Flügel für den Schmetterling - Ntailan Lolkoki - E-Book

Flügel für den Schmetterling E-Book

Ntailan Lolkoki

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Beschreibung

Als Mädchen wird sie verstümmelt und schweigt jahrelang. Doch als Erwachsene bekommt Ntailan Lolkoki die Chance, das Geschehene rückgängig zu machen - in diesem großen Memoir erzählt eine tapfere Frau offen über ihr Leid und die Erlösung durch Rückoperation und bricht damit ein Tabu: Die Massai Ntailan Lolkoki wächst in einem Dorf in der Nähe von Barsaloi im Norden Kenias auf. Mit zwölf wird sie nach den Traditionen ihres Stammes beschnitten und fühlt sich seither fremd in ihrem Körper. Als sie in Nairobi einen jungen Mann kennenlernt, folgt sie ihm nach Deutschland. Sie heiraten, die Ehe scheitert jedoch, denn Sex ist und bleibt für die genitalverstümmelte Frau ein Albtraum. Nach der Trennung flüchtet Ntailan sich in die Glitzerwelt der Reichen, doch in ihrem Herzen ist es dunkel. Sie fühlt sich wie eine Fremde in ihrem eigenen Körper, ohne Gefühl für sich selbst. Ängste und Depressionen verfolgen sie, bis sie durch Waris Dirie von der Möglichkeit einer Rückoperation für Opfer von Beschneidung (FGM) hört. Ntailan, die heute in Berlin lebt, wagt den Schritt und spürt erstmals das Glück einer Frau. Strahlend vor neuer Lebensfreude, entdeckt sie ihre Kreativität und beginnt ein Leben, in dem sie endlich Erfüllung findet. Es kostet Mut, in dieser Weise mit dem eigenen Schicksal an die Öffentlichkeit zu gehen, gerade als Frau ihres Kulturkreises, denn sie bricht damit ein Tabu. Grausame Beschneidungen und andere Formen von FGM sind seit Waris Diries "Wüstenblume" bekannt. Ntailan Lolkoki geht es aber nicht nur darum, auf die furchtbaren Folgen aufmerksam zu machen – sie will weitere Beschneidungen (FGM) verhindern; vor allem aber möchte sie anderen Frauen mit diesem Schicksal Mut machen, sich über die Möglichkeiten zu informieren, wie man die furchtbaren Verletzungen heute rückoperieren kann. Ntailan Lolkoki schildert offen und ehrlich, wie sich die Rückoperation auf ihre Gefühle auswirkt, wie sie nach Jahren der Ängste und Depressionen endlich Fühlen zulassen kann, den eigenen Körper entdeckt - und damit sich selbst und das eigene künstlerische Potential. Waris Dirie, die ein Vorwort zu diesem Schicksalsbericht verfasst hat, ist beeindruckt: "Unser Weg erfordert Mut. Doch am Ende teilen wir ein Glück."

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ntailan Lolkoki

Flügel für den Schmetterling

Der Tag an dem mein Leben neu begann

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Die Massai Ntailan fühlt sich seit ihrer Beschneidung als Fremde in ihrem Köper. Als sie in Nairobi einen jungen Mann kennenlernt, folgt sie ihm nach Deutschland. Sie heiraten, die Ehe scheitert jedoch, denn Sex ist und bleibt ein Albtraum für sie.

Nach der Trennung flüchtet Ntailan sich in die Glitzerwelt der Reichen, doch in ihrem Herzen ist es dunkel. Sie bleibt eine Fremde in ihrem Körper, ohne Gefühl für sich selbst. Ängste und Depressionen verfolgen sie, bis sie durch Waris Dirie von der Möglichkeit einer Rückoperation hört. Ntailan wagt den Schritt und spürt erstmals das Glück einer Frau. Strahlend vor neuer Lebensfreude, entdeckt sie ihre Kreativität und beginnt ein Leben, in dem sie endlich Erfüllung findet.

Inhaltsübersicht

Vorwort

Prolog

1. Kapitel

Unterwegs mit Vater

Wo ich herkomme

Maralal

Glückliche Tage

Im Internat der Mission

2.Kapitel

Abenteuer mit Vater

Schatten über dem Paradies

3.Kapitel

Kitala

Muratare

Die neue Familie

Der Heiratsantrag

Leben in Ongata Rongai

Der Tag der Beschneidung

4.Kapitel

Der Nandi

Weggelaufen

In Nairobi

Auszeit in Mombasa

Erste Begegnung mit der Leere

5.Kapitel

Die Begegnung mit Lofty

England

Meine erste Zeit in Deutschland

Trennung

6.Kapitel

Luxus in Berlin

Besuch in Kenia

Model in London

7.Kapitel

Rückkehr nach Kenia

8.Kapitel

Zurück in Kenia

Hellen und Ongata Rongai

Meine Mission

Esther und Langata

Diguna

Drei Jahre für Barnados

Die Farm

Traum von Deutschland

Noch immer in Nairobi

9.Kapitel

Marvin

Fest am Lake Turkana

10.Kapitel

Aufbruch mit Hindernissen

Sozialarbeiterin in Berlin

Wiedersehen mit Marvin

Das tiefe Loch

Die Therapie

Die Enttäuschung

11.Kapitel

Singen und Trost

Ich lerne auszudrücken, was ich fühle

12.Kapitel

Der Tag nach der Operation

Aufklärungsarbeit

Meine Geschichte mit Peter

Enttäuschte Liebe

Die Affäre

Für eine Welt ohne Beschneidung

Der Tag, an dem mein Leben neu begann – fast ein Gedicht

Epilog

Dank

Vorwort

Unser Weg erfordert Mut

Es war mit dem Gedanken an Frauen wie Ntailan Lolkoki, dass ich beschlossen habe, mein Schicksal öffentlich zu machen. Mir ging es immer darum, den anderen Frauen zu helfen, denen, die auch so etwas durchmachen mussten. Deshalb habe ich vor Jahren begonnen, über meine Erfahrungen mit Beschneidung zu sprechen, auch wenn ich dann immer an meine eigene denken muss: daran, wie ich als fünfjähriges Mädchen auf einem Felsen saß in meiner somalischen Heimat. Wie viel Angst ich hatte, an dem Morgen, als meine Mutter mir ein Stück Wurzel in den Mund schob und sagte: »Sei tapfer.«

Um das Grauen bei anderen zu verhindern, das auf ihre Worte folgte, bin ich tapfer, allerdings in einer Weise, die sich meine Mutter damals nicht hat vorstellen können. Ich spreche über mein eigenes Leid, um vielen anderen Kindern und Frauen die Schmerzen und die folgenden emotionalen Probleme zu ersparen, die die grausame Beschneidung bei mir – wie bei allen anderen, ob sie es sich eingestehen oder nicht – verursacht hat.

Allmählich bin ich daran gewöhnt, dass jeder weiß, was mir widerfahren ist, egal, wo ich hinkomme. Und ich befürchte, dass Ntailan eine ähnliche Zukunft bevorsteht, jetzt, wo sie mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit geht.

