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Nach mehr als fünfzig Jahren steht sie zum ersten Mal wieder an diesem Fluss. Nur widerwillig folgte sie dem Rat ihrer Therapeutin, die in einem kindlichen Trauma die Ursache für ihre jahrelangen Schlafprobleme vermutet. Auf der Suche nach den Spuren ihrer Kindheit reist Rena Brandt in die frühere Heimat im Fläming. Sie trifft alte Vertraute. Betritt sogar das verfallene Elternhaus. Dabei entdeckt sie viel mehr als das Grauen der Vergangenheit. Das tief eingeprägte Bild ihrer Kindheit gerät ins Wanken.
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kapitel
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Vogtland, Oktober 2017 – Bild des Vaters
Auf endlosem Band aus Beton rollt der Wagen nach Süden. Hügeliges Land fliegt vorüber, herbstbunte Wälder, brauner Ackerboden. Über manchen hellen Flecken ziehen Traktoren Pflugschare hinter sich. Brechen den gelbbraunen Stoppelacker um, lassen schwarzbraunes Land zurück. Wind bläst Gewölk vor sich her. Regenschwere Tropfen prasseln auf die Frontscheibe. Mit jedem Kilometer wächst in mir das beunruhigende Gefühl, drängt umzukehren. Neuer Sturm treibt Graupelschauer heran. Wischerblätter schnurren, wisch und weg.
Es sei möglich, das Trauma aufzulösen, hatte die Therapeutin versichert. Es würde vom rechten Hinterkopf nach dem vorderen Stirnbereich geschoben, wo es verarbeitet werden könnte.
Ich lehne mich zurück auf dem Beifahrersitz, lenke den Blick hinaus in die Ferne, sehe erneut einen Traktor seine Bahnen über das Feld ziehen. Nur ein schmaler Streifen hellbrauner Stoppeln bleibt übrig.
Wegschieben, umgraben. Meine Hände fahren über die Stirn, ertasten tiefe Furchen zwischen den Brauen, versuchen zu glätten. Als könnten sie die Bilder fortwischen, die wie Gedankensplitter in mir aufwirbeln.
Bleiches entmenschtes Gesicht, aufgedunsen, herausgetretene gläserne Augäpfel, Speichel, der wie Schaum aus den Mundwinkeln läuft, ...
Ich spüre das Krampfen in der Magengegend, verschränke die Arme über dem Bauch. Die innere Stimme drängt erneut, fordernder. Ich schiebe sie fort. Neue Bilder kommen und wirbeln mich in die vergangene Zeit.
Der Körper des Mannes, wild aufgebäumt, gebeugt über den halbwüchsigen Knaben, muskulöse Arme packen und dreschen wie besessen auf den Bruder ein. Ich muss zwölf gewesen sein. Stehe ohnmächtig daneben, gefasst, das Schlimmste zu fürchten. Mutter, bleich, ringt mit offenem Mund nach Luft. Tiefblaue Lippen. Der Mann tobt, unbändig kreischend. In meinem Körper schreit die Seele verzweifelt um Hilfe. Die kommt nicht. Irgendwann bricht der Vater zusammen.
Das Grauen der Kindheit. Ich weiß nicht, wie oft geschehen. In mein Leben eingewoben wie ein dunkles Netz. Packt mich bis heute. Umschnürt Brust und Muskeln. Ich vergesse zu atmen. Werde steinhart.
Neue Schauer. Große Tropfen mit Graupel vermischt prasseln auf Blech und Glas. Die Wischer verrichten mechanisch ihren Dienst. Damals ging nichts wegzuwischen. Niemand verhinderte, dass das Grauen in meine Seele kroch. Sich dort eingenistet hat.
Die Physiotherapeutin war sich sicher, dass ein Trauma die Ursache sein muss für meine unruhigen Beine, seit fast fünfzig Jahren. Nacht für Nacht fehlender Schlaf, schwindende Lebenskraft.
Reifen wirbeln das Nass auf, ohne Unterbrechung spritzen Fontänen über die Autobahn und umnebeln den Pulk der Fahrzeuge. Sie rasen im grauen Dunst über die Piste.
„Die nächste Abfahrt müssen wir runter“, sagt Georg.
Ich zucke zusammen. Unterdrücke den inneren Widerstand. Stelle mich, tausendmal geübt, der Realität.
Nur wenige Kilometer nach der Autobahnausfahrt erreichen wir über eine Anhöhe die kleine Stadt, biegen in die Schulstraße. Zweistöckige Mietshäuser drängen sich aneinander. Die Reifen poltern über das Pflaster.
Georg parkt vor einem mehrstöckigen Backsteinhaus. Regentropfen fallen in mein Gesicht. Ich öffne für die wenigen Meter über die Straße den Schirm. Neben der Eingangstür überfliege ich die Schilder verschiedener Ärzte, ganz oben lese ich Psychologische Praxis, Traumatherapie, Karla Sanders.
Mein Herz rast. Stufe um Stufe steige ich die Treppen hinauf. In der Hand den nassen Schirm. Auf dem letzten Absatz bleibe ich stehen. Ich stelle mir vor, umzukehren, alles beim Alten zu lassen, die schmerzhaften, lange vergessenen Bilder wieder in den Abgrund zu verschließen.
Die Tür öffnet sich. Karla Sanders. Flüsternd kommen die Worte über ihre Lippen. Sie bittet mich in das Foyer ihrer Praxis. Indirekte Strahler werfen warmes Licht auf eine weiße Wand. Eine Monstera entfaltet ihre gefiederten Blätter. An der gegenüberliegenden Wand hängt das Aquarell „Roter Mohn“. Das umfängt mich wie ein warmer Frühlingsmorgen.
Der Zauber flieht schnell, als ich nur Minuten später im Beratungsraum Platz nehme. Eingepfercht in einen Schalensessel fühle ich die Augen der weißhaarigen Frau auf mich gerichtet. Sie nimmt Platz, sitzt aufrecht, die Arme auf der Sessellehne. Lächelt mich an. Schweigt.
Mühevoll unterdrücke ich ein Beben. Wie wilde Tiere toben die Bilder der Kindheit in mir. Begehren auf, weigern sich, ans Licht zu gelangen. Es presst meine Brust zusammen. Schwer kämpft mein Atem dagegen. Immer schneller. Mein Herzschlag dröhnt bis in den Kopf. Ich bekomme keine Luft. Wie eine Verdurstende ergreife ich das Glas, das Frau Sanders mir reicht. Das Wasser läuft lauwarm die Kehle hinab. Es schmeckt fad. Noch ein Schluck.
Der Atem wird flacher. Mein Herz beruhigt sich.
Ein feiner Duft zieht in meine Nase. Auf einem Schreibtisch sehe ich einen Strauß weißer Astern. Stürmischer Wind treibt Regentropfen gegen die Fensterscheiben, in das Klatschen mischt sich das Prasseln von Eiskörnern.
Frau Sanders ergreift ein leeres Blatt Papier. Fragt nach Daten und Ereignissen meines Lebens. Notiert, während ich nach Antworten suche. Es ist wie ein Spiel, konzentriert mühe ich mich, den Ball zu fangen und zurückzugeben.
