Flut der Sinne - Claude Peiffer - E-Book

Flut der Sinne E-Book

Claude Peiffer

0,0

Beschreibung

Mai 34 DNW (Der Neuen Weltordnung)! Während die Mächtigen der Republik Terra auf Erde, Mond und ihrer ersten Kolonie Nikong weiterhin ihre gefährlichen Spielchen um Macht und Einfluss betreiben, rückt die Erforschung eines rätselhaften Ozeanplaneten in den Mittelpunkt, fremdartig, überwältigend und bevölkert von Leben jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft. Im Zentrum des Geschehens stehen erneut die Familie Meroth, Kadochi Hiromi und der unbeirrbare Captain Matt Stoma mit seinem Frachter, der Hatahata. Unterstützung erhalten sie diesmal von der brillanten Professorin Hamasaki Mariko und ihrer Schwester Nanami, beide ausgewiesene Expertinnen für aquanautische Wissenschaften. Doch nicht nur die Handlung gewinnt sprichwörtlich an Tiefe: Auch das Cerateran-Universum entfaltet sich weiter mit fantastischen neuen Erkenntnissen über die Struktur der bisher bekannten Realität, die alles verändern könnten und selbst den sagorischen Botschafter-Roboter Veegun in Aufregung versetzten. Im vierten Roman des Meroth-Zyklus erleben wir eine wahre Flut der Sinne, und zwar nicht nur auf der Erde, sondern auch tief im Ozean einer fremden Wasserwelt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„In der Tiefsee hört dich niemand schreien.“

Sie ist dunkel, still und geheimnisvoll.

Dort, wo das Licht endet, beginnt das Wunder.

Professorin Dr. Hamasaki Mariko

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 23: Streitigkeiten

Kapitel 24: Emotionales Chaos

Kapitel 25: In den Tiefen von Nankai

Kapitel 26: Rund um Nikong

Kapitel 27: Die Sprache der Tiefe

Kapitel 28: Rätselhafte Katastrophe

Kapitel 29: Offene Gespräche

Kapitel 30: Mission Flisser

Kapitel 31: Geheimnisse der Tiefe

Kapitel 23

Streitigkeiten

5. Mai 34 DNW (Der Neuen Weltordnung)

„Und so brechen die ersten Kolonisten der Erde auf – hinaus in die dunklen, endlosen Weiten des Alls. Ihrem Ziel, einer angeblich maßgeschneiderten, paradiesgleichen Welt entgegen, die speziell auf ihre Bedürfnisse angepasst worden ist und die sie bereits in wenigen Stunden erreichen werden. Dank der gönnerhaften Herren unseres sagorischen Botschafters.“

Ernesto Grillenwind starrte verbissen auf den Holoschirm, der die sterile Stille seines Büros mit grellen Bildern durchbrach. Der Start des sagorischen Kolonieschiffes lief live. Es war ein triumphaler Moment für die Öffentlichkeit.

Die Stimme der Reporterin von The Voice überschlug sich fast vor patriotischem Pathos. Worte wie ,neuer Anfang‘ oder ,interstellarer Aufbruch der Hoffnung‘ hallten aus den Akustikfeldern. Für Grillenwind waren es bloß Lügen, wiedergekäut von einer ahnungslosen Marionette.

Sie wussten es halt nicht besser. Nicht die Journalistin. Nicht ihre Vorgesetzten. Nicht einmal die Gläubigen – seine Brüder und Schwestern an Bord dieses stählernen Kolosses, die in der Aussicht auf eine bessere Zukunft vor der Verfolgung durch die Republik flohen.

Sie wähnten sich gerettet. Er jedoch kannte die Wahrheit.

Gott selbst hatte sie ihm gezeigt. In einer Vision, so eindrucksvoll und unwiderlegbar wie der letzte Tag der Menschheit. Die ahnungslosen Kolonisten würden sterben. Männer, Frauen und Kinder. Geopfert wie der Papst und seine treuesten Anhänger. Verraten. Ausgeliefert. Ermordet. Veegun hatte sie ihrem Schicksal überlassen. Er war das Werkzeug der Vernichtung in glänzender Metallhaut. Und die Schlächter des Kartells taten das Ihre dazu.

Und Ernesto?

Er hatte nichts tun können. Niemand hätte das. Nicht einmal die Kartellräte – jene allmächtigen Schattenfürsten der Erde – würden es wagen, sich dem sagorischen Botschafter zu widersetzen. Veegun hatte sich längst als das enttarnt, was er wirklich war: keine einfache Maschine, sondern eine Verkörperung des Bösen.

Der goldene Roboter, der androgyne Abklatsch eines Menschen, hatte seine Maske fallen lassen. Seine kalte, logische Grausamkeit war reine Willkür. Er war nicht bloß ein Abgesandter einer fremden Macht. Er war ein Fürst der neuen Finsternis. Kein Dämon aus alter Zeit, sondern geboren aus positronischen Schaltkreisen, sagorischem Edelstahl und einem teuflischen Bewusstsein. Eine unbesiegbare Entität, geschaffen aus Technologie und Ketzerei, beseelt mit einer einzigen Mission: Verdammnis für alle, die sich dem Dogma seiner Herren widersetzten.

Grillenwinds anfängliche Verzweiflung war längst von ihm gewichen. Voller Wut und Rachegelüste starrte er auf den großen Holoschirm. Er schloss die Augen und betete. Nicht um Rettung, sondern um Vergebung für die Seelen auf diesem Schiff. Für das, was kommen würde. Für das, was er selbst noch tun musste.

Das Gebet war kurz. Keine Zeit für Flehen. Der letzte Auftrag des Heiligen Vaters brannte tief in seinem Herzen. Der Erzengel wartete auf ihn.

„Auf nach Defender One!“, murmelte er entschlossen, federte förmlich aus seinem Sessel hoch und verließ sein Büro.

Er trat hinaus in eine Welt, die auf die Dunkelheit des kommenden Sturms nicht vorbereitet war.

*

Der exakte Mittelpunkt der urbanen Landschaft aus glitzerndem Stahl und Glas bildete der achtzehnhundert Meter hohe, blau leuchtende Administration-Tower. Das politische Herz einer jeden der neunundneunzig irdischen Metropolen.