Daher möchte ich sie zu ihrem Mut beglückwünschen. Denn keine afrikanische Frau ist bisher dazu bereit gewesen, auch über das zu sprechen, was nach der Beschneidung unweigerlich folgt: ein verändertes Empfinden und ein buchstäblich beschnittenes Fühlen. Wie oft habe ich mich geweigert, darüber Auskunft zu geben, ob ich heute ein erfülltes Sexualleben habe. Ich habe mich doch schon genug entblößt, war dann mein erster Gedanke, wenn Journalistinnen mir diese Frage stellten. Seid doch ein wenig feinfühlig. Erspart uns Frauen bitte die nächste Grausamkeit: unsere emotionalen Probleme in die Öffentlichkeit zu tragen.

Es hat sich so viel getan, und doch ist es längst nicht genug. Viele Menschen auch in Europa wissen heute, dass es Beschneidung gibt, sie haben verstanden, was für ein Schrecken sich hinter den Buchstaben FGM verbirgt, und sie kennen vielleicht sogar Unterschiede einzelner Beschneidungsformen. Und doch ist wenig darüber gesprochen worden, wie sich das Fühlen durch FGM verändert. Warum Probleme beim Sex auftreten und welcher Art diese Schwierigkeiten sind, die die betroffenen Frauen so anders machen. Welche von ihnen hätte je gewagt, sich auch nur mit anderen Betroffenen auszutauschen? Mit Unbeteiligten darüber zu reden, nein, das erschien ganz unmöglich.

Ein großes Tabu, das war es bis heute. Selbst unter uns Frauen. Und dann das: Eine von uns geht an die Öffentlichkeit mit einem Buch, in dem sie ihre Schwächen und ihre Schwierigkeiten im Alltag und beim Sex offenbart. Eine, die erzählt, wie lange es gedauert hat, den Entschluss zu fassen und sich rückoperieren zu lassen. Und die zudem von ihrem durch die Operation veränderten Empfinden und Erleben berichtet.

Es ist ein neuer Schritt und sehr wichtig für uns Betroffene. Das Buch wird hoffentlich viele Frauen auf diesen Weg führen, den Ntailan Lolkoki vorausgegangen ist, und ihnen die Möglichkeit aufzeigen, sich rückoperieren zu lassen. Vielleicht hilft es Frauen, die FGM erlitten haben, auch die mutige Entscheidung zu treffen, noch einmal ein Messer an dieser so empfindlichen Stelle ihres Körpers zuzulassen. Das Vertrauen aufzubringen, sich betäuben, verletzen und erneut vernähen zu lassen. Mit hormonellen Schwankungen umgehen zu lernen, mit einem bis dahin vielleicht unbekannten emotionalen Ungleichgewicht und mit Gefühlen wie Lust. Dafür bin ich Ntailan Lolkoki dankbar, dass sie stellvertretend für viele andere diesen Mut aufbringt, über all dies zu sprechen.

Wie schön, dass ich gleichzeitig ein kleines bisschen mitverantwortlich dafür bin, dass es Ntailan heute so gutgeht. Mein Beispiel und die Arbeit der Desert Flower Foundation haben dazu beigetragen, ebenso das Team des Krankenhauses Waldfriede in Berlin und das Desert Flower Center. Es ist gut, dass wir heute wissen, wie das geht: den beschnittenen Frauen ihr Fühlen zurückgeben. Und dass wir jetzt und auch in Zukunft vielleicht offener reden können über die anderen Folgen von Beschneidung: Narben, Depressionen, Traumata.

Ntailan Lolkoki bringt die Kraft auf, ein Tabu zu brechen. Ich habe früher einmal gedacht und auch oft gesagt: »Nur eine Afrikanerin kann einer Afrikanerin helfen«, weil wir denselben kulturellen Hintergrund haben, dieselben Geschichten teilen, die definieren, was ein gutes Frauenleben ist und wie es auszusehen hat. Mit Ntailan Lolkoki ist endlich diese Afrikanerin gefunden, die sich darauf einlässt, auch ihre körperlichen Gefühle zu beschreiben – und dadurch unser aller Bild vom Frausein zu erweitern. Sie steht nicht zuletzt auch für eine Frau, die nach der Rückoperation ihre Kreativität, ihren Lebensmut, kurz: ihr Glück, gefunden hat, unabhängig davon, wie andere Menschen oder gar ihr kulturelles Umfeld das beurteilen mögen.

Wie sehr wir Betroffenen davon profitieren, wenn die Öffentlichkeit und damit die eigentlich Unbeteiligten aufmerksam werden auf das Problem, haben wir in den letzten Jahren erfahren dürfen. Mit dem gewonnenen Verständnis wächst auch die Bereitschaft, sich gegen Beschneidung einzusetzen und aufmerksam zu machen auf drohende Gefahren. Ich bin sicher, dass Betroffene nun leichter den Weg zu Einrichtungen finden, in denen ihnen geholfen werden kann. Hoffentlich geht es dann vielen so wie Ntailan Lolkoki, und sie können davon berichten, wie sie erfolgreich Beschneidungen in ihrem Umfeld verhindert haben – oder von den positiven Auswirkungen einer Rückoperation auf ihr Leben.

Unser Weg erfordert Mut, doch am Ende teilen wir ein Glück.

 

Waris Dirie im März 2017

Prolog

Etwas war anders. Ich war noch nicht ganz bei Bewusstsein, schaffte es kaum, die Augen zu öffnen, doch ich spürte sofort, dass sich etwas für immer verändert hatte. Mein Körper fühlte sich anders an, und für einen Moment dachte ich sogar, ich sei eine andere. Eine wunderbare Energie durchströmte mich von den Fingerspitzen bis in die Zehen. Sie floss durch den Rücken, sammelte sich im Nacken, suchte sich ihren Weg durch meinen Kopf und über mein Gesicht hinweg. Ich verspürte ein herrliches Prickeln, das sich im gesamten Körper ausbreitete, und ich konnte es kaum glauben, dass dies mein Körper war und dass diese Frau auf dem Krankenhausbett tatsächlich ich war, Ntailan Lolkoki.

Es waren Wellen von Glück, die meinen Körper fluteten, und ich fühlte eine unbändige Freude, wie ich sie zuletzt als Kind gekannt hatte, in meiner wunderbaren Kindheit in Maralal, damals, als ich noch glücklich und unversehrt gewesen war.

1. Kapitel

Kindheit in Kenia

Unterwegs mit Vater

Die tief stehende Abendsonne tauchte unser Haus in ein rotes Licht. Wir wohnten inmitten einer kleinen Manyatta, eines traditionellen Dorfes. Ein paar Häuser aus Lehm und Stroh, nicht viel mehr als Hütten waren es. Die Rinder grasten noch draußen, deshalb war innerhalb der schützenden Dornenhecke genug Platz für mich und die anderen Kinder, und so spielten wir mit dem getrockneten Kuhdung, einem uns sehr vertrauten Material. Sogar die Hütten unserer Manyatta waren damit gedeckt. Mit einem Ohr hörten wir auf die Kuhglocken, die wir unseren Rindern umbanden. Wurde das Geläut lauter, wussten wir, dass sich die Rinder aufgemacht hatten auf ihren allabendlichen Weg in den heimischen Stall. Doch an diesem Tag ließen wir uns davon nicht stören. Erst als sich ein anderes Geräusch unter die tiefen Glockentöne mischte, horchte ich auf. Voller Freude sprang ich auf, denn ich kannte dieses Brummen.

