft war und nun als seine erste Mahlzeit seine eigene Plazenta verschlang.

Inana überlebte, wenn auch sehr geschwächt von dem Blutverlust. Taephe übernahm es für ihre Freundin, den Hornstachler zu füttern. Das Tier – war es wirklich ein Tier? – schien sie zu erkennen. Bereits am zweiten Tag robbte es jedes Mal zu der Mauer, wenn Taephe in Sicht kam. Einmal hatte sie nichts zu Essen dabei. So blieb sie nur eine Weile stehen und redete mit dem Wesen. Es sah fast so aus, als ob es zuhörte.

Der vierte Tag kam. Der gut gefütterte Hornstachler hatte seine Größe fast verdoppelt. Taephe sah zu, wie er mit Appetit ein Huhn verspeiste. Wie merkwürdig! Trotz seiner Hässlichkeit verspürte sie ein Gefühl von Bedauern darüber, dass auch dieser Hornstachler vermutlich bereits am nächsten Tag in die Berge aufbrechen würde.

Am fünften Tag nahm sie zwar einen Brotfladen mit, rechnete aber nicht wirklich damit, das Wesen noch in dem Pferch vorzufinden. Zu ihrem größten Erstaunen wartete es wieder an der Mauer. Sie fütterte es. Es fraß den Brotfladen sanft aus ihrer Hand, ohne ihr auch nur einen Kratzer zu versetzen.

Marle entging das natürlich nicht. Sie wartete gespannt.

Auch am sechsten Tag war der Hornstachler noch da. Marle ging zu dem Pferch und beobachtete ihn. Vielleicht gab es ja doch neue Hoffnung.

Aber der nächste Hornstachler, der in den Pferch gesetzt wurde, machte sich nach drei Tagen auf in die Berge. Auch der übernächste. Nur der, den Taephe fütterte, blieb.

In dem Sippenhaus, in dem Taephe jetzt lebte, wurde ein zweiter Hornstachler geboren. Auch der blieb. Nur er, und sein älterer Bruder, Inanas Kind. Alle anderen wanderten fort.

Marle erkannte das Muster. Grau hatte Shioge Schutz für seine Familie versprochen. Der Drachenherr hielt sein Versprechen durch seine Kinder. Aber der Rest von Kirsitan blieb auf sich alleine gestellt.

Es war eine Erlösung, als endlich Antwort aus Tolor eintraf. König Patta war mit einer Übersiedlung einverstanden, solange die kirsitanischen Sippen in Nord-Tolor in den von Toloriern geräumten Ortschaften blieben. Sie konnten die Weiden, die Vorratshäuser und alle sonstigen Gebäude nutzen, die leer standen. Und sie würden von den Patrouillen und den Zauberern Hilfe gegen die Frostgeister bekommen. Mehr versprach Patta nicht. Auch nicht, wie viel Hilfe sie erwarten duften. Seine eigene Bevölkerung hatte immer noch Vorrang.

Marle reichte es. Eine Chance, egal wie klein, war besser als gar keine Chance. Sie begann ihr Volk gen Süden zu schicken.

Einige wollten nicht. Trotz der Forstgeistergefahr bestanden sie darauf, in Ganen zu bleiben. Die alte Betha sprach für sie. „Solange auch nur ein einziges Sippenhaus bewohnt bleibt, solange wird Kirsitan existieren. Solange werdet ihr einen Ort haben, an den ihr zurückkehren könnt.“

„Ihr seid viel zu wenige.“

Betha schüttelte den Kopf. „Du irrst, Duka. Es bleiben nicht nur etliche von uns hier. Es kommen auch noch viele aus Karapak zurück. Und sie sagen, dass sie ihre Heimat niemals wieder verlassen wollen.“

„Dann werden sie sterben.“

„Besser, wir sterben“, mischte sich ein Mann ein, „als dass wir als Geduldete oder sogar als Sklaven in einem anderen Land leben. Die Karapakier werden uns niemals erlauben, dort Kirsitaner zu bleiben.“

„Außerdem bin ich nicht so sicher, dass wir tatsächlich sterben werden“, nahm Betha den Faden wieder auf. „Immerhin gibt es ein Sippenhaus hier, das weiterhin unter dem Schutz der Drachenherren steht.“

Marle sah sich um. Taephe stand neben ihrer Freundin Inana. Sie ging zu ihr. „Heißt es das, was ich denke?“