In London, etwa drei Kilometer südlich davon und nahe der Themse, erhob sich mit seinen sechzehnhundertvierzig Metern, der zweithöchste Gebäudekomplex der Stadt: das Meroth Building!

Ein monumentales und sicher auch architektonisches Meisterwerk des 1. Jahrhunderts der Neuen Weltordnung. Das Bauwerk vereinte die Schönheit eines modernen Designs mit der Funktionalität einer Hochtechnologie-Infrastruktur. Die außergewöhnliche Konstruktion war durch leuchtende Lichtstreifen aus strahlendem Energie- und Informationstransport systematisiert, welche die Struktur nach außen hin in ein dynamisches und beeindruckendes Objekt transformierten.

Die Fassade des Gebäudes bestand zu zwei Dritteln aus transparentem Stahlglas. Der restliche Teil war mit einer Art lebendigem Biokleid versehen. Es konnte sich je nach Bedarf von der Sonne abschirmen oder sie aufnehmen. So wurden die Innenräume mit natürlichem Licht beleuchtet. Gleichzeitig lieferte das Biokleid durch Photosynthese Energie, verminderte somit den Stromverbrauch und trug zur Reduzierung der Umweltverschmutzung bei.

Im Zentrum des Eingangsbereiches befand sich ein großes Atrium, das eine umfangreiche Sammlung von diversen Baumarten beherbergte. Diese trugen dazu bei, die Luft im Innern qualitativ zu verbessern. Das Atrium verband mehrere Etagen miteinander, die mit Geschäften, Restaurants und Unterhaltungsmöglichkeiten als zentraler Treffpunkt für Angestellte und Besucher dienten.

Die Geschäftsräume von Meroth Industries – Büros, Konferenzräume, Sportsäle und Speiselokale für die einfachen Angestellten – lagen oberhalb des 350. Stockwerkes, in dem sich ebenfalls das VIP-Parkdeck befand. Darunter lagen, auf zwanzig Etagen verteilt, die diversen Forschungseinrichtungen des Unternehmens. Ab dem 378. Stock begann die sogenannte Chefetage, an dessen Spitze sich die Büros der Meroth-Familie befanden. Darüber gab es nur noch das private Parkdeck der Direktionsangestellten. Den Abschluss an der Spitze bildete ein Teil eines hoch modernen Kommunikationssystems.

Sämtliche Arbeitsbereiche waren flexibel gestaltbar und ließen sich je nach Anforderung anpassen. In den Forschungsstätten befanden sich die modernsten Laboratorien, ausgestattet mit der neuesten sagorischen Technologie.

Das Meroth Building war nicht nur ein symbolischer Ausdruck der Macht und Technologiekraft des Unternehmens, sondern auch ein Schaufenster für die Zukunft: nachhaltig und innovativ, dynamisch und funktional.

*

Harry Meroth saß hinter seinem geschwungenen Schreibtisch. Er wandte kurz seinen Blick von der holografischen Live-Übertragung von The Voice ab, als sich die schwere, teiltransparente Stahlglastür seines modernen Büros öffnete und sein Sohn Timothy eintrat.

„Na? Haben sich die Damen und Herren der Admiralität endlich wieder beruhigt?“, fragte Harry gelassen, aber mit einem Unterton, der Tim verriet, dass etwas seinen Vater verärgerte.

Er verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, schob sich lässig einen der Schwebesessel vor Harrys Schreibtisch zurecht und ließ sich darin nieder.

„Beruhigen? Die werden sich wohl erst wieder einkriegen, wenn dieser riesige Pott unser Sonnensystem verlassen hat.“

„Übertragung beenden!“, befahl Harry der Positronik und augenblicklich erlosch die holografische Nachrichtensendung.

Er schnaubte leise, während er auf der in seinem Schreibtisch integrierten Tastatur herumtippte und sich von der Positronik die Verbindungen zu seinen beiden anderen Söhnen – Edward auf dem Mars und Gordon auf dem Mond – aufbauen ließ.

„Wie geht es Edis Frau?“, fragte er scheinbar beiläufig.

Harry sah seinen Sohn lauernd an. Tim kannte seinen Vater gut genug, um zu bemerken, dass er versuchte, ihn auszuhorchen.

„Tiff?“

Tim hob betont unschuldig die Brauen.

„Keine Ahnung. Hab sie ewig nicht gesehen. Seit Alison zu Gordon auf den Mond gezogen ist, sitzt sie in ihrem goldenen Käfig und tut nichts anderes, als die Dienerschaft herumzuscheuchen.“

„Aha!“

Harrys Blick verengte sich zu schmalen Schlitzen.

„Du hältst meine Vorsichtsmaßnahmen wegen ihrer Schwangerschaft also auch für übertrieben?“

Timothy zuckte innerlich zusammen. Er versuchte zu erahnen, worauf die Bemerkungen seines Vaters hinausliefen.

„Nein, natürlich nicht!“, erwiderte er schnell.

In seinem Kopf ratterte es fieberhaft. Wusste sein Vater etwa von der Affäre zwischen ihm und der Frau seines Bruders?

„Sie trägt schließlich den Erben von Meroth Industries in sich“, fügte er bedächtig hinzu. „Da kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Außerdem … sie wusste ja, worauf sie sich mit dem Lebenspakt einließ.“

Harry schnaubte abfällig.

Tim räusperte sich.

„Vielleicht sollte sich ihre Mutter etwas mehr um sie kümmern“, schlug er vor und lehnte sich scheinbar entspannt zurück.

Harry lachte auf. Es war ein raues, hartes Lachen.

„Colleen? Die kümmert sich nur um eine Person, und die trägt zufällig ihren Namen.“

„Tja“, grinste Tim süffisant und warf seinem Vater einen fetten Köder hin. „Ich dachte immer, nach Rods Tod würde sie sich den nächstbesten reichen, mächtigen Kerl angeln. Einen Mann wie dich, zum Beispiel.“

Harrys Gesicht verfinsterte sich.

„Wenn es so wäre, ginge es dich nichts an“, sagte er mit eisiger Stimme.