Aus allen Richtungen strömten wir Kinder zusammen und riefen uns begeistert zu: »Gari ya trac!«, was so viel hieß wie: »The tracking land rover!«, heute, wo ich groß bin und mein Deutsch so viel besser ist, würde ich wohl ganz automatisch rufen: »Der Geländewagen der Wildhüter!« Denn es war unverkennbar das Dienstauto meines Vaters, das wir gehört hatten. Er war damit oft für längere Zeit unterwegs. Es war seine Aufgabe, mit seinen Gehilfen Viehdiebe, Wilderer und Banditen in ganz Kenia zu verfolgen.

Unser kleines Dorf war umgeben von einem Zaun aus Gestrüpp, und wie die anderen schlüpfte ich hindurch, um auf den Geländewagen zu warten, den wir nun schon deutlich erkennen konnten, jeden einzelnen der Soldaten in Uniform darin. Der Motor dröhnte gewaltig, als der Fahrer noch einmal Gas gab, um den Land Rover an uns vorbei in die Manyatta hineinzusteuern. Meine vielen Cousins und Cousinen konnten es wie ich kaum erwarten, die Türen des beeindruckenden Gefährts aufzureißen und seine Insassen zu begrüßen.

»Gari ya trac! Gari ya trac!«, riefen alle laut durcheinander und stürmten auf das Auto zu.

»Vorsicht! Vorsicht!«, rief es wie ein Echo aus dem Kreis der Mütter und Tanten, die ebenfalls herbeigeeilt kamen.

Schließlich drängte sich eine Schar Kinder um das Auto und hieß Vater und seine Leute willkommen. Die anderen stürzten sich auf die Soldaten in ihren tarnfarbenen Uniformen. Meine älteste Schwester Esther, Hellen, die zweitälteste, und ich liefen voller Freude auf unseren Vater zu und schlangen unsere Arme um seine Beine.

»Habari zenu? – Wie geht es euch?«, begrüßte er uns auf Kiswahili, meiner Muttersprache.

Natürlich ging es uns gut. Ich wusste genau, dass es uns immer wunderbar ging, wenn Vater zu Hause war. Unsere Mutter war dann in besonders guter Stimmung und kochte Vaters Lieblingsgericht: Managu na matumbo – eine Art grünen Spinat mit Innereien. Sie schimpfte nicht mit uns, wenn wir etwas falsch machten, dazu war sie viel zu beschäftigt, denn sie musste sich anschließend um Vaters Kleidung kümmern. Und er hatte Zeit, sich uns zu widmen – obwohl niemand von uns Kindern in unserem Stamm ein besonders inniges Verhältnis zu seinem Vater hatte, jedenfalls nicht wir Töchter. Doch als ich und meine Schwestern noch klein waren, kannten wir unseren Vater nur als einen höflichen und sanften Mann, den wir liebten.

Nachdem die Soldaten aus seiner Truppe einiges an Chai, unserem Milchtee mit reichlich Zucker, aus dem besten Porzellangeschirr meiner Mutter getrunken und sich damit gestärkt hatten, verabschiedeten sie sich und machten sich auf den Weg in ihre Unterkunft im Stadtzentrum von Maralal.

Unser Zuhause, das Haus und die Manyatta, der Ort, an dem ich die glücklichsten Stunden meiner Kindheit verbrachte, lag nur einen Kilometer außerhalb der Hauptstadt des heutigen Samburu County: Maralal, eine kleine Stadt auf 1965 Metern Höhe im windigen Hochland im Norden Kenias auf dem Laikipia Plateau.

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich Maralal genau vor mir: die Hütten im Schutz der Dornenhecken mitten in der Savanne und an allen Seiten umgeben von Hügeln. Ich sehe unser Haus. Sehe unsere Manyatta. Sie lag ein wenig außerhalb der Stadt, aber noch nicht tief in der Wildnis, wo viele Samburu und Angehörige anderer Stämme lebten. Ich sehe die mit Kuhdung gedeckten Hütten meiner Tanten und ihrer Kinder, die Rinder und Ziegen und die tiefrote Sonne am Horizont. Ich sehe das grüne Gras und die bunten Blumen vor unserem Haus, meine beiden älteren Schwestern Esther und Hellen und meine Mutter, eine wunderschöne Massai, die sich um uns kümmerte. In meinen Augen war sie für alles zuständig.

Die Besuche unseres Vaters waren immer etwas Besonderes. An jenem Abend, nachdem die Soldaten gegangen waren, genossen wir es sehr, dass er da war. Meine beiden großen Schwestern und ich wichen nicht von seiner Seite. Während er noch einige Gespräche mit den Alten und Ältesten des Clans führen musste, die mit ihren Anliegen eigens zu ihm gekommen waren, sprangen wir um seine Beine herum wie kleine Äffchen oder hielten sie fest umschlungen.

Er hatte uns einige besondere Leckereien mitgebracht, Essen, wie es die Soldaten im Dienst zu sich nahmen. Aber was noch viel wichtiger war: Er hatte Geschichten gesammelt, die er uns im schwindenden Abendlicht erzählte und denen wir voller Spannung und Ehrfurcht lauschten. Mein Vater arbeitete für eine Spezialeinheit der kenianischen Polizei, die für das Ergreifen von Viehdieben und Wilderern zuständig war. Seine Geschichten spielten im Busch, wo er sich mit seinen Leuten auf die Pirsch nach gestohlenem Vieh und Viehdieben machte. In seinen Geschichten kamen Löwen vor, die schlafende Soldaten angriffen und einen von ihnen fortzerrten. Sie handelten von Landminen, davon, wie ein Land Rover in die Luft gerissen und einige der Soldaten schwer verletzt wurden.

Wir konnten heraushören, wie sehr unser Vater die Natur liebte und wie gut er sie kannte. Wir bewunderten ihn und hingen an seinen Lippen, wenn er von seinen Abenteuern im Busch berichtete. Und so sagte meine Schwester Hellen, die Vater immer am leichtesten um den Finger wickeln konnte, auf Kiswahili: »Baba kesho utatupeleka kutembea?«

Vater lächelte und nickte wortlos. Er wollte uns wirklich am nächsten Morgen auf eine Wanderung durch den nahen Busch mitnehmen!

 

Gleich in der Morgendämmerung wurden wir wach, so aufgeregt waren wir, es war noch sehr früh, aber wir konnten es kaum erwarten, dass es losging. Schnell schlüpften wir in unsere Kleider, wuschen uns Hände und Füße und machten uns mit unserem Vater auf den Weg. Ich erinnere mich, dass er an jenem Tag eine schwarze Hose anhatte. Wenn er nicht in Uniform war, trug er immer schwarze oder graue Hosen und dazu weiße Hemden, die unsere Mutter in die beste Form gebracht hatte. Als wir uns mit ihm auf den Weg machten, blieb sie mit unserer jüngeren Schwester Naserian zu Hause.