„Therapeutin sind sie,“ wundert sie sich. Röte schießt in mein Gesicht.
„Fünfundsechzig? Da gehen sie wohl bald in Rente?“
„Nein,“ stotterte ich, „noch nicht. Nicht so bald eigentlich. Doch ich muss wieder schlafen können. Die Schlafprobleme rauben mir alle meine Kraft.“
Sie blickt auf ihr Blatt und schreibt. Fragt nach dem Vater, der vor mehr als fünfzehn Jahren starb, der mir lebenslang fremd war, den ich noch fürchtete, als es nichts mehr zu fürchten gab.
Irgendwann, ich kann nicht sagen, wie viel Zeit vergangen ist, reflektiert sie die Geschichte meines Vaters. Noch nie habe ich diese auf solche Weise gehört. Ihre Worte treffen mich. Sie fallen in meiner Seele an einen Ort, der mir fremd ist.
Sie malt das Bild meines Vaters, achtzehnjährig zu Kriegsbeginn im Jahre 1939. Die Jahrgänge 20 und 21 sind die ersten gewesen, die einrücken mussten. Von diesen jungen Männern ist kaum die Hälfte aus dem Krieg zurückgekehrt. Vater gehörte zu den Überlebenden. Vor Stalingrad erfroren seine Füße. Er wurde in ein Lazarett gebracht. Rückte geheilt erneut an die Front, diesmal nach Italien.
Sie blickt mich an und wartet. Ich nicke.
„Vermutlich blieb ihr Vater verschont von den erbarmungslosen Schlachten, denen die verzweifelt kämpfenden Reste des Heeres gegen die vorrückende Rote Armee ausgeliefert waren. Er hatte Glück.“
Vielleicht, denke ich. Ich weiß nicht, wie er den Rest des Krieges verbracht hat. Über Stalingrad und Italien ließ Vater manchmal Bemerkungen fallen, aber das hat mich damals nicht interessiert.
Als säße ich in einer Gerichtsverhandlung, höre ich ihre Worte. Die sind mir fremd. Was hat das mit mir zu tun?
Immer noch fällt das Prasseln eisiger Regentropfen in die Stille. Frau Sanders schweigt. Sie lehnt sich zurück. Blickt mich mit ihren dunklen Augen an.
Fragt nach meinen Söhnen. Das kommt mir seltsam vor. Ob ich mich erinnern könne an das Bild meines Jüngsten zur Zeit seines Abiturs. Und ob ich das kann. Schmächtig und zart habe ich Matthias vor Augen. Niemand hätte ihn auf achtzehn Jahre geschätzt.
Mir fällt ein, wie Mutter einmal erzählt hat, dass Vater als Kind häufig krank gewesen und mehrfach zur Kur verschickt worden ist. Die Schwägerin meiner Großmutter, die selber keine Kinder hatte, verwöhnte ihn.
Vor dem Zweiten Weltkrieg lernte Vater im Landratsamt den Beruf des Verwaltungsangestellten, nicht Landwirt, wie der ältere Bruder Franz. Vater, der Jüngere, körperlich schwächere, war klug, kannte sich mit Zahlen aus, konnte gut formulieren. An seine gestochen geschriebenen Briefe erinnere ich mich heute noch.
Wieder ergreift Frau Sanders das Wort. Diesen gescheiten, etwas verweichlichten jungen Mann soll ich mir vorstellen im Trupp der Wehrmacht. Wie sie gen Osten zogen. Verladen auf LKWs. Im Treck über die Landstraßen durch Polen, die Ukraine. Hunderte von Kilometern auf dem Weg nach Stalingrad. Sie spricht davon, dass die Truppen brutal über die Menschen in Städten und Dörfern herfielen. Sie spricht von Toten, Zerstückelten, Vergewaltigungen. Sie nennt Zahlen. Fakten.
„Ihr Vater war dabei!“
Meine Gedanken wirbeln durcheinander. Mein Kopf sucht eine Verbindung, eine Erklärung für diese ungeheuerliche Anschuldigung. Was hat das Erlebte mit meinem Vater gemacht? Wie von Ferne höre ich ihre Worte. Russland, Stalingrad, der Winter 1942/43, dreißig Grad Kälte. Viele erfroren. Starben. Vater erfroren „nur“ die Füße.
Sie fragt mich nach meinen Wintertagen. Nach Eis und Schnee. Wenn wir als Kinder stundenlang draußen gespielt haben. Und ob ich noch weiß, wie es sich anfühlt, wenn die eisigen Hände und Füße langsam auftauen. Als würden Nadelstiche in die Haut piken. Man sich vor Schmerzen nicht getraut, aufzutreten.
„Solche Schmerzen hatte ihr Vater ständig. Und sie wiederholten sich Jahr für Jahr. Vor allem im Winter, wenn es kalt war.“
Vertraute Bilder tauchen vor mir auf. Die Küche im Haus meiner Kindheit. Alles steht mir deutlich vor Augen. Dunkelbraunes Linoleum, der eingebaute Fliesenschrank, in der Mitte vor dem Fenster der große viereckige Küchentisch, gegenüber der Herd, ein quadratischer Blechkasten auf vier Füßen, aus Winkeleisen gebaut, darauf eine eiserne Platte mit herausnehmbaren Ringen, daneben der Wasserbehälter.
Hinter einem Türchen unter der Eisenplatte vorn links glühte ununterbrochen das Feuer. Darunter stand der Aschekasten. Vor dem Herd ein Blech, so lang wie der Herd, einen halben Meter breit auf das braune Linoleum genagelt, damit herausfallende Glut den Bodenbelag nicht verbrennen konnte.
Auf dieses Blech mitten in der Küche stellte Vater abends seine Stiefel. Die rochen immer nach Kuhstall, säuerlich stechend nach Silo.
Kurze Zeit, nachdem meine Eltern der LPG beitreten mussten, begann Vater die Arbeit im Kuhstall. Eine Buchhaltungsanstellung im LPG-Büro scheiterte, weil er sich weigerte, in die Partei einzutreten. Also versorgte er wochentags, sonntags, feiertags sechzig Kühe. Alles von Hand, Technik gab es noch nicht. Und während der Arbeit trug er diese Stiefel, beim Melken, beim Füttern und auch beim Ausmisten.
Oft versuchte ich, diese Stiefel in den Flur zu befördern. Doch Vater duldete das nicht. Und er vertrug keine Strümpfe. Nie verstand ich, wieso jemand keine Strümpfe verträgt. Er wickelte seine Füße in Fußlappen, und auch die lagen abends sorgfältig über die Stiefel gebreitet, mitten in unserer Küche. Verbreiteten gemeinsam mit den Gummistiefeln ihren penetranten Stallgeruch. Ich spüre noch heute meine Wut darüber.
Während ich nachdenke über die Kälte in Stalingrad, Vaters erfrorene Füße und die Stiefelerinnerungen meiner Kindheit, noch während ich versuche, mir die Schmerzen meines Vaters vorzustellen, die ihm seine Füße vermutlich ein Leben lang bereitet haben, geschieht Eigenartiges. Meine Füße und Beine beginnen zu kribbeln, als ob Blut neu durch Adern strömt.