Tim wusste genau, dass er sich zu viel erlaubte. Niemand redete so mit Harry Meroth. Auch nicht einer seiner Söhne. Doch er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Außerdem lenkte die eingeschlagene Richtung des Gesprächs von seiner Beziehung zu Tiffany ab.

„Du streitest es also nicht ab?“

Noch ehe Harry antworten konnte, flackerte ein neues Hologramm im Raum auf. Edward Meroth, der älteste Sohn, stieß zu ihnen. Er hatte Tims letzte Worte offenbar mitbekommen.

„Was streitet Vater nicht ab?“, fragte er neugierig.

Kaum hatte sich Edwards Abbild vollständig materialisiert, gesellte sich auch Gordon per Hologramm hinzu. Der jüngste Meroth wirkte zunächst etwas desorientiert, erkannte jedoch schnell die angespannte Lage im Raum.

„Habe ich was verpasst?“, fragte er frech und stellte sich mit verschränkten Armen vor den Schreibtisch seines Vaters.

„Ich wollte wissen“, setzte Tim an, die Stimme triefend vor Falschheit, „ob Vater plant, eine Vermählung mit Colleen einzugehen.“

„Mit meiner Schwiegermutter?“, fuhr Edward erschrocken auf. „Hat der Lebenspakt zwischen mir und Tiff nicht eine Klausel für so einen Fall? Und was würde das für mein Erbe bedeuten, wenn du stirbst und mit Colleen Taylor einen Bündnisvertrag eingegangen bist?“

„Ich habe nicht vor, so bald zu sterben!“, knurrte Harry und knallte die Faust auf den Tisch. „Wenn ihr eure Aufgaben besser erledigen würdet, müsste ich mir über mein Vermächtnis keine Sorgen machen! Besonders dein Verhalten, Timothy, gibt mir zu denken.“

Er deutete drohend mit seinem Zeigefinger auf den kahlköpfigen Mann.

„Ich habe endgültig genug von deinen ewigen Machtspielchen und Intrigen, mit denen du versuchst, deine Brüder auszustechen. Gordon und Ed kommen doch auch miteinander klar. Warum fällt dir das so schwer?“

Tim schlug die Beine übereinander, das Lächeln eines Mannes auf den Lippen, der nur zu gerne provozierte.

„Vielleicht, weil ich in einer ganz anderen Liga spiele als die beiden Weicheier“, verteidigte er herablassend seine Art und Weise, Geschäfte zu machen.

Gordon schnaubte verächtlich.

„Stimmt. Das tust du! Wir anderen spielen nämlich nicht falsch, manipulieren keine Geschäftspartner oder drohen ihnen, wenn sie sich weigern, krumme Geschäfte für dich zu erledigen.“

Tim schob sich nach vorne und zischte:

„Pass auf, was du sagst, Bruderherz. Der Mond kann ein gefährliches Pflaster sein für unerfahrene junge Männer, die glauben, ein gewisses geschäftliches Talent zu besitzen.“

Gordon grinste spöttisch und wandte sich an seinen Vater.

„Genau das meinte ich.“

„Schluss jetzt!“, beendete Harry den Disput. „Ihr habt jetzt alle gehört, was ich von euch verlange. Wenn ich bis Mitte des Jahres keine Verbesserung sehe, werde ich Colleen Taylor zu meiner Gefährtin und nach meinem Tod zur Geschäftsführerin von Meroth Industries machen.“

Betroffenes Schweigen breitete sich aus.

„Sie wird euch schon zur Raison bringen. Oder euch gnadenlos vernichten.“

„Das würdest du nicht wagen!“, hielt Edward dagegen. „Meroth Industries bedeutet dir alles. Du würdest deine Arbeit, dein ganzes Leben nicht einer ehemaligen Büroschlampe wie Colleen überlassen.“

„Wir werden sehen!“, sagte Harry und ließ seinen Blick noch einmal langsam über seine Söhne gleiten. „Und jetzt zum Geschäftlichen.“

*

Die leicht stämmige Frau, in der mehr Energie pulsierte, als ihre ein Meter vierundsechzig vermuten ließen, saß regungslos in einem weißen Ledersessel des Wohntraktes ihrer Räumlichkeiten auf Defender One. Nur ihre Augen bewegten sich – schnell, fokussiert, analytisch. Auf dem holo-transluzenten Display vor ihr scrollte ein Bericht, den die Positronik über Kadochi Hiromi zusammengestellt hatte. Vieles davon war ihr vertraut. Es waren hauptsächlich belanglose Daten, DNA-Merkmale, Leistungsprotokolle und akademische Auszeichnungen usw.

Colleen Taylor-Whitesand interessierte sich jedoch nicht für das Offensichtliche. Ihr Blick haftete an dem Abschnitt über die Herkunft der Japanerin und an einem Namen.

„Kadochi Ayumi …“, murmelte sie. Die Fakten über Hiromis Mutter rauschten an ihren aufmerksamen Augen vorbei.

Offiziell tot, seit dem 26. Mai 12 DNW. Getötet bei einem Aufstand religiöser Fanatiker in Tokio. Tod durch Explosion. Ihre Überreste wurden identifiziert anhand genetischer Rückstände und staatlich beglaubigt.

Colleen blinzelte.

„Und wenn sie nun nicht gestorben ist … Ich könnte schwören, sie hätte sich mir in der Rolle von Sukuinote präsentiert. Nur mit einer hässlichen Narbe in ihrem hübschen Gesicht.“

Colleen lehnte sich zurück und machte ein paar meditative Atemzüge. Ein Gedanke kroch in ihr hoch. Leise und unverschämt wie ein schmutziger Parasit, ein gefräßiger Wurm, der es sich heimlich in ihrem Körper gemütlich machte.

Die Akte konnte manipuliert worden sein. DNA-Spuren ließen sich fälschen. Explosionen inszenieren. Und Ayumi war einfach untergetaucht. Mit einer Narbe auf der rechten Wange und einer neuen Identität. Aber warum? Welchen Grund hätte sie dafür gehabt? Und wer hätte davon profitieren können?

Das Kartell!