Taephe schlug bejahend die Augenlider nieder. „Ich werde bleiben. Wenn ich weiter nach Süden gehe, werden meine Söhne vielleicht niemals ihr Erbe sehen. Wenn ich jetzt zurückgehe nach Karapak, werden sie es zwar sehen, aber mit Sicherheit dabei sterben. Also bleibe ich hier, an dem Ort dazwischen, der mir alle Möglichkeiten offenlässt.“

Betha war Marle nachgekommen. Sie sah der Duka gerade in die Augen. „Diejenigen, die bleiben wollen, werden zu Taephe und Inana in das Sippenhaus des Steinweidenclans ziehen. Wir werden das Haus entsprechend vergrößern. Wir werden es so bauen, dass wir es besser verteidigen können. Und wir werden es groß genug machen, dass Tiere und Vorräte unter dem gleichen Dach Platz finden.“

Marle nickte. „Der Plan klingt vernünftig.“ Sie ging zurück zum Feuer. „Hört mich, meine Schwestern! Ihr kennt Bethas Vorschlag, und ich heiße ihn gut. In einem halben Mond werden alle, die nach Tolor gehen wollen, Ganen verlassen. Wir müssen noch vor dem Einbruch des Winters dort sein. Auch ich werde Ganen verlassen. Aber Kirsitan braucht eine Duka. So will es unser Gesetz. Und da ich keine Töchter habe, und weil ich, genauso wie die vorherige Duka, meine Großmutter, Fehler gemacht habe, die mein Volk teuer zu stehen kamen, schlage ich vor, dass die neue Duka aus einer anderen Sippe gerufen wird. Ich schlage eine Frau vor, die überlegter handeln wird als ich. Eine Frau mit ausreichender Erfahrung. Betha soll eure neue Duka sein.“

Zwölf Tage später brachen die Bewohner von Ganen nach Tolor auf, Menschen Tiere, Hab und Gut. Eine lange Karawane schlängelte sich durch die Täler und über die Bergpässe. Die, die zurückblieben, sahen ihnen lange nach, bevor sie wieder an ihre Arbeit gingen.

„Haben wir richtig gehandelt, hierzubleiben?“, fragte Inana, als die Sippenfrauen abends um das gemeinsame Feuer saßen.

„Ich weiß es nicht“, sagte Taephe leise. „Aber immerhin haben wir Hoffnung. Und ein Versprechen.“

„Du hast ein Versprechen. Wir nicht.“

„Dann bleibe ich solange, bis auch ihr ein Versprechen habt.“

Betha spuckte ins Feuer. Es zischte kurz. „Adoptivtochter Sirits, bist du dir im Klaren über das, was du da gerade gesagt hast? Wir haben jetzt ein Versprechen. Deines.“

Taephe korrigierte ihre Worte. „Ich bleibe solange, bis auch ihr sein Versprechen habt.“

In Betha gluckste ein Lachen auf. „Du lernst schnell, Frau aus der Ebene. Deine Ziehmutter hat dich anscheinend gut ausgebildet. Vielleicht hätte Marle nicht mich, sondern dich zur nächsten Duka machen sollen.“

Taephe schüttelte den Kopf. „Meine Söhne sind Karapakier. Wenn schon nicht für meine Ehre, dann schulde ich es auf jeden Fall ihrer Ehre, dafür zu sorgen, dass sie ihr Erbe eines Tages erhalten werden.“

Betha spuckte erneut ins Feuer. „Söhne, Töchter“, brummelte sie. „Das bedeutet nichts, so wenig wie die Ehre. Wichtig ist nur, dass sie unsere Kinder sind und dass wir versuchen, ihnen einen Platz zum Leben zu geben.“

Taephe schwieg und rückte enger an Inana heran.

Drachenbrut

Endlich Frühling. König Patta war sich nicht sicher, wann er das letzte Mal dermaßen erfreut über Tauwetter gewesen war. Frühling, das bedeutete, dass die Frostgeister sich in die Höhenlagen zurückzogen. Dass die Bergbauern die Almwiesen wieder nutzen konnten. Frühling bedeutete auch, dass es nicht mehr lange dauern würde bis zur Geburt der ersten Drachenjungen.