„Stellen sie sich vor, wie ihr Vater nach dem Krieg heimkam. Er war traumatisiert. Viele waren das damals. Aber so, wie sie ihn erlebt und seine Anfälle beschrieben haben, war er schwerst traumatisiert. Damals gab es keine Hilfe, keine Krankenhäuser, keine Therapeuten, auch keine Medikamente. Jeder war auf sich selbst gestellt und musste sein Schicksal tragen.“
Mich überkommt ein Schluchzen. Es kommt aus jener Tiefe, wo die Sehnsucht nach einem Vater wohnen muss.
Die kannte ich nicht bis zu diesem Tag. Es schüttelt meinen Körper. Ich bringe keinen Ton heraus. Ringe nach Luft. Aber meine Kehle ist zugeschnürt. Kein Laut kommt über meine Lippen. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich weine um meinen Vater. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Marienburg in Sachsen, Oktober 2017 – Bodenlos
Das taube Gefühl, das messerscharfe Stechen unter der Schädeldecke lässt nach. Langsam öffne ich die Augen, erkenne im Halbdunkel des Raumes die buchenfarbene Schrankwand, taste mein Handy. Wie spät? Die Bewegung setzt neuen Schmerz in Gang. Breitet sich wellenförmig aus. In Zeitlupe drehe ich mich zurück. Ein leises Knacksen lässt mich aufhorchen. Ich blinzle zur Tür, die wird einen schmalen Spalt aufgeschoben. Georg steckt seinen Kopf herein. Horcht.
„Du bist wach? Wie geht es dir?“
„Müde, kaputt“, hauche ich.
Sogar das Flüstern wird von Schmerzwellen begleitet.
„Mir ist schlecht.“
Kurze Zeit später steht ein Eimer neben meinem Bett.
Der Tag zieht sich hin. Stechender Schmerz reagiert auf jeden Laut, auf jeden Gedanken, wie ein Wächter, der das strapazierte Hirn vor Überlastung bewahren muss. Im Dösen gleite ich in neuen Schlaf. Ich träume. Bin in der alten Schule in dem kleinen Städtchen an der Elbe. Es riecht nach Bohnerwachs. Ich will in das Klassenzimmer treten. Stürze in die Tiefe.
Georg reißt die Tür auf. Ich hätte geschrien, sagt er. Ich schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit. Es dauert, ehe ich in der Realität ankomme.
Als ich vorsichtig die Augen öffne, sitzt mein Mann auf meinem Bettrand.
„Ich habe geträumt“, stammle ich leise.
Der Schreck steckt in meinen Gliedern. Georg schweigt.
„Es war in meiner alten Schule“, flüstere ich. Suche die Traumfetzen.
„Ich wollte in mein Klassenzimmer, stürzte aber in die Tiefe.“
Jedes Wort strengt mich an.
„Komische Träume hast du“, sagt Georg. Er klingt erleichtert.
„Brauchst du noch was?“
Ich schüttle den Kopf.
„Ich komme später noch mal. Ruh dich aus.“
Die Tür wird leise ins Schloss gedrückt. Komisch. Das Wort komisch treibt mich um. Frau Sanders bat mich, auf meine Träume zu achten.
Die Gedanken sind schwerfällig. Finden keinen Schluss.
Langsam tauchen Bilder aus lange vergangener Zeit herauf, werden klarer, wie wenn eine Kamera scharf gestellt wird.
Ich erkenne mich in Kindertagen. Neun oder zehn mag ich gewesen sein.
Wir stiegen aus dem Schulbus, der uns morgens bis zur Schule kutschierte. Den Ranzen über den Rücken geschultert, liefen Lore und ich auf das Schulhaus zu. Von den Elbwiesen trieben Nebelschwaden herauf. Der Fluss und die mit Weidenbüschen bewachsenen Buhnen verbargen sich im morgendlichen Dunst. Wir bogen in den Schulhof ein.
Traten durch die zweiflüglige Glastür ins Foyer. An den Wänden riesige Fotos von Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck. Wie immer huschte ich an den Bildern der Männer vorüber, die mein Vater nicht mochte und im Fernsehen weg schaltete. Bei uns zu Hause lief immer Westfernsehen.
Nur am Montagabend durfte Mutti den alten Film im Ostfernsehen ansehen. Manchmal, wenn in der Schule ein aktuelles Thema besprochen wurde, musste ich abends die Aktuelle Kamera, so hieß die Nachrichtensendung im Ostfernsehen, anschauen. Wie auf Kohlen saß ich dann, immer auf dem Sprung und horchte, ob Vater käme. Er mochte die Politiker der DDR nicht und drehte den Sender ab. Das durfte ich niemals in der Schule erzählen. Das wusste ich ganz genau. Also schlug ich auch heute den Blick zu Boden und eilte rasch die Stufen zur ersten Etage hinauf.
Wie gewohnt roch das braune Linoleum nach frischem Bohnerwachs. Aus der Richtung des Klassenzimmers, nur wenige Schritte um die Ecke, hallten Stimmen. Die stritten und schrien aufgeregt durcheinander. Lautes Kreischen gellte dazwischen. Lore, einen ganzen Kopf größer als ich, fasste meinen Arm. Mein Herz klopfte. Langsam bogen wir um die Ecke. Da stand Uli aus unserer Klasse und stemmte sich mit ganzer Kraft gegen die verschlossene braune Klassenzimmertür. Daneben Hartmut, mit erhobenen Armen breitbeinig vor ihm aufgebaut.
„Keiner darf hier rein!“, verkündete Uli wichtigtuerisch. Ich zögerte. Doch Lore schubste mich weiter. Von hinten drängelten die Gölsdorfer, schoben uns beiseite. Allen voran Helga, ein pummeliges Mädchen. Mit großen Schritten hastete sie vorbei. An der Tür entstand ein Tumult. Ich blieb abseits. Hielt Ausschau nach einem Lehrer. Den Krach müsste längst jemand gehört haben. Helga kreischte, dass Uli den Weg freimachen soll. Vermutlich wollte sie wieder Hausaufgaben abschreiben.
„Nein!“, schrien Uli und Hartmut. „Niemand geht da rein!“
Das Gemurmel aus Richtung der Treppe wurde lauter. Immer mehr Kinder drängten heran, wanden sich mit ihren geschulterten Schulranzen neugierig in die Menge hinein. Einige Mädchen schimpften.
„Räumt die beiden weg! Das ist doch alles Unsinn!“
Uli presste sich immer noch mit aller Kraft gegen die Tür, umklammerte mit beiden Händen die Klinke. Hartmut stand als Bewacher vor ihm.
Da preschte Herr Hummel, der Klassenlehrer der Sechsten, die lederne Aktentasche unter den Arm geklemmt, um die Ecke. Hummel, wie immer mit vorgestrecktem Kinn und spitzem Mund, brüllte schon von weitem:
„Was ist hier los? Macht sofort Platz!“
Die aufgebrachte Kinderschar stiebte auseinander. Nicht Uli und Hartmut.