Colleens Herz schlug schneller. Was, wenn das Kartell Kadochi Ayumi rekrutiert hatte? Was, wenn sie – als Sukuinote – entscheidend dazu beigetragen hatte, Rod Taylors Frau zu kontrollieren? Hatte Sukuinote sie zu einer Marionette des Kartells gemacht?

Eine Frage brannte sich in ihren Verstand: War Hiromis Mutter vielleicht nur eine Figur in einem viel größeren Spiel? Ihre Gegenspielerin auf einem globalen Parkett? Eine Königin wie sie?

Colleen stand abrupt auf. Sie trat an das breite Fenster aus verstärktem Stahlglas. Vor ihr spannte sich die Erde auf – blau, verletzlich, wunderschön. Die dreitausendvierhundert Meter hohe Raumstation Defender One, hantelförmig und massiv, schwebte wie ein stiller Wächter im Orbit über ihr. Ein Bollwerk, gebaut aus Politik, Geheimnissen und dunklen Geschäften. Aber gleichzeitig auch eine Waffe der Vernichtung.

Defender One war für Colleen längst mehr als nur eine weitere Operationsbasis. Die Zycon-3-VS war zu ihrer persönlichen Bastion geworden. Ein Ort, von dem aus sie in die Tiefen des Alls, bis ins Yuan-System vorgedrungen war, wo die Taylor Cooperation im Auftrag des Kartells Talwenium abbaute. Von hier aus flog sie zu den Piraten im Gürtel und zur Arche, der einzigen Hoffnung der Menschheit auf Überleben.

Colleen vernahm eine innere Unruhe in ihr hochkommen. Sie spürte den Sog der Wahrheit, der sich ihr unaufhaltsam näherte.

„Wenn Kadochi Ayumi wirklich noch lebt und tatsächlich für das Kartell arbeitet“, flüsterte sie vor sich hin, „dann ist nichts, was ich zu wissen glaube, nichts, was ich tue, mehr sicher.“

Doch ans Aufgeben dachte die 70-jährige Geschäftsfrau nicht. Sie hatte bereits sehr viel in ihrem Leben erreicht und würde sich durch nichts von ihrem Weg abbringen lassen.

*

Timothy saß reglos in einem Sessel in seinem Büro in der Chefetage des Meroth Buildings. Die Nacht fiel langsam über London herein. Unter ihm erwachte ein glühendes, pulsierendes Netz aus Licht. Er beachtete es nicht. Der Raum war dunkel, nur das matte Leuchten des Firmen-Hologramms auf seinem Schreibtisch warf flackernde Reflexe auf seinen haarlosen Kopf. In seiner Hand hielt er ein schweres Glas aus teuerem Kristall, halb gefüllt mit einem Culloden-Whisky, Jahrgang 03 – fast zu schade, um ihn zu verschwenden.

Seine Finger zitterten.

Nicht vor Kälte. Nicht vor Furcht. Vor Wut.

Er presste die Lippen zusammen. Wieder hatten seine Brüder es geschafft. Wieder hatten sie sich in den Fokus ihres Vaters gedrängt, mit militärisch perfekten Feldzügen, spektakulären Allianzen, die selbst alteingesessene Konzernbosse ehrfürchtig nicken ließen.

Hauptsächlich Edward!

Immer wieder Edward!

Während sein älterer Bruder sich stets ins Licht rückte, arbeitete Timothy im Schatten. Wo sonst? Wochenlang hatte er verhandelt. Datenlecks gesichert! Schmierige Politiker in Koblenz bestochen, damit Meroth Industries die Eifel Hyper Power unauffällig schlucken konnte. Das war keine einfache Übernahme gewesen. Es war eher ein chirurgischer Eingriff am offenen Markt. Niemand hatte es bemerkt. Bis es zu spät gewesen war.

Er hatte für den Baubeginn der ersten Mega-Fankton-Speicheranlage Europas in der Lüneburger Heide gesorgt. Aber darüber sprach niemand in der Familie. Kein einziges Wort. Keine Anerkennung. Nicht von seinem Vater, nicht von seinen Brüdern, nicht von den stummen Beratern mit ihren ausdruckslosen Gesichtern. Nur ein müdes Nicken beim letzten gemeinsamen Abendessen auf Meroth Manor. Als wäre er der Chauffeur, nicht ein möglicher Erbe eines der mächtigsten Konzerne der Welt.

Stattdessen erhielt er von seinem Vater einen neuen Auftrag, gegen den sich alles in ihm sträubte. Der Familienpatriarch forderte ihn auf, sich mit der Asia Group auseinanderzusetzen. Eine euphemistische Darstellung für das, was ihn wirklich erwartete.

Timothy sollte sich in die Höhle des Drachen wagen, direkt nach Peking, zum zentralen Sitz des Chang-Clans. Dort, wo Entscheidungen nicht nur auf holografischem Papier gefällt wurden, sondern auch mit Giften, tödlichen Messern und lautlosen Killerdrohnen. Ein Ort, an dem Loyalität und Schwäche kaum zu unterscheiden waren. Beides konnte nämlich tödlich enden.

In Peking sollte er den Vertrag finalisieren, den Edward eingefädelt hatte. Der Held der Familie. Der glorreiche Krieger, der auf dem Mars eine Agentin der Changs enttarnt hatte. Ein Schachzug, der die Asia Group zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten dazu zwang, mit einem westlichen Konsortium ernsthaft zu verhandeln. Ein Coup wie aus dem Lehrbuch.

Und Timothy?

Er durfte das brüchige Kartenhaus stabilisieren. Die fragile diplomatische Beziehung kitten. Das Vertrauen der Changs gewinnen, als wäre Edward nicht derjenige gewesen, der ihren Stolz verletzt hatte.

Wenn Timothy erfolgreich sein würde, wäre das eine Selbstverständlichkeit. Niemand würde ihm danken. Der Ruhm würde wie immer zu Ed wandern. Als hätte er nie existiert.

Aber diesmal … diesmal würde Tim das nicht zulassen. Er hielt einen Trumpf in der Hinterhand. Ein Gerücht, das sich bestätigt hatte und ihm helfen würde.