Die Drachenherren selbst hatten sich den ganzen Winter nicht wieder in Tolor blicken lassen. Was immer er bislang von den karapakischen Zauberern gedacht hatte, Patta war bereit, zuzugeben, dass zumindest diese beiden hier, Jo und Fü, wirklich alles in ihrer Macht stehende getan hatten, um die Frostgeister aufzuhalten. Abgekämpft sahen sie aus. Jo war hager geworden. Scharfe Linien hatten sich in sein Gesicht gegraben. Fü wirkte erschöpft und ausgelaugt, gleichzeitig ein wenig traurig. Und so sehr sie ein Kind zu sein schien, ihre Augen erzählten etwas anderes.

Tolor schuldete diesen beiden Zauberern etwas. Patta war sich nur noch nicht sicher, wie er diese Schuld zurückzahlen konnte. Vorerst behielt er sie erst einmal als seine persönlichen Gäste im königlichen Palast, in dem praktischerweise auch gleich alle Frauen untergebracht waren, die Drachenbrut in sich trugen.

Ein wenig unheimlich war es ja schon, wie schnell diese Brut wuchs. Nach dem, was die Hebammen und Zauberin Fü sagten, würde die Drachenbrut volle zwei Monde früher geboren werden als ein Menschenbaby. Patta hatte keine Einwände. So würden sie lange genug vor dem nächsten Winter geboren werden, um im Sommer zu einer sehr kampftüchtigen Größe heranzuwachsen, und alles, wirklich alles, was Frostgeister aufhalten konnte, brauchte Tolor verzweifelt.

Noch aber waren die beiden jungen Zauberer seine größte Sorge. Hoffentlich kamen sie nicht auf die Idee, wieder nach Karapak zurückzukehren. Pattas Geheimkorrespondenz mit Sirit hatte mehr als einen Hinweis seitens der Königinmutter enthalten, dass die Kristallkammer keineswegs einverstanden war mit dieser unbezahlten Hilfe für Tolor.

*

Großmeister Ro schrieb erneut einen Brief nach Tolor. Dieses Mal hochoffiziell. Wenn dieser wohlmeinende Idiot Jo nicht von alleine auf die Idee kam, dass er in die Kristallkammer zurückkehren musste, würde er ihn daran erinnern. Ro konnte nicht tolerieren, dass dieser noch nicht einmal fertig ausgebildete Zauberer zusammen mit einer bloßen Adeptin Tolor sozusagen im Alleingang und außerhalb seiner Einflusssphäre rettete. Zumal Jo damit auch so ziemlich alle Regeln gebrochen hatte, die die Zauberer in den letzten achthundert Jahren für den Verkehr mit bloßen Menschen aufgestellt hatten. Wenn das Schule machte, bekam die Kristallkammer womöglich den nächsten Aufstand. Oder, schlimmer noch, die Leute würden irgendwann erwarten, dass die Kristallkammer nur noch gratis für sie arbeitete. Das ging auf keinen Fall. Ro sah seine Spiegel dank der Frostgeisterplage schon jetzt schneller schwinden, als ihm lieb war.

…erwarte ich daher, dass du unverzüglich zurückkehrst, um deine unterbrochene Ausbildung wieder aufzunehmen und endlich ordnungsgemäß zu beenden. Adeptin Fü hat sich ebenfalls hier einzufinden, widrigenfalls werde ich sie nur noch als Spiegelmaterial betrachten.

Ja, das klang deutlich genug. Nur wusste Ro verdammt gut, dass er auf Jos freiwillige Kooperation angewiesen war. Was konnte er schon machen, wenn der Junge ihm den Gehorsam verweigerte? Nichts. Zumindest zunächst.

Jos Antwort kam umgehend. Ro starrte düster auf die Zeilen. Es war wie befürchtet. Der Junge gehorchte nicht. Schrieb, er müsse Feuerbälle auf Vorrat arbeiten für den nächsten Winter, und zudem benötige Tolor Hilfe bei den ersten Drachenbruten, weswegen es auch für Adeptin Fü unmöglich sei, Ros Aufforderung Folge zu leisten. Er habe einfach keine andere Möglichkeit, seine Ehrenschuld gegenüber Tolor habe Vorrang vor seiner Ausbildung.

Ehrenschuld? Was für eine Ehrenschuld?

Was gab es da noch alles, was dieser Jo nicht für nötig gehalten hatte, ihm zu erzählen?