Zuerst folgten Esther, Hellen und ich unserem Vater durch ein Tal gleich neben einem Wäldchen aus Buschwerk und Bäumen, das ich gut kannte. Schon oft hatte ich hier gemeinsam mit meinen Cousins und Cousinen auf die Ziegen aufgepasst, wie es die Aufgabe der kleineren Kinder war. Daneben lag der dichte, der tropische Wald, den ich aus den Geschichten meiner Tanten und der älteren Cousins und Cousinen kannte und der auf mich eine große Faszination ausübte. In ihm lag das Abenteuer, dort lauerte die Gefahr. Das Brüllen eines Löwen, das hin und wieder aus dem Buschwerk drang, hatte mich schon mehrmals in Todesangst versetzt und mir in der Nacht den Schlaf geraubt. Doch diesmal waren wir gemeinsam mit unserem Vater unterwegs und fühlten uns sicher, während wir darauf zusteuerten. Das leuchtende Grün der Savanne unter den Füßen, wurden wir von bunten Schmetterlingen begleitet.

Schließlich erreichten wir den dicht wuchernden Wald, der von allen Lebensräumen Kenias die größte Vielfalt an Tieren und Pflanzen aufweist. Von unserem Vater hatten wir die Namen vieler dieser Pflanzen gelernt. Wenn wir Imisigiyoi, Lamuria und Imorijo sahen, dann wussten wir, dass wir uns im Tropenwald befanden. Doch Vater kannte nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Tiere. Er erklärte uns, wie er verschwundenes Vieh und auch Wilderer in der Wildnis aufspürte. Dabei dienten ihm zertretenes Gras und abgebrochene Zweige von Büschen und Bäumen zur Orientierung. Keine Fußspur eines Wilderers, kein Huf- oder Tatzenabdruck entging ihm, und er konnte darin lesen, wusste sie zu deuten. An Geruch und Aussehen des Kots, den die Tiere hinterlassen hatten, stellte er fest, wann ein Tier an der Fundstelle gewesen war, und er schloss daraus, wie weit es inzwischen entfernt sein musste. Natürlich kannte er alle Tiere, die dort lebten, er verstand ihre Laute und konnte genau einschätzen, wann und wo Gefahr drohte. Er spürte, wenn Raubtiere, Elefanten, Giraffen und Gazellen in der Nähe waren, und stöberte sie auf, bevor sie ihn entdeckten. Mit unserem Vater stellte weder Regenwald noch Busch eine Gefahr dar, sondern der Aufenthalt dort war ein aufregendes Abenteuer, das wir genossen.

Wir wanderten durch eine Schlucht, in der es kühl und feucht war und ein wenig modrig roch. Felsblöcke lagen übereinandergetürmt, Lianen hingen von oben herab. Unser Vater nannte uns die Namen der Farne und Moose und der in verschiedenen Lilatönen blühenden Schlingpflanzen. Auch hier gab es große schillernde Schmetterlinge, und wenn man stehenblieb und den Kopf in den Nacken legte, dann konnte man am Ende der grünen Schlucht noch den blauen Himmel erkennen. Immer wieder stiegen uns neue Gerüche in die Nase, und unser Vater erklärte uns, was es damit auf sich hatte. Doch als uns plötzlich ein besonders stechender Geruch in die Nase biss und wir Vater fragend ansahen, sagte er nichts und bedeutete uns zu schweigen. Er schlich nun langsamer, dann blieb er stehen. Wir hielten uns hinter ihm und blickten nur vorsichtig an ihm vorbei auf die kleine Lichtung, die sich vor uns erstreckte. Der Atem stockte uns, nicht nur wegen des Gestanks.

Ich blickte erst meine Schwester Hellen an, dann Esther. Dann schauten wir alle drei mit vor Panik geweiteten Augen Vater an. Wir konnten nicht glauben, was wir sahen: Vor uns am Boden lag ein tonnenschwerer Elefant. Ganz offensichtlich war er schon eine Zeitlang tot. Wo einmal die Stoßzähne gewesen waren, klafften zwei blutige Löcher.

Auf dem Elefanten kletterten Männer, Frauen und Kinder der Turkana herum; sie hielten Messer in den Händen. Tatsächlich war ein ganzer Turkana-Clan damit beschäftigt, den Elefanten zu häuten. Die Turkana, Hirten, die vor allem im Norden Kenias leben, waren bei den anderen Stämmen nicht besonders beliebt. Sie galten als aggressiv und gefährlich. Als sie uns entdeckten und erkannten, dass wir sie aus großen Augen beobachteten, fingen sie sofort an, heftig zu schimpfen.

»Ejok«, sagte mein Vater ruhig und begrüßte damit höflich die Turkana-Ältesten. Doch die Turkana dachten wohl, wir wollten etwas vom Fleisch des Elefanten haben, und waren verärgert.

»Nyamunen!«, riefen sie, und es klang aggressiv. Dann fuhr einer der älteren Turkana mit seinem Messer schwungvoll durch die Luft und setzte es unterhalb des Ohrs des Elefanten an. Gespannt verfolgten wir, was er tat. Er bohrte das Messer tief ins Fleisch. Vor unseren Augen griff er in die Öffnung, dort hinein, wo sich das Gehirn des Elefanten befinden musste, holte eine Handvoll der halbverwesten Masse heraus und leerte sie in einen Becher. Dann führte er den Becher zu seinem Mund und verzehrte schlürfend ein Stück des Elefantenhirns. Die Masse im Becher sah aus wie eine Mischung aus Kürbissuppe mit Blut, und einen Moment lang wurde mir schlecht vor Furcht und Ekel. Ich sah zu meinen Schwestern, die meinen schockierten Blick erwiderten. Doch unser Vater schien keine Angst zu haben. Da er selbstsicher stehenblieb, waren wir beruhigt. Wir wussten, dass uns nichts passieren würde. Er verhielt sich ruhig und diplomatisch und führte uns einfach wieder fort vom Elefantenkadaver, als ob nichts Besonderes vorgefallen sei.

Der Elefant ist das Schutztier unseres Clans, daher hätten wir ihn niemals getötet. Außerdem war es illegal, einen Elefanten zu töten. Doch dieser Elefant war schon tot, und so unterließ es mein Vater einzugreifen, obwohl er im Dienst der Regierung stand.

Stattdessen führte er uns tiefer in den Wald in Richtung Barsaloi. Ich fühlte mich wie ein Abenteurer und wartete gespannt, was wir als Nächstes erleben würden. Plötzlich blieb Vater erneut stehen und bedeutete uns, es ihm nachzutun. Dann wies er mit der Hand ein wenig nach rechts auf eine Gruppe von Bäumen, zwischen denen sich eine Paviansippe niedergelassen hatte. Unser Vater erklärte uns, dass Paviane sehr aggressiv sein konnten, wenn es um Nahrung ging, und er schärfte uns ein, immer vorsichtig zu sein, wenn wir alleine unterwegs waren und ein Pavianrudel entdeckten. Aus der Ferne beobachteten wir die Paviane, von denen viele größer und schwerer waren als ich. Zum Glück schienen sie mit sich selbst beschäftigt. Sie befreiten sich gegenseitig von Läusen, paarten und zankten sich, und wir sahen ihnen mit großem Interesse zu.