Er stand auf, ging hinüber zum Panoramafenster und sah hinab auf die rot glühenden Skyways, auf denen unterschiedliche Personen- und Frachtgleiter diverser Unternehmen ihre Bahnen zogen. Über dem Finanzdistrikt fiel ihm das träge Kreisen einiger Aufklärungsdrohnen auf.

Sein Spiegelbild sah ihn aus der Scheibe an. Es wirkte müde und abgeschlafft. Tim musste sich zusammenreißen. Zu viel stand auf dem Spiel.

Durch die Festnahme der Chang-Agentin hatte Edward es geschafft, für Meroth Industries als einziger anderer irdischer Konzern eine Tür nach Nikong zu öffnen. Für die Kolonie im Yuan-System war, wie vom Kartell angeordnet, ausschließlich der Chang-Clan zuständig. Ed hatte diesen bedeutsamen Coup in einem Nebensatz bei ihrem letzten Geschäftsmeeting erwähnt, als würde es sich um einen belanglosen Zwischenfall handeln. Der Beifall, den er dafür erhalten hatte, sagte etwas anderes aus.

„Vergiss die Vergangenheit!“, tadelte sich Tim. „Konzentriere dich auf das Kommende.“

Peking war ein Minenfeld. Voller Masken, Rituale und alten Schulden. Voller Überwachungssysteme, die bis in die Träume vordrangen, und stillen Bedrohungen in jedem Lächeln. Doch Peking war ebenfalls nur eine weitere Metropole unter dem Banner des Kartells. Tim würde dorthin gehen. Nicht, weil sein Vater es wollte. Nicht, weil Edward es eingefädelt hatte. Sondern weil das Kartell zusehen würde.

Wenn er in Peking überlebte und mit einem Erfolg nach Hause zurückkehrte, würden die Kartellräte davon erfahren. Dafür würde er sorgen, und das zählte mehr als jede väterliche Anerkennung.

Oder er würde scheitern. Und der letzte, klägliche Rest von Vertrauen in ihn wäre für immer ausgelöscht. Aber er war Timothy Meroth, ein Gewinner, ein Mann, der nie aufgab, bis er sein Ziel erreicht hatte.

Timothy hob das Glas, starrte in den bernsteinfarbenen Glanz des Whiskys, als könnte er dort seine Zukunft erkennen. Lächelnd trank er es in einem Zug aus.

*

Ernesto Grillenwind trat durch die Schleuse der Andockbucht. Er spürte einen warmen Luftzug, den er in seiner Glaubensvorstellung mit einem Atemzug Gottes verglich. Kaum hatte er die Schleuse passiert, traten zwei Soldaten aus dem Schatten auf ihn zu.

Ihre Uniformen unter der leichten schwarzen Körperpanzerung waren braun. Ein Farbton, den Ernesto von alten Aufzeichnungen her kannte. Braunhemden hatte man sie damals genannt. Einer der Männer trug eine Maske, die ihn gesichtslos machte. Sein Impulsgewehr war nicht auf Grillenwind gerichtet, aber es war schussbereit.

„Identifizierung!“, forderte der zweite Soldat ihn auf.

„Grillenwind, Ernesto! WWKA!“

Er zeigte seinen Ausweis. Das Emblem der Weltwirtschaftskontrollagentur funkelte im Licht des Scanners – gold auf nachtblau. Der Uniformierte warf einen flüchtigen Blick darauf, salutierte knapp und ließ ihn vorbei.

„Wie leichtgläubig ihr doch seid“, dachte Grillenwind voller Bitterkeit. „Ihr, die glaubt, das System sei unfehlbar.“

Er schritt unauffällig davon, erreichte den Ausgang des Kontrollbereiches und folgte einem der gewölbten Korridore. Sein Herz schlug ruhig. Nur ein feines Pochen in der linken Schläfe verriet seine Anspannung.

Die weißen Gänge von Defender One schienen leise zu atmen. Kein menschliches Flüstern, kein metallisches Knarren, nur das kaum hörbare Summen der Lebenserhaltung. Für Grillenwind pulsierte die Raumstation wie ein lebendes Wesen.

Ernestos Ziel war der Theta-Sektor. Dort befanden sich die anspruchsvolleren Quartiere der terranischen Oberschicht.

Seine Gedanken kreisten um seine erbarmungslose Aufgabe. Er hielt sich nicht für einen Kriminellen, schon gar nicht für einen Mörder. Nicht im klassischen Sinne. Er war eher ein Überzeugungstäter. Und heute war der Tag, an dem er Rache für seine Glaubensbrüder und -schwestern nehmen würde. Und natürlich für den Heiligen Vater.

Auf dem Weg zu seiner Unterkunft begegnete ihm eine kleine, schwarzhaarige Frau. Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie ihn erkannte. Sie nickte ihm nur knapp zu und ging weiter, ohne langsamer zu werden. Der Moment war flüchtig, aber er blieb in seinem Gedächtnis wie ein feiner Kratzer im Glas. Natürlich hatte sie ihn erkannt. Eine Geschäftsfrau ihres Formates konnte man nicht übersehen. Aber es kümmerte ihn nicht.

Er betrat sein angemietetes Quartier und die Tür schloss sich mit einem leisen Zischen hinter ihm.

Der Raum war luxuriös, besaß einen abgetrennten Wohnbereich mit Schreibtisch, eine holografische Projektionseinheit, ein großes Schlafzimmer und eine geräumige Hygienezelle. Besonders gefiel ihm das Fenster mit Sicht auf die Erde. Sie lag eingebettet in der Schwärze des Alls. Blau, still, ahnungslos.

Grillenwind trat ans Fenster, betrachtete die Welt, die ihn einst hervorgebracht hatte und auf der er nie richtig willkommen gewesen war.

Er rieb sich die Stirn. Spürte leichte Kopfschmerzen.

Der Augenblick der Rache rückte näher.

Oben, über dem Fenster, schwebte eine holografische Zeitangabe

16:13 Uhr.

In genau siebenundvierzig Minuten war es so weit. Der Hyperraumanzapfer würde aktiviert, das übergeordnete Kontinuum angezapft und die Energie durch die Mittelröhre der Station geleitet werden, bis sie schließlich durch den Abstrahler auf die geheime Empfängerstation im Indischen Ozean gesendet wurde. Eine Versuchseinrichtung, die von der Regierung betrieben wurde und bereits einige Male getestet worden war.