Ängstlich umfasste ich Lores Arm. Hummel, der einen Aufstand zu wittern schien, packte Hartmut und zog ihn zur Seite. Uli fasste er am Hemdkragen. Der zappelte, wehrte sich. Beteuerte, dass keiner in das Klassenzimmer darf. Hummel überragte Uli um einige Köpfe. Er schob ihn einfach beiseite. Mit ausgestreckter Hand zerrte er den Jungen so heftig am Kragen, dass dem fast die Luft wegblieb. Mit der anderen Hand riss er die Tür auf. Angespannte Kinderaugen starrten erst auf die Tür, dann auf den Lehrer. Dem standen Mund und Augen offen. Mit bleichem Gesicht stierte er durch die halb offene Tür in den Raum.
Alle hielten den Atem an. Mir war, als bliebe die Zeit stehen. Hummel verschluckte sich. Hustete heftig.
Brüllte in Panik.
„Raus! Sofort alle raus! Die ganze Klasse raus auf den Schulhof!“
Ein Zittern überkam mich. Mein Innerstes bebte. Von allen Seiten drängten Mitschüler und schubsten mich hin und her. Im Pulk der aufgeregt schimpfenden Mädchen und Jungen wurde ich mit nach draußen gerissen.
Die erste Stunde fiel an diesem Morgen aus. Wir warteten draußen. Autos fuhren auf den Schulhof. Zuerst die Polizei. Später rollte ein grauer Wartburg durch das Tor. Zwei Männer in Lederjacken stiegen aus. Spähten kurz in alle Richtungen. Eilten hektisch auf die Glastür zu. Stürzten die Treppe hinauf. Mehr erkannten wir nicht.
Ich fror. Meine Hände zitterten immer noch. Ich kannte das schon. Wusste, dass es nicht so schnell aufhören würde. Als Lore es bemerkte, machte sie einen Aufstand.
Sie rief die anderen Kinder heran und sie wollten mich ins Lehrerzimmer bringen. Ich weigerte mich. Presste meine beiden Hände fest in meine Jackentaschen. Dort zitterten sie weiter, aber es war nicht mehr zu sehen.
Zur zweiten Stunde wurden wir in die Aula geschickt. Endlich kam unsere Klassenlehrerin Fräulein Naumann. Mehrere Male musste sie mit dem Stock auf das Pult klopfen, ehe sich alle beruhigt hatten. Sie erklärte uns, dass im Fußboden unseres Klassenzimmers ein großes Loch klafft.
In der Nacht ist der Boden unseres Klassenzimmers in den unteren Klassenraum gestürzt. Mit leiser Stimme, wie zu sich selbst, fügte sie an:
„Nicht auszudenken, wenn es während des Unterrichts passiert wäre.“
Stille breitete sich aus. Kroch über Stühle und Bänke. Fuhr jedem von uns unter die Haut. Gänsehaut lief mir vom Kopf den Nacken herunter bis zu meinen Füßen. Fast ein ganzes Jahr lang dauerten die Reparaturarbeiten. So lange war die Aula unser Klassenzimmer.
Nur sehr langsam fühle ich mich besser. Vorsichtig lasse ich die Füße aus dem Bett baumeln, recke meinen Oberkörper. Ein dumpfer Schmerz im Kopf begleitet jede Bewegung. Ich ergreife den Eimer, den ich nicht gebraucht habe und erhebe mich. Schleiche ins Wohnzimmer. Ungläubig blinzelt mein Mann über den Brillenrand zu mir herüber.
Schweigend wendet er sich wieder der Zeitung zu.
Will die alte Geschichte mich warnen? Ich versuche, die quälenden Gedanken zu verscheuchen. Mir ist nach einem Kaffee. In der Küche greife ich nach der Kaffeebüchse.
Atme den Duft des Pulvers ein. Zähle die Kaffeelöffel in den Filter. Ein leiser Klick auf die Kaffeemaschine. Alles geschieht wie von selbst. Meine Augen verlieren sich in den kahlen Straßenbäumen hinter der Fensterscheibe. Leises Blubbern dringt an meine Ohren. Ich stehe wie im Nebel.
Meine Gedanken hängen fest. Lassen mich nicht los.
Erst, als ich das heiße Getränk schlürfe, erwacht mein Geist. Löst einen Faden heraus. Nachts war es. In der Nacht brach in der Schule die Decke ein. Im Traum bin ich abgestürzt. Nicht im Wachen. Wieso nachts?
Seit Jahrzehnten quälen mich Schmerzen. Immer nur nachts! Komisch. Ich sollte mit Frau Sanders über den Traum sprechen.
Marienburg, November 2017 - Schnee deckt das Land
Es ist Donnerstag. Vor dem Ärztehaus parken wie immer an diesem Wochentag die edlen Limousinen der Pharmavertreter. An der Hauswand lehnt der Besen des Hausmeisters. Von ihm selbst ist weit und breit nichts zu sehen.
Ach ja, denke ich, Frühstückszeit. Genüsslich stiebe ich mit den Schuhen in das bunte Herbstlaub, das der Sturm in der Nacht an der Hecke zusammengeweht hat. Trockenes Blattwerk, goldorange, rostrot und blass grün türmt sich auf dem Gehweg, raschelt mit jedem meiner Schritte. Ich nehme die wenigen Stufen zum Eingang, rufe der Schwester der Frauenarztpraxis einen Morgengruß zu. Schwinge mich die Treppe hinauf. Betrete meine Praxis. Bin wie immer fasziniert von der Stimmung, welche die Morgensonne in die Räume zaubert.
Nichts erinnert an die Gedanken, die mich Tage und Nächte seit meinem ersten Besuch bei der Traumatherapeutin umtreiben.
Dann bin ich mitten im Gespräch mit dem ersten Klienten. Der beginnt, von seiner Kindheit zu reden. Ich sitze ihm gegenüber, das Blatt auf dem Schoß, höre mit Augen und Ohren zu. Da muss es passiert sein. Ein Wort, eine Geste, ich weiß nicht, woran sich die Gedanken aufgehängt, abgekoppelt und meilenweit entfernt haben. Erst, nachdem mein Klient sich mehrmals räuspert, erschrecke ich. Zwinge mich mit meiner Aufmerksamkeit zurück in den Raum. Tief entsetzt über meine Unaufmerksamkeit entschuldige ich mich. Verlegen setzt er seine Erzählung fort. Doch ich habe den Faden verloren.
Seit zwanzig Jahren arbeite ich mit Menschen. Höre und reflektiere ihre Geschichten, begleite das Lösen und Binden und halte manche Verzweiflung aus. Noch nie, nicht ein einziges Mal, bin ich in eine solche Situation geraten, aus der ich mich jetzt mühsam herauswinden muss. Wilde Vorwürfe hinter meiner Stirn. Es gelingt mir nicht, diese Sitzung zu einem guten Ende zu bringen.
War es doch falsch, die alten Geschichten aufzuwühlen? Die Arbeit mit Frau Sanders brach die Decke des Schweigens, die ich schützend über meine Kindheit gelegt hatte.
Aufs Neue hängen meine Gedanken fest. Irren wie ein Schwarm kreischender Stare um einen Kirschbaum. Umkreisen ihn, nehmen immer neu Anlauf. Wollen das Netz durchbrechen. Finden kein Schlupfloch.