Schließlich mahnte unser Vater zum Aufbruch. Auf dem Rückweg wies er uns auf den Fußabdruck einer Raubkatze hin: »Simba«, sagte er und beruhigte uns gleich darauf, als er fortfuhr und erklärte, der Fußabdruck sei schon mehrere Stunden alt und der Löwe daher höchstwahrscheinlich nicht mehr in der Nähe. Dennoch war ich froh, als wir unsere Manyatta und die Hütte erreichten, wo unsere Mutter bereits dabei war, das Abendessen vorzubereiten.

Bald darauf wurde unser Vater von seinem Fahrer im Land Rover abgeholt, und es herrschte wieder ganz normaler Alltag.

Wo ich herkomme

Gleich nach der Geburt nannte meine Mutter mich »Ntailan«. Es bedeutet: »die Gesalbte«, und es schwang darin der Wunsch mit, dass alles, was ich berührte, zu Gold werden sollte. Als ich geboren wurde, waren meine Eltern noch glücklich miteinander, und mein Name spiegelt dieses Glück wider.

Mein Vater, damals ein junger Samburu-Krieger, arbeitete seit 1956 für die »Anti-stock-theft unit« (ASTU) der Kenianischen Polizei, die als paramilitärische Einheit und schnelle Eingreiftruppe für das Ergreifen von Viehdieben zuständig war. Im Jahr 1960 führte ihn seine Arbeit eines Tages nach Athi-River. Die heutige Industriestadt in der Nähe von Nairobi war damals noch ein kleines Zentrum auf dem Gebiet der Massai. Die Stadt ist nach dem gleichnamigen Fluss benannt. Der Fluss namens Athi kommt aus den Athi-Plains südlich von Nairobi, fließt durch die Stadt und verbindet sich danach mit dem Nairobi-River, wo er in Thika die bezaubernden Wasserfälle »Fourteen Falls« bildet. Je nach Wasserstand sind dort ein oder sogar mehr als vierzehn kleine Wasserfälle zu sehen.

Vor Jahrhunderten waren die Massai gemeinsam mit den Samburu aus dem Gebiet des heutigen Sudan oder aus dem heutigen Äthiopien Richtung Süden gewandert. Während die Samburu an den Rändern des Zentralen Hochlands Kenias und in den Wüsten des Nordens blieben, zogen die Massai weiter nach Süden und erreichten im 18. Jahrhundert das Grenzgebiet der heutigen Staaten Kenia und Tansania. Sie waren Nomaden und kriegerische Viehzüchter und verteidigten das Gebiet sehr erfolgreich. Es wurde als eines der letzten in Ostafrika von Europäern in Beschlag genommen. Die Massai verdrängten auch andere ansässige Ethnien oder vermischten sich mit ihnen. Im 19. Jahrhundert führten die Massai Raubzüge auf Karawanen durch und bedrohten sogar große Küstenstädte wie Mombasa. Bis heute gelten sie daher als stolze Krieger und werden von den anderen Ethnien Kenias sowie von den Europäern dafür bewundert.

Tatsächlich wurde die große Macht der Massai gebrochen, als mit den europäischen Siedlern zuerst die Rinderpest und dann die Pocken nach Ostafrika eingeschleppt wurden und 1899 schließlich eine verheerende Hungersnot in Kenia herrschte, von der alle in Zentralkenia lebenden Menschen betroffen waren. Zu dieser Zeit etablierten sich die Briten als Kolonialmacht im Land, und es kamen zahlreiche Missionsgesellschaften nach Kenia. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein Großteil der Massai enteignet, und ihre Gebiete wurden der britischen Kolonialverwaltung zugesprochen, die das Land an europäische Siedler verkaufte. Später waren es die von der Regierung geschaffenen Tierreservate, die den Massai ihren Lebensraum streitig machten.

So stellen die Massai heute nur mehr etwa zwei Prozent der Einwohner Kenias. Sie leben vorwiegend im Süden des Landes und im Norden des Nachbarstaats Tansania und versuchen großteils ihre traditionelle Lebensweise als Hirten weiterzuführen. Landwirtschaft wurde von den meisten Massai generell geringgeschätzt, während die Rinderherde traditionell ihr Lebensmittelpunkt war. Nach dem alten Mythos hat der Gott Enkai den Massai die Rinder geschenkt. Daher verstanden sie sich als alleinige und rechtmäßige Eigentümer allen Viehs auf der Erde.

Als mein Vater 1960 nach Athi-River kam, grasten die Rinder der Massai im flachen Tal, das von den Ngong-Hügeln umgeben war. In dieser Zeit waren die Massai auch als Viehdiebe bekannt. Viehraub spielte sogar eine wichtige Rolle im Stammesleben, denn so konnten die jungen Massai-Krieger einen Nachweis ihrer Männlichkeit erbringen. Illegal war Viehdiebstahl natürlich trotzdem.

Mein Vater hatte gerade einiges gestohlene Vieh wiedergefunden und lieferte die Wilderer in das Gefängnis in Athi-River ein, als er einer wunderschönen jungen Massai begegnete, die dort als Gefängniswärterin arbeitete. Sie sollte meine Mutter werden. Doch das war nicht sofort einfach und klar, denn sie war zu dieser Zeit bereits mit einem anderen Mann verheiratet. Er war Massai wie sie und arbeitete ebenfalls als Wärter im Gefängnis. Mit ihm gemeinsam hatte sie schon einen Sohn, doch offenbar war sie nicht sehr glücklich, denn sie erlag sofort dem Charme des jungen Samburu-Kriegers und verliebte sich in ihn. Als mein Vater wenige Tage später mit seinen Männern ins Hauptquartier nach Gilgil zurückkehren musste, begleitete meine Mutter ihn. Gemeinsam mit ihrem Sohn wurde sie, versteckt auf der Ladefläche des Land Rovers, von meinem Vater aus der Stadt geschmuggelt.

Leider starb der erste Sohn meiner Mutter, für den mein Vater das Sorgerecht übernommen hatte, zwei Jahre später. Ich hätte es geliebt, einen großen Bruder zu haben. Stattdessen hatte ich zwei ältere Schwestern: Esther war fünf Jahre älter als ich. Und zwei Jahre vor mir war meine Schwester Hellen zur Welt gekommen. Ich wurde in Gilgil geboren, wo die »Anti-stock-theft unit« ihren Hauptsitz hat.

Gilgil liegt im heutigen Nakuru County, nicht weit von Nakuru, auf dem Highway Richtung Nairobi. Das Hauptquartier der ASTU befindet sich nur vier Kilometer westlich des Stadtzentrums. Da die Einheit als Transportmittel früher Pferde statt Land Rover benutzte, verfügt sie über eine riesige Pferdefarm, in der noch heute Pferde gezüchtet werden. Außerdem beherbergt die Stadt zwei große Baracken der kenianischen Armee (Kenya Defence Forces, kurz KDF) und das Zentrum des »National Youth Service« (NYS). Bis heute ist das Verteidigungsministerium der größte Arbeitgeber in der Stadt, und das Militär prägt das Stadtbild.

Mein Vater war damals die meiste Zeit über in verschiedenen Teilen des Landes unterwegs. Meine Mutter blieb alleine mit uns in dieser Stadt. Als ich drei Jahre alt war, beschlossen meine Eltern daher, dass es besser für uns Kinder sei, in Maralal aufzuwachsen, damit wir nicht in der Stadt, sondern wie Samburu aufwuchsen und mit unserer Kultur in Berührung kommen konnten. Wie viele Samburu-Krieger, die Soldaten geworden waren, schickte mein Vater seine Familie also zurück auf das Land der Samburu.