Heute fand ein weiterer dieser sogenannten Tests statt. Ein weiterer Versuch. Eine weitere Lüge. Die Unterlagen, die er noch von Papst Dolleresch erhalten hatte, erzählten eine andere Geschichte, zeugten von einer schrecklichen Sünde, die es Ernesto Grillenwind erleichterte, die Mission Armageddon auszuführen.

Er setzte sich an den Schreibtisch, tippte auf sein Multikom und verband es mit der Positronik des Quartiers. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde hatte sich das runtergeladene Virus dort eingenistet und ermöglichte Grillenwind unbemerkt Zugang zur Hauptpositronik der Raumstation und somit zur Hyperraumzapfanlage und dem Abstrahler.

Der Plan war genauso einfach wie tödlich: die Energieentnahme aus dem Hyperraum auf das Fünffache erhöhen und runter zur Erde schicken. Die dortige Speicherstation, die nie für solche Mengen an Energie gebaut worden war, wäre völlig überfordert und die gesamte Hyperraumenergie würde sich entladen. Unkontrolliert alles zerstören, was sie berührte. Ein unaufhaltsamer Sturm aus göttlicher Kraft würde über die Erde fegen und sie vernichten.

Ernesto Grillenwinds Blick wandte sich erneut dem blauen Planeten zu.

„Verzeih mir“, flüsterte er. „Es geht nicht anders.“

Er dachte an all die Jahre im Untergrund. An all die zerstörten Gotteshäuser. An all die Gläubigen, die sich geopfert hatten. An all die Lügen und Verbrechen der Erdregierung und des Kartells.

Gleich würden sie im Höllenfeuer schmoren.

Ein leises Piepen ertönte – die Erinnerungsfunktion seines Multikoms. Noch vierzig Minuten.

Er faltete die Hände und betete. Erneut!

*

„Was tut denn Grillwind hier?“, wunderte sich Colleen Taylor. Sie nickte ihm kurz grüßend zu und setzte ihren Weg fort.

Die kurze Begegnung mit diesem korrupten Wicht der WWKA brachte sie auf einen Gedanken, den sie bei ihrem Treffen mit Winning Cutter, dem Eigner der Deep Space Mining, benutzen konnte. Sie freute sich schon auf dieses Gespräch. Solche geschäftlichen Verhandlungen waren genau ihr Ding. Vor allem dann, wenn sie in der Lage war, mit hohem Einsatz zu pokern, wobei sie mehr als nur ein Ass im Ärmel versteckt hielt.

Entschlossen betrat sie die mittlere Ebene der DSM-Zentrale auf Defender One. Ein siegessicheres Lächeln lag auf ihren rot geschminkten Lippen.

Sie, beziehungsweise die Taylor Cooperation, würde ihren Beitrag leisten. Kadochi Enterprises hatte es da schon schwieriger. Doch wie schon beim Ausbau der Arche würden auch Hiromi die Labora hilfreich zur Seite stehen. Alles diente dem großen Plan, der die Menschheit vor dem Untergang bewahren sollte.

Die Räume der DSM erstreckten sich über drei Etagen. Ein monumentales Denkmal wirtschaftlicher Ambitionen. Unter Colleens Füßen befand sich der verglaste Haupteingang mit kaum mehr als einer symbolischen Sicherheit. Darüber das Herz der Verwaltung: Konferenzräume, Personalabteilung, Datenarchive. Und zuoberst das pulsierende Gehirn des alten Unternehmens – das Operationszentrum mit seinem alles überwachenden Holografiesystem, das nach und nach den gesamten Asteroidengürtel kartografierte.

Hier regierte Winning Cutter.

Er war nicht nur ein bedeutender Unternehmer, sondern ein Pionier des interplanetaren Rohstoffabbaus, berüchtigt für seine Härte und seine Unbestechlichkeit. Das lebende Symbol der Deep Space Mining.

Colleen kam mit einem Angebot, das ihn überraschen würde und das er nicht ablehnen konnte. Es sei denn, er würde den Freitod bevorzugen. Sie besaß die richtige Strategie und ihre Stiefellecker hatten gute Vorarbeit geleistet.

So gerüstet betrat sie den großen Konferenzraum auf der dritten Ebene, als wäre sie diejenige, die das Terrain kontrollierte, und nicht der Mann, dem dies alles hier gehörte.

Noch gehörte.

Winning Cutter saß wie ein massiver Felsbrocken am Kopfende eines antiken Konferenztisches. Ihn umgab eine Aura aus Pragmatismus und abgebrühter Erfahrung. Groß gewachsen, wettergegerbte Haut, das linke Auge ein Cyberimplantat, eine Erinnerung an den ersten Grubenunfall auf Ceres.

„Mrs Taylor“, betrachtete er abschätzig ihr Erscheinungsbild, das, wie er fand, für ihr betagtes Alter viel zu freizügig war. „Ich bin ziemlich beschäftigt. Sie haben zehn Minuten.“

„Gut, kommen wir gleich zur Sache“, setzte sich Colleen unaufgefordert an das andere Tischende.

Sie legte ein Datenmodul vor sich hin. Ein Hologramm sprang an, projizierte in der Mitte des Tisches ein feines Netz aus Linien, Zahlen und Signalen in die Luft.

Winning Cutter erkannte die vertrauten Muster: Routenprotokolle, Frachtdaten, Zeitsignaturen – alles Angaben aus seinem System. Plötzlich folgten zahlreiche Überlagerungen, markiert als flackernde Warnsymbole. Ein blinkendes Gespinst aus Anomalien.

„Was ist das?“

Cutter richtete sich neugierig auf.