Aber wenigstens hatte Ro jetzt eine Begründung für diese zuvor so unverständliche Gratis-Hilfe. Eine Ehrenschuld, das war etwas, was selbst der dümmste Bauer im hinterletzten Dorf Karapaks verstehen würde. Ehrenschulden mussten bezahlt werden. Ohne Ausnahme. Selbst von Zauberern.

*

Unbemerkt von Großmeister Ro hatte ein zweiter Brief die Kristallkammer in Richtung Tolor verlassen. Dieser Brief, der auf den ersten Blick nur ein paar höfliche Nachfragen nach dem Stand der Dinge enthielt, trug eine magiegeschützte zweite Botschaft in sich. Zeilen, die erst sichtbar wurden, als Fü den Brief persönlich öffnete. Ihrer Mentorin Pi bat um ein informelles Treffen. In einem kleinen, unscheinbaren Gasthaus nahe der Zollstation zwischen Karapak und Tolor am Hufeisenpass. Unter dem Mantel völliger Verschwiegenheit.

Pi wartete geduldig mit einem Krug lauwarmen Bieres. Außenstehende würden nur den Zauber sehen, den sie über sich gelegt hatte, eine abgearbeitete mittelalte, nichtssagend aussehende Händlerin mit einem kümmerlichen Sortiment an Tontöpfen in einer Kiepe.

Fü war pünktlich. Auch sie kam getarnt, als jene weder explizit weibliche noch männliche graue Gestalt, die so gut wie kein merkfähiges Detail zeigte, ganz so, wie sie es von Pi gelernt hatte. Die Zauberin war zufrieden. Fü war eine gute Schülerin.

Ein wenig größer war das Mädchen geworden, und so, wie sie sich bewegte, musste sie ein paar Muskeln entwickelt haben. Das war zu erwarten gewesen, nachdem die Kleine sich fast ein ganzes Jahr in den Bergen bewegt hatte.

Noch etwas hatte sich geändert, und Pi schaute zweimal hin, bevor sie glaubte, was sie sah. Füs Signatur war drastisch stärker geworden. Stark genug für einen voll ausgebildeten Zauberer. Aber genau das war Fü noch lange nicht! Pi wusste nicht, was sie davon halten sollte, aber eines wusste sie ganz sicher.

„Du darfst vorerst nicht nach Sawateenatari zurückkommen.“

Fü musterte sie verblüfft. „Das hatte ich doch ohnehin nicht vor.“

„Ich weiß.“ Pi seufzte. „Aber Ro hat bereits einen Versuch gestartet, dich und Jo zurückzubeordern. Denkt euch Ausreden aus, schiebt Verpflichtungen vor, was auch immer, aber kommt auf keinen Fall jetzt zurück.“

„Warum nicht?“

„Weil ihr eine Entwicklung begonnen habt, die außerhalb von Ros Kontrolle liegt. Und weil unser verehrter Großmeister dafür am Ende nur eine einzige Lösung kennt. Spiegel.“

Einen Moment erzitterte nicht nur das junge Mädchen, sondern auch ihre Illusion. Dann stabilisierte sie sich wieder.

„Übrigens wäre da noch etwas.“

Fü sah sie nur wartend an.

„Diese Drachenbrut in Tolor. Du wirst die schlüpfenden Larven beruhigen können, stärker als die Kräuter der Hebammen. Kümmere dich um sie, damit ihre Mütter überleben. Und danach … kümmere dich um die Mütter. Jene unter ihnen, die nach der Drachenbrut noch gebären können, menschliche Kinder gebären können, werden zukünftige Zauberer zur Welt bringen. Zauberer, die Tolor gehören, und die Tolor dringend braucht. Pass auf sie auf, lehre sie, was immer sie wissen müssen, denn außer dir und Jo kann das in Tolor niemand.“

„Und wenn wir nicht hier wären?“

„Dann würde die Kristallkammer diese Kinder für sich fordern. Und Ro würde kein Risiko eingehen. Die Kinder wären schneller Spiegel, als du dir vorstellen kannst. Ro mag keine potentielle Konkurrenz.“

Eine Weile schwiegen beide. Pi nahm einen Schluck von dem Bier. Es schmeckte nicht.

Dann fragte Fü leise: „Meisterin Pi, warum sagt Ihr mir all das? Warum schützt Ihr mich und jene Ungeborenen in Tolor? Würde der Großmeister Euer Verhalten nicht als Verrat ansehen?“

„Ro hat mich zuerst verraten.“ Pi erhob sich. Es gab Dinge, über die sie nicht zu reden bereit war.