Meine Mutter, eine Tochter der Massai, zog also mit uns in den Norden von Kenia, um unter Samburu zu leben. Samburu und Massai sprechen eine ähnliche Sprache und sind eng miteinander verwandt. Schließlich wanderten sie gemeinsam ins heutige Kenia ein und trennten sich erst im 17. Jahrhundert auf dem Turkana-Gebiet im Norden Kenias in die beiden Volksgruppen auf. Wie die Massai leben die Samburu als halbnomadische Hirten und gehören zu den traditionsbewusstesten der über vierzig großen Ethnien in Kenia. Während Maralal für die meisten Touristen, die Kenia besuchen, einfach der Ausgangspunkt für Reisen in den wilden Norden ist, bedeutet er für die Samburu, was der Name besagt: »Haus der Götter«.

Maralal

Meine Mutter, Esther, Hellen und ich zogen also nach Maralal, als ich drei Jahre alt war. Meine jüngere Schwester Naserian wurde bereits dort geboren. Im ersten Jahr wohnten wir in einem Haus in der sogenannten Changaa-Siedlung, einem Stadtteil, der nach dem damals illegalen alkoholischen Getränk Changaa benannt war. Wir lebten zwischen Menschen aus den verschiedenen Stämmen, die allerdings ihre traditionelle Lebensweise und damit auch ihren Stolz aufgegeben hatten. In der Changaa-Siedlung hatten wir einen Raum mit zwei Betten: eines für meine Mutter und die kleine Naserian – und eines für mich und meine beiden großen Schwestern. Dazwischen stand der Jiko, unser Metallofen, der uns zum Kochen diente. Es gab eine Toilette, die sich außerhalb in einem eigenen kleinen Gebäude befand. Wenn wir allerdings in der Nacht dringend aufs Klo mussten, dann gingen wir nicht unbedingt bis dorthin, sondern erledigten unser Geschäft einfach irgendwo draußen in der Dunkelheit.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem unsere Mutter Chapati, die typischen dünnen Pfannkuchen, für uns zubereitete. Esther, Hellen und ich liefen hinaus, hockten uns der Reihe nach draußen hin und ließen unserem Pipi freien Lauf. Hellen war als Erste fertig und lief wieder Richtung Haus, gefolgt von Esther. Ich hockte noch immer in der Dunkelheit, als mich plötzlich die Angst überkam, dass nicht mehr genug Chapati für mich übrig sein würden, wenn ich noch länger brauchte. Ich musste meinen beiden Schwestern so schnell wie möglich folgen, und so beendete ich mein Geschäft und lief, so schnell ich konnte, zum Haus. Wie ein Pfeil schoss ich in den Raum und landete direkt im Jiko, an dem meine Mutter stand und kochte. Mein Arm wurde mit voller Wucht gegen den brennend heißen Ofen gepresst, und mit großen Augen starrte ich auf die Reihe von riesigen Brandblasen, die sich in Sekundenschnelle bildeten. Es tat nicht nur furchtbar weh, sondern sah auch schrecklich aus. Erfüllt von Schmerz und Panik fürchtete ich, dass ich mein Leben lang entstellt sein würde. Ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, und blickte hilfesuchend zu meiner Mutter.

»Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich darum«, sagte sie seelenruhig und griff nach der richtigen Medizin. Meine Mutter verwendete Ndulele, ein Heilkraut, das ein bisschen wie eine Tomatenpflanze aussah. Es wuchs überall in der Umgebung, und meine Mutter sammelte und trocknete es. Dieses Heilkraut legte sie nun täglich auf meine Wunde auf, die schon bald nicht mehr weh tat. Das Heilkraut führte dazu, dass sich über der Wunde schnell neue Haut bildete und dass heute nicht mehr die kleinste Narbe zurückgeblieben ist. Wie dankbar bin ich meiner Mutter, dass sie mich richtig zu behandeln wusste. Jedes Mal, wenn ich Leute mit Brandwunden sehe, dann frage ich mich, warum noch niemand das Heilmittel aus Kenia entdeckt und weltweit zur Anwendung gebracht hat.

 

Doch die Zeit in der Changaa-Siedlung im Stadtzentrum von Maralal war nur eine kurze Übergangsphase. Meine Mutter begann sogleich, für uns ein eigenes Haus ein wenig außerhalb der Stadt, in Shabaa, zu bauen. Jeden Tag begab sie sich nach Shabaa, um den Bau zu beaufsichtigen und selbst mitzuhelfen. Manchmal nahm sie uns mit, und wir bekamen kleine Aufgaben zugeteilt. Der Baugrund lag nur einen Kilometer entfernt vom Stadtzentrum neben dem Übungsplatz der kenianischen Armee und direkt am Rande der wilden Natur. Ganz in der Nähe befand sich auch das »Ministry of works«, kurz MOW, also das Ministerium für Öffentliche Arbeit und Verkehr, das die Samburu allerdings nur »Lopurdi« nannten, was so viel heißt wie: die Diebe. Als wir um 1970 in unser Haus zogen, begannen die Maschinen des MOW gerade die Straße Richtung Barsaloi neu zu asphaltieren.

Vom Fenster aus konnten wir beobachten, wie die Soldaten auf dem Übungsplatz im Tal miteinander kämpften, wie sie rannten und aufeinander schossen. Wenn sie wieder verschwunden waren, liefen wir auf das Feld, um die Plastikgeschosse einzusammeln, die sie für ihre Übungskämpfe benutzten. Einige der Kugeln wurden zu Schmuck für die Samburu-Krieger verarbeitet. Von unserem Fenster aus konnten wir aber auch Elefanten beobachten, die aus dem angrenzenden Waldstück kamen und die Straße versperrten, so dass zuweilen sogar die kenianische Armee ihre Manöver unterbrechen musste.

Von unserem Haus hatte ich einen weiten Blick über die Hügel rund um Maralal. Als Kind fragte ich mich immer, was wohl hinter den Hügeln lag. Sie waren groß und wunderschön, ähnlich den Hügeln im bayerischen Voralpenland, wo ich erst viel später in meinem Leben einmal hinkommen sollte. Ich verbrachte Stunden damit, von dem Land hinter den Hügeln zu träumen und davon, es zu entdecken.

Hinter den Hügeln erstreckte sich der wilde Norden Kenias. Dort lebten die Stammesleute. Er werde uns hinter die Hügel an alte Männer verkaufen, drohte unser Vater, wenn wir uns nicht benahmen. Dies war ein Ort, den wir fürchteten und der dennoch eine ungeheure Faszination auf mich ausübte.