„GhostNet!“, antwortete Colleen ruhig. „Ein neues Spielzeug aus der Forschungsabteilung der Taylor Cooperation. Es ist ein Analysewerkzeug, ein Auftrag der Regierung. Ursprünglich entwickelt zur Erkennung von Schmuggelsignaturen in den Lagrange-Zonen. Ich habe es modifizieren lassen, um wirtschaftliche Datenströme zu analysieren. Was Sie hier sehen, sind Transponderlücken, Masseabweichungen bei Frachtaufnahmen, zeitliche Unstimmigkeiten bei Containerentladungen.“

„Was wollen Sie mir damit sagen?“, fragte Cutter nervös, aber auch leicht verärgert. „Dass Sie in der Lage sind, meine Firma auszuspionieren?“

„Nein!“, schüttelte Colleen ihren Kopf und richtete das Dekolleté ihrer weißen seidenen Bluse. „Sie werden bestohlen, Mr Cutter. Wahrscheinlich bereits seit Jahren. Ich habe drei Wochen gebraucht, um es mit einem Algorithmus für Grauraumanalysen zu erkennen. Ich könnte meine Entdeckung der WWKA melden – einer ihrer Ombudsmänner hält sich zurzeit auf Defender One auf. Ein gewisser Mr Grillenwind. Von dem haben Sie bestimmt schon gehört. Aber das möchte ich nicht“, winkte sie lässig ab. „Man bestiehlt Sie schließlich nicht von außen, sondern von innen. Und niemand Ihrer treuen Angestellten hat es bemerkt, weil die Software, die Sie benutzen, auf klassische Abgleichroutinen beschränkt ist. GhostNet hingegen erkennt Muster, die sich zwischen den Signalen verstecken. Es ist, als würde man nicht nur die Noten einer Sinfonie hören, sondern auch die Pausen dazwischen.“

Cutter schwieg betroffen. Er konnte die aufgezeigten Daten nicht leugnen. Sie waren echt und beunruhigend präzise. Er ballte die Hände zu Fäusten.

„Wollen Sie mich erpressen?“

„Nein! Ich mache Ihnen ein Übernahmeangebot.“

Cutter lachte spöttisch.

Colleen schaltete das nächste Hologramm ein.

Diesmal erschien eine technische Blaupause: ein kompaktes Gerät, kaum größer als ein Shuttletriebwerk. Strahlend blaue Energiespulen pulsierten im Modellkern.

„Was ist das?“, wollte Cutter wissen.

Sie hatte seine Neugier geweckt.

„Der Q-Core Extractor!“, erklärte Colleen ruhig. „Ein berührungsloser Bohrkopf, der auf quantenresonanter Materiemodulation basiert. Keine mechanische Reibung. Kein Verschleiß. Keine hitzebedingten Systemausfälle mehr.“

„So etwas gibt es nicht.“

„Noch nicht auf dem Markt, aber wir haben drei Prototypen im Einsatz auf Pallas-17. Förderleistung: 340 Prozent über Branchenschnitt. Energieverbrauch: zwei Drittel niedriger als bei der herkömmlichen Technik.“

Sie ließ den Hologrammbohrer virtuell durch einen Gesteinsblock gleiten, der wie Sand im Wind zerfiel.

„Und das soll ich Ihnen glauben?“

„Ihr Unternehmen erhält von mir mehr als Daten und Versprechen. Es bekommt Zugang zu dieser Technologie. Aber nur im Tausch gegen Ihrer Firmenanteile.“

„Sie sind verrückt!“

„Ich möchte Sie und die DSM nicht vernichten, Cutter! Ich möchte Ihre Firma umbauen, sie transformieren, sie in die Zukunft führen. Aber dafür müssen Sie gehen, alter Mann.“

Cutter lehnte sich entspannt zurück. Ein Versuch, Eindruck zu schinden.

„Es bleibt Erpressung“, sagte er gereizt. „Sie haben mit meinem Unternehmen etwas vor? Vermutlich etwas nicht ganz Legales. Ich könnte Sie bei der WWKA anschwärzen.“

„Haben Sie Beweise?“

„Dieses Gespräch reicht sicher aus!“, meinte er zuversichtlich.

Colleen lächelte nur.

„Welches Gespräch?“

Cutter prüfte die positronische Aufzeichnung, die normalerweise bei solchen Geschäftstreffen automatisch anlief.

„Wie haben Sie das gemacht?“, schnauzte er sie an, als er keine Daten fand.

„Ich sage es ja bereits, Sie führen einen rückständigen Betrieb.“

„Und wenn ich Nein sage?“

Colleen blickte ihn gelassen an.

„Dann verlieren Sie weiter Tonnen von Erzen an einen Gegner, den Sie nicht mal erkennen können. Und wenn die WWKA demnächst mit GhostNet über Ihren Betrieb hereinbricht – was glauben Sie, wo deren Bericht landen wird und bei wem sich Ihre Investoren zuerst melden werden? Egal, wie es kommt, Winning. Sie verlieren Ihr Unternehmen.“

Cutter kniff die Augen zusammen und schnaubte leise. Er stand auf und trat ans Fenster, wo er den Abflug eines seiner Frachter von Defender One verfolgte.

Sekunden vergingen.

„Was geben Sie mir, wenn ich zustimme?“, fragte er schließlich.

„Einen satten Anteil am Gewinn während der nächsten zehn Jahre. Der wird es Ihnen erlauben, Ihre vier Maitressen weiter großzügig zu verwöhnen, ohne dass es Ihre Frau bemerkt. Aber nur, wenn Sie jetzt sofort in den Handel einschlagen. Retten Sie Ihre Firma oder versuchen Sie allein weiterzuschwimmen mit Ihrem leckgeschlagenen Schiff. Ich kann warten, bis Sie untergehen.“

Ein Moment der Stille. Schließlich kehrte Cutter an den Tisch zurück und warf einen weiteren Blick auf den neuen Extractor.

„Glauben Sie wirklich, die WWKA wird mit diesem Deal einverstanden sein?“, versuchte er eine letzte Offensive. „Ich würde mein Unternehmen ja quasi … verschenken. Das muss doch deren Misstrauen erwecken.“

Colleen beugte sich verführerisch vor.

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein“, lächelte sie kalt. „Ich kann die WWKA alleine mit dem Q-Core Extractor überzeugen. Der macht in den nächsten Jahren den Unterschied zwischen einem toten Asteroidenbergbaubetrieb und einem interstellaren Marktführer.“

„Nun gut!“, knirschte Cutter mit den Zähnen. „Zeigen Sie mir die Verträge.“

*

Noch dreißig Sekunden.