Außerdem war ihre Mission hier beendet.

*

Die Drachenbrut würde ziemlich früh in diesem Sommer schlüpfen. Nach Pis Instruktionen wusste Fü jetzt mit Sicherheit, dass ihre Mitarbeit bei den Hebammen bitter nötig sein würde. Vermutlich würde sogar Jo helfen müssen. Fü war sich bloß noch nicht sicher, wie sie den tolorischen Frauen beibringen sollte, dass bei diesen speziellen Geburten tatsächlich auch ein Mann anwesend sein musste.

Die erste Geburt war ein Schock. Trotz aller Warnungen, trotz aller Berichte aus Kirsitan waren weder die Hebammen, noch die Frauen, noch die beiden Zauberer wirklich vorbereitet auf das, was da schlüpfte. Die Gebärende brüllte ihren Schmerz hinaus und war von den vier Frauen, die sie festhielten, kaum zu halten. Ihr geschwollener Leib beulte sich aus in einer Weise, die kein menschliches Kind geschafft hätte, und sie blutete schon vor Beginn der Geburt stark. Die Hebammen halfen pressen, verabreichten ihr den bitteren Tee, der das Wesen in ihrem Leib ruhigstellen sollte, und sprachen ihr Mut zu. Fü griff mit ihren Gedanken nach dem Ungeborenen. Zu ihrer Verblüffung bekam sie einen aktiven Kontakt. Was immer in diesem Bauch steckte, hatte bereits ein waches Bewusstsein, auch wenn es kaum mehr als Gefühle und Eindrücke vermitteln konnte. Fü zeigte dem Wesen, was seine Bewegungen anrichteten. Es reagierte umgehend und wurde ruhig, fast reglos, während sein Bewusstsein eine Frage bildete, ein diffuses, erstauntes Warum.

Weil die, die dich austrägt, ein denkendes Wesen ist wie du.

Erstaunen, Zweifel, wieder Fragen.

Sie ist von einer anderen Art als du.

Eine drängendere Frage, Suche nach Bestätigung.

Nein, ich bin nicht von deiner Art. Oder nur ein winziges bisschen. Aber ich kenne deinen Erzeuger, und ich weiß, was du bist. Besser, was du sein wirst.

Zögern, erneut Zweifel, dann Entschlossenheit.

Der Rest der Geburt verlief erträglich, auch wenn das Wesen durch seine Höcker weitere starke Blutungen verursachte. Zusammen mit den Hebammen gelang es Fü, das Schlimmste zu verhindern. Die Frau blieb am Leben.

Das Wesen, das seine Mutter fast getötet hätte, konnte beim besten Willen nicht als Mensch bezeichnet werden. Allerdings auch nicht als Drachen. König Patta musste sich zusammenreißen, um seine Abscheu nicht offen zu zeigen. Die fette, mit spitzen Höckern besetzte Made krümmte sich vor ihm auf dem Boden, bewegte das, was vermutlich ihr vorderes Ende war, sacht hin und her und wedelte mit einem Stummelärmchen, das mitten aus dem unförmigen Leib wuchs. Fü legte dem Wesen ein totes Entenküken hin. Patta schluckte, als sich am Vorderende ein Rachen öffnete, der fast über die gesamte Breite des Wesens ging und zwei Reihen dicht stehender, nadelspitzer Zähne zeigte. Das Entenküken verschwand in einem Stück.

„Zum Winter sind sie größer und stärker, wenn wir sie gut füttern“, sagte Fü. „Dann können sie so schnell springen, wie ein Pferd galoppiert. Und Frostgeister verschlingen sie dann noch schneller als dieses Küken.“

Patta dachte an Eishaar. War der etwa auch einmal so eine Missgeburt gewesen? Eines war sicher. Hätte er nicht genau gewusst, was er da vor sich hatte, er hätte Befehl gegeben, dieses scheußliche Neugeborene und alle ihm folgenden zu töten, sie vom Erdboden zu vertilgen. So aber … Tolor konnte es sich nicht leisten, auf irgendwelche Hilfe zu verzichten. Egal, wie hässlich sie einher kam.

Außerdem war da immer noch die Aussicht auf zukünftige eigene Zauberer.