Das neu gebaute Haus, in dem ich die glücklichste Zeit meiner Kindheit verbrachte, war wunderschön. Es war aus Holz gezimmert und hatte einen Boden aus Zement. Die Schlafzimmerwände hatten wir mit Lehm abgedichtet, wodurch sie eine rot-bräunliche Farbe erhalten hatten. Für das Wohnzimmer hatten wir zusätzlich Asche in den Lehm gerührt, so dass die Wände weißlich leuchteten. Die Wohnzimmereinrichtung war aus Holz: Es gab Stühle und einen Tisch mit wunderschönen Tischdecken, die meine Mutter selbst gemacht hatte. Sie konnte ohne jede Vorlage richtig komplizierte Stickereien anfertigen. Sie hatte das Muster im Kopf und übertrug es zur Bewunderung aller punktgenau auf ein Stück Stoff.

Es gab zwei Schlafzimmer, eines für meine Mutter und die jüngeren Kinder, das andere für den Rest der Kinder und unsere Großmutter, die Mutter unserer Mutter, die für einige Zeit bei uns wohnte. Dieses Zimmer diente auch als Küche, doch es gab eine zweite Küche vor dem Haus, wo wir abends oft zusammen saßen.

Neben unserem Haus hatte unsere Mutter einen Kaktus gepflanzt, rund um unser Haus standen Blumen, und es gab eine grüne Wiese, auf der wir spielten. Wir hatten auch einen Garten, in dem wir Mais anpflanzten, und einen, wo wir Gemüse zogen und den wir die Shamba nannten. So wie viele andere Massai und Samburu lebten wir nicht mehr nur von der Milch und dem Blut der Rinder, sondern aßen auch Getreide und Gemüse.

In manchen Nächten wachten wir auf, weil sich Elefanten in unsere Shamba verirrt hatten. Um sie zu vertreiben, verwendeten wir Trommeln. Wir Kinder standen gemeinsam mit unserer blinden Großmutter da und trommelten, so laut wir nur konnten. Mit dem Lärm konnten wir Elefanten glauben machen, dass wir stärker wären als sie. Natürlich wussten wir, dass das nicht wahr war. Der afrikanische Elefant ist immerhin das größte Landtier der Welt. Im Unterschied zu den Elefanten in Asien besitzen meist die männlichen und die weiblichen Tiere Stoßzähne, die zum Graben, Stochern, aber natürlich auch zur Verteidigung eingesetzt werden. Doch wir waren die Elefanten vor unserer Haustür von klein auf gewohnt und hatten keine große Angst vor ihnen.

Gleich hinter unserem Haus und hinter der Shamba befand sich die Manyatta, in der unsere Verwandten lebten. Die Siedlungen der Samburu sind ähnlich denen der Massai, nur dass sie bei ihnen eigentlich Enkang heißen.

Im Enkang hausen mehrere Großfamilien. Nur die aktiven Krieger der Massai, die Elmoran, leben in den eigenen, Manyatta genannten Unfriedungen. Rund um den Enkang oder die Manyatta wird ein Schutzzaun aus dornigen Ästen errichtet, der Wildtiere und Diebe abhalten soll. Innerhalb der Umfriedung findet sich ein Kreis von Hütten oder Häusern. Sie werden meist aus einem Skelett aus Holzlatten gebaut. Dies wird dann mit weichem Lehm, manchmal mit Gras vermischt, bestrichen. Die Dächer sind flach, meist mit Stroh gedeckt und häufig mit einer Lehmmischung verstärkt. Die Gehege der Rinder und Ziegen befinden sich in der Mitte der Ansiedlung und sind noch einmal von dornigen Zweigen umgeben. Der Erdboden im Enkang ist vom Vieh festgetreten und durch die Sonnenbestrahlung meist steinhart gebacken.

Die Manyatta, in der unsere Samburu-Verwandten lebten, sah ganz ähnlich aus: Im Zentrum befanden sich die Tiere. Jede Familie in der Manyatta hatte ihren eigenen Bestand an Kühen, die morgens und abends gemolken wurden. Rund um die Pferche der Tiere standen die einzelnen Lehmhütten. Ziegen und Schafe gingen in den Hütten ein und aus, in denen meine Tanten und Cousinen lebten. Die Hütten der Manyatta wurden ausschließlich von den Frauen gebaut. Dazu verwendeten sie Zweige und Blätter von Bäumen und getrockneten Kuhdung für das Dach.

Vergleiche ich sie mit den anderen Frauen, so stach meine Mutter als echte Massai hervor wie eine Prinzessin. Sie war eine elegante und vornehme Frau und trug europäische Kleidung, die allerdings bunt war wie der Regenbogen. Sie strahlte große Stärke und Würde aus. Sie lehrte uns von klein auf, dass wir anderen gegenüber respektvoll sein sollten so wie sie. Meine Mutter kümmerte sich um alles, um die Manyatta, um unser Haus, um uns Kinder und um die Einkünfte. Ordnung und Schönheit waren ihr genauso wichtig wie vielen Deutschen, die ich später kennenlernen sollte.

Sie stand nicht nur unserem Zuhause vor, sondern der gesamten Manyatta und führte die Familie, die hauptsächlich aus Frauen bestand. Die Männer unserer Tanten waren wie mein eigener Vater meist abwesend. Meine Onkel verbrachten die meiste Zeit tief im Busch, wo sie mit ihren Rindern und anderen Ehefrauen lebten. Bei den Samburu haben die Männer, wenn sie es sich leisten können, mehrere Frauen.

Alle unsere Tanten waren uns gegenüber sehr liebevoll, überhaupt herrschte in der gesamten Manyatta und in den Hütten Harmonie. Zumindest so lange, bis die Männer zurückkehrten. Wenn meine Onkel nach Hause kamen, dann lächelten sie niemals, sie wirkten traurig und ernst. Sie begannen, mit meiner Mutter zu diskutieren, die in ihrer Abwesenheit den Haushalt führte. So entstand bei mir als Kind das Gefühl, dass Männer es einfach nicht mochten, wenn Frauen glücklich waren. Ich war froh, wenn uns die Onkel wieder verließen und alles seinen gewohnten Gang ging.

Glückliche Tage

Mit den Worten »Nyoto Enkera« weckte uns unsere Mutter und ging zu den Kühen, um sie zu melken. Meine Schwestern und ich beugten uns abwechselnd über den Wasserbehälter und wuschen uns. Dann cremten wir unsere Haut mit Öl ein, um sie vor der Sonne zu schützen. Im Unterschied zu unseren Tanten und ihren Kindern, die nur Milch tranken, gab es bei uns zum Frühstück Uji, eine Art Brei aus Maismehl. Manchmal mischte meine Mutter Salz dazu und hin und wieder sogar Zucker.

Gemeinsam mit meinen beiden Schwestern machte ich mich dann auf den Weg zur Schule. Wenn es bei uns in der Manyatta gerade sehr viel Milch gab, dann nahm ich Milch in einer Flasche mit, um sie zu verkaufen. Auf dem Weg zur Schule brachte ich sie zum Haus einer Bekannten, die mit Milch handelte. Nach der Schule holte ich die leere Flasche und gab das Geld ab dann meiner Mutter. So trug ich schon von klein auf mit zum Lebensunterhalt bei, und darauf war ich stolz.

Wie meine Schwestern besuchte ich eine katholische Missionsschule, an der nur Mädchen unterrichtet wurden. An meinem ersten Schultag war ich beeindruckt von dem Gebäude, den farbig gestrichenen Wänden, den bunten Holzklötzen, mit denen uns später Rechnen beigebracht werden sollte, aber auch von den anderen Kindern in der Klasse und den netten Lehrern, denen wir mit großer Ehrfurcht begegneten. Sie hatten so viel und so lange gelernt. Für uns war das schon etwas Besonderes.