Grillenwind starrte wie versteinert auf den schwebenden Holoschirm, dessen bläuliches Schimmern die einzige aktive Lichtquelle in seiner Unterkunft war. Abgesehen natürlich von der Leuchtkraft der Erde, die sich unterhalb von Defender One drehte und deren Schein durch die gewölbte Panoramascheibe drang.

Der Timer vor ihm zählte gnadenlos herab:

00:00:29 … 28 … 27 …

Alles wirkte irgendwie surreal. Wie aus einem anderen Leben. Als wäre dieser Ort nicht der Vorhof zur Apokalypse, sondern das Allerheiligste eines interstellaren Palastes.

Grillenwind musste nichts mehr tun. Kein Knopfdruck, kein finaler Befehl. Die Protokolle waren versiegelt, die Zielkoordinaten eingeloggt. Die Abstrahlvorrichtung für die unbändige Energie aus dem Hyperraum – die heute als perfekte Massenvernichtungswaffe dienen würde – war auf die Erde gerichtet. Niemand könnte den Countdown jetzt noch stoppen.

Der blaue Planet war bereits Geschichte. Wahrscheinlich würde durch dessen Vernichtung Defender One ebenfalls zerstört werden, wie auch sein unnützes Leben. Sogar der Mond würde einiges abbekommen und wahrscheinlich aus seiner Bahn geworfen werden. Es kümmerte ihn nicht.

„Es ist der Wille Gottes“, murmelte Grillenwind mit brüchiger Stimme. „Ich bin nur sein Werkzeug.“

00:00:03 …

00:00:02 …

00:00:01 …

00:00:00 …

Nichts.

Kein Alarm. Keine zitternden Wände. Keine tödliche Energie, die auf die Erde zuraste. Nur das leise Knistern des Aromaspenders, der unbeirrt einen Duft von Lavendel versprühte, unterbrach für den Bruchteil einer Sekunde die unnatürliche Stille.

„Was zum …“, fluchte Grillenwind und sprang auf.

Der schwebende Stuhl, auf dem er gerade noch gesessen hatte, glitt schwungvoll in Richtung der hinteren Wand. Seine Sensoren verhinderten einen Aufprall.

Ernesto hastete zum Panoramafenster.

Er konnte es nicht glauben. Unter ihm leuchtete die Erde in all ihrer Pracht. Groß, majestätisch, makellos. Die Wolken schimmerten perlmuttfarben, die Kontinente glühten in der Sonne wie uralte Runen.

Das durfte nicht sein.

Er verstand es nicht.

Der Plan war perfekt gewesen, schließlich kam er direkt vom Heiligen Vater. Die Vernichtung der Erde war göttlich inspiriert.

Der Türmelder summte.

Grillenwind fuhr herum.

Sein Herz raste.

War der Jalar ihm auf die Schliche gekommen? Die Inquisitoren des Kartells?

Oder schlimmer … woran er nicht einmal denken mochte …ein innerkirchlicher Verräter?

Aber alle Mitverschwörer waren tot. Auf dem mons vaticanus hingerichtet. Nichts war von ihnen übrig geblieben außer Asche und geschwärzten Steinen.

Aber wusste er das wirklich?

Ein weiteres Summen ertönte. Diesmal fordernder. Eindringlicher.

„Ja … bitte?“

Die Worte kamen ihm nur schwer über die Lippen.

Das Schott öffnete sich lautlos.

Veegun trat ein.

Er wirkte wie ein Denkmal aus poliertem Gold. Nackt und ohne erkennbare Geschlechtsmerkmale. Das Gesicht menschenähnlich, aber unheimlich glatt, emotionslos – und dennoch glaubte Ernesto einen Anflug von Mitleid in den künstlich gezeichneten Zügen zu erkennen.

„Natürlich …“, murmelte Grillenwind niedergeschlagen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Stromschlag. „Ich Idiot. Ich bin der Verräter. Durch Ihre Modifikation an meinem ID-Chips konnten Sie sprichwörtlich in meinen Kopf sehen. Alles erkennen. Jeden meiner Gedanken.“

Veegun schüttelte sanft den Kopf.

„Wenn ich das könnte, mein lieber Grillenwind, besäße ich mehr Macht als meine Herren. Aber nein! Ich habe lediglich die beinahe sorgfältig gelöschten Dateien der ehemaligen Neuen Irdischen Kirche wieder einigermaßen herstellen können. Zum Glück für die Menschheit gut genug, um die sogenannte Armageddon-Mission zu rekonstruieren.“

Grillenwind sackte in sich zusammen, seine Schultern zitterten. Die Haut unter seinen Augen war grau, fast pergamentartig. Jahrzehnte geistlicher Last schienen ihn in diesem Moment einzuholen. Ihn zu erdrücken.

Er war am Ende.

Er hatte bloß noch einen Wunsch und hoffte auf das Mitgefühl des Botschafters.

„Bitte …!“, flüsterte er. „Töten Sie mich! Machen Sie diesem Irrsinn ein Ende.“

Veegun trat näher an ihn heran, hob kurz beide Arme und ließ sie wieder sinken.

„Warum sollte ich das tun?“, fragte er zynisch. „Weil Sie versagt haben? Weil die Menschheit noch existiert? Oder weil Sie sich plötzlich wieder an die ursprünglichen Gebote Ihrer Sekte erinnern können? Sie sind der geborene Sünder, Grillenwind. Der letzte Erzbischof von London. Ein Träger kollektiver Schuld. Ein lebendiges Fossil eines Glaubens, den die Welt längst vergessen hat.“

Veeguns Schatten fiel wie ein Vorhang über Grillenwinds zusammengesunkene Gestalt.

„Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen, mein Freund. Im Gegenteil. Ich habe noch Großes mit Ihnen vor. Denken Sie nicht, dass dies das Ende ist.“

Veegun wandte sich um und ging. Das Schott öffnete sich lautlos vor ihm.

„Befürchten Sie nicht, ich könnte mich selbst richten?“, rief Grillenwind ihm hinterher.

Veegun drehte sich nicht einmal zu ihm um.

„Dazu sind Sie zu feige, Ernesto“, sagt er nur und ging weiter. „Und zu gläubig!“