Ich suche meinen Vater und finde keine Tür zu ihm. Als hätte mein Herz keinen Raum für einen Vater, den es bisher nicht gesucht hat. Was der Verstand neu gelernt hat, kann die Seele noch nicht fassen.
Novembertage reihen sich aneinander, kaum wird es hell. Regen fällt. Tagelang peitscht stürmischer Westwind große Tropfen gegen die Fensterscheiben. Eines Nachmittags stehe ich in meine schweren Gedanken versunken am Fenster. Zwischen die Schauer mischen sich Schneeflocken. Mein Herz schlägt schneller, als ich die eisigen weißen Federbällchen aus dem grauen Himmel heran schweben sehe.
An diesem Abend sinkt das Quecksilber unter den Nullpunkt. In einem strahlend weißen Kleid erhebt sich der nächste Morgen aus dem Dunkel der Nacht. Frisch gefallener Schnee hat sich über das Grau der Felder und Wiesen gelegt, glitzert in Ästen und Zweigen des Ahorns vor unserem Haus. Mit weißem Flaum bedeckt sind die Gehwegplatten vor der Haustür. Über diesen Zauber hebt sich am Firmament die weißgelbe Scheibe der Sonne und macht sich auf, ihren kurzen niedrigen Novemberbogen am eisblauen Himmel zu ziehen.
Der Schnee erhellt meine Seele. Endlich ergreife ich den Zettel, den ich seit Wochen auf dem Schreibtisch hin und her schiebe. Frau Sanders hatte mir die Zugangsdaten der Auskunftsstelle für Wehrmachtsanfragen notiert. Ich schreibe die Adresse in die Menüleiste des Bildschirms, öffne die Seite der WAST, überfliege den Fragebogen, trage die Daten meines Vaters in die Felder. Die Gedanken befördern die Handgriffe. Wie ein eingespieltes Team agieren die beiden miteinander. Einen Augenblick lang meine ich, neben mir zu stehen. Schaue dem Ganzen entzückt zu.
Und wieder tauchen die bekannten Vorwürfe auf. Fragen mich. Wie willst du damit leben, was du über deinen Vater erfahren wirst?
Ich will wissen, woran mein Vater beteiligt war, beantworte ich die Frage. Unbeirrt fährt das Team von Geist und Händen fort. Wie von selbst bewegen sich meine Finger über die Tasten. Die Maske schließt sich.
Erleichtert lehne ich mich zurück. Mein Blick erhebt sich. Wandert hinaus durch die Scheiben des blauen Dreieckfensters. Verborgen unter einer Schneedecke liegen die dunkelroten Ziegel des Nachbardaches. Drei Elstern tippeln auf der vereisten Dachrinne, vollführen einen Tanz, hüpfen und flattern über die Kante der Blechrinne.
Ein Stein ist von meinem Herzen gewichen. Jahrzehntelang blockierte Lebenskraft bahnt sich einen Weg in die grauen Zellen. Schmal noch und doch spürbar.
Ich eile die Stufen der gewundenen Holztreppe nach unten.
„Georg, ich habe mir was überlegt,“ rufe ich meinem Mann entgegen, „wir fahren nach Temmendorf. Ich muss die Geschichte meines Vaters recherchieren. Morgen rufe ich Margit an. Margit war mein Kindermädchen. Die weiß bestimmt noch viel über meine Eltern.“
Aus dem Schaukelstuhl beobachtet Georg meinen Tanz über die Wendeltreppe. In Zeitlupe rückt er die Brille auf die Nase und legt sein dickes Buch auf dem Schoß ab.
Er blinzelt mich über den dunklen Brillenrand an.
„Willst du schon wieder was Neues anfangen? Mach doch erst mal deine Therapie zu Ende.“
Georgs Worte treffen mich nicht. Meine Augen wandern über das weiße Land. Die Dunkelheit ist gewichen.
„Ich werde beides machen“, sage ich, und mein Herz dreht sich weiter im Tanz.
Temmendorf in Sachsen/Anhalt, November 2017 - Margit
Draußen knarrt eine Tür. Die alte Frau, die auf harten Dielenbrettern kauert, fährt erschreckt zusammen. Ein Bündel Papier in der zitternden Hand, horcht sie. Es ist still. Sie meint, sie habe sich getäuscht. Die Ohren funktionieren nicht mehr wie früher. Mühsam erhebt sie sich auf ihre Füße, richtet die schlanke Gestalt auf und stößt mit dem Kopf fast an die Decke der niedrigen Kate. Unter dem wollenen Kopftuch schauen graumelierte Haarsträhnen heraus. Feine Linien zeichnen das ebenmäßige, noch immer schöne Gesicht. Sie drückt das Bündel, nach dem sie gesucht hat, wieder in die Schublade, schiebt die Lade behutsam zu. Quietschend schleift das alte Holz aufeinander.
Margit wendet sich nach dem winzigen Vorraum des kleinen Häuschens um und lauscht. Stille erfüllt den Raum. Die Luft riecht alt und modrig.
Vor mehr als einem Jahrhundert aus gelben Ziegeln gemauert, so niedrig, dass man mit den Händen in die Dachrinne greifen kann, duckt sich das Gebäude an die Scheune, die zum Schulgrundstück gehört. Drei kleine Fenster nach der Dorfstraße, mit Läden versehen, zwei Kammern, eine Kochecke. Die Familie des Nachtwächters hauste hier, zwei Erwachsene und vier kleine Kinder. Margit erinnert sich an die beiden Jüngsten, Dora und Lenchen. Mit denen drückte sie gleich nebenan die Schulbank.
Seit Jahrzehnten wohnt hier niemand mehr. Bis zur Wende beherbergte es das Büro der Bürgermeisterin, die aus dem nahen Städtchen an der Elbe kam. Margit erinnert sich an jene Zeit, als man Herrn Bachmann, Renas Vater, die Amtsgeschäfte wegnahm. Es wurde darüber nur gemunkelt. Genaues hat sie nie erfahren. Er habe sich wohl geweigert, in die Partei einzutreten.
Jahrelang schien niemand Interesse an dem verlassenen Gebäude zu haben. Daher begann Margit in den Kammern ein kleines Dorfmuseum einzurichten. Alte Schätze, derer sie habhaft wurde, fanden hier einen Platz. Liebevoll gleitet der Blick der Frau über das eiserne Bettgestell, über die Deckchen und Kissen, die sie mit bestickter Leinenbettwäsche überzogen hat. Auf einer Wäscheleine unter der niedrigen Decke baumeln Kinderkleider, Leinenhemdchen, Höschen mit Rüschen, Leibchen mit Strumpfhaltern. Eine Wiege, daneben ein Schränkchen mit Aluminiumgeschirr, Steingutkrüge, blau-weiß gepunktet, ein filigran verziertes Besteck.
Es sprach sich rasch herum in dem kleinen Dorf, dass Margit das alte Nachtwächterhaus in ihre Obhut genommen hatte. Manche der Bauern schenkten ihr für das Museum altes Zeug, das man nach der Wende, wo es auf einmal alles zu kaufen gab, weggeworfen hätte. Margit richtete es liebevoll her. An den weißgetünchten Wänden hängen jetzt Fotos aus der alten Zeit. Sie kennt viele der Leute darauf noch aus ihren Kindertagen. Wie viele Geschichten sie erzählen könnte. Doch niemand will sie hören. Die Jugend interessiert sich nicht dafür. Die hat ganz andere Dinge im Kopf.