Die weitere Drachenbrut wurde in kurzen Abständen geboren, in einem Zeitraum von nur wenigen Tagen, als ob ein Signal sie alle zur Geburt rief. Ohne Jos Hilfe wäre das schiefgegangen. Alleine hätte Fü kaum ein Drittel der Frauen betreuen können, und unter den restlichen hätte es mit Sicherheit Tote gegeben. Auch wenn sich die Hebammen zunächst heftig gegen die Einmischung eines Mannes in ihre Arbeit gesträubt hatten, überzeugte sie das Ergebnis. Alle Frauen überlebten, etliche so wenig verletzt, dass die Hebammen ihnen die Möglichkeit weiterer Kinder versprechen konnten.

König Patta sorgte diskret dafür, dass die Ehemänner dieser Frauen schnellstmöglich wieder mit ihren Gattinnen zusammenlebten, unter seiner Aufsicht, in seinem Schloss, verstand sich. Und dass jene Frauen, die zurzeit keinen Ehemann hatten, willige Bettpartner fanden. Kaum zwei Monde nach der Geburt der Hornstachler wusste Patta mit Sicherheit, dass Tolor im kommenden Jahr einige potentielle Zauberer bekommen würde.

Und die würden sie brauchen. Weder Eishaar noch ein anderer Drachenherr hatte sich in Tolor wieder blicken lassen.

*

Pi hatte Recht gehabt. Die Drachenbrut reagierte auf sie. Fü war mehr als froh, zur Abwechslung mal für Leben und nicht für Tod zu sorgen. Und auch wenn die jungen Hornstachler abgrundtief hässlich waren, ihre Gedanken fühlten sich warm und weich an, und im Gegensatz zu menschlichen Kindern konnte Fü sie in den Arm nehmen, ohne ihnen dabei versehentlich Lebenskraft zu rauben. Fü genoss es, sich uneingeschränkt kümmern zu dürfen.

Die Mütter hatten auch absolut nichts dagegen, dass die junge Zauberin bei der Versorgung der Drachenbrut mithalf. Einige waren dermaßen entsetzt über das, was sie geboren hatten, dass sie ihre Kinder kaum ansehen mochten. Zwei der Frauen flohen sogar aus dem Palast.

Danach kümmerte sich Fü auch um die Mütter, hörte sich ihre Sorgen und Ängste an und schaffte es, sie wieder zu stabilisieren.

Allerdings gab es jetzt ein anderes Problem, wie Fü und Jo König Patta schonend beibrachten. Die Hornstachler würden nur einen einzigen Winter als Hilfe zur Verfügung stehen. Bei so vielen Frostgeistern würden sie danach so gut im Futter stehen, dass sie sich bereits im zeitigen Frühjahr in die Hochtäler absetzen konnten, um sich dort zu verpuppen. Wenn also keiner der Drachenherren in diesem Jahr nach Tolor zurückkehrte und für neuen Nachwuchs sorgte, würde Tolor im folgenden Jahr diese zusätzliche Unterstützung nicht mehr haben.

Marle

Marle begleitete ihr Volk nach Tolor. Bis zur Grenze ging sie ihren Leuten voran. Die tolorischen Grenzfesten waren leer. Keine Posten bewachten die Pässe. Patta brauchte seine Soldaten dringender zur Bekämpfung der Frostgeister. Marle beriet sich mit den Sippenältesten. Sie beschlossen, zusammenzubleiben und die nächste größere unter den Ortschaften aufzusuchen, die von den Toloriern aufgegeben worden war. Immer vorausgesetzt, diese Ortschaft war gut gegen Frostgeister zu verteidigen. Danach würden sie König Patta Botschaft schicken, wo seine unfreiwilligen Gäste den Winter verbringen würden, und um ein oder zwei Feuerbälle für den Notfall bitten. Nach dem letzten Winter waren selbst die Sippenältesten bereit, den karapakischen Zauberern notfalls dafür einige Kinder zu geben.

Marles Kopf war während dieser Besprechung immer tiefer gesunken, und als die Ältesten von den Kindern sprachen, verließ sie die Runde, gebeugt wie eine alte Frau. Ihre Mutter eilte ihr nach und versuchte, mit ihr zu reden. Marle antwortete ihr nicht.

Am nächsten Morgen war Marle verschwunden. Zwei Hunde hatte sie mitgenommen, und ein paar Vorräte. Mehr nicht.