Zu Schulbeginn hatte ich von Vater meinen ersten Bleistift bekommen, und von da an bekam ich bei jedem seiner Besuche einen weiteren geschenkt. Doch am ersten Schultag gefiel mir mein Bleistift nicht so gut, denn meine ältere Schwester Hellen bekam nicht nur eine richtige Füllfeder, sondern auch eine Flasche mit Tinte, mit der sie die Füllfeder wieder auffüllte, wenn sie leer war. Ich konnte es nicht erwarten, älter zu werden und ebenfalls einen Füller zu besitzen.

Erst einmal wurde ein Eingangstest gemacht. Da ich bei dem Test geschummelt hatte, wurde ich gleich in die zweite Klasse geschickt, die ich dann allerdings wiederholen musste. Doch da ich alles schon einmal gehört und gelernt hatte, war ich von da an immer die Klassenbeste.

Auf dem Weg zu unserer Schule mussten wir an der Jungenschule vorbei, wo sich die älteren Jungen nackt vor aller Augen wuschen. Ich war froh, dass ich die Mädchenschule besuchen durfte.

Die Schule war 1965 gebaut worden, als die ersten Missionare nach Maralal gekommen waren und die Maralal-Mission aufgebaut hatten. Eines der Ziele der Mission war es, den Samburu-Mädchen Bildung zu ermöglichen, denn die Samburu hielten dies von sich aus damals nicht für notwendig. Die Samburu-Familien schickten meist einen der Söhne in die Schule, während die anderen der Stammestradition nach Krieger wurden.

Ähnlich wie bei den Massai sind die Clans der Samburu dem Alter nach in Gruppen eingeteilt. Dabei gibt es die Ilayoik, die unbeschnittenen Jungen, die Ilmoran, beschnittene Krieger, und die Ilpayiani, die für Politik und Rechtsprechung zuständigen Ältesten. Ungefähr alle zehn Jahre werden Buben zu Männern initiiert. Alle gemeinsam initiierten Männer bilden eine Gruppe von Kriegern, die Ilmoran.

Nach ihrer Beschneidung mussten sich die Jungen schwarz anziehen, und dann durften sie Vögel fangen. Manchmal machten sie allerdings auch Jagd auf die Mädchen. Sie nahmen uns mit einem Pfeil aufs Korn, dessen Spitze nicht aus Metall war, sondern aus einer Art hartem Gummi. Die Pfeilspitze konnte einen Vogel töten, aber keinen Menschen. Es tat allerdings weh, wenn man von so einer Pfeilspitze getroffen wurde. Deshalb mussten wir manchmal weglaufen, wenn wir auf dem Heimweg bemerkten, dass eine dieser Jungengruppen hinter uns war. Wir wollten nicht, dass uns ein Pfeil am Knöchel traf. Obwohl wir dann natürlich immer kicherten und herumalberten. Weh tat es trotzdem.

Es gingen ja keineswegs alle Jungen in die Schule. Und nur Familien, die stark von den katholischen Missionaren beeinflusst worden waren, kamen überhaupt auf die Idee, auch die Mädchen in die Schule zu schicken.

Natürlich war die Schule auch aus einem bestimmten Grund bei uns errichtet worden: Sie war Teil einer katholischen Mission. Dort gab es eine Kirche und daneben einen Kindergarten und eine Krankenhausapotheke. Neben dem Schulgebäude befand sich außerdem ein Kloster, in dem die jungen Mönche lebten. Die Mission wurde von den Consolata-Missionaren geführt, deren Priester und Nonnen alle aus Italien kamen und in der Mission lebten. Sie hatten Bäume gepflanzt, unter anderem Dattelpalmen, die schon groß waren, als ich eingeschult wurde. Rund um unser Schulgebäude erstreckte sich eine große Grünfläche, die durch eine wunderschöne Steinmauer und einige Kakteen abgegrenzt wurde. Ich mochte die ruhige und zugleich heitere Stimmung, die in der Mission herrschte.

Meine Lieblingsschwester war Schwester Cheopalda. Sie schenkte mir mein erstes Buch mit verschiedenen Geschichten darin. Besonders beeindruckte mich die Geschichte von Hans und der Bohnenranke, in der der kleine Hans eine Bohnenranke findet, die bis zum Himmel hinauf wächst.

Bis zum Alter von sieben Jahren ging ich nach dem Unterricht gleich wieder nach Hause, wo meine Mutter immer etwas Leckeres für mich zum Essen kochte. Denn anders als meine Tanten und Cousins, die bis zum Abend hungerten, gab es bei uns ein Mittagessen: Meine Mutter kochte dann oft eine dickere Form von Porridge aus Maismehl für uns: kiteke.

 

Nach Schulschluss war es meine Aufgabe, auf die Ziegen und Schafe aufzupassen und sie zu den besten Weideplätzen zu treiben, wo sie sich satt fressen konnten. Manchmal war ich ganz alleine mit den Tieren unterwegs. Um mich zu beschäftigen, dachte ich mir Lieder aus, eigene Melodien und Texte, und sang sie den Ziegen vor. Dies ging immer nur eine Weile lang gut, denn die Ziegen hatten ihren eigenen Willen und machten, was sie wollten. Einige von ihnen waren besonders stur und ließen sich weder durch gutes Zureden noch durch drastischere Maßnahmen dazu überreden, das zu tun, was ich wollte.

Es war etwas ganz anderes, wenn meine Cousins und Cousinen dabei waren. Gemeinsam war es uns ein Leichtes, die Ziegen unter Kontrolle zu bringen, und manchmal waren sie dann sogar so brav, dass wir uns interessanteren Dingen zuwenden konnten und die Ziegen komplett vergaßen.

Zu den interessanten Dingen gehörte es auch, uns selbst zu entdecken, zu untersuchen und einen Blick auf die Körperteile der anderen Kinder zu werfen, die man selbst nicht besaß, und diese sogar berühren zu dürfen. Wenn ich an diese Zeit meiner Kindheit zurückdenke, an die Erfahrungen, die wir Kinder miteinander während des Hütens unserer Ziegen machten, dann frage ich mich, ob uns die Erwachsenen mit gutem Gewissen unsere Sexualität entdecken ließen, weil sie wussten, dass wir uns ohnehin bald für immer davon verabschieden mussten.

Einige Mädchen hatten vor ihrer Beschneidung sexuelle Beziehungen zu Männern. Es waren die nach der alten Tradition erzogenen Mädchen. Sie erhielten Perlen von ihren Freunden geschenkt, den stolzen Kriegern, und wir bewunderten sie sehr deswegen. Überhaupt erschienen mir diese Mädchen wunderschön. Sie trugen keine T-Shirts oder sonstige moderne Kleidung an ihrem Oberkörper, sondern sie waren bis auf ihre Perlen nackt und gingen so geschmückt überallhin – auch zum Ziegenhüten. Diese Mädchen wendeten viel Zeit dafür auf, sich für die Krieger schön zu machen. Und auch die Männer versuchten alles, attraktiv auszusehen.