Anders Rena. Ihr Anruf heute Morgen ließ Margits Blutdruck nach oben schnellen. Ihr Herz hüpfte beschwingt in der Aussicht, dass jemand sie braucht, dass ihr Wissen gefragt ist.
Als sie aus dem Hühnerstall kam, die Eiermetze in der Hand, hörte sie das Telefon klingeln. Die Holzpantoffeln an den Füßen eilte sie die Stufen zur Veranda hinauf.
Sie überlegte nicht lange, ergriff den Schlüssel vom Dorfmuseum und schickte sich an, hinüber zu gehen, in der alten Kittelschürze, an der Hühnerflaum baumelte. Nicht einmal das Kopftuch nahm sie ab. Sie wankte auf Holzpantoffeln eilig nach dem Gemeindehaus, den holprigen Sandweg hinter der Scheune entlang. Wer sollte ihr dort begegnen, beschwichtigte sie ihr Gewissen.
„Ist da jemand?“
Die Alte erschrickt, sieht an ihrer Kleidung hinab.
„Ach du meine Güte, wie ich aussehe!“ murmelt sie.
„Ja, hier!“
Margits Stimme verrät ihren Unmut über ungebetenen Besuch.
Eine große blonde Frau schiebt das Gesicht durch die Tür, drückt sacht den Bretterverschlag in den Raum. Mit eingezogenem Kopf tritt sie in die winzige dämmrige Kammer.
„Ach, du nur!“, nuschelt die Alte, ohne aufzusehen. „Wollte schnell mal rüber gehen, weil Rena angerufen hat. Sehen, was ich finde.“
„Rena?“
Der Name kommt Katja Wellmer mit leichtem Spott über die Lippen.
„Da hängt doch das Bild“, murmelt Margit, „das muss von Renas Urgroßeltern sein, vor ihrem Haus.“
„Ach, das haben wir auch! Liegt auf dem Boden in den alten Kisten. Von Oma Käthe existieren unheimlich viele alte Unterlagen. Fotos, Alben, Briefe. Wenn ich die mal gesichtet habe, kann ich damit auch ein Museum einrichten.“
Die junge Frau verzieht ihr Gesicht zu einem abfälligen Lächeln.
Margit schweigt. Schielt nach der Schublade, in der sie das Bündel Briefe verstaut hat. Weil die Lade klemmte, konnte man sie nicht schließen.
„Was die damit will“, spöttelt die blonde Frau weiter.
„Hat mich auch gefragt. Für solche Faxen habe ich keine Zeit. Hab genug mit der Wirtschaft zu tun.“
Margit hört zu. Ihre Augen wandern durch den Raum, gleiten über das niedrige Regal, auf dem Töpfe und altes Geschirr stehen und Fotoalben übereinandergestapelt liegen.
„Rena will herkommen, nach Temmendorf“, sagt sie, „aber sie haben da schon Schnee. Sie wohnt ja fast im Gebirge.“
„Will sich wohl ihr altes Haus ansehen?“
Kaum hörbar murmelt sie die Worte, doch Margit horcht auf. Schüttelt den Kopf.
Katja blickt sich weiter um. Fröstelt. Die Kälte kriecht von unten herauf. In der Ecke entdeckt sie einen schmiedeeisernen Ofen.
„Die hat sich Jahrzehnte nicht um Temmendorf gekümmert. Ich frag mich, was das jetzt soll.“
Margit wischt mit der Hand über eine hölzerne Tischplatte und schiebt eine dicke Staubschicht vor sich her.
„Bist du zufällig hier oder wolltest du zu mir?“, fragt sie wie nebenbei die Jüngere und sieht einen kurzen Moment in Katjas genervtes Gesicht.
„Hab geklingelt bei euch. Wollte Hanno fragen nach dem Trecker. Hat aber niemand aufgemacht. Da wollte ich noch schnell auf den Friedhof. Im Vorbeigehen sah ich, dass die Fensterläden offen stehen.“
„Die jungen Leute sind arbeiten“, brummelt Margit vor sich hin und ist wieder am Suchen.
Ihre Augen bleiben hängen an dem Stapel Briefe in der halb geöffneten Schublade.
„Was ist das?“, will Katja jetzt wissen. Ihre Neugier ist erwacht.
„Ach, nichts weiter“, erwidert Margit hastig, und stellt sich schützend vor die niedrige Kommode.
„Pass auf, dass du nicht einstaubst in dem alten Müll!“
Schon im Gehen wirft die Jüngere der Alten diese spöttischen Worte zu. Mit eingezogenem Kopf verlässt sie die Stube.
„Und sag deinem Sohn, ich komme abends noch mal vorbei“, ruft sie von draußen.
Die Haustür fällt krachend ins Schloss.
Margit atmet tief durch. Zieht einen Stuhl heran und sinkt auf einem fein bestickten weißen Leinenkissen nieder. Der Auftritt von Katja hat sie Kraft gekostet. Ihr Herz schlägt wie wild. Die Luft wird knapp. Sie öffnet den obersten Blusenknopf, atmet tief ein und langsam aus, so wie die Physiotherapeutin es mit ihr geübt hat.
Nein. Dieser Person wird sie das Geheimnis nicht anvertrauen.
Ihr Blick fällt auf die Standuhr, deren vergoldetes Pendel still steht. Wie lange hat sie die nicht mehr aufgezogen? Margit erhebt sich, stützt sich dabei mit den Händen ab. Immer noch spürt sie das Zittern in ihren Gliedern. Sachte setzt sie einen Fuß vor den anderen, die Holzpantoffeln schlurfen leise über die Dielen. Ihre faltigen Hände streichen über die Verglasung der Uhr. Sie dreht den Verschluss und öffnet die Scheibe. Die bebende Hand hat Mühe, das Gewicht zu fassen, es nach unten zu ziehen.
Margit horcht. Und lächelt. Langsam setzt sich das Pendel in Bewegung, begleitet von einem leisen Ticken.
Noch einmal tritt sie an das niedrige Schränkchen, dessen eichene Türen feine Intarsienarbeiten zieren. Mit beiden Händen fasst sie nach dem Bündel Briefe. Horcht nach draußen. Aber nur das Ticken der Uhr fällt in die Stille des Raumes. Erlöst klemmt Margit die wertvolle Fracht unter ihren Arm.
Kühler Wind streift über ihr Gesicht, über die Linien, die ihre gealterte Schönheit zeichnen. Noch immer strahlt es die entschlossene Stärke des jungen Mädchens von einst aus. In der Jugend war sie eines der schönsten im Dorf. Und noch heute, etliche Jahre nach dem Tod ihres Mannes, gibt es einen, der sie anruft, nach ihr fragt und dessen Worte regelmäßig eine Röte in ihr Gesicht zaubern. Die zum Glück niemand sehen kann.
Margit streicht eine Haarsträhne, die der Wind in ihre Augen bläst, unter das Kopftuch zurück, verschließt das kleine Museum und schlappt mit den Holzpantinen die wenigen Schritte hinüber zu ihrem Hof.
Da wäscht sie den Staub von den Händen, bindet das Kopftuch ab, aus dessen dunkelgrün gemustertem Wollstoff sie etliche Batzen Federflaum zupft. Im Waschhaus hängt sie ihre Kittelschürze am Kleiderhaken auf und steigt über die gefliesten Stufen in ihre Wohnung.
Der Wasserkocher blubbert. Margit hält den gewohnten Teepott schon in der Hand, als sie zögert und doch nach der Goldrandtasse in der Vitrine greift. Wenig später lehnt sie im Sessel neben der Stehlampe, deren Licht auf vergilbtes Papier fällt. Den Brief in der Hand, beginnt sie, die Worte zu entziffern. Zeile für Zeile ist darin sorgfältig in altdeutschem Sütterlin geschrieben.
Sie liest. Ihr Blick weicht keinen Augenblick von den Buchstaben, während sie ununterbrochen mit dem Löffel den Tee rührt. Hell tönt das Klingen in der Tasse voll dampfenden goldgelben Tees. Der duftet nach Pfefferminze aus Margits Garten.
Dessau in Sachsen/Anhalt am 17. August 1924
Meine liebe Berta!
Ich versprach, Dir zu schreiben.
Es tut mir herzlich leid, dass mein Bemühen, Dich mit einem unverhofften Besuch zu überraschen, erfolglos bleiben musste. Ich konnte nicht ahnen, welches Leid Euch betroffen hatte.
Noch immer bewege ich in meinem Herzen die Taufe der kleinen Irene.
Meine große Hochachtung gebührt meiner alten Freundin Anna und ihrem Ehemann Richard. Gefasst, dass ihnen auch dieses winzige Menschenkind wieder genommen wird, klammern sie sich an jeden Hoffnungsstrahl.
Ich habe keinen schlüssigen Beweis dafür, aber ich bin gewiss, dass Irene leben wird.
Vor meinen Augen sehe ich noch immer die verwunderten, ja entsetzten Gesichter mancher Leute, die sich umblickten, als Ihr so unverhofft in den Kirchenraum getreten seid. Du voran, das winzige Bündel auf Deinen Armen, danach Anna, schmal und sehr blass, von ihrem Ehemann Richard gestützt. Keiner war auf eine Taufe vorbereitet. Nur ich hatte von Deiner werten Mutter erfahren, dass Anna niedergekommen sei. Ein Mädchen, das lebt. Aber von Krämpfen geschüttelt wird und schon blaugefärbt sei, so dass die Hebamme geraten habe, es wenigstens taufen zu lassen.
Als Ihr mit dem Kind vorn am Taufstein standet, der Pfarrer mit sehr ernstem Gesicht den Segen sprach und das Wasser über das kleine Mädchen laufen ließ, das ganz still lag, zu still, da überkam mich das Gebet.
Fürchtend, es könne schon zu spät sein, voller Angst, dass das Kind schon tot sei, schrie ich aus tiefstem Herzen zu Gott. Als ich wieder aufschaute, Du hattest die Kleine wieder auf dem Arm und drücktest das Bündel an Deine Brust, der Pastor breitete gerade seine Hände über die Eltern und die Kleine aus, da traf auf einmal ein Lichtstrahl das Kind. Ein einziger Sonnenstrahl schien mitten hinein in das Bündel.
Ich erschrak, schaute mich um, sah hinauf zum Kirchenfenster, von woher er gekommen sein musste. Da schien wohl die Sonne, doch woher ein einzelner Strahl kam, blieb mir rätselhaft. Als hätte jemand ihn mit einem Brennglas gebündelt. Aber wie sollte das geschehen? Wie sollte jemand an die weit oben eingebauten Kirchenfenster gelangt sein?
Meine liebe Berta, ich muss Dir schreiben über dies wunderliche Geschehen, was mein Herz so sehr bewegt.
Darum bitte ich Dich herzlich, mir regelmäßig Auskunft zu geben über das Ergehen der kleinen Irene, für die ich jeden Tag zu Gott bete.
Sei nochmals herzlich bedankt dafür, dass Du Heinrich hast anspannen lassen, so habe ich den Fünfuhr-Zug noch erreicht und war gegen acht daheim.
Mein Johann, der mich gerne begleitet hätte, ist durch dienstliche Pflichten für dieses Mal leider verhindert gewesen. Ich erzählte Dir schon davon, dass wir beabsichtigen zu heiraten. Bei meinem nächsten Besuch wird er an meiner Seite sein und Du wirst ihn endlich kennenlernen können.
Für heute richte ich Dir hochachtungsvollste Grüße von ihm aus.
Ich umarme Dich in Liebe
Deine Magdalena
Marienburg, Dezember 2017 – Das Büchlein
Hinter dicken Lexika verborgen fand ich das Büchlein.
Alt und abgegriffen, schmal gehaltenes A6 Format. Dunkelbrauner Kunstledereinband. In den Buchrücken, der anfängt, sich vom darunter geklebten Leinenband zu lösen, sind quadratische Ornamente geprägt. Dazwischen der Titel: „Evangelisches Kirchengesangbuch“. Der Kirche gehörte ich schon vor dem ersten Wohnungswechsel nicht mehr an.
Mich wundert, dass dieses Büchlein es geschafft hat, in fünfundvierzig Jahren, bei vier Umzügen nicht aussortiert zu werden. Wie einen Schatz halte ich es in meinen Händen. Als könnte ich darin die vergangene Zeit finden. Liebevoll gleiten meine Finger über den rauen Buchdeckel.
Abgegriffen sind manche Seiten. Andere kaum benutzt. Ich blättere durch das feine, vergilbte Papier. Es riecht seltsam, als hätten die Jahre ihre Spuren darauf gelegt. Der alte Geruch lädt mich ein in die Kindheit, in das Haus, das ich seit Jahrzehnten nicht mehr betreten habe.
Mein Herz hämmert bis zum Hals. Wie alt mag ich gewesen sein, als ich das Büchlein zum ersten Mal in meiner Hand hielt? Auf dem Konfirmationsfoto trug ich ein dunkles Samtkleid, die langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Im Arm hielt ich einen Strauß weißer Levkojen und ein Buch. War es dieses?
Auf der zweiten Seite finde ich meinen Namen. Geschrieben mit breiter Feder in dunkelblauer Tinte, ein Buchstabe sorgfältig an den anderen gesetzt. Aufrecht, weder nach rechts noch nach links geneigt. Die Handschrift meiner Mutter.
Ich atme tief. Blättere weiter. Finde manches vertraute Lied. Wie aus unendlicher Ferne klingt Orgelmusik in meinen Ohren, Orgelklang aus dem Kirchlein von Temmendorf. Ein roter Backsteinbau. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet an Stelle der alten Holzkirche aus dem Mittelalter, in der Martin Luther gepredigt haben soll.
Sonntagvormittag warteten Mutter und ich, angezogen für den Kirchgang, in unserer Veranda. Mutter lehnte in einem Korbsessel und genoss den Anblick ihrer Blumenfenster. Kakteen reckten ihre fleischigen Arme voller roter Blütenkelche an den Scheiben empor. Dazwischen schmiegten sich unzählige weiße Blütenkörbchen einer Wachsblume.
Beim ersten Geläut der Kirchenglocken machten wir uns auf den Weg. Im Gegensatz zu den Bauerngehöften, die sich in offenem Kreis um die Kirche drängten, lag unser Haus abseits. Nur Elsa von der Mühle draußen am Wald musste noch weiter laufen als wir.
Mit den zunehmenden Jahren dauerte der Weg länger. Mutter hielt während des Gehens häufiger an. Sie bekam keine Luft. Dann standen wir beide auf der Dorfstraße. Besorgt suchten meine Augen ihr Gesicht, schauten nach der Farbe ihrer Lippen. Ich war erleichtert, wenn ein rötlicher Schimmer darauf lag. Manchmal waren ihre Lippen fast dunkelblau.
Das Kirchgesangbuch in der Hand liefen wir über das Kopfsteinpflaster der von Lindenbäumen gesäumten Dorfstraße bis zur Kreuzung, um den Dorfteich rechts herum und hinüber zur Kirche.
Wenn wir die beiden Steinstufen hinaufstiegen und durch das Portal traten, hatte das Glockengeläut meist schon aufgehört.
Das Büchlein, das ich jetzt in der Hand halte, lag während des Gottesdienstes in der Kirchenbank zwischen mir und Mutter. Lag in unserem Haus, das ich seit Jahrzehnten nicht mehr betreten habe, in der Wohnstube oder in meinem Zimmer unterm Dach.
Ich liebte es, wenn die Orgel spielte, und sang gern. Mutters klarer Sopran erhob sich und füllte das hohe Kirchenschiff wie keine andere Stimme. Ich erinnere mich nicht, dass ihre Atemnot sie jemals gehindert hatte, zu singen. Es schien, als sei sie nirgendwo so frei gewesen wie während der Gottesdienste in der Temmendorfer Dorfkirche.
Für diese galten zur Zeit meiner Kindheit klare Regeln. Jeder Familie war eine Bankreihe zugewiesen. Großbauer Schulze saß ganz vorn. Das weiß ich noch. Unsere Bank war die vorletzte, schon unter der Empore, auf der die Orgel stand.
Die Dorfkinder wechselten sich ab, das Gebläse für die Orgel zu bedienen. Ein meterlanger Holzschwengel an der Seite musste hoch und runter gedrückt werden. So gelangte die benötigte Luft in die Pfeifen.
Das sei schon immer so gewesen, sagte Mutter. Gespannt hörte ich zu, wenn sie aus ihrer Kinderzeit erzählte.
Sie sei gern zur Schule gegangen. Der Lehrer habe sie öfter ausgewählt, Texte vorzutragen. Alle Aufsätze und Gedichte, die sie schrieb, gingen leider beim Verlassen von Temmendorf verloren.
Sie hätte nicht Bäuerin werden sollen, sagte sie manchmal mit leichter Wehmut, wenn Herzbeschwerden sie auf das Sofa in die Stube zwangen. Einen Beruf hätte sie gerne gelernt. Wenn sie davon sprach, leuchteten ihre Augen.
Der Großvater habe sogar zugestimmt. Doch dann sei der Krieg gekommen. Der große Bruder Hermann wurde an die Front eingezogen. Der jüngeren, körperlich versehrten Schwester blieb keine Wahl. Ihr Platz war im Hof, wo zwanzig Hektar Land bewirtschaftet und in Ställen Kühe, Schweine und allerlei Federvieh versorgt werden mussten.
Sie blieb daheim und unterstützte die Eltern.
Aufgrund ihrer Behinderung hätte sie nie schwer arbeiten dürfen.
Nach der Geburt des Bruders, der fünf Jahre älter als Mutter war, hatte Großmutter drei Kinder verloren. Die Freude über die kleine Tochter, die lebte, war riesengroß. Sie währte jedoch nur kurz. Das Neugeborene wurde von Krämpfen geschüttelt. Man fürchtete, auch dieses Mädchen wieder hergeben zu müssen. Das Kind, mehr tot als lebendig, kämpfte beharrlich und schaffte es, am Leben zu bleiben.
Schon in früher Kindheit wuchs dem Mädchen ein Buckel. Auf einem Foto hing eine Schulter der etwa Vierjährigen deutlich herab, während die andere nach oben gezogen schien. Als Mutter acht Jahre alt war, ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Nach ihrer Philosophie galten behinderte Menschen als minderwertig. Mein Großvater, der Bürgermeister von Temmendorf und Vorsteher der Ortsparteigruppe war, musste diese Haltung offiziell vertreten. Großmutter beauftragte eine Schneiderin, Kinderkleider zu nähen, die Mutters Makel verbargen.
Im Juni 1944 fiel Mutters Bruder in Weißrussland. Ihr Traum, einen Beruf zu erlernen, zerbrach damit endgültig.
Sie fügte sich in ihr Schicksal und führte die elterliche Wirtschaft weiter. Den passenden Mann dafür fand sie später in meinem Vater. Der hatte in einem Landratsamt den Beruf des Verwaltungsangestellten erlernt, und, so erzählte eine alte Temmendorferin, eher ein Auge auf das Bürgermeisteramt meines Großvaters als auf dessen Tochter geworfen.
Ich blättere weiter durch das Gesangbuch. Manche Seiten fallen von selbst auseinander. Dort finde ich meine Lieblingslieder. Bilder von Hochzeiten in der Kirche laufen vor meinem inneren Auge ab.
Feierlicher Orgelklang zum Gesang der Gemeinde. Dann schritt das Brautpaar den Mittelgang entlang, an den Familienbänken vorüber, die jetzt den Hochzeitsgästen vorbehalten blieben. Wir Temmendorfer stiegen die schmale Wendeltreppe hinauf und quetschten uns auf die Empore.
Mein Vater hielt nichts von Gott. Er wurde selten in der Kirche gesehen. Ich erinnere mich an seine abfälligen Bemerkungen, wenn Mutter und ich sonntags zum Gottesdienst gingen.
Einmal noch betrat er die Kirche. Es war ein Montag im Januar, ein milder Wintertag. Der Tag von Mutters Beerdigung. Das Bestattungsunternehmen hatte Mutter in der Kirche aufgebahrt. Vater nahm mich und meinen jüngeren Bruder und wir liefen dort hin.
Wir standen vor dem offenen Sarg. In einem schwarzen Kleid lag Mutter darin, als schliefe sie.
Schön sah sie aus. Entspannte Gesichtszüge wie ich sie lange nicht mehr an ihr gefunden hatte. Neben ihrem Gesicht kniete ich nieder auf die kalten Steinstufen am Altar. Ich streichelte ihre Wangen. Hauchte zum letzten Mal einen Kuss auf die weißgelbe Haut. Der Schmerz zog mir das Herz zusammen.
Plötzlich schien es mir, als sei sie ganz nahe. Als berührte sie mich aus einer anderen Dimension, liebevoll und frohgemut, während in dem Sarg vor mir ihr lebloser Körper lag.
